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Post-Quantum TLS auf Nginx: 15 Tage $ssl_curve ausgewertet, wer macht mit?

Post-Quantum TLS auf Nginx – Auswertung der Key-Exchange-Gruppen (X25519MLKEM768 vs. klassisch)

Vor einigen Wochen habe ich Nginx hier auf X25519MLKEM768 umgestellt und den Weg dorthin in einem eigenen Beitrag dokumentiert: Post-Quantum TLS für Nginx auf FreeBSD 15. Am Ende des Beitrags stand ein kleines Versprechen. Ich erweitere das Logging um die ausgehandelte Key-Exchange-Gruppe, lasse das ein paar Wochen laufen und werte dann aus, wer was tatsächlich spricht. Das ist jetzt eingelöst.

Der Messaufbau, in zwei Zeilen

Nginx kennt die Variable $ssl_curve. Die ist seit Ewigkeiten verfügbar und liefert pro Verbindung zurück, welche Kurve bzw. Gruppe beim TLS-Handshake benutzt wurde. Also X25519MLKEM768, X25519, secp384r1, prime256v1 und so weiter. Im Log-Format einfach nach $ssl_cipher eingehängt, einen Reload in den Nginx geschickt, fertig.

log_format goa_ext
  '$remote_addr - $remote_user [$time_local] '
  '"$request" $status $body_bytes_sent '
  '"$http_referer" "$http_user_agent" '
  '$host $server_protocol $scheme '
  '$request_time $upstream_response_time $upstream_status $upstream_addr '
  '$ssl_protocol $ssl_cipher $ssl_curve $upstream_cache_status';

Nach rund 15 Tagen liegen grob 180.000 HTTPS-Handshakes im Log, verteilt über alles, was so an HTTPS-Clients vorbeikommt. Das ist genug Masse, um ein paar belastbare Muster zu sehen, ohne dass einzelne Ausreißer das Gesamtbild kippen. Exakte Besucherzahlen werde ich in diesem Beitrag bewusst nicht auflisten, das ist auch nicht das Thema. Mich interessiert die relative Verteilung. Wer macht PQ, wer macht es nicht?

Die eine Zahl vorweg

Über alle HTTPS-Verbindungen (Browser, Bots, Crawler, Monitore, alles) sieht die Verteilung der Kurven so aus:

X25519MLKEM768   57,0 %   <- Post-Quantum-Hybrid
X25519           40,0 %   <- klassisches TLS 1.3
secp384r1         2,2 %   <- meist TLS 1.2
prime256v1        0,8 %   <- meist TLS 1.2

Klingt erstmal ordentlich. 57 % PQ über das komplette Gemisch, 98 % TLS 1.3, lediglich 2 % TLS 1.2. Aber in dieser Zahl stecken ein paar Dinge versteckt drin, die man erst sieht, sobald man die User-Agents grob auseinandersortiert. Ich habe das in ein paar Kübel geworfen: Browser, AI-Crawler, klassische Suchmaschinen, SEO-Spider, Fediverse-Software, RSS-Reader, Monitore und CLI-Tools. Nicht perfekt, aber brauchbar.

Browser, die Post-Quantum-Avantgarde

Bei echten Browsern (Chrome, Firefox, Safari, Edge) sieht es deutlich freundlicher aus. Zusammengenommen sprechen rund 77 % der Browser-Verbindungen bereits MLKEM768. Aufgeschlüsselt:

Firefox    87 % PQ   <- klarer Champion
Safari     75 % PQ
Edge       73 % PQ
Chrome     72 % PQ
Opera       2 % PQ   <- haengt seltsam weit hinten

Firefox liegt erkennbar vorn. Nicht weltbewegend weit, aber deutlich. Mozilla hat MLKEM768 früh aktiviert und nutzt standardmäßig die Hybrid-Gruppe, wenn der Server sie anbietet. Chrome hängt etwas hinter den anderen und ich vermute, das liegt an den ganzen älteren Chrome-Builds, die in Embedded-Devices, WebViews und seltsamen Apps stecken und auch als Chrome im User-Agent stehen. Opera dagegen nimmt fast immer nur klassisches X25519. Keine Ahnung warum, schaue ich mir vielleicht mal gesondert an.

Das Schöne daran ist: Ich habe für diese 77 % exakt nichts getan außer die Nginx-Konfiguration anzupassen. Kein Opt-in, kein Banner, keine Weiche. X25519MLKEM768 steht ganz oben in ssl_ecdh_curve und wird genommen, wenn der Client es kann. Der Rest ist reines Client-Upgrade-Verhalten. Das ist eigentlich die schönste Erkenntnis aus der ganzen Auswertung. Wenn die Serverseite rechtzeitig aktualisiert wird, zieht die Clientseite fast geräuschlos nach.

AI-Crawler, flächendeckend bei null

Jetzt kommt der Teil, den ich so nicht erwartet hätte. Die großen AI-Crawler holen sich hier regelmäßig Inhalte ab (siehe auch von SEO zu AEO: llms.txt und llms-full.txt), der TLS-Stack dahinter ist bei praktisch allen auf dem Stand von vor zwei Jahren:

OpenAI GPTBot             0 % PQ    -> X25519
Anthropic ClaudeBot       0 % PQ    -> X25519
Meta AI (ExternalAgent)   0 % PQ    -> X25519
PerplexityBot             0 % PQ    -> X25519
ChatGPT-User              0 % PQ    -> X25519
OpenAI SearchBot          0 % PQ    -> X25519
GoogleOther               0 % PQ    -> X25519
Amazonbot                 0 % PQ    -> TLS 1.2 + secp384r1

Amazon ist nochmal ein eigenes Kapitel. Amazonbot kommt hier ausschließlich mit TLS 1.2 und secp384r1. Das ist ein TLS-Stack, den ich persönlich bei einem Unternehmen, das Cloud-Sicherheit verkauft, nicht mehr erwartet hätte. Aber Messungen lügen nicht.

Zwei echte Ausnahmen gibt es:

ByteDance Bytespider     91 % PQ   <- ueberraschend
DuckAssistBot           100 % PQ   <- auch ueberraschend

Auf diese zwei hätte ich nicht gesetzt. TikToks Crawler macht zu über 90 % PQ, DuckDuckGos AI-Helper zu 100 %. Wer hätte das gedacht.

Klassische Suchmaschinen, auch nicht besser

Bei den traditionellen Suchmaschinen ist das Bild fast identisch zum AI-Lager:

Googlebot       0 % PQ
Applebot        0 % PQ
PetalBot        0 % PQ
Baiduspider     0 % PQ
SeznamBot       0 % PQ
Qwant           0 % PQ
YandexBot       1 % PQ
Bingbot         0 % PQ und zu 99,6 % auf TLS 1.2 + secp384r1
DuckDuckBot    84 % PQ   <- der einzige helle Fleck

Besonders bitter: Bingbot. Der läuft hier praktisch ausschließlich auf TLS 1.2 mit secp384r1. Microsofts Produktions-Webcrawler, 2026, mit einem TLS-Stack, den Webauditoren seit Jahren rot anstreichen. Googlebot ist immerhin auf TLS 1.3, aber halt ohne PQ. Der einzige, der fürs Thema etwas tut, ist DuckDuckBot. Respekt dafür.

SEO-Spider, am weitesten hinten

Der traurigste Haufen. AhrefsBot, SemrushBot, MJ12bot, DotBot, Barkrowler, DataForSeoBot, SeekportBot, Vebidoobot, alle zwischen 0 % und 3 % PQ. Vebidoobot kommt komplett auf TLS 1.2 rein. Das sind kommerzielle Produkte, die von Seitenbetreibern dafür bezahlt werden, Webseiten zu analysieren und Empfehlungen auszusprechen. Analysieren tun sie mit einem TLS-Stack, den sie ihren eigenen Kunden vermutlich als kritischen Finding in den Bericht schreiben würden. Kurios.

Fediverse, alles drin je nach Codebase

Seit dem Anschluss ans Fediverse ist das hier die zweitgrößte Traffic-Quelle nach den Browsern, deshalb habe ich mir das extra angeschaut. Mastodon stellt davon den Löwenanteil, weil es schlicht die meisten Instanzen gibt:

Mastodon                  62 % PQ
snac / GoToSocial /
  Friendica / Hubzilla    73 % PQ   <- Go/C-basiert
Misskey / Sharkey / ...   34 % PQ
Akkoma                     0 % PQ
Pleroma                    0 % PQ

Bei Mastodon gibt es eine große Varianz zwischen den Instanzen, weil die Ruby- und OpenSSL-Version des jeweiligen Server-Hosts entscheidet, ob PQ geht. Aktuelle Distribution mit OpenSSL 3.5 oder neuer: dabei. Noch auf OpenSSL 3.0 festhängend: nicht dabei. Der Schnitt liegt bei 62 %, was für ein so diverses Ökosystem schon erstaunlich ordentlich ist.

snac und GoToSocial liegen deutlich höher, weil sie in Go beziehungsweise C geschrieben sind und moderne TLS-Stacks mitbringen. Akkoma und Pleroma (beide Elixir/Erlang) zeigen dagegen gar keine PQ-Adoption. Das hängt an der OpenSSL-Version, die die BEAM-VM dort nutzt. Misskey und die ganzen Forks dazwischen liegen bei rund einem Drittel.

RSS-Reader, unerwartet modern

Hätte ich vorher schätzen sollen, hätte ich RSS-Reader eher am Ende dieser Liste verortet. Alte Technologie, alte Software, wahrscheinlich alter TLS-Stack. Stimmt aber nicht:

Miniflux              100 % PQ   <- Go-basiert
FreshRSS               82 % PQ
NextCloud-News         81 % PQ   <- zahlenmaessig vorn
Tiny Tiny RSS          37 % PQ
Inoreader               0 % PQ
Feedly                  0 % PQ   <- haengt auch hinten

Miniflux macht 100 % PQ, weil es in Go geschrieben ist und ab Go 1.24 MLKEM768 standardmäßig im TLS-Stack sitzt. FreshRSS und NextCloud-News laufen meist auf aktuellen PHP/curl-Umgebungen und ziehen MLKEM darüber mit. Feedly als kommerzieller Anbieter: 0 %. Also genau das Gegenteil dessen, was ich erwartet hätte. Self-Hosted ist hier eindeutig moderner unterwegs als die SaaS-Variante.

CLI-Werkzeuge und Kuriositäten

go-http-client     93 % PQ   <- Go 1.24+
curl               30 % PQ   <- je nach OpenSSL-Build
python-requests    16 % PQ
Node (axios)       61 % PQ
okhttp              0 % PQ
wget                0 % PQ
Twitterbot         97 % PQ   <- unerwartet weit vorn

Das Muster ist eigentlich immer dasselbe. Der TLS-Stack der Laufzeitumgebung entscheidet. Go ≥ 1.24 macht es automatisch, moderne Node-Versionen bringen einen aktuellen OpenSSL mit, Python und curl hängen an der Distribution. okhttp auf Android und wget: Fehlanzeige.

Kleiner Spaß am Rande. Twitterbot ist zu 97 % auf MLKEM. Also ausgerechnet der Link-Preview-Crawler von X/Twitter ist moderner unterwegs als alle anderen Social-Preview-Bots zusammen. WhatsApp: 4 %, Discord: 0 %, LinkedIn ist kaum vertreten. Warum Twitter? Keine Ahnung. Vermutlich ein moderner Go-Client unter der Haube.

TLS 1.2, wer hängt noch ganz unten?

2 % des Traffics kommen komplett mit TLS 1.2, also ohne jede Chance auf PQ. Die Top-Kandidaten sind:

vebidoobot (SEO-Spider)
Amazonbot
DotBot, MJ12bot (SEO)
theoldreader.com (RSS-SaaS)
http.rb/Mastodon auf aelteren Instanzen
ein paar vereinzelte Alt-Browser und Skype-Link-Previews

Also fast ausschließlich kommerzielle Crawler, deren TLS-Library vor der ganzen 1.3-Welle kompiliert wurde, und ein paar ältere Mastodon-Instanzen. Reale Leser sind so gut wie nicht betroffen. Wer heute einen Feed-Reader mit TLS 1.2 nutzt, hat vermutlich andere Probleme zuerst zu lösen.

Gibt es einen Trend in den 15 Tagen?

Nicht wirklich. Der PQ-Anteil pro Tag schwankt zwischen 46 % und 65 %, je nach Traffic-Mix (mehr Browser an Wochentagen, mehr Crawler nachts und am Wochenende). Einen klaren Aufwärts- oder Abwärtstrend gibt es nicht. Wir sind im Plateau. Die Browser haben den Sprung gemacht, der Rest der Welt noch nicht. Der nächste Sprung kommt, wenn die großen Crawler-Betreiber ihre Go-, Python- oder Node-Stacks aktualisieren oder OpenSSL 3.5+ in den gängigen Distributionen ankommt. Bei Debian Trixie, RHEL 10 und Ubuntu 26.04 sollte das passieren, dann reden wir in einem Jahr nochmal.

Was ich daraus mitnehme

  • Echte Besucher sind bei MLKEM768 schon sehr weit. Browser-Entwicklung funktioniert erstaunlich gut.
  • AI- und SEO-Crawler sind deutlich hinter dem, was man erwarten würde. Cutting Edge in der Marketing-Abteilung, Uralt-Stack im Maschinenraum.
  • Fediverse-Software ist so divers wie ihre Codebasen. Bei Mastodon entscheidet die Instanz, nicht die Software.
  • RSS-Reader sind unerwartet modern unterwegs. Self-Hosted schlägt SaaS auch hier.
  • Am Ende hängt fast alles an der OpenSSL-Version unter der Anwendung. Wieder mal.
  • Bingbot auf TLS 1.2 ist 2026 trotzdem noch bemerkenswert.

Was mich am meisten gefreut hat: Ich habe keinerlei Reibungsverluste gesehen. Kein Client ist wegen PQ gestolpert, keine Verbindung ist fehlgeschlagen, die vorher funktioniert hätte. Der Handshake wählt einfach die beste gemeinsame Gruppe und gut ist. Deshalb nochmal der Appell an alle, die den Einstellungs-Beitrag noch vor sich haben: Das ist wirklich ein Zweizeiler. Macht es einfach.

Nächster Check in ein paar Monaten

Ich lasse das Logging weiterlaufen und schaue in ein paar Monaten nochmal rein. Was mich besonders interessiert:

  • Wann machen OpenAI, Anthropic und Meta ihren Crawler modern? Bleibt das auf Jahre bei 0 % PQ, oder kommt da plötzlich ein Sprung?
  • Schafft es OpenSSL 3.5 in die nächsten Long-Term-Release-Linuxe, und wie schnell ziehen Mastodon-Instanzen nach?
  • Springt Googlebot irgendwann auf PQ um? Bisher nein. Wenn das kommt, dürfte das unmittelbar sichtbar sein.
  • Kommt TLS 1.3 für Amazonbot? Zumindest das wäre ein Anfang.

Siehe auch

Wie immer: Bei Fragen, fragen.

Post-Quantum TLS für Nginx — X25519MLKEM768 auf FreeBSD 15 konfigurieren

Nachdem ich zuerst OpenSSH und dann Postfix und Dovecot mit Post-Quantum-Kryptografie ausgestattet habe, kamen einige Rückfragen: Wie sieht das eigentlich für Nginx aus? Kann man das auf dem Webserver genauso einfach aktivieren? Kurze Antwort: Ja. Noch kürzer sogar als bei E-Mail.

Nginx TLS-Konfiguration mit Post-Quantum-Key-Exchange X25519MLKEM768 für HTTPS.

Spannend finde ich dabei, dass ausgerechnet der Webserver die meisten Nachfragen erzeugt hat. SSH und E-Mail laufen hier längst mit X25519MLKEM768, aber die Leser wollten vor allem wissen, wie das für HTTPS geht. Vermutlich weil jeder eine Webseite hat, aber nicht jeder seinen eigenen Mailserver betreibt?! Es kommt ja immer darauf an, was man macht und welche Daten man übermittelt. Aber SSH oder E-Mail würde mich selbst nervöser machen als normales surfen. Wobei…. Ich melde mich ja auch an, hm. OK, immer MFA. Na, eine normale E-Mail ist ja schon immer eine Postkarte, wenn man keine zusätzliche Verschlüsselung nutzt (was kaum jemand macht).

Worum geht es?

Wer die Vorgeschichte noch nicht kennt: X25519MLKEM768 ist ein hybrider Schlüsselaustausch, der klassisches X25519 (Curve25519 ECDH) mit dem Post-Quantum-Algorithmus ML-KEM-768 kombiniert. Standardisiert vom NIST als FIPS 203. Der Vorteil des hybriden Ansatzes: Selbst wenn sich ML-KEM irgendwann als unsicher herausstellt, bleibt X25519 als Absicherung. Und andersherum genauso.

Das „Store now, decrypt later“ Szenario kennt ihr vielleicht schon aus den anderen Beiträgen. Jemand schneidet heute euren TLS-verschlüsselten Datenverkehr mit und entschlüsselt ihn in ein paar Jahren mit einem Quantencomputer. Bei HTTPS betrifft das alles, was über die Leitung geht: Formulardaten, Login-Credentials, API-Aufrufe, Session-Cookies. Ob das in der Praxis relevant ist? Kommt auf euer Bedrohungsmodell an. Aber der Aufwand für die Absicherung ist so gering, dass es keinen Grund gibt, es nicht zu tun.

Es hängt an OpenSSL, nicht an Nginx

Das ist eigentlich die zentrale Erkenntnis aus allen drei Beiträgen: Ob PQC funktioniert oder nicht, entscheidet fast ausschließlich die OpenSSL-Version. Nginx, Postfix, Dovecot, OpenSSH, sie alle delegieren den Schlüsselaustausch an OpenSSL (oder LibreSSL, BoringSSL, je nach System). Die Anwendung selbst muss lediglich die gewünschte Gruppe konfigurieren können. Und das können alle genannten Programme seit Jahren.

Konkret braucht ihr OpenSSL 3.5 oder neuer. Erst ab dieser Version ist ML-KEM nativ im Default-Provider enthalten, ohne externen OQS-Provider, ohne liboqs, ohne selbst kompilieren. FreeBSD 15 liefert das von Haus aus. Bei den meisten Linux-Distributionen sieht es Stand heute leider noch anders aus. Ubuntu 24.04 hat OpenSSL 3.0, Debian 12 hat 3.0, RHEL 9 hat 3.0. Für ein aktuelles OpenSSL müsst ihr dort entweder selbst bauen oder auf neuere Releases warten.

Voraussetzungen prüfen

Auf meinem FreeBSD 15:

$ openssl version
OpenSSL 3.5.4 30 Sep 2025 (Library: OpenSSL 3.5.4 30 Sep 2025)

Nginx muss natürlich gegen dieses OpenSSL gelinkt sein. Das prüft ihr so:

$ nginx -V 2>&1 | grep -oE 'OpenSSL [0-9]+\.[0-9]+\.[0-9]+'
OpenSSL 3.5.4

Und dann die entscheidende Frage: Kennt OpenSSL die Gruppe X25519MLKEM768?

$ openssl list -tls-groups | grep -i mlkem
  X25519MLKEM768
  SecP256r1MLKEM768
  SecP384r1MLKEM1024

Wenn X25519MLKEM768 in der Liste auftaucht, kann es losgehen.

Nginx konfigurieren

In Nginx heißt die relevante Direktive ssl_ecdh_curve. Der Name ist etwas irreführend, denn sie steuert nicht nur ECDH-Kurven, sondern alle Key-Exchange-Gruppen die OpenSSL kennt. Also auch hybride PQC-Gruppen.

Meine Konfiguration in der TLS-Defaults-Datei, die per include in alle vHosts eingebunden wird:

ssl_ecdh_curve  X25519MLKEM768:X25519:secp384r1:prime256v1;

Das war’s. Eine Zeile. X25519MLKEM768 steht als bevorzugte Gruppe ganz vorne. Dahinter folgen die klassischen Kurven als Fallback für Clients, die noch kein ML-KEM sprechen. Die Reihenfolge ist die Präferenz.

Wer die Direktive lieber pro vHost setzen möchte, statt global, kann das natürlich auch tun. Ich bevorzuge eine zentrale TLS-Datei, weil ich sonst bei jedem TLS-Update zwanzig Configs anfassen müsste.

Zusätzlich habe ich die TLS 1.3 Cipher Suites explizit gesetzt:

ssl_conf_command  Ciphersuites TLS_CHACHA20_POLY1305_SHA256:TLS_AES_256_GCM_SHA384:TLS_AES_128_GCM_SHA256;
ssl_conf_command  Options PrioritizeChaCha;

ChaCha20 als erste Wahl, weil es auf Clients ohne AES-NI (ältere Smartphones, ARM-Geräte) deutlich schneller ist. Auf Servern mit AES-NI ist der Unterschied minimal. PrioritizeChaCha sorgt dafür, dass der Server ChaCha20 bevorzugt, wenn der Client es an erster Stelle anbietet.

Die komplette TLS-Konfiguration sieht bei mir so aus:

# Protokolle
ssl_protocols              TLSv1.2 TLSv1.3;
ssl_prefer_server_ciphers  on;

# Key-Exchange-Gruppen (Reihenfolge = Präferenz)
ssl_ecdh_curve             X25519MLKEM768:X25519:secp384r1:prime256v1;

# TLS 1.3 Cipher Suites
ssl_conf_command           Ciphersuites TLS_CHACHA20_POLY1305_SHA256:TLS_AES_256_GCM_SHA384:TLS_AES_128_GCM_SHA256;
ssl_conf_command           Options PrioritizeChaCha;

# TLS 1.2 Cipher Suites (nur ECDSA, kein RSA)
ssl_ciphers                ECDHE-ECDSA-CHACHA20-POLY1305:ECDHE-ECDSA-AES256-GCM-SHA384:ECDHE-ECDSA-AES128-GCM-SHA256;

# Session Handling
ssl_session_cache          shared:SSL:50m;
ssl_session_timeout        1d;
ssl_session_tickets        off;

# OCSP Stapling
ssl_stapling               on;
ssl_stapling_verify        on;

# HSTS
add_header Strict-Transport-Security "max-age=63072000; includeSubDomains; preload" always;

Danach die Konfiguration testen und Nginx neu laden:

# nginx -t
nginx: the configuration file /usr/local/etc/nginx/nginx.conf syntax is ok
nginx: configuration file /usr/local/etc/nginx/nginx.conf test is successful
# service nginx reload

Überprüfen

Funktioniert es? Mit openssl s_client lässt sich das schnell prüfen:

$ openssl s_client -connect www.kernel-error.de:443 \
    -groups X25519MLKEM768 -brief </dev/null 2>&1 | grep -E 'Protocol|group|Cipher'
Protocol version: TLSv1.3
Ciphersuite: TLS_CHACHA20_POLY1305_SHA256
Negotiated TLS1.3 group: X25519MLKEM768

TLSv1.3 mit X25519MLKEM768. Läuft. Der hybride Post-Quantum-Schlüsselaustausch ist aktiv.

Und was passiert, wenn ein Client kein ML-KEM kann?

$ openssl s_client -connect www.kernel-error.de:443 \
    -groups X25519 -brief </dev/null 2>&1 | grep -E 'Protocol|group|Cipher'
Protocol version: TLSv1.3
Ciphersuite: TLS_CHACHA20_POLY1305_SHA256

Sauberer Fallback auf X25519. Kein Fehler, keine Unterbrechung. Der Client bekommt einfach die stärkste Gruppe, die beide Seiten gemeinsam haben.

Browser-Support

Das Schöne bei HTTPS im Vergleich zu E-Mail oder SSH: Die Browser haben Post-Quantum-Kryptografie teilweise schon vor den Servern implementiert. Chrome verwendet seit Version 124 (April 2024) X25519MLKEM768 als bevorzugte Gruppe. Firefox seit Version 124 ebenfalls. Safari seit macOS 15 Sequoia und iOS 18. Edge zieht mit Chrome mit.

Wenn ihr also Nginx mit X25519MLKEM768 konfiguriert, profitieren die meisten eurer Besucher sofort davon. Ohne dass sie irgendetwas tun müssen. Das ist bei SSH und E-Mail anders, da sind die Clients noch nicht so weit. Womit sich auch erklärt, warum das Thema bei Webservern mehr Aufmerksamkeit bekommt.

HTTP/3 und QUIC

Wer wie ich HTTP/3 (QUIC) aktiviert hat, bekommt PQC dort automatisch mit. QUIC verwendet TLS 1.3 als Transportverschlüsselung und nutzt dieselbe ssl_ecdh_curve Konfiguration. Kein zusätzlicher Konfigurationsaufwand.

listen [::]:443 quic reuseport;
listen 443 quic reuseport;

Wer QUIC noch nicht nutzt: Der Overhead ist minimal, der Vorteil bei mobilen Verbindungen deutlich spürbar. Mehr dazu in meinem HTTP/3 Beitrag.

Davon abgesehen, wie ist das eigentlich mit Microsoft? Cloudflare macht ja schon knapp zu 66% PQC im HTTP Traffic. Es ist 2026, fragen wir doch mal eine AI: claude „Sag mal, wie ist das eigentlich bei Microsoft Produkten, wie Exchange oder IIS im Bezug auf PQC? Wird das schon unterstützt oder kommt das bald?“

● Gute Frage — Microsoft ist da tatsächlich in einer interessanten Position:                                                                                                                                                                                                                                                  
                 
  Windows / Schannel (TLS-Stack)                                                                                                                                                                                                                                                                                              
                  
  - Windows 11 24H2 / Windows Server 2025 haben experimentelle Unterstützung für ML-KEM (X25519MLKEM768) in TLS 1.3 bekommen — allerdings zunächst nur als Preview/Feature-Flag, nicht standardmäßig aktiv.                                                                                                                   
  - Der zugrunde liegende TLS-Stack (Schannel) muss das können, damit IIS und Exchange davon profitieren.                                                                                                                                                                                                                     

  IIS

  - IIS nutzt Schannel direkt. Sobald Schannel auf dem jeweiligen Windows Server PQC-Key-Exchange unterstützt und es aktiviert ist, kann IIS das theoretisch sofort.
  - Stand meines Wissens (Mai 2025): Noch kein produktiver PQC-Support in IIS. Die Preview in Windows Server 2025 ist eher für Tests gedacht.

  Exchange

  - Exchange Online (Microsoft 365): Microsoft hat angekündigt, PQC schrittweise in ihre Cloud-Dienste zu integrieren. Für TLS-Verbindungen zwischen Microsoft-Datacentern wurde bereits mit PQC experimentiert.
  - Exchange On-Premises: Hängt komplett am darunterliegenden Windows Server / Schannel. Solange Schannel kein produktives PQC kann, kann Exchange es auch nicht.

  Microsofts Roadmap

  - Microsoft hat ein "Quantum-Safe Program" und arbeitet aktiv an PQC-Integration in Windows, Azure und M365.
  - Die Priorität liegt auf TLS 1.3 mit ML-KEM (hybrid, also X25519MLKEM768.
  - Einen festen Zeitplan für "PQC by default" in Exchange/IIS gibt es meines Wissens noch nicht.

  Fazit

  Microsoft ist hintendran verglichen mit dem Open-Source-Stack. OpenSSL 3.5+ / LibreSSL / BoringSSL haben PQC-Support bereits produktionsreif. Bei Microsoft wartet man darauf, dass Schannel das nativ und stabil liefert — und bis das
  in Exchange On-Prem ankommt, dauert es erfahrungsgemäß nochmal länger.

  Für Exchange Online dürfte Microsoft das irgendwann einfach serverseitig einschalten, ohne dass Admins etwas tun müssen. Für On-Prem heißt es: warten auf den nächsten Windows Server Release, der PQC in Schannel GA (General Availability) hat.

  Caveat: Mein Wissensstand ist Mai 2025 — es kann sein, dass Microsoft seitdem konkretere Termine genannt hat. Wäre ggf. einen Blick in den Microsoft Security Blog wert.

Klingt gut. Ich muss ja zugeben, dass ich, seit ich nicht mehr mit Martin Peuker bei Items arbeite, irgendwie komplett von der Microsoft-Welt abgekoppelt bin. Oh, ist das jetzt korrekt von der AI? Keine Ahnung, „klingt“ richtig.

Was das nicht leistet

Den Absatz kennt ihr inzwischen aus den anderen Beiträgen, aber er gehört dazu: Wir sichern hier den Schlüsselaustausch ab, nicht die Authentifizierung. Die TLS-Zertifikate nutzen weiterhin klassische Algorithmen (in meinem Fall ECDSA P-384). Für Post-Quantum-Signaturen bräuchte man ML-DSA (ehemals CRYSTALS-Dilithium) in den Zertifikaten, aber keine öffentliche CA stellt solche Zertifikate aus. Das wird kommen, aber noch nicht heute.

In der Praxis heißt das: Ein Angreifer mit Quantencomputer könnte die Serverauthentifizierung angreifen, müsste das aber in Echtzeit tun. „Store now, decrypt later“ greift dort nicht. Der Schlüsselaustausch und damit die Vertraulichkeit eurer Daten ist durch X25519MLKEM768 geschützt. Auch in Zukunft.

Fazit

Eine Zeile in der Nginx-Konfiguration, ein Reload, fertig. Euer Webserver verhandelt danach mit jedem modernen Browser einen quantensicheren Schlüsselaustausch. Vollständig abwärtskompatibel für ältere Clients. Kein Risiko, kein Aufwand, kein Nachteil.

Die eigentliche Hürde ist nicht Nginx, sondern die OpenSSL-Version auf eurem System. Wer FreeBSD 15 oder ein System mit OpenSSL 3.5+ hat, kann sofort loslegen. Alle anderen müssen auf ihre Distribution warten oder selbst bauen.

Damit habe ich jetzt SSH, E-Mail und Webserver mit Post-Quantum-Kryptografie abgedeckt. Fehlt eigentlich nur noch DNS. Aber DoH und DoT laufen ja auch über TLS … *grübel*

Update: Inzwischen habe ich HTTPS RR und SVCB Records für alle Dienste deployt. Damit wissen Clients schon beim DNS-Lookup, dass HTTP/3 und QUIC verfügbar sind.

Update 2: Wer wissen will, ob die eigenen Besucher tatsächlich PQC nutzen: Nginx kann die ausgehandelte Key-Exchange-Gruppe loggen. Die Variable $ssl_curve zeigt pro Verbindung, ob X25519MLKEM768, klassisches X25519 oder etwas anderes verhandelt wurde. Einfach ins bestehende Log-Format einfügen, irgendwo nach $ssl_cipher:

log_format combined_pqc
  '$remote_addr - $remote_user [$time_local] '
  '"$request" $status $body_bytes_sent '
  '"$http_referer" "$http_user_agent" '
  '$ssl_protocol $ssl_cipher $ssl_curve';

Im Log sieht das dann so aus. Ein Chrome mit PQC-Support:

203.0.113.42 - - [07/Apr/2026:13:22:36 +0200] "GET / HTTP/2.0" 200 56687 "-" "Mozilla/5.0 [...] Chrome/146.0.0.0" TLSv1.3 TLS_CHACHA20_POLY1305_SHA256 X25519MLKEM768

Und ein älterer Client ohne PQC:

198.51.100.7 - - [07/Apr/2026:14:05:11 +0200] "GET / HTTP/2.0" 200 56687 "-" "Mozilla/5.0 [...] Chrome/109.0.0.0" TLSv1.3 TLS_AES_256_GCM_SHA384 X25519

Der Unterschied steht ganz am Ende: X25519MLKEM768 vs. X25519. Ein Reload, ein paar Wochen sammeln, und ihr habt echte Zahlen statt Theorie. Ich werde die Ergebnisse in einem eigenen Beitrag auswerten, sobald genug Daten zusammengekommen sind.

Wie immer: Bei Fragen, fragen.

Post-Quantum TLS für E-Mail — Postfix und Dovecot mit X25519MLKEM768 auf FreeBSD 15

Visualisierung hybrider Post-Quantum-TLS-Verschlüsselung für E-Mail mit X25519MLKEM768 (ML-KEM-768 + X25519) auf Postfix und Dovecot unter FreeBSD 15

Siehe auch: Post-Quantum TLS für Nginx — X25519MLKEM768 auf FreeBSD 15 konfigurieren

Nachdem ich im letzten Beitrag OpenSSH mit hybriden Post-Quantum-Algorithmen abgesichert habe, lag die Frage nahe: Was ist eigentlich mit E-Mail? Mein FreeBSD 15 liefert Postfix 3.10.6, Dovecot 2.3.21.1 und OpenSSL 3.5.4 – und genau diese Kombination bringt alles mit, was man für quantensichere Verschlüsselung im Mailverkehr braucht. Ohne zusätzliche Pakete, ohne Patches, ohne Gefrickel.

Warum überhaupt PQC für E-Mail?

Das „Store now, decrypt later„-Szenario, das ich beim SSH-Beitrag angesprochen habe, trifft auf E-Mail mindestens genauso zu. E-Mails werden über SMTP zwischen Servern transportiert – und dieser Transport ist grundsätzlich abfangbar. Wer heute TLS-verschlüsselten Mailverkehr mitschneidet und archiviert, könnte diesen in einigen Jahren mit einem ausreichend leistungsfähigen Quantencomputer entschlüsseln. Zumindest theoretisch.

Heißt das, morgen liest jemand eure Mails? Nein. Aber wenn ihr vertrauliche Kommunikation betreibt und die heute eingesetzte Kryptografie in zehn Jahren noch standhalten soll, ist jetzt der richtige Zeitpunkt zum Handeln. Zumal der Aufwand (wie ihr gleich seht) überschaubar ist.

Was steckt hinter X25519MLKEM768?

Kurz zur Einordnung: ML-KEM (ehemals CRYSTALS-Kyber) ist der vom NIST im August 2024 standardisierte Post-Quantum-Algorithmus für den Schlüsselaustausch (FIPS 203). X25519MLKEM768 ist ein sogenannter Hybrid-Algorithmus – er kombiniert das klassische X25519 (Curve25519 ECDH) mit ML-KEM-768 zu einem gemeinsamen Schlüssel.

Der Clou dabei: Selbst wenn ML-KEM irgendwann gebrochen werden sollte, bleibt die klassische X25519-Komponente intakt. Und umgekehrt. Man muss also nicht darauf vertrauen, dass der neue Algorithmus auch wirklich hält – man bekommt das Beste aus beiden Welten.

Wer Firefox nutzt, hat das übrigens vermutlich schon in Aktion gesehen: Seit Firefox 124 wird bei TLS 1.3 standardmäßig X25519MLKEM768 für den Schlüsselaustausch verwendet. Schaut mal in die Verbindungsdetails einer HTTPS-Seite – die Chancen stehen gut, dass dort bereits ein hybrider PQC-Schlüsselaustausch stattfindet. Also, wenn der Server das anbietet, wie dieser hier *zwinker*.

Voraussetzungen prüfen

Bevor ihr konfiguriert, solltet ihr sicherstellen, dass euer OpenSSL ML-KEM überhaupt kann. Auf meinem FreeBSD 15:

$ openssl version
OpenSSL 3.5.4 30 Sep 2025 (Library: OpenSSL 3.5.4 30 Sep 2025)

Und dann die entscheidende Frage – kennt OpenSSL die benötigten KEM-Algorithmen?

$ openssl list -kem-algorithms | grep -i mlkem
  ML-KEM-512
  ML-KEM-768
  ML-KEM-1024
  X25519MLKEM768
  SecP256r1MLKEM768

Wenn X25519MLKEM768 in der Liste auftaucht, seid ihr startklar. Das ist bei OpenSSL ab Version 3.5 der Fall – der ML-KEM-Support ist im Default-Provider enthalten, es wird kein zusätzlicher OQS-Provider und kein liboqs benötigt.

Noch ein Check – sind die Algorithmen auch als TLS-Gruppen verfügbar?

$ openssl list -tls-groups | grep -i mlkem
  X25519MLKEM768
  SecP256r1MLKEM768
  SecP384r1MLKEM1024

Perfekt. Weiter geht’s.

Postfix konfigurieren

Postfix steuert die verwendeten TLS-Gruppen für den Schlüsselaustausch über den Parameter tls_eecdh_auto_curves. Dieser gilt sowohl für eingehende (smtpd) als auch für ausgehende (smtp) Verbindungen.

Vorher:

tls_eecdh_auto_curves = X25519, prime256v1, secp384r1

Nachher:

tls_eecdh_auto_curves = X25519MLKEM768, X25519, prime256v1, secp384r1

Das war’s. Eine Zeile. X25519MLKEM768 wird als bevorzugte Gruppe an den Anfang gestellt, die klassischen Kurven bleiben als Fallback erhalten. Clients die kein ML-KEM beherrschen, verhandeln einfach X25519 oder prime256v1 – die Abwärtskompatibilität bleibt also vollständig gewahrt.

Die Änderung setzt ihr entweder direkt in /usr/local/etc/postfix/main.cf oder über:

# postconf "tls_eecdh_auto_curves = X25519MLKEM768, X25519, prime256v1, secp384r1"
# postfix reload

Wichtig: Dieser Parameter beeinflusst alle Postfix-Dienste – SMTP (Port 25), Submission (Port 587) und SMTPS (Port 465). Ihr müsst also nicht jeden Port einzeln konfigurieren.

Update 01.04.2026: Die oben gezeigte globale Methode über main.cf hat einen Haken, den ich erst später auf der Postfix-Users Mailingliste realisiert habe. Die korrigierte Konfiguration mit getrennten Einstellungen für Inbound und Outbound findet ihr weiter unten im Nachtrag.

Dovecot konfigurieren

Dovecot verwendet den Parameter ssl_curve_list um die TLS-Gruppen für IMAP-Verbindungen festzulegen. Standardmäßig ist dieser leer, was bedeutet, dass OpenSSL seine eigenen Defaults verwendet. Das kann funktionieren, muss aber nicht.

In /usr/local/etc/dovecot/conf.d/10-ssl.conf:

ssl_curve_list = X25519MLKEM768:X25519:prime256v1:secp384r1

Achtung: Dovecot verwendet Doppelpunkte als Trennzeichen (OpenSSL-Syntax), Postfix verwendet Kommas. Nicht verwechseln. Ja, passiert mir oft.

Danach:

# doveadm reload

Überprüfen

Jetzt wird’s spannend. Funktioniert es tatsächlich? Zum Testen verwende ich openssl s_client direkt auf dem Server; denn euer lokales Linux oder macOS hat möglicherweise noch kein OpenSSL 3.5 mit ML-KEM-Support. Mein Linux Mint 22.3 hat es leider noch nicht *schnief*

SMTP (Port 25, STARTTLS):

$ openssl s_client -connect smtp.kernel-error.de:25 -starttls smtp \
    -groups X25519MLKEM768 -brief </dev/null 2>&1 | grep -E 'Protocol|group'
Protocol version: TLSv1.3
Negotiated TLS1.3 group: X25519MLKEM768

SMTPS (Port 465):

$ openssl s_client -connect smtp.kernel-error.de:465 \
    -groups X25519MLKEM768 -brief </dev/null 2>&1 | grep -E 'Protocol|group'
Protocol version: TLSv1.3
Negotiated TLS1.3 group: X25519MLKEM768

Submission (Port 587, STARTTLS):

$ openssl s_client -connect smtp.kernel-error.de:587 -starttls smtp \
    -groups X25519MLKEM768 -brief </dev/null 2>&1 | grep -E 'Protocol|group'
Protocol version: TLSv1.3
Negotiated TLS1.3 group: X25519MLKEM768

IMAPS (Port 993):

$ openssl s_client -connect imap.kernel-error.de:993 \
    -groups X25519MLKEM768 -brief </dev/null 2>&1 | grep -E 'Protocol|group'
Protocol version: TLSv1.3
Negotiated TLS1.3 group: X25519MLKEM768

Alle vier Ports verhandeln TLSv1.3 mit X25519MLKEM768. Die hybride Post-Quantum-Verschlüsselung ist aktiv.

Wenn ihr testen wollt, was passiert wenn ein Client kein ML-KEM unterstützt:

$ openssl s_client -connect imap.kernel-error.de:465 \
    -groups X25519 -brief </dev/null 2>&1 | grep -E 'Protocol|group'
Protocol version: TLSv1.3
Negotiated TLS1.3 group: X25519

Fallback auf X25519 – funktioniert sauber.

Was das nicht leistet

Wie schon beim SSH-Beitrag muss ich auch hier einschränken: Wir sichern damit den Schlüsselaustausch ab, nicht die Authentifizierung. Die TLS-Zertifikate verwenden weiterhin klassische Algorithmen (RSA, ECDSA). Für Post-Quantum-Signaturen in Zertifikaten bräuchte man ML-DSA (ehemals CRYSTALS-Dilithium) – und obwohl OpenSSL 3.5 das theoretisch unterstützt, gibt es Stand heute keine öffentliche Zertifizierungsstelle, die ML-DSA-Zertifikate ausstellt. Das wird kommen, ist aber noch Zukunftsmusik. Hey, wie ECDSA bei S/MIME (oder ist das schon anders?).

Für die Praxis bedeutet das: Ein Angreifer mit einem Quantencomputer könnte theoretisch die Serverauthentifizierung angreifen (ECDSA/RSA brechen), müsste das aber in Echtzeit tun – hier greift „store now, decrypt later“ nicht, weil eine gefälschte Authentifizierung nur im Moment der Verbindung nützt. Der Schlüsselaustausch hingegen – und damit die eigentliche Vertraulichkeit der transportierten E-Mails – ist durch X25519MLKEM768 auch gegen zukünftige Quantenangriffe geschützt.

Nachtrag (01.04.2026): Inbound und Outbound trennen

Ich muss die Postfix-Konfiguration oben korrigieren. Der Parameter tls_eecdh_auto_curves gilt für SMTP-Client und SMTP-Server gleichzeitig. Steht X25519MLKEM768 an erster Stelle, wird der PQC Key-Share direkt im initialen ClientHello mitgeschickt. Das bläht den ClientHello von rund 400 auf über 1400 Bytes auf.

Klingt erstmal harmlos. Ist es aber nicht. Manche Zielserver kommen mit dem übergroßen ClientHello nicht klar, der TLS-Handshake scheitert. Bei smtp_tls_security_level = may fällt Postfix dann stillschweigend auf Plaintext zurück. Dasselbe passiert bei dane ohne TLSA-Records, also bei der Mehrheit aller Domains da draußen. Eure Mails gehen raus, aber unverschlüsselt. Super.

Das Problem ist, dass hier zwei unterschiedliche Policies in einem Parameter stecken. Inbound will man PQC bevorzugen, weil man selbst kontrolliert was der Server akzeptiert. Outbound will man Kompatibilität priorisieren, weil man nicht weiß was auf der anderen Seite steht. Die gehören nicht in einen globalen Parameter.

Die Lösung: tls_eecdh_auto_curves nicht mehr global in main.cf setzen, sondern per master.cf pro Dienst überschreiben.

Server-Seite (Inbound) – PQC bevorzugen, an allen smtpd-Listenern:

smtp      inet  n       -       n       -       -       smtpd
  -o tls_eecdh_auto_curves=X25519MLKEM768,X25519,prime256v1,secp384r1

submission inet n       -       n       -       -       smtpd
  -o tls_eecdh_auto_curves=X25519MLKEM768,X25519,prime256v1,secp384r1

smtps     inet  n       -       n       -       -       smtpd
  -o tls_eecdh_auto_curves=X25519MLKEM768,X25519,prime256v1,secp384r1

Client-Seite (Outbound) – kleiner ClientHello, PQC nur via HelloRetryRequest:

smtp      unix  -       -       n       -       -       smtp
  -o tls_eecdh_auto_curves=X25519,X25519MLKEM768,prime256v1,secp384r1

Der Trick: Outbound steht X25519 an erster Stelle. Der initiale ClientHello bleibt damit klein. X25519MLKEM768 steht trotzdem in den supported_groups und wird verhandelt, wenn der Zielserver per HelloRetryRequest nachzieht. Inbound bekommen moderne Clients dagegen sofort PQC.

Dovecot ist davon nicht betroffen. Da gibt es nur die Server-Seite, ssl_curve_list bleibt wie oben beschrieben.

Noch ein Wort zum Postfix-Default: postconf -d zeigt auf meinem 3.10.6 kein X25519MLKEM768 im Default. Die postconf(5)-Doku beschreibt zwar für neuere Builds ein Delayed-Key-Share-Verhalten, aber was die Doku beschreibt und was ein konkreter Build tut, können zwei verschiedene Dinge sein. Deshalb die explizite Trennung per master.cf. Danke an die Postfix-Users Mailingliste für die Diskussion, die mich auf dieses Problem aufmerksam gemacht hat und selbstverständlich an den Kommentierenden!

Zwei Zeilen Konfiguration, ein Reload pro Dienst – und euer Mailserver verhandelt quantensichere Verschlüsselung. Okay, es sind jetzt ein paar mehr Zeilen als ursprünglich versprochen. Aber die Trennung zwischen Inbound und Outbound ist es wert, denn blind auf Kompatibilität aller Zielserver zu hoffen ist keine Strategie.

Viel Spaß beim Nachbauen – und wie immer: bei Fragen, fragen.

HTTPS RR und SVCB: Moderne DNS-Records für schnellere und sicherere Verbindungen

HTTPS RR und SVCB DNS-Records – schnellere Verbindungen mit HTTP/3, QUIC und DNSSEC

Wenn ein Browser eine HTTPS-Verbindung aufbaut, braucht er normalerweise mehrere DNS-Lookups und Round-Trips, bevor er überhaupt weiß, welche Protokolle der Server unterstützt. Erst A/AAAA-Record abfragen, dann TCP-Verbindung, dann TLS-Handshake, dann Alt-Svc-Header parsen für HTTP/3. Das ist ineffizient und seit November 2023 gibt es mit RFC 9460 eine saubere Lösung dafür: den HTTPS Resource Record.

Die großen Browser Hersteller unterstützen das ebenfalls schon, eigentlich mehr aus Eigeninteresse, denn viele Vorschläge kommen sogar direkt von ihnen. Oh, natürlich sollte die jeweilige Zone auch per DNSSec geschützt sein, denn wir wollen uns hier ja auf´s DNS verlassen können. Richtig?! Wenn ihr also noch kein DNSsec für eure Domain aktiviert habt (warum nicht?) dann bitte jetzt, wir haben bald 2026!

Ich habe das jetzt auf meiner DNS-Infrastruktur (BIND 9.20, FreeBSD, Master-Slave-Setup) für alle relevanten Dienste ausgerollt und dabei auch gleich SVCB-Records für die DNS-Server selbst gesetzt. Hier die Details.

Was ist der HTTPS RR?

Der HTTPS Resource Record (Typ 65) ist in RFC 9460 definiert („Service Binding and Parameter Specification via the DNS“, November 2023). Die Idee ist simpel: ein einziger DNS-Lookup liefert dem Client alles, was er für den Verbindungsaufbau braucht. IP-Adressen, unterstützte Protokolle wie HTTP/2 oder HTTP/3, Ports, und perspektivisch auch die ECH-Konfiguration für verschlüsselten SNI.

Ohne HTTPS RR sieht der Ablauf so aus: Der Client fragt A und AAAA ab, baut eine TCP-Verbindung auf, macht den TLS-Handshake, und erfährt erst aus dem Alt-Svc-Header oder durch ALPN im TLS, dass der Server auch HTTP/3 kann. Beim nächsten Request kann er dann QUIC probieren. Das sind mindestens zwei Verbindungsversuche, bis er auf dem optimalen Protokoll landet.

Mit HTTPS RR weiß der Client schon nach dem DNS-Lookup: „Dieser Server spricht h3 und h2, ist unter diesen IPs erreichbar, und hier ist die ECH-Config.“ Er kann direkt mit QUIC/HTTP/3 starten, ohne vorher TCP probiert zu haben.

Die SvcParams im Detail

Ein HTTPS RR besteht aus einer Priorität (SvcPriority), einem Zielnamen (TargetName) und einer Reihe von Service Parameters (SvcParams). Hier ein Überblick über alle definierten Parameter:

alpn (Application-Layer Protocol Negotiation): Signalisiert welche Protokolle der Server unterstützt. Typische Werte sind h2 (HTTP/2 über TLS), h3 (HTTP/3 über QUIC) oder dot (DNS over TLS). Der Client weiß damit vor dem Verbindungsaufbau, welche Protokolle zur Verfügung stehen.

ipv4hint / ipv6hint: IP-Adressen als Hint. Der Client kann diese nutzen, statt einen separaten A/AAAA-Lookup zu machen. Das spart einen Round-Trip. Wichtig: das sind Hints, keine autoritativen Antworten. Der Client darf und sollte trotzdem den normalen A/AAAA-Record prüfen.

ech (Encrypted Client Hello): Enthält den öffentlichen Schlüssel und die Parameter für ECH. Damit verschlüsselt der Client den SNI (Server Name Indication) im TLS-Handshake, sodass ein Beobachter auf dem Netzwerkpfad nicht sehen kann, welche Domain angefragt wird. Das ist der größte Privacy-Gewinn, den HTTPS RR bieten kann. Dazu später mehr.

port: Falls der Service auf einem nicht-Standard-Port läuft. Bei normalen Webservern auf 443 nicht nötig.

no-default-alpn: Signalisiert, dass die Standard-ALPNs (die sich aus dem Schema ergeben) nicht gelten. Wird benötigt wenn ein Server z.B. nur h3, aber nicht h2 unterstützt.

mandatory: Listet Parameter auf, die ein Client zwingend verstehen muss, um den Record nutzen zu können. Ein Client, der einen mandatory-Parameter nicht kennt, muss den ganzen Record ignorieren.

SvcPriority: Die Priorität des Records. 0 bedeutet AliasMode (Weiterleitung auf einen anderen Namen, ähnlich CNAME), Werte größer 0 sind ServiceMode. Mehrere Records mit unterschiedlichen Prioritäten ermöglichen Fallback-Ketten.

TargetName: Der Zielserver. Wenn er sich vom abgefragten Namen unterscheidet, leitet der Client die Anfrage an diesen Host weiter. Das ermöglicht Indirektion, ähnlich wie bei SRV-Records.

SVCB: Das generische Pendant

Der SVCB Resource Record (Typ 64) kommt aus demselben RFC 9460, ist aber nicht auf HTTPS beschränkt. HTTPS RR ist technisch gesehen nur eine spezialisierte Variante von SVCB für das HTTPS-Schema. SVCB kann für beliebige Protokolle genutzt werden.

Besonders interessant wird SVCB für die DNS Service Discovery nach RFC 9461 („Service Binding Mapping for DNS Servers“, ebenfalls 2023). Damit kann ein DNS-Server per DNS-Record signalisieren, dass er DoT (DNS over TLS) und DoH (DNS over HTTPS, RFC 8484) unterstützt. Der Record liegt unter dem Prefix _dns. vor dem Servernamen.

Der dohpath-Parameter aus RFC 9461 teilt dem Client direkt den URI-Pfad zum DoH-Endpoint mit, z.B. /dns-query{?dns}. Damit braucht der Client keine separate Konfiguration mehr, wo der DoH-Endpoint liegt. Zusammen mit RFC 9462 („Discovery of Designated Resolvers“, DDR) kann ein Client damit automatisch erkennen, dass sein Resolver verschlüsselte Protokolle unterstützt, und automatisch upgraden.

Was ich konkret deployt habe

Insgesamt 5 neue Records in zwei Zonen. Für www.kernel-error.de und cloud.kernel-error.com existierten bereits HTTPS RRs.

Zone kernel-error.de:

Apex HTTPS RR für kernel-error.de selbst:

dig HTTPS kernel-error.de +short
1 kernel-error.de. alpn="h3,h2" ipv4hint=148.251.30.200 ipv6hint=2a01:4f8:262:4716::443

HTTPS RR für den DoH-Endpoint dns.kernel-error.de:

dig HTTPS dns.kernel-error.de +short
1 dns.kernel-error.de. alpn="h3,h2" ipv4hint=37.120.183.220 ipv6hint=2a03:4000:38:20e::853

SVCB Records für DNS Service Discovery nach RFC 9461. Zwei Records mit unterschiedlichen Prioritäten, DoH bevorzugt vor DoT:

dig SVCB _dns.dns.kernel-error.de +short
1 dns.kernel-error.de. alpn="h2,dot" dohpath=/dns-query{?dns} port=443
2 dns.kernel-error.de. alpn="dot" port=853

Priorität 1 bietet DoH über HTTP/2 (Port 443), Priorität 2 reines DoT (Port 853). Ein DDR-fähiger Client (RFC 9462) kann damit automatisch erkennen, welche verschlüsselten DNS-Protokolle mein Resolver unterstützt.

Zone kernel-error.com:

Apex HTTPS RR für kernel-error.com (Matrix Federation und Web):

dig HTTPS kernel-error.com +short
1 kernel-error.com. alpn="h3,h2" ipv4hint=148.251.30.204 ipv6hint=2a01:4f8:262:4716::52

HTTPS RR für matrix.kernel-error.com (Synapse Reverse Proxy). Über CNAME-Auflösung deckt dieser Record auch chat.kernel-error.com und admin.kernel-error.com ab:

dig HTTPS matrix.kernel-error.com +short
1 matrix.kernel-error.com. alpn="h3,h2" ipv4hint=148.251.30.204 ipv6hint=2a01:4f8:262:4716::52

CNAME-Interaktion: Ein wichtiges Detail

Laut RFC 9460 können HTTPS RR und CNAME nicht am selben DNS-Namen koexistieren. Das hat direkte Auswirkungen auf mein Setup: chat.kernel-error.com und admin.kernel-error.com sind CNAMEs auf matrix.kernel-error.com. Ein separater HTTPS RR für diese Namen ist also nicht möglich und auch nicht nötig. Der Client folgt dem CNAME und nutzt dann den HTTPS RR des Ziels.

Gleiches gilt für signaling.kernel-error.com, das ein CNAME auf rtc.kernel-error.com ist.

Was bewusst nicht umgesetzt wurde

ECH (Encrypted Client Hello): Wäre der größte Privacy-Gewinn. ECH verschlüsselt den SNI im TLS-Handshake, sodass ein Beobachter nicht sehen kann, welche Domain der Client anfragt. OpenSSL 3.5 hat die API dafür, aber nginx nutzt sie nicht. Selbst in Version 1.29.7 gibt es keine native ECH-Unterstützung. Dafür bräuchte es entweder Patches für nginx oder einen anderen Reverse Proxy. Sobald sich das ändert, kommt der ech-Parameter in die HTTPS RRs.

DoQ (DNS over QUIC, RFC 9250): DoQ ist ein eigenes Protokoll, das DNS direkt über QUIC transportiert, ohne HTTP-Overhead. Das ist nicht dasselbe wie DoH über HTTP/3! BIND 9.20 unterstützt kein DoQ. Dafür müsste man ein separates Frontend wie dnsproxy oder AdGuard DNS davor setzen.

SVCB für SMTP/IMAP: Es gibt IETF-Drafts, die SVCB auf Mail-Protokolle ausweiten wollen (SMTP Submission, IMAPS). Da diese aber noch kein finaler RFC sind und aktuell kein MTA oder Client sie auswertet, habe ich darauf verzichtet. Die bestehenden SRV-Records (_imaps._tcp, _submission._tcp, _submissions._tcp) sind heute das Richtige.

HTTPS RR für turn.kernel-error.com: Der primäre Zweck ist TURN/STUN, nicht Web. Clients bekommen den Server aus der Synapse-Konfiguration, ein HTTPS RR bringt hier keinen Vorteil.

HTTPS RR für rtc.kernel-error.com: Kein HTTP/3 auf diesem Server, da der nginx dort ohne h3-Modul läuft. Ein HTTPS RR mit nur alpn="h2" würde kaum Mehrwert bringen.

Deployment in DNSSEC-signierten Zonen

Beide Zonen sind mit DNSSEC signiert (ECDSAP256SHA256, inline-signing). Der Workflow für Änderungen an signierten Zonen ist immer derselbe:

rndc freeze kernel-error.de
# Zonendatei editieren, Serial hochzählen
named-checkzone kernel-error.de /path/to/zone/file
rndc thaw kernel-error.de

Nach dem thaw signiert BIND die neuen Records automatisch und der Slave (ns1) übernimmt die Änderungen sofort per NOTIFY und AXFR. BIND 9.20 unterstützt HTTPS und SVCB Records nativ, es ist also kein TYPE65-Workaround mit generischer Record-Syntax nötig.

Records prüfen

Wer sich die Records anschauen will:

dig HTTPS kernel-error.de +short
dig HTTPS dns.kernel-error.de +short
dig SVCB _dns.dns.kernel-error.de +short
dig HTTPS kernel-error.com +short
dig HTTPS matrix.kernel-error.com +short

Ausblick

Die offensichtlichste Lücke ist ECH. Sobald nginx native Unterstützung bekommt, wird der ech-Parameter in alle HTTPS RRs eingetragen. Das wäre dann echte SNI-Verschlüsselung für alle Dienste.

SVCB für SMTP und IMAP wäre der nächste logische Schritt, sobald die aktuellen IETF-Drafts zu finalen RFCs werden und MTAs/Clients anfangen, sie auszuwerten. Immer mal wieder setzte ich auch IETF-Drafts in meinem Setup oder Labor Setup um. In diesem speziellen Fall sehe ich darin aber keinen Nutzen. Aus irgendeinem Grund schaffen es solche IT Security Themen bei E-Mails nur sehr selten in eine „schnelle“ Umsetzung. Die Browserhersteller machen da bei HTTPS wohl genug selbst. Viele Ideen kommen ja sogar von diesen.

Und DoQ (RFC 9250) steht auf der Liste, sobald BIND oder ein brauchbarer Proxy es unterstützt. Dann würden die SVCB-Records um alpn="doq" ergänzt. Ich möchte nicht wieder etwas vor meinen DNS stellen. Das wird aber bereits von den großen Browsern unterstützt!

Siehe auch:

Bei Fragen oder Anmerkungen, einfach fragen.

S/MIME-Zertifikat per DNS veröffentlichen – SMIMEA

SMIMEA — S/MIME-Zertifikat per DNS veröffentlichen

Siehe auch: Volksverschlüsselung wird eingestellt, OPENPGPKEY: GPG-Schlüssel direkt im DNS veröffentlichen, Kleiner Nachtrag zum GlobalSign S/MIME Zertifikat…

Mal wieder soweit: Mein aktuelles S/MIME-Zertifikat zum Signieren von E-Mails läuft aus. Also habe ich mir ein neues besorgt. Da GlobalSign keine Class-2-Zertifikate mehr für Privatpersonen anbietet, musste ich die CA wechseln. Durch Zufall bin ich auf SSLplus gestoßen – die haben echt gute Angebote für alle möglichen Zertifikate. Aber darum soll es in diesem Beitrag nicht gehen.

Wie immer will ich mein Zertifikat öffentlich zugänglich machen, sonst müsste jeder erst eine von mir signierte E-Mail erhalten, bevor er mein Zertifikat hat. Erst dann könnten Absender mir verschlüsselte E-Mails schicken.

Dafür gibt es ein experimentelles RFC 8162, das beschreibt, wie sich ein solches Zertifikat in einer DNSSEC-geschützten Zone veröffentlichen lässt. Natürlich gibt es im Internet wieder zig verschiedene Anleitungen und Wege, um das zu realisieren. Aber nichts wirklich Zuverlässiges, was ich finden konnte. Den DNS-Record für meine Bind9-Zone wieder manuell zu erstellen, hatte ich jedenfalls keine Lust.

Also habe ich zwei kleine Python3-Skripte geschrieben:

smimea_generate_record.py

Erstellt einen kopierbaren RR für die DNS-Zone. Kann interaktiv genutzt werden: Fragt nach E-Mail-Adresse und PEM-Zertifikat. Oder direkt mit Parametern aufgerufen werden. Prüft, ob E-Mail-Adresse und Zertifikat zusammenpassen, und gibt den fertigen Record aus.

./smimea_generate_record.py
Enter the email address: kernel-error@kernel-error.com
Enter the path to the PEM certificate: mail.pem
✅ Email 'kernel-error@kernel-error.com' matches the certificate!

🔹 **Generated BIND9 DNS Record:**

70e1c7d87e825b3aba45e2a478025ea0d91d298038436abde5a4c2d0._smimecert.kernel-error.com. 3600 IN SMIMEA 3 0 0 (
   30820714308204FCA003020102021073C13C478DA7B114B871F00737F1B0FB30
   0D06092A864886F70D01010B0500304E310B300906035504061302504C312130
   1F060355040A0C1841737365636F20446174612053797374656D7320532E412E
   [... komplettes Zertifikat in Hex ...]
   7573CA35477D59B98DE4852065F58FB60E0E620D3E2F5CAD
   )

smimea_lookup.py

Fragt den SMIMEA-Record im DNS ab, lädt das Zertifikat herunter und prüft es mit OpenSSL auf Gültigkeit. Funktioniert interaktiv oder mit übergebenen Werten.

./smimea_lookup.py
Enter the email address: kernel-error@kernel-error.com

Querying DNS for SMIMEA record:
  70e1c7d87e825b3aba45e2a478025ea0d91d298038436abde5a4c2d0._smimecert.kernel-error.com

Certificate saved as smimea_cert.der
Certificate successfully retrieved and verified:

Certificate:
    Data:
        Version: 3 (0x2)
        Signature Algorithm: sha256WithRSAEncryption
        Issuer: C = PL, O = Asseco Data Systems S.A., CN = Certum SMIME RSA CA
        Validity
            Not Before: Mar 13 13:41:55 2025 GMT
            Not After : Mar 13 13:41:54 2027 GMT
        Subject: SN = van de Meer, GN = Sebastian, CN = Sebastian van de Meer,
                 emailAddress = kernel-error@kernel-error.com
        Subject Public Key Info:
            Public Key Algorithm: rsaEncryption
                Public-Key: (4096 bit)
        X509v3 Extended Key Usage:
            E-mail Protection, TLS Web Client Authentication
        X509v3 Key Usage: critical
            Digital Signature, Non Repudiation, Key Encipherment, Data Encipherment
        X509v3 Subject Alternative Name:
            email:kernel-error@kernel-error.com

Beide Skripte findet ihr auf GitHub, damit ihr sie nutzen oder verbessern könnt.

Warum viele Anleitungen falsch sind

Warum habe ich geschrieben, dass ich nichts Zuverlässiges finden konnte? Nun, oft stoße ich auf Anleitungen, die noch auf TYPE53 basieren. Das ist nötig, wenn Bind9 den eigentlichen RR-Type noch nicht kennt – also ein klares Zeichen dafür, dass es sich um eine sehr frühe Implementierung handelt.

Ein weiteres häufiges Problem: Der Hash des Local-Parts wird einfach weggelassen. Stattdessen erfolgen die Abfragen direkt auf _smimecert., was aber falsch ist. Ohne den SHA256-Hash des Local-Parts gibt es keine eindeutige Zuordnung zur jeweiligen E-Mail-Adresse.

Aufbau des SMIMEA-DNS-Records

Der erste Teil — der SHA256-Hash — sorgt dafür, dass nicht einfach jeder direkt aus der DNS-Zone die E-Mail-Adressen auslesen kann. Statt die E-Mail-Adresse im Klartext zu speichern, wird nur der SHA256-Hash des Local-Parts (also der Teil vor dem @) genutzt. Wer die genaue E-Mail-Adresse kennt, kann den passenden DNS-Eintrag finden — aber jemand, der blind durch die Zone scannt, sieht nur Hashes.

Der _smimecert-Prefix zeigt an, dass es sich um einen SMIMEA-Record handelt, ähnlich wie bei ._tcp. für SRV-Records oder _acme-challenge. für Let’s Encrypt. Und schließlich kommt die Domain, zu der die E-Mail-Adresse gehört.

Manuelle Abfrage mit dig

Möchte man die Abfrage manuell durchführen, muss man zuerst den Local-Part der E-Mail-Adresse mit SHA256 hashen. Laut RFC 8162, Abschnitt 3.1 wird der Hash auf die ersten 28 Bytes (56 Hex-Zeichen) gekürzt, um die DNS-Label-Längenbeschränkung von 63 Zeichen (RFC 1035, Abschnitt 2.3.4) einzuhalten:

echo -n "kernel-error" | sha256sum | awk '{print $1}' | cut -c1-56
70e1c7d87e825b3aba45e2a478025ea0d91d298038436abde5a4c2d0

Anschließend die dig-Abfrage:

dig +dnssec +short 70e1c7d87e825b3aba45e2a478025ea0d91d298038436abde5a4c2d0._smimecert.kernel-error.com. SMIMEA
3 0 0 30820714308204FCA003020102021073C13C478DA7B114B871F00737
F1B0FB300D06092A864886F70D01010B0500304E310B30090603550406
[... Zertifikat in Hex ...]

Was bedeuten die Felder?

  • 3 — Usage: End-Entity-Zertifikat (DANE-EE), also für die tatsächliche E-Mail-Verschlüsselung und Signatur
  • 0 — Selector: Das komplette Zertifikat wird gespeichert (alternativ: 1 für nur den Public Key)
  • 0 — Matching Type: Keine Hash-Funktion, das Zertifikat liegt im Klartext vor (alternativ: 1 für SHA-256, 2 für SHA-512)
  • Hex-Werte — Der eigentliche Zertifikatsinhalt in hexadezimaler Darstellung

Manuelle Prüfung auf der Konsole

Den kompletten DNS-Record abrufen, die SMIMEA-Parameter (3 0 0) entfernen und als Hex-Datei speichern:

dig +short 70e1c7d87e825b3aba45e2a478025ea0d91d298038436abde5a4c2d0._smimecert.kernel-error.com SMIMEA | sed 's/^3 0 0 //' | tr -d '[:space:]' > dns_cert.hex

Hex in eine binäre DER-Datei umwandeln und mit OpenSSL anzeigen:

# Hex → DER
xxd -r -p dns_cert.hex dns_cert.der

# Zertifikat anzeigen
openssl x509 -inform DER -in dns_cert.der -text -noout

Verbreitung und Ausblick

SMIMEA ist leider noch immer nicht besonders weit verbreitet. Das liegt daran, dass das RFC noch immer experimental ist, aber auch daran, dass es auf weiteren Techniken aufbaut, die ebenfalls eher selten genutzt werden. Man braucht SMIMEA nur, wenn man überhaupt ein S/MIME-Zertifikat zur Signatur und Verschlüsselung von E-Mails verwendet. Zusätzlich muss die Domain per DNSSEC geschützt sein — und dann muss auch noch der zusätzliche Mehrwert von SMIMEA verstanden werden.

Denn SMIMEA verteilt nicht nur die Zertifikate, sondern macht einen direkt initial verschlüsselt erreichbar. Wenn man der Empfänger einer solchen signierten Nachricht ist, kann man das Zertifikat zudem gegen eine vertrauenswürdige DNS-Zone halten und sich so vergewissern, dass es wirklich die Signatur des Absenders ist — ähnlich wie bei TLSA/DANE.

Die Implementierung ist aktuell sehr überschaubar. Es gibt Milter für beispielsweise Postfix oder Plugins für Thunderbird, aber vor allem im Enterprise-Umfeld ist mir momentan keine funktionierende Lösung bekannt.

Eigentlich wollte ich doch nur schnell schreiben, dass ich da zwei Python-Skripte zusammengebastelt habe — und am Ende ist es doch wieder so ein riesiges Ding geworden. Aber ich denke, vor allem der Teil mit dem gekürzten Hash des Local-Parts ist wichtig zu erklären. Das ist echt eine verrückte Konstruktion. Klar, das hat seinen Sinn, aber zumindest ich bin damals genau an diesem Punkt hängen geblieben.


Das einzig korrekt funktionierende Online-Tool, das ich finden konnte: co.tt/smimea.cgi. Alle anderen sind nicht erreichbar, halten sich nicht ans RFC oder ich war zu blöde, sie zu bedienen. Fragen? Einfach melden.

Jetzt mit HTTP/3 und QUIC: Schnelleres Surfen leicht gemacht

Von QUIC habt ihr sicher alle schon gehört, seit knapp Mitte 2021 ist dieser neue Standard fertig und in einem recht einfach zu merkendem RFC 9000 beschrieben.

Im Grunde geht es darum, HTTP-Verbindungen schneller zu machen und dabei sogar UDP zum Einsatz zu bringen. Nicht ganz korrekt ist es einfach eine Weiterentwicklung von SPDY.

Um zu testen, ob eine Webseite bereits HTTP/3 also QUIC unterstützt, kann ich euch http3check.net ans Herz legen. Diese gibt, wenn gewünscht, sogar noch ein paar Detailinformationen aus.

Wer sehen möchte, ob sein Browser QUIC „macht“, kann auch nginx.org nutzen. Steht oben „Congratulations! You’re connected over QUIC.“ Dann ist man ein Gewinner.

Die Konfiguration am Nginx ist wie immer sehr einfach und ein sehr gutes Beispiel findet sich direkt von nginx.

Mein Nginx spricht dieses nun ebenfalls, mal sehen ob es Probleme gibt.


Update März 2026: Drei Jahre HTTP/3 im Betrieb

Es sind jetzt gut drei Jahre vergangen und ich kann sagen: Es gab keine Probleme. Kein einziges. HTTP/3 läuft hier seit 2022 auf allen vHosts und ich habe nie einen Fehler gesehen, der auf QUIC zurückzuführen war. Auch in den Logfiles nichts Auffälliges.

Illustration zu HTTP/3 und QUIC: schneller Web-Transport über UDP mit moderner Verschlüsselung und Browser-Support

Was sich geändert hat: Damals war HTTP/3 in Nginx noch experimentell und brauchte einen separaten Build mit dem quiche-Patch oder BoringSSL. Seit Nginx 1.25.0 (Mai 2023) ist HTTP/3 offiziell im Mainline-Branch enthalten und wird mit dem normalen --with-http_v3_module Build-Flag aktiviert. Kein Patch mehr, kein BoringSSL mehr, einfach OpenSSL 3.x und fertig. Mein aktueller Stack: Nginx 1.29.4 mit OpenSSL 3.5.4 auf FreeBSD 15.

Was bringt HTTP/3 in der Praxis?

Der größte Vorteil von QUIC gegenüber TCP ist die Verbindungsaufbauzeit. Bei TCP+TLS braucht ihr mindestens zwei Roundtrips, bevor Daten fließen (TCP Handshake + TLS Handshake). QUIC macht das in einem einzigen Roundtrip. Bei einem Wiederverbindungsversuch sogar in null Roundtrips (0-RTT).

Auf einer Glasfaserleitung mit 5 ms Latenz merkt ihr das kaum. Aber auf einem Smartphone im Zug mit 80 ms Latenz und gelegentlichem Paketverlust macht das einen spürbaren Unterschied. Dazu kommt, dass QUIC auf UDP basiert und damit das Head-of-Line-Blocking Problem von TCP löst: Ein verlorenes Paket blockiert nicht mehr alle Streams, sondern nur den einen betroffenen.

Konfiguration 2026

Die Konfiguration hat sich seit 2022 etwas verändert. Hier mein aktuelles Setup für den Blog-vHost:

server {
    listen [::]:443 ssl;
    listen [::]:443 quic;

    http2 on;

    server_name  www.kernel-error.de;

    # TLS (wird per include eingebunden)
    include tls-default.conf;
    ssl_certificate      /path/to/fullchain.pem;
    ssl_certificate_key  /path/to/privkey.pem;

    # ...
}

Wichtig sind zwei Dinge. Erstens: Der quic Listener läuft auf demselben Port 443 wie der SSL-Listener, nur eben über UDP statt TCP. Zweitens: Die Clients müssen wissen, dass HTTP/3 verfügbar ist. Das passiert über den Alt-Svc Header:

add_header Alt-Svc 'h3=":443"; ma=86400' always;

Dieser Header sagt dem Browser: „Ich spreche auch h3 auf Port 443, merk dir das für 24 Stunden.“ Beim nächsten Besuch nutzt der Browser dann direkt QUIC. Ohne diesen Header bleibt alles bei HTTP/2 über TCP.

Optional könnt ihr auch einen HTTPS-DNS-Record (SVCB) setzen, damit der Browser schon beim DNS-Lookup weiß, dass HTTP/3 verfügbar ist:

$ dig +short HTTPS www.kernel-error.de
1 . alpn="h3,h2" ipv4hint=148.251.30.200 ipv6hint=2a01:4f8:262:4716::443

Mit alpn="h3,h2" im HTTPS-Record kann der Browser die QUIC-Verbindung schon beim allerersten Besuch aufbauen, ohne erst auf den Alt-Svc Header warten zu müssen.

Firewall nicht vergessen

Ein Klassiker, der mich 2022 kurz stolpern ließ: QUIC braucht UDP Port 443. Wenn eure Firewall nur TCP 443 durchlässt, sehen die Clients den Alt-Svc Header, versuchen QUIC und laufen ins Timeout. Auf FreeBSD mit pf:

pass in quick on $ext_if proto udp to $jail_nginx port 443

Post-Quantum-Kryptografie inklusive

QUIC verwendet intern TLS 1.3 für die Verschlüsselung. Das heißt: Wenn ihr in eurer Nginx-TLS-Konfiguration X25519MLKEM768 als Key-Exchange-Gruppe konfiguriert habt, gilt das automatisch auch für QUIC-Verbindungen. Kein extra Aufwand. Euer HTTP/3 Traffic ist dann ebenfalls mit hybridem Post-Quantum-Schlüsselaustausch abgesichert.

Browser-Support

2022 war HTTP/3 noch ein Feature für Early Adopter. 2026 ist es Standard. Chrome, Firefox, Safari und Edge unterstützen QUIC seit Jahren. Laut den Logfiles dieses Blogs nutzen inzwischen gut 40% der Besucher HTTP/3. Tendenz steigend, weil immer mehr Mobilgeräte von dem schnelleren Verbindungsaufbau profitieren.

Wer es noch nicht aktiviert hat: Der Aufwand ist minimal, die Vorteile real und das Risiko gleich null. Drei Jahre Betrieb ohne ein einziges Problem sprechen für sich.

Siehe auch: HTTPS RR und SVCB Records — per DNS-Record signalisieren, dass HTTP/3 verfügbar ist. Damit können Clients direkt mit QUIC starten, ohne vorher TCP zu probieren.

TLS-ECDHE mit AES-256-GCM-SHA384 einfach erklärt

Verschlüsselung-cipher

Wer sich mit TLS beschäftigt, stolpert früher oder später über Zeichenketten wie TLS_ECDHE_ECDSA_WITH_AES_256_GCM_SHA384 oder TLS_AES_256_GCM_SHA384. Was da genau drinsteht, ist auf den ersten Blick nicht offensichtlich. Dabei folgt die Benennung einem klaren Schema.

Die Bestandteile einer Cipher Suite

Jede Cipher Suite beschreibt vier Dinge:

  • Key Exchange — wie sich Client und Server auf einen gemeinsamen Sitzungsschlüssel einigen.
  • Certificate Verification — wie das Serverzertifikat geprüft wird (Signaturverfahren).
  • Bulk Encryption — die symmetrische Verschlüsselung der eigentlichen Daten.
  • Hashing — die Prüfsummen, die Integrität und Authentizität sicherstellen.

TLS 1.2 vs. TLS 1.3

In TLS 1.2 stehen alle vier Bestandteile im Namen der Cipher Suite. Nehmen wir TLS_ECDHE_ECDSA_WITH_AES_256_GCM_SHA384 auseinander:

  • TLS — das Protokoll (Transport Layer Security)
  • ECDHE — Key Exchange (Elliptic Curve Diffie-Hellman Ephemeral)
  • ECDSA — Certificate Verification (Elliptic Curve Digital Signature Algorithm)
  • AES_256_GCM — Bulk Encryption (AES mit 256 Bit im Galois/Counter Mode)
  • SHA384 — Hashing (SHA-2 mit 384 Bit)

TLS 1.3 hat das Namensschema verkürzt. Key Exchange und Certificate Verification sind nicht mehr Teil des Cipher-Suite-Namens, weil sie separat verhandelt werden. Darum sieht TLS_AES_256_GCM_SHA384 so kompakt aus: nur Protokoll, Verschlüsselung und Hash.

Key Exchange

Der Schlüsselaustausch legt fest, wie Client und Server einen temporären Sitzungsschlüssel aushandeln. Man will hier Ephemeral-Verfahren, also temporäre Schlüssel. Warum? Selbst wenn jemand den Traffic mitschneidet und später an den privaten Schlüssel des Servers kommt, kann er die aufgezeichneten Verbindungen nicht entschlüsseln. Der Sitzungsschlüssel existiert nur für die Dauer der Verbindung. Das nennt sich Perfect Forward Secrecy.

DHE (Diffie-Hellman Ephemeral) funktioniert, sollte aber mindestens 2048 Bit nutzen. Besser ist ECDHE (Elliptic Curve DHE), weil es bei gleicher Sicherheit deutlich kleiner und schneller ist. Idealerweise bietet der Server nur ECDHE an. Alles ohne das E am Ende (also statisches DH) hat kein Forward Secrecy und gehört abgeschaltet.

In Zukunft kommt hier noch Post-Quantum dazu. Mit X25519MLKEM768 lassen sich hybride Verfahren nutzen, die auch gegen Quantencomputer absichern. Wer das auf Nginx einrichten will, findet bei mir eine Anleitung: Post-Quantum TLS.

Certificate Verification

Verschlüsselung allein hilft nicht, wenn man mit dem falschen Server spricht. Das Serverzertifikat beweist die Identität. Es wird von einer CA signiert, kann per DANE/TLSA im DNSSEC-geschützten DNS verankert sein und sollte nicht trivial fälschbar sein.

RSA-Zertifikate sollten mindestens 2048 Bit haben, besser 4096 Bit. Allerdings werden RSA-Schlüssel mit steigender Sicherheit immer größer und langsamer. ECDSA-Zertifikate lösen das elegant: Ein ECDSA-Schlüssel mit 256 Bit bietet vergleichbare Sicherheit wie RSA mit 3072 Bit, ist aber deutlich kleiner und schneller zu verifizieren. Als Kurve sollte es mindestens secp256r1 (P-256) sein. secp384r1 geht auch, bringt aber aktuell keinen praktischen Vorteil.

Bulk Encryption

Das ist die eigentliche Datenverschlüsselung. Brauchbare Kombinationen sind:

  • AES-128-GCM oder AES-256-GCM — Standard, schnell, hardware-beschleunigt auf den meisten CPUs
  • ChaCha20-Poly1305 — gute Alternative, besonders auf Geräten ohne AES-NI

AES mit CBC ist noch akzeptabel, aber GCM ist vorzuziehen. Von 3DES sollte man die Finger lassen. Wenn irgendwo RC4 oder DES auftaucht: abschalten.

Hashing

Der Hash sichert die Integrität der übertragenen Daten. Minimum ist SHA-256, ein guter Mittelweg ist SHA-384. SHA-1 sollte man nicht mehr einsetzen. Taucht MD5 auf, stimmt etwas grundlegend nicht.

Fragen, Korrekturen oder Ergänzungen? Einfach melden.

internet.nl verschärft die TLS-Anforderungen für Mailserver

E-Mail Test der Niederlande für die E-Mail Domain kernel-error.de
Die Domain kernel-error.de ist in der Hall of Fame der niederländischen IT Security Tests.

Der niederländische internet.nl Mailserver-Test hat die Anforderungen verschärft. Die neuen Guidelines orientieren sich an den aktuellen niederländischen IT-Sicherheitsrichtlinien und ziehen die Messlatte deutlich an.

Was sich geändert hat

TLS 1.0 und 1.1 geben jetzt Abzug. Vorher wurden sie toleriert, jetzt gibt es eine explizite Warnung. Schwache Diffie-Hellman-Parameter und weitere veraltete Cipher sind herausgefallen. Alles um TLS 1.3 den Weg zu ebnen.

Die Hall of Fame hat eine neue Sektion für Champions bekommen: Domains die sowohl beim Webserver als auch beim Mailserver 100 Prozent erreichen.

Warum das relevant ist

internet.nl ist kein akademisches Testtool. Die Ergebnisse fließen in die Bewertung niederländischer Behörden und Dienstleister ein. Wenn dort die Standards steigen, zieht das langfristig auch die Anforderungen an internationale Kommunikationspartner nach oben. Wer mit niederländischen Behörden oder Unternehmen per E-Mail kommuniziert, sollte seinen Score im Auge behalten.

Siehe auch: MTA-STS einrichten

Fragen? Einfach melden.

DNS over TLS (DoT) mit BIND, Stunnel und Android 9 einrichten

Die Zeit ging weiter, die Entwicklung bei BIND und DNS ebenfalls. Daher gibt es nun einen neuen Beitrag, der das aktuelle Setup mit BIND 9.20 auf FreeBSD 15 beschreibt – inklusive sauberer Trennung von authoritative DNS (Port 53) und öffentlichem Resolver (DoT/DoH) sowie reproduzierbaren CLI-Tests für IPv4 und IPv6. Bitte dort weiterlesen.

Die eigenen DNS Anfragen über eine Verschlüsselte Verbindung an einen DNS Server zu schicken welchem man vertraut, dieses liest sich schon gut oder? Keiner verfolgt mein Surfverhalten und zusammen mit DNSSEC schiebt mir so schnell keiner falsche Records unter.

Am ehesten vertraue ich meinem eigenen DNS Server (ns1.kernel-error.de). Auf diesem arbeitet ein Bind und vor diesen habe ich für DoT stunnel gestellt. Die Konfiguration vom stunnel sieht dabei grob wie folgt aus:

[dns4]
accept = 853
connect = 127.0.0.1:53
cert = /usr/local/etc/stunnel/ssl/dns.crt
key = /usr/local/etc/stunnel/ssl/dns.key
CAfile = /usr/local/etc/stunnel/ssl/ca.crt
ciphers = ECDHE-ECDSA-AES256-GCM-SHA384:ECDHE-RSA-AES256-GCM-SHA384:ECDHE-ECDSA-CHACHA20-POLY1305:ECDHE-RSA-CHACHA20-POLY1305:ECDHE-ECDSA-AES128-GCM-SHA256:ECDHE-RSA-AES128-GCM-SHA256:ECDHE-ECDSA-AES256-SHA384:ECDHE-RSA-AES256-SHA384:ECDHE-ECDSA-AES128-SHA256:ECDHE-RSA-AES128-SHA256
options = NO_SSLv2
options = NO_SSLv3
options = NO_TLSv1
options = NO_TLSv1.1
options = CIPHER_SERVER_PREFERENCE
options = DONT_INSERT_EMPTY_FRAGMENTS
renegotiation = no
TIMEOUTclose = 0

[dns6]
accept = 2a03:4000:38:20e::53:853 connect = ::1:53 cert = /usr/local/etc/stunnel/ssl/dns.crt key = /usr/local/etc/stunnel/ssl/dns.key CAfile = /usr/local/etc/stunnel/ssl/ca.crt ciphers = ECDHE-ECDSA-AES256-GCM-SHA384:ECDHE-RSA-AES256-GCM-SHA384:ECDHE-ECDSA-CHACHA20-POLY1305:ECDHE-RSA-CHACHA20-POLY1305:ECDHE-ECDSA-AES128-GCM-SHA256:ECDHE-RSA-AES128-GCM-SHA256:ECDHE-ECDSA-AES256-SHA384:ECDHE-RSA-AES256-SHA384:ECDHE-ECDSA-AES128-SHA256:ECDHE-RSA-AES128-SHA256 options = NO_SSLv2 options = NO_SSLv3 options = NO_TLSv1 options = NO_TLSv1.1 options = CIPHER_SERVER_PREFERENCE options = DONT_INSERT_EMPTY_FRAGMENTS renegotiation = no 

Die TLS Konfiguration ergibt dabei nun folgendes Bild: https://tls.imirhil.fr/tls/ns1.kernel-error.de:853

Auf einem Android 9 Gerät kann ich also nun unter den Einstellungen ==> Netzwerk & Internet ==> Erweitert ==> Privates DNS meinen Nameserver eintragen.

Screenshot der Konfigurationseinstellungen für DoT auf einem Android 9.

Jetzt sieht mir keiner mehr beim meinen DNS Abfragen zu.

Siehe auch: RFC 7858 – DNS over Transport Layer Security, DNS over TLS mit Stunnel und BIND9: Eigenen DoT-Server einrichten, DNS over TLS mit BIND, Stunnel und Android 9: Eigener DoT-Server

Ich kann dir keine E-Mail schicken. Ich bekomme immer einen Fehler

Icon E-Mail Icon wird verdeckt von einem roten Kreis mit einem weißen Kreutz, welches verdeutlichen soll, dass E-Mail nicht funktioniert.

Einer der Vorteile eines eigenen Mailservers ist, dass man hier so restriktiv in seiner Konfiguration sein kann wie man es selbst für sich und seine Zwecke für richtig erachtet. So habe ich für mich entschieden, dass ich nur E-Mails annehmen möchte, welche über eine Transportverschlüsselung (TLS) bei mir eingeliefert werden. Wer also die folgende Meldung in seiner Errormail hat, dessen Mailserver hat sicher probiert die E-Mail bei mir ohne Transportverschlüsselung (also im Klartext) abzuliefern.

[...]
530-5.7.0 Must issue a STARTTLS command first
530 5.7.0 For assistance, visit https://matrix.to/#/@kernel-error:kernel-error.com
[...]

Transportverschlüsselung ist dabei bitte nicht zu verwechseln mit einer signierten oder gar verschlüsselten E-Mail. Ich nehme auch E-Mails an, welche weder signiert oder verschlüsselt sind. Die Transportverschlüsselung ist hier etwas wie das s bei httpS://. Das Mitlesen der E-Mail auf dem Weg zwischen eurem und meinem Mailserver soll damit nach Möglichkeit verhindert werden.

Möglichst verhindert werden? Ja, einen 100%tigen Schutz gibt es selbstverständlich nicht. Man kann nur versuchen sich diesem zu nähern. Dieses Nähern betrifft nun den zweiten Punkt welcher verhindern könnte, dass ihr mir eine E-Mail senden könnt. Die eingesetzte Transportverschlüsselung muss nämlich als „sicher“ gelten. Ich nehme also keine SSLv3 RC4 MD5 bla Verbindungen an. Wer also etwas wie das Folgende oder halt „Verbindung nicht möglich“ bekommt, dessen Mailserver ist nicht in der Lage eine „sichere“ TLS Verbindung aufzubauen.

warning: TLS library problem: error:1417A0C1:SSL routines:tls_post_process_client_hello:no shared ciphe

warning: TLS library problem: error:14209102:SSL routines:tls_early_post_process_client_hello:unsupported protocol

warning: TLS library problem: error:142090FC:SSL routines:tls_early_post_process_client_hello:unknown protocol

Warum macht dieses nun nicht jeder so? Nun… Möchte man als Unternehmen Geld damit verdienen, dass man in irgendeiner Form Benutzer dazu bringt bei einem einen E-Mail Service zu nutzen, dann möchte man natürlich seinen Kunden einen möglichst reibungsfreien Austausch ermöglichen. Denn der normale Benutzer wird es kaum verstehen und sicher einfach einen Anbieter wählen bei dem es „funktioniert“. Dieses könnte man daher als Grund anführen warum nicht jeder so restriktiv in seinen Empfangseinstellungen ist. Davon abgesehen hindert es kein Unternehmen daran, seinem Mailserver für ausgehende E-Mails die Möglichkeit zu schaffen gutes TLS zu sprechen. Ok, es sei denn dieser Server steht in China oder Nordkorea. Mein Mailserver ist also weit davon entfernt etwas Unmögliches zu verlangen!!!

Sprecht also mal mit der zuständigen Person eures Mailservers und fragt aus welchem Grund euer Mailserver nicht in der Lage ist sicheres TLS zu sprechen und ob man dieses nicht vielleicht doch ändern könnte!

Um mich in der Zwischenzeit dennoch irgendwie zu erreichen gibt es verschiedene Möglichkeiten welche man >>hier<< findet. Am einfachsten sicher über Matrix/Riot: @kernel-error:kernel-error.com.

Bis dahin.

Siehe auch: SPF-Record einrichten | DKIM einrichten

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