Ein Detail, das mich an dieser Maschine bis heute amüsiert: die Kiste, die hier steht, hat weniger Kerne als die, die sie ersetzt hat. Vorher waren es zwei Xeon E5-2687W v3, zusammen 20 Kerne und 40 Threads. Jetzt ist es ein einzelner Xeon Gold 5315Y mit 8 Kernen und 16 Threads. Auf dem Papier ein deutlicher Rückschritt, in der Praxis für fast alles was ich mache ein Fortschritt, weil jeder einzelne Kern erheblich mehr leistet und weil PCIe 4.0 und 256 GB Speicher am Ende mehr wert sind als zwölf zusätzliche langsame Kerne.

Womit wir bei der Seite wären, um die es heute geht. Das hier ist die dritte Folge meiner Reise durch das BIOS dieses Supermicro-Boards, alle Teile stehen gesammelt unter BIOS & Firmware. Dran ist Advanced > CPU Configuration, und zwar die obere Hälfte. Die untere mit AES-NI, SGX und den Sicherheitsfunktionen bekommt die nächste Folge, sonst wird es zu lang.

Der Teil zum Anschauen

Aptio Setup, Processor Configuration, mit Prozessorsignatur, Takt, Mikrocode-Stand und den Cache-Grössen

Oben auf der Seite steht ein Block, an dem man nichts einstellen kann. Trotzdem lohnt sich der Blick, weil dort Dinge stehen, die man sonst zusammensuchen müsste:

Processor BSP Revision          606A6 - ICX M1
Processor ID                    000606A6
Processor Frequency             3.200GHz
Processor Max Ratio             20H
Processor Min Ratio             08H
Microcode Revision              0D000421
L1 Cache RAM(Per Core)          80KB
L2 Cache RAM(Per Core)          1280KB
L3 Cache RAM(Per Package)       12288KB

606A6 ist die Prozessorsignatur, aufgedröselt: Familie 6, Modell 6A, Stepping 6. ICX M1 ist Intels interne Bezeichnung dafür, ICX steht für Ice Lake. Die beiden Ratios sind Multiplikatoren in hexadezimal, 08H sind 8 und 20H sind 32. Mit dem üblichen Referenztakt von 100 MHz ergibt das 800 MHz im Leerlauf und 3,2 GHz als Basistakt. Genau diese Spanne meldet auch Linux:

lscpu | grep MHz
#   CPU max MHz:  3600,0000
#   CPU min MHz:   800,0000

Die 3600 oben drüber sind der Turbo, der geht über den Basisratio hinaus. Dazu mehr, sobald ich das Power-Management-Menü nachgereicht bekomme, das fehlt mir in meiner Aufzeichnung noch.

Am interessantesten finde ich die Cache-Zeilen. 1280 KB L2 pro Kern klingt viel, und das ist es auch. Bei Ice Lake hat Intel den L2 gegenüber der Vorgängergeneration deutlich aufgebohrt und im Gegenzug den gemeinsamen L3 kleiner gemacht. 12 MB L3 für acht Kerne sind für einen Xeon nicht üppig. Der Gedanke dahinter ist, dass Daten näher am Kern liegen und seltener über den Ring wandern müssen. Ob das für die eigene Last aufgeht, merkt man erst beim Messen, aber die Zahlen im Setup erzählen die Designentscheidung ziemlich direkt.

Das Microcode Revision 0D000421 ist übrigens der Wert, den auch Linux meldet:

grep -m1 microcode /proc/cpuinfo
#   microcode : 0xd000421

Das BIOS bringt also bereits den Mikrocode mit, den auch das Betriebssystem laden würde. Wer sich fragt, ob ein BIOS-Update wegen Mikrocode nötig wäre: hier eindeutig nein.

Kerne abschalten, in hexadezimal

Aptio Setup, CPU1 Core Disable Bitmap, mit dem Hinweis dass mindestens ein Kern aktiv bleiben muss
> CPU1 Core Disable Bitmap

Ein eigenes Untermenü mit genau einem Eintrag, und dieser Eintrag ist herrlich unhöflich. Das Handbuch beschreibt ihn so:

Select 0 to enable all cores or FFFFFFFFFFF to disable all cores. One core must be enabled.

Man gibt also eine Bitmaske in hexadezimal ein, in der jedes gesetzte Bit einen Kern abschaltet. Keine Auswahlliste, keine Zahl „wie viele Kerne hätten Sie gern“, eine Bitmaske. Und dann der wunderbare Nachsatz, dass mindestens ein Kern übrig bleiben muss, was man vermutlich nicht schreiben würde, wenn es nicht mal jemand ausprobiert hätte.

Wozu macht man so etwas? Der häufigste Grund ist Lizenzkosten. Es gibt genug Software, die pro Kern abgerechnet wird, und wenn eine Maschine dafür zu viele hat, schaltet man welche ab. Der zweite Grund ist Testen: Verhalten einer Anwendung auf weniger Kernen prüfen, ohne die Hardware zu tauschen. Bei mir steht das erwartungsgemäss auf 0, alle 16 logischen Prozessoren sind da:

cat /sys/devices/system/cpu/online     # 0-15
cat /sys/devices/system/cpu/offline    # leer

Wichtig zu verstehen ist der Unterschied zum Abschalten unter Linux. Wenn ich dort einen Kern offline nehme, existiert er weiter, er bekommt nur keine Arbeit mehr. Die Bitmaske im BIOS blendet ihn aus, bevor das Betriebssystem überhaupt startet. Für eine Lizenzzählung, die sich ansieht was die Maschine meldet, ist das ein Unterschied.

Hyper-Threading

Hyper-Threading [ALL]           [Enable]

Der bekannteste Schalter der Seite. Aus acht physischen Kernen werden sechzehn logische, weil jeder Kern zwei Befehlsströme gleichzeitig verwaltet und die Recheneinheiten teilt, die gerade nichts zu tun haben. Der Gewinn liegt je nach Last irgendwo zwischen nichts und dreissig Prozent.

Es gibt drei gute Gründe, das abzuschalten, und keiner davon trifft auf mich zu. Der erste sind Seitenkanalangriffe: mehrere der Spectre-Nachfolger nutzen aus, dass sich zwei Threads einen Kern teilen, und wer fremden Code auf seiner Maschine ausführen lässt, fährt ohne Hyper-Threading sicherer. Der zweite ist Latenz: bei harten Echtzeitanforderungen ist ein Kern, der sich mit niemandem abstimmen muss, berechenbarer. Der dritte sind wieder Lizenzen.

Für eine Workstation, auf der ich weiss was läuft, überwiegt der Durchsatz. Bleibt an.

Die fünf Prefetcher

Aptio Setup, CPU Configuration, mit Hyper-Threading, den fünf Prefetchern und AES-NI

Und jetzt der Teil, der wirklich interessant ist:

Hardware Prefetcher             [Enable]
Adjacent Cache Prefetch         [Enable]
DCU Streamer Prefetcher         [Enable]
DCU IP Prefetcher               [Enable]
LLC Prefetch                    [Enable]

Fünf Zeilen, die aussehen wie eine Liste von Marketingbegriffen und in Wirklichkeit fünf verschiedene Stücke Hardware beschreiben. Alle haben dieselbe Aufgabe: raten, welche Daten die CPU als nächstes braucht, und sie schon mal holen. Speicher ist quälend langsam gegenüber dem Prozessor, ein Zugriff der bis zum RAM durchschlägt kostet ein Vielfaches dessen, was aus dem Cache kommt. Jeder erfolgreiche Rateversuch spart diese Wartezeit.

Sie raten nur unterschiedlich:

  • Hardware Prefetcher ist der Streaming-Prefetcher für den L2. Er erkennt, dass ein Programm Speicher der Reihe nach durchläuft, und holt vorausschauend nach. Der klassische Fall ist eine Schleife über ein grosses Array.
  • Adjacent Cache Prefetch ist der simpelste von allen. Er holt zu jeder angeforderten 64-Byte-Cachezeile gleich die benachbarte mit, arbeitet also faktisch in 128-Byte-Blöcken. Die Wette lautet: wer diese Zeile braucht, braucht gleich auch die daneben.
  • DCU Streamer Prefetcher macht dasselbe wie der erste, aber eine Ebene näher am Kern, für den L1-Datencache. DCU steht für Data Cache Unit.
  • DCU IP Prefetcher ist der cleverste. IP steht hier für Instruction Pointer. Er merkt sich pro Befehl, welche Zugriffsmuster dieser Befehl in der Vergangenheit erzeugt hat, und extrapoliert daraus. Damit erwischt er auch Muster mit konstantem Abstand, etwa jedes achte Element einer Struktur, an denen ein reiner Streaming-Prefetcher scheitert.
  • LLC Prefetch zieht Daten in den gemeinsamen L3, den Last Level Cache.

Das Handbuch beschreibt den DCU IP Prefetcher übrigens als etwas, das „IP addresses“ vorlädt und damit „network connectivity“ verbessert. Das ist schlicht falsch, da hat jemand Instruction Pointer mit Internet Protocol verwechselt und den Satz nie wieder gelesen. Solche Sätze stehen in erstaunlich vielen Handbüchern, und sie sind eine gute Erinnerung daran, dass auch offizielle Dokumentation nur von Menschen geschrieben wird.

Die Gegenprobe: was davon kommt wirklich an

Das Schöne an diesen fünf Schaltern ist, dass man sie nicht glauben muss. Sie landen in einem Prozessorregister, und das kann man auslesen. MSR 0x1A4 heisst Prefetch Control, und die unteren vier Bits schalten die Prefetcher ab, wenn sie gesetzt sind:

modprobe msr
rdmsr -0 0x1a4
#   0000000000000000

Null. Kein Bit gesetzt, also kein Prefetcher abgeschaltet. Das deckt sich exakt mit dem, was das Setup anzeigt. Die Zuordnung ist Bit 0 für den Hardware Prefetcher, Bit 1 für Adjacent Cache Line, Bit 2 für den DCU Streamer und Bit 3 für den DCU IP Prefetcher. Man beachte die umgekehrte Logik: gesetztes Bit bedeutet aus.

Ich mag solche Gegenproben. Ein Screenshot zeigt, was das Setup behauptet. Das Register zeigt, was die CPU tatsächlich macht. Bei Firmware ist das nicht immer dasselbe.

Wann man daran drehen würde

Fast nie, ehrlich gesagt. Die Prefetcher sind für allgemeine Lasten deutlich im Plus, sonst hätte Intel sie nicht eingebaut. Es gibt aber Fälle, in denen sie schaden:

Bei Datenbanken und Graphen-Workloads mit stark zufälligem Zugriffsmuster liegt der Prefetcher regelmässig daneben, holt Daten die keiner braucht, und verdrängt dabei Daten die jemand gebraucht hätte. Bei Echtzeitanwendungen sind sie eine Jitter-Quelle, weil sie Speicherbandbreite zu unvorhersehbaren Zeitpunkten verbrauchen. Und bei manchen HPC-Codes, die ihre Zugriffe selbst sehr genau steuern, stört der Prefetcher mehr als er hilft.

Der entscheidende Punkt: das misst man, das rät man nicht. Und der grosse Vorteil des MSR ist, dass man dafür gar nicht ins BIOS muss. Man kann die Bits im laufenden System setzen, messen, und wieder zurücksetzen. Wer das ernsthaft ausprobiert, sollte allerdings wissen, dass wrmsr genau so gefährlich ist wie es klingt, und dass die Einstellung pro logischem Prozessor gilt.

Nächste Folge: die untere Hälfte derselben Seite. AES-NI, TME, SGX und ein Schalter namens Extended APIC, der aussieht wie eine vergessene Optimierung und keine ist.

Siehe auch

Hat jemand von euch schon mal Prefetcher gezielt abgeschaltet und dabei etwas gemessen, das sich gelohnt hat? Das würde mich wirklich interessieren, ihr dürft mich jederzeit fragen.