In der letzten Folge ging es um die obere Hälfte der CPU-Seite, also Kerne, Threads und Prefetcher. Die untere Hälfte ist die spannendere, weil dort keine Leistungsschalter mehr stehen, sondern Sicherheitsfunktionen. Und weil mindestens einer davon eine richtig gute Geschichte hat.
Zur Erinnerung für alle die neu dazustossen: ich gehe hier das BIOS meines Supermicro-Serverboards durch, Themenblock für Themenblock, alle Folgen liegen unter BIOS & Firmware.
AES-NI, oder: der Grund warum es eine Karte gab
AES-NI [Enable]
Ein Schalter und dahinter steckt eine ganze Ära. AES-NI sind sechs zusätzliche Prozessorbefehle, die AES in Hardware rechnen statt in Software. Der Unterschied ist keine Feinheit, er liegt grob bei einer Grössenordnung, und obendrein sind die Hardwarebefehle immun gegen die Cache-Timing-Seitenkanäle, mit denen man Software-AES angreifen kann. Aber vor allem is et dann ers rischtig flott mit der Crypto.
Ob die CPU es kann und darf, sieht man sofort im OS mit:
grep -o ' aes ' /proc/cpuinfo | head -1
# aes
Warum es diesen Schalter überhaupt gibt, ist eine berechtigte Frage. Man schaltet AES-NI ja nicht ab, weil man gern langsam verschlüsselt. Die ehrliche Antwort ist vermutlich, dass er aus einer Zeit stammt, in der AES-NI ein Unterscheidungsmerkmal zwischen Produktlinien war, und niemand hat ihn seitdem entfernt. Oder hat jemand eine bessere Erklärung?
Über genau diese Zeit habe ich hier schon geschrieben. In meinem Beitrag zur Intel QuickAssist 8950-SCCP steckt eine Karte, die es nur deshalb gab, weil manche CPUs kein AES-NI hatten. Wer 2013 ein NAS mit einer Atom-CPU verschlüsseln wollte, brauchte Hilfe. Heute ist der Schalter eine Formalie, damals war er die Grenze zwischen „geht“ und „geht nicht“.
Virtualisierung und ein Schalter der Vertrauen heisst
Der erste ist VT-x, im Handbuch etwas altmodisch VMX und in einer noch älteren Fassung sogar Vanderpool Technology genannt, nach dem Codenamen von 2003. Ohne ihn läuft keine Hardware-Virtualisierung, also weder KVM noch VirtualBox mit brauchbarer Geschwindigkeit. Bleibt selbstverständlich an.
Der zweite ist interessanter. SMX steht für Safer Mode Extensions und ist die Grundlage für Intel TXT, Trusted Execution Technology. Vereinfacht gesagt geht es darum, dass eine Maschine beim Start beweisen kann, dass sie genau die Software geladen hat, die sie laden sollte. Ein gemessener Start, verankert in der Hardware, ähnlich wie Measured Boot mit einem TPM, nur eine Ebene tiefer.
Dabei ist mir etwas aufgefallen, das ich nicht restlos erklären kann. Im Setup steht SMX auf Disable. In /proc/cpuinfo steht das Flag smx trotzdem drin. Die naheliegende Deutung ist, dass das Flag die Fähigkeit der CPU beschreibt und der BIOS-Schalter nur die Freigabe, dass CPUID also weiterhin „kann ich“ meldet, während die Firmware „darfst du nicht“ sagt. Belegen kann ich das nicht, ich habe es nur beobachtet. Wer da genauer Bescheid weiss, immer her damit. Ich bin ja auch nur doof.
Speicherverschlüsselung, und warum SGX daran hängt
Total Memory Encryption (TME) [Disabled]
TME verschlüsselt den kompletten Arbeitsspeicher. Der Schlüssel wird bei jedem Start neu erzeugt, liegt im Speichercontroller und verlässt die CPU nie. Für das Betriebssystem ist das unsichtbar, es merkt schlicht nichts davon.
Wogegen hilft das? Gegen Angriffe, die physisch am Speicher ansetzen. Der Klassiker ist der Cold-Boot-Angriff, bei dem man die Riegel kühlt, aus der laufenden Maschine reisst und in einem anderen Gerät ausliest, weil DRAM seinen Inhalt für Sekunden bis Minuten behält. Dazu kommt alles, was per DMA am Speicher horcht. Bei einem Server im fremden Rechenzentrum ist das kein theoretisches Szenario. Sucht das mal auf YouTube ist so, das sieht immer krass aus. Vielleicht kann ich so etwas selbst irgendwann mal probieren.
Bei mir steht es auf Disabled, und das ist der Werksdefault. Meine Maschine steht in meiner Wohnung, die Systemplatte ist ohnehin mit LUKS verschlüsselt, und das Angriffsmodell, gegen das TME hilft, setzt jemanden voraus der hier steht während die Kiste läuft. Falls das passiert, habe ich grössere Probleme. Reizvoll finde ich es trotzdem, denn die Kosten sind gering: die Verschlüsselung sitzt im Speichercontroller und macht sich in Messungen kaum bemerkbar.
Ein Detail, über das ich beim Lesen des Handbuchs gestolpert bin, erklärt den Aufbau des Menüs:
*If the feature above is set to Enabled, the next five features are displayed*
Erst wenn TME an ist, erscheinen die fünf Zeilen darunter, und dazu gehört auch SGX. Die Enklaven-Technik hängt hier also an der Speicherverschlüsselung. Das ergibt Sinn, denn der geschützte Speicherbereich einer Enklave muss ja gegen genau die Zugriffe abgesichert sein, die TME abdeckt. Im Setup sieht man davon nur eine flache Liste, im Handbuch die Abhängigkeit.
SGX, und wie Intel die UHD-Blu-ray auf dem PC beerdigt hat
SGX ist die Idee, dass ein Programm einen Speicherbereich anlegen kann, in den niemand hineinsehen darf. Nicht andere Programme, nicht der Kernel, nicht der Hypervisor, nicht einmal jemand mit Root. Die CPU verschlüsselt den Bereich und gibt ihn nur dem Code frei, der ihn angelegt hat. Diese Enklaven waren als Fundament für vertrauliche Berechnungen in fremden Rechenzentren gedacht.
Die Geschichte drumherum ist allerdings die bessere. SGX war jahrelang in normalen Desktop-Prozessoren drin, und die prominenteste Anwendung war nicht vertrauliches Rechnen, sondern Kopierschutz. Die Wiedergabe einer Ultra-HD-Blu-ray auf dem PC verlangte SGX, weil der Schlüsselaustausch in einer Enklave passierte. Dann hat Intel SGX ab der elften Generation aus den Consumer-CPUs entfernt, und damit war die UHD-Blu-ray-Wiedergabe auf neuen PCs vorbei. Wer eine Scheibe abspielen wollte, brauchte plötzlich einen älteren Prozessor.
Ich finde das aus mehreren Gründen bemerkenswert. Erstens ist es ein schönes Beispiel dafür, wie eine Sicherheitstechnik zweckentfremdet wird und dann an einer Produktentscheidung stirbt, die mit ihrem eigentlichen Zweck nichts zu tun hat. Zweitens hat es Leute getroffen, die für ihre legal gekauften Scheiben plötzlich keinen legalen Abspielweg mehr hatten, während der inoffizielle Weg weiterhin problemlos funktionierte. Kopierschutz eben.
Im Xeon lebt SGX weiter, dort war es nie der Kopierschutz sondern das Verkaufsargument. Bei mir steht es trotzdem aus, weil ich keine Software habe die Enklaven nutzt, und weil es ohnehin nur zusammen mit TME ginge. Der Vollständigkeit halber, im laufenden System taucht folgerichtig nichts davon auf:
PA steht für Physical Address. Der Schalter begrenzt die Breite der physischen Adressen auf 46 Bit, was 64 Terabyte adressierbarem Speicher entspricht. Bei 256 GB im Rechner ist das reichlich weit weg von jeder Grenze. 46 Bit und 64 Bit, da muss ich direkt an fe80 bei IPv6 denken und das man die Luft gelassen hat, weil MAC Adressen auch irgendwann zu wenige sind. Ok da sind es 48 Bit aber denken muss ich daran.
Die Begründung im Handbuch ist knapp und ziemlich entlarvend:
Use this feature to limit the CPU physical address to 46 bits to support older hyper-v.
Ältere Hyper-V-Versionen kamen mit breiteren Adressen nicht klar, also gibt es im BIOS eines Serverboards von 2021 einen Schalter, der die CPU künstlich einschränkt, damit eine bestimmte Microsoft-Software läuft. Das ist Abwärtskompatibilität in ihrer reinsten Form. Der Effekt lässt sich direkt nachlesen:
46 physisch, wie eingestellt. Die 57 virtuellen Bit sind übrigens eine ganz andere Baustelle, das ist Five-Level Paging, ebenfalls neu mit Ice Lake.
Eine Seriennummer im Prozessor
PPIN Control [Lock/Disable]
PPIN steht für Protected Processor Inventory Number, eine eindeutige Nummer pro physischer CPU. Gedacht ist sie für die Fehleranalyse in grossen Flotten: wenn ein Prozessor Speicherfehler meldet, will man wissen welcher es war, und zwar auch nachdem er längst ausgebaut wurde.
Eine eindeutige, unveränderliche Hardwarenummer ist allerdings genau die Sorte Datenpunkt, an der sich vor Jahren schon einmal die Gemüter erhitzt haben. Der Pentium III hatte eine Seriennummer, der Aufschrei war so gross, dass Intel sie wieder entfernt hat. PPIN ist die gleiche Idee, nur diesmal mit einem Schalter davor und beschränkt auf Serverprozessoren.
Hier ist mir eine Abweichung aufgefallen. Das Handbuch nennt als mögliche Werte:
The options are Unlock/Disable and Unlock/Enable.
Im Setup steht aber Lock/Disable, ein Wert den das Handbuch gar nicht kennt. Passend dazu fehlt im laufenden System das Flag:
grep -c intel_ppin /proc/cpuinfo # 0
Meine Lesart: Lock bedeutet, dass das Register gesperrt ist und die Nummer nicht ausgelesen werden kann, und das Handbuch ist an dieser Stelle schlicht nicht auf dem Stand der Firmware. Für mich ist das der Wunschzustand, ich brauche keine Seriennummer und niemand sonst braucht sie von mir. Nur schön dokumentiert ist es eben nicht.
Und zum Schluss der Schalter, der nichts bewirkt
Extended APIC [Disable]
Das ist mein Lieblingsfund auf dieser Seite, weil er aussieht wie eine vergessene Optimierung. Der APIC ist der Interrupt-Controller. x2APIC ist seine erweiterte Fassung, die mehr adressierbare Prozessoren und schnelleren Zugriff über Register statt über den Speicher erlaubt. Auf Disable denkt man reflexhaft: aha, hier liegt Leistung brach, das schalte ich mal ein.
Nur ist die Funktion längst aktiv. Aus dem Kernel-Log meiner laufenden Maschine:
DMAR-IR: Queued invalidation will be enabled to support x2apic and Intr-remapping.
DMAR-IR: Enabled IRQ remapping in x2apic mode
x2apic enabled
APIC: Switched APIC routing to: cluster x2apic
Der Grund ist eine Abhängigkeit, die man kennen muss: Interrupt-Remapping über VT-d verlangt x2APIC. Sobald der Kernel die IOMMU mit Interrupt-Remapping hochfährt, schaltet er x2APIC selbst ein, unabhängig davon was die Firmware vorher getan hat. Der BIOS-Schalter steuert nur, ob die Firmware das schon vorab macht. B.T.W.: habe ihr euch MMU beim Commodore C128 mal angeschaut?
Ich lasse ihn deshalb bewusst in Ruhe, und ich schreibe das hier so ausführlich auf, weil er genau die Art Schalter ist, an dem man beim nächsten Setup-Besuch wieder hängenbleibt und denkt, man hätte etwas übersehen. Hat man nicht.
Nächste Folge: Speicher. ECC, Patrol Scrub, und die Frage warum mein DDR4-3200 mit 2933 läuft und das völlig in Ordnung ist.
Weiss jemand genauer, warum das smx-Flag in /proc/cpuinfo auftaucht obwohl der BIOS-Schalter auf Disable steht? Ich habe dazu keine belastbare Quelle gefunden und würde es gern richtig verstehen. Ihr dürft mich jederzeit fragen.
Moin. Der letzte Beitrag endete mit einem Satz, der mir seitdem im Kopf herumspukt: „Nichts hier braucht eine Smartcard, und nichts hier braucht root.“ Das stand in der Restrisiken-Liste des Ed25519-Beitrags, gleich neben dem Eingeständnis, dass eine Smartcard das größte verbleibende Risiko zwar verkleinern, aber nicht auflösen würde. Genau diese Lücke wollte ich mir ansehen: taugt eine OpenPGP-Karte dafür, den Primärschlüssel offline vorzuhalten, statt ihn nur auf einem Cold-Storage-Stick liegen zu lassen?
Die kurze Antwort: nein, technisch geht das nicht. Eine OpenPGP-Karte kennt genau drei Schlüsselslots, Signatur, Verschlüsselung und Authentifizierung. Für den Zertifizierungsschlüssel, also den, der die Unterschlüssel überhaupt erst beglaubigt, gibt es keinen Slot. Der Primärschlüssel mit der Fähigkeit [C] passt schlicht nicht drauf.
Die längere Antwort ist der eigentliche Grund für diesen Beitrag. Die Karte macht etwas anderes, mindestens genauso viel wert. Sie nimmt die drei Unterschlüssel auf, die du im Alltag tatsächlich benutzt, und macht sie hardwaregebunden. Nicht kopierbar, nicht extrahierbar, während der Primärschlüssel unverändert offline liegen bleibt. Diese Erwartungskorrektur gehört an den Anfang und nicht als Fußnote irgendwo im Text, weil sie der Grund ist, warum dieser Beitrag neben dem Ed25519-Beitrag überhaupt eine eigene Daseinsberechtigung hat.
So kommt eine OpenPGP-Karte an, hier eine blanko Smart Card V3.4 vom FLOSS-Shop. Der Chip schimmert schon durch den Umschlag.
Das Testsetup
Bevor irgendein echter Schlüssel in die Nähe der Karte kommt, brauchte es eine Umgebung, in der ich ohne Risiko herumprobieren kann. Die Eckdaten:
Karte
OpenPGP Smart Card V3.4, ID-1 blanko, FLOSS-Shop, Serie 0000D961, Chip von ZeitControl
Screenshots dürfen ungeschwärzt raus, und ich wollte mit factory-reset und wiederholten Fehlversuchen experimentieren können, ohne das eigentliche Setup zu gefährden
Der Reader ist derselbe cyberJack pinpad(a), den ich mir vor einer Weile aus Neugier auseinandergenommen hatte. Für diesen Beitrag zählt an ihm eigentlich nur eine Eigenschaft: er hat eine eigene Zifferntastatur samt Display, PINs gehen also nie über die Tastatur deines Rechners und damit auch nie durch dessen Speicher.
Reader-Setup: zwei Fallstricke, bevor überhaupt eine Karte drinsteckt
Der erste Stolperstein kam, bevor ich überhaupt eine Karte eingesteckt hatte. scdaemon, der Smartcard-Daemon von GnuPG, versucht standardmäßig, den internen CCID-Treiber zu benutzen. Der cyberJack spricht aber ein eigenes Vendor-Protokoll über PC-SC, kein CCID, und scdaemon quittiert das mit einem schlichten „No such device“. Die Lösung steht in der Konfigurationsdatei, nicht auf der Kommandozeile:
disable-ccid
Die Zeile gehört in scdaemon.conf. Danach findet gpg den Reader über den PC-SC-Layer, und pcscd übernimmt.
Der zweite Stolperstein trat immer wieder auf, sobald ich scdaemon während der Arbeit neu gestartet oder abgeschossen habe. Der Reader blieb dann als „busy“ hängen, pcscd quittierte jeden Zugriffsversuch mit pcsc_connect: sharing violation. Ein gpgconf --kill scdaemon allein hat das nie behoben. Zuverlässig geholfen hat nur ein Neustart des Dienstes selbst:
systemctl restart pcscd
Beide Punkte sind auf jeden anderen PC-SC-Reader mit eigenem Vendor-Protokoll übertragbar, nicht nur auf den cyberJack, deswegen stehen sie hier als eigener Abschnitt.
Der cyberJack pinpad(a) mit eingesteckter Karte. Alles, was danach an PIN eingegeben wird, läuft über die Tasten hier und nicht über die Rechnertastatur.
Erster Schritt: die Standard-PINs ändern
Der Karte liegt eine kleine Karteikarte bei, und die erklärt in aller Ruhe, warum der allererste Schritt kein optionaler ist:
Standard-PIN 123456, Admin-PIN 12345678, bei jeder blanko Karte identisch. Drei falsche PIN-Versuche sperren die Karte, drei falsche Admin-PIN-Versuche löschen die Daten.
Standard-PIN und Admin-PIN sind bei jeder blanko Karte identisch, stehen also öffentlich in jedem Handbuch. Wer sie nicht ändert, hat effektiv gar keinen PIN-Schutz. In gpg --card-edit geht das über admin, gefolgt von passwd:
Pinentry zeigt nur den Hinweis, das Pinpad des Readers zu benutzen. Der Admin-PIN selbst taucht auf dem Bildschirm nie auf.
Derselbe Dialog für den normalen PIN. Der Retry-Zähler danach steht bei drei von drei, unverändert gegenüber vorher.
Wichtig an beiden Dialogen ist derselbe Punkt: der eigentliche PIN geht nie über den Rechner, weder alt noch neu. Pinentry zeigt nur einen Hinweis an, die Eingabe passiert komplett am Pinpad. Genau dafür gibt man das Geld für einen Reader mit eigener Tastatur aus, sonst könnte ein kompromittierter Rechner den PIN einfach mitschneiden.
Das erste Kartenlimit: Curve 25519 scheitert
Im jungfräulichen Zustand meldet die Karte für alle drei Slots rsa2048, keine Schlüssel gesetzt:
Der Zustand direkt nach dem Auspacken. rsa2048 überall, keine Schlüssel, die Referenz für alles, was danach kommt.
Weil der Ed25519-Beitrag genau davon handelte, war meine erste Idee naheliegend: die Kartenattribute per key-attr auf Curve 25519 umstellen, dieselbe Kurve wie beim Primärschlüssel. Curve 25519 steht im Menü sogar als Default. Die Karte lehnt sie trotzdem ab, mit Statuswort 6A80, sowohl für den Signatur- als auch für den Verschlüsselungsslot:
key-attr bietet Curve 25519 als Default an, aber die Karte quittiert die Umstellung mit Card error.
Tückisch daran: scdaemon meldet bei den ersten beiden Versuchen im Terminal nicht einmal einen klaren Fehler, sondern läuft einfach in die nächste Abfrage weiter. Wer sich auf den Bildschirmtext verlässt statt hinterher mit card-status nachzuschauen, merkt das Scheitern leicht gar nicht. Das FLOSS-Shop-Datenblatt zur Karte bestätigt im Nachhinein, warum: gelistet sind nur „NIST/ANSI“ und „Brainpool“, Curve 25519 taucht in der Aufzählung schlicht nicht auf. Funktioniert haben stattdessen NIST P-384 und Brainpool P-256:
Brainpool P-256 für Signatur- und Verschlüsselungsslot läuft sauber durch, jede Umstellung verlangt erneut den Admin-PIN am Pinpad.
Für Signatur und Verschlüsselung bin ich bei Brainpool P-256 geblieben, den Authentifizierungsslot habe ich später aus einem eigenen Grund auf NIST P-384 umgestellt. Dazu gleich mehr, erst kommt aber ein zweites Kartenlimit, das mit Kurven gar nichts zu tun hat.
Der Admin-PIN-Timeout: kein Zufall, sondern ein hartes Zeitlimit
Bei den ersten Versuchen mit key-attr schlug die Admin-PIN-Eingabe am Pinpad immer wieder mit Statuswort 6400 fehl, ohne dass der PIN-Retry-Zähler sich bewegte. Mein erster Verdacht war eine Race Condition zwischen scdaemon und dem Reader. Also habe ich mitgestoppt, wie lange die Eingabe am Pinpad tatsächlich dauert, bis das OK gedrückt ist:
Eingabedauer
Ergebnis
Fälle
3 bis 5 Sekunden
SW 9000, Erfolg
8 von 8
7 bis 16 Sekunden
SW 6400, Fehler
14 von 14
Keine Race Condition also, sondern ein hartes Zeitlimit von etwa fünf bis sechs Sekunden für die PIN-Eingabe am Pinpad selbst. Der PIN-Retry-Zähler bleibt bei einem Timeout unberührt, du verlierst also keinen Versuch, nur Zeit. Einen Konfigurationsschalter dagegen habe ich nicht gefunden, ich habe die komplette Flag-Liste der cyberjack.conf durchsucht. Die Option enable-pinpad-varlen in scdaemon.conf senkt die Fehlerquote spürbar, weil sie variable PIN-Längen am Pinpad erlaubt statt auf eine feste Länge zu warten, behebt das Problem aber nicht vollständig. Praktisch heißt das: PIN vorher im Kopf bereithalten, zügig eintippen, und bei einem Fehlschlag sofort denselben Schritt wiederholen statt lange zu überlegen.
Den Demo-Schlüsselsatz bauen
Mit den bekannten Kartenattributen im Kopf habe ich einen Demo-Schlüsselsatz gebaut, passend zugeschnitten: ein Ed25519-Primärschlüssel mit ausschließlich der Zertifizierungsfähigkeit [C], dazu drei Unterschlüssel in brainpoolP256r1 für Signatur und Verschlüsselung. Der naheliegende Befehl dafür scheitert allerdings:
Bei NIST- und Brainpool-Kurven kennt der Quick-Befehl offenbar nur ECDH als Default-Verwendungszweck, eine Signaturfähigkeit lehnt er direkt ab. Der Umweg über den ausführlichen Editiermodus funktioniert dagegen anstandslos, dort lässt sich die Kurve explizit wählen und die Fähigkeit im Nachhinein umschalten:
gpg --expert --edit-key 7C7A529A359FA9F8A13DF0868AEA158652F8C926
gpg> addkey
Please select what kind of key you want:
(11) Existing key
Your selection? 11
Please select which elliptic curve you want:
(6) Brainpool P-256
Your selection? 6
Possible actions for this ECDH key: Sign Encrypt
Current allowed actions: Encrypt
(S) Toggle the sign capability
(Q) Finished
Your selection? S
Your selection? Q
So entstanden, in Reihenfolge, der Verschlüsselungs-, der Signatur- und vorläufig auch der Authentifizierungs-Unterschlüssel, alle drei in Brainpool P-256. Der fertige Satz vor dem eigentlichen Übertragen auf die Karte:
Ed25519-Primärschlüssel mit reiner Zertifizierungsfähigkeit, darunter drei brainpoolP256r1-Unterschlüssel. Noch alle im lokalen Schlüsselbund, noch keiner auf der Karte.
keytocard für alle drei Unterschlüssel
Das eigentliche Übertragen läuft für jeden Unterschlüssel einzeln über keytocard, mit den üblichen Wiederholungen, wenn der Admin-PIN-Timeout wieder einmal zuschlägt:
gpg --edit-key 7C7A529A359FA9F8A13DF0868AEA158652F8C926
gpg> key 1
gpg> keytocard
Please select where to store the key:
(2) Encryption key
Your selection? 2
gpg> key 1
gpg> key 2
gpg> keytocard
Please select where to store the key:
(1) Signature key
Your selection? 1
Verifiziert wird das Ergebnis über gpg --card-status. Alle drei Fingerabdrücke auf der Karte stimmen mit dem lokalen Schlüsselbund überein, und dort steht jetzt ssb> statt nur ssb, also der Hinweis, dass der private Schlüsselteil nicht mehr lokal liegt, sondern nur noch als Verweis auf die Karte:
Alle drei Slots besetzt, alle drei Fingerabdrücke stimmen, und ssb> markiert im Schlüsselbund, dass der private Teil nur noch auf der Karte existiert.
Der SSH-Nachtrag: Brainpool kennt SSH nicht
Den Authentifizierungs-Unterschlüssel wollte ich zusätzlich als SSH-Schlüssel benutzen, dafür exportiert gpg-agent ihn über gpg --export-ssh-key. Für den Brainpool-Auth-Unterschlüssel scheitert das mit „Unknown elliptic curve“. Der Grund liegt nicht bei GnuPG: RFC 5656, der SSH-Standard für elliptische Kurven, kennt Brainpool schlicht nicht, nur nistp256, nistp384 und nistp521. Also habe ich den Authentifizierungsslot noch einmal neu erzeugt, diesmal mit NIST P-384, während Signatur und Verschlüsselung bei Brainpool P-256 geblieben sind, und den neuen Unterschlüssel erneut per keytocard übertragen.
Dabei sind mir zwei weitere Kleinigkeiten begegnet, beide nicht offensichtlich:
Meine eigene ~/.ssh/config mit einem globalen Host * / IdentitiesOnly yes blendet Card-Keys komplett aus, unabhängig davon, ob man den Agenten zusätzlich per -o IdentityAgent=... explizit angibt. Für einen sauberen Test half nur -F /dev/null, um die eigene Konfiguration ganz zu umgehen.
gpg-agent verlangt den Keygrip des Auth-Unterschlüssels explizit in sshcontrol, sonst kommt „agent refused operation“, und zwar noch bevor überhaupt ein Pinpad-Prompt erscheint. Kein PIN-Fehler, sondern eine reine Allowlist-Sache, die sich leicht mit einem PIN-Problem verwechseln lässt.
Drei Live-Tests, alle drei erfolgreich
Zum Schluss die eigentliche Nagelprobe, alle drei Unterschlüssel einzeln gegen die Karte getestet, mit dem Pinpad als einzigem Ort für die PIN-Eingabe.
Signatur. Eine Testnachricht clearsignen und gleich wieder verifizieren:
clearsign fragt den PIN am Pinpad ab, verify bestätigt danach eine gute Signatur mit dem ECDSA-Schlüssel der Karte.
Verschlüsselung. Ein vollständiger Roundtrip aus Verschlüsseln und Entschlüsseln, wieder mit PIN-Abfrage am Pinpad beim Entschlüsseln, der Klartext kommt danach unverändert zurück:
echo "Test von der OpenPGP-Karte" | gpg --encrypt --recipient card-demo@example.invalid | gpg --decrypt
gpg: encrypted with brainpoolP256r1 key, ID ..., created ...
"OpenPGP Card Demo (throwaway key for blog/card demo, not for real use) <card-demo@example.invalid>"
Test von der OpenPGP-Karte
SSH. Ein Login gegen den eigenen Rechner über den Auth-Unterschlüssel, mit einem nur für den Test temporär ergänzten und danach wieder entfernten Eintrag in authorized_keys:
Der Login fragt am Pinpad nach dem PIN und ist danach ein ganz normales SSH-Login, der einzige Unterschied gegenüber einem Schlüssel auf der Festplatte ist der Prompt am Reader.
Fazit: was die Karte wirklich bringt
Zurück zur Ausgangsfrage. Nein, eine OpenPGP-Karte hält deinen Primärschlüssel nicht offline vor, weil sie keinen Zertifizierungsslot hat und ihn deswegen gar nicht aufnehmen kann. Wer genau das sucht, bleibt bei einem verschlüsselten Cold-Storage-Medium, wie im Ed25519-Beitrag beschrieben.
Was die Karte stattdessen bringt, ist aus meiner Sicht mindestens genauso viel wert: die drei Unterschlüssel, mit denen du tatsächlich täglich arbeitest, Signatur, Verschlüsselung und Authentifizierung, wandern hardwaregebunden auf ein Stück Plastik. Kein keytocard lässt sich rückgängig machen, kein Angreifer mit Zugriff auf deine Festplatte bekommt das Schlüsselmaterial zu fassen, denn es liegt dort gar nicht mehr. Der Primärschlüssel bleibt davon komplett unberührt und weiterhin offline, genau da, wo er laut Restrisiken-Liste vom letzten Mal ohnehin hingehört. Die Smartcard aus dem Satz „Nichts hier braucht eine Smartcard“ wollte etwas anderes lösen, als eine Karte lösen kann. Für das, was sie tatsächlich kann, würde ich sie nach diesem Test jederzeit empfehlen, nur eben mit einem echten statt einem Wegwerf-Demo-Schlüssel und mit etwas Geduld für den Admin-PIN-Timeout.
Wenn du selbst gerade zwischen Karten oder Kurven schwankst, oder wenn dir am Kartenlimit oder am PIN-Timeout noch ein Detail auffällt, das ich übersehen habe, dann dürft ihr mich sehr gerne fragen.
„Im nächsten Teil wird nicht nur erklärt, sondern gemacht. Mit einem nRF52840-Dongle und Logitacker schneide ich den Kopplungsvorgang einer Unifying-Tastatur mit, leite daraus den Schlüssel ab und lese die Eingaben mit.“ Das habe ich am Ende des letzten Beitrags geschrieben. Jetzt löse ich es ein.
Kurz zur Erinnerung, falls du den ersten Teil nicht gelesen hast: Logitech-Funktastaturen mit Unifying-Empfänger verschlüsseln die Übertragung mit AES, aber die Kopplung selbst, also der kurze Moment, in dem sich Tastatur und Empfänger gegenseitig kennenlernen, hat eine nie gepatchte Design-Lücke. Wer genau in diesem Moment mithört, kann daraus den Schlüssel ableiten. Das ist CVE-2019-13052, seit 2019 öffentlich, von Logitech nie gefixt.
Im ersten Teil stand das als Zeile in einer CVE-Datenbank und als Absatz in einer Offenlegung von Marcus Mengs. Diesmal nicht. Diesmal sitze ich mit einem Dongle für unter 30 Euro vor meiner eigenen MX Keys, schneide die Kopplung mit, und am Ende tippe ich auf der Tastatur, während eine Konsole live mitliest, was ich gerade drücke.
Vorweg die Grenze des Beitrags, damit du nicht am Ende danach suchst: den abgeleiteten AES-Schlüssel zeige ich nirgends. Warum, erkläre ich weiter unten. Die Kurzform: das war zum Zeitpunkt der Aufnahme ein aktives, funktionierendes Credential für meine echte Tastatur, kein historisches Artefakt.
Der Dongle, und welches Werkzeug ich benutze
Im ersten Teil hatte ich einen GeeekPi-Dongle über einen Amazon-Affiliate-Link verlinkt, als Empfehlung für genau dieses Vorhaben. Ehrlich gesagt bin ich am Ende nicht mit dem losgezogen. Zwischen dem Schreiben des ersten Beitrags und diesem Versuch lag noch eine Bestellung woanders, und am Ende kam das Board, das gerade greifbar war, nicht das verlinkte. In der Hand hatte ich stattdessen ein makerdiary nRF52840-MDK USB Dongle, anderer Hersteller, anderes Layout, aber derselbe Chip: ein Nordic nRF52840, auf dem Board direkt aufgedruckt mit N52840 QIAADO 2330FM. Kein Beinbruch, eher ein guter Aufhänger für den Bezugsquellen-Block weiter unten, den ich mir sonst hätte sparen können.
Die Verpackung des makerdiary nRF52840-MDK USB Dongle, mit aufgedrucktem Board und den Pin-Bezeichnungen.
Werkzeug ist LOGITacker, ursprünglich von mame82, also Marcus Mengs selbst, gebaut und heute unter RoganDawes auf GitHub aktiv gepflegt. Anders als etwa jackit läuft hier keine Angriffslogik auf dem Laptop, LOGITacker ist ein Standalone-Gerät. Die komplette Software steckt auf dem Dongle, bedient wird sie über eine serielle Konsole per USB, der Laptop selbst sieht am Ende nur ein weiteres USB-Gerät mit ein paar zusätzlichen Schnittstellen. Vier Boards werden offiziell unterstützt: der Nordic pca10059, zwei makerdiary-Boards, darunter genau das hier verwendete MDK Dongle, und ein Board von April Brother. Kein Zufallstreffer also. Das Board war von Anfang an ein sinnvoller Kauf für dieses Vorhaben, auch wenn es nicht das verlinkte war, und ich musste vor dem Kauf nicht einmal lange suchen, die Liste der unterstützten Boards steht direkt im Repository.
Geflasht habe ich logitacker_mdk_dongle.hex aus Release v0.2.3-beta, Stand 17. Januar 2020 und bis heute die aktuellste verfügbare Version. Kein Neubau aus dem Quellcode nötig, an der zugrundeliegenden Lücke hat sich seit 2020 nichts geändert. Pfostenstifte liegen dem Board bei, werden für dieses Experiment aber nicht gebraucht. Flashen und Betrieb laufen komplett über USB, kein Lötkolben in Sicht.
Das Board selbst, mit lesbarem Chip-Aufdruck N52840 2330FM. Die Pfostenstifte liegen bei, werden für dieses Experiment aber nicht gebraucht.
Flashen, und wie ich den Bootloader falsch eingeschätzt habe
Ich bin mit der Annahme reingegangen dass so ein Nordic-Board ein serielles DFU spricht, das man mit nrfutil bedient. Falsch gedacht. Hält man beim Einstecken den Knopf auf dem Board, meldet es sich stattdessen als schnödes USB-Massenspeichergerät:
Ein UF2-Bootloader, keine Nordic-eigene serielle Schnittstelle. LOGITackers Release liefert für dieses Board aber nur eine .hex-Datei, keine fertige .uf2. Also musste ich die Datei erst mit Microsofts eigenem uf2conv.py umwandeln, und zwar mit der richtigen Familien-ID, die ich mir nicht ausgedacht, sondern gegen die mitgelieferte uf2families.json geprüft habe:
Der Bootloader hat die Datei angenommen und das Laufwerk danach getrennt, das ist normales Verhalten beim Flashen. Was nicht normal lief: das Board hat sich anschließend nicht von selbst mit der neuen Firmware gemeldet. Erst ein einmaliges Aus- und wieder Einstecken hat es zurückgebracht, und dann korrekt:
$ lsusb
Bus 001 Device 021: ID 1915:520c Nordic Semiconductor ASA Logitacker by MaMe82
Vier neue Schnittstellen kamen dazu: seriell, Maus, Tastatur und HID-Rohdaten. Ein nettes Detail am Rand, die USB-Seriennummer trägt die Firmware-Version gleich mit, v0.2.3-beta.
Im UF2-Bootloader-Modus leuchten die LEDs des Dongles durchgehend grün.
Erstkontakt, und die Adresse stand quasi auf dem Karton
Serielle Konsole auf, 115200 Baud, fertig. Der Standardmodus von Logitacker heißt discover, eine Art passiver Dauerscan, und der bringt schon etwas, bevor ich überhaupt ein Kommando eingetippt habe:
<info> LOGITACKER_PROCESSOR_DISCOVER: DISCOVERY: received valid ESB frame (addr C3:1F:D0:D1:07, len: 15, ch idx 0, raw ch 5, rssi 47)
<info> LOGITACKER_PROCESSOR_DISCOVER: discovered device is Logitech
C3:1F:D0:D1:07. Das ist keine zufällige Adresse. Die USB-Seriennummer meines Tastatur-Empfängers, die sowohl solaar show meldet als auch auf dem Gehäuse aufgedruckt steht, lautet C31FD0D1. Exakt dieselbe Bytefolge, als Präfix der Funkadresse. Ohne jeden Angriff, nur weil das Gerät eingeschaltet ist, lässt sich die Funkadresse eines Unifying-Empfängers aus der Seriennummer ablesen, die außen auf dem Gehäuse steht.
Ich habe kurz gebraucht, um das wirklich zu glauben, und den Empfänger deshalb aus dem Rechner gezogen und die Seriennummer noch einmal mit der Lupe der Handykamera abfotografiert, im Vergleich zur Konsolenausgabe daneben. Kein Tippfehler, keine Verwechslung, dieselben acht Zeichen. Für einen Angriff braucht es das ohnehin nicht, discover läuft passiv und komplett ohne dass ich irgendetwas an Tastatur oder Empfänger anfassen müsste.
Drei Versuche, die nichts brachten, und der eine, der klappte
Zwei Versuche über die Easy-Switch-Taste brachten nichts, der dritte Versuch nach der dokumentierten Methode klappte sofort.
Um einen echten Kopplungsvorgang mitzuschneiden, muss erst einer stattfinden. Also den Mitschnitt-Modus starten und danach die schon gekoppelte MX Keys trennen, damit sie sich während laufendem Mitschnitt neu koppeln kann:
LOGITacker (discover) $ pair sniff run
<info> LOGITACKER_RADIO: Channel hopping stopped
<info> LOGITACKER_PROCESSOR_PAIR_SNIFF: Sniff pairing on address BB:0A:DC:A5:75
<info> ESB_ILLEGALMOD: Using channel table 'Unifying pairing'
<info> ESB_ILLEGALMOD: New channel table with length 11
$ solaar unpair 1DA452CF
Unpaired 1: MX Keys Keyboard (MX Keys) [408A:1DA452CF]
$ solaar pair C31FD0D1
Pairing: turn your new device on (timing out in 30 seconds).
Erster Versuch: Easy-Switch-Taste „1“ gehalten, laut solaar show genau der Kanal, der für diesen Rechner reserviert ist. Die LED blinkte brav weiter. Beim Dongle kam in den vollen 30 Sekunden, die solaar pair öffnet, nichts an:
<info> LOGITACKER_PROCESSOR_PAIR_SNIFF: dongle on channel 44
... (many more channel hops, receiver beacon tracked continuously) ...
<info> LOGITACKER_PROCESSOR_PAIR_SNIFF: Lost dongle in pairing mode, restart channel hopping
Zweiter Versuch, gleiche Methode, gleiches Ergebnis. solaar pair lief diesmal direkt in einen Timeout:
An der Stelle dachte ich kurz, das Board oder die Firmware hätten ein Problem, und habe testweise sogar den Kanal manuell auf den Standardwert zurückgesetzt und noch einmal von vorne begonnen. Half nichts. Meine Deutung dazu, ausdrücklich eine Deutung und kein gemessener Fakt: das Dauerblinken der Easy-Switch-LED zeigt vermutlich nur an, dass dieser Kanal aktuell keinen Empfänger kennt, keine aktive Funksuche. Analysiert habe ich das interne Verhalten der Tastatur nicht, dafür fehlt mir der Einblick, und ich will hier nichts behaupten, was ich nicht geprüft habe.
Dritter Versuch, diesmal nach der Methode, die die Logitacker-Dokumentation für Unifying-Geräte tatsächlich vorschreibt und die mit der Easy-Switch-Taste nichts zu tun hat: Tastatur ausschalten, Kopplungsfenster am Empfänger öffnen, Tastatur wieder einschalten. Erster Versuch nach dieser Methode, sofort erfolgreich:
<info> LOGITACKER_PROCESSOR_PAIR_SNIFF: PAIR SNIFF data received on channel 5
<info> LOGITACKER_PROCESSOR_PAIR_SNIFF: PAIR SNIFF assigned C3:1F:D0:D1:08 as new sniffing address
<info> LOGITACKER_PAIRING_PARSER: Device name: MX Keys
<info> LOGITACKER_PAIRING_PARSER: Device RF address: C3:1F:D0:D1:08
<info> LOGITACKER_PAIRING_PARSER: Device serial: 1D:A4:52:CF
<info> LOGITACKER_PAIRING_PARSER: Device WPID: 0x408A
<info> LOGITACKER_PROCESSOR_PAIR_SNIFF: device automatically stored to flash
<info> LOGITACKER_PROCESSOR_PAIR_SNIFF: Sniffed full pairing, moving on with passive enumeration for C3:1F:D0:D1:08
solaar show bestätigt unabhängig dieselbe Seriennummer 1DA452CF und denselben WPID 408A für dieselbe Tastatur, wobei die neu ersniffte Funkadresse C3:1F:D0:D1:08 denselben Präfix trägt wie die passive Sichtung von vorhin, nur eine Adresse höher.
Was ich da wirklich in der Hand hatte, und was ich bewusst nicht zeige
Ein erfolgreich mitgeschnittener Kopplungsvorgang liefert bei Logitacker fünf Dinge: Gerätename, Funkadresse, Seriennummer, WPID, und einen 16 Byte langen AES-Schlüssel. Die ersten vier stehen oben, alle unabhängig gegen Solaar geprüft. Der Schlüssel steht hier nicht. Kein einziges Byte davon, auch keine erfundenen Beispielwerte, die nur wie ein Schlüssel aussehen würden.
Der Unterschied zur EK-Zertifikat-Entscheidung im TPM-Beitrag lässt sich in einem Satz sagen: dort ging es um eine dauerhafte Geräte-Kennung, eindeutig, aber für sich genommen nicht ausnutzbar. Hier ging es um ein Credential, das im Moment der Aufnahme aktiv gültig war und echten Zugriff auf meine echte, gerade auf meinem Schreibtisch liegende Tastatur bedeutet hätte. Direkt im Anschluss an den Mitschnitt aus dem nächsten Abschnitt habe ich die Kopplung deshalb noch einmal neu gemacht, um den mitgeschnittenen Schlüssel ungültig zu machen:
$ solaar unpair 1DA452CF
Unpaired 1: MX Keys Keyboard (MX Keys) [408A:1DA452CF]
$ solaar pair C31FD0D1
Pairing: turn your new device on (timing out in 30 seconds).
Paired device 1: MX Keys Keyboard (MX Keys) [408A:1DA452CF]
Wieder die Aus-und-Einschalt-Methode, wieder auf Anhieb erfolgreich. Der Schlüssel aus dem Mitschnitt ist damit nicht mehr der Schlüssel, der heute im Einsatz ist. Falls du dich fragst, ob das den Beweis im nächsten Abschnitt irgendwie entwertet: nein, der wurde vorher aufgezeichnet, die Rotation kam erst danach.
Der Beweis: Tastenanschläge in Echtzeit entschlüsselt
Der Ablauf vom mitgeschnittenen Handshake bis zum entschlüsselten Klartext. Der Schlüssel selbst taucht in diesem Beitrag nirgends auf.
Nach dem erfolgreichen Mitschnitt wechselt Logitacker automatisch in einen passiven Mithör-Modus. Ich habe angefangen, auf der frisch wieder gekoppelten MX Keys zu tippen, und die Konsole hat live mitgeschrieben. Vier Tastendrücke aus derselben Sitzung, jeder mit eigenem Rohframe und eigenem entschlüsseltem Ergebnis:
Nacheinander gelesen: P, T, ., ENTER. Kein vollständiges Wort, sondern das Ende eines Satzes, den ich in dem Moment tatsächlich getippt habe, plus Enter. Genau das steht hier auch so, nicht schöngeredet zu mehr, als es ist.
Die Rohframes in der Tabelle sind Chiffretext, unbedenklich zum Zeigen, reines Rauschen ohne den Schlüssel. Was daraus die Klartext-Reports macht, ist der Schlüssel aus dem vorigen Abschnitt, und der taucht hier nicht auf. Ich habe dabei ziemlich bewusst langsam getippt, fast schon ein bisschen albern vor dem eigenen Bildschirm, nur um in der Konsole klar zuordnen zu können, welche Zeile zu welchem Tastendruck gehört. Es hat trotzdem gedauert, bis ich wirklich geglaubt habe, was da steht.
Was das nicht war
Eine kurze, ehrliche Einordnung. Dieser Versuch endet beim Mitlesen. Ich habe keine Einschleusung versucht, obwohl derselbe bekannte Schlüssel das technisch auch für gefälschte, eingeschleuste Tastenanschläge ermöglicht hätte, also für aktiven Angriff statt reinem Zuhören. Das ist die andere Hälfte von CVE-2019-13052, und die habe ich bewusst nicht angefasst. Nicht aus technischer Unfähigkeit, Logitacker kann das nachweislich, sondern weil eine aktive Einschleusung gegen die eigene Tastatur eine andere Kategorie Experiment ist als reines Zuhören, und weil das für den Beleg der Lücke in diesem Beitrag nicht nötig war.
Was das für die Empfehlung aus Beitrag 1 bedeutet
Im ersten Teil stand am Ende eine Rangfolge: Kabel für wirklich Geheimes, Logi Bolt oder sauberes Bluetooth fürs Büro, vorhandenes Unifying behalten und pflegen, No-Name-Funktastaturen ersetzen. An dieser Rangfolge ändert dieser Beitrag nichts. Was sich ändert, ist der Status des Arguments dahinter. Die Kopplungs-Lücke ist jetzt kein Datenbankeintrag mehr, sondern ein Ablauf, den ich mit handelsüblicher Hardware für unter 30 Euro selbst gegen mein eigenes Gerät durchgeführt habe, an einem gewöhnlichen Nachmittag, ohne Speziallabor und ohne Vorwissen, das ich mir nicht selbst aus der Dokumentation hätte holen können. Das praktische Risiko bleibt so klein wie im ersten Teil beschrieben, gebunden an den kurzen, seltenen Moment der Kopplung. Aber „das ist doch nur graue Theorie“ trägt als Einwand jetzt nicht mehr, und genau das war für mich der eigentliche Grund, diesen zweiten Teil überhaupt zu schreiben.
Was offen bleibt
Warum die Easy-Switch-Taste keine Kopplungsanfrage auslöst, bleibt meine Deutung des Dauerblinkens, keine bestätigte Analyse des Tastatur-internen Verhaltens. Sicher war ich einfach nur zu dumm die Tasten in der richtigen Reihenfolge zu drücken. gefettfingert
Die aktive Einschleusungshälfte von CVE-2019-13052 habe ich mit dem bekannten Schlüssel nicht ausprobiert. Ob und wann daraus noch ein dritter Teil wird, ist offen. Das hängt nun also an euch. Wenn ich sehen wollte, wie ich einfach Text oder Kommandos einschleuse, sagt es mir 🙂
Ob sich derselbe Ablauf gegen andere Unifying-Tastaturen als meine MX Keys genauso zuverlässig reproduzieren lässt, habe ich nicht geprüft. Aber hey, wir sind uns nun wohl alle sicher, dass es klappen wird, oder?
Die genaue Ursache der beiden ersten Kopplungsversuche, ob Timing, Tastatur-Firmware-Logik oder etwas Drittes, habe ich nicht bis auf die Funkebene nachverfolgt. gefettfingert
Bezugsquellen
Der folgende Link ist ein Affiliate-Link (Werbung). Kaufst du darüber, bekomme ich eine kleine Provision, für dich ändert sich am Preis nichts.
nRF52840-Dongle (vergleichbares Modell, nicht exakt das hier gezeigte Board): https://amzn.to/3RDuzQ8
Der Dongle in diesem Beitrag war tatsächlich ein makerdiary nRF52840-MDK USB Dongle, über einen anderen Kanal bezogen. Der verlinkte Dongle trägt denselben Nordic-nRF52840-Chip, ist aber ein anderes Board von einem anderen Hersteller. Ob Logitacker dieses konkrete Modell offiziell unterstützt, habe ich nicht geprüft. Offiziell gelistet sind der Nordic pca10059, zwei makerdiary-Boards und ein Dongle von April Brother.
Siehe auch
Die Maus funkt im Klartext, der erste Teil mit der Übersicht zu Funkmaus- und Funktastatur-Sicherheit unter Linux.
TPM 2.0 unter Linux, der andere Beitrag über Hardware, die kaum jemand anschaut.
Wenn ich irgendwo danebenliege, korrigiert mich gerne, dann lerne ich selbst etwas. Und die Frage an euch zum Schluss: Würdet ihr für ein bisschen mehr Sicherheit auf Logi Bolt oder Kabel umsteigen, oder ist euch das Restrisiko bei einer gepflegten Unifying-Tastatur egal? Wenn ihr mögt, dürft ihr mich dazu sehr gerne fragen.
Am kommenden Wochenende ist wieder FrOSCon. Samstag der 15. und Sonntag der 16. August, wie immer an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg in Sankt Augustin, Grantham-Allee 20. Der Eintritt ist frei, es laufen sieben Vortragsschienen und zwei Workshop-Räume parallel, samstagabend gibt es das Social Event. Das Programm steht online.
Es ist die 21. Ausgabe. Die erste war 2006, die Konferenz wird also gerade zwanzig. Ich bin an beiden Tagen dort und würde mich sehr freuen, wenn wir uns treffen und ein bisschen quatschen. Also: ist noch jemand von euch da? Sag mir gerne vorher Bescheid, dann verabreden wir uns, oder sprich mich einfach an, wenn du mich irgendwo im Foyer siehst.
Und falls du noch nie dort warst: fahr hin. Der Eintritt kostet nichts, das Programm ist gut, und diese Mischung aus Vorträgen, Ständen und Leuten, die dir ungefragt ihr Projekt erklären wollen, gibt es in der Form nicht oft.
Warum es nicht jedes Jahr klappt
Ich versuche eigentlich jedes Jahr, auf die FrOSCon zu kommen. Das scheitert regelmäßig daran, dass meine Kinder rund um dieses Wochenende Geburtstag haben, und das geht dann selbstverständlich vor. Dieses Jahr passt es, deshalb schreibe ich das hier überhaupt.
Beim Zusammensuchen der alten Beiträge habe ich dann etwas gefunden, das mich kurz sehr still gemacht hat. In meinen Entwürfen liegt ein Beitrag vom 9. August 2013, der nie veröffentlicht wurde. Darin steht:
Ich habe gerade die Bestätigung meines FrOSCon Tickets bekommen 🙂 Die FrOSCon ist dieses Jahr vom 24.08-25.08.2013 in Sankt Augustin. Ich schaffe es nicht immer zur FrOSCon denn meine Kinder haben immer um diesen Dreh Geburtstag. Das geht dann vor! In diesem Jahr klappt es genau und dieses freut mich natürlich umso mehr! Wir sehen uns also auf der FrOSCon….
Ich, in einem Entwurf vom 9. August 2013, den ich nie veröffentlicht habe
Dreizehn Jahre später sitze ich hier und schreibe im Grunde denselben Absatz noch einmal. Gleiche Konferenz, gleicher Ort, gleiche Terminkollision, gleiche Freude, dass es diesmal passt. Nur die Kinder sind inzwischen deutlich größer. Den Beitrag von 2013 lasse ich übrigens in der Schublade, der hat sich seinen Platz dort verdient.
Und die Kinder?
Möglicherweise dreht sich die Sache dieses Jahr sogar. Teckids e.V. macht an beiden Tagen die Mini-FrogLabs, das Jugendprogramm der Konferenz. Samstag geht es um Luanti, also eigene Mods und Kreaturen in 3D, Sonntag um Spieleprogrammierung mit Python. Gedacht ist das etwa ab der vierten Klasse bis sechzehn, Vorkenntnisse braucht niemand, bezahlt wird so viel man mag, und man meldet sich für jeden Tag einzeln an. Das schaue ich mir für meine Kinder auf jeden Fall an. Nach all den Jahren, in denen die Kinder der Grund waren, nicht hinzufahren, wäre das eine schöne Wendung.
Wie das bei mir angefangen hat
Wann ich zum ersten Mal dort war, kriege ich nicht mehr sicher zusammen. Mein Gefühl sagt 2006, belegen kann ich 2007. Es gibt Bilder aus dem Jahr in meiner Galerie, in einem Beitrag von 2013 hängt ein Schlüsselband von der FrOSCon 2007 an meinem Schlüsselbund, und der Ausweis hängt bis heute bei mir im Arbeitszimmer an der Wand.
Der Ausweis von 2007 hängt noch im Arbeitszimmer, rechts senkrecht steht Aussteller. Darunter das hellblaue Schild von 2013, das belegt, dass ich in dem Jahr tatsächlich dort war, auch wenn der Beitrag dazu nie erschienen ist. Rechts daneben der Besucherausweis der OpenRheinRuhr 2010.
Damals habe ich am Stand von CAcert mitgeholfen, einer von der Gemeinschaft betriebenen Zertifizierungsstelle, die kostenlos Zertifikate ausgestellt hat, lange bevor das normal war. Das Vertrauen kam dort nicht von einem Audit, sondern von Menschen: Punkte gab es, wenn man einem Assurer seinen Ausweis zeigte. Genau das haben wir den ganzen Tag gemacht, und ich fand das damals ganz große Klasse.
Geworden ist daraus nichts. Der Antrag auf Aufnahme in den Truststore von Mozilla wurde noch im selben Jahr zurückgezogen, und bis heute vertraut kein Browser dieser Wurzel. Ein curl auf die Seite bricht immer noch mit self-signed certificate in certificate chain ab, gerade nachgesehen. Gelöst hat das Problem später Let’s Encrypt, mit einem Protokoll statt mit Menschen und Ausweisen. Technisch die bessere Antwort, ein bisschen wehmütig macht es mich trotzdem.
Hängengeblieben ist trotzdem etwas. Mein Interesse an Zertifikaten, Schlüsseln und dem ganzen Vertrauenskram hat genau dort angefangen, und das hat mich seitdem nicht mehr losgelassen.
Die Keysigning-Party
Zum selben Themenkreis gehört das andere, wozu ich früher immer gegangen bin, wenn es sich einrichten ließ: die GPG-Keysigning-Party. Das Prinzip war schön unaufgeregt. Vorher schickt jeder seinen Schlüssel-Fingerprint ein, vor Ort steht man in einer Reihe, vergleicht die Zeile auf dem ausgedruckten Zettel mit dem, was die andere Person vorliest, sieht sich einen Ausweis an, hakt ab. Zu Hause signiert man dann die Schlüssel, deren Zeile gestimmt hat. Eine Stunde Anstehen, ein Blatt Papier, und danach hängt das eigene Schlüsselbund ein Stück fester im Netz.
Im offiziellen Zeitplan für dieses Jahr finde ich keine Keysigning-Party. Das muss nichts heißen, solche Runden organisieren sich oft nebenbei und stehen dann in keinem Programmheft. Falls sich jemand findet, bin ich sofort dabei. Und ganz unabhängig davon, weil es der einfachere Weg ist: wenn wir uns auf der FrOSCon über den Weg laufen, würde ich mich sehr über ein Cross-Signing meines neuen Schlüssels freuen. Der ist frisch, trägt die Kennung 0x893DE0CDDE986DEB, den Fingerprint bringe ich ausgedruckt mit und den Personalausweis sowieso. Wie ich ihn gebaut und woran ich ihn beim Härten kaputt gemacht habe, steht hier im Blog. Die Rolle, die früher der Ausweis am Klapptisch hatte, übernehmen bei mir mittlerweile nachprüfbare Identity-Claims. Funktioniert gut, ersetzt aber das Anstehen nicht.
Ein Gruß an Jens Link, und eine offene Frage
Aus den frühen Jahren ist mir ein Vortrag bis heute im Kopf geblieben, und zwar einer über IPv6 von Jens Link. Der Mann hat es geschafft, mich mit Adressarchitektur und Autokonfiguration zum Lachen zu bringen und mir im selben Vortrag klarzumachen, dass da erheblich mehr dahintersteckt als eine Pflichtaufgabe, die man irgendwann mal erledigen muss. Das können nicht viele. Ich bin danach an dem Thema hängengeblieben und habe es nie wieder losgelassen.
Fair muss ich dazusagen, dass ich nicht durch ihn angefangen habe. Mein ältester Beitrag zu IPv6 hier im Blog ist vom März 2003, vier Jahre vor diesem Wochenende, es ging um Adressarchitektur und radvd unter Linux. Dass daraus vierunddreißig Beiträge geworden sind, verteilt über die Jahre bis 2021, dafür trägt dieser Vortrag aber einen guten Teil der Schuld. Wenn man einmal gesehen hat, wie jemand über so ein Thema begeistert und komisch reden kann, schaut man danach anders hin. Einen Gruß nach Berlin also, und ein Dankeschön obendrauf.
Genau erinnern kann ich mich nach knapp zwanzig Jahren natürlich nicht mehr, weder an das Jahr noch an die Folien. Der Eindruck ist geblieben, das reicht mir.
Und eine Frage, bei der ihr mir helfen könnt. In meiner Erinnerung wollte er damals ein Buch über IPv6 schreiben. Ich habe es nie gesehen, was aber genauso gut daran liegen kann, dass es an mir vorbeigegangen ist. Auf seiner Seite finde ich keins, und sein Vortragsarchiv reicht nicht so weit zurück, dass ich damit etwas belegen könnte. Weiß es jemand? Ist das Buch erschienen, ist es liegen geblieben, oder habe ich mir das über die Jahre selbst zusammengebaut? Im Fediverse ist er als @quux unterwegs.
Worauf ich schauen will
Festlegen will ich mich nicht, das wird bei mir sowieso spontan. Auf dem Zettel stehen aber diese acht:
Wenn ich die Liste so ansehe, ist das Muster ziemlich eindeutig. Sechs von acht liegen in der Security-Schiene, die anderen zwei kommen aus dem Themenblock zum Recht auf Reparatur, und mehrfach geht es um Haftung und Regulierung statt um Technik. Das ist neu für mich. Drei davon laufen am Samstag im selben Raum, zwei sogar direkt hintereinander, das kommt mir sehr entgegen. Ob ich es aus dem CrypTool-Workshop rechtzeitig rausschaffe, steht auf einem anderen Blatt, der Zeitplan verrät keine Endzeiten.
Die Stände, an denen ich hängen bleiben werde
Auf meiner Runde stehen das CrypTool Projekt, ElectroBSD, Freie Software und Bildung, illumos, Matrix, The PHP Foundation, XMPP und der Datenburg e.V. Bei illumos werde ich vermutlich am längsten stehen, aus reiner Nostalgie, mein Solaris-Archiv hier im Blog hat immerhin achtunddreißig Beiträge. Bei The PHP Foundation habe ich sogar eine konkrete Frage im Gepäck, nachdem ich mich neulich durch einen PHP-Absturz bis in den Laufzeitlinker von FreeBSD gegraben habe.
Auf der Ausstellerliste steht übrigens ein Name, bei dem ich kurz grinsen musste: CAcert ist dieses Jahr wieder mit einem Stand da, neunzehn Jahre später, im selben Gebäude. Die Wurzel liegt weiterhin in keinem Truststore, die Leute stehen trotzdem wieder hinter dem Tisch. Da gehe ich vorbei und sage einmal Danke.
Zwanzig Jahre
Was mich beim Schreiben am meisten getroffen hat, ist nicht die CAcert-Geschichte, sondern die Rechnung dahinter. Von meinem belegten ersten Besuch bis heute sind es neunzehn Jahre. Rechne ich mein Gefühl mit, dass es 2006 war, sind es zwanzig. Die Konferenz gibt es genauso lange. Zwischen dem Klapptisch mit den Assurance-Formularen und dem Beitrag, den ich neulich über einen TPM-Chip geschrieben habe, liegt also ziemlich genau mein halbes Leben mit diesem Hobby. Ich habe mich beim Nachrechnen ehrlich alt gefühlt.
Andererseits: das Wochenende ist immer noch dasselbe Wochenende. Gleiche Hochschule, freier Eintritt, Leute, die einem an einem Stand irgendetwas erklären, wovon sie viel zu begeistert sind. Das ist eine ziemlich gute Konstante.
Siehe auch:
FrOSCon 2017, der letzte Beitrag dieser Sorte hier im Blog
Wenn du auch auf der FrOSCon bist, sag gerne Bescheid, ich freue mich über jeden Kaffee im Stehen und über jede Signatur. Und wenn du die Sache mit dem IPv6-Buch aufklären kannst, oder sonst etwas dazu wissen möchtest, dann darfst du mich sehr gerne fragen.
Vor Kurzem saß ich in einer Arztpraxis im Wartezimmer, und weil ich so bin wie ich bin, habe ich statt der Zeitschriften die Rechner am Empfang angeschaut. An jedem hing eine Funkmaus und eine Funktastatur, dazu der kleine Adapter im USB-Port. Von einem Hersteller, den ich nicht kannte, der Eindruck war sehr günstiges No-Name-Gerät. So etwas nenne ich selbst gern etwas abfällig „Chinaprodukt“, was eigentlich unfair ist, denn die können das inzwischen richtig gut.
Im Gespräch mit dem Arzt kam heraus, dass ihm ein Punkt völlig neu war: dass die Tastatureingaben als Funk durch die Luft gehen und dass man Funk mithören kann. An seinem Platz werden Diagnosen, Namen und Medikamente getippt, und die Frage, ob das jemand aus dem Nachbarzimmer mitlesen könnte, hatte sich vorher schlicht nie gestellt. Aus genau dieser Unterhaltung ist dieser Beitrag entstanden, und er wollte ihn selbst lesen. Also, hallo an dieser Stelle, danke für den Anstoß.
Ich will die Praxis dabei nicht an den Pranger stellen. Über die Sicherheit genau dieses No-Name-Geräts kann ich nichts sagen, ich habe es nie in der Hand gehabt. Der Punkt ist ein anderer: fast jeder benutzt so einen Adapter, und kaum jemand hat sich die Frage je gestellt. Bei einer Mausbewegung ist das auch egal. Bei einem Passwort, einer PIN oder einem Login nicht. Also drei Fragen, die den Beitrag tragen. Kann man das wirklich abhören? Kann man sogar eigene Tasten einschleusen? Und wie sieht man, ob das eigene Gerät geschützt ist?
Ich mache das am Beispiel von Logitechs Unifying-Adapter, dem mit dem kleinen orangen Stern, weil ich davon zwei Stück im Rechner habe und weil Logitech einer der Hersteller ist, bei dem man den Unterschied zwischen „kein Krypto“ und „verschlüsselt“ schön sehen kann. Alles, was ich hier auf dem Rechner prüfe, zeige ich mit dem Befehl und der echten Ausgabe. Und wo etwas unklar bleibt, sage ich das auch.
Durch die Luft, und schon sind es zwei Probleme
Bevor es um Logitech geht, muss eine Sache sauber getrennt sein, denn der ganze Beitrag hängt daran. Wer an einem Funkgerät lauscht, will eines von zwei Dingen, und die sind unterschiedlich gefährlich.
Mitlesen, passiv. Der Angreifer hört den Funk nur mit. Das ist gefährlich bei allem, was die Tastatur sendet, also Passwörter, PINs, Nachrichten. Bei der Maus dagegen gehen nur Bewegungen und Klicks über die Luft, da ist Mitlesen fast folgenlos.
Einschleusen, aktiv. Der Angreifer sendet selbst und gibt sich als euer Gerät aus. Damit tippt er auf eurem Rechner, öffnet ein Terminal, lädt etwas nach. Das ist der unangenehmere Fall, weil er nicht davon abhängt, dass ihr gerade etwas tippt. Der Rechner steht am Empfang, niemand sitzt davor, und trotzdem passiert etwas.
Daraus ergeben sich drei Schutzstufen, und die Reihenfolge ist wichtig.
Kein Schutz. Klartext. Jeder in Funkreichweite liest mit und kann einschleusen.
Verschlüsselung. Der Funk ist chiffriert. Wer mithört, bekommt nur Kauderwelsch. Logitech nimmt dafür bei Tastaturen AES-128.
Authentisierung. Der Empfänger prüft, ob ein Paket wirklich vom gekoppelten Gerät stammt. Erst das schließt das Einschleusen zuverlässig, denn Verschlüsselung allein sagt nur, dass keiner mitliest, nicht, dass keiner sich einschleicht.
Und hier kommt die Design-Entscheidung, die uns später um die Ohren fliegt. Eine Tastatur braucht zwingend Verschlüsselung, weil sie Geheimes sendet. Eine Maus bekam bei Unifying historisch keine, weil sie ja nichts Geheimes sendet. Das klingt vernünftig, und für sich genommen ist es das auch. Zum Einfallstor wurde es trotzdem, weil ein Empfänger, der offene Maus-Pakete akzeptiert, sich dazu bringen ließ, auch gefälschte Tastatur-Pakete zu schlucken. Genau das war MouseJack. Dazu gleich mehr.
Der Funkweg. Die Tastatur funkt AES-128-verschlüsselt, die Maus im Klartext. Ein Angreifer mit Antenne hört beide Strecken, von der Tastatur bekommt er aber nur Kauderwelsch.
KeySniffer, so sieht es aus, wenn gar nichts da ist
Damit klar wird, wovon wir reden, erst das schlechte Beispiel. 2016 zeigte die Firma Bastille unter dem Namen KeySniffer, dass Funktastaturen von acht Herstellern die Tastenanschläge komplett im Klartext funken, ohne jede Verschlüsselung. Betroffen waren Anker, EagleTec, General Electric, Hewlett-Packard, Insignia, Kensington, Radio Shack und Toshiba. Mitlesbar aus rund 75 Metern, mit Hardware für unter hundert Dollar. Man tippt sein Passwort, und einer im selben Gebäude schreibt es Zeichen für Zeichen mit.
Zwei Dinge daran sind wichtig. Erstens ist das kein „schwaches Krypto“, das ist „kein Krypto“. Diesen Unterschied wirft man gern in einen Topf, aber er ist der ganze Punkt. Zweitens kann man diese Tastaturen nicht per Update retten. Da hilft nur wegwerfen und ersetzen. Und genau das ist der Unterschied zu Logitech, wo ein Empfänger-Update wirklich etwas ändert, wie wir noch sehen werden. Bluetooth-Tastaturen und die höherwertigen Geräte von Logitech, Dell und Lenovo waren von KeySniffer übrigens nicht betroffen. Das ist die Brücke zu Logitech.
Ein Stern, sechs Geräte: wie Unifying funktioniert
Unifying ist der kleine USB-Adapter mit dem orangen Stern, an den sich bis zu sechs Geräte koppeln lassen. Eine Maus, eine Tastatur, vielleicht ein Ziffernblock, alles über einen Stick. Technisch funkt das bei 2,4 GHz auf Nordics nRF24-Technik, nicht Bluetooth. Das ist ein wichtiger Punkt, den ich später beim Abhören noch brauche. Tastaturen werden mit AES-128 verschlüsselt, der Schlüssel wird beim Koppeln festgelegt. Mäuse funken offen.
MouseJack, 2016, und die offene Maus als Hebel
Ebenfalls 2016, wieder Bastille, diesmal Marc Newlin. Über die offene, nicht authentifizierte Maus-Strecke ließen sich gefälschte Tastatur-Pakete in viele Empfänger einschleusen, dazu erzwungenes Koppeln. Betroffen waren Geräte vieler Hersteller, nicht nur Logitech. Der Angreifer musste nicht warten, bis jemand tippt. Er gab sich als neue Tastatur aus und schrieb selbst.
Logitech reagierte mit mehreren Firmware-Ständen für die Empfänger. Nach Logitechs eigenen Release-Notes sind die Kern-MouseJack-Punkte, also erzwungenes Koppeln, Tastatur-Injektion und gefälschte Maus, ab RQR12.05 beziehungsweise RQR24.03 geschlossen. Eine später gefundene Schwäche, die verschlüsselte Injektion (Bastille-Punkt #13, als CVE-2016-10761 geführt), folgte erst ab RQR12.08 und RQR24.06. Diese zwei Generationsnummern solltet ihr euch merken, sie kommen beim Testgerät gleich wieder.
Die vier Lücken von 2019, und die eine, die blieb
2019 nahm sich Marcus Mengs, im Netz MaMe82, Unifying noch einmal vor. Vier CVEs, und der Unterschied zwischen ihnen ist der eigentliche Lehrwert.
CVE
Was
Fix
CVE-2019-13052
Aus dem Mitschnitt der Kopplung den AES-Schlüssel ableiten, danach mitlesen und einschleusen
kein Patch, Logitech lehnte ab
CVE-2019-13053
Einschleusen in die verschlüsselte Strecke, setzt einmaligen physischen Zugriff voraus
kein Patch für die erweiterte Form
CVE-2019-13054
Schlüssel aus R500- und Spotlight-Presentern auslesen, physischer Zugriff
Fix für August 2019 angekündigt
CVE-2019-13055
Alle gekoppelten Schlüssel aus einem Empfänger in unter einer Sekunde, physischer Zugriff
Fix für August 2019 angekündigt
Die spektakuläre Fernübernahme, MouseJack, ist an einem aktuellen Empfänger zu. Was bleibt, ist die erste Zeile: CVE-2019-13052. Wer den Moment der Kopplung mitschneidet, kann daraus den AES-Schlüssel ableiten und danach mitlesen und einschleusen. Diese Lücke wurde nie geschlossen. Logitech hat erklärt, dafür keinen Patch zu liefern, sie steckt im Design.
Das praktische Risiko ist gering, weil man dafür genau dann mithören muss wenn ihr ein Gerät neu koppelt, und weil der Schlüssel danach nicht neu ausgehandelt wird. Koppeln passiert selten und ist schnell vorbei. Aber der Satz „Firmware aktuell, also alles gut“ wäre trotzdem falsch, und genau diese Ehrlichkeit macht für mich den Reiz an der Sache aus. Diese Kopplungs-Lücke ist übrigens auch der Aufhänger für den zweiten Teil.
Die Angriffe über die Zeit. MouseJack wurde per Firmware geschlossen, aus der 2019er-Serie blieb CVE-2019-13052 offen, und Logi Bolt zieht 2021 die Konsequenz.
Logi Bolt, der Nachfolger, der es richtig macht
2021 brachte Logitech mit Logi Bolt einen neuen Empfänger heraus, der Sicherheit von Anfang an mitdenkt. Die Kernpunkte, alle belegt:
Bolt setzt auf Bluetooth Low Energy im Security Mode 1, Level 4, also Secure Connections Only. Das heißt verschlüsselt und authentifiziert. Genau der Schutz gegen Einschleusen, der Unifying von Haus aus fehlte.
Es ist ein geschlossenes System, ein Bolt-Empfänger spricht nur mit Bolt-Geräten.
Pro Kopplung eine andere Bluetooth-Adresse und eigene Schlüssel.
Koppeln geht nur nach einem ausdrücklichen, langen Knopfdruck von einigen Sekunden. Das schließt das erzwungene Koppeln.
Firmware ist zentral ausrollbar, mit Schutz gegen das Zurückrollen auf alte Stände.
Ein Missverständnis will ich gleich einfangen. Bolt ist Bluetooth-basiert, aber es ist ein geschlossenes, gehärtetes System, kein normales Bluetooth-Pairing, wie ihr es vom Kopfhörer kennt. Verwechselt das nicht, das eine ist gehärtet, das andere ist ein bunter Haufen.
Zwei Empfänger, eine Maus, eine Tastatur
Genug Geschichte, jetzt der eigene Rechner. Auf dem Testgerät, einem Notebook mit Linux Mint 22.3, stecken zwei Unifying-Empfänger gleichzeitig. Am einen hängt die Maus, eine Logitech Marathon Mouse M705, am anderen die Tastatur, eine MX Keys. Beide Sticks tragen denselben orangen Stern, und wie sich gleich zeigt, tragen sie trotzdem zwei verschiedene Sicherheitsgeschichten mit sich herum.
Die Maus M705 und ein Unifying-Empfänger mit dem orangen Stern.
Der orange Stern ist das Erkennungszeichen von Unifying.
Die Tastatur, eine Logitech MX Keys.
Erst einmal schauen, ganz ohne Spezialwerkzeug
Man muss nicht sofort ein Paket installieren, um zu verstehen, was da steckt. Das Betriebssystem verrät schon eine ganze Menge. Erst schaue ich, welche USB-Geräte hängen. Mit lsusb sehe ich beide Empfänger, und interessant ist, dass sich beide als exakt dieselbe Kennung melden.
$ lsusb | grep -i logitech
Bus 001 Device 011: ID 046d:c52b Logitech, Inc. Unifying Receiver
Bus 001 Device 012: ID 046d:c52b Logitech, Inc. Unifying Receiver
046d ist Logitech, c52b ist der Unifying-Empfänger. Zwei gleiche Kennungen, zwei physische Sticks. Als Nächstes die Kernelmodule, die diese Sticks bedienen.
Zwei Module machen die Arbeit, und die Aufgabenteilung lohnt sich zu verstehen. hid_logitech_dj kümmert sich um das Multiplexing des Unifying-Empfängers, also darum, dass ein einziger Stick mehrere Geräte tragen kann. hid_logitech_hidpp spricht das Feature-Protokoll HID++, über das gleich auch Solaar redet. Und über die Geräteknoten /dev/hidraw* reden die Werkzeuge am Ende mit den Sticks. So versteht man die Schichten, bevor überhaupt ein Zusatzprogramm im Spiel ist.
Solaar, das eine Werkzeug, das man wirklich braucht
Solaar ist die grafische Oberfläche und zugleich ein Kommandozeilen-Werkzeug für Unifying und HID++. Damit koppelt man Geräte, sieht den Akkustand, den Verschlüsselungsstatus und kann Tasten umbelegen. Auf dem Testgerät läuft Version 1.1.11. Der eine Befehl, der alles auf einmal ausgibt, ist solaar show. Für den Empfänger der Maus, gekürzt auf das Wesentliche:
Unifying Receiver
USB id : 046d:C52B
Serial : 3CE0986A
Firmware : 12.11.B0032
Has 1 paired device(s) out of a maximum of 6.
1: Marathon Mouse M705 (M-R0073)
Kind : mouse
Protocol : HID++ 4.5
Battery: 50%, discharging, next level 20%.
Solaar zeigt den Empfänger der Maus. USB-ID 046d:C52B, Firmware 12.11.B0032, ein gekoppeltes Gerät.
Und für den Empfänger der Tastatur:
Unifying Receiver
USB id : 046d:C52B
Serial : C31FD0D1
Firmware : 24.11.B0036
Has 1 paired device(s) out of a maximum of 6.
1: MX Keys Keyboard
Kind : keyboard
Protocol : HID++ 4.5
Der zweite Empfänger, der für die Tastatur. Dieselbe USB-Kennung, aber Firmware 24.11.B0036.
Hier fällt schon auf, was ich gleich groß mache. Zwei Unifying-Sticks, aber zwei Firmware-Linien: RQR12 für die ältere Maus-Generation, RQR24 für die neuere Tastatur. Beide tragen denselben orangen Stern, dahinter stecken aber zwei Baujahre und zwei Geschichten.
Zwei Sterne, ein Unterschied
Das ist das Herzstück, und es ist ein einziger Blick in Solaar. In der Geräteansicht steht bei jedem gekoppelten Gerät eine Zeile „Drahtlose Verbindung“. Für die Maus M705 meldet Solaar dort „nicht verschlüsselt“, mit einem roten Schild. Für die Tastatur MX Keys meldet dieselbe Zeile „verschlüsselt“, mit einem geschlossenen Schloss.
Solaar meldet für die Maus M705 eine nicht verschlüsselte Funkverbindung, mit rotem Schild.
Für die Tastatur MX Keys meldet Solaar dieselbe Übersicht als verschlüsselt, mit geschlossenem Schloss.
Was das heißt, und was nicht. Die Tastatur ist mit AES-128 verschlüsselt, der Schlüssel wurde beim Koppeln festgelegt. Wer die Funkstrecke mithört, bekommt Kauderwelsch. Die Maus funkt offen, was für Bewegungen und Klicks kein Problem ist. Und dann die ehrliche Einschränkung, die uns direkt zum Angriff führt: dass die Maus offen funkt, war historisch genau der Hebel für das Einschleusen, bis die Firmware das abgestellt hat.
Ein Gedanke, der jetzt naheliegt, führt in die Irre: dann schalte ich die Verschlüsselung der Tastatur eben ab und schaue, was durchgeht. Geht nicht. Die AES-Verschlüsselung der Tastatur hat keinen Ausschalter. Sie steckt fest im Unifying-Protokoll, Solaar hat dafür keinen Schalter, das alte ltunify auch nicht. Wer die Klartext-Eingaben der Tastatur sehen will, muss das AES brechen, nicht abschalten.
Was man installieren sollte, und was nicht
Für die reine Frage „bin ich sicher“ braucht man erstaunlich wenig. Zwei Pakete reichen, und beide waren auf dem Testgerät sowieso schon da.
Ein paar Werkzeuge, über die man im Netz stolpert, braucht man hier ausdrücklich nicht, und ich schreibe dazu, warum.
Paket
Warum nicht
ltunify
ältere Unifying-Kommandozeile, von Solaar überholt
libratbag / piper
DPI- und Tastenkonfiguration für Gaming-Mäuse, für die M705 unnötig, Solaar deckt sie ab
jackit, nrfutil, dfu-tool
Angriffs- und Flash-Werkzeuge für nRF-Hardware, hier nicht installiert. jackit gehört zum Crazyradio-am-Laptop-Weg, in diesem Aufbau macht die Funkarbeit stattdessen der Flipper
Bin ich sicher? Zwei Blicke genügen
Der erste Blick ist der Verschlüsselungsstatus, den Solaar meldet. Tastatur verschlüsselt, Maus nicht. Das ist bei Unifying normal und in Ordnung, solange man weiß, dass die Maus offen funkt und dort nichts Geheimes durchgeht.
Der zweite Blick ist die Firmware. fwupd kennt beide Empfänger über LVFS, und fwupdmgr get-updates sagt, ob etwas ansteht.
$ fwupdmgr get-updates --no-unreported-check
Devices with the latest available firmware version:
• Unifying Receiver
• Unifying Receiver
Beide sind auf dem neuesten Stand, den LVFS anbietet, das ist RQR12.11 und RQR24.11. Und jetzt die Verbindung zur Geschichte, die den Abschnitt wertvoll macht. Die MouseJack-Fixes stecken in den Firmware-Generationen ab RQR12.05 beziehungsweise RQR24.03 für die Kern-Punkte, und ab RQR12.08 beziehungsweise RQR24.06 für die verschlüsselte Injektion. Beide Empfänger liegen mit 12.11 und 24.11 deutlich darüber. Die Fernübernahme von 2016 ist an diesem Gerät also zu. Das ehrliche Ergebnis dieses Abschnitts ist „hier ist nichts zu tun“, und das darf man auch so hinschreiben.
Trotzdem der Handgriff für den Fall, dass doch einmal ein Update ansteht, als Verfahren, nicht als Messung. Auf dem Testgerät gab es nichts zu aktualisieren, ich habe die letzte Zeile hier also nicht wirklich ausgeführt.
Jetzt die andere Seite. Unifying funkt bei 2,4 GHz auf nRF24-Technik mit einer eigenen Paketstruktur, Enhanced ShockBurst nennt Nordic das. Normale SDR-Empfänger und die üblichen Sub-Gigahertz-Geräte sehen das schlicht nicht. Man braucht ein nRF24-Radio, das in einen Mithör-Modus versetzt wird. Und genau hier wird es interessant, was ein Flipper Zero kann und was nicht.
Der Flipper Zero, und warum er allein nicht reicht
Das eingebaute Funkteil des Flipper ist ein CC1101. Das arbeitet unter einem Gigahertz, grob 300 bis 928 MHz. Es kommt physikalisch nicht an die 2,4 GHz von Unifying heran. Aus der Schachtel heraus kann der Flipper diesen Angriff also gar nicht, egal welche Firmware drauf ist.
Welches Radio an 2,4 GHz herankommt. Der eingebaute CC1101 des Flippers arbeitet unter einem Gigahertz und sieht die Strecke nicht. Erst ein nRF24-Radio kommt heran.
Auf meinem Aufbau steckt der Flipper mit der Momentum-Firmware und einem Zusatzmodul, einem AIO Board. Auf dem Board steht die Bestückung selbst drauf: RED NRF24, GREEN ESP32, BLUE CC1101, dazu ein EBYTE-Modul und externe Antennen. Das entscheidende Teil für uns ist das nRF24-Radio. Genau das, was dem Flipper von Haus aus fehlt. Damit werden die Apps NRF24: Sniffer und NRF24: Mouse Jacker nutzbar, beide aus dem Projekt von mothball187 und in Momentum enthalten.
Flipper Zero mit aufgestecktem AIO Board V1.4. Das Board liefert das nRF24-Radio für 2,4 GHz, neben ESP32 und CC1101, das dem Flipper allein fehlt.
Der Ablauf ist in zwei Schritten schnell erzählt. Erst sucht der Sniffer die Kanäle ab und findet die Funkadresse des Empfängers. Dann bekommt der Mouse Jacker diese Adresse und ein Tastatur-Skript und versucht, Tasten einzuschleusen. Klingt einfach. Der erste Schritt ist es aber schon nicht.
Der NRF24-Sniffer meldet eine gefundene Adresse auf einem 2,4-GHz-Kanal.
Der nRF24-Treiber der Flipper-App gilt selbst als funktionierend, aber unfertig, und das Sniffen im 2,4-GHz-Band rastet gern auf zufälliges Rauschen ein und meldet Adressen, die es gar nicht gibt. Drei Läufe brachten bei mir drei verschiedene Adressen, einmal sogar mit „Unique 0“, also ohne einen einzigen wiederholten Treffer. Eine echte Logitech-Adresse taucht über mehrere Läufe immer wieder auf, das ist das Erkennungszeichen. Mit etwas Geduld, Maus dabei bewegen und jeden Durchlauf sauber mit OK beenden, damit die App überhaupt speichert, hat sich am Ende die Adresse 086A98E03C als die stabile, echte herauskristallisiert. Das Erkennen klappt also, aber es ist selbst schon eine Hürde und nicht der Sofort-Erfolg, den man sich vorstellt.
Die offene Maus lässt sich mit demselben Radio mitschnüffeln, man sieht rohe Pakete. Passwörter sind da natürlich keine drin, nur Bewegung und Klicks. Genau das ist der greifbare Beleg für „die Maus funkt im Klartext“.
Und jetzt der eigentliche Versuch. Ich habe einen einfachen Texteditor auf dem Notebook geöffnet und ihm den Fokus gegeben. Der Mouse Jacker bekam die ersniffte Adresse 086A98E03C und ein harmloses Skript, das nur den Text MOUSEJACK-TEST-0810 tippen sollte, sonst nichts. Der Flipper zeigte „Running duckyscript“.
Mouse Jacker feuert das Skript gegen die Adresse. Auf dem gepatchten Empfänger landet keine einzige Taste.
Im Editor erschien nichts. Keine einzige Taste kam durch. Das ist kein Misserfolg des Versuchs, sondern das erwartete Verhalten an einem Empfänger, der über dem MouseJack-Fix liegt.
Hier bleibe ich bei der Ursache ehrlich, das ist mir wichtig. „Nichts passiert“ allein trennt nicht sauber, ob die Firmware das Paket abgewiesen hat oder ob die ersniffte Adresse nicht exakt der Empfänger war. Um das isoliert zu beweisen, müsste ein bewusst verwundbarer Vergleichs-Empfänger danebenstehen, an dem derselbe Angriff gelingt, und der stand hier nicht daneben. Sicher ist: die klassische MouseJack-Übernahme aus der Ferne, ohne Anfassen, gelang an diesem aktuellen Setup mit RQR12.11 nicht, und das passt dazu, dass fwupd die Firmware als aktuell und über dem Fix meldet. Mehr behaupte ich an dieser Stelle nicht. Das ist gemessen, die Deutung der Ursache ist plausibel, aber nicht bewiesen.
Nur eine von mehreren Möglichkeiten
Der Flipper ist nur ein Weg, und ehrlich gesagt der bequeme für unterwegs. Damit klar ist, was sonst noch geht:
Crazyradio PA, ein nRF24-USB-Stick mit der Bastille-Firmware plus jackit. Das klassische MouseJack-Werkzeug, läuft am Laptop und kann mitschreiben.
nRF52840-Dongle mit Logitacker von Marcus Mengs. Das moderne Werkzeug, das auch die 2019er-Lücken kann, inklusive der Kopplungs-Lücke CVE-2019-13052. Genau dieses Gespann kommt im zweiten Teil zum Einsatz.
Raspberry Pi mit nRF24-Modul. Möglich, aber deutlich fummeliger, weil das Timing schlechter ist als bei einer dedizierten Crazyradio.
Die Grenze des Flippers ist dabei klar. Er ist gut zum Erkennen und für den MouseJack-Versuch, aber er leitet keine Schlüssel ab und entschlüsselt keine Tastatur. Dafür braucht es Logitacker auf dem nRF52840, und das ist der zweite Teil.
Was ich für sichere Umgebungen empfehle
Kein Wischiwaschi, eine klare Rangfolge.
Kabel. Eine USB-Tastatur funkt gar nicht. Für alles, wo wirklich Geheimes getippt wird, ist das die ruhigste Lösung.
Logi Bolt oder eine sauber gekoppelte Bluetooth-Verbindung mit Secure Connections. Verschlüsselt und authentifiziert, also auch gegen Einschleusen geschützt.
Aktuelles Unifying. Völlig brauchbar, wenn die Empfänger-Firmware gepflegt ist. Die Tastatur ist verschlüsselt, die Fernübernahme ist zu. Das Restrisiko ist die Kopplungs-Lücke.
Alles ohne Verschlüsselung, KeySniffer-Klasse, gehört ersetzt. Da hilft kein Update.
Dazu zwei Handgriffe, die jeder machen kann. Die Firmware der Empfänger aktuell halten, mit fwupdmgr, das ist eine Minute Arbeit. Und Geräte nur in vertrauenswürdiger Umgebung koppeln, nicht im Café und nicht im vollen Großraumbüro, wegen genau dieser Kopplungs-Lücke CVE-2019-13052.
Eine kurze Entscheidungshilfe für das eigene Funk-Setup.
Was offen bleibt
Warum das Einschleusen genau scheiterte. Der Durchlauf ist gemessen, der Sniffer findet 086A98E03C und die Injektion landet nichts, aber ob die Firmware abwies oder die ersniffte Adresse nicht exakt saß, ist ohne einen verwundbaren Vergleichs-Empfänger nicht isoliert nachgewiesen.
Die Kopplungs-Lücke CVE-2019-13052 ist beschrieben, aber nicht vorgeführt. Das ist der Kern des zweiten Teils.
Ob sich auf genau diesem nRF24-Modul die Adresse zuverlässig mitschneiden lässt, hängt von Kanal und Timing ab und ist nicht erschöpfend getestet.
Ob die MX Keys selbst per fwupd ein Firmware-Update bekommen könnte, habe ich nicht geprüft, nur die beiden Empfänger.
Reichweite und Störumgebung. Alle Aussagen zum Mithören beziehen sich auf die Laborsituation direkt am Gerät.
Wie es weitergeht
Im nächsten Teil wird nicht nur erklärt, sondern gemacht. Mit einem nRF52840-Dongle und Logitacker schneide ich den Kopplungsvorgang einer Unifying-Tastatur mit, leite daraus den Schlüssel ab und lese die Eingaben mit. Das ist die Design-Lücke CVE-2019-13052, und sie betrifft auch die aktuelle Firmware, an der der Flipper heute noch abgeprallt ist. Aus „die Tastatur ist verschlüsselt“ wird dann „und trotzdem lesbar, wenn ich im richtigen Moment dabei war“. Das ist der interessante Teil, und er kommt.
Bezugsquellen
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Wenn ich irgendwo danebenliege, korrigiert mich gerne, dann lerne ich selbst etwas. Ich bin ja auch nur doof ;-). Und die Frage an euch zum Schluss: Nutzt ihr Funk oder Kabel, und habt ihr je nachgesehen, ob eure Tastatur überhaupt verschlüsselt funkt? Wie das geht, wisst ihr jetzt. Wenn ihr mögt, dürft ihr mich dazu sehr gerne fragen.
Es gibt Dinge, die unter Linux in der breiten Masse vernachlässigt werden. Secure Boot ist so ein Beispiel, TPM ist ein anderes. Vielleicht ist es an der anfangs bescheidenen Unterstützung gescheitert, vieleicht sind die Themen technisch einfach unangenehm, am ehesten aber liegt es daran, dass der Mehrwert für die meisten überschaubar bleibt. Heute nehme ich mir den TPM vor.
Aufgefallen ist mir der Chip zweimal. Das erste Mal, als er durch die Medien ging, weil die Angst groß wurde, Microsoft mache damit unsere IT kaputt, und weil jemand anfing, sehr viele Patente einzureichen. Das zweite Mal viele Jahre später, als TPM 2.0 zur harten Voraussetzung für Windows 11 wurde. Dazwischen lagen zwanzig Jahre, in denen der Chip in fast jedes Endgerät gewandert ist, ohne dass sich jemand dafür interessiert hat.
In Notebooks und Fertig-PCs ist er heute meist fest verlötet. Bei Server-Mainboards kauft man ihn dagegen als Option dazu, ein kleines Steckmodul auf einem eigenen Header. Der Chip in meinem Testgerät ist ein Infineon OPTIGA SLB 9670, und genau dieselbe Chip-Familie sitzt auf den steckbaren TPM-Modulen für Supermicro-Boards. Damit schließt der Beitrag an die BIOS-Serie an, in der ich mich gerade Menü für Menü durch ein Serverboard arbeite.
Das nachgerüstete TPM-Modul für den JTPM1-Header, hier freigestellt. Auf der Rückseite steckt ein echter Infineon SLB9670. Bei vielen Server-Boards gehört der Chip nicht zum Lieferumfang.
Erst die Geschichte, dann die Hände in den Chip. Alle Ausgaben hier sind echt und stammen vom 10. August 2026, gemessen auf einem Fujitsu Celsius H780 mit Linux Mint 22.3, Kernel 7.0.0-28-generic und tpm2-tools 5.6. Wo ich etwas nur aus Dokumentation kenne oder wo ich vermute, steht das dabei.
Angefangen hat alles mit einer Seriennummer in der CPU
Mitte der neunziger Jahre wollte Intel eine Identifizierungsfunktion direkt in den Prozessor bringen. Der erste Schritt war 1999 die Prozessor-Seriennummer im Pentium III, eine eindeutige Kennung, die jede Software auslesen konnte. Der öffentliche Widerstand war so heftig, dass Intel zurückzog. Das Vorhaben verschwand aber nicht, es suchte Deckung in einem Konsortium. Dieses Detail ist wichtig, weil es das Muster für alles setzt, was danach kam.
1999 gründeten Compaq, HP, IBM, Intel und Microsoft die Trusted Computing Platform Alliance, kurz TCPA. Im April 2003 wurde daraus die Trusted Computing Group, TCG, getragen von AMD, HP, IBM, Intel und Microsoft. Aus einer Firmenidee war ein Industriestandard geworden.
Der Chip, der nach einem Senator benannt wurde
In der Debatte bekam der TPM den Spottnamen „Fritz-Chip“. Der Name ging auf den US-Senator Fritz Hollings aus South Carolina zurück, der den CBDTPA vorantrieb, ein Gesetzesvorhaben, das Kopierschutz in aller Consumer-Elektronik verpflichtend machen sollte. Der Spottname war also ein politischer Vorwurf und keine technische Bezeichnung. Er hat trotzdem länger gehalten als das Gesetz, aus dem er kam.
Vertrauen, aber nicht dein Vertrauen
Ross Anderson von der Universität Cambridge schrieb 2002 und 2003 die Trusted Computing FAQ. Dieses Dokument hat die Debatte stärker geprägt als jede Herstellerankündigung, und es liegt bis heute unverändert online. Sein Kernargument in einem Satz: bei „Trust“ geht es nicht darum, dass der Nutzer dem Rechner vertraut, sondern darum, dass der Rechner dem Nutzer nicht vertraut.
Richard Stallman legte 2002 mit „Can you trust your computer?“ nach und prägte den Gegenbegriff treacherous computing, verräterisches Rechnen. Die FSF benutzt ihn heute noch. IBM antwortete mit einer Gegendarstellung von David Safford, „Clarifying Misinformation on TCPA“.
Die EFF ging einen dritten Weg, und der ist der interessanteste. Seth Schoen veröffentlichte im Oktober 2003 Trusted Computing: Promise and Risk und schlug ein konkretes Feature vor, den Owner Override. Der Eigentümer des Rechners sollte die Attestierung überstimmen können, seinem Bank-Server also erzählen dürfen, sein Opera sei ein Internet Explorer. Die Kritik hatte damit einen Reparaturvorschlag und war nicht bloß dagegen. Die TCG hat den Owner Override nie übernommen.
Microsoft nannte sein eigenes Vorhaben Palladium und benannte es am 24. Januar 2003 in Next-Generation Secure Computing Base um, NGSCB. Der Name wurde harmloser, die Architektur blieb dieselbe.
Zwei Patente von 2001, und ein Cypherpunk der zurückschoss
Im Dezember 2001 wurden Microsoft zwei Patente erteilt. Das eine ist US 6,330,670, „Digital rights management operating system“, angemeldet im Januar 1999, erteilt am 11. Dezember 2001, als Erfinder Paul England, John DeTreville und Butler Lampson. Das andere ist US 6,327,652, „Loading and identifying a digital rights management operating system“. Zusammen decken sie viele Grundelemente eines vertrauenswürdigen Betriebssystems ab.
Die Sorge dahinter war handfest und nicht abwegig. Wenn Palladium unter dieses Patent fällt, dann verletzt jeder unabhängige Nachbau das Patent. Also jeder einzelne Entwickler, jedes Open-Source-Projekt, jeder Wettbewerber. Ohne Lizenz von Microsoft kein freies Trusted Computing. Kritiker beschrieben das damals als Kombination aus Patentschutz und faktischem Zwang zur Nutzung, mit deutlich wettbewerbsrechtlichem Geschmack.
Der Gegenzug kam im August 2002 von einem Cypherpunk, der unter dem Namen Lucky Green auftrat. Er meldete selbst ein Patent an, und zwar auf Verfahren, mit denen Software auf einer Palladium- oder TCPA-Plattform gegen Kopieren geschützt werden kann. Der Zweck war offen defensiv: wer die Ansprüche hält, kann verhindern, dass genau diese Anwendungen ausgerollt werden. Auf einem Panel der USENIX Security wurde er gefragt, ob Microsoft nicht einfach Prior Art geltend machen könne. Sein Argument: Prior Art müsste unter Eid erklärt werden, und nach Jahren Arbeit am Projekt und einem ausführlichen eigenen DRM-Patent sei kaum vorstellbar, dem Palladium-Team wäre relevante Prior Art entgangen. Im September 2002 hielt er zusätzlich einen Vortrag mit dem Titel „TCPA: the mother(board) of all Big Brothers“.
Was daraus geworden ist
Die Auflösung ist unbequemer, als es beide Lager damals gedacht haben. NGSCB ist gescheitert, aber nicht an den Patenten. Im Mai 2004 stellte Microsoft die vollständige Architektur zurück, und die Begründung war wirtschaftlich: die Hardware-Landschaft war nicht reif, und vor allem waren die unabhängigen Softwarehersteller nicht bereit, ihre Anwendungen auf die nötigen neuen APIs umzuschreiben. Curtained Memory und der Nexus-Kernel fielen weg, die TPM-Unterstützung blieb übrig.
Der Chip selbst wurde offen. Nach TPM 1.2 kam TPM 2.0, veröffentlicht 2014 und als ISO/IEC 11889 internationaler Standard. Die TCG stellt die Referenz-Implementierung unter eine royalty-free Copyright-Lizenz, das Patentregime zwischen den Mitgliedern ist RAND. Damit war der Nachbau möglich und dem Patenthebel die Grundlage entzogen.
Linux hat es dann einfach implementiert. Der Treiber tpm_tis sitzt im Kernel, IBM brachte TrouSerS für TPM 1.2, für TPM 2.0 entstand mit Beteiligung von Intel und TCG der tpm2-tss-Stack samt tpm2-tools. Seit Linux 4.12 gibt es den Resource Manager im Kernel unter /dev/tpmrm0, wodurch der frühere Userspace-Daemon tpm2-abrmd für die meisten Fälle überflüssig wurde. Nichts davon brauchte eine Lizenz von Microsoft.
Die befürchtete Abriegelung kam trotzdem, nur von woanders. Kein einziger der Horror-Fälle aus der TCPA-FAQ wurde durch den TPM Realität. Wo Nutzer heute tatsächlich ausgesperrt werden, steckt eine andere Technik dahinter: Widevine beim Streaming, Play Integrity und früher SafetyNet bei Android, verriegelte Bootloader bei Telefonen, die Secure Enclave bei Apple, Attestierung bei Spielkonsolen. Der TPM wurde stattdessen ein langweiliger Schlüsselspeicher.
Ein Teil der Angst hat sich dann doch erfüllt, nur in anderer Form. Windows 11 macht TPM 2.0 zur harten Voraussetzung, und damit gilt funktionierende Hardware plötzlich als nicht unterstützt. Das ist keine DRM-Geschichte, sondern eine Elektroschrott- und Lebensdauer-Geschichte. Der Mechanismus ist aber derselbe: eine Hardware-Eigenschaft entscheidet, was auf dem Gerät laufen darf.
Und dann kam der Kreis zurück. 2023 schlugen Chrome-Entwickler bei Google die Web Environment Integrity API vor. Der Browser sollte sich von einer Vertrauensinstanz einen Nachweis über seine Umgebung ausstellen lassen, den Webseiten dann prüfen können. Das ist praktisch Wort für Wort das Szenario, vor dem Anderson zwanzig Jahre früher gewarnt hatte, nur ohne TPM. Nach massivem Widerstand zog Google den Vorschlag im November 2023 für Chromium auf dem Desktop zurück.
Hat die Patentanmeldung von damals also geholfen?
Das ist die Frage, mit der ich in die Recherche gegangen bin, und die Antwort ist zweiteilig. Die defensive Patentanmeldung hat, soweit öffentlich nachvollziehbar, nichts bewirkt. Es gibt kein erteiltes Patent, das man heute als den Grund benennen könnte, warum TCPA-DRM nicht kam. Der Gegenzug war eine wirksame Geste, aber kein wirksames Rechtsmittel. Gewirkt hat etwas anderes: erstens die Wirtschaftlichkeit, weil die Softwarehersteller nicht umschreiben wollten und es damit kein Produkt gab, zweitens die Öffnung der Spezifikation und die ISO-Standardisierung, die den Nachbau erlaubten.
Der zweite Teil verdient Anerkennung. Die Kampagne selbst hat gewirkt, nur nicht juristisch, sondern politisch. Der Lärm um TCPA hat plausibel dazu beigetragen, dass die TCG die Spezifikation öffnete, die aggressivsten Ideen fallen ließ und dass Fernattestierung zwanzig Jahre lang aus dem Consumer-Web draußen blieb. Als der Versuch 2023 mit Web Environment Integrity wiederkam, war das Muster des Widerstands eingeübt und der Vorschlag nach Monaten weg. Wichtig dabei: das ist meine Deutung. Die Kausalkette von der Kampagne 2002 zur offenen Spezifikation 2014 ist nirgends dokumentiert, das ist ein Plausibilitätsargument und keine Messung.
Bleibt der Eindruck: die Angst war berechtigt und falsch adressiert. Berechtigt, weil die Mechanik der Fernattestierung tatsächlich genau das kann, was befürchtet wurde. Falsch adressiert, weil der TPM davon der harmloseste Teil war und am Ende zu dem wurde, was jetzt kommt. Ein langsamer, sturer kleiner Chip, der Schlüssel nicht herausgibt.
Erst suchen, ganz ohne TPM-Werkzeug
Bevor ihr irgendetwas installiert: der Kernel weiß längst, ob da ein Chip sitzt. Er sagt es beim Start.
Drei Dinge stehen da drin. In der ersten Zeile übergibt UEFI die Adresse des Event-Logs, TPMEventLog=0x798c0018, also der Liste aller Messungen aus dem Startvorgang. Dann die ACPI-Tabelle TPM2, über die die Firmware mitteilt, wo und wie der Chip ansprechbar ist. Und in der letzten Zeile das Ergebnis: der Treiber tpm_tis hat unter der ACPI-Kennung MSFT0101 ein TPM der Version 2.0 gefunden.
Danach existieren zwei Gerätedateien, und der Unterschied zwischen ihnen ist wichtig.
# ls -la /dev/tpm*
crw-rw---- 1 tss root 10, 224 Aug 10 09:31 /dev/tpm0
crw-rw---- 1 tss tss 252, 65536 Aug 10 09:31 /dev/tpmrm0
/dev/tpm0 ist der rohe Zugang zum Chip. Daran kann genau ein Prozess gleichzeitig arbeiten, und wer die Ressourcen im Chip verwaltet, ist selbst dafür verantwortlich. /dev/tpmrm0 geht über den Resource Manager im Kernel, der das Ein- und Auslagern der Schlüssel-Kontexte übernimmt und mehrere Nutzer nebeneinander erlaubt. In der Praxis nimmt man immer /dev/tpmrm0, und die tpm2-tools tun das von sich aus.
Die Version steht ebenfalls im sysfs, und die solltet ihr prüfen, bevor ihr weiterlest.
# ls /sys/class/tpm/tpm0/
dev device pcr-sha1 pcr-sha256 power ppi subsystem tpm_version_major uevent
# cat /sys/class/tpm/tpm0/tpm_version_major
2
Eine 2 heißt TPM 2.0 und alles in diesem Beitrag gilt. Eine 1 heißt TPM 1.2, und dann gilt fast nichts davon, weil es ein anderer Standard mit einem anderen Software-Stack ist. Nebenbei verrät das Verzeichnis noch etwas: es gibt eine pcr-sha1– und eine pcr-sha256-Bank, der Chip führt die Messregister also in zwei Hash-Verfahren parallel.
Und weil der Kernel das ohnehin bereitstellt, kommt hier der erste kleine Aha-Moment, noch ganz ohne installiertes Paket. Die Messwerte des Startvorgangs liegen als Dateien herum.
Das sind drei der Platform Configuration Register, kurz PCR. Merkt euch den Wert von PCR 7, der taucht später mehrfach auf.
Die Falle mit lsmod
Das ist eine häufige Fehldiagnose, deshalb steht sie hier als eigener Punkt. Auf meinem Testsystem liefert lsmod | grep tpm nämlich schlicht nichts. Kein Modul, keine Ausgabe. Der Chip arbeitet trotzdem einwandfrei, weil tpm_tis in diesen Kernel fest eingebaut ist und deshalb in der Modulliste gar nicht erscheinen kann. Wer nach lsmod urteilt, hält ein funktionierendes TPM für abwesend. Fragt stattdessen nach der Treiberbindung.
# ls -l /sys/class/tpm/tpm0/device/driver
lrwxrwxrwx 1 root root 0 Aug 10 09:31 /sys/class/tpm/tpm0/device/driver -> ../../../bus/platform/drivers/tpm_tis
# cat /sys/class/tpm/tpm0/device/modalias
acpi:MSFT0101:MSFT0101:
Der Symlink zeigt, welcher Treiber das Gerät tatsächlich bedient. Das ist die Antwort auf die Frage, die lsmod nicht beantworten kann.
Wenn nichts auftaucht
Bleibt dmesg stumm und existiert kein /dev/tpm0, dann gibt es drei realistische Ursachen, in dieser Reihenfolge.
Im Firmware-Setup abgeschaltet. Die Option heißt je nach Hersteller „Security Device Support“, „TPM State“, „Trusted Computing“, „PTT“ oder „fTPM“. Wo diese Menüs bei einem Serverboard liegen und wie man sich dort zurechtfindet, habe ich in der BIOS-Serie ausführlich aufgeschrieben.
Physisch nicht vorhanden. Bei Server-Boards ist der TPM oft ein steckbares Modul auf einem eigenen Header, bei Supermicro etwa die AOM-TPM-Module auf dem Anschluss JTPM1. Wer ihn nicht mitbestellt hat, hat einen leeren Steckplatz. Bei Notebooks ist der Chip dagegen fast immer verlötet.
Vorhanden, aber als fTPM in der CPU statt als eigener Chip. Woran man das unterscheidet, steht weiter unten, und man liest es an einer einzigen Zeile ab.
Zwei Details aus dem Firmware-Setup, die hier gut passen. Erstens sind SHA-1-Bank und SHA-256-Bank oft getrennt schaltbar. Dass mein Testgerät beide Banks führt, ist also keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Einstellung. Zweitens steht in demselben Menü meist ein TPM Clear. Finger weg, solange ihr nicht genau wisst, was daran hängt. Ein Clear wirft die Hierarchien im Chip weg, und damit ist alles, was gegen diesen Chip versiegelt war, unwiederbringlich verloren. Auch der BitLocker-Schlüssel eines parallel installierten Windows.
Die Schichten, bevor das erste Paket installiert wird
Es hilft, den Stack einmal von unten nach oben gesehen zu haben. Sonst installiert man ein Paket und wundert sich später, welche der vielen Bibliotheken wofür zuständig ist.
Der Weg eines Kommandos vom Werkzeug bis in den Chip. Über /dev/tpm0 arbeitet genau ein Prozess, über /dev/tpmrm0 mehrere.
Ganz unten der Chip, darüber der Kerneltreiber, darüber die beiden Gerätedateien. Erst dann kommt Userspace: die TCTI-Schicht kümmert sich um den Transport zur Gerätedatei, die ESAPI-Schicht um Kommandos, Sessions und HMAC-Absicherung. Ganz oben die drei Werkzeuge, die man tatsächlich in die Hand nimmt. Für die Pflichtausstattung reichen zwei Pakete.
Paket
Wofür
tpm2-tools
die tpm2_*-Kommandozeile, alles in diesem Beitrag läuft darüber
libtss2-*
der TSS2-Stack darunter, meist schon über systemd installiert
Dazu zwei optionale, die ich beide benutze, weil sie den Chip an Software anschließen, die von TPM nichts wissen muss.
Paket
Wofür
tpm2-openssl
Provider für OpenSSL 3, Schlüssel im Chip über die gewohnten openssl-Aufrufe
libtpm2-pkcs11-1 und libtpm2-pkcs11-tools
PKCS#11-Schnittstelle, damit SSH und Browser den Chip nutzen können
Und zwei, die ich ausdrücklich nicht installiere.
Paket
Warum nicht
tpm2-abrmd
Resource Manager im Userspace mit D-Bus-Schnittstelle. Seit Linux 4.12 macht der Kernel das über /dev/tpmrm0 selbst. Das Projekt ist nicht tot, es wird weiter gepflegt und ist für Simulatoren, Tests und manche Integrationen nach wie vor sinnvoll. Beides parallel zu betreiben führt aber zu Konflikten, deshalb hier bewusst nur der Kernel-Weg.
clevis, clevis-tpm2
binden ausschließlich LUKS2-Header. Ohne LUKS nutzlos, und auf diesem Gerät gibt es kein LUKS.
Auf meinem Mint 22.3 sind damit tpm2-tools 5.6, tpm2-openssl 1.2.0 und tpm2-pkcs11 1.9.0 gelandet. Der TSS2-Stack war schon da, den bringt systemd mit. Auf Fedora und RHEL heißt das Hauptpaket ebenfalls tpm2-tools, dazu tpm2-tss, unter Arch genauso tpm2-tools mit tpm2-tss als Abhängigkeit.
Eine Kleinigkeit, über die jeder beim ersten Mal stolpert: /dev/tpmrm0 gehört tss:tss. Entweder arbeitet ihr mit sudo, oder ihr nehmt euren Benutzer in die Gruppe tss auf. Die Rechte in der Ausgabe von ls -la /dev/tpm* weiter oben sagen genau das, crw-rw---- und keine Rechte für alle anderen.
Spricht der Chip?
Es gibt drei Stufen, aufsteigend im Aussagewert. Die erste ist der Lebenstest.
# tpm2_getrandom --hex 16
Kommen 16 Bytes zurück, dann funktioniert die ganze Kette von der Bibliothek über die Gerätedatei bis in die Hardware. Der Zufall kommt dabei wirklich aus dem Chip, und er ist gemächlich, dazu unten die Zahlen. Stufe zwei ist tpm2_getcap properties-fixed, da sagt der Chip, wer er ist. Stufe drei ist tpm2_getcap properties-variable, da sagt er, in welchem Zustand er ist. Beide sind gleich interessant, nur aus unterschiedlichen Gründen.
Rohe Hex-Werte, die plötzlich Sinn ergeben, wenn man sie einmal übersetzt. Das ist einer meiner Lieblingsmomente an dem ganzen Thema.
TPM2_PT_MANUFACTURER: 0x49465800 ist ASCII IFX, also Infineon.
VENDOR_STRING_1 und _2 ergeben zusammengesetzt SLB9 und 670, also ein Infineon OPTIGA SLB 9670.
TPM2_PT_REVISION: 0x74 ist Spezifikations-Revision 1.16, datiert auf Tag 265 des Jahres 2016.
FIRMWARE_VERSION_1: 0x7003F ist Firmware 7.63.
TPM2_PT_PCR_COUNT: 0x18 sind 24 PCRs.
TPM2_PT_HR_PERSISTENT_MIN: 0x7 heißt, dass nur sieben persistente Schlüsselplätze garantiert sind. Diese Zahl wird später richtig wichtig.
TPM2_PT_NV_COUNTERS_MAX: 0x8 sind genau acht monotone Zähler.
Und dann TPM2_PT_NV_INDEX_MAX: 0x680, also 1664. Hier lauert eine Fehldeutung, die in vielen Texten steht: das ist nicht der gesamte NV-Speicher des Chips, sondern die maximale Größe eines einzelnen NV-Index-Datenbereichs. Wie viel NV insgesamt frei ist, sagt diese Eigenschaft überhaupt nicht. Das steht im Datenblatt des Herstellers und liegt bei diesem Chip im Bereich einiger Kilobyte. Ich habe es nicht ermittelt, also behaupte ich hier auch keine Gesamtgröße.
Diskreter Chip oder fTPM in der CPU
Diese Unterscheidung ist keine Nebensächlichkeit, und man liest sie direkt am Hersteller-String ab.
Hersteller-String
Was es ist
IFX, NTC, STM, IBM
diskreter Chip auf dem Board oder auf einem Steckmodul
INTC
Intel Platform Trust Technology, läuft in der Management Engine
AMD
AMD fTPM, läuft im Platform Security Processor
Ein diskreter Chip hängt an einem physischen Bus, den man anzapfen kann. Ein fTPM hat diesen Bus nicht, dafür hat er andere Probleme. Beides kommt im Angriffs-Abschnitt zurück.
Für mein Testsystem ist die Sache klar: IFX, also ein diskreter Infineon SLB 9670. Aus Linux-Sicht hängt er als memory-mapped TIS an der ACPI-Kennung MSFT0101 und wird von tpm_tis bedient. Ob die physische Leitung dahinter LPC oder SPI ist, lässt sich aus dem Betriebssystem allein nicht entscheiden, weil der PCH einen SPI-TPM auch als MMIO-TIS durchreichen kann. Das ist also plausibel, aber nicht gemessen. Die einzige echte Antwort wäre ein Foto vom offenen Gerät, und dafür müsste das Notebook auseinander.
32 Fehlversuche, und deshalb reicht eine kurze PIN
Jetzt der Zustand, und das ist der wichtigste einzelne Abschnitt des ganzen Beitrags, weil er später alles trägt.
Diese drei Werte werden fast immer verwechselt, also einmal sauber.
MAX_AUTH_FAIL: 0x20 sind 32 fehlgeschlagene Authentifizierungsversuche, danach sperrt der Chip.
LOCKOUT_INTERVAL: 0x1C20 sind 7200 Sekunden, also 2 Stunden. Nach dieser Zeit wird der Fehlerzähler um genau eins verringert.
LOCKOUT_RECOVERY: 0x15180 sind 86400 Sekunden, also 24 Stunden. Das ist aber nicht die Erholung des normalen Zählers, sondern die Wartezeit, bevor nach einem fehlgeschlagenen Versuch mit lockoutAuth erneut mit lockoutAuth gearbeitet werden darf.
Einmal vorgerechnet, weil die Zahlen so viel deutlicher sind: ein einzelner Fehlversuch altert nach 2 Stunden aus. Von 32 verbrauchten Versuchen zurück auf null dauert also 64 Stunden und nicht 24.
Und das ist der eigentliche Mehrwert des ganzen Bauteils. Der Chip zählt Fehlversuche und sperrt. Deshalb reicht bei einem TPM eine sechsstellige PIN, wo ein Passwort-Hash auf der Platte eine Passphrase mit hoher Entropie bräuchte. Wer die Platte hat, probiert Millionen Passphrasen pro Sekunde durch. Wer vor dem TPM sitzt, bekommt 32 Versuche und darf dann zwei Stunden warten, um einen einzigen zurückzubekommen. Die Stärke kommt nicht aus dem Geheimnis, sie kommt aus der Hardware, die das Raten unterbindet. Fast jeder Text über TPM lässt diesen Punkt weg, und dann klingt die kurze PIN nach Leichtsinn.
Das Geburtszertifikat des Chips
Jetzt kommt der Teil, den ich in keinem der üblichen TPM-Howtos gesehen habe. In dem Chip liegt ab Werk ein Zertifikat, ausgestellt vom Hersteller auf den Endorsement Key. Erst die Liste der belegten NV-Indizes, dann das Zertifikat selbst.
0x1C00002 ist der TCG-Standardindex für das RSA-EK-Zertifikat, 0x1C0000A derselbe für ECC. 1184 Bytes, das passt zu einem X.509-Zertifikat. Also raus damit und mit gewohnten Werkzeugen anschauen.
# tpm2_nvread 0x1C00002 -o ek_rsa.der
WARN: Reading full size of the NV index
# openssl x509 -inform der -in ek_rsa.der -noout -subject -issuer -dates
subject=
issuer=C = DE, O = Infineon Technologies AG, OU = OPTIGA(TM) TPM2.0, CN = Infineon OPTIGA(TM) RSA Manufacturing CA 035
notBefore=Aug 21 14:09:40 2019 GMT
notAfter=Aug 21 14:09:40 2034 GMT
Zwei Dinge fallen sofort auf. Der Aussteller ist eine echte Hersteller-CA, „Infineon OPTIGA(TM) RSA Manufacturing CA 035“, und Infineon hat diesen Chip am 21. August 2019 signiert. Und der Subject ist leer. Ein TPM hat keinen Namen. Die Identität steckt woanders, nämlich in den Erweiterungen.
Der Subject Alternative Name trägt drei TCG-OIDs, und die decken sich exakt mit dem, was der Chip vorher selbst über sich gesagt hat. 2.23.133.2.1 ist der Hersteller, id:49465800, also wieder IFX. 2.23.133.2.2 ist das Modell, SLB 9670 TPM2.0. 2.23.133.2.3 ist die Firmware, id:073f, was genau die 7.63 von oben bestätigt. Die Extended Key Usage 2.23.133.8.1 ist tcg-kp-EKCertificate, dieses Zertifikat darf also nichts anderes sein als der Nachweis eines Endorsement Keys. Und Infineon veröffentlicht dazu eine Sperrliste.
Was ich hier bewusst weglasse, sind die Zertifikats-Seriennummer und der öffentliche EK-Schlüssel. Beide kennzeichnen dauerhaft und eindeutig genau dieses eine Notebook, und die TCG behandelt den EK aus genau diesem Grund als datenschutzrelevant. Damit erklärt sich beiläufig, warum es überhaupt Attestierungsschlüssel gibt: damit man für eine Attestierung nicht jedes Mal die dauerhafte Chip-Identität vorzeigen muss.
Das hier ist die Wurzel, auf der Fernattestierung aufsetzt. Ein Prüfer kann feststellen, dass in dieser Maschine ein echter, von Infineon signierter TPM sitzt, ohne dem Betriebssystem eine einzige Zeile zu glauben. Genau formuliert beweist das Zertifikat aber nur die Echtheit des Chips. Dass ein bestimmter Attestierungsschlüssel wirklich in diesem Chip liegt, ist ein zusätzlicher Schritt, und den nehme ich mir im Server-Teil vor.
Drei Dinge, alles andere ist Kombination
Bevor irgendein Anwendungsfall kommt: ein TPM bietet im Kern nur drei Dinge an. Alles, was danach als Feature verkauft wird, ist eine Kombination daraus.
Schlüssel, die nicht herauskommen. Ein Schlüssel mit dem Attribut fixedTPM wird im Chip erzeugt und verlässt ihn nie. Man kann ihn benutzen, man kann ihn nicht kopieren.
PCRs, Register die nur wachsen. 24 Register, hier mit SHA-1- und SHA-256-Bank. Man kann sie nicht setzen, nur erweitern, und die Rechenvorschrift dafür ist neu = hash(alt || messwert). Bei den Registern, auf die es ankommt, nämlich PCR 0 bis 15 auf einer PC-Client-Plattform, geht es nur über einen Neustart zurück. Deshalb kann man die Boot-Historie nicht nachträglich fälschen. Zwei Ausnahmen gehören dazu, sonst wird es ungenau: PCR 16 und PCR 23 sind zur Laufzeit zurücksetzbar. PCR 16 ist ausdrücklich als Debug-Register vorgesehen, und genau deshalb benutze ich es weiter unten für die Demonstration. Gegen ein zurücksetzbares PCR versiegelt niemand etwas Echtes.
Sealing, Geheimnisse an einen Zustand binden. Ein Geheimnis wird so verschlüsselt, dass der Chip es nur herausgibt, wenn eine Policy erfüllt ist, typischerweise ein bestimmter PCR-Zustand.
Dazu kommen als Nebenfunktionen die schon erwähnten monotonen Zähler, ein winziger NV-Speicher, ein Zufallszahlengenerator und die Lockout-Logik von oben.
Und weil es das häufigste Missverständnis überhaupt ist, gleich früh und deutlich: ein TPM ist kein Krypto-Beschleuniger, keine Secure Enclave mit eigener Rechenumgebung und kein Schutz gegen einen kompromittierten laufenden Kernel. Er schützt Schlüssel im Ruhezustand und er misst den Startvorgang. Wenn der laufende Kernel übernommen ist, benutzt der Angreifer den TPM einfach mit, ganz höflich über dieselbe Schnittstelle.
Measured Boot in acht Befehlen
Genug Theorie, jetzt der Beweis. Ich baue eine Policy aus dem aktuellen Zustand von PCR 7, erzeuge einen Primary Key im Chip und versiegle damit ein Geheimnis.
Das Geheimnis kommt zurück, weil PCR 7 noch genau den Wert hat, gegen den versiegelt wurde. Schön, beweist aber noch nichts. Interessant wird es erst, wenn sich die Messung ändert.
Dafür wechsle ich auf PCR 16, das Debug-Register. Der Grund ist praktisch: PCR 16 lässt sich ohne Neustart und ohne Firmware-Änderung erweitern, damit ist die Demonstration in einer einzigen Terminal-Sitzung reproduzierbar. Der Mechanismus ist derselbe wie bei PCR 7.
Und jetzt ändere ich die Messung. Das folgende Kommando ist genau das, was ein ausgetauschter Bootloader auch täte, nur mit einem selbstgewählten Messwert.
0x99D ist TPM_RC_POLICY_FAIL. Das Geheimnis liegt noch im Blob, es ist nicht gelöscht, es ist nur unerreichbar, solange PCR 16 diesen Wert trägt. Und jetzt der Punkt, auf den es mir ankommt: das ist keine Zugriffskontrolle im Betriebssystem. Da hat kein Dateisystem eine Berechtigung geprüft und kein Dienst eine Regel angewendet. Das ist eine Weigerung der Hardware. Sudo hilft hier nicht, weil root für diese Entscheidung überhaupt nicht zuständig ist.
Wer was misst, und was am Ende über das Entsiegeln entscheidet.
Und wenn ich das Register einfach zurücksetze?
Das ist die Frage, die jeder aufmerksame Leser an dieser Stelle stellt, und sie ist völlig berechtigt. Bei PCR 16 geht das tatsächlich, ohne Neustart.
Dasselbe Kommando gegen PCR 7 lehnt die Hardware ab.
# tpm2_pcrreset 7
ERROR: Esys_PCR_Reset(0x907) - tpm:warn(2.0): bad locality
ERROR: Could not reset PCR index: 7
ERROR: Unable to run tpm2_pcrreset
0x907 ist TPM_RC_LOCALITY. Der Chip unterscheidet, aus welcher Vertrauensstufe ein Kommando kommt, und root auf dem laufenden System hat die Locality, die zum Zurücksetzen eines Boot-Mess-Registers nötig wäre, gar nicht. Das ist der ganze Unterschied zwischen einem Debug-Register und einem Boot-Mess-Register, ausgedrückt in einer Fehlermeldung.
PCR 16 lässt sich zurücksetzen, PCR 7 nicht. Root ändert daran nichts.
Die Platte startet ohne Passphrase, aber nur mit PIN
Der Klassiker am Arbeitsplatz ist LUKS2 zusammen mit systemd-cryptenroll. Der Nutzen ist echt: das Notebook startet ohne Eingabe, und ein ausgebautes Laufwerk bleibt trotzdem verschlüsselt.
Ehrlichkeit an dieser Stelle: dieses Kommando habe ich nicht ausgeführt, und ich konnte es auch nicht. Die Maschine hat gar kein LUKS, die Wurzel liegt auf ZFS mit der ZFS-eigenen Verschlüsselung, aes-256-gcm. Der Befehl steht hier also als dokumentiertes Verfahren nach Manpage und nicht als Messung.
Das Wichtigste daran ist das --tpm2-with-pin=yes. Ohne PIN entsperrt sich das Gerät für jeden, der es einschaltet, und die Festplattenverschlüsselung schützt dann nur noch gegen den Ausbau der SSD, nicht gegen den Diebstahl des Rechners. Mit PIN greift die Lockout-Logik von weiter oben, und genau dadurch wird eine kurze PIN sicher.
Bei der Auswahl der PCRs gibt es dann einen echten Zielkonflikt, der meist verschwiegen wird.
Nur PCR 7 gebunden übersteht Kernel-Updates, misst aber im Kern nur den Secure-Boot-Zustand. Das ist wenig Aussage für viel Bequemlichkeit.
PCR 7 plus 11 gebunden, zusammen mit einem Unified Kernel Image, erfasst tatsächlich Kernel und initrd. Dafür bricht jedes Kernel-Update die Bindung, wenn man nicht mit signierter Policy arbeitet. Eine wichtige Präzisierung dazu, sonst erklärt man die Folgen falsch: PCR 11 ist kein reines Kernel-Register. systemd-stub misst dort das UKI hinein, danach schreibt systemd-pcrphase im Verlauf des Startvorgangs weitere Phasen-Messungen in dasselbe Register. Der Wert von PCR 11 hängt also davon ab, in welcher Boot-Phase man ihn liest, und genau darauf beruht der Trick, dass ein Geheimnis nur im initrd aufgeht und im laufenden System nicht mehr.
PCR 0 bis 7 gebunden ist die strengste Variante, und dann sperrt euch jedes BIOS-Update aus. Das ist der Grund, warum es systemd-pcrlock gibt, das die erwarteten Messwerte vorab berechnet und die Policy nachzieht. Dieselbe Manpage bezeichnet sich allerdings selbst noch als experimentell.
Wer welches Register wofür benutzt, hat die UAPI Group in einer PCR-Registry für Linux zusammengetragen. Das ist die Tabelle, die man beim Basteln offen haben will.
Eine Lücke betrifft ziemlich viele Linux-Nutzer, deshalb sage ich sie deutlich: systemd-cryptenroll und clevis luks bind schreiben beide in einen LUKS2-Header. Wer seine Wurzel auf ZFS-Native-Encryption hat, hat keinen. Upstream-ZFS bringt keine TPM-Integration mit. Ein TPM-gestütztes Entsperren bräuchte dort ein eigenes tpm2_unseal, das zfs load-key füttert, gebaut ins initramfs. Das ist eine echte offene Baustelle und kein Rezept, das ich hier nebenbei hinschreibe.
Ein SSH-Schlüssel, der keine Datei hat
Das ist mein Lieblings-Anwendungsfall am Arbeitsplatz, weil der Nutzen in einem Satz erklärt ist. Ein Angreifer mit Lesezugriff auf ~/.ssh bekommt nichts Verwendbares. Der Schlüssel kann die Maschine nicht verlassen. Er ist nicht gestohlen, er ist an das Blech gebunden.
Die CKA_ID wird pro Schlüssel erzeugt, bei euch steht dort etwas anderes. Den öffentlichen Teil holt man sich in einem Format, das sshd versteht, direkt über den PKCS#11-Provider.
Diese Zeile wandert wie gewohnt in authorized_keys. Und damit der Nachweis auch etwas wert ist, zeige ich ihn als Vorher und Nachher. Auf dieser Maschine liegt in /root/.ssh nämlich kein einziger privater Schlüssel, es gibt also keine zweite Erklärung für einen erfolgreichen Public-Key-Login.
# ls /root/.ssh/id_*
ls: cannot access '/root/.ssh/id_*': No such file or directory
# ssh -o BatchMode=yes root@localhost true
root@localhost: Permission denied (publickey,password).
Die PIN habe ich für diesen Test über SSH_ASKPASS nicht interaktiv geliefert, im Alltag fragt ssh einfach danach. Richtig sehenswert wird es aber mit -v, denn da erzählt OpenSSH selbst, mit welchem Bauteil es gerade arbeitet.
debug1: provider /usr/lib/x86_64-linux-gnu/pkcs11/libtpm2_pkcs11.so: manufacturerID <tpm2-software.github.io> cryptokiVersion 2.40 libraryDescription <TPM2.0 Cryptoki> libraryVersion 1.9
debug1: provider /usr/lib/x86_64-linux-gnu/pkcs11/libtpm2_pkcs11.so slot 0: label <ssh> manufacturerID <Infineon> model <SLB9670> serial <0000000000000000> flags 0x40d
debug1: Will attempt key: ECDSA SHA256:otJuTNX5LzFzJKqbTu9UoYROpZSXMMWIWMZUe02v1D4 token
debug1: Will attempt key: /root/.ssh/id_rsa
debug1: Will attempt key: /root/.ssh/id_ecdsa
debug1: Will attempt key: /root/.ssh/id_ed25519
debug1: Will attempt key: /root/.ssh/id_dsa
debug1: Offering public key: ECDSA SHA256:otJuTNX5LzFzJKqbTu9UoYROpZSXMMWIWMZUe02v1D4 token
debug1: Server accepts key: ECDSA SHA256:otJuTNX5LzFzJKqbTu9UoYROpZSXMMWIWMZUe02v1D4 token
Drei Sachen daran finde ich stark. Erstens nennt OpenSSH den Chip beim Namen, manufacturerID <Infineon> model <SLB9670>. Der SSH-Client sagt dir, welches Bauteil da gerade unterschreibt. Zweitens steht der TPM-Schlüssel in der Kandidatenliste mit dem Wort token, wo bei allen anderen ein Dateipfad steht, und diese Dateien existieren nicht einmal. Dieser Kontrast in einem Bildschirm ist das ganze Argument: dieser Schlüssel hat keine Datei. Drittens wird der Token-Schlüssel zuerst probiert, noch vor den nicht existierenden Dateien.
OpenSSH nennt Hersteller und Modell des Chips. Der Schlüssel steht als token in der Liste, alle anderen Kandidaten sind Dateien, die es nicht gibt.
Lasst mal kurz etwas heraus zoomen 😀 Meine Frau weist mich grade auf mein RBF hin. Wenn ich so konzentriert am Computer sitze und wie in diesem Fall etwas schreibe, dann schaue ich wohl meinen Monitor an, als wenn ich ihn gleich töten möchte. Tjo, und nun? Nun zoomen wir wieder ins Thema!
Die Zahl, die meine eigene Erwartung widerlegt hat
Meine Annahme vor der Messung war schlicht: eine ECDSA-Signatur kostet im Chip rund 97 Millisekunden, also merkt man beim Login nichts. Gemessen kommt etwas anderes heraus.
Weg
5 Logins
pro Login
Aufschlag
Schlüssel auf der Platte, Referenzwert
1,552 s
etwa 310 ms
Referenz
PKCS11Provider bei jedem Aufruf
8,013 s
etwa 1603 ms
etwa 1293 ms
Token einmal im ssh-agent
2,806 s
etwa 561 ms
etwa 251 ms
Die Ursache ist lehrreich. Bei PKCS11Provider baut ssh bei jedem einzelnen Login die komplette Kette neu auf: Store öffnen, Primary Key im TPM erzeugen, Kindschlüssel laden, signieren. Allein die Erzeugung des Primary Keys habe ich weiter oben mit 0,537 Sekunden gemessen. Die eigentliche Signatur ist damit der kleinste Posten in der Rechnung.
# ssh-add -s /usr/lib/x86_64-linux-gnu/pkcs11/libtpm2_pkcs11.so
Card added: /usr/lib/x86_64-linux-gnu/pkcs11/libtpm2_pkcs11.so
# ssh-add -l
256 SHA256:otJuTNX5LzFzJKqbTu9UoYROpZSXMMWIWMZUe02v1D4 /usr/lib/x86_64-linux-gnu/libtpm2_pkcs11.so.1.9.0 (ECDSA)
# time (for i in 1 2 3 4 5; do ssh root@localhost true; done)
real 0m2.806s
Mit ssh-add -s passiert diese Initialisierung einmal pro Sitzung statt einmal pro Verbindung, und die PIN wird auch nur einmal abgefragt. Zwei Gründe, dieselbe Empfehlung, also ganz klar: nehmt ssh-add -s und nicht PKCS11Provider bei jedem Aufruf.
Zur Messhygiene, wie immer: fünf Logins pro Zeile über Loopback, jeweils mit vollem Verbindungsaufbau und Prozessstart, kleine Stichprobe, keine Streuung berechnet. Das sind Größenordnungen und keine Benchmarks.
Der Nebeneffekt, den niemand erwähnt
Diesen Punkt habe ich selbst erst beim Aufräumen gemerkt, und jeder, der dem SSH-Abschnitt folgt, läuft hinein. tpm2_ptool init legt stillschweigend einen Primary Key an und macht ihn persistent im Chip. Vor der Demo waren drei persistente Handles belegt, danach vier.
Und jetzt zurück zu einer Zahl von weiter oben: TPM2_PT_HR_PERSISTENT_MIN ist auf diesem Chip 0x7. Garantiert sind also nur sieben persistente Plätze, und drei davon waren schon vorher weg. Wer bei jedem Basteln ein Handle liegen lässt, macht den Chip irgendwann voll. Den eigenen Müll findet und räumt man so weg:
Dazu eine Warnung, die ich nicht deutlich genug schreiben kann: räumt niemals Handles weg, die ihr nicht selbst angelegt habt. Die drei anderen lagen auf meinem Gerät schon vorher dort, vermutlich aus der Hersteller-Provisionierung oder aus einem früheren Windows-Leben. Wer einen fremden Primary Key entfernt, vernichtet alles, was darunter versiegelt war. Der sichere Weg führt über den Token-Store, denn dort steht das Handle drin, das zum eigenen Werkzeug gehört. Bei mir war es genau das 0x81000000 aus der Ausgabe oben, und ich habe vor dem Entfernen im Store nachgesehen, statt der Reihenfolge zu vertrauen.
Schlüssel im Chip, benutzt über OpenSSL
Für alles, was kein PKCS#11 spricht, gibt es den OpenSSL-3-Provider. Der schönste Moment daran ist ein PEM-Header.
Diese Datei enthält keinen privaten Schlüssel. Sie enthält einen Blob, den ausschließlich dieser eine Chip auspacken kann. Kopiert die Datei auf eine andere Maschine und sie ist wertlos. Signieren geht im Chip, prüfen geht überall.
Zum Prüfen habe ich nur den Standard-Provider gebraucht. Es ist eine ganz normale ECDSA-Signatur, die Gegenseite muss von einem TPM überhaupt nichts wissen. Deshalb lässt sich das in bestehende PKI einbauen, ohne irgendetwas umzustellen, und damit gehen Client-Zertifikate für VPN, 802.1X, mTLS und auch AWS IAM Roles Anywhere.
Der Zufallsgenerator, ehrlich klein geredet
Auf diesem System ist der TPM tatsächlich der Hardware-Zufallsgenerator, den der Kernel benutzt.
Der Nutzen davon ist vorhanden, aber klein. Moderne CPUs haben RDRAND, der Kernel hat einen guten Entropiepool, und rund 67 Millisekunden pro tpm2_getrandom-Aufruf sind für nichts geeignet, was Durchsatz braucht. Als zusätzliche, unabhängige Quelle im Pool ist es geschenkt und in Ordnung. Mehr würde ich daraus nicht machen.
Fernattestierung, der eigentliche große Fall
Auf Servern liegt der größere Nutzen, nicht am Arbeitsplatz. Das Problem zuerst: bei einer Kiste im Rechenzentrum oder in der Colo weiß man normalerweise nicht, ob sie noch die Software fährt, die man dort installiert hat. Alles, was man fragen kann, ist der Server selbst. Und wenn er kompromittiert ist, lügt er.
Der TPM löst das, weil er eine Aussage über den Startvorgang signiert, die das Betriebssystem nicht fälschen kann. Zwei Schlüssel braucht es dafür: den Endorsement Key als Chip-Identität und einen Attestierungsschlüssel, mit dem tatsächlich signiert wird.
Der qualified name ist didaktisch schön, weil er die Abstammung des Schlüssels von seinem Elternschlüssel mit einbezieht. Jetzt das Quote, mit einer Nonce, die sich der Prüfer ausdenkt. Ich nehme deadbeef in Hex.
Der quoted-Blob sieht wie Rauschen aus, ist aber lesbar, wenn man weiß wo man hinschaut.
ff544347 ist die Konstante TPM_GENERATED_VALUE und markiert die Struktur als im TPM entstanden. Wichtig für das Verständnis: sie allein verhindert keine Fälschung. Der Schutz entsteht daraus, dass ein Attestierungsschlüssel ein restricted Signaturschlüssel ist, der nur Daten unterschreibt, die der Chip selbst erzeugt hat. Diese Konstante ist das Erkennungsmerkmal dafür und nicht der Mechanismus.
8018 ist TPM2_ST_ATTEST_QUOTE, der Strukturtyp.
6465616462656566 ist meine Nonce, unverändert zurück. Genau das schlägt einen Replay.
07003f000d1900 ist die Firmware-Version, die in jedem Quote mitläuft. Das ist wieder die 7.63 von oben.
Geprüft wird offline, und zwar mit nichts als dem öffentlichen Attestierungsschlüssel.
Der Ablauf einer Attestierung. Der Prüfer glaubt dem Knoten nichts, er rechnet nach.
Die Lücke, die fast jedes Howto verschweigt
Und hier muss ich mich selbst bremsen, denn die Versuchung ist groß, die beiden vorherigen Abschnitte einfach nebeneinanderzulegen und „echte Hardware bestätigt echten Bootzustand“ daraus zu machen. Das wäre eine Beweiskette mit einem Loch in der Mitte.
tpm2_checkquote mit dem öffentlichen Attestierungsschlüssel beweist genau eine Sache: irgendjemand, der diesen Schlüssel besitzt, hat dieses Quote signiert. Es beweist nicht, dass dieser Schlüssel in demselben Chip steckt, dessen Infineon-Zertifikat ich weiter oben gezeigt habe.
Die fehlende Verbindung heißt Credential Activation. Der Prüfer verschlüsselt dabei ein Geheimnis so, dass es nur ausgepackt werden kann, wenn Endorsement Key und Attestierungsschlüssel im selben TPM liegen, klassisch über TPM2_MakeCredential auf der Prüferseite und TPM2_ActivateCredential auf der Knotenseite. Erst wenn der Knoten das Geheimnis zurückmelden kann, ist bewiesen, dass der Schlüssel zu diesem zertifizierten Chip gehört. Alternativ stellt eine Attestierungs-CA ein echtes AK-Zertifikat aus, nachdem sie diese Prüfung einmal gemacht hat. Wie das im Detail aussieht, steht in RFC 9683. Diesen Schritt habe ich hier nicht durchgeführt. Gemessen sind Quote und Signaturprüfung, die Bindung ist dokumentiertes Verfahren.
Keylime, vier Rollen und ein Prüfer der nicht aufhört
Genau diesen Schritt macht Keylime, und genau deshalb ist Keylime mehr als ein Skript um tpm2_quote herum. Die Architektur hat vier Rollen: einen Agent auf dem Knoten, einen Registrar, einen Verifier und einen Tenant. Der Agent schickt Event-Log, IMA-Hashes und Measured-Boot-Daten, der lokale TPM bürgt für die Echtheit, und über das EK-Zertifikat lässt sich beweisen, dass es überhaupt ein echter TPM ist. Der Verifier prüft dann fortlaufend und nicht nur einmal beim Start.
Damit das nicht nach Bastelei klingt: Keylime läuft in der IBM Cloud als Teil der Compliance-Anforderungen für FedRAMP und HITRUST, und SUSE dokumentiert es offiziell für SUSE Linux Micro. Das ist kein Laborspielzeug.
IMA und EVM, zwei Dinge die ständig verwechselt werden
Beide gehören zur Laufzeit-Integrität, machen aber Verschiedenes.
IMA, die Integrity Measurement Architecture, hasht Dateien beim Zugriff. Im Messmodus schreibt sie die Hashes in ein Kernel-Log und erweitert damit PCR 10. Im Appraisal-Modus verweigert sie zusätzlich die Ausführung, wenn Hash oder Signatur nicht passen.
EVM schützt die zugehörigen erweiterten Attribute, also die Sicherheits-Metadaten der Datei, mit einem HMAC oder einer Signatur. Ohne EVM könnte ein Angreifer mit Schreibrechten die IMA-Attribute einfach mitfälschen.
Der TPM-Bezug liegt bei IMA und bei PCR 10. Eine veränderte Binärdatei erzeugt eine Messung, die im TPM landet und rückwirkend nicht mehr zu entfernen ist, weil PCRs nur wachsen. Zusammen mit Secure Boot und Measured Boot entsteht so eine Kette von der Firmware bis zur einzelnen ausgeführten Datei. Ohne TPM wäre dieses Logbuch fälschbar, mit TPM nicht.
Verschlüsselte Server, die allein neu starten können
Operativ ist das der handfesteste Nutzen im Rechenzentrum. Ein verschlüsselter Server, der nach einem Reboot auf eine Passphrase wartet, ist ein Betriebsproblem, spätestens um drei Uhr nachts. Mit TPM-Bindung startet er durch. Der Zielkonflikt dahinter ist eine echte Architekturentscheidung.
TPM allein. Der Server startet ohne Menschen. Wer den ganzen Server stiehlt, bekommt einen Server, der sich selbst entsperrt.
Tang und Clevis, netzgebunden. Entsperrt nur, wenn der Server einen Tang-Server im eigenen Netz erreicht. Aus dem Rack getragen bleibt er zu. Braucht dafür einen erreichbaren Tang-Server, was beim Kaltstart eines ganzen Rechenzentrums ein Henne-Ei-Problem ist.
Beides kombiniert über Shamir Secret Sharing in Clevis, also zum Beispiel TPM und Tang zusammen.
Meine Empfehlung, und die ist unspektakulär: im eigenen Rack mit eigenem Netz nehmt Tang plus TPM über Clevis, weil dann beide Bedingungen gleichzeitig gelten müssen. Bei einer einzelnen Kiste in fremder Colo nehmt TPM mit PIN und tippt die eben ein, wenn es tatsächlich einen Kaltstart gibt. Ein Server, der sich ohne jede Bedingung selbst entsperrt, ist Verschlüsselung fürs Protokoll und nicht gegen einen Angreifer.
Maschinenidentität, die man nicht in eine VM klonen kann
Ein Schlüssel der die Maschine nicht verlassen kann ist eine Identität, die man nicht mitkopieren kann. Für Zero-Trust-Architekturen ist das der interessante Teil: SPIRE hat dafür einen TPM-Node-Attestor, und für Kubernetes-Knoten, die sich beim Beitritt beweisen sollen, ist das der saubere Weg. Verglichen mit einem Token in einer Cloud-Init-Datei, das jeder mitlesen und in eine beliebige VM kopieren kann, ist das ein anderes Sicherheitsniveau.
Ein TPM für jede VM, und was er nicht leistet
Ein physischer TPM hat genau eine Instanz und lässt sich nicht sinnvoll auf viele Gäste aufteilen. Die Lösung ist ein virtueller TPM pro VM. swtpm stellt dafür eine TPM-2.0-Implementierung im Userspace bereit, QEMU und libvirt binden sie als Gerät in die VM ein. Der Gast sieht ein ganz normales /dev/tpm0 und braucht keine Anpassung. Der Kernel bringt dazu den vTPM-Proxy-Treiber mit, /dev/vtpmx, über den Container und VMs eigene TPM-Instanzen bekommen. Genau so machen es die Cloud-Anbieter, und genau so kommt Windows 11 in einer VM überhaupt an seine TPM-2.0-Voraussetzung.
Die ehrliche Einordnung gehört dazu, weil das in Cloud-Architekturen regelmäßig falsch verstanden wird. Ein vTPM ist Software. Sein Zustand liegt als Datei auf dem Hypervisor. Wer den Hypervisor kontrolliert, kontrolliert den vTPM, und ein Angreifer mit root auf dem Host kann den Schlüsselzustand kopieren. Ein vTPM löst also das Problem „der Gast braucht ein TPM-Interface“, er liefert aber keine Hardware-Vertrauenswurzel für den Gast. Wer echte Attestierung einer VM will, braucht eine Kette, die beim TPM des Hosts beginnt, oder Confidential-Computing-Technik wie AMD SEV-SNP oder Intel TDX.
Zum Schluss noch ein kleiner Anwendungsfall, der technisch nichts Neues ist und praktisch viel bringt: die Datenbank-Zugangsdaten eines Dienstes so versiegeln, dass sie nur auf dieser Maschine und nur in diesem Bootzustand aufgehen. Derselbe Seal-Mechanismus wie oben, nur mit einem anderen Geheimnis. Ein kopiertes Image oder eine in eine VM gehobene Platte bringt die Zugangsdaten dann nicht mit.
Was geht, aber nichts bringt
Dieser Abschnitt ist mir genauso wichtig wie der Nutzen-Teil, also kürze ich ihn nicht ab. Zuerst das Missverständnis, das sich am leichtesten messen lässt.
1. Der TPM als Krypto-Beschleuniger. Gemessen und erledigt.
Operation
Wo
Zeit
RSA-2048-Schlüssel erzeugen
TPM
19,703 s
RSA-2048-Schlüssel erzeugen
CPU, openssl
0,220 s
ECC-P-256-Primary erzeugen
TPM
0,537 s
ECDSA P-256 signieren, 50 mal
TPM
4,862 s
ECDSA P-256 signieren, 50 mal
CPU, openssl
0,286 s
# time tpm2_createprimary -C o -g sha256 -G rsa2048 -c rsa_primary.ctx
real 0m19.703s
user 0m0.039s
sys 0m0.016s
# time openssl genpkey -algorithm RSA -pkeyopt rsa_keygen_bits:2048 -out /dev/null
real 0m0.220s
user 0m0.210s
sys 0m0.010s
Rund 90 mal langsamer bei der RSA-Schlüsselerzeugung. Ein Detail zur Messhygiene ist mir dabei wichtig: während der 19,7 Sekunden liegen user und sys bei 0,039 und 0,016 Sekunden. Die CPU langweilt sich also, die Zeit vergeht wirklich im Chip. Das ist eine Messung des TPM und nicht des Prozess-Overheads.
Die richtige Schlussfolgerung ist nicht, dass der TPM schlecht wäre, sondern dass er kein Beschleuniger ist und nie einer war. Das ist die interessante Kehrseite zu der Krypto-Beschleunigerkarte, die ich neulich gegen dieselbe Klasse moderner CPU gemessen habe. Dort verlor Spezial-Hardware, die schnell sein wollte. Hier verliert sie noch deutlicher, nur ist das kein Befund, sondern die Bauart. Der TPM wollte nie schnell sein, er wollte stur sein.
2. Massendaten im TPM verschlüsseln. Es gibt keinen Datenpfad dafür, und bei den Zahlen von oben erübrigt sich die Diskussion.
3. LUKS nur am TPM, ohne PIN. Technisch drei Minuten Arbeit. Ergebnis ist ein Notebook, das sich für jeden entsperrt, der den Deckel aufmacht. In Kombination mit dem Bus-Sniffing weiter unten ist das nahe an Sicherheitstheater. Wer die Passphrase-Eingabe loswerden will, nimmt die PIN.
4. Der TPM als Passwortspeicher oder Secret Store. Ein einzelner NV-Index kann auf diesem Chip höchstens 1664 Bytes halten, und es gibt genau 8 NV-Zähler. NV im TPM ist Flash mit begrenzten Schreibzyklen und als Ablage für Inhalte nicht gedacht. Der richtige Weg ist immer derselbe: die Geheimnisse liegen verschlüsselt auf der Platte, und nur der Schlüssel dafür wird im TPM versiegelt. Genau das tun systemd-cryptenroll und Clevis auch.
5. Sealing gegen PCR 0 bis 7 auf einem Gerät, das Firmware-Updates bekommt. Jedes BIOS-Update ändert die Messungen und sperrt euch aus. Ein Fall, in dem die Technik funktioniert und die Betriebspraxis daran zerbricht. Der Ausweg heißt signierte Policies und systemd-pcrlock, und im selben Atemzug gehört dazu, dass sich systemd-pcrlock selbst noch als experimentell bezeichnet.
6. Attestierung ohne unabhängigen Prüfer. Ein Quote, das auf derselben Maschine geprüft wird, beweist nichts. Wenn die Maschine übernommen ist, ist die Prüfung übernommen. Attestierung ergibt nur mit einem separaten Verifier und mit bekannten Referenzwerten Sinn. Sehr viele Aussagen der Art „wir nutzen TPM“ sind bei genauem Hinsehen genau das, eine Selbstprüfung.
7. TPM 1.2 im Jahr 2026. SHA-1 und RSA-2048, kein ECC, keine Algorithmen-Agilität, ein völlig anderer Software-Stack, nämlich TrouSerS statt tpm2-tss. Wer noch einen findet, sollte darauf nichts Neues bauen.
8. Die Erwartung, ein TPM schütze ein laufendes System. Das ist das größte Missverständnis, deshalb steht es hier noch einmal als eigener Punkt. Ein TPM schützt Schlüssel im Ruhezustand und misst den Start. Er tut nichts gegen einen Angreifer, der schon im Kernel sitzt, denn der fragt den Chip einfach ganz normal.
Fünf häufige Vorhaben und die kurze Antwort dazu.
Die Grenzen, und die Angriffe die es wirklich gibt
Ohne diesen Abschnitt wäre der Beitrag Werbung. Der Kern des Problems bei diskreten Chips ist unangenehm einfach: nach dem Entsiegeln gibt der TPM das Geheimnis über den Bus heraus, und klassisch liegt es dort im Klartext. Wer LPC oder SPI anzapft, liest den Schlüssel mit. Für BitLocker ist das seit Jahren praktisch demonstriert, und es ist ausdrücklich nicht auf Windows beschränkt. Securitum hat im September 2024 in einem echten Penetrationstest genau das gegen ein Linux-System mit LUKS und Clevis gezeigt.
Das betrifft mein Testsystem direkt, und ich schreibe das lieber offen hin, als es zu verstecken: der SLB 9670 ist ein diskreter Chip auf dem Board. Der Angriff braucht physischen Zugriff und Löterfahrung, aber er ist kein Papier-Szenario.
Die Gegenmaßnahme kann TPM 2.0 von sich aus: Sessions mit HMAC-Absicherung und Parameter-Verschlüsselung, und systemd benutzt das inzwischen. Die Grenze davon wird oft zu großzügig beschrieben, deshalb genau: das ist keine Vollverschlüsselung des Bus-Protokolls. Parameter Encryption schützt gezielt einzelne sensible Parameter in Kommandos und Antworten, also genau die Stelle, an der ein entsiegelter Schlüssel herauskäme. Kommandocodes, Handles und die übrigen Parameter bleiben sichtbar. Gegen das passive Mitlesen des Schlüssels ist es wirksam, gegen Verkehrsanalyse nicht, und gegen einen aktiven Interposer hilft es nur insofern, als die HMAC-Absicherung Manipulationen auffallen lässt. Der Kernel hat zu dieser Interposer-Frage eine eigene Dokumentationsseite. Und noch eine Einschränkung, die systemd selbst dokumentiert: die Art der Einbindung entwickelt sich weiter, alte Enrollments profitieren nicht rückwirkend. Wer vor Jahren enrolliert hat, sollte das neu machen.
Und dann eine Ironie, die zeigt wie dünn das Eis ist: CVE-2023-1017 saß genau in CryptParameterDecryption, also in dem Code, der diese verschlüsselten Parameter auspackt. Die Schutzfunktion war selbst der Angriffsweg.
Wer jetzt denkt, ein fTPM in der CPU sei automatisch besser, hat nur andere Probleme. faulTPM hat gezeigt, dass sich AMDs fTPM über Spannungs-Glitching am Platform Security Processor angreifen lässt. Und TPM-Fail demonstrierte 2019 Timing-Seitenkanäle, mit denen sich private ECDSA-Schlüssel rekonstruieren ließen, und zwar aus Intel PTT (CVE-2019-11090) und aus dem ST33 von STMicroelectronics (CVE-2019-16863). Zwei Details daran tragen den Punkt: der lokale Angriff auf Intels fTPM brauchte je nach Zugriffsrechten 4 bis 20 Minuten, und der ST33 trug eine Common-Criteria-Zertifizierung nach EAL 4+, die Schutz gegen Seitenkanäle ausdrücklich einschließt. Ein Zertifikat ist also kein Beweis.
Auch die Referenz-Implementierung selbst hatte Löcher. CVE-2023-1017 war ein Out-of-bounds-Write, CVE-2023-1018 ein Out-of-bounds-Read, beide in der TPM-2.0-Module-Library, also im Referenzcode der TCG. Betroffen waren dadurch gleichzeitig Software-TPMs wie libtpms und eine Reihe von Hardware-TPMs, deren Firmware auf diesem Code aufbaut. Gefunden hat sie Quarkslab und meldete sie im November 2022. Zwei Bytes über den Puffer hinaus, im ungünstigen Fall Codeausführung im TPM-Kontext, also genau in dem Bauteil, dessen einzige Aufgabe es ist, eine Vertrauensgrenze zu ziehen.
Was bleibt also unterm Strich: ein TPM hebt die Messlatte von „Platte ausbauen und kopieren“ auf „an das Board löten oder den SoC glitchen“. Das ist ein echter Fortschritt und kein magischer Schild. Mit PIN wird es deutlich stärker, weil dann die Lockout-Logik greift und Bus-Sniffing allein nicht mehr reicht.
Der Zustand dieses Testsystems, unbequem und aufschlussreich
Und jetzt der Teil, der mir selbst am meisten zu denken gibt. Der Chip in diesem Notebook arbeitet einwandfrei, wie alles hier oben zeigt. Benutzt wird er von diesem System für praktisch nichts.
Baustein
Zustand
Secure Boot
aus, und als 00 in PCR 7 gemessen
Wurzel-Dateisystem
ZFS-Native-Encryption, aes-256-gcm, nirgends LUKS
systemd-cryptenroll
vorhanden, systemd 255.4, ohne LUKS2 aber nutzlos
clevis
nicht installiert, würde hier auch nicht helfen
Unified Kernel Image
nicht im Einsatz
systemd-pcrextend.socket
übersprungen, ConditionSecurity=measured-uki nicht erfüllt
systemd-pcrmachine.service
übersprungen, dieselbe Bedingung
systemd-tpm2-setup-early.service
übersprungen, dieselbe Bedingung
die elf systemd-pcrlock-*-Units
alle disabled
TPM als /dev/hwrng
aktiv, tpm-rng-0
Die drei übersprungenen Units sind der interessanteste Eintrag in dieser Tabelle. Die Bedingung ConditionSecurity=measured-uki prüft nicht das Dateiformat, sondern den Bootweg. Weil dieses System nicht als gemessenes Unified Kernel Image über systemd-stub gestartet ist, überspringt systemd die halbe TPM-Infrastruktur einfach lautlos, ohne Fehler und ohne Warnung. Das ist genau die These aus der Einleitung, jetzt belegt: der Chip ist da, er funktioniert, und die Distribution benutzt ihn nicht.
Der Event-Log, und die Falle mit ls
Zum Abschluss noch eine Kleinigkeit, über die ich zuerst gestolpert bin. Der Event-Log, dessen Adresse die Firmware ganz oben in der ersten dmesg-Zeile übergeben hat, liegt im securityfs. Und ls behauptet, die Datei sei leer.
# ls -la /sys/kernel/security/tpm0/
total 0
-r--r----- 1 root tss 0 Aug 10 09:30 binary_bios_measurements
# tpm2_eventlog /sys/kernel/security/tpm0/binary_bios_measurements | grep -c EventNum
120
Null Bytes laut ls, und trotzdem 120 Events darin. securityfs gibt für diese Datei einfach keine Größe an. Was in den 120 Einträgen steckt, sortiert sich so:
Da steht der Secure-Boot-Zustand meiner Maschine als 00 im Log, und gehasht wandert genau dieser Wert in PCR 7. Das ist die Brücke zwischen dem Firmware-Setup und dem Chip: was ihr im BIOS umschaltet, wird gemessen und landet im TPM. Schaltet Secure Boot ein, und PCR 7 ändert sich. Alles, was gegen PCR 7 versiegelt war, geht danach nicht mehr auf. Wer den Zusammenhang einmal so gesehen hat, versteht auch, warum die Wahl der PCRs weiter oben ein Zielkonflikt ist und keine Geschmacksfrage.
Eine Nebenbemerkung, weil sie so schön zeigt, wie Secure-Boot-PKI in der Praxis funktioniert: im Log steckt auch der Platform Key des Boards, ein „Fujitsu ODM Quanta BIOS PK Certificate“, gültig von August 2012 bis August 2022. Es ist also seit Jahren abgelaufen. Die Firmware interessiert sich nicht dafür.
Was offen bleibt
Ob der SLB 9670 auf diesem Board über LPC oder über SPI angebunden ist. Aus dem Betriebssystem heraus nicht entscheidbar.
Warum der Login über PKCS11Provider rund 1,3 Sekunden Aufschlag kostet, ist plausibel erklärt, aber nicht einzeln nachgemessen. Ein strace oder ein Trace über tpm2_ptool würde es belegen.
systemd-cryptenroll mit LUKS2 konnte ich nicht testen, weil hier kein LUKS existiert.
Keylime habe ich nicht aufgesetzt. Die Beschreibung stützt sich auf Dokumentation von SUSE, Red Hat und dem Keylime-Projekt.
Die Bindung des Attestierungsschlüssels an den zertifizierten EK, also TPM2_MakeCredential und TPM2_ActivateCredential, habe ich nicht durchgeführt. Gemessen sind nur Quote und Signaturprüfung.
Wie viel NV-Speicher der SLB 9670 insgesamt hat, habe ich nicht ermittelt. NV_INDEX_MAX beantwortet diese Frage nicht.
Kein vTPM aufgesetzt. Der Abschnitt dazu ist dokumentiert und nicht gemessen.
Ob verschlüsselte TPM-Sessions Bus-Sniffing auf diesem konkreten Chip vollständig verhindern, habe ich nicht überprüft. Dafür bräuchte es einen Logic Analyzer.
Ein TPM-gestütztes Entsperren einer ZFS-Native-Encryption-Wurzel habe ich nicht gebaut.
Wie sich PCR 7 auf diesem Gerät nach dem Aktivieren von Secure Boot verändert. Das wäre ein naheliegender zweiter Teil.
Wenn ich hier etwas falsch dargestellt habe, oder wenn ihr einen der offenen Punkte schon gelöst habt, dann korrigiert mich gerne. Dann lerne ich selbst etwas. Ihr dürft mich dazu jederzeit fragen.
Und weil mich das wirklich interessiert: setzt ihr den TPM-Chip selbst ein, ignoriert ihr ihn bisher, oder nutzt ihr ihn eher zufällig?
Manche Bauteile überleben ihren eigenen Sinn. Diese Karte liegt seit Jahren bei mir herum, hat einmal einen echten Job gemacht, und heute ist sie ein Stück Technikgeschichte mit Kühlkörper. Also habe ich sie in meine Workstation gesteckt, einfach um zu sehen, was sie noch kann und wie sie sich gegen eine aktuelle CPU schlägt. Das Ergebnis ist interessanter geworden als erwartet, aber nicht auf die Art, die ich erwartet hatte.
Die Vorgeschichte: irgendwann lief bei mir ein FreeBSD-Server mit einer Intel-Atom-CPU, und diese CPU hatte kein AES-NI. Auf so einer Maschine verschlüsselte Platten zu betreiben ist zäh. Also kam eine Intel QuickAssist Adapter 8950-SCCP rein, eine PCIe-Steckkarte, die genau das in Hardware macht. Und sie hat ihren Job gut gemacht: weniger CPU-Last, mehr Durchsatz am Storage. Später wanderte sie in einen älteren Xeon, immer noch FreeBSD, immer noch GELI. FreeBSD 14 hat sie produktiv nie gesehen.
So hing sie im Server: Low Profile, PCIe x8, ein gerippter Aluklotz über fast der ganzen Platine. Lüfter gibt es keinen, den soll das Rack liefern.
Warum das damals überhaupt ein Problem war
Das ist der Teil, den heute fast keiner mehr auf dem Schirm hat: AES in der CPU war jahrelang keine Selbstverständlichkeit.AES-NI kam 2010 mit Westmere, aber Intel hat den Befehlssatz danach als Segmentierungsmerkmal benutzt. Bei vielen Atom-, Celeron- und Pentium-Modellen fehlte er, und zwar genau in den stromsparenden Storage- und Firewall-Plattformen, in denen man ihn am dringendsten gebraucht hätte. Ohne AES-NI rechnet eine CPU AES über Tabellen-Lookups, also grob eine Größenordnung langsamer, und obendrein mit Cache-Timing-Seitenkanälen, die man erst mit Aufwand wieder zubekommt.
Bei ARM war es lange genauso, und da ist es sogar noch besser zu greifen. ARMv7 hatte überhaupt keine AES-Befehle. Die Cryptography Extensions von ARMv8-A sind bis heute optional, ein Chiphersteller kann sie einfach weglassen. Der Raspberry Pi ist das schönste Beispiel: alle 64-Bit-fähigen Pis bis einschließlich Modell 4 haben keine AES-Beschleunigung, erst der BCM2712 im Pi 5 bringt sie mit. Wer sich mal gefragt hat, warum verschlüsselte Backups auf einem Pi 4 so quälend langsam sind: das ist der Grund, und es ist kein Softwareproblem.
Dazu kommt der zweite Teil der Geschichte. Verschlüsselung war lange die Ausnahme, nicht die Regel. Wer 2010 eine Webseite betrieben hat, hat HTTPS für den Loginbereich angeschaltet und sonst nirgends, weil es teuer war, weil Zertifikate Geld kosteten und weil TLS auf schwacher Hardware wirklich weh tat. Erst mit Snowden und vor allem mit dem Druck, den die Browserhersteller danach aufgebaut haben, kippte das ins Gegenteil. Plötzlich sollte alles verschlüsselt sein, und zwar sofort. In dieser Phase steckten in Loadbalancern und Reverse Proxies routinemäßig Offload-Karten, für Krypto oder für Kompression, weil die Allzweck-CPU dahinter das schlicht nicht mitgemacht hat. Diese Karte kommt aus genau dieser Zeit.
Was das für eine Karte ist
Auf dem Aufkleber steht INTEL(R) QUICK ASSIST ADAPTER 8950-SCCP, Bestellnummer IQA89501G1P5, Intel MM 929848, Herstelldatum 09/2017, Made in Malaysia. Der Chip darauf ist allerdings älter als die Karte: die Generation stammt aus Q4 2013.
Die Rückseite mit dem Typenschild. Der blaue Aufkleber ist ein Echtheitsmerkmal von yottamark, dazu KCC-Zulassung, UL-Nummer und das PCI-Express-Logo.
SCCP steht für Single Coleto Creek PCIe. Coleto Creek ist der interne Codename, der Beschleunigerchip heißt DH895xCC, und Intel hat ihn als Intel Communications Chipset 8955 verkauft. Die PCI-ID ist 8086:0435. Bei Intel ist die Karte längst End of Life, abgekündigt zusammen mit ihrem Nachfolger 8960.
Die Datenblattwerte, also Herstellerangaben und nichts von mir Gemessenes:
Angabe
Wert
Bulk-Krypto
bis 50 Gbit/s
Kompression
bis 24 Gbit/s
Host-Interface
PCIe Gen3 x8
SR-IOV
1 Physical Function, 32 Virtual Functions
Leistungsaufnahme
maximal etwa 40 W
Umgebungstemperatur
0 bis 55 Grad Celsius
Gebaut wurde das Ding nicht für Workstations, sondern für Telco und Netzwerk: VPN-Konzentratoren, IPsec-Gateways, TLS-Terminierung, Deduplizierungs-Appliances. 50 Gbit/s Bulk-Krypto in einer Low-Profile-Karte war 2013 eine Ansage. Mein Lieblingsdetail aus dem Featureset ist aber ein anderes: die Karte kann Kasumi und Snow 3G in Hardware, also die Mobilfunkchiffren aus 3G und LTE. Das ist so wunderbar spezifisch, dass man sofort weiß, in welchem Blech sie eigentlich stecken sollte, und das ist bestimmt kein Tower unter einem Schreibtisch.
Kühlkörper ab: zwei Chips, nicht einer
Jetzt wird es hübsch. Unter dem Kühlkörper sitzen nämlich nicht ein großer Chip, sondern zwei, und dazu eine Leerstelle.
Links U5, der Coleto Creek als Flip-Chip ohne Heatspreader. Mittig U1, der PLX PEX 8724. Rechts neben dem Slotblech die leere Fläche, um die es weiter unten geht.
Links auf Position U5 liegt der Coleto Creek als Flip-Chip-BGA ohne Heatspreader. Das nackte Silizium liegt frei, man schaut direkt auf den Die. Das sieht man heute selten und es ist genau der Grund, warum ich den Kühlkörper überhaupt abgeschraubt habe.
Mittig auf U1 sitzt aber ein Chip, den ich dort nicht erwartet hätte: ein PLX Technology PEX8724-CA80BC G, Fertigungscode 1703, also Kalenderwoche 3 in 2017, gefertigt in Taiwan. Das ist ein PCIe-Gen3-Switch mit 24 Lanes und 6 Ports. Auf einer Karte, die nur einen einzigen Beschleunigerchip trägt, ist ein Switch zunächst mal erklärungsbedürftig.
Rechts, direkt neben dem Slotblech, liegt dann noch eine komplett unbestückte BGA-Fläche. Ein vollständiges, leeres Lötpad-Raster in Chipgröße. Da war offensichtlich mal etwas geplant.
Der leere Platz aus der Nähe. Ein Platz in Chipgröße, alles drumherum bestückt, nur hier fehlt der Chip.
Wenn man Switch und Leerstelle zusammennimmt, geht eine Rechnung verdächtig glatt auf:
PEX 8724 = 24 Lanes
x8 Upstream zum Slot
+ x8 zum bestückten Coleto Creek (U5)
+ x8 zu einem weiteren, unbestückten Platz
= 24
Und der Kernel liefert dazu tatsächlich einen passenden Befund: der Downstream-Port c4:08.0 des Switches existiert, hat LnkCap Width x8 und ist untrainiert, also LnkSta Width x0. Da hängt nichts dran.
Und hier muss ich mich selbst bremsen, denn die Versuchung ist groß. Belegt ist nur: in der Switch-Konfiguration sind diesem Port acht Lanes zugewiesen, und es hängt nichts daran. Nicht belegt ist, dass diese acht Lanes zu dem leeren Platz führen. Das könnte genauso ein nie herausgeführter Port sein oder für etwas völlig anderes gedacht gewesen sein. Die Lötfläche macht die Deutung attraktiv, und mehr ist es nicht. Wer es wirklich wissen will, müsste die Lanes am Board durchmessen oder das EEPROM des PEX8724 auslesen und dort in die Port Configuration schauen. Beides habe ich nicht gemacht.
Genauso vorsichtig muss man mit der naheliegenden Erzählung sein, Intel habe hier dieselbe Platine für eine Dual-Chip-Variante vorgesehen. Das passt zur Namenslogik, das S in SCCP steht ja für Single, und es passt zum leeren Platz. Eine offizielle Bestätigung für ein 8950-DCCP oder Ähnliches habe ich trotzdem nicht gefunden. Also: plausible Deutung, kein Faktum.
Am Rand der Platine sitzt außerdem noch ein schwarzer, geschirmter Steckverbinder mit der Bezeichnung J8. Der macht das, was bei einer Grafikkarte der Zusatzstecker macht: Stromversorgung direkt vom Netzteil. Das passt zu den bis zu 40 Watt aus dem Datenblatt, denn ein PCIe-Steckplatz dieser Bauform liefert nach Spezifikation nur 25 Watt. Dazu mehrere Spannungsregler mit Speicherdrosseln, ein 100-MHz-Quarz und Siebdruck-Markierungen für x1, x4 und x8 am Kartenrand.
Einbau: erfreulich langweilig
Die Karte steckt jetzt in einem Slot mit PCIe 4.0 x8 an einem Xeon Gold 5315Y, unter Linux Mint mit Kernel 7.0. Und dann passiert genau das, was man sich von einem In-Kernel-Treiber wünscht: nichts Besonderes.
Kein Paket installiert, keine Firmware nachgeladen, keine Konfigurationsdatei, kein adf_ctl. Die Module qat_dh895xcc und intel_qat laden von allein, die Firmware qat_895xcc.bin.zst lag über linux-firmware längst auf der Platte. Zwölf Acceleration Engines starten, alle Selftests bestehen, der Heartbeat meldet sich gesund. Ein Chip von 2013 auf einer Karte von 2017 in einem Board von 2021 unter einem Kernel von 2026, und es ist ein Nichtereignis. Das ist ein starkes Argument für In-Tree-Treiber, und es wird weiter unten noch bitter kontrastiert.
Das debugfs-Verzeichnis ist die interessanteste Fundstelle der ganzen Karte. Dort liegt in dev_cfg die komplette, vom Treiber selbst generierte Instanzkonfiguration: 16 Krypto-Instanzen, 16 Kompressions-Instanzen, je Instanz 512 gleichzeitige symmetrische oder 128 asymmetrische Requests, dazu Interrupt-Coalescing und ein Heartbeat-Timer. In fw_counters stehen Requests und Responses pro Acceleration Engine, und das ist später mein Beweis, dass die Karte wirklich rechnet und nicht die CPU heimlich einspringt. Dazu heartbeat/status, cnv_errors und 32 Ring-Banks unter transport/.
Ein PCIe-Switch, der Generationen übersetzt
Jetzt löst sich auch auf, warum der PLX-Switch da ist. So sieht der Baum aus:
Host-seitig läuft die Karte mit Gen3 x8, also 8 GT/s. Chip-seitig kommen aber nur Gen2 x8 an, also 5 GT/s. Der Coleto Creek ist ein Gen2-Baustein, und damit die Karte am Steckplatz trotzdem als moderne Gen3-x8-Karte auftritt, sitzt der PEX 8724 als Übersetzer dazwischen. Der QAT-Endpunkt behauptet in seiner LnkCap sogar x16, verdrahtet sind aber acht Lanes.
Das ist der erste wirklich belastbare Befund des Tages: das Nadelöhr sitzt auf der Karte, nicht im Steckplatz und nicht in der CPU. Dafür braucht man die Dual-Chip-Spekulation von oben überhaupt nicht.
Zwei weitere Kleinigkeiten aus dem laufenden System, die ich hübsch finde. Die Karte sitzt allein in ihrer IOMMU-Gruppe und unterstützt Function Level Reset, sie lässt sich also ohne ACS-Override-Gebastel per VFIO an eine VM durchreichen. Und sie meldet 32 Virtual Functions, aktiv sind davon null.
Der praktisch wichtigste Nebeneffekt des Einbaus hat aber gar nichts mit Krypto zu tun. Der PLX-Switch belegt vier Busnummern, und dadurch ist meine NVMe von c3:00.0 auf c7:00.0 gewandert. Auf der alten Adresse sitzt jetzt der Upstream-Port des Switches. Ich hatte mir ein setpci-Kommando mit der alten Adresse notiert, und das hätte nach dem Einbau munter in die Register des Switches geschrieben statt in die der SSD. Merke: PCI-Adressen sind nichts, was man sich aufschreibt. Die holt man sich jedes Mal frisch aus lspci. Ist ja jetzt nicht so, als wenn mir das schon mal untergekommen ist bzw. ich so was gefettfingert habe 😛
Die Prioritäten-Tabelle, oder: der Kernel hat schon entschieden
Der Treiber registriert zehn Algorithmen in der Crypto-API des Kernels, alle mit selftest: passed:
Diese Prioritäten sind die halbe Geschichte des Beitrags. Die Linux Crypto API wählt bei gleichem Algorithmusnamen immer die Implementierung mit der höchsten Priorität. Wenn man das mit den CPU-Implementierungen auf derselben Maschine vergleicht, wird es sehr deutlich:
Algorithmus
QAT
bester CPU-Wert
wer gewinnt
xts(aes)
100
xts-aes-vaes-avx2 = 600
CPU
cbc(aes)
100
cbc-aes-aesni höher
CPU
authenc(...)
100
CPU-Kombis höher
CPU
rsa
1000
rsa-generic = 100
Karte
dh
1000
dh-generic = 100
Karte
deflate
4001
deflate-generic = 0
Karte
Übersetzt heißt das: für symmetrische Massenverschlüsselung wird diese Karte nie von allein benutzt. Für rsa, dh und deflate dagegen immer. Das ist kein Zufall und kein Konfigurationsfehler, sondern eine Aussage der Kernel-Entwickler darüber, wo Offload bei einer aktuellen CPU überhaupt noch etwas bringt. Man kann diese Tabelle lesen wie ein Urteil über die Karte, und genau so ist sie auch gemeint.
Ein Detail nur mit Vorsicht: pkcs1(qat-rsa,sha512) steht mit Priorität 1000 registriert und hat den Selftest bestanden. Daraus folgt noch nicht, dass Kernel-Modul-Signaturprüfung tatsächlich über die Karte läuft. Die Registrierung macht es möglich, die Priorität spricht dafür, aber um es zu belegen müsste man den Verifikationspfad tracen und dabei die Zähler in fw_counters beobachten. Habe ich nicht gemacht, also behaupte ich es auch nicht.
Bevor die Zahlen kommen: was meine Messung nicht zeigt
Diesen Absatz gibt es, weil die Tabellen danach sonst präziser wirken als sie sind. Wer mir eine Zahl vorhält, soll wissen, wie sie entstanden ist.
Alle Kryptomessungen laufen über AF_ALG aus einem Python-Skript mit einem synchronen Request-Loop. Das ist ungefähr der Worst Case für eine asynchrone Offload-Karte: pro Request wird gewartet, statt die Queue tief zu halten, für die die Hardware gebaut wurde. Die Zahlen charakterisieren also diesen Zugangsweg, nicht die Karte an sich.
Kein Warmup, keine Wiederholungen, keine Streuung, kein CPU-Pinning. Angaben mit einer Nachkommastelle tragen eine Genauigkeit, die statistisch nicht gedeckt ist. Für belastbare Latenzen bräuchte es Median und P95 über mehrere Läufe.
Die Skalierung über Worker nutzt Prozesse, nicht Threads. Kontextwechsel und Speicherkopien gehen also mit in die Zahl ein.
cryptsetup benchmark ist selbst nur ein Indikator. Es misst im Speicher über die Crypto-API und ist laut eigener Manpage nicht direkt auf reale Storage-Verschlüsselung übertragbar.
Hart sind dagegen die fw_counters. Die kommen aus der Hardware und belegen, dass und wie oft die Karte gerechnet hat. Und die Form der Ergebnisse ist robust: Latenz pro Request hoch, Skalierung über Worker fast linear, CPU bei kleinen Blöcken weit vorn. Nur die absoluten Werte sind weich.
Als Gegner steht bewusst der ungünstigste Fall für die Karte: ein Xeon Gold 5315Y mit acht Kernen und vollem VAES-Befehlssatz. Wenn eine 13 Jahre alte Karte gegen die Rechenwerke einer aktuellen CPU antritt, dann bitte richtig.
Ein Strom, synchron: die Karte verliert deutlich
Zuerst die CPU-Basislinie mit cryptsetup benchmark, damit die Größenordnung steht:
aes-cbc 128b 1168,2 MiB/s enc 3936,0 MiB/s dec
aes-cbc 256b 1004,5 MiB/s enc 3729,8 MiB/s dec
aes-xts 256b 5494,4 MiB/s enc 5510,1 MiB/s dec
aes-xts 512b 5045,2 MiB/s enc 5053,6 MiB/s dec
Und dann der direkte Vergleich über AF_ALG, ein einzelner synchroner Strom:
Implementierung
Block
Durchsatz
Latenz pro Operation
xts-aes-vaes-avx2
4 KiB
1157,2 MiB/s
3,4 µs
xts-aes-vaes-avx2
16 KiB
2681,2 MiB/s
5,8 µs
xts-aes-vaes-avx2
64 KiB
4327,2 MiB/s
14,4 µs
qat_aes_xts
4 KiB
100,3 MiB/s
38,9 µs
qat_aes_xts
16 KiB
244,9 MiB/s
63,6 µs
qat_aes_xts
64 KiB
308,8 MiB/s
201,6 µs
cbc-aes-aesni
4 KiB
583,5 MiB/s
6,7 µs
qat_aes_cbc
4 KiB
79,8 MiB/s
48,9 µs
Pro Einzelrequest ist die Karte also grob elfmal langsamer als die CPU, ungefähr 39 gegen 3,4 Mikrosekunden bei 4 KiB. Für ein Bauteil, das mal genau dafür gekauft wurde, ist das eine ernüchternde Zahl.
Nur: das ist nicht die Hardwarelatenz der Karte. Gemessen ist die Latenz dieses Pfades, und der ist lang: Python, sendmsg über AF_ALG, Socket-Puffer, Kernel-Copy, Treiber, PCIe, Karte, und alles wieder zurück, plus Scheduling und Aufwecken des wartenden Prozesses. Ein erheblicher Teil davon kann im Socket-Pfad stecken. Die CPU-Variante läuft durch denselben Overhead, profitiert aber davon, dass sie synchron im selben Kontext rechnet und überhaupt nicht schlafen muss. Belastbar ist deshalb nur die relative Aussage für diesen Zugangsweg und die Form der Kurve. Wer die reine Hardwarelatenz will, braucht ein Frontend ohne Socket-Umweg, also praktisch den Userspace-Stack, und der existiert für diesen Chip nicht mehr. Dazu unten mehr. Das ist eine Messlücke, die ich mit den vorhandenen Mitteln nicht schließen kann, und ich schreibe sie lieber hin als sie zu verstecken.
Viele Ströme: jetzt zeigt sie, wofür sie gebaut wurde
Und dann wird es doch noch spannend. Dieselbe Messung mit parallelen Workern, Blockgröße 16 KiB:
Worker
qat_aes_xts
xts-aes-vaes-avx2
1
210,7 MiB/s
2632,6 MiB/s
2
454,1 MiB/s
5311,9 MiB/s
4
799,3 MiB/s
10777,5 MiB/s
8
1714,5 MiB/s
22056,0 MiB/s
16
2926,7 MiB/s
25229,7 MiB/s
Die Karte skaliert von einem auf 16 Worker um fast Faktor 14, also nahezu linear, und bei 16 Workern war sie noch nicht am Ende. Das ist exakt das Verhalten, für das so ein Baustein entworfen wurde: viele gleichzeitige, unabhängige Operationen, keine einzelne schnelle. Eine Karte in einem Loadbalancer sieht nie einen Strom, sie sieht tausende.
Nur skaliert die CPU eben auch. Und sie landet am Ende 8,6 mal höher. Das ist der ganze Punkt dieses Beitrags in einer Zahl. So fertig, feierabend, einpacken!
Dass wirklich die Karte gerechnet hat und nicht heimlich doch die CPU, zeigen die Firmware-Zähler nach dem Lauf:
Alle zwölf Acceleration Engines haben gearbeitet, Requests und Responses stimmen überall überein, kein verlorener Request. Die Verteilung ist nicht gleichmäßig, sondern fällt in Dreiergruppen von etwa 154k, 94k und 90k. Das kommt von der Zuordnung Ring-Bank zu Engine und ist so ein Detail, an dem man beim Lesen kleben bleibt.
Wo der Deckel liegen könnte, und warum ich mich da nicht festlege
Die 2926,7 MiB/s liegen auffällig nah an der Kapazität des internen Links:
2926,7 MiB/s Nutzdaten = 3069 MB/s
Jedes Byte muss zweimal über den Bus: rein zum Verschlüsseln, raus als Chiffrat.
Gen2 x8 = 5 GT/s x 8 Lanes x 8/10 = 4000 MB/s pro Richtung
3069 / 4000 = 77 % der theoretischen Richtungskapazität
77 Prozent Nutzlast auf einem PCIe-Link sind praktisch der Anschlag, mit dem TLP-Overhead bei 256 Byte MaxPayload liegt das erreichbare Maximum bei etwa 85 bis 90 Prozent. Das sieht also sehr nach einem Bus-Limit aus.
Aber: meine Messung kann das nicht trennen. Sie zeigt, dass dieser Zugangsweg in der Nähe eines Ceilings landet, und sie kann nicht sagen, ob das der PCIe-Link, der Treiber oder AF_ALG ist. Die Rechnung oben ist ein Plausibilitätsargument, keine Messung des Busses. Sauber wäre es, PCIe-Bandwidth-Events über die Uncore-Zähler mitzuschreiben. Das ist der wichtigste offene Messpunkt in diesem Beitrag, weil eine der Hauptaussagen daran hängt.
Noch eine Rechnung, die verlockend glatt aufgeht und bei der man aufpassen muss. Die gemessenen 2926,7 MiB/s sind 24,6 Gbit/s, das Datenblatt sagt 50 Gbit/s, das sind fast genau 49 Prozent. Und verdrahtet sind acht von 16 Lanes, also genau die Hälfte. Der Kurzschluss liegt auf der Zunge, und er ist falsch: „mit x16 wäre man auf dem Datenblattwert“ und „die Platine war für zwei Chips gedacht“ sind zwei verschiedene Hypothesen, nicht eine. In einer Dual-Chip-Bestückung bekäme jeder Chip x8, keiner käme je auf x16, und das Nadelöhr wäre dann der gemeinsame Gen3-x8-Upstream. Rechnerisch landet man auf beiden Wegen bei ungefähr 49 Gbit/s, aber über völlig verschiedene Mechanismen. Wer das zusammenrührt, argumentiert falsch, auch wenn das Ergebnis stimmt. Die Karte selbst hat ja auch nur einen PCIe 8x Anschluss.
Und es gibt eine zweite Lesart, an der der ganze Vergleich mit dem Marketing hängt. Wenn Intels 50 Gbit/s als Summe beider Richtungen gemeint sind, also 25 rein und 25 raus, dann reicht Gen2 x8 dafür aus, und meine gemessenen 24,6 Gbit/s pro Richtung sind aggregiert 49,2 Gbit/s. Dann lautet der richtige Satz nicht „die Karte erreicht die Hälfte“, sondern „die Karte erreicht ihre Spezifikation“. Intel dokumentiert nirgends, wie gezählt wird, also ist das aus den vorliegenden Unterlagen nicht entscheidbar. Die 24,6 Gbit/s stehen fest, nur ihre Deutung hängt an einer undokumentierten Konvention. Natürlich kann ich auch einfach dran vorbei gelesen haben oder ich messe falsch. Korrigiert mich gerne, dann lerne ich selbst etwas \o/
Und jetzt die Enttäuschung: dm-crypt will nicht
Der naheliegendste Anwendungsfall, und ausgerechnet genau der, für den die Karte in meinem FreeBSD-Server gearbeitet hat, funktioniert unter aktuellem Linux nicht:
# cryptsetup plainOpen /dev/ram0 probe --cipher capi:qat_aes_xts-plain64 --key-size 512 --key-file /dev/zero
device-mapper: reload ioctl on probe (252:3) failed: Datei oder Verzeichnis nicht gefunden
Der erste Reflex ist natürlich, dass ich den Namen falsch geschrieben habe. Also Gegenprobe mit derselben capi:-Syntax über sieben Varianten:
Angabe bei --cipher
Ergebnis
aes-xts-plain64
funktioniert
capi:xts(aes)-plain64
funktioniert
capi:xts-aes-aesni-plain64
funktioniert
capi:xts-aes-vaes-avx2-plain64
funktioniert
capi:xts-aes-vaes-avx512-plain64
funktioniert
capi:qat_aes_xts-plain64
Fehler, ENOENT
capi:qat_aes_cbc-plain64
Fehler, ENOENT
dm-crypt kann also sehr wohl einen konkreten Treiber adressieren, sogar xts-aes-vaes-avx512, das mit seiner niedrigen Priorität sonst nie zum Zug käme. Nur die beiden QAT-Treiber fliegen raus. Das ist kein Tippfehler und keine Namensauflösung.
Der Beweis kommt aus dem laufenden Kernel selbst, ausgelesen über die NETLINK_CRYPTO-Schnittstelle. Das ist die belastbare Quelle, denn sie sagt, was dieser Kernel registriert hat, und nicht, was irgendeine Quelldatei im Netz behauptet:
Der Unterschied ist genau ein Bit: 0x00010000, also CRYPTO_ALG_ALLOCATES_MEMORY. Alle symmetrischen QAT-Implementierungen haben es, keine einzige CPU-Implementierung hat es. Die niedrigen Bits sind übrigens kein Flag, sondern der Algorithmustyp.
Und dm-crypt fordert seine Transforms genau mit diesem Bit als Maske an, an drei Stellen im Code:
Die Suche findet damit nichts und liefert ENOENT, und das kommt oben als „Datei oder Verzeichnis nicht gefunden“ an. Kette geschlossen, keine Hypothese mehr. Dass qat-rsa das Flag nicht hat, passt genau ins Bild: RSA läuft über die Karte, weil es kein Block-I/O-Pfad ist.
Die Wendung: das ist eine Leitplanke, kein Bürokratiefehler
An dieser Stelle wollte ich anfangen zu schimpfen. Die Karte kann AES-XTS in Hardware, der Kernel registriert es, und der eine Konsument, für den es gedacht war, weigert sich. Klingt nach Linux, das sich selbst im Weg steht. Ist es aber nicht.
Die Maske stammt von Mikulas Patocka, und die Begründung im Commit ist knapp:
Don’t use crypto drivers that have the flag CRYPTO_ALG_ALLOCATES_MEMORY set. These drivers allocate memory and thus they are unsuitable for block I/O processing.
Der Grund dahinter ist ein Low-Memory-Deadlock. Stell dir vor, es wird auf ein dm-crypt-Gerät geswappt. Der Kernel will Speicher freimachen, schickt die Swap-Out-BIO durch dm-crypt, dm-crypt fragt die Crypto-API, und die fordert daraufhin Speicher an, den es gerade nicht gibt. Ende der Vorstellung.
Und mit QAT ist genau das schon einmal schiefgegangen. Im März 2022 gibt es einen Bericht auf der Kernel-Mailingliste über massive Datenkorruption mit QAT plus dm-crypt plus XFS. Die Diagnose kam von Giovanni Cabiddu, Intel:
The implementations of aead and skcipher in the QAT driver are not properly supporting requests with the CRYPTO_TFM_REQ_MAY_BACKLOG flag set. If the HW queue is full, the driver returns -EBUSY but does not enqueue the request.
Die Folge: dm-crypt wartet endlos auf die Completion eines Requests, der nie an die Hardware gegangen ist. Und das Dateisystem war hinüber. Das ist kein theoretisches Risiko, das ist ein Schadensfall mit Datum.
Die Zeitleiste danach ist lehrreich, weil sie nicht so endet, wie man denkt:
Datum
Was passiert
Juli 2020
Das Flag CRYPTO_ALG_ALLOCATES_MEMORY wird auf QAT gesetzt
Juli 2020
dm-crypt schließt Treiber mit diesem Flag aus (Patocka)
März 2022
Der Schadensfall: Datenkorruption mit QAT, dm-crypt und XFS
Mai 2022
Intel liefert den eigentlichen Fix, ein Backlog-Mechanismus
Juli 2023
Intel will das Flag entfernen, um QAT für dm-crypt zurückzuholen. Nie gemerged.
Juni 2025
Stattdessen: Priorität von Skcipher und AEAD wird von 4001 auf 100 gesenkt
August 2026
Auf meinem Kernel gemessen: Flag gesetzt, Priorität 100, dm-crypt verweigert
Die Auflösung war also nicht „dm-crypt darf QAT wieder benutzen“, sondern „QAT wird per Priorität aus dem Weg geräumt“. Und die Begründung in diesem Commit ist der stärkste Absatz, den ich zu dieser Karte gelesen habe:
Most kernel applications utilizing the crypto API operate synchronously and on small buffer sizes, therefore do not benefit from QAT acceleration. Reduce the priority of QAT implementations for both skcipher and aead algorithms, allowing more suitable alternatives to be selected by default.
„Synchron und kleine Puffer“ ist exakt das, was ich oben unabhängig gemessen habe, 39 gegen 3,4 Mikrosekunden bei 4 KiB. Der Kernel hat 2025 formal festgestellt, was meine Messung 2026 auf dieser Maschine bestätigt. Und der Patch, der Intels eigene Hardware degradiert, kommt von Intel, mit Acked-by von Eric Biggers. Wenn man es wohlwollend liest, ist das ein Hersteller, der ehrlich ist. Zur Version muss man genau sein: der Commit ging in Mainline 6.17, wurde aber wegen Cc: stable auch in ältere Stable-Zweige zurückportiert, war dort also schon vor dem 6.17-Release wirksam.
Und damit ist die Pointe eine viel bessere als „Linux ist im Weg“: was wie eine willkürliche Blockade aussieht, ist eine Leitplanke aus einem echten Schadensfall. Das erklärt übrigens auch, warum FreeBSD hier lockerer war. Dort gibt es diese Leitplanke nicht, es gibt keine Priority-Hierarchie, die den Beschleuniger aussortiert, und keine Maske, die ihn vom Blockgerät fernhält. Das heißt allerdings nicht, dass das Problem dort nicht existiert. Es heißt nur, dass niemand ein Geländer davor gebaut hat.
Ein Blick auf die FreeBSD-Seite lohnt an dieser Stelle sowieso, denn dort ist der Weg ein struktureller anderer. qat(4) ist ein Treiber für das OpenCrypto-Framework, also für crypto(9). Wer GELI benutzt, muss überhaupt nichts umkonfigurieren: GELI fragt das Framework, und das Framework nimmt den Beschleuniger. Deshalb war die Sache damals auch so unspektakulär, ich habe die Karte gesteckt und die Platten waren schneller.
Ganz so glatt war die Historie allerdings nicht. Im Basissystem gibt es qat(4) erst seit FreeBSD 13.0, und in 14.0 wurde dieser Treiber durch Intels Upstream-Variante ersetzt. Auf dem ersten Server, der noch älter war, kann es diesen Weg also nicht gegeben haben. Die aktuelle Manpage führt die Serie 8925 bis 8955 weiterhin als unterstützte Hardware, dieser Chip ist dort also nicht rausgefallen. Und noch etwas gegen zu viel Nostalgie: im FreeBSD-Forum gibt es einen Thread zur GELI-Performance, in dem QAT zunächst schlechter war als AES-NI. Erst nach dem Umstellen der QAT-Services berichtete der Autor rund 30 bis 34 Prozent Vorsprung bei AES-XTS mit SHA256, und bei anderen Lasten blieben Verluste. Die Karte war also auch damals kein bedingungsloser Gewinn, sondern eine, die zur Konfiguration passen musste.
Der zweite Dämpfer: Intels Userspace hat die Karte fallengelassen
Bleibt der andere große Anwendungsfall: TLS-Terminierung mit nginx oder HAProxy, OpenSSL-Offload. Dafür braucht man qatlib und dazu die QAT-Engine oder den Provider für OpenSSL. Auf meinem System ist davon nichts installierbar, kein Kandidat in den Repos, und OpenSSL 3.0.13 kennt nur den Default-Provider.
Schlimmer als „nicht gepackt“ ist aber der Grund: Intel hat dh895xcc aus qatlib entfernt. Die aktuellen Versionen unterstützen nur noch QAT Gen4, also die 4xxx- und 420xx-Serien. Die frühen Generationen sind nicht mehr dabei. Der Weg wäre der alte Out-of-Tree-Stack, und der baut gegen einen Kernel 7.0 nicht mehr.
Ich formuliere das bewusst nicht als „tot“. Behauptet ist: für diesen Chip ist der heutige Mainstream-Linux-Userspace praktisch abgehängt. Nicht behauptet ist, dass es global unmöglich wäre. Mit altem Kernel, altem Out-of-Tree-Treiber und passender Distribution ließe sich der Stack sicher noch aufbauen, und ältere DPDK-Versionen führten dh895xcc als unterstütztes Gerät. Es ist eine Frage von Aufwand und Kernel-Alter, nicht von Unmöglichkeit.
Die Ironie daran ist schön bitter. Intels eigener Userspace hat die Karte längst aufgegeben, während der Linux-Kernel sie weiter pflegt und beim Booten ohne ein einziges Paket zum Laufen bringt. Wer wissen will, warum In-Tree-Treiber so wertvoll sind: das hier ist der Beweis in einer Karte.
Ein dritter Befund noch, damit ihn niemand für einen Kartenfehler hält: ein einzelnes sendmsg über AF_ALG mit 256 KiB oder mehr blockiert dauerhaft. Aufgefallen ist mir das erst mit der Karte bei 1 MiB, reproduzieren lässt es sich aber mit dem CPU-Cipher genauso. Es ist also nicht die Hardware. Wo genau im AF_ALG-Pfad es hängt, habe ich nicht nachgewiesen, der Socket-Sendepuffer wäre die naheliegende Vermutung, aber eben eine ungeprüfte. Alle Messungen oben sind deshalb auf maximal 64 KiB begrenzt.
Kompression: der einzige Pfad, der von allein läuft, und er schadet
Erinnerst du dich an qat_deflate mit Priorität 4001 gegen deflate-generic mit 0? Jeder Kernel-Konsument, der nach deflate fragt, bekommt die Karte. Realistisch ist das zswap, die komprimierte Auslagerung im RAM.
Also nachgestellt: eine cgroup mit hartem Speicherlimit, 700 MiB gut komprimierbare anonyme Seiten, zswap auf deflate. Und tatsächlich, die Karte komprimiert die Auslagerung, 130.108 Firmware-Requests belegen das. Nur ist der direkte Vergleich bei gleicher Last ziemlich brutal:
zswap-Compressor
wall
user
sys
QAT-Requests
lzo (CPU)
0,85 s
0,11 s
0,72 s
0
deflate (QAT)
9,47 s
0,26 s
5,13 s
130.027
Elfmal langsamer. Und die System-CPU-Zeit steigt sogar von 0,72 auf 5,13 Sekunden, das Offload spart also nicht einmal CPU, es kostet zusätzlich welche. Der Grund ist derselbe wie überall in diesem Beitrag: zswap komprimiert eine 4-KiB-Seite pro Request, und das ist genau der Latenz-Worstcase.
Fair bleiben muss ich hier trotzdem: der Vergleich mischt zwei Effekte, denn Deflate ist algorithmisch auch schlicht teurer als LZO. Sauber wäre deflate auf CPU gegen deflate auf der Karte, und das habe ich nicht gemessen, weil sich deflate-generic bei Priorität 0 nicht ohne Weiteres erzwingen lässt. Die Aussage „QAT-zswap ist keine gute Idee“ trägt der Test, die Aufteilung zwischen Algorithmus und Latenz nicht.
Bleibt eine Frage, die ich hübsch finde: warum steht deflate überhaupt noch auf 4001? In der Datenkorruptions-Diskussion von 2022 schlug Intel vor, die Priorität der betroffenen Algorithmen auf 1 zu senken. Heute stehen Skcipher und AEAD bei 100, die Kompression aber weiter bei 4001. Die naheliegende Deutung: 4001 war ursprünglich die Politik „nimm immer den Beschleuniger“, sie wurde für Krypto nach dem Vorfall zurückgenommen und für Kompression nie. Damit wäre qat_deflate der letzte Überrest dieser alten Haltung, und ausgerechnet der Pfad, der heute noch stillschweigend gewinnt und dabei elfmal langsamer ist. Das ist allerdings meine Deutung, kein Beleg. Die Commit-Historie der Prioritätswerte für die Kompression habe ich nicht nachverfolgt.
Wer das nachbauen will: den Zustand danach wieder zurücksetzen, also enabled=N und compressor=lzo. Ein Dauerbetrieb mit dieser Einstellung wäre eine echte Verschlechterung der Maschine.
Die unvermeidliche Frage: kann man damit Bitcoin oder Monero minen?
Nein. Und zwar aus zwei völlig verschiedenen Gründen, und dieser Unterschied ist der eigentlich interessante Teil.
Monero geht prinzipiell nicht, nicht bloß langsam. Monero nutzt seit 2019 RandomX, und der Algorithmus wurde absichtlich so entworfen, dass Spezialhardware keinen Vorteil hat. Er generiert zur Laufzeit zufällige Programme aus Integer-, Fließkomma- und Branch-Instruktionen und führt sie in einer VM aus, teils JIT-compiliert. Er braucht 2 MiB Scratchpad pro Thread, permanent random-access beschrieben und gelesen. Und im Fast-Mode zusätzlich einen Datensatz von rund 2,08 GiB im RAM, aus dem die VM ständig liest. Das macht RandomX speichergebunden statt rechengebunden, und deshalb sind ASICs dort wirtschaftlich uninteressant.
Die QAT-Karte ist das exakte Gegenteil davon: eine Festfunktions-Pipeline. Sie kann AES, SHA, RSA, DH und Deflate, und nichts sonst. Sie hat keinen Befehlssatz, kein Scratchpad-Konzept und keinen Zugriff auf einen 2-GiB-Arbeitsdatensatz. AES kommt in RandomX zwar vor, aber als eingebetteter Schritt in der VM-Schleife, nicht als abtrennbare Massenoperation, die man an einen Coprozessor auslagern könnte. Die CPU dieser Maschine kann RandomX übrigens sehr wohl. Der Algorithmus ist ja genau für CPUs gemacht.
Bitcoin geht theoretisch, praktisch ist es absurd. Bitcoin ist doppeltes SHA-256 über einen 80 Byte großen Blockheader, und SHA-256 kann die Karte. Nur scheitert es an zwei harten Punkten.
Erstens ist es über diesen Stack nicht einmal ansprechbar. Der In-Kernel-Treiber registriert kein reines SHA-256, sondern nur authenc(hmac(sha256),cbc(aes)), also HMAC-authentifizierte Verschlüsselung. Nackte Hashes bekäme man nur über den Userspace-Stack, und der existiert für diesen Chip nicht mehr. Es gibt also gar keinen Weg, der Karte einen Blockheader zum Hashen zu geben.
Zweitens ist die Größenordnung hoffnungslos, und dafür genügt eine geschenkte Obergrenze. Selbst wenn die Karte ihre volle Datenblattleistung als reines Hashing liefern könnte, landet man bei realistischen 64 bis 128 Byte pro Hash-Operation in der Größenordnung von 10⁷ bis 10⁸ Hashes pro Sekunde, also höchstens einige zehn MH/s. Erreichen wird sie das nie, die gemessenen Latenzen zeigen ja, dass sie bei kleinen Nutzlasten zwei Größenordnungen unter ihrem Sweet Spot arbeitet.
Hashrate
Charakter der Zahl
QAT 8950
höchstens 10⁸ H/s
unerreichbare Obergrenze
ein aktueller ASIC-Miner
etwa 2 mal 10¹⁴ H/s
Produktangabe
Bitcoin-Gesamtnetz, 03.08.2026
9,3 mal 10²⁰ H/s
gemessen, 932 EH/s
Selbst mit der geschenkten Obergrenze liegt ein einzelner ASIC noch um mindestens sechs Größenordnungen über der Karte, und das Gesamtnetz um dreizehn. Der Anteil am Netz wäre günstigstenfalls in der Größenordnung 10⁻¹³, bei zehn Minuten Blockzeit also eine erwartete Wartezeit jenseits jeder sinnvollen Zeitskala, bei 40 Watt Dauerlast. Ich verzichte hier absichtlich auf eine konkrete Jahreszahl. Die klingt zwar gut, wäre aber Scheinpräzision auf einer geschätzten Grundlage. Größenordnungen sind hier die ehrlichere Währung, und sie sind genauso eindrucksvoll.
Die eigentliche Pointe ist aber eine sprachliche. Krypto-Beschleuniger heißt Kryptographie, nicht Kryptowährung. Die Karte ist für das gebaut, was Verbindungen und Platten schützt: TLS-Handshakes, IPsec-Tunnel, AES-XTS auf Blockgeräten. Dass beide Bedeutungen dasselbe Wort benutzen, ist ein Sprachunfall, und ich bin ziemlich sicher, dass er der Kryptographie mehr geschadet hat als der Kryptowährung.
Betrieb: man fliegt thermisch blind
Eine praktische Warnung, falls jemand auf die Idee kommt, so ein Ding in einen Desktop zu stecken: die Karte hat keinen Temperatursensor.sensors zeigt nichts, der BMC kennt sie nicht, in der SDR steht kein Eintrag. Man sieht also nicht, wie warm sie wird.
Und die Randbedingungen sind ungünstig: der Kühlkörper ist rein passiv und für den Querstrom eines Rackgehäuses ausgelegt, spezifiziert sind 0 bis 55 Grad Umgebungstemperatur, es dürfen bis zu 40 Watt Verlustleistung sein, und mein Gehäuse ist auf Ruhe optimiert, mit bewusst langsam drehenden Lüftern. Die Netzwerkkarte im Nachbarslot liegt schon im Leerlauf bei 61 Grad, und die beiden teilen sich denselben schlechten Luftstrom. Wie warm die Karte unter der Last aus diesem Beitrag wirklich geworden ist, weiß ich nicht. Ohne Sensor bräuchte es ein IR-Thermometer oder ein Thermoelement. Steht auf der Liste.
Überflüssig gewordene Technik, und warum mir das trotzdem naheliegt
Diese Karte ist für mich so etwas wie eine Soundkarte. Es gab eine Zeit, da war eine dedizierte Soundkarte selbstverständlich, weil der Rest der Maschine das einfach nicht konnte. Ich hänge immer noch an den alten Creative-Karten, nicht nur an den ISA-Dingern, auch an den späteren. Die hatten eine Wertigkeit, ein Gewicht, eine Bestückung, die man ansehen konnte. Man hat ein Bauteil gekauft, das eine Aufgabe hatte, und das hat man auch gesehen.
Heute steckt in meiner Workstation nicht einmal mehr eine Onboard-Lösung im Einsatz, sondern ein Behringer 302USB, also ein kleines Mischpult mit USB-Audiointerface. Für meinen Fall reicht das absolut. Die Aufgabe ist nicht verschwunden, sie hat nur ihren Platz gewechselt, und die CPU rechnet das nebenbei mit, ohne dass es jemandem auffällt. Genau das ist mit Krypto passiert. AES-NI und VAES haben die Beschleunigerkarte nicht besiegt, sie haben sie aufgesogen.
Immer kleiner, komplexer und leistungsfähiger ist total geil. Ohne diese Entwicklung gäbe es die Hälfte von dem nicht, was wir heute technisch machen. Aber sie macht das Verstehen sehr viel schwieriger. Mein alter C64 und der VC20 davor, die Dinger hat man noch verstanden. Eine CPU mit rund einem Megahertz in einem 40-Pin-Gehäuse, groß genug und langsam genug, dass man mit dem Oszilloskop an einzelne Pins konnte und dabei etwas gesehen hat. Man konnte am Speicher nachmessen. Das war begreifbar im wörtlichen Sinn. An dem Xeon in dieser Maschine messe ich nichts nach. Der Die ist unter einem Heatspreader, die Signale sind differentiell und liegen im Gigahertzbereich, und selbst wenn ich rankäme, wäre mein Oszilloskop zu langsam. Dass bei dieser Karte das nackte Silizium offen liegt, ist ein Zufall der Bauform, und trotzdem freut es mich jedes Mal.
Dafür haben wir heute AI, um uns Dinge erklären zu lassen, und das ist ein echter Gewinn. Ich komme damit an Ecken, an die ich vor zehn Jahren nur mit sehr viel mehr Zeit gekommen wäre. Wir müssen nur alle aufpassen, dass wir dabei nicht aufhören zu verstehen. Der Unterschied zwischen „ich habe es erklärt bekommen“ und „ich habe es verstanden“ ist genau der Unterschied zwischen diesem Beitrag und einer Feature-Liste. Und ein Teil davon passiert ja bereits in der AI-Entwicklung selbst: wir verstehen nicht mehr im Detail, was in diesen Systemen passiert. Stand jetzt halte ich das für ein Problem. Vielleicht ist es aber auch bald einfach das Normale, und ich bin der Typ, der dem Oszilloskop nachtrauert.
Ehrliche Gesamteinschätzung
Als Produktivkomponente ist die Karte in dieser Maschine sinnlos. Eine einzige moderne CPU der Einstiegsklasse schlägt sie bei symmetrischer Krypto um Faktor 8,6, der Anwendungsfall, für den sie gekauft wurde, ist unter Linux versperrt, Intels Userspace hat sie aufgegeben, sie zieht laut Datenblatt bis zu 40 Watt für etwas, das die CPU besser kann, und gekühlt wird sie für einen Luftstrom, den mein Gehäuse nicht liefert.
Als Lehr- und Erzählobjekt ist sie ausgezeichnet. An diesem einen Stück Platine lassen sich Krypto-Offload als Architektur, Latenz gegen Durchsatz, warum Queue-Tiefe alles ist, PCIe-Generationen und Lane-Budgets, PCIe-Switches, SR-IOV, IOMMU-Gruppen und die Prioritätslogik der Linux Crypto API erklären. Ich kenne wenige Bauteile, die auf so kleiner Fläche so viele Anknüpfungspunkte haben. Und sie funktioniert einfach, nach 13 Jahren, ohne ein einziges installiertes Paket.
Genau diese Spannung war der Grund, sie überhaupt noch einmal einzustecken.
Was offen bleibt
Die Karte per VFIO an eine FreeBSD-VM durchreichen und dort GELI auf QAT laufen lassen, also die Original-Nutzung rekonstruieren. Sie ist allein in ihrer IOMMU-Gruppe, technisch steht dem nichts im Weg. Das ist der Versuch, auf den ich am meisten Lust habe.
SR-IOV aktivieren und sehen, was der Treiber mit 32 Virtual Functions macht. Völlig ungetestet.
PCIe-Zähler messen, um zu belegen oder zu widerlegen, dass wirklich der Bus limitiert und nicht der Zugangspfad. Der wichtigste offene Messpunkt.
Die Benchmarks methodisch nachziehen: Warmup, mehrere Läufe, Median und P95, CPU-Pinning.
Kernel-RSA über die Karte messen.qat-rsa gewinnt per Priorität, aber es gibt keinen AF_ALG-Zugang zu akcipher.
Temperatur und echte Leistungsaufnahme, beides nur extern messbar.
Das PLX-EEPROM auslesen, um die Lane-Aufteilung zu belegen statt zu vermuten.
Hast du so eine Karte noch im Einsatz, vielleicht sogar noch produktiv? Dann würde mich das wirklich interessieren, und ihr dürft mich sehr gerne fragen.
Moin. Im letzten Beitrag ging es darum, wie ich meinen OpenPGP-Schlüssel an Domain, GitHub und Matrix gebunden habe, also um die Frage, woher eigentlich irgendwer wissen soll, dass dieser Schlüssel mir gehört. Ganz am Ende stand dort die Ankündigung eines zweiten Teils: wie das Ding überhaupt gebaut ist und wie sicher es wirklich ist. Der Teil ist jetzt hier.
Der Beitrag hat zwei Hälften, und die kannst du unabhängig voneinander lesen. Teil A ist ein Rezept. Wenn du einen Schlüssel nach demselben Muster bauen willst, arbeitest du dich von oben nach unten durch, inklusive der kompletten GnuPG-Konfiguration, alles kopierbar und in der richtigen Reihenfolge. Teil B erklärt, was die einzelnen Bauteile bedeuten, und endet mit einer ehrlichen Einschätzung, wie sicher das alles am Ende ist.
Der eigentliche Grund, warum ich das aufschreibe, ist aber ein anderer. Zwischen „mein Schlüssel ist modern“ und „mein Schlüssel ist richtig konfiguriert“ liegt eine Lücke, und in die bin ich mit Anlauf hineingesprungen. Der Schlüssel ist Lehrbuch: Ed25519, ein Hauptschlüssel, der ausschließlich zertifiziert, drei getrennte Unterschlüssel, fünf Jahre Laufzeit, über sieben Kanäle veröffentlicht, dazu eine eID-Zertifizierung. Und trotzdem wurde er vom ersten Tag an schwächer angesprochen als der Schlüssel, den er ablöst.
Aufgefallen wäre das niemandem, und genau das ist der interessante Teil. Das einzige Symptom war eine Warnzeile auf dem Terminal von jemandem, der mir eine verschlüsselte Mail schreibt. Also auf einem Rechner, den ich nie zu Gesicht bekomme. Und die Ursache war ausgerechnet eine Härtungsmaßnahme, die ich in bester Absicht eingebaut hatte, um einen musealen Algorithmus loszuwerden. Härtung, die etwas leise verschlechtert, finde ich als Geschichte deutlich spannender als noch eine Schlüsselerzeugungsanleitung. Nachbauen kannst du das übrigens in zwei Minuten, das Labor dazu steht weiter unten.
Der Schlüssel, um den es geht
Bestandteil
Wert
Hauptschlüssel
ed25519 0x893DE0CDDE986DEB, Verwendung [C], also nur zertifizieren
Fingerabdruck
45FC D081 ADB5 4872 EA5B 06B9 893D E0CD DE98 6DEB
Signatur-Unterschlüssel
ed25519 0xD788641D8588A674
Verschlüsselungs-Unterschlüssel
cv25519 0x429D03637892821A
Authentisierungs-Unterschlüssel
ed25519 0x22F2E3234664DDBE
UIDs
Sebastian van de Meer, dazu eine Foto-UID mit 10851 Byte
Gültigkeit
erzeugt am 24.07.2026, läuft am 23.07.2031 ab
Vorgänger
ed25519 0x5F279C362EEAB216, gültig bis 31.12.2026, zeichnet den neuen gegen
Fremdzertifizierung
Governikus/eID 0x5E5CCCB4A4BF43D7, Level 3
Umgebung
GnuPG 2.4.4, libgcrypt 1.10.3
Die Aufgabenteilung steht nicht nur in der Doku, die steht maschinenlesbar im Schlüssel selbst. Jede Bindungssignatur trägt ein Feld mit Schlüssel-Flags, und das sieht bei mir so aus:
Teil A ist der Ablauf, den ich für richtig halte, und bis auf die markierten Stellen genau der, den ich gegangen bin. Dort, wo der Befehl unten besser ist als das, was ich damals getippt habe, steht ein Hinweis dazu.
GnuPG 2.4.x ist die Annahme für den ganzen Beitrag. Zwei Dinge gleich vorweg, weil sie sonst später wehtun:
--quick-generate-keyverweigert den Dienst, wenn die UID bereits auf einem anderen Schlüssel im Schlüsselbund existiert. Genau deshalb ist dieser Schlüssel über eine Parameterdatei mit --batch --gen-key entstanden. Das trifft dich zuverlässig genau dann, wenn du einen Schlüssel rotierst, also in dem Moment, in dem der alte noch da ist.
Nichts hier braucht eine Smartcard, und nichts hier braucht root.
Wenn du bei GPG ganz am Anfang stehst, sind die Grundlagen zum Signieren und Verschlüsseln hier im Blog der bessere Einstieg. Dieser Beitrag setzt voraus, dass du weißt, was ein öffentlicher Schlüssel und ein Unterschlüssel sind.
Erst aufräumen, dann anfangen
Und zwar wirklich vorher, nicht hinterher. Mein ~/.gnupg war in einem Zustand, den ich hier nur ungern zugebe.
chmod 700 ~/.gnupg
find ~/.gnupg -type f -exec chmod 600 {} +
# Erst alle GnuPG-Frontends schließen und die Daemons beenden, sonst löschst du
# unter Umständen echte, aktive Locks:
gpgconf --kill all
# Übriggebliebene Lock-Dateien abgestürzter Läufe. Bei mir waren es 93 Stück.
find ~/.gnupg -name '.#lk*' -delete
# Altlasten, die keine 2.4er Installation mehr braucht
mkdir -p ~/gnupg-attic-$(date +%F)
mv ~/.gnupg/{cert8.db,key3.db,secmod.db} ~/gnupg-attic-$(date +%F)/ 2>/dev/null
Ein ~/.gnupg mit 775 und Dateien mit 664 ist erschreckend verbreitet, und ich will das gar nicht größer machen als es ist: Auf einem Einzelplatzrechner ist das keine Katastrophe. Es wird aber genau in dem Moment eine, in dem das Home-Verzeichnis in ein Backup, in einen Container-Mount oder in einen synchronisierten Ordner wandert. Und das passiert schneller, als man denkt.
Die gpg.conf, komplett
Das ist die tatsächlich laufende Konfiguration, so wie sie bei mir liegt, mit ihren Originalkommentaren. Der Block mit dem Warnhinweis ist die wichtigste Stelle im gesamten Beitrag, warum, steht in Teil B.
# ---- UX / output ----
keyid-format 0xlong
with-fingerprint
with-subkey-fingerprint
utf8-strings
# ---- Key discovery (local first, then WKD/DANE; email-validated keyserver last) ----
auto-key-retrieve
auto-key-locate local,wkd,dane,keyserver
keyserver hkps://keys.openpgp.org
# ---- Strong defaults ----
# cipher-algo / digest-algo are intentionally NOT forced: forcing them would override
# the recipient's stated capabilities. personal-*-preferences below select strong
# algorithms interoperably instead.
cert-digest-algo SHA512
# ---- KDF hardening for passphrase-derived symmetric keys (gpg -c / key export) ----
s2k-mode 3
s2k-digest-algo SHA512
s2k-cipher-algo AES256
s2k-count 65011712
# ---- WARNING. Legacy ciphers: do NOT disable 3DES here ----
# An earlier version of this file carried:
# disable-cipher-algo 3DES
# disable-cipher-algo IDEA
# disable-cipher-algo CAST5
# disable-cipher-algo BLOWFISH
# disable-cipher-algo TWOFISH
# The 3DES line alone silently strips ALL algorithm preferences from every key you
# generate while it is active, and it also blocks DECRYPTION of old archives.
# New encryption never selects a legacy cipher anyway, because
# personal-cipher-preferences lists AES only.
# ---- Privacy / minimal metadata ----
no-comments
no-emit-version
export-options export-minimal
# ---- Listing/verification quality-of-life ----
verify-options show-uid-validity
list-options show-uid-validity
# ---- Trust model ----
trust-model tofu+pgp
# ---- Your key ----
default-key 0x45FCD081ADB54872EA5B06B9893DE0CDDE986DEB
# hidden-encrypt-to 0x45FCD081ADB54872EA5B06B9893DE0CDDE986DEB # optional, off
# ---- Local policy: what *you* prefer when sending ----
personal-cipher-preferences AES256 AES192 AES
personal-digest-preferences SHA512 SHA384 SHA256
weak-digest SHA1
force-ocb
# ---- Preferences baked into keys you create from here on ----
default-preference-list SHA512 SHA384 SHA256 AES256 AES192 AES ZLIB BZIP2 ZIP Uncompressed
Zwei Zeilen darin sind Entscheidungen und keine Selbstverständlichkeiten, deshalb je ein Satz dazu.
force-ocb ist keine Präferenz, sondern eine Erzwingung. Es sorgt dafür, dass ausgehende Nachrichten die OCB-Variante aus der LibrePGP-Linie benutzen, und setzt sich dabei über das hinweg, was der Empfängerschlüssel ankündigt. Sehr alte oder anders implementierte Empfänger können solche Nachrichten nicht lesen. Das steht in einer gewissen Spannung zu dem Prinzip ein paar Zeilen weiter oben, wo ich cipher-algo bewusst nicht erzwinge. Für mich ist das in Ordnung, in einer Konfiguration zum Abschreiben würde ich die Zeile weglassen.
auto-key-retrieve holt unbekannte Schlüssel beim Prüfen automatisch nach. Sehr bequem, und es verrät dem Keyserver, welche signierten Nachrichten du wann liest. Für mich ein akzeptabler Tausch, bei einem anderen Bedrohungsmodell schaltest du das besser ab.
Dazu die beiden kleinen Geschwisterdateien. gpg-agent.conf:
Ein Hauptschlüssel, der nur zertifiziert, über eine Parameterdatei. Die Zeile Preferences: war in meinem echten Lauf nicht drin, nimm sie mit. Sie kostet nichts und fängt genau den Fehler ab, um den es in Teil B geht. Das ist keine Vermutung, ich habe es nachgemessen: Mit dieser Zeile bleiben die Präferenzen selbst dann im Schlüssel, wenn die defekte Konfiguration aktiv ist. Die eigentliche Kontrolle bleibt trotzdem der Paket-Dump gleich darunter, denn eine Parameterdatei ersetzt nie die Prüfung des fertigen Artefakts.
cat > keyparams.txt <<'EOF'
Key-Type: eddsa
Key-Curve: Ed25519
Key-Usage: cert
Name-Real: Sebastian van de Meer
Name-Email: kernel-error@kernel-error.com
Expire-Date: 5y
Preferences: AES256 AES192 AES SHA512 SHA384 SHA256 ZLIB BZIP2 ZIP Uncompressed
%ask-passphrase
%commit
EOF
gpg --batch --gen-key keyparams.txt
shred -u keyparams.txt
Und jetzt sofort nachsehen, ob die Präferenzen auch wirklich im Schlüssel gelandet sind. Genau diese Prüfung fehlte bei mir im Juli, und deshalb steht sie hier direkt hinter der Erzeugung und nicht irgendwo weiter unten.
Du willst dort pref-sym-algos, pref-hash-algos, pref-zip-algos und ein features mit gesetztem Bit 0x01 sehen. Wenn dort nur eine features-Zeile steht und sonst nichts, dann hör hier auf und lies erst den Abschnitt über den Defekt in Teil B. Dann stimmt etwas mit deiner Konfiguration nicht, und der Schlüssel trägt den Fehler ab sofort dauerhaft mit sich herum.
Zum shred oben noch ein Wort, weil es sonst falsche Sicherheit erzeugt: Es entfernt die sichtbare Arbeitsdatei, mehr nicht. Auf SSDs, auf ZFS, bei Snapshots und auf journalenden Dateisystemen ist damit überhaupt nicht garantiert, dass keine alten Blöcke mehr herumliegen. Solche Zwischendateien sollten deshalb von vornherein nur auf einem verschlüsselten Dateisystem entstehen.
Die drei Unterschlüssel
Interaktives --quick-add-key ist mir in einer nicht-interaktiven Shell mit einem /dev/tty-Fehler um die Ohren geflogen. Mit --batch läuft es durch.
240×288 Pixel, Graustufen-JPEG, 10851 Byte. Halt das Bild klein, es reist in jedem vollständigen Export mit und ist der mit Abstand größte Posten in der Schlüsselgröße.
gpg --edit-key $FPR
> addphoto
> /pfad/zu/sebastian-photo-uid.jpg
> save
Eine Sache dazu, die man vorher wissen sollte: Keiner der drei Keyserver, die ich benutze, hat die Foto-UID nach dem Upload je wieder herausgerückt. Für jeden Keyserver da draußen lege ich die Hand nicht ins Feuer, für die drei, auf die es ankommt, schon. Das Bild überlebt damit nur auf den Kanälen, die ich selbst hoste. Damit ist die Foto-UID Dekoration und keine Funktion. Das ist ein völlig legitimer Grund, sie trotzdem mitzunehmen, man sollte sich nur nichts vormachen.
Backup und Widerrufszertifikat, bevor irgendetwas veröffentlicht wird
Zwei Dinge müssen existieren, bevor der Schlüssel irgendwo landet: ein Backup des geheimen Schlüssels und ein Widerrufszertifikat. Beides später nachzuholen ist der Klassiker, den man genau einmal bereut.
Ein Widerrufszertifikat legt GnuPG bei der Erzeugung ohnehin schon selbst unter ~/.gnupg/openpgp-revocs.d/<FPR>.rev ab. Das Backup dagegen ist erst dann eines, wenn du es einmal zurückgespielt hast. Also rein damit in ein Wegwerf-GNUPGHOME und nachsehen, ob der geheime Hauptschlüssel dort auch wirklich auftaucht und nicht bloß die Datei lesbar war. Danach wandern beide auf Offline-Medien.
Wichtig, weil es ein sehr verbreitetes Missverständnis ist: Der s2k-*-Block aus der gpg.conf betrifft den passphrasenbasierten Schutz, also etwa gpg -c und den Export. Er sagt nichts darüber aus, wie der geheime Schlüssel in ~/.gnupg auf der Platte geschützt ist. Darum kümmert sich der gpg-agent mit eigenen Parametern, und bereits vorhandenes Schlüsselmaterial wird durch eine geänderte gpg.conf nicht rückwirkend neu verpackt. Wer die beiden verwechselt, glaubt an eine Härtung, die an dieser Stelle gar nicht wirkt. Was tatsächlich in deinem Backup steht, siehst du wie immer am Artefakt selbst, per gpg --list-packets secret-key-backup.asc.
Den Hauptschlüssel aus dem Alltag nehmen
Jetzt kommt der Schritt, der die ganze Aufteilung von oben überhaupt erst einlöst. Der Hauptschlüssel hat im Alltag nichts verloren. Gebraucht wird er nur, wenn ein Unterschlüssel verlängert, ersetzt oder widerrufen wird, wenn eine UID dazukommt oder wenn du einen fremden Schlüssel zertifizierst. Also fliegt sein geheimer Teil vom Arbeitsrechner herunter, und zwar genau jetzt, nachdem Backup und Widerrufszertifikat existieren und nicht vorher.
# nur die Unterschlüssel exportieren, ohne den geheimen Hauptschlüssel
gpg --export-secret-subkeys --armor $FPR > subkeys.asc
# das gesamte geheime Material aus dem Alltags-Keyring werfen
gpg --delete-secret-keys $FPR
# und danach ausschließlich die Unterschlüssel zurückholen
gpg --import subkeys.asc
shred -u subkeys.asc
Das Doppelkreuz hinter sec ist der ganze Punkt. Es bedeutet: GnuPG kennt den Hauptschlüssel, hat sein geheimes Gegenstück aber nicht mehr. Signieren, Entschlüsseln und Authentisieren laufen unverändert weiter, dafür sind die Unterschlüssel zuständig. Was nicht mehr geht, ist alles, was die Identität selbst betrifft, also neue Unterschlüssel anlegen, Laufzeiten verlängern, UIDs ergänzen und fremde Schlüssel zertifizieren.
Der geheime Hauptschlüssel liegt ab hier zusammen mit dem Widerrufszertifikat auf verschlüsseltem Wechselmedium. Wenn ich ihn brauche, kommt er ausdrücklich nicht zurück nach ~/.gnupg, sondern in ein temporäres GNUPGHOME, das hinterher wieder verschwindet.
Ein Detail dabei ist wichtig genug für einen eigenen Absatz, weil es sonst still danebengeht: Das Offline-Backup ist ein Schnappschuss. Es entstand oben, bevor der alte Schlüssel gegengezeichnet hat und bevor die Governikus-Zertifizierung da war. Diese Fremdsignaturen hängen am öffentlichen Teil, der im Alltags-Keyring liegt, nicht im Backup. Wer nur das Backup einspielt und dort arbeitet, exportiert hinterher einen Schlüssel, dem genau diese Signaturen fehlen. Also immer beides einspielen:
# aktuellen öffentlichen Stand samt Fremdsignaturen aus dem Alltags-Keyring mitnehmen
gpg --armor --export-options no-export-minimal --export $FPR > /tmp/pub-aktuell.asc
export GNUPGHOME=$(mktemp -d); chmod 700 "$GNUPGHOME"
trap 'rm -rf "$GNUPGHOME"' EXIT HUP INT TERM # auch bei Abbruch aufräumen
gpg --import /media/offline/secret-key-backup.asc
gpg --import /tmp/pub-aktuell.asc
# hier die Arbeit am Schlüssel, etwa eine Laufzeit verlängern
gpg --armor --export-options no-export-minimal --export $FPR > /tmp/pub-neu.asc
rm -rf "$GNUPGHOME"; unset GNUPGHOME
Danach importierst du die aktualisierte öffentliche Hälfte in den Alltags-Keyring und rollst sie über alle Veröffentlichungskanäle aus. Das ist unbequem. Es soll unbequem sein, denn genau diese Unbequemlichkeit ist der Grund, warum der Hauptschlüssel selten angefasst wird und deshalb schwer zu verlieren ist.
Den alten Schlüssel den neuen gegenzeichnen lassen
Ein weicher Übergang statt einer harten Kante: Der alte Schlüssel bleibt bis zu seinem Ablauf gültig und zertifiziert den neuen. Wer dem alten Schlüssel schon vertraut, bekommt damit einen kryptografischen Pfad zum neuen, ohne mich irgendwo anrufen zu müssen.
Das ist ein eigenes Thema, deshalb hier nur zusammengefasst: Governikus ist nach meinem Stand vom August 2026 der einzige mir bekannte noch aktive Dienst in Deutschland, der OpenPGP-Schlüssel über die Online-Ausweisfunktion zertifiziert. Du schickst deinen öffentlichen Schlüssel hin, weist dich mit dem Personalausweis aus und bekommst eine Zertifizierung mit Level 3 zurück. Die Volksverschlüsselung fällt als Alternative aus, die macht ausschließlich S/MIME nach X.509, erzeugt die Schlüssel selbst und wird ohnehin eingestellt.
Strukturell wichtig für den Rest des Beitrags ist nur ein Punkt: Diese Zertifizierung ist eine Fremdsignatur. Und die Hälfte meiner Veröffentlichungskanäle wirft Fremdsignaturen weg. Warum, steht gleich.
Vier Exporte für vier Aufgaben
Das ist der Teil, den fast alle Anleitungen überspringen, und ausgerechnet hier fallen die echten Entscheidungen. Vier verschiedene Exporte desselben Schlüssels für vier verschiedene Jobs, mit den gemessenen Größen der Artefakte, die tatsächlich ausgeliefert werden:
Alle vier Befehle habe ich gegen die live ausgelieferten Dateien geprüft, sie reproduzieren die Artefakte byteidentisch, sha256 stimmt jeweils überein. Du kannst sie also so übernehmen.
Und jetzt die fiese Falle. In meiner gpg.conf steht global export-options export-minimal. Export-Optionen summieren sich, sie ersetzen einander nicht. --export-options export-clean hebt export-minimal also nicht auf. Du bekommst weiterhin einen minimalen Export, still und ohne Warnung, mit weggeworfenen Fremdsignaturen. Nur die ausdrückliche Verneinung funktioniert:
Das ist genau die Sorte Fehler, bei der du fest davon überzeugt bist, einen Schlüssel mit allen Signaturen veröffentlicht zu haben, während in Wahrheit die eID-Zertifizierung nie das Haus verlassen hat.
Die zweite Stolperfalle beim Export: export-minimal wirft zwar Fremdsignaturen weg, behält aber die Foto-UID. Für den DANE-Record muss auch das Bild raus, sonst wächst der Record von rund einem Kilobyte auf gute zwölf. Dieser Befehl hat den ausgelieferten Record mit 1298 Byte erzeugt:
Zwei Anmerkungen noch zu den Formaten, weil sich in der 2.4er Reihe etwas geändert hat:
--print-dane-recordsgibt es nicht mehr. Der Nachfolger heißt --export-options export-dane.
Verwechsle die beiden Ausgaben aber nicht. export-dane liefert einen fertigen DNS-Präsentationsblock, also $ORIGIN, Kommentarzeilen und generische TYPE61-Rdata, bei mir 25642 Byte. Das ist kein binäres Schlüsselmaterial. Zum Lesen ist es praktisch, der ausgelieferte Record entstand aber aus dem binären Export oben plus base64 -w0 openpgpkey.bin. Beide Wege sind gültige Zonefile-Syntax, RFC 7929 definiert die base64-Präsentationsform und RFC 3597 die generische TYPE61-Form, BIND frisst beides. Der Einzeiler passte einfach besser in meine bestehende Zone.
Wo der Schlüssel liegt, und warum genau dort
Sieben Kanäle, und jeder existiert aus einem anderen Grund. Das „warum“ ist dabei die interessantere Hälfte:
Kanal
Format
Warum dieser Kanal
keys.openpgp.org
voll hochgeladen, Server wirft Signaturen und Foto weg
der einzige Keyserver, der die Mailadresse validiert, und der, den moderne Clients abfragen
Vertrauen hängt an DNSSEC statt an einem Signaturgraphen, muss klein bleiben, es ist ein DNS-Record
WKD advanced
kein eigener Export, CNAME auf wkd.keys.openpgp.org
spiegelt keys.openpgp.org automatisch, lässt sich hier nicht selbst hosten
WKD direct (Apex)
voll binär, 13108 B
selbst gehostet, deshalb die einzige Stelle mit Foto und Fremdsignaturen
security.txt und Direktdownload
voll ASCII, 17833 B
auffindbar für Menschen und für Scanner
Zwei abgeleitete Namen tauchen dabei auf, und die werden regelmäßig falsch gebildet. Beide habe ich unabhängig nachgerechnet, sie stimmen mit dem überein, was ausgeliefert wird:
# WKD: z-base32 des SHA-1 vom lokalen Teil, ASCII-Großbuchstaben vorher klein gemacht
# sha1("kernel-error") -> z-base32 -> 3gyjbxx9xfdggpkmx5qdd793xy431w5u
gpg --with-wkd-hash -k kernel-error@kernel-error.com
# DANE (RFC 7929): SHA-256 des kanonisierten UTF-8-Lokalteils, auf 28 Oktette gekürzt,
# hex-kodiert, dann ._openpgpkey.<domain>
# 70e1c7d87e825b3aba45e2a478025ea0d91d298038436abde5a4c2d0._openpgpkey.kernel-error.com
Zwei Präzisierungen, damit hier keine Regel steht, die breiter ist als die Spezifikationen: WKD bildet ASCII-Großbuchstaben auf Kleinbuchstaben ab, das ist kein allgemeines Unicode-Lowercasing. Und DANE übernimmt diese Abbildung nicht einfach, RFC 7929 hat seine eigene Kanonisierung des lokalen Teils. Bei mir fallen beide zusammen, weil kernel-error schon reines Kleinbuchstaben-ASCII ist. Genau deshalb ist mir der Unterschied nie begegnet. Wer einen Lokalteil mit Großbuchstaben oder Nicht-ASCII hat, darf die beiden auf keinen Fall gleichsetzen.
Und weil ich schon dabei bin, mich zu blamieren: Bei einem früheren Review habe ich DANE als „fehlt“ markiert, weil ich den z-base32-Namen aus WKD gegen das DNS geprüft habe. Also den falschen Namen. DANE lief die ganze Zeit. Wenn du deinen eigenen Aufbau prüfst, prüfe bitte den Namen, den die jeweilige Spezifikation vorschreibt, und nicht den, den du gerade im Kopf hast. Wie man einen OPENPGPKEY-Record überhaupt in die Zone bekommt und wie man die Zone dafür mit BIND signiert, steht hier im Blog.
Eine Konsequenz aus der Tabelle überrascht die Leute regelmäßig, deshalb schreibe ich sie deutlich hin:
Die Governikus-Zertifizierung ist nur auf den klassischen Keyservern und auf den selbst gehosteten Kopien sichtbar. keys.openpgp.org wirft sie weg, und gpg bevorzugt die WKD-advanced-Methode, die wiederum auf keys.openpgp.org zeigt. Der Kanal, den die meisten Clients benutzen, ist also ausgerechnet der mit den wenigsten Signaturen.
Prüfen wie ein Fremder
Der letzte Schritt in Teil A, und der wichtigste: Hol dir deinen eigenen Schlüssel so, wie es jemand tut, der dich nicht kennt. Einmal pro Suchpfad, jedes Mal in einem frischen Schlüsselbund.
# den Schlüssel holen wie ein Fremder, einmal pro Lookup-Pfad
for m in dane wkd keyserver; do
GNUPGHOME=$(mktemp -d) gpg --auto-key-locate clear,$m --locate-external-keys kernel-error@kernel-error.com
done
# welche Präferenzen bewirbt der Schlüssel tatsächlich?
gpg --export $FPR | gpg --list-packets | grep -E 'pref-|features'
# welchen Cipher wählt ein Absender wirklich?
gpg --status-fd 1 -d message.gpg | grep DECRYPTION_INFO
Damit endet das Rezept. Ab hier geht es darum, was die Teile bedeuten, und um die Frage, wie sicher der Aufbau am Ende wirklich ist.
Teil B: was das alles bedeutet
Wenn du bis hierher gekommen bist, hast du ein funktionierendes Rezept. Was du noch nicht hast, ist ein Gefühl dafür, warum die Teile so und nicht anders geschnitten sind, und wo der Aufbau trotz allem nachgibt. Genau darum geht es jetzt, und zwar in dieser Reihenfolge: erst die Struktur, dann die Zahlen, dann der Fehler und am Ende die Rechnung ohne Schönfärberei.
Warum ein Hauptschlüssel, der nur zertifiziert
Der Hauptschlüssel hat genau eine Aufgabe: zu sagen, wer zu diesem Schlüssel gehört. Er signiert die UIDs und er signiert die Unterschlüssel. Er signiert nie eine Mail und entschlüsselt nie irgendetwas. Alles Operative ist delegiert:
[C] certify Identitätsanker. Wird selten benutzt. Eine Kompromittierung ist
nicht reparierbar, ein Verlust nur über das Offline-Backup.
[S] sign Signieren im Alltag
[E] encrypt Entschlüsseln im Alltag
[A] auth Authentisierung, etwa als SSH-Schlüssel
Der Gewinn: Ein kompromittierter oder ausgedienter Unterschlüssel lässt sich widerrufen und ersetzen, ohne die Identität anzufassen, ohne die gesammelten Fremdsignaturen zu verlieren und ohne den Fingerabdruck zu ändern, der an sieben Stellen veröffentlicht ist. Dass [S] und [E] getrennt sind, hat noch einen zweiten Grund: Sie haben unterschiedliche Lebenszyklen. Einen alten Signaturschlüssel zu vernichten ist harmlos. Einen alten Verschlüsselungsschlüssel zu vernichten heißt, dass du an dein Archiv nicht mehr herankommst.
Das Ganze zahlt sich allerdings nur aus, wenn du auch die Konsequenz ziehst: Der volle Nutzen dieser Aufteilung stellt sich erst ein, wenn der Hauptschlüssel offline liegt. Genau deshalb liegt er hier offline, auf verschlüsseltem Wechselmedium und zusammen mit dem Widerrufszertifikat. Er kommt nur heraus, wenn ein Unterschlüssel verlängert, ersetzt oder widerrufen werden muss, und dann in ein temporäres GNUPGHOME und nicht zurück in den Alltags-Keyring. Auf der Arbeitsmaschine liegen ausschließlich die drei Unterschlüssel. Ein Hauptschlüssel, der nur zertifiziert, aber trotzdem neben dem Mailclient herumliegt, ist am Ende nur Kosmetik.
Der [A]-Unterschlüssel existiert übrigens, ist aber bewusst nicht im gpg-agent für SSH verdrahtet, sshcontrol ist leer. Ich habe ihn erzeugt, um mir die Option offenzuhalten. Mehr ist es im Moment nicht.
Ed25519 und X25519, was die Zahlen bedeuten
Ed25519 zum Signieren und X25519, in GnuPG als cv25519 bezeichnet, zum Verschlüsseln liegen beide bei rund 128 Bit klassischem Sicherheitsniveau. Das ist vergleichbar mit RSA-3072 und deutlich oberhalb von RSA-2048.
Sie sind dramatisch kleiner und schneller. Deshalb passt der komplette Schlüssel mit drei Unterschlüsseln, Foto und drei Fremdsignaturen immer noch in 13 KB.
Curve25519 ist fehlbedienungsresistent entworfen: keine Parameter, die man falsch wählen kann, keine Invalid-Curve-Fallen, deterministische Nonces bei Ed25519. Ein großer Teil der historischen Signatur-Unfälle in der Praxis kam aus genau den Ecken, die diese Kurve wegräumt.
Ein Punkt dazu, den du im Kopf behalten solltest, weil er gleich noch wichtig wird: 128 Bit klassische Sicherheit sind die Obergrenze dieses Schlüssels. Merk dir die Zahl. Sie ist der Grund, warum die AES-Geschichte weiter unten weniger dramatisch ist, als sie zunächst klingt.
Algorithmen-Präferenzen: was sie sind und wer sie liest
Dieses Konzept muss sitzen, sonst funktioniert die Geschichte danach nicht. Vorweg ein Satz, den viele nie gehört haben: Eine OpenPGP-Nachricht ist immer hybrid. Der asymmetrische Teil, also dein Ed25519- und X25519-Material, verpackt ausschließlich einen zufällig erzeugten symmetrischen Sitzungsschlüssel. Die eigentlichen Nutzdaten verschlüsselt ein symmetrisches Verfahren, in der Regel AES. Der Fehler, um den es gleich geht, saß in dieser symmetrischen Hälfte.
Ein OpenPGP-Schlüssel trägt nämlich nicht nur öffentliche Schlüssel spazieren. Die Selbstsignatur jeder UID enthält Subpakete, die ankündigen, was der Besitzer verarbeiten kann:
Das features-Oktett ist die Stelle, an der ich mich in meinen eigenen Notizen vertan hatte, deshalb hier die Dekodierung. In der Linie, die GnuPG 2.4 implementiert, bedeuten die Bits des ersten Oktetts:
0x01 SEIPD-v1 mit Modification Detection Code (MDC)
0x02 AEAD
0x04 Unterstützung für das v5-Schlüssel- und Fingerabdruckformat
features 05 ist also 0x01 + 0x04, das heißt MDC und kein AEAD. features 07 wäre 0x01 + 0x02 + 0x04, und genau das bekommt ein Schlüssel, den GnuPG 2.4 mit Standardeinstellungen erzeugt. Der kaputte Zustand war features 04, also 0x04 ganz allein: weder MDC noch AEAD angekündigt.
Eine Versionsfußnote gehört dazu: Diese Bitbelegung und das Subpaket 34 stammen aus der LibrePGP-Linie, die GnuPG 2.4 umsetzt. RFC 9580 hat beides geändert, dort sind die AEAD-Präferenzen in Subpaket 39 umgezogen und das Feature-Modell wurde umgebaut. Diese Spaltung kommt weiter unten noch einmal zurück.
Wenn dir jemand etwas verschlüsselt, liest dessen GnuPG deine Präferenzliste und wählt daraus das stärkste Verfahren, das beide können. Das ist der ganze Mechanismus. Daraus folgen zwei Dinge, die den meisten Leuten gegen den Strich gehen:
Deine eigenen personal-cipher-preferences schützen dich nicht. Die bestimmen, was du verschickst. Was Leute dir schicken, bestimmt allein das, was dein veröffentlichter Schlüssel ankündigt.
Die Präferenzen stehen in einer Signatur. Sie zu ändern heißt, die Selbstsignatur neu auszustellen. Und damit ist jede veröffentlichte Kopie deines Schlüssels veraltet, bis du sie erneuerst. Bei mir sind das sieben Kanäle und eine Änderung an der DNS-Zone.
Und wenn ein Schlüssel gar nichts ankündigt? Dann greift der Rückfall. RFC 4880 schreibt dafür 3DES vor, den verpflichtend zu implementierenden Algorithmus. Moderne GnuPG-Versionen landen dort allerdings nicht mehr: Seit der 2.3er Reihe verschlüsselt gpg grundsätzlich nicht mehr mit 64-Bit-Blockchiffren, dafür müsstest du ausdrücklich --allow-old-cipher-algos setzen. Der Rückfall endet deshalb bei AES-128. Nicht kaputt, aber eben auch nicht das, was der Schlüssel bekommen sollte.
Der Defekt, gemessen
Ein x-beliebiger Absender, der meinem brandneuen Schlüssel etwas verschlüsselt, sah das hier:
gpg: WARNING: cipher algorithm AES not found in recipient preferences
gpg: AES.CFB encrypted data
[GNUPG:] DECRYPTION_INFO 2 7 0 # 7 = AES128
Derselbe Absender, wenn er dem Schlüssel von 2023 schreibt, den der neue gerade ablöst:
[GNUPG:] DECRYPTION_INFO 2 9 0 # 9 = AES256
Der neue Schlüssel hatte überhaupt keinepref-sym-algos, keine pref-hash-algos und keine pref-zip-algos, dazu features 04 statt 05. Er wurde also schwächer angesprochen als sein Vorgänger, lautlos, und der einzige Hinweis darauf erschien auf einem Terminal, das jemand anderem gehört.
Die Ursache, und eine Korrektur an mir selbst
In meinen Arbeitsnotizen stand als Ursache: „mit einer --batch --gen-key-Parameterdatei ohne Preferences:-Zeile gebaut“. Das ist falsch. Eine Parameterdatei ohne diese Zeile erzeugt völlig ordentliche Präferenzen aus den eingebauten Defaults von GnuPG. Nachgeprüft, es kommt das hier heraus:
Die echte Ursache saß in der gpg.conf. Ich habe die Juli-Konfiguration in einem Wegwerf-Schlüsselbund nachgestellt, der Defekt war sofort wieder da. Danach habe ich die Datei halbiert, bis eine einzige Zeile übrig blieb:
Konfiguration im Test
Ergebnis
Juli-gpg.conf, unverändert
features: 04, gar keine pref-*
ohne disable-cipher-algo 3DES
pref-sym-algos: 9 8 7 2, features: 07
ohne alledisable-cipher-algo-Zeilen
pref-sym-algos: 9 8 7 2, features: 07
ohne cipher-algo AES256
weiterhin kaputt, features: 04
nurdisable-cipher-algo 3DES vorhanden
kaputt, features: 04
disable-cipher-algo 3DES plus explizite Preferences:-Zeile
sauber, pref-sym-algos: 9 8 7, features: 05
disable-cipher-algo 3DES ist also notwendig und hinreichend, um den Defekt auszulösen. Eine Zeile, mehr nicht.
Der Mechanismus dahinter ist die eigentliche Pointe des ganzen Beitrags. 3DES ist in OpenPGP der verpflichtend zu implementierende Algorithmus, und in der Standardliste steht er auch sichtbar drin: pref-sym-algos: 9 8 7 2 endet auf der 2, und die 2 ist 3DES. Nimmst du GnuPG diesen einen Algorithmus lokal weg, verschwindet nicht nur er aus der Liste, sondern die Liste als Ganzes.
Beim Warum bleibe ich vorsichtig. Dass GnuPG intern keine gültige Liste mehr konstruieren kann und deshalb gar keine schreibt, ist die naheliegende Erklärung, beweisen lässt sie sich von der Kommandozeile aus nicht. Belegt ist der Auslöser, nicht der Code-Pfad dahinter. Der Effekt selbst ist dagegen eindeutig: Die Härtungszeile hat nicht einen schwachen Algorithmus aus der Liste entfernt, sie hat die komplette Liste entfernt. Und damit dafür gesorgt, dass Absender zurückfallen, und zwar auf etwas Schwächeres als das, was ich gerade weghärten wollte.
Das Labor zum Selbernachbauen
Zwei Minuten, kein echter Schlüssel wird angefasst, alles passiert in Wegwerf-Verzeichnissen unter /tmp. Wenn du mir nicht glaubst, ist das hier der schnellste Weg, es selbst zu sehen:
Bei mir kommt das hier heraus, und die eine Zeile Unterschied ist der ganze Defekt:
nopref: gpg: WARNING: cipher algorithm AES not found in recipient preferences
gpg: AES.CFB encrypted data
withpref: gpg: AES256.OCB encrypted data
Die Reparatur
Der Fix selbst ist unspektakulär, ein einziger Befehl im Editiermodus. Weil setpref die Selbstsignatur neu ausstellt, braucht er den Hauptschlüssel. Das Ganze läuft also einmal im temporären GNUPGHOME von weiter oben, mit dem Offline-Schlüssel und dem aktuellen öffentlichen Stand:
gpg --edit-key $FPR
> setpref AES256 AES192 AES SHA512 SHA384 SHA256 ZLIB BZIP2 ZIP Uncompressed
> y
> save
Danach steht da pref-sym 9 8 7, pref-hash 10 9 8, pref-zip 2 3 1 0 und features 05. Der Fingerabdruck bleibt unverändert, und die Governikus-Zertifizierung, die Gegensignatur des alten Schlüssels, die Foto-UID und sämtliche Ablaufdaten überleben. Das schreibe ich so ausdrücklich hin, weil viele Leute Angst vor setpref haben und glauben, es beschädige den Schlüssel. Tut es nicht. Was es tut: Es stellt die Selbstsignatur neu aus. Und damit müssen anschließend alle sieben Veröffentlichungskanäle aufgefrischt werden.
Zur Sicherheit gleich hinterher: default-preference-list in der gpg.conf festgenagelt, und die disable-cipher-algo-Zeilen sind endgültig raus.
Wie schlimm war es wirklich?
Hier will ich ehrlich sein statt dramatisch, sonst wird das hier auch nur wieder eine von diesen „ich habe einen Bug gefunden“-Geschichten.
AES-128 statt AES-256 ist real, aber überschaubar. AES-128 ist nicht gebrochen, es gibt keinen praktischen Angriff darauf. Und erinnere dich an die Zahl von weiter oben: Der asymmetrische Teil dieses Schlüssels liefert ohnehin rund 128 Bit klassische Sicherheit. Gemessen an der reinen Schlüsselsuche war AES-128 also nicht das schwächste Glied in der Kette, es hat lediglich mit dem Rest gleichgezogen. Über Implementierungsfehler, Seitenkanäle oder Protokollschwächen sagt dieser Vergleich nichts. Die faire Einordnung lautet: Das war ein Hygiene- und Signalisierungsfehler, keine ausnutzbare Schwachstelle. Bemerkenswert ist er, weil er lautlos war, automatisch passierte und von einer Härtungsmaßnahme verursacht wurde.
Das fehlende MDC-Bit sah schlimmer aus, als es war.features 04 heißt, dass das Bit 0x01 fehlte, mit dem ein Schlüssel Modification Detection ankündigt. Auf dem Papier lädt das einen Absender dazu ein, auf ein Paket ohne Integritätsschutz zurückzufallen, und das ist die Ecke, aus der EFAIL kam. Gemessen kam aber das hier heraus:
[GNUPG:] DECRYPTION_INFO 2 7 0
[GNUPG:] GOODMDC
Ein Absender mit GnuPG 2.4.x in Standardkonfiguration hat trotz des fehlenden Bits ein integritätsgeschütztes SEIPD-v1-Paket erzeugt und GOODMDC gemeldet. MDC ist dort schlicht immer an. Herauskommen aus dem Integritätsschutz muss man in dieser Version aktiv wollen, etwa über --rfc2440, das ausdrücklich den alten Modus ohne MDC erzeugt. Die tatsächliche Integritätslücke gegenüber einem 2.4.x-Absender mit Standardeinstellungen war damit null.
Diese Aussage gilt exakt so weit wie die Messung und keinen Meter weiter. Über andere Implementierungen oder ältere GnuPG-Versionen sagt sie nichts, und genau dort könnte ein fehlendes MDC-Signal im Prinzip sehr wohl noch eine Rolle spielen. „Kein aktueller Absender ist betroffen“ wäre schlicht gelogen, und irgendwer würde es nachprüfen.
Was wirklich Alarm verdient, ist keines von beiden für sich, sondern die Art des Versagens. Ein Schlüssel kann strukturell perfekt sein und trotzdem still auf den nackten Rückfallwert heruntergehandelt werden, ohne dass irgendwer etwas davon mitbekommt. Die einzige Diagnose erscheint auf einer Maschine, die dir nicht gehört. Weder gpg --list-keys noch --check-sigs noch irgendeine Keyserver-Seite zeigt dir das. Du musst dir Signatur-Subpakete ansehen, und das macht praktisch niemand.
Ein Punkt bleibt offen: AEAD
Der reparierte Schlüssel steht bei features 05 und hat keine pref-aead-algos. Gemessen bedeutet das:
AES256.CFB encrypted data # reparierter Schlüssel, features 05
AES256.OCB encrypted data # frisch erzeugter Schlüssel, features 07 plus pref-aead-algos: 2
setpref hat das MDC-Bit zurückgeholt, aber nie eine AEAD-Ankündigung ergänzt, weil der Schlüssel aus dem kaputten Zustand heraus repariert und nicht neu erzeugt wurde. Nachrüsten ginge, setpref … OCB liefert pref-aead-algos: 2 und features 07, auch das habe ich geprüft.
Ich lasse es trotzdem so. AES256-CFB mit MDC ist solide. Vor allem aber ist AEAD genau die Stelle, an der OpenPGP derzeit auseinanderläuft: Das AEAD von GnuPG 2.4 folgt der LibrePGP-Linie, RFC 9580 spezifiziert eine andere Konstruktion namens SEIPD v2. AEAD auf einem breit veröffentlichten Schlüssel anzukündigen bringt heute eine marginale Verbesserung und ein echtes Interoperabilitätsrisiko. Wer sich für die andere Baustelle im selben Themenfeld interessiert: Was in einem modernen Handshake steckt, habe ich am Beispiel X25519MLKEM768 auseinandergenommen. Dasselbe Argument gilt übrigens für force-ocb in meiner lokalen Konfiguration, das betrifft nur, was ich selbst verschicke, und ist eine bewusst etwas vorwärtsgewandte Entscheidung.
Ehrliche Gesamteinschätzung
Die Kryptografie ist in Ordnung. Ed25519, X25519, SHA-512 und AES-256 sind eine moderne, unaufgeregte Auswahl ohne bekannte praktische Schwächen, bei rund 128 Bit klassischer Sicherheit.
Die Struktur ist besser als der Durchschnitt. Hauptschlüssel nur zum Zertifizieren, getrennte Unterschlüssel, begrenzte Laufzeit von fünf Jahren, vorab erzeugtes Widerrufszertifikat und ein Backup, das nachweislich wiederherstellbar ist.
Das schwächste Glied ist kein Algorithmus. Es ist die Tatsache, dass die drei Alltags-Unterschlüssel auf einer dauerhaft laufenden Arbeitsmaschine liegen. Wer diese Maschine und die Passphrase bekommt, erzeugt bis zum Widerruf vollgültige Signaturen in meinem Namen und liest mein Archiv mit. Nach außen ist er also erst einmal ich. Was er nicht bekommt, ist der Identitätsanker: keine neue UID zertifizieren, keinen neuen Unterschlüssel binden, und der Fingerabdruck bleibt meiner. Ein kompromittierter Unterschlüssel fliegt raus und wird ersetzt, die Identität überlebt. Eine Smartcard würde den Rest weiter verkleinern, weil sich Schlüsselmaterial von der Karte nicht kopieren lässt. Sie löst es nicht: Steckt die Karte und ist sie entsperrt, wird eben auf der Karte signiert. Auf der Liste steht sie trotzdem.
Das Vertrauen in die Bindung ist geschichtet, nicht absolut. DNSSEC-signiertes DANE und selbst gehostetes WKD sind stark. Die Governikus-Zertifizierung ist die einzige echte Namens-Bindung. Das klassische Web of Trust trägt praktisch nichts mehr bei, die persönlichen Signaturen auf dieser Identität hängen an einem Schlüssel von 2011.
Post-Quantum: bewusst nicht adressiert. GnuPG 2.4.4 kann kein PQC, und die PQC-Arbeit in OpenPGP steckt noch im Entwurfsstadium mit praktisch keiner Interoperabilität. Curve25519 bietet gegen einen kryptografisch relevanten Quantencomputer keinerlei Widerstand, „heute sammeln, später entschlüsseln“ trifft also auf alles zu, was heute an diesen Schlüssel verschlüsselt wird. Ein hybrider Unterschlüssel lässt sich später ergänzen, ohne den Schlüssel neu zu bauen. Das ist eine der Auszahlungen des Unterschlüssel-Aufbaus von oben.
Was man daraus mitnimmt
Vier Punkte, und die gelten weit über OpenPGP hinaus:
Härtung kann schwächen. Einen verpflichtenden Basisalgorithmus zu entfernen hat die Verhandlung nicht verengt, sondern zerstört. Bevor du etwas abschaltest, das eine Spezifikation vorschreibt, sieh nach, was die Maschinerie drumherum macht, wenn es fehlt.
Prüfe das Artefakt, nicht den Befehl.gpg --batch --gen-key ist mit Rückgabewert 0 durchgelaufen und hat einen wunderschön aussehenden Schlüssel erzeugt. Sichtbar war der Defekt ausschließlich in --list-packets.
Konfiguration und Schlüssel sind nicht unabhängig. Der Schlüssel hat einen Defekt dauerhaft von der Konfiguration geerbt, die in den fünfzehn Sekunden aktiv war, in denen er entstand.
Manche Defekte sieht man nur von außen. Das Symptom erschien auf dem Terminal des Absenders. Teste deinen eigenen Schlüssel so, wie ein Fremder ihn benutzt. Genau dafür ist die Schleife mit mktemp -d und --locate-external-keys weiter oben da.
Und die Kurzfassung für alle, die nur bis hierher gescrollt haben: Ein moderner Schlüssel ist nicht automatisch ein korrekt konfigurierter Schlüssel. Der Unterschied steckt in Signatur-Subpaketen, die dir kein einziges Standardwerkzeug von sich aus zeigt.
Wenn du deinen eigenen Schlüssel gerade nachgeprüft hast und dort etwas anderes steht als erwartet, oder wenn ich mich irgendwo irre, dann dürft ihr mich sehr gerne fragen.
Moin. Seit dem 24. Juli 2026 habe ich einen neuen GPG-Schlüssel. Ed25519, gültig bis 2031, der Hauptschlüssel zertifiziert nur noch und hat für Signieren, Verschlüsseln und Authentisieren je einen eigenen Unterschlüssel. Technisch ein hübsches Ding. Der alte Schlüssel bleibt bis Ende des Jahres gültig und hat den neuen gegengezeichnet, damit der Wechsel keine harte Kante bekommt.
Und dann stand da die Frage, die eigentlich immer die wichtigere ist und trotzdem meistens hintenrunterfällt: Woher soll irgendwer wissen, dass dieser Schlüssel mir gehört? Nicht „wo finde ich den Schlüssel“, das ist gelöst. Sondern: Warum sollte jemand glauben, dass die Person, die diesen Schlüssel kontrolliert, dieselbe ist wie die hinter github.com/Kernel-Error, hinter dem Mastodon-Account und hinter dieser Domain?
Die alten Antworten funktionieren nicht mehr
Die klassische Antwort auf diese Frage heißt Web of Trust. Ich unterschreibe deinen Schlüssel, du unterschreibst meinen, irgendwann spannt sich ein Netz aus Signaturen über die Welt und jeder kann über ein paar Ecken einen Pfad zu jedem finden. Elegante Idee. Nur: Wann warst du zuletzt auf einer Keysigning-Party? Eben. Ich auch nicht.
Dazu kommt ein sehr praktisches Problem, über das kaum jemand redet: keys.openpgp.org, der Keyserver, den heute praktisch alle benutzen, veröffentlicht Fremdsignaturen grundsätzlich nicht. Zuverlässig überleben dort nur Selbstsignaturen, einzige Ausnahme sind eigens attestierte Fremdzertifizierungen, und die benutzt in der Praxis kaum jemand. Das ist als Schutz gegen Signatur-Flooding absolut nachvollziehbar, bedeutet aber eben auch: Das Web of Trust reist nicht mehr mit. Du kannst deinen Schlüssel von hundert Leuten unterschreiben lassen, auf dem meistgenutzten Keyserver sieht ihn trotzdem niemand mit diesen Unterschriften.
Die zweite klassische Antwort waren Zertifizierungsstellen für Personen. CAcert habe ich hier vor Jahren mal vorgestellt, und die Volksverschlüsselung wurde 2025 eingestellt. Übrig geblieben ist bei mir eine Zertifizierung über Governikus, die die Beglaubigung im Auftrag des BSI macht, also eine eID-basierte Bestätigung mit Level 3, die tatsächlich meinen bürgerlichen Namen an den Schlüssel bindet. Das ist eine der letzten echten Klarnamen-Bindungen, die man noch bekommt. Und ausgerechnet die ist eine Fremdsignatur, fliegt auf keys.openpgp.org also raus.
Was schon vorher da war, und was es eben nicht beweist
Beim Thema Erreichbarkeit war ich schon vorher gut aufgestellt. Der Schlüssel liegt im Web Key Directory, sowohl in der advanced als auch in der direct method. Er steht als OPENPGPKEY-Record in einer DNSSEC-signierten Zone, wie ich das hier vor Jahren schon einmal beschrieben habe. Er liegt auf keys.openpgp.org, keyserver.ubuntu.com und pgpkeys.eu. Er ist in der clearsigned security.txt referenziert, die zu meinem Umgang mit Vulnerability Reports gehört. Und er liegt schlicht als Datei zum Direktdownload.
Sieben Kanäle also. Alle beweisen exakt eine Sache: dass man den Schlüssel findet. Die Governikus-Zertifizierung beweist zusätzlich einen Namen. Aber keiner dieser Kanäle beweist, dass derselbe Schlüssel auch das GitHub-Konto kontrolliert, oder den Matrix-Account, oder die Domain als Identität und nicht nur als Hostingort einer Datei. Genau diese Lücke füllen Identity Claims, und genau dafür gibt es Keyoxide.
Der wichtigste Satz zuerst: Keyoxide hat keine Accounts
Das ist das größte Missverständnis, und ich schreibe es deshalb so deutlich wie möglich hin: Es gibt bei Keyoxide keine Registrierung, keinen Login, kein Profil zum Ausfüllen, keine API-Keys und keine Daten auf deren Seite. Man legt dort nichts an. Man kann dort gar nichts anlegen.
keyoxide.org ist ein zustandsloser Betrachter. Wenn jemand ein Profil öffnet, passiert Folgendes:
Der öffentliche Schlüssel wird geholt, per WKD oder von einem Keyserver.
Aus der Selbstsignatur werden die Notationen mit dem Namen proof@ariadne.id ausgelesen.
Jeder Claim wird live gegen den genannten Endpunkt aufgelöst, je nach Claim-Typ direkt im Browser oder über einen Proxy. Ein TXT-Record lässt sich aus einer Webseite heraus nun mal nicht selbst abfragen.
Grüne Haken werden gerendert, und danach vergisst der Dienst alles wieder.
Die Konsequenz daraus ist der eigentliche Clou: Der Schlüssel ist das Profil. Wenn keyoxide.org morgen offline geht, ist nichts kaputt. Die Claims stehen weiter im Schlüssel, die Proofs liegen weiter an ihren Endpunkten, und jeder kann die komplette Prüfung mit dig und curl von Hand nachvollziehen. Weiter unten zeige ich genau das.
Das ist das genaue Gegenmodell zu Keybase, wo die Verknüpfungen auf einem Server einer Firma lagen. Als die Firma verkauft wurde, war der Ärger groß und die Frage berechtigt, was mit den Identitäten passiert. Bei diesem Modell stellt sich die Frage nicht, weil der Betreiber nichts hält, was verloren gehen könnte. Die zugrundeliegende Spezifikation heißt Ariadne Identity, Keyoxide ist nur eine Implementierung davon.
Zwei Hälften, die aufeinander zeigen
Jeder Proof besteht aus zwei Aussagen, die sich gegenseitig referenzieren:
Hälfte
Liegt in
Sagt
Claim
der Selbstsignatur des Schlüssels
„Ich kontrolliere kernel-error.de“
Proof
genau diesem Endpunkt
„Der Schlüssel mit dem Fingerprint 45FC… gehört mir“
Auf den ersten Blick sieht das zirkulär aus. Der Schlüssel sagt, ihm gehöre die Domain, und die Domain sagt, ihr gehöre der Schlüssel. Beweist das nicht einfach gar nichts? Doch, und zwar genau deshalb, weil es zirkulär ist: Nur wer beides kontrolliert, kann beide Hälften zur Deckung bringen.
Spielen wir es durch. Jemand klaut meinen geheimen Schlüssel. Er kann jetzt beliebige Claims hineinschreiben, zum Beispiel „ich kontrolliere example.org“. Aber er kann bei example.org keinen TXT-Record setzen, der auf meinen Fingerprint zeigt. Der Claim bleibt rot. Umgekehrt: Jemand übernimmt eine meiner Domains und setzt dort einen TXT-Record mit meinem Fingerprint. Schön, aber ohne den geheimen Schlüssel kann er den passenden Claim nicht in die Selbstsignatur schreiben. Auch das ergibt keinen grünen Haken. Ein Angreifer mit einer der beiden Hälften bekommt nichts. Er braucht beide.
Warum eine Notation und keine Signatur
Ein Claim ist technisch ein Notation-Subpacket in der Selbstsignatur einer User-ID. Eine Notation ist ein frei definierbares Schlüssel-Wert-Paar, das im Signaturpaket mitsigniert wird. Der Name ist bei Ariadne immer proof@ariadne.id, der Wert beschreibt den Endpunkt.
Und hier schließt sich der Kreis zu dem Keyserver-Problem von oben. Weil die Claims in der Selbstsignatur stehen und nicht in einer Fremdsignatur, kann kein Keyserver sie wegputzen. Meine Governikus-Zertifizierung ist auf keys.openpgp.org verschwunden, weil sie eine Fremdsignatur ist. Die Keyoxide-Claims sind da, weil ein Keyserver eine Selbstsignatur nicht entfernen kann, ohne den Schlüssel dabei zu zerstören. Das ist für mich das stärkste praktische Argument, Notationen zu sammeln statt Unterschriften.
Vier Claims, vier sehr unterschiedliche Qualitäten
Live sind am Ende vier Claims, alle ausschließlich auf der Namens-UID:
Vier Claims, vier grüne Haken. Geprüft wird das erst beim Aufruf, gespeichert ist bei Keyoxide davon nichts. Der Fingerprint darunter ist der einzige Anker.
Das öffentliche Profil dazu liegt unter keyoxide.org/45FCD081ADB54872EA5B06B9893DE0CDDE986DEB. Bevor jetzt jemand vier grüne Haken sieht und denkt, das seien vier gleichwertige Beweise: sind sie nicht, und das gehört ausgesprochen.
Die beiden DNS-Claims sind mit Abstand die stärksten. Sie liegen in meinen eigenen, DNSSEC-signierten Zonen auf meinen eigenen Nameservern. Wer den Record fälschen will, muss meine Domain- oder DNS-Verwaltung übernehmen. Unterwegs fälschen reicht nicht, sofern der Prüfer DNSSEC auch wirklich validiert.
Der Gist-Claim hängt daran, dass GitHub sein URL-Schema beibehält und den Gist nicht wegräumt.
Der Matrix-Claim hängt an matrix.org und daran, dass ein bestimmter Raum weiter existiert und die Nachricht nicht gelöscht wird.
Ein Claim ist nie stärker als der Endpunkt, auf den er zeigt. Vier grüne Haken nebeneinander suggerieren eine Gleichwertigkeit, die es nicht gibt.
Domain-Proof: ein TXT-Record am Apex
Der Proof für eine Domain ist ein TXT-Record. Bei mir in beiden Zonen:
kernel-error.de. IN TXT "openpgp4fpr:45FCD081ADB54872EA5B06B9893DE0CDDE986DEB"
kernel-error.com. IN TXT "openpgp4fpr:45FCD081ADB54872EA5B06B9893DE0CDDE986DEB"
Am Apex, nicht unter www, und das ist eine bewusste Entscheidung. Der Claim behauptet etwas über die Identität der Domain, nicht über einen Webserver-Hostnamen. www ist nur ein Host darunter. Keyoxide rendert den Claim außerdem als den Domainnamen, und kernel-error.de liest sich als Identität, während www.kernel-error.de sich als Webseite liest. Kleiner Unterschied, aber genau der Punkt, um den es hier geht.
Beide TLDs bekommen den Record, weil sie bei mir verschiedene Rollen haben. Die .com ist die Mail-Identität mit WKD und DANE, die .de ist die Webpräsenz mit der security.txt. Beides bin ich, also gehört beides an den Schlüssel gebunden.
Beide Zonen sind DNSSEC-signiert und laufen mit inline-signing. Für so eine Bearbeitung heißt das: einfrieren, editieren, prüfen, wieder auftauen. Ein rndc reload ist hier der falsche Befehl.
Angenehm unspektakulär war dabei, dass mehrere TXT-Records am selben Namen problemlos nebeneinander leben. Der neue Record ist einfach neben den SPF-Record und zwei Verifizierungs-Records gerutscht, ohne dass ich irgendetwas anfassen musste.
Einen Bluesky-Claim habe ich bewusst weggelassen. Meine did:plc:... hängt ohnehin schon über einen DNS-TXT-Record und /.well-known/atproto-did an der Domain. Wer den Domain-Claim prüft, hat Bluesky damit transitiv mit erledigt. Noch ein Claim mehr wäre nur mehr Fläche ohne mehr Aussage.
GitHub: ein öffentlicher Gist namens proof.md
Für GitHub braucht es einen öffentlichen Gist. Die Datei darin mussproof.md heißen, der Inhalt ist eine einzige Zeile:
Eine Abgrenzung, über die regelmäßig jemand stolpert, deshalb explizit: Einen GPG-Schlüssel im GitHub-Profil zu hinterlegen, damit signierte Commits als „Verified“ angezeigt werden, ist eine völlig andere Sache. Anderer Mechanismus, anderer Zweck, und mit dem Keyoxide-Proof hat das nichts zu tun. Der hinterlegte Schlüssel wird von GitHub automatisch für die Commit-Verifikation benutzt. Einen Schalter „diesen Schlüssel als Signing Key verwenden“ gibt es für GPG-Schlüssel übrigens gar nicht, den gibt es nur für SSH-Schlüssel.
Matrix: der Proof ist eine Nachricht
Bei Matrix hat der Proof wieder eine ganz andere Form. Er ist weder eine Datei noch ein DNS-Record, sondern eine Nachricht in einem öffentlichen Raum. Man postet in #doipver:matrix.org schlicht:
Und zeigt dann in der Notation auf genau diese Nachricht. Beim Formatieren gibt es drei Kleinigkeiten, die man garantiert einmal falsch macht: Beim User wird das führende @ weggelassen, bei der Raum-ID das führende ! und bei der Event-ID das führende $. Aus @kernel-error:kernel-error.com wird also u/kernel-error:kernel-error.com, aus !dBfQZxCoGVmSTujfiv:matrix.org wird der nackte Rest, und genauso bei der Event-ID.
Wichtig ist außerdem, dass der Raum unverschlüsselt ist. Eine verschlüsselte Nachricht kann ein Prüfer nicht lesen, damit wäre der Proof wertlos. #doipver ist genau dafür da und entsprechend offen.
Der ganze Vorgang lässt sich komplett über die Client-Server-API erledigen, also POST /_matrix/client/v3/join/... und danach PUT /_matrix/client/v3/rooms/{roomId}/send/m.room.message/{txnId}. Die Antwort auf das Senden enthält direkt die event_id, also genau das, was die Notation braucht. Das ist elegant, wenn man es scripten will.
Ehrlicherweise muss man dazu aber sagen: Ein Access-Token gibt volle Kontrolle über den Account. Das aus der Hand zu geben, nur um eine einzige öffentliche Zeile abzusetzen, ist ein schlechtes Geschäft. Der Weg über Element von Hand kostet dreißig Sekunden: Nachricht posten, „Teilen“ beziehungsweise Permalink aufrufen, und Raum-ID sowie Event-ID direkt aus der matrix.to-URL ablesen. Wer trotzdem ein Token benutzt, sollte das Gerät danach abmelden.
Die Claims in den Schlüssel schreiben
Das eigentliche Eintragen passiert in gpg --edit-key. Sieht harmlos aus, hat aber gleich in Zeile zwei die erste Falle:
gpg --edit-key 0x893DE0CDDE986DEB
uid 1
notation
proof@ariadne.id=dns:kernel-error.de?type=TXT
save
Entfernen geht über notation und dann den gleichen Ausdruck mit einem führenden Minus, none löscht alle. Und weil man sich auf Anzeigen ungern verlässt, hier der Blick auf das, was wirklich im Schlüssel steht:
Ohne vorher eine UID auszuwählen schreibt gpg die Notation in jede UID. Bei mir also auch in die Foto-UID. Keyoxide prüft dann denselben Claim zweimal und zeigt ihn doppelt an. Die offizielle Dokumentation erwähnt das im Nebensatz, überlesen ist es schnell, und aufräumen darf man es anschließend von Hand.
Falle 2: jede Änderung schreibt die Selbstsignatur neu
Das ist der eigentliche Preis, und davor warnt einen niemand. Ein Claim mehr bedeutet eine neue Selbstsignatur, und damit ist jede veröffentlichte Kopie des Schlüssels veraltet. Konkret hieß das bei mir jedes Mal: neu hochladen zu drei Keyservern, zwei selbst gehostete Dateien überschreiben und noch eine DNSSEC-Zonenbearbeitung für den DANE-Record hinterher.
Wer drei Claims einzeln nacheinander setzt, macht diese Runde dreimal. Also: Claims sammeln und in einem Rutsch eintragen. Nebenbei wächst der Schlüssel auch spürbar. Die DANE-rdata ist im Lauf des Tages von 909 auf 1130 Byte gewachsen, die WKD-Datei von 12703 auf 12940 Byte. Nichts Dramatisches, aber bei einem DNS-Record schaut man da schon hin.
Falle 3: drei Caches, drei vorgetäuschte Fehlschläge an einem Nachmittag
Das ist der Teil, bei dem vermutlich jeder Leser nickt. An einem einzigen Nachmittag haben mir drei verschiedene Caches je einen kaputten Rollout vorgespielt. In allen drei Fällen war das Deployment in Ordnung und die Prüfung hat gelogen.
Der eigene Resolver. Nach dem Setzen des TXT-Records schlug die lokale Prüfung immer weiter fehl. Google, Cloudflare und Quad9 hatten den neuen Record sofort. Der veraltete Eintrag kam ausgerechnet von meinem eigenen DoT/DoH-Resolver, auf den systemd-resolved zeigt, und der hielt die alte Antwort noch etwa zwei Stunden fest. Das sieht exakt aus wie ein kaputtes Deployment und kostet echte Debugging-Zeit.
Der View-Name am Ende ist bei rndc flushname laut Handbuch optional. In meinem Setup mit einer eigenen resolver-View ist er aber Pflicht, sonst passiert schlicht nichts Sichtbares. Die allgemeine Lehre daraus: Wer eigene DNS-Änderungen prüft, fragt immer einen autoritativen Server und einen öffentlichen Resolver, niemals nur den Systemresolver.
Ein HTTP-Cache vor keyserver.ubuntu.com. Der lieferte einen veralteten Schlüssel mit nur der Hälfte der Claims aus. Ein angehängter Cache-Busting-Parameter brachte sofort die korrekte Version, und ein erneuter Upload wurde mit "ignored" quittiert. Der Server war also die ganze Zeit aktuell, nur der Cache davor nicht.
Und die Keyserver selbst. Keyserver mischen Selbstsignaturen, sie ersetzen sie nicht. Nach einem Update trägt die Keyserver-Kopie die alte und die neue Selbstsignatur. Ein naives grep -c notation zählt dann fünf Notationen, während die selbst gehostete Kopie drei zeigt. gpg nimmt beim Import die neueste, praktisch ist das also harmlos, aber jedes Verifikationsskript lügt einen dabei an. Man prüft besser, was ein frischer Import auflöst, nicht was im rohen Blob steht.
Die Moral aus allen drei Fällen ist dieselbe: gegen eine autoritative Quelle prüfen und gegen eine cache-busted Anfrage, niemals nur gegen die eine bequeme Quelle, die gerade zur Hand ist.
Falle 4: die Gist-Raw-URL springt den Host
Ein kurzer Schreckmoment mit einfacher Ursache. Die Adresse https://gist.github.com/<user>/<id>/raw/proof.md antwortet mit einem 301 auf gist.githubusercontent.com. Ein curl ohne -L liefert damit gar nichts zurück, was auf den ersten Blick nach einem kaputten Proof aussieht. Ist es nicht, es fehlt nur ein Buchstabe am Kommando.
Falle 5: –print-dane-records gibt es nicht mehr
In GnuPG 2.4 ist --print-dane-records weg. Der Aufruf bricht mit einem Fehler ab und verweist auf --export-options export-dane. Nur reicht export-minimal allein nicht: Die Foto-UID bleibt drin und bläst einen DANE-Record von rund einem Kilobyte auf etwa zwölf Kilobyte auf. Die kompakte Variante braucht zusätzlich einen Export-Filter:
Der fünfte Claim: Fediverse, und warum er nicht live ist
Jetzt der ehrliche Teil. Ein fünfter Claim war gebaut, ausgerollt, nie verifiziert und noch am selben Tag wieder zurückgebaut. Ich schreibe das hier hin, weil vier aufgeräumte grüne Haken nichts erzählen und dieser eine Fehlschlag mehr über die Technik verrät als der Rest zusammen.
Der Plan war ein Claim auf https://www.kernel-error.de/@kernel-error.de, also den ActivityPub-Actor dieses Blogs, mit dem Proof in den Profil-Metadaten. Beim WordPress-ActivityPub-Plugin werden die „Extra Fields“ als PropertyValue-Attachments an den Actor gehängt. Zwei Entscheidungen dabei waren richtig und bleiben es auch nach dem Rückbau.
Erstens: Die Claim-URL leitet im Browser um, liefert aber unter Accept: application/activity+json sauber den Actor aus. „Mach das doch mal im Browser auf“ ist bei einem maschinenlesbaren Endpunkt schlicht kein gültiger Test. Wer so prüft, verwirft eine funktionierende Adresse.
Zweitens: Die Platzierung war wichtiger als gedacht. Keyoxide akzeptiert den Proof in der Bio, in einem Beitrag oder in den Profil-Metadaten. Bei einem WordPress-Blog-Actor ist die Bio aber der Blog-Slogan, und der steht auf jeder einzelnen Seite der öffentlichen Webseite. Ein Fingerprint im Header, weil man die erstbeste dokumentierte Möglichkeit genommen hat. Die Profil-Metadaten sind genauso gültig und für Leser unsichtbar. Lohnt sich also, erst alle Optionen zu lesen und dann zu wählen.
Ein Implementierungsdetail mit echter Fallhöhe: Das Feld wurde mit $wpdb->insert eingetragen, ausdrücklich nicht mit wp_insert_post(). Letzteres feuert die ActivityPub-Hooks und erzeugt einen Update-Eintrag in der Outbox, der dann als Geisterbeitrag durch das Fediverse geht. Kontrolliert habe ich das über den Zeilenstand der ap_outbox vor und nach dem Eingriff: 130 zu 130, sowohl beim Anlegen als auch beim Löschen. Danach Caches leeren, und zwar zuerst Redis, dann FastCGI, sonst füllt sich der FastCGI-Cache sofort wieder aus den alten Redis-Daten. Wer mehr über das Plugin-Innenleben lesen mag, findet in meinem Beitrag zum eigenen ActivityPub-Plugin für Grav die Mechanik dahinter.
Und dann zeigte Keyoxide trotzdem ein rotes Kreuz.
Ein rotes Kreuz und eine sehr überzeugende falsche Fährte
Der Claim stand auf dem Profil als rotes Kreuz mit der Beschriftung [---], was so viel heißt wie „kein Service Provider hat gematcht“. Die anderen vier waren grün. Das Access-Log sah so aus:
OPTIONS /@kernel-error.de 301
GET /.well-known/nodeinfo 200
GET /wp-json/activitypub/1.0/nodeinfo/2.1 200
GET /@kernel-error.de/api/config 404 (doipjs/2.1.0)
Die naheliegende Lesart ist falsch, und sie ist verführerisch. /api/config ist ein Owncast-Endpunkt. Man denkt sofort: Keyoxide hält meinen Claim für einen Owncast-Server, da ist die Provider-Erkennung kaputt. Stimmt aber nicht. Die beiden NodeInfo-Abfragen darüber stammen aus dem ActivityPub-Postprozessor von doipjs, ActivityPub hatte also gematcht. Die Owncast-Abfrage ist der Fallback, der danach läuft, weil der ActivityPub-Test bereits gescheitert war. Symptom, nicht Ursache.
Die Ursache steht in der ersten Zeile. WordPress beantwortet ein OPTIONS auf die hübsche Actor-URL mit einem 301 auf die Startseite. Und ein umgeleiteter CORS-Preflight ist in allen heute relevanten Browsern ein harter Fehler. Die Fetch-Spezifikation ist an der Stelle inzwischen weniger strikt formuliert, in der Praxis bricht der Browser trotzdem ab, und der Prüfer kommt nie an den Actor heran. Das Ärgerliche daran: Die CORS-Header waren die ganze Zeit korrekt gesetzt, Access-Control-Allow-Origin: * und der ganze Rest. Sie kamen nur mit Status 301, und damit sind sie wertlos.
Eine andere Claim-URL hilft nicht heraus. /@handle und /@handle/ antworten beide mit 301 auf OPTIONS, und die eigentliche Actor-ID /?author=0 beantwortet OPTIONS mit 405 und ganz ohne CORS-Header. Es musste also in den nginx, mit einer Location, die den Preflight selbst beantwortet:
Platziert als erste Regex-Location, damit sie vor den späteren gewinnt, und der Nicht-OPTIONS-Zweig spiegelt exakt das, was auch location / macht, damit normaler Verkehr unverändert durchläuft. Der Preflight ging damit von 301 auf 204.
Und der erste Fix reichte nicht, das Log hat es leise gesagt
Nach dem Reload kam sauber der 204. Aber das anschließende GET /@kernel-error.de tauchte im Access-Log überhaupt nicht auf, und doipjs marschierte direkt wieder zur Owncast-Abfrage weiter. Genau diese Abwesenheit ist die Fehlermeldung: Ein Preflight, der erfolgreich ist und auf den dann gar keine Anfrage folgt, bedeutet, dass der Browser die Antwort auf den Preflight abgelehnt hat.
Die Liste der erlaubten Header war schlicht geraten. Accept, Authorization, Content-Type klingt vernünftig, deckte aber offensichtlich nicht ab, was doipjs tatsächlich schickt. Die Erweiterung auf Access-Control-Allow-Headers: * war die zweite Hälfte des Fixes. Der Wildcard wirkt hier, weil die Anfrage ohne Credentials und ohne HTTP-Auth läuft. Bei einer Anfrage mit Credentials wäre der Stern wirkungslos, und Authorization deckt er ohnehin nie ab, den müsste man immer namentlich nennen. Oben steht schon die korrigierte Fassung.
Noch eine Warnung für alle, die so etwas nachbauen: Access-Control-Max-Age: 86400 heißt, dass der Browser die alte Preflight-Antwort einen Tag lang behält. Ein normales Neuladen leert den CORS-Preflight-Cache nicht. Also im privaten Fenster nachtesten, sonst jagt man ein Gespenst.
Drei Lehren daraus, die weit über Keyoxide hinaus gelten:
Richtige Header auf einem falschen Statuscode sind trotzdem kaputt. Ein 301 mit perfekten CORS-Headern scheitert genauso hart wie gar keine Header.
Ein Log liest man von oben nach unten, nicht von unten nach oben. Die verdächtigste Zeile, der 404, war die Folge. Der langweilige 301 zwei Zeilen darüber war der Fehler.
Eine Anfrage, die im Log fehlt, ist auch ein Befund. Die zweite Runde habe ich ausschließlich aus etwas diagnostiziert, das nicht passiert ist.
Ein Nebeneffekt, der mir erst hinterher aufging: Das war nie ein Keyoxide-Problem. Jeder Cross-Origin-Konsument meines ActivityPub-Actors, der dafür im Browser läuft und einen Preflight braucht, ist an diesem Redirect gescheitert, seit es die Adresse gibt, und es ist niemandem aufgefallen. Serverseitige Abrufer waren nie betroffen, die kennen kein CORS. Der nginx-Fix ist deshalb geblieben, auch nachdem der Claim wieder weg war. Er repariert einen echten Defekt, völlig unabhängig von Keyoxide.
Und trotzdem blieb es rot
Nach dem CORS-Fix zeigte das Log endlich das gewünschte Bild: OPTIONS ... 204, gefolgt von GET /@kernel-error.de 200 6915 "doipjs/2.1.0". Der Actor wurde geholt. Und der Claim blieb rot. Der Reihe nach ausgeschlossen habe ich dann:
Provider-Matching. Das Regex in activitypub.js ist ein Catch-All, und die NodeInfo-Abfragen im Log beweisen ohnehin, dass der zugehörige Postprozessor gelaufen ist.
Feldplatzierung.attachment.value ist eines der drei Felder, die doipjs durchsucht.
Inhalt und Schreibweise. Fingerprint einmal in Großbuchstaben, einmal in Kleinbuchstaben probiert. Beides ohne Treffer. Die anderen vier Claims benutzen alle Großbuchstaben und verifizieren einwandfrei, an der Schreibweise liegt es also nicht.
Bleibt ein Verdacht, den ich ausdrücklich als unbewiesen kennzeichne: Das hier ist ein WordPress-ActivityPub-Blog-Actor. NodeInfo meldet software: wordpress, und der preferredUsername lautet kernel-error.de, ist also ein Benutzername mit Punkten darin, den Mastodon so gar nicht erzeugen könnte. Das ist ein deutlich weniger befahrener Pfad durch doipjs als ein normales Mastodon-Profil. Weiterzukommen hätte bedeutet, fremdes JavaScript zu debuggen, für den fünften von fünf Claims.
Also habe ich aufgehört, und die Entscheidung gehört zur Geschichte dazu. Rückbau komplett: Notation aus dem Schlüssel entfernt, alle sieben Kanäle neu ausgerollt, das Profilfeld gelöscht, Caches geleert. Der Claim ist damit vollständig verschwunden, es bleibt also kein dauerhaftes rotes Kreuz stehen. Das ist übrigens eine erfreuliche Eigenschaft: Ein Claim, der nicht funktioniert, lässt sich sauber zurückziehen. Nur die Historie der Notation liegt für immer auf den Keyservern. Wer die rohen Schlüsseldaten auseinandernimmt, findet die alten Selbstsignaturen samt Claim also weiterhin. Im aktuellen Profil taucht er nicht mehr auf.
Zwei Stolpersteine aus dem Rückbau, die man kennen sollte:
Das Entfernen einer Notation braucht eine Bestätigung. Die Reihenfolge ist uid 1, dann notation, dann der Ausdruck mit führendem Minus, dann ein y, dann erst save. Ohne das y schluckt gpg das nachfolgende save als Antwort auf seine Rückfrage, und das Entfernen passiert stillschweigend gar nicht.
Keyserver behalten jede Generation von Selbstsignaturen. Nach dem Rückbau lagen auf keys.openpgp.org zehn Selbstsignaturen auf dieser UID, mit der Reihe 4, 5, 4, 3, 2, 0 Claims. Harmlos, weil gpg wie openpgp.js die neueste nimmt. Aber --export-options export-clean reduziert das nicht auf eine Selbstsignatur. Wer Notationen über einen so bereinigten Export zählt, zählt zu hoch und hält einen erfolgreichen Rückbau für gescheitert. Besser die Zeitstempel pro Signatur vergleichen.
Falle 6: ein langsamer Matrix-Raum sieht aus wie kaputte Föderation
Zum Schluss noch eine schöne Fehldiagnose. Der erste Versuch, #doipver:matrix.org beizutreten, starb mit ResponseNeverReceived. Das liest sich wie ein glasklarer Föderationsausfall, und ich habe entsprechend angefangen zu suchen. Nur: federationtester.matrix.org meldete FederationOK: true mit gültigen Zertifikaten über IPv4 und IPv6, und blankes TCP wie auch HTTPS vom Server nach matrix.org liefen einwandfrei.
#doipver ist einfach ein großer, stark föderierter Raum. Der Alias löst auf hunderte beteiligte Server auf, und ein make_join gegen einen einzelnen ausgelasteten Server dauert entsprechend. Geholfen haben zwei Dinge: mehrere Server zum Beitreten mitgeben und einen großzügigen Timeout setzen, 180 Sekunden waren genug. Der Parameter heißt in der aktuellen Spezifikation via, ich habe hier noch den älteren Namen server_name benutzt.
POST /_matrix/client/v3/join/%21dBfQZxCoGVmSTujfiv%3Amatrix.org
?server_name=matrix.org&server_name=privacyguides.org&server_name=monero.social
Die übertragbare Lehre, gerade für dieses Publikum: Bevor man aus einer einzigen gescheiterten Anfrage eine Föderationsstörung diagnostiziert, sollte man prüfen, ob die Anfrage nur langsam war. Am selben Tag tauchten übrigens noch zwei 429 Too Many Requests bei Schlüsselabfragen im Log auf, ebenfalls reine Ablenkung.
Selbst nachprüfen, ganz ohne die Webseite
Und hier kommt der Punkt, an dem das ganze Modell überzeugt. Du musst keyoxide.org nicht vertrauen, du kannst die komplette Prüfung selbst machen. Vier Schritte, gegen meinen Schlüssel:
# 1. Schlüssel holen, so wie es ein Fremder tun würde
gpg --auto-key-locate clear,wkd --locate-external-keys kernel-error@kernel-error.com
# 2. Claims aus der Selbstsignatur lesen
gpg --export 0x893DE0CDDE986DEB | gpg --list-packets | grep 'proof@ariadne.id'
# 3. Claims auflösen
dig +short TXT kernel-error.de | grep openpgp4fpr
dig +short TXT kernel-error.com | grep openpgp4fpr
curl -sSL https://gist.github.com/Kernel-Error/b51b81489a0600908cf09aca13765b9c/raw/proof.md
# Matrix: Nachricht im Client öffnen oder das Event per API lesen
# Raum !dBfQZxCoGVmSTujfiv:matrix.org
# Event $q3zhGJTbPWZD5LjUnsnAI9p43YzHXglniNv_SL7dldQ
# 4. Gegen den Fingerprint aus Schritt 1 vergleichen, das ist die gesamte Prüfung
Das ist Keyoxide. Mehr macht die Seite auch nicht, sie macht es nur hübscher und schneller. Wenn du diese vier Schritte einmal von Hand durchgehst, sitzt das Argument „du musst der Webseite nicht vertrauen“ deutlich besser als jede Erklärung.
Was das beweist, und was eben nicht
Damit hier niemand mit falschen Erwartungen rausgeht, die ehrlichen Grenzen:
Claims sind praktisch dauerhaft. Sie stehen in der Selbstsignatur, die auf Keyserver hochgeladen wird, und keys.openpgp.org kennt kein Zurücknehmen. Man sollte also nur Identitäten claimen, die man dauerhaft und öffentlich an den Schlüssel gebunden haben möchte. Genau deshalb habe ich Telegram und Threema bewusst weggelassen.
Xing und LinkedIn habe ich übersprungen, es gibt dort keinen brauchbaren Proof-Mechanismus. Eine Klarnamen-Bindung existiert bei mir ohnehin in stärkerer Form über die eID-Zertifizierung. Telefonnummern, SIP und Postanschrift sind nicht verifizierbar und ohnehin eine schlechte Idee.
Das beweist Kontrolle, nicht Identität. Ein grüner Haken sagt: Dieselbe Instanz kontrolliert diesen Schlüssel und dieses Konto. Er sagt nicht, wer diese Instanz ist. Dafür braucht es weiterhin so etwas wie eine eID-Zertifizierung oder ein persönliches Treffen. Das ist die ehrliche Grenze des ganzen Ansatzes, und sie zu überverkaufen wäre falsch.
Die Prüfung ist nur so stark wie der schwächste Endpunkt. Eine DNSSEC-signierte Zone auf eigenen Nameservern ist stark. Ein Gist auf einer Plattform, die morgen ihr URL-Schema ändern kann, ist es nicht.
Keyoxide selbst ist eine Bequemlichkeitsschicht. Verschwindet Keyoxide, funktionieren die Claims weiter. Verschwindet GitHub, ist genau dieser eine Claim tot.
Nachtrag: der neue Schlüssel hatte noch ein ganz anderes Problem
Beim Durchleuchten des Setups ist mir nebenbei ein echter Defekt am funkelnagelneuen Schlüssel aufgefallen: Er hatte überhaupt keine Algorithmus-Präferenzen. Die Folge war messbar und wirklich unangenehm. Ein Dritter, der an den alten Schlüssel verschlüsselt hat, bekam AES256. Beim neuen Schlüssel wurde daraus stillschweigend AES128. Der neue, modernere Schlüssel wurde also schwächer adressiert als der, den er ablöst. Das ist eine eigene Geschichte und die erzähle ich in einem eigenen Beitrag, denn der Unterschied zwischen „mein Schlüssel ist modern“ und „mein Schlüssel ist korrekt konfiguriert“ verdient mehr als eine Randnotiz.
Fazit
Das Web of Trust ist als Alltagsmechanismus tot, die Zertifizierungsstellen für Privatpersonen sind weitgehend weg, und trotzdem bleibt die Frage bestehen, wem ein Schlüssel gehört. Identity Claims sind darauf eine überraschend saubere Antwort: kein Account, kein Anbieter, der etwas hält, keine Abhängigkeit von einer Firma, die morgen verkauft wird. Nur zwei Aussagen, die aufeinander zeigen, und ein Schlüssel, der sein Profil selbst ist.
Der Aufwand ist überschaubar, wenn man die Claims sammelt und in einem Rutsch einträgt. Die Zeit geht nicht für Keyoxide drauf, sondern für die eigenen Caches und für einen alten Redirect, den nie jemand hinterfragt hat. So gesehen war der gescheiterte fünfte Claim der nützlichste von allen.
Wie immer gilt: Wenn etwas unklar ist, wenn ich mich irgendwo irre oder wenn jemand doch noch weiß, warum ein WordPress-ActivityPub-Actor bei doipjs durchfällt, dann dürft ihr mich sehr gerne fragen.
Wer eine moderne TLS-Verbindung debuggt, stolpert früher oder später über eine Zeichenkette wie X25519MLKEM768. Sie steht im nginx-Log, sie taucht in der Ausgabe von openssl s_client auf, sie klebt in jeder Handshake-Analyse. Und sie sieht aus, als wären da zwei Dinge aus Versehen zusammengeschoben worden. Sind sie aber nicht.
Genau wie die klassischen Cipher Suites folgt auch dieser Name einem klaren Schema. Man muss nur wissen, wo man den Schnitt ansetzt. Vor Jahren habe ich hier schon einmal so eine Zeichenkette auseinandergenommen, damals TLS_ECDHE_ECDSA_WITH_AES_256_GCM_SHA384. Heute ist die Post-Quantum-Welt dran. Ich möchte X25519MLKEM768 einmal komplett durchleuchten: was jeder Teil bedeutet, warum das Ganze so gebaut ist und was es bewusst nicht abdeckt.
Kurze Auffrischung: die vier Teile einer klassischen Cipher Suite
Ein klassischer Suite-Name wie TLS_ECDHE_ECDSA_WITH_AES_256_GCM_SHA384 beschreibt vier Bausteine. Der Schlüsselaustausch legt fest, wie sich beide Seiten auf ein gemeinsames Geheimnis einigen, hier ECDHE. Die Authentisierung sagt, womit das Serverzertifikat signiert ist, hier ECDSA. Die eigentliche Verschlüsselung der Nutzdaten macht AES-256-GCM. Und der Hash SHA384 steckt in der Schlüsselableitung und sichert das Handshake-Transkript ab. Die Integrität der übertragenen Nutzdaten übernimmt bei dieser Suite dagegen schon AES-256-GCM selbst, als AEAD-Verfahren braucht es dafür keinen separaten Hash mehr. Wer das im Detail nachlesen mag, findet es im verlinkten Altbeitrag.
Diese vier Slots sind der Rahmen. Post-Quantum betrifft in diesem Beitrag genau einen davon, den Schlüsselaustausch. Die Authentisierung ließe sich ebenfalls quantensicher machen, sie bleibt hier aber vorerst klassisch, dazu am Ende mehr. Der Schlüsselaustausch ist der springende Punkt, den man zuerst verstehen muss.
In TLS 1.3 wandert der Schlüsselaustausch aus dem Namen
Der erste Grund, warum X25519MLKEM768 nicht in der Cipher Suite steht, ist eine Änderung aus TLS 1.3. Dort ist der Schlüsselaustausch aus dem Suite-Namen herausgewandert. Eine TLS-1.3-Suite heißt nur noch TLS_AES_256_GCM_SHA384, also Verschlüsselung plus Hash. Vom Schlüsselaustausch steht da kein Wort mehr.
Stattdessen handeln Client und Server den Schlüsselaustausch separat aus, über die sogenannten Supported Groups. X25519MLKEM768 ist so eine Gruppe. Sie steht neben der Cipher Suite, nicht in ihr. Genau deshalb sitzt Post-Quantum an dieser Stelle: die Sache, die der Quantencomputer bedroht, ist der Schlüsselaustausch, und der wird in TLS 1.3 als eigene Gruppe verhandelt. Die Suite selbst bleibt unangetastet.
Der klassische Suite-String und wie TLS 1.3 den Schlüsselaustausch als eigene Named Group abtrennt.
Warum überhaupt Post-Quantum?
Ein ausreichend großer Quantencomputer bricht mit dem Shor-Algorithmus die Mathematik hinter dem klassischen Schlüsselaustausch. Diffie-Hellman, RSA, die elliptischen Kurven: alles, was auf dem diskreten Logarithmus oder der Faktorisierung großer Zahlen beruht, fällt. Nicht ein bisschen schwächer, sondern gebrochen.
Die symmetrische Seite trifft es weit weniger hart. Gegen AES und die SHA-2-Familie hilft einem Quantencomputer nur der Grover-Algorithmus, und der halbiert lediglich die effektive Schlüssellänge. AES-256 verhält sich gegen Grover ungefähr so wie AES-128 gegen einen klassischen Rechner, und das ist weiterhin weit außerhalb des Machbaren. Deshalb muss der symmetrische Teil der Cipher Suite gar nicht ersetzt werden. Man nimmt die größere Variante, und die Sache ist erledigt. Nur der asymmetrische Schlüsselaustausch braucht wirklich Ersatz.
Der Haken ist der Zeitfaktor. Ein Angreifer, der heute Datenverkehr mitschneidet und wegspeichert, braucht den Quantencomputer nicht heute. Er kann warten. Kommt die Maschine in zehn oder fünfzehn Jahren, entschlüsselt er den alten Mitschnitt rückwirkend. Man nennt das harvest now, decrypt later. Für alles, was auch in fünfzehn Jahren noch vertraulich sein soll, ist die Bedrohung damit schon heute real. Das ist der Grund, warum man nicht wartet, bis es den Quantencomputer gibt.
Was ist ein KEM, und wie unterscheidet es sich von Diffie-Hellman?
Bevor wir den Namen zerlegen, ein Begriff, den man dafür braucht. Diffie-Hellman, auch in seiner elliptischen Variante ECDHE, funktioniert symmetrisch: beide Seiten werfen einen öffentlichen Wert in die Leitung, jede rechnet mit ihrem eigenen geheimen Wert und dem öffentlichen der Gegenseite, und am Ende haben beide dasselbe gemeinsame Geheimnis heraus. Verschickt hat es niemand, es entsteht auf beiden Seiten gleichzeitig.
Ein KEM, ein Key Encapsulation Mechanism, geht anders vor. Es kennt drei Schritte. Eine Seite erzeugt ein Schlüsselpaar und schickt den öffentlichen Teil. Die andere Seite führt mit diesem öffentlichen Schlüssel die Encapsulation aus. Dabei entstehen in einem Schritt zwei zusammengehörige Dinge: ein frisches gemeinsames Geheimnis und ein Chiffretext dazu. Der Chiffretext geht zurück. Die erste Seite entkapselt ihn mit ihrem privaten Schlüssel und hält dasselbe Geheimnis in der Hand. Encapsulate und Decapsulate, daher der Name.
Diffie-Hellman gegen KEM: beim KEM erzeugt der Client das Schlüsselpaar, der Server kapselt das Geheimnis ein.
Im TLS-Handshake ist die Rollenverteilung dabei klar. Der Client erzeugt das ML-KEM-Schlüsselpaar und legt den öffentlichen Schlüssel in sein key_share, also gleich in den ClientHello. Der Server nimmt diesen Schlüssel, kapselt ein frisches Geheimnis ein und schickt den Chiffretext in seinem ServerHello zurück. Der Client entkapselt ihn und beide haben dasselbe Geheimnis. Genau deshalb ist es der 1184 Byte große öffentliche Schlüssel, der den ClientHello aufbläht, und nicht der Chiffretext. Klein bleibt der ServerHello damit trotzdem nicht: dort steckt der 1088 Byte lange ML-KEM-Chiffretext plus der 32 Byte lange X25519-Anteil. Beide Seiten schleppen also einen großen hybriden Share. Der Client-Share ist mit 1216 Byte nur rund 96 Byte größer als der 1120 Byte große Server-Share.
Warum nicht einfach Diffie-Hellman mit einem quantensicheren Verfahren? Weil die gitterbasierte Mathematik, auf der ML-KEM beruht, sich nicht sauber in das symmetrische DH-Schema pressen lässt. Die KEM-Form passt zu dem, was Gitter gut können: etwas einkapseln und wieder herausholen. Deshalb ist der neue Standard ein KEM und kein neues Diffie-Hellman. Wer die Denke von ECDHE im Kopf hat, muss hier einmal umschalten.
Der klassische Teil: X25519
Jetzt zum Namen selbst. X25519 ist der Teil, den es schon lange gibt. Es ist Diffie-Hellman über der elliptischen Kurve Curve25519, schnell, seit Jahren im breiten Einsatz und gründlich untersucht. In einer klassischen TLS-1.3-Verbindung macht X25519 den Schlüsselaustausch ganz allein. Sein öffentlicher Anteil ist mit 32 Byte winzig, die Rechnung ist billig, und in Sachen Vertrauen hat es sich über Jahre bewiesen.
Sein einziges Problem ist der Quantencomputer. Gegen Shor hält X25519 nicht. Es allein weiterzuverwenden hieße, sich genau der harvest-now-Bedrohung auszuliefern. Es einfach wegzuwerfen wäre aber auch schade, denn es ist bewährt. Diese Spannung löst der zweite Teil.
Der Post-Quantum-Teil: ML-KEM-768
MLKEM768 ist der neue Teil. ML-KEM steht für Module-Lattice-Based Key Encapsulation Mechanism, das quantensichere KEM, das die NIST im August 2024 als FIPS 203 standardisiert hat. Wem der Name CRYSTALS-Kyber etwas sagt: das ist der Vorgänger, ML-KEM ist die standardisierte Fassung davon.
Die Sicherheit von ML-KEM beruht nicht auf dem diskreten Logarithmus, sondern auf Gitterproblemen, konkret auf dem Module-LWE-Problem. Das ist eine ganz andere mathematische Baustelle, und nach heutigem Kenntnisstand hilft auch ein Quantencomputer dort nicht weiter. Die 768 im Namen ist keine Byte-Angabe, sondern der Parametersatz. Er ist der NIST-Sicherheitskategorie 3 zugeordnet, deren Referenzniveau sich grob am Aufwand eines Angriffs auf AES-192 orientiert. Eine exakte Zahl wie 192 Bit sollte man daraus aber nicht ableiten, die Kostenmodelle für Gitterangriffe und klassische Schlüsselsuche sind nicht dasselbe. Kategorie 3 ist der übliche Mittelweg zwischen dem kleineren ML-KEM-512 und dem größeren ML-KEM-1024.
Man muss die Gittermathematik nicht beherrschen, um die Grundidee zu greifen. Grob gesagt versteckt ML-KEM sein Geheimnis in einem System aus vielen Gleichungen, dem absichtlich ein kleines Rauschen beigemischt wurde. Ohne den privaten Schlüssel lässt sich das Rauschen nicht sauber herausrechnen, und den richtigen Wert trotzdem zu finden, gilt auch für einen Quantencomputer als hart. Shor greift hier ins Leere, weil es weder um Faktorisierung noch um diskrete Logarithmen geht. Das ist der ganze Trick: eine Härte, für die keine Quanten-Abkürzung bekannt ist.
Interessant sind die Größen. Der öffentliche Schlüssel von ML-KEM-768 ist 1184 Byte groß, der Chiffretext 1088 Byte. Zum Vergleich: der X25519-Anteil misst 32 Byte. Das gemeinsame Geheimnis, das am Ende herausfällt, ist bei beiden gleich klein, nämlich 32 Byte. Der Zugewinn an Sicherheit steckt also nicht im Ergebnis, sondern im Aufwand, es auszuhandeln. Diese Größe wird später noch wichtig.
Warum beide zusammen? Der Hybrid-Gedanke
Das Entscheidende an X25519MLKEM768 ist, dass beide Verfahren zugleich laufen. Es ist ein hybrider Schlüsselaustausch. X25519 liefert ein gemeinsames Geheimnis, ML-KEM-768 liefert ein zweites. Diese beiden Geheimnisse werden aneinandergehängt und wandern gemeinsam in den Schlüsselplan von TLS 1.3, also durch die HKDF-Ableitung, aus der am Ende die eigentlichen Sitzungsschlüssel fallen.
Beide Schlüsselaustausche laufen parallel, ihre Geheimnisse landen gemeinsam im TLS-1.3-Schlüsselplan.
So, wie es für X25519MLKEM768 in TLS 1.3 standardisiert ist, bleibt das Ergebnis sicher, solange mindestens einer der beiden Schlüsselaustausche sicher ist. Erst wenn ein Angreifer beide bricht, fällt der Schlüssel. Diese Garantie hängt allerdings an der sauberen Einbindung in den TLS-1.3-Schlüsselplan, bloßes Aneinanderhängen zweier Geheimnisse ist nicht in jedem Protokoll automatisch sicher. Und das ist der ganze Sinn der Übung. ML-KEM ist quantensicher, aber noch jung. Sollte in der Gitterkryptografie doch eine Schwäche gefunden werden, hält immer noch das klassische X25519 die Stellung. Sollte umgekehrt der Quantencomputer kommen, fällt X25519, aber ML-KEM trägt weiter. Man müsste beide gleichzeitig knacken, und das ist mit heutigem Wissen für keine der beiden Seiten in Sicht. Man bekommt die neue Sicherheit, ohne die alte aufzugeben.
Kleine Kuriosität am Rande: im Namen steht X25519 vorne, auf dem Draht und bei der Kombination der Geheimnisse liegt der ML-KEM-Teil zuerst. Der Name folgt einer Konvention, die Byte-Anordnung einer anderen. Fürs Verständnis ist das egal, für eine eigene Implementierung nicht. Der allgemeine Rahmen für hybride Schlüsselaustausche in TLS 1.3 ist übrigens inzwischen als RFC 9954 veröffentlicht. Der konkrete Codepoint X25519MLKEM768 mitsamt seiner genauen Kodierung steckt dagegen noch in einem eigenen Entwurf, draft-ietf-tls-ecdhe-mlkem, den die TLS-Arbeitsgruppe im März 2025 angenommen hat. Zum Zeitpunkt dieses Beitrags ist dieser Teil noch kein veröffentlichtes RFC, er liegt aber schon beim RFC Editor. Im echten Datenverkehr ist er trotzdem längst unterwegs.
Der Preis: der Handshake wird größer
Die 1184 Byte haben eine Nebenwirkung. Ein klassischer ClientHello passt bequem in ein Paket. Packt man den ML-KEM-Schlüssel dazu, wird es eng, und manche fehlerhaften Middleboxes oder ältere Mailserver kommen mit dem größeren ClientHello nicht klar. Bei HTTPS bricht der TLS-Handshake dann in der Regel einfach ab, einen automatischen Rückfall auf Klartext gibt es dort nicht. Kritischer sind opportunistische Protokolle wie SMTP mit STARTTLS: dort kann, je nach lokaler TLS-Policy, nach einem gescheiterten TLS-Versuch tatsächlich unverschlüsselt weiter zugestellt werden. Das ist aber eine Eigenschaft des Anwendungsprotokolls und seiner Policy, nicht von TLS selbst.
Standardmäßig schickt OpenSSL 3.5 den hybriden Schlüssel gleich im ersten ClientHello mit, X25519MLKEM768 ist dort als vorhergesagter Key Share vorgesehen. Genau deshalb passt der ClientHello unter Umständen nicht mehr in ein einzelnes TCP-Segment. Wer das vermeiden will, kann Delayed Key-Share konfigurieren: der Client bietet die Gruppe dann zwar in den Supported Groups an, schickt den großen Share aber noch nicht mit. Bevorzugt der Server sie, fordert er ihn per HelloRetryRequest nach, was eine zusätzliche Rundreise kostet. Bei Postfix habe ich genau diesen Weg über das vorangestellte Fragezeichen in der Kurvenliste eingerichtet und auf dem Draht mit tcpdump nachvollzogen. Der Link steht unten. Für das Verständnis des Namens reicht: der Post-Quantum-Teil ist groß, und der Handshake muss sich darauf einstellen.
Was hier nicht post-quantum ist: die Authentisierung
Ein Punkt wird gern übersehen. X25519MLKEM768 schützt den Schlüsselaustausch, nicht die Authentisierung. Dass man wirklich mit dem richtigen Server spricht und nicht mit jemandem in der Mitte, hängt an zwei klassischen Signaturen. Die Zertifikatskette ist von der CA mit ECDSA oder RSA signiert, und der Server beweist zusätzlich im Handshake mit einer eigenen Signatur über das Transkript, dem CertificateVerify, dass er den passenden privaten Schlüssel besitzt. Beide sind heute noch klassisch, an dieser Stelle steckt also weiterhin nichts Quantensicheres.
Das ist kein Versehen, sondern eine Frage der Reihenfolge. Die quantensicheren Signaturverfahren gibt es durchaus, ML-DSA und SLH-DSA sind standardisiert. Nur bekommt man praktisch von keiner öffentlichen CA heute ein post-quantum signiertes Zertifikat. Die ganze Kette aus Wurzel, Zwischenzertifikat und Serverzertifikat müsste mitziehen, Browser und Betriebssysteme müssten die neuen Wurzeln kennen, und das dauert Jahre.
Warum ist das trotzdem vertretbar? Weil die Bedrohung bei der Server-Authentisierung im TLS-Handshake eine andere ist. Diese Signatur muss vor allem in dem Moment halten, in dem die Verbindung aufgebaut wird. Ein Quantencomputer in fünfzehn Jahren kann eine damals abgeschlossene Verbindung nicht rückwirkend fälschen, sie ist längst vorbei. Harvest now, decrypt later trifft also die Vertraulichkeit, nicht die Echtheit eines vergangenen Handshakes. Andere Signaturen, etwa unter Dokumenten oder Firmware, müssen dagegen oft noch Jahrzehnte halten, das ist ein eigener Fall. Deshalb ist der Schlüsselaustausch das dringende Problem und darf zuerst quantensicher werden. Die Signaturen kommen später, und dafür bleibt mehr Zeit.
Und in der Praxis?
Das alles klingt nach Zukunft, ist aber längst Gegenwart. Ich habe über fünfzehn Tage mitgeloggt, welche Gruppe die Clients auf diesem Blog tatsächlich aushandeln. Ergebnis: rund 57 Prozent aller Handshakes liefen bereits über X25519MLKEM768, bei aktuellen Browsern waren es um die 77 Prozent. Das ist kein Laborwert, sondern normaler Besucherverkehr. Der Schlüsselaustausch, den ich hier zerlegt habe, ist für den Großteil der Verbindungen zu dieser Seite schon der Normalfall.
Sehen kann man das selbst mit einem Blick von außen. Ein openssl s_client -connect host:443 zeigt in seiner Ausgabe die ausgehandelte Gruppe, und wenn dort X25519MLKEM768 steht, dann läuft genau der hybride Schlüsselaustausch, den wir hier auseinandergenommen haben. Auf der Serverseite kann man dieselbe Information über die Log-Variable $ssl_curve mitschreiben, was ich für die Auswertung unten genau so gemacht habe.
Wer das selbst einrichten will, muss vor allem eines wissen: es hängt an der Krypto-Bibliothek, also an OpenSSL 3.5 oder neuer, nicht am Webserver oder Mailserver selbst. Die konkreten Anleitungen für nginx sowie für Postfix und Dovecot habe ich getrennt aufgeschrieben, dazu die Auswertung, aus der die Zahlen oben stammen. Die Links stehen gleich hier drunter.
Kurz zusammengefasst
X25519MLKEM768 ist kein Tippfehler und kein Buzzword, sondern eine saubere Konstruktion. Ein klassischer Schlüsselaustausch und ein quantensicherer laufen parallel, ihre Geheimnisse werden zusammengeführt, und der Handshake ist nur zu knacken, wenn beide fallen. Der symmetrische Teil der Verbindung bleibt klassisch, weil er es sich leisten kann. Die Authentisierung bleibt vorerst auch klassisch, weil sie nicht so eilt. Und wenn man den Namen einmal an der richtigen Stelle auseinandernimmt, steht da nichts Geheimnisvolles mehr, sondern genau das, was drinsteckt.