IT security, FreeBSD, Linux, mail server hardening, post-quantum crypto, DNS, retro computing & hands-on hardware hacks. Privater Tech-Blog seit 2003.

Schlagwort: Supermicro

BIOS erklärt, Teil 6: 256 GB ECC, ein Scrubber der jeden Tag putzt und ein Reparaturmechanismus im Speicherriegel

In dieser Folge geht es um Advanced > Chipset Configuration > North Bridge > Memory Configuration. Wer die Serie bis hierhin nicht mitgelesen hat: alle Teile liegen unter BIOS & Firmware, und es lohnt sich nicht, sie in der Reihenfolge zu lesen. Jede Folge steht für sich.

Was verbaut ist

Aptio Setup, Memory Topology, alle acht Module mit 2933 Megatransfers und 32 Gigabyte als Registered DIMM
DIMMA1: 2933MT/s ATP DRx4 32GB RDIMM
DIMMB1: 2933MT/s ATP DRx4 32GB RDIMM
DIMMC1: 2933MT/s ATP DRx4 32GB RDIMM
DIMMD1: 2933MT/s ATP DRx4 32GB RDIMM
DIMME1: 2933MT/s ATP DRx4 32GB RDIMM
DIMMF1: 2933MT/s ATP DRx4 32GB RDIMM
DIMMG1: 2933MT/s ATP DRx4 32GB RDIMM
DIMMH1: 2933MT/s ATP DRx4 32GB RDIMM

Acht Steckplätze, acht Module, jedes 32 GB. Das ist die Seite Memory Topology, und sie sagt in acht Zeilen mehr über den Aufbau der Maschine als jedes Datenblatt.

RDIMM heisst Registered DIMM. Zwischen dem Speichercontroller und den eigentlichen Speicherchips sitzt ein Registerbaustein, der Adress- und Steuersignale zwischenspeichert und neu ausgibt. Der Grund ist elektrisch: je mehr Chips an einem Kanal hängen, desto stärker belastet das die Signalleitungen. Der Registerbaustein bricht diese Last auf. Deshalb gibt es in Servern acht Module pro Sockel und in Desktops vier, und deshalb kann man normale Desktop-Riegel hier nicht einsetzen. Der Preis ist ein Takt Latenz zusätzlich.

DRx4 beschreibt den Aufbau: Dual Rank, jeder Chip liefert 4 Bit. Zwei Ranks bedeutet, dass auf dem Modul zwei unabhängige Gruppen von Chips sitzen, zwischen denen der Controller umschalten kann. Während eine Gruppe noch mit einer Anfrage beschäftigt ist, kann er die andere schon ansprechen, was den Durchsatz verbessert.

Und 2933MT/s, obwohl auf den Modulen 3200 steht. Das ist keine Fehlfunktion, sondern die CPU. Der Xeon Gold 5315Y ist die Einstiegsvariante der Ice-Lake-Serie, und Intel hat den Speichertakt an die Prozessorstufe gekoppelt. Die teureren Modelle fahren 3200, meiner eben 2933. Die Riegel könnten mehr, sie dürfen nicht. Genau so meldet es auch das Betriebssystem:

dmidecode -t memory | grep -E "Speed|Configured"
#   Speed: 3200 MT/s
#   Configured Memory Speed: 2933 MT/s

Was das Modul kann, und was es tatsächlich tut. Der Unterschied sind rund acht Prozent Speicherbandbreite, die ich nicht bekomme. Verschmerzbar.

ECC, der Teil den alle kennen

Erstaunlicherweise gibt es auf dieser Seite gar keinen Schalter namens ECC. Bei registrierten Servermodulen ist Fehlerkorrektur keine Option, sondern eine Eigenschaft der Hardware. Sie ist da, sie ist an, fertig.

Falls es jemand nicht parat hat: ECC speichert zu je 64 Bit Nutzdaten 8 zusätzliche Prüfbits. Damit lässt sich ein gekipptes Bit erkennen und reparieren, und zwei gekippte Bits lassen sich zumindest erkennen. Das ist der Unterschied zwischen „im Log steht eine korrigierte Zeile“ und „irgendwo in einer Datei steht jetzt ein falsches Byte, viel Spass beim Suchen“.

Bits kippen häufiger als man denkt. Kosmische Strahlung, Alphateilchen aus dem Gehäusematerial, schlicht Alterung. Bei 256 GB, die dauerhaft laufen, ist das keine theoretische Grösse mehr.

Patrol Scrub, und die Zahl aus dem Handbuch

Patrol Scrub                      [Enable at End of POST]

Das ist mein Lieblingsschalter auf dieser Seite. ECC korrigiert nämlich nur dann, wenn jemand die betroffene Speicherstelle liest. Ein Bit in einem Speicherbereich, den seit drei Wochen niemand angefasst hat, kippt unbemerkt. Kippt in derselben Zeile ein zweites, ist der Fehler nicht mehr korrigierbar.

Patrol Scrub geht deshalb im Hintergrund den gesamten Speicher durch, liest jede Zeile, lässt ECC prüfen und schreibt sie korrigiert zurück. Vorbeugendes Putzen, damit sich Einzelfehler nicht zu Doppelfehlern summieren.

Das Handbuch nennt dazu eine Zahl, die man sonst nirgends findet:

the IO hub reads and writes back one cache line every 16K cycles … roughly 64 GB of memory behind the IO hub is scrubbed every day

Eine Cache-Zeile alle 16.000 Takte, macht etwa 64 GB pro Tag. Bei meinen 256 GB dauert ein kompletter Durchlauf also rund vier Tage. Das klingt langsam, ist aber genau der Punkt: der Scrubber soll im Hintergrund verschwinden und nicht die Speicherbandbreite auffressen, die eigentlich für Arbeit gedacht ist.

Enable at End of POST heisst, dass er nach dem Selbsttest startet, also bevor das Betriebssystem läuft, und dann durchgehend weiterarbeitet.

PPR: der Reparaturmechanismus im Riegel

Aptio Setup, Memory Configuration, mit Enhanced PPR, PPR Type, Speichertakt und den Untermenüs für Topologie und RAS
Enhanced PPR                      [Disable]
PPR Type                          [Hard PPR]
Enforce POR                       [POR]

PPR steht für Post Package Repair, und dahinter steckt etwas, das mich beim Nachlesen ehrlich überrascht hat: moderne DDR4-Module haben Ersatzzeilen eingebaut. Fällt eine Speicherzeile dauerhaft aus, kann die Firmware sie stilllegen und eine Reservezeile an ihre Stelle setzen. Der Riegel repariert sich also selbst, im laufenden Betrieb einer Maschine, ohne dass ihn jemand anfasst.

Hard PPR bedeutet, dass diese Umleitung dauerhaft in den Riegel gebrannt wird und einen Neustart übersteht. Die Alternative Soft PPR gilt nur bis zum nächsten Ausschalten. Hart ist sinnvoller, kostet aber eine der wenigen Reservezeilen unwiderruflich.

Enforce POR steht für Plan of Record und ist die Frage, ob das Board die von Intel freigegebenen Speicherparameter erzwingt oder ob es auch aggressivere Kombinationen zulässt. Auf einem Serverboard mit 256 GB ECC ist die Antwort selbstverständlich ja.

Data Scrambling for DDR4 [Enable] weiter unten macht etwas ganz anderes, als der Name vermuten lässt. Das ist keine Verschlüsselung. Die Daten werden vor dem Schreiben mit einem Pseudozufallsmuster verwürfelt, damit auf den Datenleitungen keine langen Folgen identischer Bits entstehen. Solche Muster erzeugen Störungen auf den Nachbarleitungen und einen unruhigen Stromverbrauch. Verwürfeln macht das Signalbild gleichmässiger. Wer glaubt, sein Speicher sei damit verschlüsselt, irrt sich, dafür wäre TME zuständig, und über den habe ich in Teil 4 geschrieben.

Memory RAS: das Menü das kleiner ist als erwartet

Aptio Setup, Memory RAS Configuration, mit Mirror Mode auf Disabled und der Schwelle für korrigierbare Fehler
Memory RAS Configuration Setup
Enable Pcode WA for SAI PG        [Disabled]
Mirror Mode                       [Disabled]
UEFI ARM Mirror                   [Disabled]
Correctable Error Threshold       512

RAS steht für Reliability, Availability, Serviceability, und ich hatte hier ehrlich gesagt mehr erwartet. In Intel-Dokumentation tauchen an dieser Stelle regelmässig Rank Sparing, ADDDC Sparing und PCLS auf. Auf diesem Board gibt es davon nichts, die Seite hat genau diese vier Zeilen und keinen Rollbalken.

Mirror Mode ist die interessanteste Option, gerade weil sie aus ist. Speicherspiegelung schreibt jeden Wert doppelt, auf zwei verschiedene Kanäle. Fällt eine Stelle dauerhaft aus, übernimmt die Kopie, ohne dass die Maschine stehenbleibt. Der Preis ist die Hälfte des Speichers: aus 256 GB würden 128.

Für einen Datenbankserver, bei dem eine Stunde Ausfall Geld kostet, kann das die richtige Rechnung sein. Für meine Workstation nicht. ECC fängt Einzelfehler ohnehin ab, Patrol Scrub verhindert dass sie sich anhäufen, und wenn wirklich ein Modul stirbt, tausche ich es. 128 GB zu verschenken, um mir einen Neustart zu ersparen, ist mir zu teuer.

Correctable Error Threshold 512 ist die Schwelle, ab der die Firmware eine Speicherstelle als auffällig meldet. Einzelne korrigierte Fehler passieren, das ist Normalbetrieb. 512 an derselben Stelle sind ein Muster.

Die Gegenprobe, und warum ich sie erst nachrüsten musste

An dieser Stelle kommt der Teil, bei dem ich mich selbst ertappt habe. Der ganze Aufwand oben, ECC, Scrubber, PPR, Fehlerschwellen, läuft ins Leere, wenn niemand hinsieht. Linux erfasst Speicherfehler über das EDAC-Subsystem, und das war bei mir aktiv:

ls /sys/devices/system/edac/mc/
#   mc0  mc1  mc2  mc3

Vier Speichercontroller, alle angebunden. Nur landeten die Ereignisse ausschliesslich im Kernel-Ringpuffer, und der ist nach einem Neustart leer. Ich hätte also gemerkt, wenn gerade etwas passiert. Ich hätte nie gemerkt, dass ein bestimmter Riegel seit Wochen langsam schlechter wird. Genau das ist aber der Fall, für den man ECC überhaupt haben will.

Nachgerüstet ist das mit einem einzigen Paket:

apt-get install rasdaemon
ras-mc-ctl --error-count
#   CPU_SrcID#0_MC#0_Chan#0_DIMM#0   CE 0   UE 0
#   ... (acht Zeilen)
ras-mc-ctl --summary
#   No Memory errors.

rasdaemon schreibt die Ereignisse in eine SQLite-Datenbank und führt sie pro Modul. CE sind korrigierte Fehler, UE nicht korrigierbare. Bei mir stehen beide auf null, und jetzt weiss ich das auch für die Vergangenheit und nicht nur für diesen Bootvorgang.

Ein Wermutstropfen: die acht Zähler heissen MC#0_Chan#0_DIMM#0 und nicht DIMMA1. Das Paket bringt für dieses Board keine Zuordnungstabelle mit. Ich könnte eine schreiben, die Reihenfolge liegt nahe, aber ich habe es bewusst gelassen. Ein falsches Etikett ist schlimmer als gar keins, weil es einen im Fehlerfall an den falschen Steckplatz schickt.

Nächste Folge: NUMA auf einer Maschine mit genau einem Sockel, warum das trotzdem ein Thema ist, und was Uncore und UPI eigentlich sind.

Siehe auch

Falls jemand von euch schon einmal ein PPR-Ereignis in freier Wildbahn gesehen hat, also einen Riegel der sich tatsächlich selbst repariert hat: das würde ich gerne hören. Ihr dürft mich jederzeit fragen.

BIOS erklärt, Teil 5: SpeedStep, Turbo, C-States und der Schalter der mir eine Woche Rätselraten erspart hätte

Willkommen bei Teil 5. Die bisherigen Folgen findest du gesammelt unter BIOS & Firmware. Heute geht es um Advanced > CPU Configuration > Advanced Power Management Configuration.

Advanced

Aptio Setup, Advanced Power Management Configuration, mit Power Technology auf Custom und sechs Untermenüs

Die Seite selbst ist kurz:

Power Technology                  [Custom]
Power Performance Tuning          [OS Controls EPB]
ENERGY_PERF_BIAS_CFG Mode         [Balanced Performance]
> CPU P State Control
> Hardware PM State Control
> Frequency Prioritization
> CPU C State Control
> Package C State Control
> CPU T State Control

Die erste Zeile ist wichtiger als sie aussieht. Power Technology kennt neben Custom noch Disable und Energy Efficient, und solange sie nicht auf Custom steht, sind die sechs Untermenüs Dekoration: die Firmware setzt dann ihre eigenen Werte und überschreibt, was man darunter einstellt. Wer sich also wundert, warum eine Änderung im C-State-Menü nichts bewirkt, sollte zuerst hier nachsehen.

Power Performance Tuning auf OS Controls EPB heisst, dass das Betriebssystem den Energy Performance Bias steuern darf und nicht das BIOS. Das ist genau das, was man auf einer Linux-Maschine will. Der dritte Wert ENERGY_PERF_BIAS_CFG Mode ist der Vorgabewert, den die Firmware setzt, solange sich niemand darum kümmert, und Balanced Performance ist dafür eine vernünftige Mitte.

P-States: die Frequenz

Aptio Setup, CPU P State Control, mit SpeedStep, Turbo Mode und der Tabelle der Speed-Select-Profile
SpeedStep (P-States)              [Enable]
AVX P1                            [Nominal]
Dynamic SST-PP                    [Disable]
Intel SST-PP                      [Base]
Activate SST-BF                   [Disable]
Configure SST-BF                  [Enable]
EIST PSD Function                 [HW_ALL]
Turbo Mode                        [Enable]
CPU Flex Ratio Override           [Disable]
CPU Core Flex Ratio               23

SpeedStep ist der Klassiker: die CPU darf ihre Frequenz und Spannung an die Last anpassen. Intel nennt das seit Ewigkeiten EIST, Enhanced Intel SpeedStep Technology. Ohne diesen Schalter läuft der Prozessor stur auf Basistakt, verbraucht im Leerlauf deutlich mehr und wird wärmer, ohne dafür irgendetwas zurückzugeben. Der bleibt an.

Turbo Mode ist die Gegenrichtung: die CPU darf über den Basistakt hinaus, solange Temperatur und Stromaufnahme es hergeben. Bei meinem Xeon Gold 5315Y sind das 3,2 GHz Basis und 3,6 GHz Turbo. Linux bestätigt beide Enden:

lscpu | grep MHz
#   CPU max MHz:  3600,0000
#   CPU min MHz:   800,0000

EIST PSD Function auf HW_ALL regelt, wer die Frequenzwechsel koordiniert. Bei HW_ALL macht das die Hardware für alle Kerne einer Domäne selbst, bei SW_ALL müsste das Betriebssystem mitreden. Hardware ist hier schneller und weiss ohnehin mehr, das lässt man so. ALso ich, öhm. joar. 😀

Der Teil der mich überrascht hat: Speed Select

Mitten auf der Seite steht eine kleine Tabelle, die ich vorher noch nie in einem BIOS gesehen habe:

Intel SST-PP            Base | Config 3 | Config 4
  Core Count             08  |    06    |    04
  Current P1 Ratio [0]   32  |    32    |    34
  Package TDP (W)       140  |   125    |   115
  Tjmax                 103  |   100    |   101

Das ist Intel Speed Select Technology, Variante Performance Profile. Die Idee dahinter: dieselbe CPU kann in mehreren fest definierten Betriebspunkten laufen, und man wählt beim Booten aus, welchen man haben möchte. Meine hat drei. Im Auslieferungszustand Base sind es acht Kerne bei 3,2 GHz und 140 Watt. Wählt man Config 4, bleiben vier Kerne übrig, dafür steigt der Basistakt auf 3,4 GHz und die Verlustleistung fällt auf 115 Watt.

Man tauscht also Kerne gegen Takt, und zwar nicht per Turbo-Zufall, sondern als garantierte Zusicherung. Für Software, die pro Kern lizenziert wird, ist das bares Geld. Für Lasten, die nicht parallelisieren, sind 200 MHz mehr Basistakt spürbar. Und für mich? Ehrlich gesagt nutzlos. Ich habe acht Kerne gekauft, weil ich acht Kerne wollte, und 200 MHz sind kein Argument dafür, die Hälfte davon wegzuwerfen.

Trotzdem finde ich es bemerkenswert, dass so etwas in einem BIOS steht, das ansonsten aussieht wie 2005. SST-BF daneben ist die verwandte Idee auf Kernebene: Base Frequency, einzelne Kerne bekommen dauerhaft mehr Takt, die übrigen entsprechend weniger. Steht bei mir auf Disable, und das passt, denn dafür müsste ich meine Last gezielt auf die schnellen Kerne pinnen. Wer das tut, weiss warum. Wer es nicht tut, gewinnt nichts.

Und hier lag die Antwort

Aptio Setup, Hardware PM State Control, Hardware P-States steht auf Disable
Hardware PM State Control
Hardware P-States                 [Disable]

Ein Untermenü mit genau einer Zeile, und diese Zeile hat mich mehr gefreut als der ganze Rest der Seite. Um zu erklären warum, muss ich kurz ausholen.

Seit dem Umbau ist mir aufgefallen, dass Linux die Frequenzsteuerung auf dieser Maschine anders macht als erwartet. intel_pstate, der Treiber der bei Intel-CPUs normalerweise das Kommando übernimmt, läuft hier im passiven Modus:

cat /sys/devices/system/cpu/intel_pstate/status        # passive
cat /sys/devices/system/cpu/cpu0/cpufreq/scaling_driver # intel_cpufreq
cat /sys/devices/system/cpu/cpu0/cpufreq/scaling_governor # schedutil

Passiv bedeutet: der Treiber verhält sich wie ein gewöhnlicher cpufreq-Treiber und lässt den Kernel-Governor entscheiden. Aktiv bedeutet, dass er die Entscheidung selbst trifft und dabei Hardware-Unterstützung nutzt. Aktiv ist normalerweise der bessere Modus, weil die CPU schneller reagiert als jeder Governor es könnte.

Der Kernel schaltet in den aktiven Modus, wenn die CPU HWP beherrscht, Hardware P-States. Ice Lake beherrscht das. Nur taucht das entsprechende Flag bei mir gar nicht auf:

grep -o hwp /proc/cpuinfo | head -1
#   (keine Ausgabe)

Ich hatte das eine Weile für eine Eigenheit des Kernels gehalten, für eine Frage der Xeon-Variante, für irgendetwas Kompliziertes. Es war nichts davon. Es war dieser eine Schalter, zwei Menüebenen tief in einem Untermenü, das ich beim ersten Mal nicht geöffnet hatte. Ich sag doch, ich bin auch nur doof.

Was tut HWP eigentlich? Ohne HWP sagt das Betriebssystem der CPU, welche Frequenz sie fahren soll. Mit HWP sagt es ihr nur noch, worauf es ihm ankommt, irgendwo zwischen Sparsamkeit und Leistung, und die CPU sucht sich den Rest selbst. Der Vorteil ist die Reaktionszeit: die Hardware sieht Lastwechsel im Mikrosekundenbereich, der Governor im Millisekundenbereich. Bei kurzen, stossweisen Lasten, wie sie ein Desktop dauernd produziert, macht das einen Unterschied.

Werde ich es umstellen? Vermutlich ja, aber nicht heute und nicht ohne Messung. Auf der alten Maschine hatte ich Ärger mit schedutil, der mir zu träge hochgetaktet hat, insofern habe ich eine Vermutung wohin es geht. Aber genau solche Vermutungen sind der Grund, warum man am Ende Dinge kaputtoptimiert. Erst messen, dann drehen.

C-States: das Nichtstun

Aptio Setup, CPU C State Control, mit Monitor MWAIT, C6 Report und Enhanced Halt State
Enable Monitor MWAIT              [Enable]
CPU C6 Report                     [Auto]
Enhanced Halt State (C1E)         [Enable]

P-States regeln, wie schnell die CPU arbeitet. C-States regeln, wie tief sie schläft wenn sie gerade nichts tut. Je höher die Nummer, desto mehr wird abgeschaltet und desto länger dauert das Aufwachen. Was auf meiner Maschine ankommt, steht im sysfs:

POLL   0 us
C1     1 us
C1E    4 us
C6   170 us

C6 ist der interessante: dort wird der Kernzustand weggeschrieben und der Kern faktisch abgeschaltet. Das spart richtig Strom, kostet aber 170 Mikrosekunden zum Aufwachen. Für einen Rechner unter dem Schreibtisch ist das vollkommen egal. Für einen Paketfilter, der Latenz im einstelligen Mikrosekundenbereich garantieren soll, ist es das nicht, und genau deshalb steht in Tuning-Anleitungen für Netzwerkkram regelmässig, man solle die tiefen C-States abschalten.

Enable Monitor MWAIT ist die Voraussetzung für den ganzen Mechanismus: MONITOR und MWAIT sind die beiden Befehle, mit denen ein Kern sagt „weck mich, wenn sich diese Speicherstelle ändert“ und sich danach schlafen legt. Ohne sie bleibt nur die alte HLT-Schleife.

Package C State [Auto] eine Menüebene weiter ist die Steigerung davon: nicht mehr einzelne Kerne, sondern das ganze Paket samt Uncore und Speichercontroller. Das geht natürlich nur, wenn wirklich alle Kerne gleichzeitig nichts tun.

T-States, und warum sie aus sind

Software Controlled T-States      [Disable]

Der dritte Buchstabe im Bunde, und der unangenehmste. T-States drosseln nicht die Frequenz, sondern schieben Pausen ein: die CPU bekommt für einen Teil der Zeit schlicht keinen Takt. Das ist deutlich brutaler als ein P-State und eigentlich eine Notbremse für den Fall, dass es zu heiss wird.

Auf Disable heisst, dass das Betriebssystem diese Notbremse nicht selbst ziehen darf. Der thermische Schutz der Hardware bleibt davon unberührt, der arbeitet unabhängig weiter. Bei Tjmax 103 Grad und CPU-Temperaturen um die 40 im Leerlauf ist das eine sehr theoretische Diskussion.

Der Rest

Frequency Prioritization
RAPL Prioritization               [Disable]

RAPL ist Intels Mechanismus zur Leistungsbegrenzung. Mit RAPL Prioritization verteilt die Firmware ein knappes Leistungsbudget gezielt auf einzelne Kerne, statt alle gleichmässig zu drosseln. Das ergibt Sinn, wenn man dauerhaft am Powerlimit fährt und weiss, welche Kerne die wichtige Arbeit machen. Meine Maschine ist von beidem weit entfernt.

Was ich mitnehme

Der ganze Block ist erstaunlich gut eingestellt für ein Board, das im Auslieferungszustand von einem Serverhersteller kam. SpeedStep an, Turbo an, C-States an, T-States aus, das würde ich genau so einstellen. Ob da Supermicro oder Thomas Krenn sich Mühe gegeben hat?

Der einzige echte Fund ist Hardware P-States [Disable]. Und der ist vor allem deshalb schön, weil er zeigt, wozu so ein Durchgang gut ist: ich habe seit Wochen ein Verhalten beobachtet, das mich gewundert hat, und die Ursache lag die ganze Zeit sichtbar in einem Menü. Ich musste nur hineinschauen.

Nächste Folge: der Speicher. ECC, Patrol Scrub, PPR, und die Frage warum 256 GB DDR4-3200 in dieser Maschine mit 2933 laufen, klingt ja falsch oder?

Siehe auch

Falls jemand von euch intel_pstate im aktiven Modus gegen schedutil gemessen hat, auf einem Xeon und nicht auf einem Notebook: erzähl mir davon, bevor ich es selbst ausprobiere. Ihr dürft mich gerne fragen.

BIOS erklärt, Teil 4: AES-NI, SGX, TME und ein Schalter der nichts bewirkt

In der letzten Folge ging es um die obere Hälfte der CPU-Seite, also Kerne, Threads und Prefetcher. Die untere Hälfte ist die spannendere, weil dort keine Leistungsschalter mehr stehen, sondern Sicherheitsfunktionen. Und weil mindestens einer davon eine richtig gute Geschichte hat.

Zur Erinnerung für alle die neu dazustossen: ich gehe hier das BIOS meines Supermicro-Serverboards durch, Themenblock für Themenblock, alle Folgen liegen unter BIOS & Firmware.

AES-NI, oder: der Grund warum es eine Karte gab

Aptio Setup, CPU Configuration, mit Hyper-Threading, den fünf Prefetchern und AES-NI
AES-NI                          [Enable]

Ein Schalter und dahinter steckt eine ganze Ära. AES-NI sind sechs zusätzliche Prozessorbefehle, die AES in Hardware rechnen statt in Software. Der Unterschied ist keine Feinheit, er liegt grob bei einer Grössenordnung, und obendrein sind die Hardwarebefehle immun gegen die Cache-Timing-Seitenkanäle, mit denen man Software-AES angreifen kann. Aber vor allem is et dann ers rischtig flott mit der Crypto.

Ob die CPU es kann und darf, sieht man sofort im OS mit:

grep -o ' aes ' /proc/cpuinfo | head -1
#    aes

Warum es diesen Schalter überhaupt gibt, ist eine berechtigte Frage. Man schaltet AES-NI ja nicht ab, weil man gern langsam verschlüsselt. Die ehrliche Antwort ist vermutlich, dass er aus einer Zeit stammt, in der AES-NI ein Unterscheidungsmerkmal zwischen Produktlinien war, und niemand hat ihn seitdem entfernt. Oder hat jemand eine bessere Erklärung?

Über genau diese Zeit habe ich hier schon geschrieben. In meinem Beitrag zur Intel QuickAssist 8950-SCCP steckt eine Karte, die es nur deshalb gab, weil manche CPUs kein AES-NI hatten. Wer 2013 ein NAS mit einer Atom-CPU verschlüsseln wollte, brauchte Hilfe. Heute ist der Schalter eine Formalie, damals war er die Grenze zwischen „geht“ und „geht nicht“.

Virtualisierung und ein Schalter der Vertrauen heisst

Intel Virtualization Technology [Enable]
Enable SMX                      [Disable]

Der erste ist VT-x, im Handbuch etwas altmodisch VMX und in einer noch älteren Fassung sogar Vanderpool Technology genannt, nach dem Codenamen von 2003. Ohne ihn läuft keine Hardware-Virtualisierung, also weder KVM noch VirtualBox mit brauchbarer Geschwindigkeit. Bleibt selbstverständlich an.

Der zweite ist interessanter. SMX steht für Safer Mode Extensions und ist die Grundlage für Intel TXT, Trusted Execution Technology. Vereinfacht gesagt geht es darum, dass eine Maschine beim Start beweisen kann, dass sie genau die Software geladen hat, die sie laden sollte. Ein gemessener Start, verankert in der Hardware, ähnlich wie Measured Boot mit einem TPM, nur eine Ebene tiefer.

Dabei ist mir etwas aufgefallen, das ich nicht restlos erklären kann. Im Setup steht SMX auf Disable. In /proc/cpuinfo steht das Flag smx trotzdem drin. Die naheliegende Deutung ist, dass das Flag die Fähigkeit der CPU beschreibt und der BIOS-Schalter nur die Freigabe, dass CPUID also weiterhin „kann ich“ meldet, während die Firmware „darfst du nicht“ sagt. Belegen kann ich das nicht, ich habe es nur beobachtet. Wer da genauer Bescheid weiss, immer her damit. Ich bin ja auch nur doof.

Speicherverschlüsselung, und warum SGX daran hängt

Total Memory Encryption (TME)   [Disabled]

TME verschlüsselt den kompletten Arbeitsspeicher. Der Schlüssel wird bei jedem Start neu erzeugt, liegt im Speichercontroller und verlässt die CPU nie. Für das Betriebssystem ist das unsichtbar, es merkt schlicht nichts davon.

Wogegen hilft das? Gegen Angriffe, die physisch am Speicher ansetzen. Der Klassiker ist der Cold-Boot-Angriff, bei dem man die Riegel kühlt, aus der laufenden Maschine reisst und in einem anderen Gerät ausliest, weil DRAM seinen Inhalt für Sekunden bis Minuten behält. Dazu kommt alles, was per DMA am Speicher horcht. Bei einem Server im fremden Rechenzentrum ist das kein theoretisches Szenario. Sucht das mal auf YouTube ist so, das sieht immer krass aus. Vielleicht kann ich so etwas selbst irgendwann mal probieren.

Bei mir steht es auf Disabled, und das ist der Werksdefault. Meine Maschine steht in meiner Wohnung, die Systemplatte ist ohnehin mit LUKS verschlüsselt, und das Angriffsmodell, gegen das TME hilft, setzt jemanden voraus der hier steht während die Kiste läuft. Falls das passiert, habe ich grössere Probleme. Reizvoll finde ich es trotzdem, denn die Kosten sind gering: die Verschlüsselung sitzt im Speichercontroller und macht sich in Messungen kaum bemerkbar.

Ein Detail, über das ich beim Lesen des Handbuchs gestolpert bin, erklärt den Aufbau des Menüs:

*If the feature above is set to Enabled, the next five features are displayed*

Erst wenn TME an ist, erscheinen die fünf Zeilen darunter, und dazu gehört auch SGX. Die Enklaven-Technik hängt hier also an der Speicherverschlüsselung. Das ergibt Sinn, denn der geschützte Speicherbereich einer Enklave muss ja gegen genau die Zugriffe abgesichert sein, die TME abdeckt. Im Setup sieht man davon nur eine flache Liste, im Handbuch die Abhängigkeit.

SGX, und wie Intel die UHD-Blu-ray auf dem PC beerdigt hat

SW Guard Extensions (SGX)       [Disabled]
SGX Factory Reset               [Disabled]
SGX Package Info In-Band Access [Disabled]

SGX ist die Idee, dass ein Programm einen Speicherbereich anlegen kann, in den niemand hineinsehen darf. Nicht andere Programme, nicht der Kernel, nicht der Hypervisor, nicht einmal jemand mit Root. Die CPU verschlüsselt den Bereich und gibt ihn nur dem Code frei, der ihn angelegt hat. Diese Enklaven waren als Fundament für vertrauliche Berechnungen in fremden Rechenzentren gedacht.

Die Geschichte drumherum ist allerdings die bessere. SGX war jahrelang in normalen Desktop-Prozessoren drin, und die prominenteste Anwendung war nicht vertrauliches Rechnen, sondern Kopierschutz. Die Wiedergabe einer Ultra-HD-Blu-ray auf dem PC verlangte SGX, weil der Schlüsselaustausch in einer Enklave passierte. Dann hat Intel SGX ab der elften Generation aus den Consumer-CPUs entfernt, und damit war die UHD-Blu-ray-Wiedergabe auf neuen PCs vorbei. Wer eine Scheibe abspielen wollte, brauchte plötzlich einen älteren Prozessor.

Ich finde das aus mehreren Gründen bemerkenswert. Erstens ist es ein schönes Beispiel dafür, wie eine Sicherheitstechnik zweckentfremdet wird und dann an einer Produktentscheidung stirbt, die mit ihrem eigentlichen Zweck nichts zu tun hat. Zweitens hat es Leute getroffen, die für ihre legal gekauften Scheiben plötzlich keinen legalen Abspielweg mehr hatten, während der inoffizielle Weg weiterhin problemlos funktionierte. Kopierschutz eben.

Im Xeon lebt SGX weiter, dort war es nie der Kopierschutz sondern das Verkaufsargument. Bei mir steht es trotzdem aus, weil ich keine Software habe die Enklaven nutzt, und weil es ohnehin nur zusammen mit TME ginge. Der Vollständigkeit halber, im laufenden System taucht folgerichtig nichts davon auf:

grep -c ' sgx' /proc/cpuinfo    # 0
ls /sys/devices/system/cpu/ | grep -c sgx    # 0

46 Bit, wegen Hyper-V

Limit CPU PA to 46 bits         [Enable]

PA steht für Physical Address. Der Schalter begrenzt die Breite der physischen Adressen auf 46 Bit, was 64 Terabyte adressierbarem Speicher entspricht. Bei 256 GB im Rechner ist das reichlich weit weg von jeder Grenze. 46 Bit und 64 Bit, da muss ich direkt an fe80 bei IPv6 denken und das man die Luft gelassen hat, weil MAC Adressen auch irgendwann zu wenige sind. Ok da sind es 48 Bit aber denken muss ich daran.

Die Begründung im Handbuch ist knapp und ziemlich entlarvend:

Use this feature to limit the CPU physical address to 46 bits to support older hyper-v.

Ältere Hyper-V-Versionen kamen mit breiteren Adressen nicht klar, also gibt es im BIOS eines Serverboards von 2021 einen Schalter, der die CPU künstlich einschränkt, damit eine bestimmte Microsoft-Software läuft. Das ist Abwärtskompatibilität in ihrer reinsten Form. Der Effekt lässt sich direkt nachlesen:

grep -m1 'address sizes' /proc/cpuinfo
#   address sizes : 46 bits physical, 57 bits virtual

46 physisch, wie eingestellt. Die 57 virtuellen Bit sind übrigens eine ganz andere Baustelle, das ist Five-Level Paging, ebenfalls neu mit Ice Lake.

Eine Seriennummer im Prozessor

Aptio Setup, untere Hälfte der CPU Configuration, mit TME, SGX, PPIN Control und Extended APIC
PPIN Control                    [Lock/Disable]

PPIN steht für Protected Processor Inventory Number, eine eindeutige Nummer pro physischer CPU. Gedacht ist sie für die Fehleranalyse in grossen Flotten: wenn ein Prozessor Speicherfehler meldet, will man wissen welcher es war, und zwar auch nachdem er längst ausgebaut wurde.

Eine eindeutige, unveränderliche Hardwarenummer ist allerdings genau die Sorte Datenpunkt, an der sich vor Jahren schon einmal die Gemüter erhitzt haben. Der Pentium III hatte eine Seriennummer, der Aufschrei war so gross, dass Intel sie wieder entfernt hat. PPIN ist die gleiche Idee, nur diesmal mit einem Schalter davor und beschränkt auf Serverprozessoren.

Hier ist mir eine Abweichung aufgefallen. Das Handbuch nennt als mögliche Werte:

The options are Unlock/Disable and Unlock/Enable.

Im Setup steht aber Lock/Disable, ein Wert den das Handbuch gar nicht kennt. Passend dazu fehlt im laufenden System das Flag:

grep -c intel_ppin /proc/cpuinfo    # 0

Meine Lesart: Lock bedeutet, dass das Register gesperrt ist und die Nummer nicht ausgelesen werden kann, und das Handbuch ist an dieser Stelle schlicht nicht auf dem Stand der Firmware. Für mich ist das der Wunschzustand, ich brauche keine Seriennummer und niemand sonst braucht sie von mir. Nur schön dokumentiert ist es eben nicht.

Und zum Schluss der Schalter, der nichts bewirkt

Extended APIC                   [Disable]

Das ist mein Lieblingsfund auf dieser Seite, weil er aussieht wie eine vergessene Optimierung. Der APIC ist der Interrupt-Controller. x2APIC ist seine erweiterte Fassung, die mehr adressierbare Prozessoren und schnelleren Zugriff über Register statt über den Speicher erlaubt. Auf Disable denkt man reflexhaft: aha, hier liegt Leistung brach, das schalte ich mal ein.

Nur ist die Funktion längst aktiv. Aus dem Kernel-Log meiner laufenden Maschine:

DMAR-IR: Queued invalidation will be enabled to support x2apic and Intr-remapping.
DMAR-IR: Enabled IRQ remapping in x2apic mode
x2apic enabled
APIC: Switched APIC routing to: cluster x2apic

Der Grund ist eine Abhängigkeit, die man kennen muss: Interrupt-Remapping über VT-d verlangt x2APIC. Sobald der Kernel die IOMMU mit Interrupt-Remapping hochfährt, schaltet er x2APIC selbst ein, unabhängig davon was die Firmware vorher getan hat. Der BIOS-Schalter steuert nur, ob die Firmware das schon vorab macht. B.T.W.: habe ihr euch MMU beim Commodore C128 mal angeschaut?

Ich lasse ihn deshalb bewusst in Ruhe, und ich schreibe das hier so ausführlich auf, weil er genau die Art Schalter ist, an dem man beim nächsten Setup-Besuch wieder hängenbleibt und denkt, man hätte etwas übersehen. Hat man nicht.

Nächste Folge: Speicher. ECC, Patrol Scrub, und die Frage warum mein DDR4-3200 mit 2933 läuft und das völlig in Ordnung ist.

Siehe auch

Weiss jemand genauer, warum das smx-Flag in /proc/cpuinfo auftaucht obwohl der BIOS-Schalter auf Disable steht? Ich habe dazu keine belastbare Quelle gefunden und würde es gern richtig verstehen. Ihr dürft mich jederzeit fragen.

BIOS erklärt, Teil 3: acht Kerne, sechzehn Threads und fünf Prefetcher

Ein Detail, das mich an dieser Maschine bis heute amüsiert: die Kiste, die hier steht, hat weniger Kerne als die, die sie ersetzt hat. Vorher waren es zwei Xeon E5-2687W v3, zusammen 20 Kerne und 40 Threads. Jetzt ist es ein einzelner Xeon Gold 5315Y mit 8 Kernen und 16 Threads. Auf dem Papier ein deutlicher Rückschritt, in der Praxis für fast alles was ich mache ein Fortschritt, weil jeder einzelne Kern erheblich mehr leistet und weil PCIe 4.0 und 256 GB Speicher am Ende mehr wert sind als zwölf zusätzliche langsame Kerne.

Womit wir bei der Seite wären, um die es heute geht. Das hier ist die dritte Folge meiner Reise durch das BIOS dieses Supermicro-Boards, alle Teile stehen gesammelt unter BIOS & Firmware. Dran ist Advanced > CPU Configuration, und zwar die obere Hälfte. Die untere mit AES-NI, SGX und den Sicherheitsfunktionen bekommt die nächste Folge, sonst wird es zu lang.

Der Teil zum Anschauen

Aptio Setup, Processor Configuration, mit Prozessorsignatur, Takt, Mikrocode-Stand und den Cache-Grössen

Oben auf der Seite steht ein Block, an dem man nichts einstellen kann. Trotzdem lohnt sich der Blick, weil dort Dinge stehen, die man sonst zusammensuchen müsste:

Processor BSP Revision          606A6 - ICX M1
Processor ID                    000606A6
Processor Frequency             3.200GHz
Processor Max Ratio             20H
Processor Min Ratio             08H
Microcode Revision              0D000421
L1 Cache RAM(Per Core)          80KB
L2 Cache RAM(Per Core)          1280KB
L3 Cache RAM(Per Package)       12288KB

606A6 ist die Prozessorsignatur, aufgedröselt: Familie 6, Modell 6A, Stepping 6. ICX M1 ist Intels interne Bezeichnung dafür, ICX steht für Ice Lake. Die beiden Ratios sind Multiplikatoren in hexadezimal, 08H sind 8 und 20H sind 32. Mit dem üblichen Referenztakt von 100 MHz ergibt das 800 MHz im Leerlauf und 3,2 GHz als Basistakt. Genau diese Spanne meldet auch Linux:

lscpu | grep MHz
#   CPU max MHz:  3600,0000
#   CPU min MHz:   800,0000

Die 3600 oben drüber sind der Turbo, der geht über den Basisratio hinaus. Dazu mehr, sobald ich das Power-Management-Menü nachgereicht bekomme, das fehlt mir in meiner Aufzeichnung noch.

Am interessantesten finde ich die Cache-Zeilen. 1280 KB L2 pro Kern klingt viel, und das ist es auch. Bei Ice Lake hat Intel den L2 gegenüber der Vorgängergeneration deutlich aufgebohrt und im Gegenzug den gemeinsamen L3 kleiner gemacht. 12 MB L3 für acht Kerne sind für einen Xeon nicht üppig. Der Gedanke dahinter ist, dass Daten näher am Kern liegen und seltener über den Ring wandern müssen. Ob das für die eigene Last aufgeht, merkt man erst beim Messen, aber die Zahlen im Setup erzählen die Designentscheidung ziemlich direkt.

Das Microcode Revision 0D000421 ist übrigens der Wert, den auch Linux meldet:

grep -m1 microcode /proc/cpuinfo
#   microcode : 0xd000421

Das BIOS bringt also bereits den Mikrocode mit, den auch das Betriebssystem laden würde. Wer sich fragt, ob ein BIOS-Update wegen Mikrocode nötig wäre: hier eindeutig nein.

Kerne abschalten, in hexadezimal

Aptio Setup, CPU1 Core Disable Bitmap, mit dem Hinweis dass mindestens ein Kern aktiv bleiben muss
> CPU1 Core Disable Bitmap

Ein eigenes Untermenü mit genau einem Eintrag, und dieser Eintrag ist herrlich unhöflich. Das Handbuch beschreibt ihn so:

Select 0 to enable all cores or FFFFFFFFFFF to disable all cores. One core must be enabled.

Man gibt also eine Bitmaske in hexadezimal ein, in der jedes gesetzte Bit einen Kern abschaltet. Keine Auswahlliste, keine Zahl „wie viele Kerne hätten Sie gern“, eine Bitmaske. Und dann der wunderbare Nachsatz, dass mindestens ein Kern übrig bleiben muss, was man vermutlich nicht schreiben würde, wenn es nicht mal jemand ausprobiert hätte.

Wozu macht man so etwas? Der häufigste Grund ist Lizenzkosten. Es gibt genug Software, die pro Kern abgerechnet wird, und wenn eine Maschine dafür zu viele hat, schaltet man welche ab. Der zweite Grund ist Testen: Verhalten einer Anwendung auf weniger Kernen prüfen, ohne die Hardware zu tauschen. Bei mir steht das erwartungsgemäss auf 0, alle 16 logischen Prozessoren sind da:

cat /sys/devices/system/cpu/online     # 0-15
cat /sys/devices/system/cpu/offline    # leer

Wichtig zu verstehen ist der Unterschied zum Abschalten unter Linux. Wenn ich dort einen Kern offline nehme, existiert er weiter, er bekommt nur keine Arbeit mehr. Die Bitmaske im BIOS blendet ihn aus, bevor das Betriebssystem überhaupt startet. Für eine Lizenzzählung, die sich ansieht was die Maschine meldet, ist das ein Unterschied.

Hyper-Threading

Hyper-Threading [ALL]           [Enable]

Der bekannteste Schalter der Seite. Aus acht physischen Kernen werden sechzehn logische, weil jeder Kern zwei Befehlsströme gleichzeitig verwaltet und die Recheneinheiten teilt, die gerade nichts zu tun haben. Der Gewinn liegt je nach Last irgendwo zwischen nichts und dreissig Prozent.

Es gibt drei gute Gründe, das abzuschalten, und keiner davon trifft auf mich zu. Der erste sind Seitenkanalangriffe: mehrere der Spectre-Nachfolger nutzen aus, dass sich zwei Threads einen Kern teilen, und wer fremden Code auf seiner Maschine ausführen lässt, fährt ohne Hyper-Threading sicherer. Der zweite ist Latenz: bei harten Echtzeitanforderungen ist ein Kern, der sich mit niemandem abstimmen muss, berechenbarer. Der dritte sind wieder Lizenzen.

Für eine Workstation, auf der ich weiss was läuft, überwiegt der Durchsatz. Bleibt an.

Die fünf Prefetcher

Aptio Setup, CPU Configuration, mit Hyper-Threading, den fünf Prefetchern und AES-NI

Und jetzt der Teil, der wirklich interessant ist:

Hardware Prefetcher             [Enable]
Adjacent Cache Prefetch         [Enable]
DCU Streamer Prefetcher         [Enable]
DCU IP Prefetcher               [Enable]
LLC Prefetch                    [Enable]

Fünf Zeilen, die aussehen wie eine Liste von Marketingbegriffen und in Wirklichkeit fünf verschiedene Stücke Hardware beschreiben. Alle haben dieselbe Aufgabe: raten, welche Daten die CPU als nächstes braucht, und sie schon mal holen. Speicher ist quälend langsam gegenüber dem Prozessor, ein Zugriff der bis zum RAM durchschlägt kostet ein Vielfaches dessen, was aus dem Cache kommt. Jeder erfolgreiche Rateversuch spart diese Wartezeit.

Sie raten nur unterschiedlich:

  • Hardware Prefetcher ist der Streaming-Prefetcher für den L2. Er erkennt, dass ein Programm Speicher der Reihe nach durchläuft, und holt vorausschauend nach. Der klassische Fall ist eine Schleife über ein grosses Array.
  • Adjacent Cache Prefetch ist der simpelste von allen. Er holt zu jeder angeforderten 64-Byte-Cachezeile gleich die benachbarte mit, arbeitet also faktisch in 128-Byte-Blöcken. Die Wette lautet: wer diese Zeile braucht, braucht gleich auch die daneben.
  • DCU Streamer Prefetcher macht dasselbe wie der erste, aber eine Ebene näher am Kern, für den L1-Datencache. DCU steht für Data Cache Unit.
  • DCU IP Prefetcher ist der cleverste. IP steht hier für Instruction Pointer. Er merkt sich pro Befehl, welche Zugriffsmuster dieser Befehl in der Vergangenheit erzeugt hat, und extrapoliert daraus. Damit erwischt er auch Muster mit konstantem Abstand, etwa jedes achte Element einer Struktur, an denen ein reiner Streaming-Prefetcher scheitert.
  • LLC Prefetch zieht Daten in den gemeinsamen L3, den Last Level Cache.

Das Handbuch beschreibt den DCU IP Prefetcher übrigens als etwas, das „IP addresses“ vorlädt und damit „network connectivity“ verbessert. Das ist schlicht falsch, da hat jemand Instruction Pointer mit Internet Protocol verwechselt und den Satz nie wieder gelesen. Solche Sätze stehen in erstaunlich vielen Handbüchern, und sie sind eine gute Erinnerung daran, dass auch offizielle Dokumentation nur von Menschen geschrieben wird.

Die Gegenprobe: was davon kommt wirklich an

Das Schöne an diesen fünf Schaltern ist, dass man sie nicht glauben muss. Sie landen in einem Prozessorregister, und das kann man auslesen. MSR 0x1A4 heisst Prefetch Control, und die unteren vier Bits schalten die Prefetcher ab, wenn sie gesetzt sind:

modprobe msr
rdmsr -0 0x1a4
#   0000000000000000

Null. Kein Bit gesetzt, also kein Prefetcher abgeschaltet. Das deckt sich exakt mit dem, was das Setup anzeigt. Die Zuordnung ist Bit 0 für den Hardware Prefetcher, Bit 1 für Adjacent Cache Line, Bit 2 für den DCU Streamer und Bit 3 für den DCU IP Prefetcher. Man beachte die umgekehrte Logik: gesetztes Bit bedeutet aus.

Ich mag solche Gegenproben. Ein Screenshot zeigt, was das Setup behauptet. Das Register zeigt, was die CPU tatsächlich macht. Bei Firmware ist das nicht immer dasselbe.

Wann man daran drehen würde

Fast nie, ehrlich gesagt. Die Prefetcher sind für allgemeine Lasten deutlich im Plus, sonst hätte Intel sie nicht eingebaut. Es gibt aber Fälle, in denen sie schaden:

Bei Datenbanken und Graphen-Workloads mit stark zufälligem Zugriffsmuster liegt der Prefetcher regelmässig daneben, holt Daten die keiner braucht, und verdrängt dabei Daten die jemand gebraucht hätte. Bei Echtzeitanwendungen sind sie eine Jitter-Quelle, weil sie Speicherbandbreite zu unvorhersehbaren Zeitpunkten verbrauchen. Und bei manchen HPC-Codes, die ihre Zugriffe selbst sehr genau steuern, stört der Prefetcher mehr als er hilft.

Der entscheidende Punkt: das misst man, das rät man nicht. Und der grosse Vorteil des MSR ist, dass man dafür gar nicht ins BIOS muss. Man kann die Bits im laufenden System setzen, messen, und wieder zurücksetzen. Wer das ernsthaft ausprobiert, sollte allerdings wissen, dass wrmsr genau so gefährlich ist wie es klingt, und dass die Einstellung pro logischem Prozessor gilt.

Nächste Folge: die untere Hälfte derselben Seite. AES-NI, TME, SGX und ein Schalter namens Extended APIC, der aussieht wie eine vergessene Optimierung und keine ist.

Siehe auch

Hat jemand von euch schon mal Prefetcher gezielt abgeschaltet und dabei etwas gemessen, das sich gelohnt hat? Das würde mich wirklich interessieren, ihr dürft mich jederzeit fragen.

BIOS erklärt, Teil 2: Boot Feature, oder was ein Interrupt von 1981 hier noch tut

Der erste Start der neuen Maschine war laut. Nicht akustisch, sondern optisch: eine Wand aus weissem Text auf schwarzem Grund, Speichertest, Controller die sich melden, Netzwerkkarten die ihre MAC-Adressen ausspucken, und das alles über mehrere Bildschirmseiten. Bei einem Desktop-Board wäre da ein Herstellerlogo gewesen und darunter vielleicht ein dezenter Fortschrittsbalken. Ich habe die Textwand gelassen wie sie ist, und der Grund dafür steht in den ersten beiden Zeilen des Menüs, um das es heute geht.

Das hier ist Teil 2 der Serie, in der ich das BIOS meines Supermicro-Boards Stück für Stück durchgehe. Die bisherigen Folgen findest du gesammelt in der Kategorie BIOS & Firmware. Heute: Boot Feature, die erste Seite unter Advanced, neun Einstellungen rund um das Einschalten.

Die Anzeige, oder: warum ich kein Logo will

Aptio Setup, Seite Boot Feature, mit Quiet Boot, Wait for F1, INT19 Trap Response, Watchdog und Restore on AC Power Loss
Quiet Boot                        [Disabled]
Option ROM Messages               [Force BIOS]
Bootup NumLock State              [On]

Quiet Boot ist der Schalter für genau die Textwand von oben. Auf Enabled zeigt das Board beim Start ein Logo, auf Disabled die POST-Meldungen. Das Logo ist hübscher, aber es versteckt genau die Informationen, die man braucht wenn etwas nicht stimmt. Auf einer Maschine mit vier Netzwerkports, einem Beschleuniger und einer NVMe an einem Breakout-Kabel möchte ich beim Booten sehen, wer sich meldet und wer nicht. Das kostet mich drei Sekunden Wartezeit und hat mir schon zweimal eine Fehlersuche erspart.

Option ROM Messages ist der kleine Bruder davon. Steckkarten bringen eigene Firmware mit, das Option ROM, und die möchte beim Start etwas ausgeben. Force BIOS heisst: das BIOS bestimmt, wie diese Ausgaben aussehen und dass sie überhaupt erscheinen. Keep Current überlässt das der Karte. Auch hier gilt, ich möchte die Meldungen sehen.

Bootup NumLock State ist der harmloseste Schalter des ganzen Setups und trotzdem einer, über den sich Menschen erstaunlich zuverlässig streiten. Er legt fest, ob der Ziffernblock nach dem Einschalten an ist. Bei mir: an.

Wait For „F1“ If Error

Wait For "F1" If Error            [Disabled]

Das ist der Klassiker unter den Server-Fallstricken. Steht der Schalter auf Enabled und beim Start tritt irgendein Fehler auf, dann bleibt die Maschine stehen und wartet darauf, dass jemand F1 drückt. Bei einem Rechner unter dem Schreibtisch ist das ärgerlich. Bei einem Server im Rechenzentrum ist es der Grund, warum man nachts hinfährt.

Der Fehler muss dabei nicht dramatisch sein. Eine leere CMOS-Batterie reicht, oder eine Konfigurationsänderung, die das BIOS für erwähnenswert hält. Auf Disabled protokolliert das Board den Fehler und bootet trotzdem weiter. Für alles ohne Tastatur davor ist das die einzig sinnvolle Einstellung. Wer den Rechner täglich vor sich hat, kann anderer Meinung sein, dann merkt man wenigstens sofort dass etwas war.

Der Interrupt aus dem Jahr 1981

INT19 Trap Response               [Immediate]

Und hier wird es schön. Das Handbuch erklärt den Schalter so:

Interrupt 19 is the software interrupt that handles the boot disk function.

Interrupt 19h, genauer INT 19h, ist der Bootstrap Loader aus dem BIOS des originalen IBM PC von 1981. Der Ablauf war denkbar einfach: das BIOS beendet seinen Selbsttest und ruft INT 19h auf. Was dahinter liegt, lädt den ersten Sektor eines Laufwerks und übergibt die Kontrolle dorthin. Das war der komplette Bootvorgang.

Interessant wird es durch das, was Steckkarten daraus gemacht haben. Ein SCSI-Controller mit eigenem Option ROM konnte sich in INT 19h einhängen, den Aufruf abfangen und stattdessen von seiner eigenen Platte booten. Genau so wurden Karten bootfähig, ohne dass das Mainboard-BIOS je von ihnen gehört hatte. Immediate heisst, die Karte darf sich den Interrupt sofort greifen. Postponed heisst, sie muss warten bis das System-BIOS fertig ist.

Meine Maschine bootet im reinen UEFI-Modus, ohne CSM, und lädt einen EFI-Bootloader von der NVMe. INT 19h spielt dabei überhaupt keine Rolle mehr. Der Schalter ist trotzdem noch da, weil irgendwo auf der Welt noch eine Karte steckt, die ihn braucht. Ich mag solche Fundstücke. Man scrollt durch ein Setup von 2025 und stolpert über einen Mechanismus, der älter ist als die meisten Leute, die ihn konfigurieren.

Neustart bei Fehlschlag, und der Watchdog

Re-try Boot                       [Disabled]
Watch Dog Function                [Disabled]

Re-try Boot startet die Maschine automatisch neu, wenn der erste Bootversuch fehlschlägt. Klingt hilfreich, ist es in einer Endlosschleife aber nicht. Wenn die Bootplatte weg ist, dann ist sie auch beim vierzigsten Versuch weg, und ich bekomme statt einer klaren Fehlermeldung eine Maschine die im Sekundentakt neu startet. Auf Disabled bleibt sie stehen und sagt mir was los ist. Wer eine Maschine an einem Ort betreibt, an den er schlecht hinkommt, wägt das anders ab.

Der Watchdog ist ein anderes Kaliber. Laut Handbuch löst er nach fünf Minuten aus und macht dann wahlweise einen Reset oder einen NMI, also einen nicht maskierbaren Interrupt. Der Sinn dahinter: eine Software auf dem laufenden System muss den Timer regelmässig zurücksetzen. Passiert das nicht mehr, weil das System hängt, greift der Watchdog ein.

Der Haken ist der zweite Halbsatz. Es braucht diese Software. Ohne einen Dienst, der den Timer füttert, hat man einen Timer der nach fünf Minuten unangekündigt die Reset-Leitung zieht, und das ist keine Verfügbarkeitsmassnahme sondern eine Zeitbombe. Unter Linux gäbe es dafür watchdogd, und wenn ich das eines Tages sauber einrichte, schalte ich den Schalter an. Vorher nicht.

Zwei Schalter, die ich gar nicht sehe

Im Handbuch stehen an dieser Stelle noch Front USB Port(s) und Rear USB Port(s), mit denen sich die USB-Anschlüsse einzeln abschalten lassen. Auf einem Rechner an einem öffentlich zugänglichen Ort ist das eine ernstzunehmende Massnahme. In meinem Setup tauchen die beiden Zeilen nicht auf, und das Handbuch sagt auch warum:

The next two features are available for configuration if the SFT-DCMS-SINGLE license is installed.

Wer Teil 1 gelesen hat, kennt die Lizenz schon. Sie ist der Grund, warum ich meine BIOS-Konfiguration nicht maschinell auslesen kann. Dass sie zusätzlich zwei Sicherheitseinstellungen im Setup versteckt, hatte ich nicht erwartet. Das ist kein Management-Feature für Flottenbetreiber mehr, das ist eine Funktion des Boards, das ich gekauft habe, hinter einer Bezahlschranke im eigenen Setup.

Nach dem Stromausfall bleibt sie aus

Restore on AC Power Loss          [Stay Off]
Power Button Function             [4 Seconds Override]

Drei Möglichkeiten gibt es: Stay Off, Power On und Last State. Der Werksdefault ist Last State, also der Zustand von vor dem Stromausfall. Bei mir steht es auf Stay Off, und das ist eine bewusste Entscheidung gegen den naheliegenden Reflex.

Der Reflex sagt: klar soll die Maschine wieder hochkommen, sonst steht sie nach einem Stromausfall im Urlaub zwei Wochen tot herum. Für einen Server stimmt das auch. Für meine Workstation nicht. Wenn hier der Strom weg war, dann ist etwas passiert, und ich möchte selbst entscheiden wann und ob die Kiste wieder angeht. Dazu kommt der Fall, den man leicht übersieht: ein flatternder Strom, der mehrfach hintereinander kommt und geht. Mit Power On fährt das Board dann jedes Mal wieder an, mitten in den nächsten Ausfall hinein. Ein Rechner der aus ist, kann nicht kaputtgehen.

Beim Power Button Function habe ich 4 Seconds Override gelassen. Kurz drücken meldet dem Betriebssystem einen Shutdown-Wunsch, den es sauber abarbeitet. Vier Sekunden halten schneidet den Strom hart ab. Die Alternative Instant Off macht das sofort, ohne Rückfrage, und dafür sehe ich keinen Grund. Ein versehentlicher Stups ans Gehäuse soll keine ungespeicherte Arbeit kosten.

Fazit

Neun Schalter, davon acht auf Default und einer bewusst geändert. Das ist ungefähr die Quote, die sich durch das ganze Setup zieht, und sie ist auch in Ordnung so. Interessant sind trotzdem alle neun, weil hinter jedem eine Entscheidung steckt, die jemand mal getroffen hat.

Falls du beim Watchdog oder bei INT 19h anderer Meinung bist oder ich etwas verkürzt dargestellt habe: immer her damit. Besonders bei INT 19h würde mich interessieren, ob jemand noch aktiv Hardware betreibt, bei der Postponed einen Unterschied macht. Ich habe keine gefunden.

Nächste Folge: die CPU. Kerne, Threads und die fünf Prefetcher, von denen die Hälfte Namen trägt, die nach Marketing klingen und es nicht sind.

Siehe auch

Wie steht bei dir Restore on AC Power Loss, und aus welchem Grund? Schreib es mir gerne, ihr dürft mich jederzeit fragen.

Sieben Einstellungen, kein Setup-Besuch: die BIOS-Konfiguration meines Supermicro-Boards ändern

Im letzten Beitrag ging es darum, die BIOS-Einstellungen meines Supermicro X12SPi-TF überhaupt erst als Datei in die Hand zu bekommen. Das Ergebnis war eine XML mit 372 Einstellungen, und der Weg dorthin führte über eine Lizenz für 28,17 Euro.

Zwei Terminalausgaben untereinander: mit Hardware P-States auf Disable liefert die Suche nach dem hwp-Flag in /proc/cpuinfo keine Ausgabe und intel_pstate läuft passiv, mit Native Mode erscheinen hwp, hwp_epp und hwp_act_window und intel_pstate läuft aktiv.

Damit war die halbe Arbeit getan. Eine Konfiguration auslesen zu können ist schön, aber der eigentliche Gewinn liegt darin, sie auch zurückschreiben zu können. Genau das habe ich jetzt gemacht, und zwar zum ersten Mal überhaupt an dieser Maschine: sieben Einstellungen geändert, ohne den Rechner ins Setup zu booten, ohne Tastatur, ohne die Fernkonsole des Management-Controllers.

Vorweg die gute Nachricht für alle, die schon rechnen: die kleine Lizenz deckt das Schreiben mit ab. Ich hatte damit gerechnet, dass Supermicro genau an dieser Stelle noch einmal die Hand aufhält, und das tut es auch, aber nur an einer sehr kleinen Ecke. Von den 372 Einstellungen tragen 21 den Vermerk, dass sie die große Lizenz verlangen. Es sind ausschliesslich Zertifikatseinträge für KMIP-Server und HTTPS-Boot. Nichts davon betrifft normale Setup-Optionen.

Was ich ändern wollte, und warum

Der langweiligste Teil eines solchen Artikels ist die Liste der geänderten Werte. Der interessante Teil ist die Begründung, deshalb fange ich damit an.

Mein Rechner bootet von einer NVMe-SSD. Er hat das noch nie anders gemacht und wird es auch nicht. Trotzdem lädt das BIOS bei jedem Start die Pre-Boot-Netzwerktreiber für vier Netzwerkanschlüsse, jeweils für IPv4 und IPv6, und baut daraus Boot-Einträge, die niemand benutzt. Dazu kommen die Option-ROMs von drei leeren Steckplätzen.

Ein Option-ROM ist ein kleines Stück Firmware auf einer Steckkarte, das beim Start ins BIOS geladen wird, damit die Karte schon vor dem Betriebssystem funktioniert. Für eine Netzwerkkarte heisst das Netzwerk-Boot, für einen Speichercontroller das Booten von daran angeschlossenen Platten. Wer von keinem dieser Geräte bootet, braucht den Code nicht.

Also:

Network Stack von *Enabled* auf *Disabled*. Damit fällt die komplette UEFI-Netzwerkinitialisierung weg. – Onboard LAN1 Option ROM aus. Der Pre-Boot-Treiber der onboard X550 wird nicht gebraucht. – CPU SLOT6 OPROM aus. Dort steckt meine X710. Dazu gleich mehr, das ist der eigentliche Grund für die Aktion. – CPU SLOT1, SLOT2 und SLOT7 OPROM aus. Alle drei Steckplätze sind leer.

Bei den drei leeren Steckplätzen bin ich ehrlich: der Zeitgewinn ist exakt null. Wo keine Karte steckt, gibt es auch kein Option-ROM zu laden. Ich habe sie trotzdem mitgenommen, weil ich einen dokumentierten Sollzustand haben will und nicht eine Mischung aus bewusst gesetzt und zufällig übrig.

Die siebte Änderung ist die, um die es mir wirklich ging.

Die eine Zeile, die eine Woche Rätselraten beendet hat

Beim Schreiben meiner BIOS-Serie ist mir etwas aufgefallen, das ich mir lange nicht erklären konnte. Mein Prozessor ist ein Xeon Gold 5315Y, Ice Lake-SP. Diese Generation beherrscht Hardware P-States, kurz HWP. Die CPU regelt ihren Takt dabei selbst, in feineren Stufen und deutlich schneller, als das Betriebssystem es könnte.

Nur meldete mein Kernel davon nichts. In /proc/cpuinfo fehlte das hwp-Flag, der Treiber intel_pstate lief im passiven Modus, und die Taktregelung machte der Governor schedutil. Also genau der Zustand, den man auf einer CPU erwartet, die HWP gar nicht kann.

Ich habe eine Weile in Richtung Kernel gesucht. Das war die falsche Richtung. Der Schalter sass im BIOS, ziemlich tief vergraben:

Advanced > CPU Configuration > Advanced Power Management Configuration
        > Hardware PM State Control > Hardware P-States   [Disable]

Der Auslieferungszustand dieser Option ist tatsächlich *Disable*. Es gibt vier Werte, und der Hilfetext im BIOS beschreibt sie so:

Disable                              hardware will choose a P-state setting for
                                     the system based on an OS request
Native Mode                          hardware will choose a P-state setting
                                     based on OS guidance
Native Mode with No Legacy Support   hardware will choose a P-state setting
                                     independently without OS guidance
Out of Band Mode                     hardware autonomously choose a P-state
                                     without OS guidance

Ich habe Native Mode genommen, also die zahmste der drei aktiven Varianten. Der Unterschied zu den beiden anderen ist wichtig: bei *Native Mode* behält das Betriebssystem seinen Einfluss, es wandert nur die Feinsteuerung in die CPU. Bei den beiden anderen wird der Kernel bei der Taktwahl übergangen, und dann kann er dir auch nicht mehr sinnvoll sagen, was die CPU gerade tut.

Was ich bewusst nicht angefasst habe

Diese Liste finde ich wichtiger als die Liste der Änderungen, denn hier hätte ich mir den Rechner unbedienbar machen können.

Das Option-ROM von SLOT4 bleibt an. Dort sitzt die Grafikkarte. Ihr GOP-Modul ist das, was beim Start überhaupt ein Bild auf den Monitor bringt. Wer es abschaltet, sitzt bis zum Laden des Grafiktreibers im Dunkeln, und wenn dabei etwas schiefgeht, sitzt er dauerhaft im Dunkeln.

Onboard Video Option ROM bleibt an. Das ist die Grafik des Management-Controllers, und daran hängt die Fernkonsole. Schaltet man sie ab, bleibt beim Start das Fenster schwarz, über das man aus der Ferne ins Setup kommt. Das ist genau der Rettungsweg, den man sich nicht abschneiden will, wenn man gerade anfängt, das BIOS aus dem laufenden Betrieb heraus umzukonfigurieren.

Beide NVMe-Option-ROMs bleiben an. Das erste trägt das Betriebssystem. Auf das zweite soll irgendwann Windows, und auch wenn der Bootloader auf der ersten Platte das Kommando behält, muss die zweite dem Firmware-Bootmanager sichtbar bleiben.

Legacy USB Support bleibt an. Hier hätte ich vermutlich etwas Startzeit gewinnen können. Ich habe es gelassen, weil ich den Gewinn nicht gemessen habe und das Risiko eine tote Tastatur im Setup wäre. Eine Einstellung, deren Nutzen man nicht beziffern kann, deren Schaden aber konkret ist, ändert man nicht.

Der Weg: eine Teildatei, nicht die ganze

Naheliegend wäre, die ausgelesene XML zu bearbeiten und komplett zurückzuschreiben. Bei 372 Einstellungen und 260 Kilobyte ist das unnötig riskant, und es ist auch nicht der vorgesehene Weg.

Das Werkzeug kennt einen Filter, der genau die Einstellungen ausgibt, die vom Auslieferungszustand abweichen:

./saa -c GetCurrentBiosCfg --file nondefault.xml --overwrite --filter nondefault

Heraus kommt eine kleine Datei mit derselben Struktur wie die grosse, nur eben mit den Menüzweigen, die auch wirklich etwas enthalten. Und genau diese Struktur nimmt das Schreibkommando entgegen. Teildateien sind also kein Trick, sondern der normale Betriebsfall.

Hier der erste Fallstrick, und der hat mich ehrlich geärgert: die eingebaute Hilfe des Werkzeugs beschreibt den Filter als Ziffer.

--filter    Sets filter type to: 1 = nondefault

Die Ziffer 1 wird abgewiesen. Das Kommando bricht ab und wirft den Hilfetext aus, der einem gerade die Ziffer empfohlen hat. Akzeptiert wird ausschliesslich das ausgeschriebene Wort nondefault. Wenn du also an dieser Stelle hängst, liegt es nicht an dir.

Meine Änderungsdatei habe ich nicht getippt, sondern mit einem kleinen Python-Skript aus dem Auslesestand erzeugt. Das klingt nach Übertreibung für sieben Werte, hat aber einen handfesten Grund: die Einstellungen müssen im richtigen Menüzweig stehen, und die Menünamen sind lang und fehleranfällig. CPU SLOT2 PCI-E 4.0 X8(IN X16) OPROM vertippt sich schneller, als man denkt, und ein Tippfehler im Namen führt nicht zu einer Fehlermeldung, sondern dazu, dass die Einstellung stillschweigend nicht gesetzt wird.

Das Schreiben selbst ist unspektakulär:

./saa -c ChangeBiosCfg --file change-boot-oprom-hwp.xml

Status: The BIOS configuration is updated for the managed system
Note: You have to reboot or power up the system for the changes to take effect.

Es gibt eine Option --reboot, die den Neustart gleich mit erledigt. Die habe ich weggelassen. Wann ein Rechner neu startet, entscheide ich lieber selbst.

Der zweite Fallstrick, und der ist gemein

Nach dem Schreiben will man natürlich nachsehen, ob es geklappt hat. Also dasselbe Auslesekommando noch einmal, und dann steht da:

Hardware P-States              = Disable     (geschrieben: Native Mode)
Network Stack                  = Enabled     (geschrieben: Disabled)
CPU SLOT6 PCI-E 4.0 X16 OPROM  = EFI         (geschrieben: Disabled)

Nichts. Alle alten Werte, unverändert.

Der erste Reflex ist, das Schreibkommando noch einmal laufen zu lassen. Tu das nicht. Das Auslesen liefert die aktive Konfiguration, und die ändert sich erst beim nächsten Start. Deine Änderung liegt so lange in einem Bereich, den das Werkzeug nicht anzeigt. Zwischen dem Schreiben und dem Neustart gibt es damit keine Möglichkeit, die Änderung zu überprüfen, ausser dem Rückgabewert des Kommandos.

Das ist unschön, aber es ist logisch. Die Einstellungen werden erst beim Start aus dem Speicher gelesen, und vorher gibt es schlicht nichts Aktives, das anders wäre.

Nach dem Neustart

Und dann stimmt alles. Die Zahl der Abweichungen vom Auslieferungszustand ist von sechs auf dreizehn gestiegen, also genau um meine sieben:

Quiet Boot                            Unchecked
Restore on AC Power Loss              Stay Off
Power Button Function                 4 Seconds Override
Hardware P-States                     Native Mode
Network Stack                         Disabled
Re-Size BAR Support                   Enabled
VGA Priority                          Offboard
CPU SLOT1 PCI-E 4.0 X8 OPROM          Disabled
CPU SLOT2 PCI-E 4.0 X8(IN X16) OPROM  Disabled
CPU SLOT6 PCI-E 4.0 X16 OPROM         Disabled
CPU SLOT7 PCI-E 4.0 X8 OPROM          Disabled
Onboard LAN1 Option ROM               Disabled
WHEA Support                          Disabled

Die Netzwerk-Booteinträge sind verschwunden, übrig bleibt der Bootloader und die eingebaute Shell:

BootCurrent: 000F
BootOrder: 000F,0001
Boot0001* UEFI: Built-in EFI Shell
Boot000F* ubuntu

Und der Punkt, um den es mir ging, ist eingetreten. Der Prozessor meldet jetzt Fähigkeiten, die er die ganze Zeit hatte:

$ grep -o ' hwp[_a-z]*' /proc/cpuinfo | sort -u
 hwp
 hwp_act_window
 hwp_epp
 hwp_pkg_req

$ cat /sys/devices/system/cpu/intel_pstate/status
active

Der Treiber ist damit vom passiven in den aktiven Modus gewechselt. Was dabei kurz irritiert: der Governor heisst jetzt powersave statt schedutil, und das sieht nach einem Rückschritt aus. Ist es nicht. Bei intel_pstate im aktiven Modus ist powersave der Name für den Betrieb, bei dem die Hardware regelt. Wie sie das tut, steuert ein separater Wert:

$ cat /sys/devices/system/cpu/cpu0/cpufreq/energy_performance_preference
balance_performance

Die CPU geht im Leerlauf auf 800 MHz und hat den vollen Turbo bis 3600 MHz zur Verfügung. Genau so soll es sein.

Wichtig war mir noch die Gegenprobe, dass ich mir das Netzwerk nicht zerschossen habe. Die Karte, deren Option-ROM ich abgeschaltet habe, ist schliesslich die, über die diese Maschine am Netz hängt:

$ ethtool ens6f1np1 | grep -E 'Speed|Link detected'
	Speed: 10000Mb/s
	Link detected: yes

Unverändert. Das ist auch zu erwarten, denn der Treiber im laufenden Betrieb kommt aus dem Kernel und hat mit dem Option-ROM nichts zu tun. Das Option-ROM ist reiner Startcode. Trotzdem ist das der Punkt, an dem die meisten zögern, deshalb steht die Messung hier.

Ein Punkt ist noch offen, und den will ich nicht verschweigen: der ursprüngliche Anlass für das Abschalten von SLOT6 war eine Meldung auf der Treiberstatus-Seite im Setup, wo meine Netzwerkkarte seit einem Firmware-Update als *Failed* geführt wird. Ob die Meldung jetzt weg ist, kann ich von aussen nicht sehen. Das prüfe ich beim nächsten Setup-Besuch nach.

Gibt es dafür keine Oberfläche?

Diese Frage lag für mich die ganze Zeit im Raum, und die Antwort ist unbefriedigend.

Es gäbe einen herstellerneutralen Weg unter Linux. Der Kernel kennt eine Geräteklasse namens firmware-attributes, über die sich BIOS-Einstellungen als ganz normale Dateien lesen und schreiben lassen. Der Firmware-Updater fwupd kann das seit Version 1.8.4 direkt bedienen. Das wäre die Lösung: ein Kommando, egal welcher Hersteller.

Auf meiner Maschine sieht das so aus:

$ ls /sys/class/firmware-attributes/
ls: cannot access '/sys/class/firmware-attributes/': No such file or directory

$ fwupdmgr get-bios-setting
This system doesn't support firmware settings

Das Hilfsmodul dafür liegt im Kernel, es ist also nicht so, dass die Infrastruktur fehlen würde:

/lib/modules/7.0.0-28-generic/kernel/drivers/platform/x86/firmware_attributes_class.ko.zst

Was fehlt, ist der Treiber des Herstellers. Der Kernel bringt genau drei mit:

drivers/platform/x86/dell/dell-wmi-sysman     Dell
drivers/platform/x86/lenovo/think-lmi         Lenovo
drivers/platform/x86/hp/hp-bioscfg            HP

Supermicro ist nicht dabei. Statt eines Treibers, der diese Kernel-Schnittstelle bedient, gibt es ein eigenes Werkzeug und eine Lizenz. Auf einem Dell oder Lenovo wäre der Inhalt dieses Beitrags ein Einzeiler ohne Zusatzkosten.

Ganz ohne Oberfläche ist man aber nicht. Das Werkzeug bringt einen textbasierten Editor mit, der das Setup im Terminal nachbaut:

./saa -c GetCurrentBiosCfg --tui

Dazu gibt es --compact, das anschliessend nur die geänderten Zeilen herausschreibt. Über eine SSH-Pipe blieb das Fenster bei mir schwarz, es braucht ein echtes Terminal. Ausprobiert habe ich es deshalb noch nicht richtig. Und es gibt das Werkzeug ausserdem als Windows-Version und als Variante für die UEFI-Shell, also für den Fall, dass überhaupt kein Betriebssystem installiert ist.

Eine echte grafische Oberfläche gibt es auch, sie heisst SSM. Die will dann allerdings wieder die grosse Lizenz.

Zurück auf Anfang

Das Wichtigste zum Schluss, und man legt es sich besser vorher zurecht als hinterher. Vor dem Schreiben habe ich den vollständigen Stand weggesichert. Der Rückweg ist dann dasselbe Kommando mit dieser Datei:

./saa -c ChangeBiosCfg --file bios-current-2026-08-09.xml

Als Notnagel gibt es darunter noch LoadDefaultBiosCfg, das alles auf den Auslieferungszustand zurücksetzt. Das ist aber ein grober Hebel: es wirft auch die sechs Abweichungen weg, die ich absichtlich eingestellt habe, und die stehen dann eben nicht mehr so, wie ich sie haben will. Die Teildatei ist der bessere Weg, der Vollreset die letzte Reserve.

Und weil es hier um Firmware geht, der offensichtliche Hinweis: bei einem Rechner, an den du nicht rankommst, änderst du keine Boot-Einstellungen, ohne dass jemand vor Ort ist oder die Fernkonsole zuverlässig läuft. Ich habe das Option-ROM der Grafik und das des Management-Controllers genau deshalb nicht angefasst.

Was bleibt

Sieben Einstellungen, ein Neustart, kein Setup-Besuch. Das klingt nach wenig, ändert aber die Arbeitsweise. BIOS-Einstellungen waren für mich bisher etwas, das man beim Aufbau einmal einstellt und danach ungern anfasst, weil jede Änderung einen Neustart mit Tastatur und Monitor bedeutet. Jetzt sind sie eine Datei, die ich versionieren, vergleichen und zurückspielen kann.

Der schönste Nebeneffekt war die Sache mit den Hardware P-States. Ich hatte das Verhalten meiner CPU wochenlang für eine Eigenheit des Kernels gehalten und in die falsche Richtung gesucht. Es war eine einzige Zeile in einem Menü, das vier Ebenen tief liegt und das ich beim Durchklicken nie geöffnet hatte. Eine durchsuchbare Datei aller 372 Einstellungen hätte mir das in dreissig Sekunden gezeigt.

Falls du auf demselben Board sitzt: das Auslesen ist der Beitrag davor, das Schreiben braucht keine weitere Lizenz, und die drei Stolperstellen sind der Filter, der nur als Wort funktioniert, die Gegenprobe, die vor dem Neustart nichts zeigt, und die Versuchung, mehr auf einmal zu ändern, als man beim nächsten Start noch reparieren kann.

Siehe auch: Achtundzwanzig Euro für eine Textdatei: die BIOS-Konfiguration meines Supermicro-Boards auslesen und die Serie BIOS erklärt.

Wenn dazu etwas unklar ist oder du es auf deinem Board anders erlebt hast, dürft ihr mich sehr gerne fragen.

Achtundzwanzig Euro für eine Textdatei: die BIOS-Konfiguration meines Supermicro-Boards auslesen

In meiner Serie BIOS erklärt arbeite ich mich durch das Setup eines Supermicro X12SPi-TF. Die Grundlage dafür war bisher eine Bildschirmaufnahme: ich bin durch alle Menüs gelaufen, habe das Video in Einzelbilder zerlegt und die Werte abgetippt. Das funktioniert, ist aber Handarbeit, und Handarbeit übersieht Dinge.

Zwei Terminalausgaben untereinander: ohne Lizenz bricht das Kommando saa mit ExitCode 80 ab, mit der OOB-Lizenz erzeugt dasselbe Kommando eine XML-Datei mit 372 Einstellungen.

Was ich eigentlich wollte, ist eine Datei. Eine Liste aller Optionen mit ihrem aktuellen Wert, maschinenlesbar, damit ich sie durchsuchen und mit einem späteren Stand vergleichen kann. Das Board kann das. Es rückt es nur nicht heraus.

Drei Wege, drei Absagen

Der erste Weg führt über Redfish, die HTTP-Schnittstelle des Management-Controllers. Der passende Endpunkt existiert, antwortet aber nicht mit Daten:

GET /redfish/v1/Systems/1/Bios
HTTP 403

"MessageId": "SMC.1.0.OemLicenseNotPassed",
"Message": "Not licensed to perform this request. The following licenses DCMS were needed"

Der zweite Weg ist Supermicros eigenes Kommandozeilenwerkzeug. Es heißt inzwischen SAA, SuperServer Automation Assistant, und liegt dem BIOS-Paket bei. Es kann genau das, was ich suche, und arbeitet dabei nicht über das Netz, sondern direkt über die Firmware:

./saa -c GetCurrentBiosCfg --file bios-current.xml
ExitCode 80
Node product key is not activated.
One of the node product key (SFT-OOB-LIC or SFT-DCMS-SINGLE) should be activated

Der dritte Weg wäre, die UEFI-Variablen selbst zu lesen. Die liegen unter /sys/firmware/efi/efivars/, und tatsächlich gibt es dort Einträge, die nach BIOS-Einstellungen aussehen. Nur sind das undurchsichtige Datenblöcke ohne die Zuordnungstabelle des Boards. Man sieht Bytes, aber man weiß nicht, welches Byte welcher Menüpunkt ist.

Drei unabhängige Wege, dieselbe Sperre. An dieser Stelle habe ich in meinen Notizen etwas geschrieben, das sich später als falsch herausstellte. Dazu komme ich am Ende.

Zwei Lizenzen, und sie sind nicht dasselbe

Lies die beiden Fehlermeldungen oben noch einmal nebeneinander. Sie verlangen nicht das Gleiche. Redfish nennt namentlich DCMS. SAA nennt SFT-OOB-LIC oder SFT-DCMS-SINGLE, also eine von zweien.

Das ist der Punkt, an dem man leicht zu viel Geld ausgibt. Supermicro verkauft für diese Board-Generation zwei Lizenzen. Die kleine heißt Out of Band, kurz OOB. Die große heißt DCMS und kostet etwa das Fünffache. Wer nur die Fehlermeldung von Redfish liest, kauft DCMS. Wer die Fehlermeldung von SAA liest, merkt, dass es für seinen Zweck auch die kleine tut.

Nebenbei taucht dieselbe Lizenz an einer Stelle auf, die ich nicht erwartet hätte. Im Handbuch zum Board stehen bei zwei Sicherheitseinstellungen, nämlich beim Abschalten der vorderen und der hinteren USB-Anschlüsse, die Worte *available for configuration if the SFT-DCMS-SINGLE license is installed*. Es fehlen also nicht nur Management-Schnittstellen. Es fehlen zwei Menüpunkte im Setup selbst.

Warum man den Schlüssel nicht selbst baut

Bei dieser Recherche stößt man unweigerlich auf ein Werkzeug auf GitHub, das Supermicro- Produktschlüssel behandelt. Für die Generationen 9 bis 11 kann es welche erzeugen, denn dort war der Schlüssel ein berechneter Wert über die MAC-Adresse des Management-Controllers.

Für die zwölfte Generation, also mein Board, kann es das nicht, und das Projekt schreibt es selbst deutlich hin: dieses Format lässt sich mit dem Werkzeug prüfen, aber nicht erzeugen. Der Grund ist, dass Supermicro umgestellt hat. Der Schlüssel ist heute eine von Supermicro signierte Datei, und der Management-Controller prüft die Signatur gegen einen öffentlichen Schlüssel in seiner eigenen Firmware. Ohne den privaten Schlüssel des Herstellers entsteht da nichts Gültiges.

Mein Board bestätigt das Format auf Nachfrage:

Node Product Key Format..........JSON

Damit ist die naheliegende Abkürzung nicht moralisch, sondern rechnerisch verschlossen. Man muss die Frage also wirklich beantworten.

Der Kauf, und eine Überraschung beim Erzeugen

Gekauft habe ich im Supermicro eStore. 23,67 Euro netto, 28,17 Euro brutto. Bei der Bestellung wählt man das Mainboard-Modell aus einer Liste, und mein X12SPi-TF steht darin. Das ist erwähnenswert, weil mehrere Händlerbeschreibungen dieser Lizenz nur X10 und X11 nennen. Diese Texte sind veraltet.

Jetzt kommt der Teil, den ich falsch erwartet hatte. Ich dachte, ich kaufe und bekomme einen Schlüssel. So läuft es nicht. Man bekommt zunächst nur eine Zertifikatsnummer und die Aufforderung, den Schlüssel selbst zu erzeugen. Dafür meldet man sich im Store an, wählt die Bestellung aus und gibt an, für welches Gerät der Schlüssel gelten soll: entweder die MAC-Adresse des Management-Controllers oder die Seriennummer des Boards.

Die Bindung an die Hardware entsteht also nicht beim Verkauf, sondern beim Käufer, im Moment des Erzeugens. Das ist konsequent, denn Supermicro weiß beim Verkauf ja gar nicht, in welchem Gerät die Lizenz landen soll. Es heißt aber auch, dass man sich vertippen kann, und dann hat man einen Schlüssel für ein Gerät, das es nicht gibt.

Der Ablauf war zügig. Bestellbestätigung um 14:17, die Freigabe zum Erzeugen um 14:42, der fertige Schlüssel um 14:44, aktiv im Board um 14:46. Unter einer halben Stunde vom Klick bis zur Funktion, und die zugesagte Stunde war damit nicht zu optimistisch.

Der Schlüssel selbst ist eine kleine Textdatei, benannt nach der MAC-Adresse, mit einem JSON-Objekt darin: Lizenzname, Ausstellungsdatum und eine lange Signatur. Mehr ist es nicht.

Eine Kuriosität am Rande: die Mail mit dieser Textdatei trägt einen Ausfuhrhinweis der US-Regierung. Die Ware sei nur für das Bestimmungsland freigegeben und dürfe nicht weiterveräußert oder an Dritte weitergegeben werden. Das gilt hier für eine Datei von wenigen hundert Byte, deren einzige Wirkung darin besteht, in einem Verwaltungscontroller einen Menüpunkt sichtbar zu machen.

Aktivieren

Supermicro nennt vier Wege, den Schlüssel einzuspielen: die Weboberfläche des Management-Controllers, das Werkzeug SUM, die Verwaltungssoftware SSM und Redfish. Die Weboberfläche ist der ruhigste Weg, weil sie eine Bestätigungsseite hat, und bei einem Schlüssel, der genau einmal auf genau ein Gerät passt, will man die haben.

Wer es lieber skriptet, findet die passenden Endpunkte im Management-Controller, und die sind auch ohne Lizenz erreichbar:

POST /redfish/v1/Managers/1/LicenseManager/Actions/LicenseManager.ActivateLicense
POST /redfish/v1/Managers/1/LicenseManager/Actions/LicenseManager.ClearLicense
GET  /redfish/v1/Managers/1/LicenseManager/QueryLicense

Die Abfrage danach gibt genau den Inhalt der Datei zurück, die man hochgeladen hat. Der Controller speichert den Schlüssel also unverändert und prüft ihn bei Bedarf.

Das Kommando, auf das es ankommt

Nach der Aktivierung meldet SAA einen anderen Zustand:

Node Product Key Activated.......SFT-OOB-LIC
Feature Toggled On...............Yes
BMC Supports OOB BIOS Config.....Yes
BIOS Supports OOB BIOS Config....Yes

Und dasselbe Kommando, das vorher mit ExitCode 80 abgebrochen ist, läuft durch:

./saa -c GetCurrentBiosCfg --file bios-current.xml
File "bios-current.xml" is created.

Heraus kommt eine Datei von 260 Kilobyte mit 60 Menüs und 372 Einstellungen. Zum Vergleich: das offizielle Handbuch beschreibt 180 Optionen. Und die Datei enthält pro Eintrag mehr, als man im Setup sieht, nämlich zusätzlich den Auslieferungszustand und den Hilfetext:

<Setting name="Quiet Boot" checkedStatus="Unchecked" type="CheckBox">
  <Information>
    <DefaultStatus>Checked</DefaultStatus>
    <Help>Enables or disables Quiet Boot option</Help>
  </Information>
</Setting>

Der Auslieferungszustand ist der eigentliche Gewinn. Damit sehe ich auf einen Blick, welche Einstellungen an dieser Maschine vom Werkszustand abweichen, und das ist genau die Liste, die man nach einem BIOS-Update wiederherstellen will.

Zwei komplette Hauptmenüs standen darin, die ich beim Durchklicken schlicht nie geöffnet hatte. Und ein Untermenü, das ich in meinen Notizen als offene Lücke geführt habe, war vollständig enthalten. So viel zum Thema Handarbeit übersieht Dinge.

Was die Lizenz nicht freischaltet

Jetzt der ehrliche Teil, und der ist mir wichtiger als der Erfolg. Ich hatte vor dem Kauf drei Messungen aufgeschrieben, damit ich hinterher vergleichen kann. Drei von vier Erwartungen sind eingetroffen, und die vierte war die interessante.

Der Redfish-Endpunkt, mit dem alles anfing, antwortet weiterhin mit 403 und verlangt weiterhin DCMS. Die kleine Lizenz öffnet den Weg über SAA und eben nicht den über Redfish. Wer also ausdrücklich die Netzwerkschnittstelle braucht, etwa weil er hunderte Server ohne Betriebssystem konfigurieren will, kommt um die große Lizenz nicht herum.

Das hat eine Nebenwirkung, die ich nicht auf dem Zettel hatte. Der Firmware-Updater fwupd kann inzwischen mit Supermicros Redfish-Schnittstelle sprechen. Er sieht bei mir aber nur zwei von zwölf Firmware-Komponenten, und die beiden BIOS-Einträge fehlen. Der Grund ist, dass er zur Identifikation eines Geräts das Objekt lesen muss, das hinter genau diesem gesperrten Endpunkt liegt. Die Lizenz sperrt hier also nicht das Aktualisieren, sondern das Erkennen, und das Aktualisieren scheitert dann als Folge. Nach der Aktivierung sind es unverändert zwei von zwölf.

Und der dritte Weg, den ich vorher gar nicht gesehen hatte: fwupd sieht den BIOS-Speicher auch ganz direkt am Chipsatz, liest die Version korrekt aus und verweigert trotzdem den Dienst:

Internal SPI Controller (BIOS):
    Aktuelle Version: 2.5
    Probleme:         Device firmware has been locked

Das ist keine Lizenzsache, und daran hat sich erwartungsgemäß nichts geändert. Der Speicher ist auf Chipsatzebene schreibgeschützt, weil das Board mit aktivem Root of Trust läuft. Ein BIOS, das sich aus einem laufenden Betriebssystem heraus überschreiben lässt, wäre genau die Lücke, die dieser Schutz verhindern soll. Der Reflex sagt hier Hersteller blockiert Linux. Tatsächlich blockiert eine Sicherheitsfunktion, die ich selbst haben will.

Mein Denkfehler

Bleibt der Satz, den ich weiter oben angekündigt habe. In meinen Notizen stand nach der dritten Absage sinngemäß: drei unabhängige Wege, dieselbe Sperre, nicht erneut versuchen.

Gemessen hatte ich: ohne Lizenz gibt es keinen Weg. Aufgeschrieben hatte ich: es gibt keinen Weg. Und die dritte Möglichkeit, nämlich die Lizenz einfach zu kaufen, kam in meiner Aufzählung der drei gesperrten Wege überhaupt nicht vor, obwohl das Werkzeug sie mir wörtlich genannt hatte.

Dass drei Wege an derselben Sperre scheitern, beweist, dass es eine Sperre gibt. Es beweist nicht, dass sie unüberwindbar ist. Wenn eine Fehlermeldung den Namen der fehlenden Berechtigung nennt, ist das ein Hinweis und kein Schlusspunkt.

Lohnt sich das?

Für einen einzelnen Rechner zu Hause: nur, wenn man Freude daran hat. Ich hätte die Werte auch weiter abschreiben können, und der Screencast hat mir immerhin eine fünfzehnteilige Serie eingebracht, die aus einer XML-Datei nie entstanden wäre. Man liest eine Datei nicht so aufmerksam wie ein Menü, durch das man sich selbst klicken muss.

Für alles, was mehr als eine Handvoll Maschinen betrifft, sieht es anders aus. Konfiguration auslesen, versionieren, nach einem Update wieder einspielen und im Zweifel gegen einen bekannten Stand vergleichen, das ist bei 28 Euro pro Board keine Diskussion. Ärgerlich finde ich nur, dass man diese Rechnung überhaupt aufmachen muss. Es geht um das Auslesen der eigenen Einstellungen auf der eigenen Hardware.

Wenn du auf demselben Board sitzt und dieselbe Fehlermeldung vor dir hast, ist die Kurzfassung: für die Konfiguration reicht die kleine Lizenz, für Redfish brauchst du die große, und für Firmware-Updates brauchst du bei einem X12 mit Root of Trust vermutlich gar keine.

Siehe auch: BIOS erklärt, Teil 1: ein Serverboard als Workstation und der Weg ins Setup und die übrigen Folgen unter BIOS & Firmware.

Wenn dazu etwas unklar ist oder du es auf deinem Board anders erlebt hast, dürft ihr mich sehr gerne fragen.

BIOS erklärt, Teil 1: ein Serverboard als Workstation und der Weg ins Setup

Seit Ende Juli steht bei mir ein anderer Rechner unter dem Schreibtisch. Kein gekaufter, sondern einer aus Teilen die ohnehin schon da waren: ein Supermicro X12SPi-TF, also ein richtiges Serverboard, dazu ein Xeon Gold 5315Y und 256 GB registrierter ECC-Speicher. Die Grafikkarte ist aus der alten Workstation umgezogen, Gehäuse und Netzteil waren neu. Seitdem macht die Kiste genau das, was vorher eine deutlich ältere Dual-Socket-Maschine gemacht hat, nur leiser und mit mehr Luft nach oben.

Aptio Setup, Reiter Main, mit Systemdatum und Systemzeit

Beim Einrichten ist mir dann etwas passiert, das ich so nicht auf dem Zettel hatte. Ich saß im BIOS-Setup, bin die Seiten durchgegangen, und bei einigen Einstellungen dachte ich: kenne ich, habe ich schon hundertmal gesehen. Hätte mich in dem Moment jemand gefragt, was der Schalter denn nun genau tut, wäre ich ins Schwimmen gekommen. Also habe ich nachgeschlagen. Und dann noch mal. Irgendwann stand fest, dass daraus eine kleine Serie werden sollte.

Warum ein Server-BIOS eine andere Hausnummer ist

Aptio Setup, Reiter Advanced, mit der Liste der Untermenüs von Boot Feature bis Supermicro KMS Server Configuration

Ein normales Desktop-Board hat im Setup vielleicht drei Dutzend Schalter, die wirklich etwas bewirken. Der Rest ist Bootreihenfolge, Lüfterkurve und Beleuchtung. Bei diesem Board sieht das anders aus. Das Handbuch beschreibt rund 180 Einstellungen, bei denen man tatsächlich etwas auswählen kann, verteilt auf sieben Hauptmenüs und je nach Zweig bis zu fünf Ebenen tief. Dort stehen Dinge wie Patrol Scrub, Stale AtoS, UMA-Based Clustering oder IIO eDPC Support. Das sind keine Marketingbegriffe, das sind Schalter für Verhalten, das man verstanden haben muss, bevor man daran dreht.

Und genau da liegt für mich der interessante Punkt. Fast alles davon steht auf Auto oder auf dem Herstellerdefault, und das ist in den allermeisten Fällen auch völlig richtig so. Nur ist „steht auf Default“ eben keine Antwort auf die Frage, was eigentlich passiert, wenn man es umstellt. Diese Antwort hätte ich gern. Für jeden Schalter, der auf diesem Board etwas tut.

Wie man auf so einem Board überhaupt ins Setup kommt

Hier fängt der Unterschied zum Desktop schon an. Auf dem Board sitzt ein zweiter, kleiner Computer: der BMC, ein ASPEED AST2600. Der hat seine eigene Netzwerkbuchse, seine eigene IP-Adresse, sein eigenes Betriebssystem, und er läuft auch dann, wenn der eigentliche Rechner aus ist. Solange Strom am Netzteil anliegt, ist der BMC wach. Der BMC bekommt später eine eigene Folge, für heute reicht eine seiner Fähigkeiten: KVM over IP.

Das heisst konkret, ich brauche für das BIOS weder Monitor noch Tastatur am Rechner. Ich rufe im Browser die Weboberfläche des BMC auf, starte dort die Konsole, und sehe das Bild, das die Grafikausgabe gerade produziert. Inklusive POST, inklusive Setup, inklusive Bootloader. Tasten gehen den umgekehrten Weg. Der BMC hängt sich dafür als virtuelle USB-Tastatur und -Maus an den Rechner, und die tauchen unter Linux später auch brav in lsusb auf:

Bus 001 Device 003: ID 0557:9241 ATEN International Co., Ltd SMCI HID KM
Bus 001 Device 004: ID 0b1f:03ee Insyde Software Corp. RNDIS/Ethernet Gadget

Wer schon mal einen Server im Keller stehen hatte und sich gefragt hat, wie man da ohne Bildschirm ins BIOS kommt: so. Und weil das Bild ohnehin durchs Netz geht, kann man es auch gleich aufzeichnen. Genau das habe ich gemacht, und diese Aufnahme ist die Grundlage für alles, was in dieser Serie noch kommt.

Und dann wollte ich die Einstellungen einfach auslesen

Aptio Setup, Reiter Save and Exit, mit den Speicheroptionen, Save as User Defaults und der geschwärzten Boot-Override-Liste

Das war der Moment, in dem die Serie ihre eigentliche Rechtfertigung bekommen hat. Meine Idee war naheliegend: statt 200 Screenshots zu sortieren, hole ich mir die komplette Konfiguration als Datei. Moderne Boards können das, dafür gibt es Redfish, eine HTTP-Schnittstelle auf dem BMC. Ein Aufruf, und man hat jede Einstellung mit Ist-Wert und allen möglichen Werten sauber als JSON.

Der Aufruf ging auch durch. Nur nicht so, wie ich wollte:

GET /redfish/v1/Systems/1/Bios
403 Forbidden
MessageId: SMC.1.0.OemLicenseNotPassed
"Not licensed to perform this request. The following licenses DCMS were needed"

Also der Weg über das Kommandozeilenwerkzeug. Supermicro liefert dafür den SuperServer Automation Assistant mit, und der kennt genau den passenden Befehl. In-Band, also lokal auf der Maschine selbst, ohne Umweg über das Netzwerk:

./saa -c GetCurrentBiosCfg --file bios-current.xml

Ergebnis:

ExitCode                = 80
Description             = Node product key is not activated.
Error message:
        One of the node product key (SFT-OOB-LIC or SFT-DCMS-SINGLE) should be
    activated to execute this task.

Damit ist es amtlich. Das Board weigert sich, mir seine eigene Konfiguration herauszugeben, weil ich keine Lizenz gekauft habe. Nicht ändern, wohlgemerkt. Nur lesen. Der dritte Weg über die UEFI-Variablen im Kernel führt auch nicht weiter, da liegen zwar Blobs, aber ohne die Zuordnungstabellen des Boards sind das einfach nur Bytes.

Ich verstehe das Geschäftsmodell durchaus. Wer dreihundert Server ausrollt, will die Konfiguration automatisiert verteilen, und dafür Geld zu verlangen ist legitim. Nur bin ich eben nicht dreihundert Server, ich bin ein Schreibtisch, und das Auslesen dessen was ich selbst eingestellt habe fühlt sich nicht nach einem Premium-Feature an. Der Screencast über die Konsole ist der Weg drumherum, und ehrlich gesagt ist er für diese Serie sogar der bessere: ein Screenshot zeigt den Schalter so, wie er dir im Setup auch begegnet.

Was in der Serie kommt

Ich gehe das BIOS in Themenblöcken durch, nicht Menüseite für Menüseite. Jede Folge nimmt sich einen Bereich vor und beantwortet für die Schalter darin drei Fragen: was tut das, warum steht es bei mir so, und wann würde man es anders setzen. Grob in dieser Reihenfolge:

  • Boot Feature und Power, also alles rund um Einschalten, Watchdog und das Verhalten nach einem Stromausfall
  • Die CPU, einmal die Seite mit Kernen, Threads und Prefetchern, einmal die mit AES-NI, TME, SGX und den Sicherheitsfunktionen
  • Speicher, ECC, Patrol Scrub und die Frage warum mein DDR4-3200 mit 2933 läuft
  • NUMA und der Uncore-Bereich, der auf einer Single-Socket-Maschine erstaunlich viel Unsinn anzeigt
  • PCIe in drei Folgen: Slots und Lanes, dann Adressraum und Resizable BAR, dann die Fehlerbehandlung, wo es richtig spannend wird
  • Virtualisierung mit VT-d, IOMMU und VMD
  • Storage, Preboot-Netzwerk, Bootreihenfolge und Secure Boot
  • Zum Schluss der BMC selbst, das TPM und die Ereignisprotokolle

Die Folgen sind bewusst kurz gehalten. Ein Thema, einmal sauber durch, und nicht ein Wälzer den keiner zu Ende liest.

Ein Wort dazu, warum ich das überhaupt aufschreibe

Zwei Gründe. Der erste ist eigennützig: indem ich es aufschreibe, muss ich es verstanden haben. Ein Halbwissen überlebt keinen Absatz, in dem man erklären soll warum etwas so ist. Das ist der beste Lerneffekt den ich kenne.

Der zweite Grund ist etwas nachdenklicher. Dieses Wissen ist am Aussterben, und das meine ich ohne Larmoyanz. Wer heute Rechenleistung braucht, klickt sie in einer Cloud zusammen, und dort gibt es kein BIOS mehr, an das man herankäme. Wer eine Frage hat, fragt eine AI und bekommt eine Antwort, die meistens stimmt. Beides ist bequem und für die allermeisten Zwecke völlig ausreichend. Trotzdem muss es am Ende weiterhin Menschen geben, die wissen was unter der Abstraktion passiert. Wenn eine Maschine nicht bootet, hilft kein Terraform.

Und damit zum wichtigsten Teil: wenn ich mich irre, sag es mir bitte. Ich schreibe diese Serie auch, um dazuzulernen, und eine Korrektur ist dafür der schnellste Weg. Ich trage sie dann im jeweiligen Beitrag nach, mit Datum, und lasse sie nicht stillschweigend verschwinden. Gerade bei den Prozessor-Interna und beim PCIe-Teil wird es hier Leute geben, die tiefer drin stecken als ich.

Nächste Folge: Boot Feature und Power. Also die Frage, warum mein Rechner nach einem Stromausfall absichtlich aus bleibt, und was ein Interrupt aus dem Jahr 1981 heute noch in einem UEFI-Setup zu suchen hat.

Siehe auch

Habt ihr auf eurem Board schon mal versucht, die BIOS-Konfiguration maschinell auszulesen, und seid dabei auch gegen eine Lizenz gelaufen? Erzählt es mir gerne, ihr dürft mich jederzeit fragen.

© 2026 -=Kernel-Error=-RSS

Theme von Anders NorénHoch ↑