In meiner Serie BIOS erklärt arbeite ich mich durch das Setup eines Supermicro X12SPi-TF. Die Grundlage dafür war bisher eine Bildschirmaufnahme: ich bin durch alle Menüs gelaufen, habe das Video in Einzelbilder zerlegt und die Werte abgetippt. Das funktioniert, ist aber Handarbeit, und Handarbeit übersieht Dinge.
Was ich eigentlich wollte, ist eine Datei. Eine Liste aller Optionen mit ihrem aktuellen Wert, maschinenlesbar, damit ich sie durchsuchen und mit einem späteren Stand vergleichen kann. Das Board kann das. Es rückt es nur nicht heraus.
Drei Wege, drei Absagen
Der erste Weg führt über Redfish, die HTTP-Schnittstelle des Management-Controllers. Der passende Endpunkt existiert, antwortet aber nicht mit Daten:
GET /redfish/v1/Systems/1/Bios HTTP 403 "MessageId": "SMC.1.0.OemLicenseNotPassed", "Message": "Not licensed to perform this request. The following licenses DCMS were needed"
Der zweite Weg ist Supermicros eigenes Kommandozeilenwerkzeug. Es heißt inzwischen SAA, SuperServer Automation Assistant, und liegt dem BIOS-Paket bei. Es kann genau das, was ich suche, und arbeitet dabei nicht über das Netz, sondern direkt über die Firmware:
./saa -c GetCurrentBiosCfg --file bios-current.xml ExitCode 80 Node product key is not activated. One of the node product key (SFT-OOB-LIC or SFT-DCMS-SINGLE) should be activated
Der dritte Weg wäre, die UEFI-Variablen selbst zu lesen. Die liegen unter /sys/firmware/efi/efivars/, und tatsächlich gibt es dort Einträge, die nach BIOS-Einstellungen aussehen. Nur sind das undurchsichtige Datenblöcke ohne die Zuordnungstabelle des Boards. Man sieht Bytes, aber man weiß nicht, welches Byte welcher Menüpunkt ist.
Drei unabhängige Wege, dieselbe Sperre. An dieser Stelle habe ich in meinen Notizen etwas geschrieben, das sich später als falsch herausstellte. Dazu komme ich am Ende.
Zwei Lizenzen, und sie sind nicht dasselbe
Lies die beiden Fehlermeldungen oben noch einmal nebeneinander. Sie verlangen nicht das Gleiche. Redfish nennt namentlich DCMS. SAA nennt SFT-OOB-LIC oder SFT-DCMS-SINGLE, also eine von zweien.
Das ist der Punkt, an dem man leicht zu viel Geld ausgibt. Supermicro verkauft für diese Board-Generation zwei Lizenzen. Die kleine heißt Out of Band, kurz OOB. Die große heißt DCMS und kostet etwa das Fünffache. Wer nur die Fehlermeldung von Redfish liest, kauft DCMS. Wer die Fehlermeldung von SAA liest, merkt, dass es für seinen Zweck auch die kleine tut.
Nebenbei taucht dieselbe Lizenz an einer Stelle auf, die ich nicht erwartet hätte. Im Handbuch zum Board stehen bei zwei Sicherheitseinstellungen, nämlich beim Abschalten der vorderen und der hinteren USB-Anschlüsse, die Worte *available for configuration if the SFT-DCMS-SINGLE license is installed*. Es fehlen also nicht nur Management-Schnittstellen. Es fehlen zwei Menüpunkte im Setup selbst.
Warum man den Schlüssel nicht selbst baut
Bei dieser Recherche stößt man unweigerlich auf ein Werkzeug auf GitHub, das Supermicro- Produktschlüssel behandelt. Für die Generationen 9 bis 11 kann es welche erzeugen, denn dort war der Schlüssel ein berechneter Wert über die MAC-Adresse des Management-Controllers.
Für die zwölfte Generation, also mein Board, kann es das nicht, und das Projekt schreibt es selbst deutlich hin: dieses Format lässt sich mit dem Werkzeug prüfen, aber nicht erzeugen. Der Grund ist, dass Supermicro umgestellt hat. Der Schlüssel ist heute eine von Supermicro signierte Datei, und der Management-Controller prüft die Signatur gegen einen öffentlichen Schlüssel in seiner eigenen Firmware. Ohne den privaten Schlüssel des Herstellers entsteht da nichts Gültiges.
Mein Board bestätigt das Format auf Nachfrage:
Node Product Key Format..........JSON
Damit ist die naheliegende Abkürzung nicht moralisch, sondern rechnerisch verschlossen. Man muss die Frage also wirklich beantworten.
Der Kauf, und eine Überraschung beim Erzeugen
Gekauft habe ich im Supermicro eStore. 23,67 Euro netto, 28,17 Euro brutto. Bei der Bestellung wählt man das Mainboard-Modell aus einer Liste, und mein X12SPi-TF steht darin. Das ist erwähnenswert, weil mehrere Händlerbeschreibungen dieser Lizenz nur X10 und X11 nennen. Diese Texte sind veraltet.
Jetzt kommt der Teil, den ich falsch erwartet hatte. Ich dachte, ich kaufe und bekomme einen Schlüssel. So läuft es nicht. Man bekommt zunächst nur eine Zertifikatsnummer und die Aufforderung, den Schlüssel selbst zu erzeugen. Dafür meldet man sich im Store an, wählt die Bestellung aus und gibt an, für welches Gerät der Schlüssel gelten soll: entweder die MAC-Adresse des Management-Controllers oder die Seriennummer des Boards.
Die Bindung an die Hardware entsteht also nicht beim Verkauf, sondern beim Käufer, im Moment des Erzeugens. Das ist konsequent, denn Supermicro weiß beim Verkauf ja gar nicht, in welchem Gerät die Lizenz landen soll. Es heißt aber auch, dass man sich vertippen kann, und dann hat man einen Schlüssel für ein Gerät, das es nicht gibt.
Der Ablauf war zügig. Bestellbestätigung um 14:17, die Freigabe zum Erzeugen um 14:42, der fertige Schlüssel um 14:44, aktiv im Board um 14:46. Unter einer halben Stunde vom Klick bis zur Funktion, und die zugesagte Stunde war damit nicht zu optimistisch.
Der Schlüssel selbst ist eine kleine Textdatei, benannt nach der MAC-Adresse, mit einem JSON-Objekt darin: Lizenzname, Ausstellungsdatum und eine lange Signatur. Mehr ist es nicht.
Eine Kuriosität am Rande: die Mail mit dieser Textdatei trägt einen Ausfuhrhinweis der US-Regierung. Die Ware sei nur für das Bestimmungsland freigegeben und dürfe nicht weiterveräußert oder an Dritte weitergegeben werden. Das gilt hier für eine Datei von wenigen hundert Byte, deren einzige Wirkung darin besteht, in einem Verwaltungscontroller einen Menüpunkt sichtbar zu machen.
Aktivieren
Supermicro nennt vier Wege, den Schlüssel einzuspielen: die Weboberfläche des Management-Controllers, das Werkzeug SUM, die Verwaltungssoftware SSM und Redfish. Die Weboberfläche ist der ruhigste Weg, weil sie eine Bestätigungsseite hat, und bei einem Schlüssel, der genau einmal auf genau ein Gerät passt, will man die haben.
Wer es lieber skriptet, findet die passenden Endpunkte im Management-Controller, und die sind auch ohne Lizenz erreichbar:
POST /redfish/v1/Managers/1/LicenseManager/Actions/LicenseManager.ActivateLicense POST /redfish/v1/Managers/1/LicenseManager/Actions/LicenseManager.ClearLicense GET /redfish/v1/Managers/1/LicenseManager/QueryLicense
Die Abfrage danach gibt genau den Inhalt der Datei zurück, die man hochgeladen hat. Der Controller speichert den Schlüssel also unverändert und prüft ihn bei Bedarf.
Das Kommando, auf das es ankommt
Nach der Aktivierung meldet SAA einen anderen Zustand:
Node Product Key Activated.......SFT-OOB-LIC Feature Toggled On...............Yes BMC Supports OOB BIOS Config.....Yes BIOS Supports OOB BIOS Config....Yes
Und dasselbe Kommando, das vorher mit ExitCode 80 abgebrochen ist, läuft durch:
./saa -c GetCurrentBiosCfg --file bios-current.xml File "bios-current.xml" is created.
Heraus kommt eine Datei von 260 Kilobyte mit 60 Menüs und 372 Einstellungen. Zum Vergleich: das offizielle Handbuch beschreibt 180 Optionen. Und die Datei enthält pro Eintrag mehr, als man im Setup sieht, nämlich zusätzlich den Auslieferungszustand und den Hilfetext:
<Setting name="Quiet Boot" checkedStatus="Unchecked" type="CheckBox">
<Information>
<DefaultStatus>Checked</DefaultStatus>
<Help>Enables or disables Quiet Boot option</Help>
</Information>
</Setting>
Der Auslieferungszustand ist der eigentliche Gewinn. Damit sehe ich auf einen Blick, welche Einstellungen an dieser Maschine vom Werkszustand abweichen, und das ist genau die Liste, die man nach einem BIOS-Update wiederherstellen will.
Zwei komplette Hauptmenüs standen darin, die ich beim Durchklicken schlicht nie geöffnet hatte. Und ein Untermenü, das ich in meinen Notizen als offene Lücke geführt habe, war vollständig enthalten. So viel zum Thema Handarbeit übersieht Dinge.
Was die Lizenz nicht freischaltet
Jetzt der ehrliche Teil, und der ist mir wichtiger als der Erfolg. Ich hatte vor dem Kauf drei Messungen aufgeschrieben, damit ich hinterher vergleichen kann. Drei von vier Erwartungen sind eingetroffen, und die vierte war die interessante.
Der Redfish-Endpunkt, mit dem alles anfing, antwortet weiterhin mit 403 und verlangt weiterhin DCMS. Die kleine Lizenz öffnet den Weg über SAA und eben nicht den über Redfish. Wer also ausdrücklich die Netzwerkschnittstelle braucht, etwa weil er hunderte Server ohne Betriebssystem konfigurieren will, kommt um die große Lizenz nicht herum.
Das hat eine Nebenwirkung, die ich nicht auf dem Zettel hatte. Der Firmware-Updater fwupd kann inzwischen mit Supermicros Redfish-Schnittstelle sprechen. Er sieht bei mir aber nur zwei von zwölf Firmware-Komponenten, und die beiden BIOS-Einträge fehlen. Der Grund ist, dass er zur Identifikation eines Geräts das Objekt lesen muss, das hinter genau diesem gesperrten Endpunkt liegt. Die Lizenz sperrt hier also nicht das Aktualisieren, sondern das Erkennen, und das Aktualisieren scheitert dann als Folge. Nach der Aktivierung sind es unverändert zwei von zwölf.
Und der dritte Weg, den ich vorher gar nicht gesehen hatte: fwupd sieht den BIOS-Speicher auch ganz direkt am Chipsatz, liest die Version korrekt aus und verweigert trotzdem den Dienst:
Internal SPI Controller (BIOS):
Aktuelle Version: 2.5
Probleme: Device firmware has been locked
Das ist keine Lizenzsache, und daran hat sich erwartungsgemäß nichts geändert. Der Speicher ist auf Chipsatzebene schreibgeschützt, weil das Board mit aktivem Root of Trust läuft. Ein BIOS, das sich aus einem laufenden Betriebssystem heraus überschreiben lässt, wäre genau die Lücke, die dieser Schutz verhindern soll. Der Reflex sagt hier Hersteller blockiert Linux. Tatsächlich blockiert eine Sicherheitsfunktion, die ich selbst haben will.
Mein Denkfehler
Bleibt der Satz, den ich weiter oben angekündigt habe. In meinen Notizen stand nach der dritten Absage sinngemäß: drei unabhängige Wege, dieselbe Sperre, nicht erneut versuchen.
Gemessen hatte ich: ohne Lizenz gibt es keinen Weg. Aufgeschrieben hatte ich: es gibt keinen Weg. Und die dritte Möglichkeit, nämlich die Lizenz einfach zu kaufen, kam in meiner Aufzählung der drei gesperrten Wege überhaupt nicht vor, obwohl das Werkzeug sie mir wörtlich genannt hatte.
Dass drei Wege an derselben Sperre scheitern, beweist, dass es eine Sperre gibt. Es beweist nicht, dass sie unüberwindbar ist. Wenn eine Fehlermeldung den Namen der fehlenden Berechtigung nennt, ist das ein Hinweis und kein Schlusspunkt.
Lohnt sich das?
Für einen einzelnen Rechner zu Hause: nur, wenn man Freude daran hat. Ich hätte die Werte auch weiter abschreiben können, und der Screencast hat mir immerhin eine fünfzehnteilige Serie eingebracht, die aus einer XML-Datei nie entstanden wäre. Man liest eine Datei nicht so aufmerksam wie ein Menü, durch das man sich selbst klicken muss.
Für alles, was mehr als eine Handvoll Maschinen betrifft, sieht es anders aus. Konfiguration auslesen, versionieren, nach einem Update wieder einspielen und im Zweifel gegen einen bekannten Stand vergleichen, das ist bei 28 Euro pro Board keine Diskussion. Ärgerlich finde ich nur, dass man diese Rechnung überhaupt aufmachen muss. Es geht um das Auslesen der eigenen Einstellungen auf der eigenen Hardware.
Wenn du auf demselben Board sitzt und dieselbe Fehlermeldung vor dir hast, ist die Kurzfassung: für die Konfiguration reicht die kleine Lizenz, für Redfish brauchst du die große, und für Firmware-Updates brauchst du bei einem X12 mit Root of Trust vermutlich gar keine.
Siehe auch: BIOS erklärt, Teil 1: ein Serverboard als Workstation und der Weg ins Setup und die übrigen Folgen unter BIOS & Firmware.
Wenn dazu etwas unklar ist oder du es auf deinem Board anders erlebt hast, dürft ihr mich sehr gerne fragen.

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