Am 16. März 2026 hat Bing meine Seite ausgeliefert wie an jedem Tag davor. Am 17. März nicht mehr. Nicht schlechter platziert, nicht seltener, sondern praktisch gar nicht. Sieben Tage lang kein einziger Klick. Und es blieb nicht bei der Websuche: die Zitate in Copilot hörten am selben Tag auf. Knapp vier Monate später, am 9. Juli, ging es genauso abrupt wieder los.
Bevor jetzt jemand Mitleid entwickelt: Bing macht bei diesem Blog rund ein Prozent des Traffics. Der Ausfall hat mich nichts gekostet, aufgefallen ist er mir erst Wochen später, und wäre er nie repariert worden, wäre das hier trotzdem kein trauriger Beitrag geworden. Interessant ist er aus einem anderen Grund.
So ein sauberer binärer Ausfall ist selten zu sehen. Kein Abrutschen über Wochen, kein Rauschen, sondern über Nacht zu und Monate später über Nacht wieder auf. Und das Beste: man kann es selbst rekonstruieren. Die Exporte aus den Webmaster Tools plus das eigene Access-Log reichen aus, um den Zeitpunkt auf den Tag genau zu datieren und eine sehr wahrscheinliche Ursache einzukreisen. Ohne dass der Anbieter je erklärt hätte, was er eigentlich getan hat.
Was jetzt kommt, ist also keine Beschwerde, sondern eine Fehleranalyse an einem Fall, bei dem der Schaden bei null lag und die Datenlage ungewöhnlich gut ist.
Zwei Kanten, dazwischen vier Monate
Absolute Zahlen zu Besuchern veröffentliche ich hier nicht, die braucht die Geschichte auch nicht. Erzählt wird ein Verlauf, kein Niveau. Alles Folgende ist deshalb indexiert: der Durchschnitt der Impressions pro Tag im Zeitraum 01.11.2025 bis 16.03.2026 ist die Baseline und bekommt den Wert 100. Impressions sind dabei die Anzahl der Ausspielungen in den Ergebnislisten, Klicks das, was danach kommt. Ich halte die beiden konsequent auseinander, weil genau in ihrem Verhältnis der interessanteste Teil steckt.
Monat
Index
Kommentar
2025-08
81
normaler, langsam wachsender Verlauf
2025-09
88
2025-10
104
2025-11
107
2025-12
108
Höchststand
2026-01
105
2026-02
91
2026-03
44
Einbruch am 17.03. mitten im Monat
2026-04
24
Teilerholung auf niedrigem Niveau
2026-05
10
zweiter Einbruch ab 16.05.
2026-06
7
Tiefpunkt
2026-07
55
am 09.07. fällt der Schalter wieder um
2026-08 (5 Tage)
74
Die Monatswerte glätten beide Kanten weg, weil sie mitten im Monat liegen. Nach Phasen sortiert wird es deutlicher. Gleiche Baseline, dazu die Klicks und die Klickrate:
Phase
Impressions
Klicks
CTR
Baseline 01.11.2025 bis 16.03.2026 (136 Tage)
100
100
2,75 %
17.03. bis 23.03.2026 (7 Tage)
0,6
0
0 %
24.03. bis 15.05.2026 (53 Tage)
21
41
5,3 %
16.05. bis 08.07.2026 (54 Tage)
6
12
5,2 %
09.07. bis 05.08.2026 (28 Tage)
69
95
3,75 %
Dieselben Zahlen als Bild. Beide Kanten sind senkrecht, dazwischen liegen vier Monate. Die Klicks (gestrichelt) kommen fast vollständig zurück, die Impressions nicht.
Die erste Kante liegt zwischen dem 16. und dem 17. März: von normalem Niveau auf 0,6 Prozent der Baseline. Das ist kein Einbruch mehr, das ist aus. Eine Woche lang blieb es dabei, ohne einen einzigen Klick.
Die zweite Kante liegt zwischen dem 8. und dem 12. Juli: innerhalb von vier Tagen mehr als das Sechsfache. Der Anstieg beginnt am 9. Juli, also an genau dem Tag, an dem die Lösungs-Mail aus dem Support eintraf. Dazu später mehr, das Detail ist hübscher, als es klingt.
Das sieht nicht aus wie ein Ranking
Das ist die zentrale Beobachtung, und sie steckt in der Form der Kurve, nicht in ihrer Höhe. Rankings rutschen. Wenn eine Seite an Gewicht verliert, fällt sie über Wochen durch die Positionen, einzelne Suchbegriffe halten sich länger als andere, das Ganze franst aus. Was hier passiert ist, franst nirgends aus. Es ist an einem Tag da und am nächsten weg, und vier Monate später umgekehrt.
Zu einem Filter auf Domain-Ebene passt so ein Muster ausgesprochen gut. Ich schreibe bewusst passt zu und nicht beweist, denn die Form einer Kurve ist ein Indiz und keine Diagnose. Aber sie legt fest, wonach man überhaupt suchen muss: nach etwas, das sich ein- und ausschalten lässt, und nicht nach etwas, das langsam an Gewicht verliert.
Dazu kommt ein zweiter Befund, der in dieselbe Richtung zeigt und den ich für den stärkeren halte. Die Webmaster Tools weisen die Zitate in Copilot getrennt von der Websuche aus, es sind zwei verschiedene Oberflächen mit unterschiedlichen Auswahlmechanismen. Beide gingen am 17. März taggleich auf null. Dass eine Seite zeitgleich aus der Ergebnisliste und aus den KI-Antworten verschwindet, passt schlecht zu einer Bewertung einzelner Seiten und gut zu einem gemeinsamen Gate, das eine Ebene darüber sitzt und die ganze Domain betrifft. Ein Ranking-Effekt müsste sich erst durch die eine Oberfläche arbeiten und dann durch die andere, und ganz sicher nicht innerhalb eines Tages.
Ein Nebenbefund aus der Phasentabelle, der mir gut gefällt: die Klickrate war in den Ausfallphasen am höchsten. 5,3 und 5,2 Prozent gegen 2,75 Prozent in der Baseline. Das klingt zunächst nach einer guten Nachricht und ist das exakte Gegenteil. Wenn fast nichts mehr ausgeliefert wird, überleben nur die allerspezifischsten Suchanfragen, und die klicken naturgemäß gut. Eine steigende CTR ist eben nur dann ein gutes Zeichen, wenn der Nenner stabil bleibt.
Was es alles nicht war
Bevor man eine Ursache benennt, sollte man die naheliegenden Kandidaten abräumen. Das ist der Teil, der aus einer Vermutung eine Untersuchung macht.
Kein Crawling-Problem. Der Bingbot kam die ganze Zeit unverändert vorbei, rund 80 Anfragen pro Tag, ganz überwiegend mit Status 200. Das steht im eigenen Access-Log und ist damit die eine Quelle, der ich in diesem Fall vollständig traue. Gecrawlt wurde also durchgehend. Ausgeliefert wurde nur nichts.
Spricht klar gegen eine Löschung aus dem Index. DuckDuckGo und Ecosia beziehen ihre Ergebnisse von Bing und lieferten während der ganzen Zeit weiterhin Treffer zu meiner Domain. Bing selbst zeigte also weniger als seine eigenen Syndication-Partner. Die Inhalte waren demnach nach wie vor im Index, nur bing.com hat sie nicht mehr herausgegeben. Das ist für mich das hübscheste Detail des ganzen Falls und spricht stark für ein Gating auf der Ausliefer- oder Vertrauensebene statt für einen Deindex.
Spricht gegen ein reines Nutzersignal-Problem. Wenn eine Seite wegen schlechter Klickraten oder Nutzerverhalten abgewertet wird, erwartet man, dass die Klicks wegbrechen. Hier verschwanden die Impressions. Ich will das Argument nicht überdehnen: ein hinreichend starkes Vertrauens- oder Demotionssignal kann durchaus auch Impressions kosten. Es schwächt die Nutzersignal-Hypothese, es räumt sie nicht ab.
Nichts an Technik gefunden. Canonicals sauber, Sitemap in den Webmaster Tools als Success verarbeitet, am Server wurde im relevanten Zeitraum nichts umgestellt. Das ist ausdrücklich ein „nichts gefunden“ und kein „ausgeschlossen“, aber die üblichen Verdächtigen sind es damit nicht.
Keine Inhalts- oder Risikoklassifikation. Eigener Test mit SafeSearch von streng bis aus: kein Unterschied. Wer hier mit Erwachsenenfiltern hantiert, wird an diesem Blog wenig Freude haben, aber prüfen kostet nichts.
Keine Link-Armut. Die Google Search Console zeigte im selben Zeitraum ein diverses, redaktionelles deutsches Linkprofil aus Fachforen, Fachblogs und Projektseiten. Es fehlten keine Links. Das Gate hat die Domain trotz vorhandener Verweise ignoriert.
Und dann ist da noch die Kontrollgruppe, die einem hier die halbe Arbeit abnimmt: Google lief die ganze Zeit unauffällig weiter. Google liefert bei diesem Blog ohnehin um Größenordnungen mehr Suchklicks als Bing, ich hätte einen Einbruch dort also sofort gesehen. Gleiche Inhalte, gleicher Server, gleiche Technik, gleiche Links, ein Anbieter ganz normal, der andere komplett zu. An der Seite selbst kann es damit kaum gelegen haben. Für dieses Argument braucht es keine einzige Zahl, und das ist auch gut so.
Der Fund: eine Spalte namens Source
Die Webmaster Tools bieten einen Export mit dem Namen IndexNow Submitted URLs. Ich habe ihn lange für eine Fleißliste gehalten und nie hineingeschaut. Er hat eine Spalte, die den ganzen Fall aufgeschlossen hat, und die heißt Source. Sie unterscheidet, wer eine URL eingereicht hat:
wordpress steht für das WordPress-Plugin, das ereignisgesteuert meldet, wenn ein Beitrag veröffentlicht oder aktualisiert wird.
none steht für einen direkten Aufruf der HTTP-Schnittstelle, also von Hand oder per Skript.
Der Export umfasst 339 Einreichungen zwischen dem 04.01.2025 und dem 06.08.2026. Davon tragen 121 die Quelle wordpress und 218 die Quelle none. Und jetzt kommt der Teil, bei dem ich kurz still geworden bin: alle 218 manuellen Einreichungen liegen in einem einzigen Fenster, nämlich zwischen dem 11.02.2026 und dem 18.03.2026. Davor ausschließlich das Plugin. Danach ausschließlich das Plugin. Das Fenster ist scharf abgegrenzt, ohne eine einzige Ausnahme.
Datum
Einreichungen
Zeitfenster (CEST)
11.02.2026
93
11:35 bis 11:55
21.02.2026
1
09.03.2026
3
11.03.2026
6
12.03.2026
10
13.03.2026
3
14.03.2026
98
09:33 bis 15:00
18.03.2026
4
93 URLs in zwanzig Minuten. 98 URLs an einem einzigen Tag. 214 manuelle Einreichungen in 32 Tagen. Bei einem Blog mit rund 460 Beiträgen habe ich in fünf Wochen also grob die halbe Seite per Schnittstelle angeklopft. Und zwar durchweg alte, unveränderte Beiträge, an denen sich nichts getan hatte, außer dass ich sie gerne mal wieder frisch gecrawlt gesehen hätte.
Der Einbruch kam am 17.03.2026, also drei Tage nach dem zweiten Massen-Batch.
Was IndexNow ist und wofür ich es gehalten habe
IndexNow ist ein bewusst simpel gehaltenes Push-Protokoll. Statt darauf zu warten, dass irgendwann ein Crawler vorbeischaut, sagt die Seite der Suchmaschine aktiv Bescheid: diese URL hat sich geändert, schau noch mal rein. Technisch ist das ein Aufruf mit einer URL und einem Schlüssel, der als Textdatei im Web-Root liegt und die Domain ausweist. Bing, Yandex, Seznam, Naver und Yep hängen am selben Pool, eine Meldung erreicht also alle. Gedacht ist das Ganze als Ereignis-Signal: eine Änderung, eine Meldung.
Und genau hier liegt der Denkfehler, den ich rückblickend ziemlich sauber benennen kann. Das Ding sieht aus wie ein technischer Endpunkt zur Cache-Invalidierung. So habe ich es auch behandelt: Liste durchgehen, Schnittstelle anstoßen, fertig. Praktisch ist es aber ein Vertrauenskanal. Jede einzelne Einreichung trägt die implizite Behauptung „hier hat sich etwas geändert, das einen erneuten Besuch wert ist“. Zweihundert solcher Behauptungen für unveränderte Altbeiträge innerhalb von fünf Wochen sind aus Sicht des empfangenden Systems kein zu häufig aufgerufener Endpunkt, sondern ein Häufungsmuster, das nach Missbrauch aussieht. Völlig unabhängig davon, was ich mir dabei gedacht habe.
Dass das keine reine Rückschau-Weisheit ist, steht sogar in der Spezifikation. Die Liste der Antwortcodes kennt neben den üblichen Verdächtigen einen 429 Too Many Requests, und dahinter steht wörtlich potential Spam. Das Protokoll selbst denkt an dieser Stelle also bereits über Missbrauch nach, nicht über Serverlast. Nur: eine konkrete Obergrenze nennt die Dokumentation nirgends. Es gibt keine Zahl, gegen die man sich prüfen könnte, und einen 429 habe ich nie gesehen. Das Limit ist unsichtbar, bis man darüber ist, und dann meldet sich niemand.
Ein Detail passt hier noch gut hinein, auch wenn es die Kausalität nicht beweist: Google nimmt an IndexNow gar nicht teil. Der Kanal, über den ich hier zweihundertmal angeklopft habe, existiert bei dem einen Anbieter, der ausgefallen ist, und bei dem anderen, der unbeeindruckt weiterlief, schlicht nicht.
Wo die Rekonstruktion aufhört
Das muss klar dastehen, sonst wird aus einer ordentlichen Analyse eine Behauptung: Das ist eine sehr gut belegte Korrelation und kein Beweis. Microsoft hat die Ursache nie schriftlich benannt. Die spätere Lösungs-Mail verweist pauschal auf den Abschnitt Things to Avoid der Webmaster Guidelines und sonst auf nichts.
Was ich habe, ist zeitliche Nähe, ein scharf abgegrenztes Fenster, das exakt vor dem Ausfall endet, und keinen anderen plausiblen Auslöser im selben Zeitraum. Das ist die beste verfügbare Erklärung. Es ist nicht die bestätigte. Mit dieser Unterscheidung kann ich gut leben, sie macht den Fall nicht schwächer.
Offen bleibt auch der zweite Einbruch. Ab dem 16.05.2026 fiel der Wert noch einmal von Index 21 auf 6, und in diesem Zeitraum gab es überhaupt keine manuellen Einreichungen mehr. Plausibel wäre eine erneute automatische Bewertung, belegen kann ich das nicht. Das bleibt so stehen, weil Wegerklären hier nichts besser machen würde.
Der Support, oder: ein Lautsprecher ist keine Mailbox
Am 06.05.2026 habe ich ein Ticket aufgemacht, Nummer REQ00222409, Betreff sinngemäß „My site suddenly dropped in ranking“. Die automatische Bestätigung kam sofort und war erfreulich konkret: das Ticket werde einem Global Support Webmaster Engineer zugewiesen, eine Rückmeldung sei in 10 days zu erwarten.
Am 19.05.2026 habe ich nachgefragt, ganz konventionell per Antwort auf ebendiese Bestätigungsmail. Das Ergebnis war ein harter Bounce:
Der Fehler ist immerhin eindeutig. Die Absenderadresse ist eine interne Microsoft-365-Verteilergruppe, die ausschließlich authentifizierte Sender aus dem eigenen Tenant annimmt. Der Kanal, über den mein Ticket bestätigt wurde, kann also grundsätzlich keine Antwort empfangen. Das ist keine Mailbox, das ist ein Lautsprecher.
Parallel dazu war die Support-Oberfläche in den Webmaster Tools für diese Property nie freigeschaltet, dort stand durchgehend „No pages found“. Es gab damit buchstäblich keinen Rückkanal. Danach passierte 64 Tage lang nichts, und ich habe das Ticket innerlich abgehakt.
Die Mail, der ich erst nach dem Header-Check geglaubt habe
Am 09.07.2026 um 21:23 Uhr CEST kam dann doch noch eine Mail auf demselben Ticket. Der Kern: the issue related to your site … has been resolved, die Erholung könne up to 2-3 weeks dauern, das Ticket werde geschlossen, Rückfragen bitte über ein Feedback-Formular. Der Einweg-Kanal kann also durchaus zustellen. Nur empfangen kann er nichts.
Eine Mail, die nach zwei Monaten Funkstille auftaucht und etwas Erfreuliches behauptet, ist erst mal eine Mail und keine Tatsache. Also habe ich die Header gelesen, bevor ich ihr geglaubt habe. DKIM, SPF und DMARC standen alle auf pass, die Absenderdomain fährt eine DMARC-Policy auf reject, und meine eigene Spam-Filterung hat die Nachricht mit deutlich negativer Bewertung und no action durchgewinkt. Also echt, kein Spoofing. In einem Blog, in dem ziemlich viel über Mail-Härtung steht, ist so ein Blick kein Sonderaufwand, sondern Reflex.
Und dann steht in derselben Mail noch eine Empfehlung: zur Beschleunigung des erneuten Crawlens möge ich doch IndexNow nutzen. Also genau das Werkzeug, dessen massenhafte Verwendung die beste verfügbare Erklärung für den ganzen Vorfall ist. Ich habe den Rat nicht befolgt. Das WordPress-Plugin macht seinen ereignisgesteuerten Job, und das reicht.
Was zurückkam und was nicht
Bei den Klicks ist die Erholung praktisch vollständig, Index 95 gegen die Baseline. Bei den Impressions liegt sie bei rund zwei Dritteln bis drei Vierteln, Index 69 über die ersten 28 Tage und 74 in den ersten Augusttagen. Die Klickrate liegt nach der Erholung mit 3,75 Prozent über dem Vorher-Wert. Ob die Impressions noch weiter steigen oder ob das jetzt der neue Normalzustand ist, weiß ich schlicht nicht.
Wichtig ist mir dabei eine Sache, die man leicht falsch herum erzählen könnte: die Wiederherstellung kam serverseitig. Es gibt keinen erkennbaren Zusammenhang mit irgendeiner Maßnahme von mir. Dass das Ticket den Ausschlag gegeben hat, passt zeitlich gut, belegt ist es nicht. Ich habe in diesen vier Monaten nichts repariert, weil es an meinem Ende nichts zu reparieren gab.
Und ein Punkt ist ausdrücklich ungeklärt: ob die Copilot-Zitate wieder da sind. Hier lassen sich zwei Datenquellen leicht verwechseln, deshalb sauber getrennt. Der taggleiche Ausfall am 17. März stammt aus früheren, tagesaufgelösten Exporten, die ich im Juni ausgewertet habe, und den halte ich für belastbar. Die aktuellen Reports zur KI-Nutzung summieren dagegen über das volle 24-Monats-Fenster und lassen sich nicht auf einen Zeitraum eingrenzen. Sie enthalten also überwiegend Zitate aus der Zeit vor dem Vorfall, und aus ihnen lässt sich weder eine Erholung noch ein Ausfall ableiten. Für diese Frage sind sie schlicht unbrauchbar, auch wenn sie auf den ersten Blick beruhigend aussehen. Kurz: das Aussetzen ist datiert, die Rückkehr ist ungeprüft.
Was Microsoft konkret umgestellt hat, ist ebenfalls unbekannt und wurde nie mitgeteilt.
Was hängen bleibt
Ein automatisches „ich habe hier etwas Neues“-Signal ist kein technischer Endpunkt, sondern ein Vertrauenskanal mit einem unsichtbaren Limit. Man benutzt es so, wie es gedacht ist: ereignisgesteuert, ausgelöst von einer echten Änderung, und nicht als Batch-Werkzeug für eine Liste alter Beiträge. Das ist die eine Sache, die ich vorher nicht so gesehen habe.
Ansonsten steht der Schalter wieder auf an, niemand hat je aufgeschrieben, was er eigentlich war, und da hier ohnehin nur ein Nebenkanal dranhing, ist das auch völlig in Ordnung. Die Verteilung dieses Blogs steht auf mehreren Beinen, und Bing war nie eines der tragenden. Schulterzucken, weitermachen.
Hast du so ein Muster schon einmal an einer eigenen Domain gesehen, bei Bing oder woanders, und konntest es sauber datieren? Oder kennst du eine dokumentierte Obergrenze für IndexNow, die ich übersehen habe? Dann dürft ihr mich sehr gerne fragen.
Moin. Im letzten Beitrag ging es darum, wie ich meinen OpenPGP-Schlüssel an Domain, GitHub und Matrix gebunden habe, also um die Frage, woher eigentlich irgendwer wissen soll, dass dieser Schlüssel mir gehört. Ganz am Ende stand dort die Ankündigung eines zweiten Teils: wie das Ding überhaupt gebaut ist und wie sicher es wirklich ist. Der Teil ist jetzt hier.
Der Beitrag hat zwei Hälften, und die kannst du unabhängig voneinander lesen. Teil A ist ein Rezept. Wenn du einen Schlüssel nach demselben Muster bauen willst, arbeitest du dich von oben nach unten durch, inklusive der kompletten GnuPG-Konfiguration, alles kopierbar und in der richtigen Reihenfolge. Teil B erklärt, was die einzelnen Bauteile bedeuten, und endet mit einer ehrlichen Einschätzung, wie sicher das alles am Ende ist.
Der eigentliche Grund, warum ich das aufschreibe, ist aber ein anderer. Zwischen „mein Schlüssel ist modern“ und „mein Schlüssel ist richtig konfiguriert“ liegt eine Lücke, und in die bin ich mit Anlauf hineingesprungen. Der Schlüssel ist Lehrbuch: Ed25519, ein Hauptschlüssel, der ausschließlich zertifiziert, drei getrennte Unterschlüssel, fünf Jahre Laufzeit, über sieben Kanäle veröffentlicht, dazu eine eID-Zertifizierung. Und trotzdem wurde er vom ersten Tag an schwächer angesprochen als der Schlüssel, den er ablöst.
Aufgefallen wäre das niemandem, und genau das ist der interessante Teil. Das einzige Symptom war eine Warnzeile auf dem Terminal von jemandem, der mir eine verschlüsselte Mail schreibt. Also auf einem Rechner, den ich nie zu Gesicht bekomme. Und die Ursache war ausgerechnet eine Härtungsmaßnahme, die ich in bester Absicht eingebaut hatte, um einen musealen Algorithmus loszuwerden. Härtung, die etwas leise verschlechtert, finde ich als Geschichte deutlich spannender als noch eine Schlüsselerzeugungsanleitung. Nachbauen kannst du das übrigens in zwei Minuten, das Labor dazu steht weiter unten.
Der Schlüssel, um den es geht
Bestandteil
Wert
Hauptschlüssel
ed25519 0x893DE0CDDE986DEB, Verwendung [C], also nur zertifizieren
Fingerabdruck
45FC D081 ADB5 4872 EA5B 06B9 893D E0CD DE98 6DEB
Signatur-Unterschlüssel
ed25519 0xD788641D8588A674
Verschlüsselungs-Unterschlüssel
cv25519 0x429D03637892821A
Authentisierungs-Unterschlüssel
ed25519 0x22F2E3234664DDBE
UIDs
Sebastian van de Meer, dazu eine Foto-UID mit 10851 Byte
Gültigkeit
erzeugt am 24.07.2026, läuft am 23.07.2031 ab
Vorgänger
ed25519 0x5F279C362EEAB216, gültig bis 31.12.2026, zeichnet den neuen gegen
Fremdzertifizierung
Governikus/eID 0x5E5CCCB4A4BF43D7, Level 3
Umgebung
GnuPG 2.4.4, libgcrypt 1.10.3
Die Aufgabenteilung steht nicht nur in der Doku, die steht maschinenlesbar im Schlüssel selbst. Jede Bindungssignatur trägt ein Feld mit Schlüssel-Flags, und das sieht bei mir so aus:
Teil A ist der Ablauf, den ich für richtig halte, und bis auf die markierten Stellen genau der, den ich gegangen bin. Dort, wo der Befehl unten besser ist als das, was ich damals getippt habe, steht ein Hinweis dazu.
GnuPG 2.4.x ist die Annahme für den ganzen Beitrag. Zwei Dinge gleich vorweg, weil sie sonst später wehtun:
--quick-generate-keyverweigert den Dienst, wenn die UID bereits auf einem anderen Schlüssel im Schlüsselbund existiert. Genau deshalb ist dieser Schlüssel über eine Parameterdatei mit --batch --gen-key entstanden. Das trifft dich zuverlässig genau dann, wenn du einen Schlüssel rotierst, also in dem Moment, in dem der alte noch da ist.
Nichts hier braucht eine Smartcard, und nichts hier braucht root.
Wenn du bei GPG ganz am Anfang stehst, sind die Grundlagen zum Signieren und Verschlüsseln hier im Blog der bessere Einstieg. Dieser Beitrag setzt voraus, dass du weißt, was ein öffentlicher Schlüssel und ein Unterschlüssel sind.
Erst aufräumen, dann anfangen
Und zwar wirklich vorher, nicht hinterher. Mein ~/.gnupg war in einem Zustand, den ich hier nur ungern zugebe.
chmod 700 ~/.gnupg
find ~/.gnupg -type f -exec chmod 600 {} +
# Erst alle GnuPG-Frontends schließen und die Daemons beenden, sonst löschst du
# unter Umständen echte, aktive Locks:
gpgconf --kill all
# Übriggebliebene Lock-Dateien abgestürzter Läufe. Bei mir waren es 93 Stück.
find ~/.gnupg -name '.#lk*' -delete
# Altlasten, die keine 2.4er Installation mehr braucht
mkdir -p ~/gnupg-attic-$(date +%F)
mv ~/.gnupg/{cert8.db,key3.db,secmod.db} ~/gnupg-attic-$(date +%F)/ 2>/dev/null
Ein ~/.gnupg mit 775 und Dateien mit 664 ist erschreckend verbreitet, und ich will das gar nicht größer machen als es ist: Auf einem Einzelplatzrechner ist das keine Katastrophe. Es wird aber genau in dem Moment eine, in dem das Home-Verzeichnis in ein Backup, in einen Container-Mount oder in einen synchronisierten Ordner wandert. Und das passiert schneller, als man denkt.
Die gpg.conf, komplett
Das ist die tatsächlich laufende Konfiguration, so wie sie bei mir liegt, mit ihren Originalkommentaren. Der Block mit dem Warnhinweis ist die wichtigste Stelle im gesamten Beitrag, warum, steht in Teil B.
# ---- UX / output ----
keyid-format 0xlong
with-fingerprint
with-subkey-fingerprint
utf8-strings
# ---- Key discovery (local first, then WKD/DANE; email-validated keyserver last) ----
auto-key-retrieve
auto-key-locate local,wkd,dane,keyserver
keyserver hkps://keys.openpgp.org
# ---- Strong defaults ----
# cipher-algo / digest-algo are intentionally NOT forced: forcing them would override
# the recipient's stated capabilities. personal-*-preferences below select strong
# algorithms interoperably instead.
cert-digest-algo SHA512
# ---- KDF hardening for passphrase-derived symmetric keys (gpg -c / key export) ----
s2k-mode 3
s2k-digest-algo SHA512
s2k-cipher-algo AES256
s2k-count 65011712
# ---- WARNING. Legacy ciphers: do NOT disable 3DES here ----
# An earlier version of this file carried:
# disable-cipher-algo 3DES
# disable-cipher-algo IDEA
# disable-cipher-algo CAST5
# disable-cipher-algo BLOWFISH
# disable-cipher-algo TWOFISH
# The 3DES line alone silently strips ALL algorithm preferences from every key you
# generate while it is active, and it also blocks DECRYPTION of old archives.
# New encryption never selects a legacy cipher anyway, because
# personal-cipher-preferences lists AES only.
# ---- Privacy / minimal metadata ----
no-comments
no-emit-version
export-options export-minimal
# ---- Listing/verification quality-of-life ----
verify-options show-uid-validity
list-options show-uid-validity
# ---- Trust model ----
trust-model tofu+pgp
# ---- Your key ----
default-key 0x45FCD081ADB54872EA5B06B9893DE0CDDE986DEB
# hidden-encrypt-to 0x45FCD081ADB54872EA5B06B9893DE0CDDE986DEB # optional, off
# ---- Local policy: what *you* prefer when sending ----
personal-cipher-preferences AES256 AES192 AES
personal-digest-preferences SHA512 SHA384 SHA256
weak-digest SHA1
force-ocb
# ---- Preferences baked into keys you create from here on ----
default-preference-list SHA512 SHA384 SHA256 AES256 AES192 AES ZLIB BZIP2 ZIP Uncompressed
Zwei Zeilen darin sind Entscheidungen und keine Selbstverständlichkeiten, deshalb je ein Satz dazu.
force-ocb ist keine Präferenz, sondern eine Erzwingung. Es sorgt dafür, dass ausgehende Nachrichten die OCB-Variante aus der LibrePGP-Linie benutzen, und setzt sich dabei über das hinweg, was der Empfängerschlüssel ankündigt. Sehr alte oder anders implementierte Empfänger können solche Nachrichten nicht lesen. Das steht in einer gewissen Spannung zu dem Prinzip ein paar Zeilen weiter oben, wo ich cipher-algo bewusst nicht erzwinge. Für mich ist das in Ordnung, in einer Konfiguration zum Abschreiben würde ich die Zeile weglassen.
auto-key-retrieve holt unbekannte Schlüssel beim Prüfen automatisch nach. Sehr bequem, und es verrät dem Keyserver, welche signierten Nachrichten du wann liest. Für mich ein akzeptabler Tausch, bei einem anderen Bedrohungsmodell schaltest du das besser ab.
Dazu die beiden kleinen Geschwisterdateien. gpg-agent.conf:
Ein Hauptschlüssel, der nur zertifiziert, über eine Parameterdatei. Die Zeile Preferences: war in meinem echten Lauf nicht drin, nimm sie mit. Sie kostet nichts und fängt genau den Fehler ab, um den es in Teil B geht. Das ist keine Vermutung, ich habe es nachgemessen: Mit dieser Zeile bleiben die Präferenzen selbst dann im Schlüssel, wenn die defekte Konfiguration aktiv ist. Die eigentliche Kontrolle bleibt trotzdem der Paket-Dump gleich darunter, denn eine Parameterdatei ersetzt nie die Prüfung des fertigen Artefakts.
cat > keyparams.txt <<'EOF'
Key-Type: eddsa
Key-Curve: Ed25519
Key-Usage: cert
Name-Real: Sebastian van de Meer
Name-Email: kernel-error@kernel-error.com
Expire-Date: 5y
Preferences: AES256 AES192 AES SHA512 SHA384 SHA256 ZLIB BZIP2 ZIP Uncompressed
%ask-passphrase
%commit
EOF
gpg --batch --gen-key keyparams.txt
shred -u keyparams.txt
Und jetzt sofort nachsehen, ob die Präferenzen auch wirklich im Schlüssel gelandet sind. Genau diese Prüfung fehlte bei mir im Juli, und deshalb steht sie hier direkt hinter der Erzeugung und nicht irgendwo weiter unten.
Du willst dort pref-sym-algos, pref-hash-algos, pref-zip-algos und ein features mit gesetztem Bit 0x01 sehen. Wenn dort nur eine features-Zeile steht und sonst nichts, dann hör hier auf und lies erst den Abschnitt über den Defekt in Teil B. Dann stimmt etwas mit deiner Konfiguration nicht, und der Schlüssel trägt den Fehler ab sofort dauerhaft mit sich herum.
Zum shred oben noch ein Wort, weil es sonst falsche Sicherheit erzeugt: Es entfernt die sichtbare Arbeitsdatei, mehr nicht. Auf SSDs, auf ZFS, bei Snapshots und auf journalenden Dateisystemen ist damit überhaupt nicht garantiert, dass keine alten Blöcke mehr herumliegen. Solche Zwischendateien sollten deshalb von vornherein nur auf einem verschlüsselten Dateisystem entstehen.
Die drei Unterschlüssel
Interaktives --quick-add-key ist mir in einer nicht-interaktiven Shell mit einem /dev/tty-Fehler um die Ohren geflogen. Mit --batch läuft es durch.
240×288 Pixel, Graustufen-JPEG, 10851 Byte. Halt das Bild klein, es reist in jedem vollständigen Export mit und ist der mit Abstand größte Posten in der Schlüsselgröße.
gpg --edit-key $FPR
> addphoto
> /pfad/zu/sebastian-photo-uid.jpg
> save
Eine Sache dazu, die man vorher wissen sollte: Keiner der drei Keyserver, die ich benutze, hat die Foto-UID nach dem Upload je wieder herausgerückt. Für jeden Keyserver da draußen lege ich die Hand nicht ins Feuer, für die drei, auf die es ankommt, schon. Das Bild überlebt damit nur auf den Kanälen, die ich selbst hoste. Damit ist die Foto-UID Dekoration und keine Funktion. Das ist ein völlig legitimer Grund, sie trotzdem mitzunehmen, man sollte sich nur nichts vormachen.
Backup und Widerrufszertifikat, bevor irgendetwas veröffentlicht wird
Zwei Dinge müssen existieren, bevor der Schlüssel irgendwo landet: ein Backup des geheimen Schlüssels und ein Widerrufszertifikat. Beides später nachzuholen ist der Klassiker, den man genau einmal bereut.
Ein Widerrufszertifikat legt GnuPG bei der Erzeugung ohnehin schon selbst unter ~/.gnupg/openpgp-revocs.d/<FPR>.rev ab. Das Backup dagegen ist erst dann eines, wenn du es einmal zurückgespielt hast. Also rein damit in ein Wegwerf-GNUPGHOME und nachsehen, ob der geheime Hauptschlüssel dort auch wirklich auftaucht und nicht bloß die Datei lesbar war. Danach wandern beide auf Offline-Medien.
Wichtig, weil es ein sehr verbreitetes Missverständnis ist: Der s2k-*-Block aus der gpg.conf betrifft den passphrasenbasierten Schutz, also etwa gpg -c und den Export. Er sagt nichts darüber aus, wie der geheime Schlüssel in ~/.gnupg auf der Platte geschützt ist. Darum kümmert sich der gpg-agent mit eigenen Parametern, und bereits vorhandenes Schlüsselmaterial wird durch eine geänderte gpg.conf nicht rückwirkend neu verpackt. Wer die beiden verwechselt, glaubt an eine Härtung, die an dieser Stelle gar nicht wirkt. Was tatsächlich in deinem Backup steht, siehst du wie immer am Artefakt selbst, per gpg --list-packets secret-key-backup.asc.
Den Hauptschlüssel aus dem Alltag nehmen
Jetzt kommt der Schritt, der die ganze Aufteilung von oben überhaupt erst einlöst. Der Hauptschlüssel hat im Alltag nichts verloren. Gebraucht wird er nur, wenn ein Unterschlüssel verlängert, ersetzt oder widerrufen wird, wenn eine UID dazukommt oder wenn du einen fremden Schlüssel zertifizierst. Also fliegt sein geheimer Teil vom Arbeitsrechner herunter, und zwar genau jetzt, nachdem Backup und Widerrufszertifikat existieren und nicht vorher.
# nur die Unterschlüssel exportieren, ohne den geheimen Hauptschlüssel
gpg --export-secret-subkeys --armor $FPR > subkeys.asc
# das gesamte geheime Material aus dem Alltags-Keyring werfen
gpg --delete-secret-keys $FPR
# und danach ausschließlich die Unterschlüssel zurückholen
gpg --import subkeys.asc
shred -u subkeys.asc
Das Doppelkreuz hinter sec ist der ganze Punkt. Es bedeutet: GnuPG kennt den Hauptschlüssel, hat sein geheimes Gegenstück aber nicht mehr. Signieren, Entschlüsseln und Authentisieren laufen unverändert weiter, dafür sind die Unterschlüssel zuständig. Was nicht mehr geht, ist alles, was die Identität selbst betrifft, also neue Unterschlüssel anlegen, Laufzeiten verlängern, UIDs ergänzen und fremde Schlüssel zertifizieren.
Der geheime Hauptschlüssel liegt ab hier zusammen mit dem Widerrufszertifikat auf verschlüsseltem Wechselmedium. Wenn ich ihn brauche, kommt er ausdrücklich nicht zurück nach ~/.gnupg, sondern in ein temporäres GNUPGHOME, das hinterher wieder verschwindet.
Ein Detail dabei ist wichtig genug für einen eigenen Absatz, weil es sonst still danebengeht: Das Offline-Backup ist ein Schnappschuss. Es entstand oben, bevor der alte Schlüssel gegengezeichnet hat und bevor die Governikus-Zertifizierung da war. Diese Fremdsignaturen hängen am öffentlichen Teil, der im Alltags-Keyring liegt, nicht im Backup. Wer nur das Backup einspielt und dort arbeitet, exportiert hinterher einen Schlüssel, dem genau diese Signaturen fehlen. Also immer beides einspielen:
# aktuellen öffentlichen Stand samt Fremdsignaturen aus dem Alltags-Keyring mitnehmen
gpg --armor --export-options no-export-minimal --export $FPR > /tmp/pub-aktuell.asc
export GNUPGHOME=$(mktemp -d); chmod 700 "$GNUPGHOME"
trap 'rm -rf "$GNUPGHOME"' EXIT HUP INT TERM # auch bei Abbruch aufräumen
gpg --import /media/offline/secret-key-backup.asc
gpg --import /tmp/pub-aktuell.asc
# hier die Arbeit am Schlüssel, etwa eine Laufzeit verlängern
gpg --armor --export-options no-export-minimal --export $FPR > /tmp/pub-neu.asc
rm -rf "$GNUPGHOME"; unset GNUPGHOME
Danach importierst du die aktualisierte öffentliche Hälfte in den Alltags-Keyring und rollst sie über alle Veröffentlichungskanäle aus. Das ist unbequem. Es soll unbequem sein, denn genau diese Unbequemlichkeit ist der Grund, warum der Hauptschlüssel selten angefasst wird und deshalb schwer zu verlieren ist.
Den alten Schlüssel den neuen gegenzeichnen lassen
Ein weicher Übergang statt einer harten Kante: Der alte Schlüssel bleibt bis zu seinem Ablauf gültig und zertifiziert den neuen. Wer dem alten Schlüssel schon vertraut, bekommt damit einen kryptografischen Pfad zum neuen, ohne mich irgendwo anrufen zu müssen.
Das ist ein eigenes Thema, deshalb hier nur zusammengefasst: Governikus ist nach meinem Stand vom August 2026 der einzige mir bekannte noch aktive Dienst in Deutschland, der OpenPGP-Schlüssel über die Online-Ausweisfunktion zertifiziert. Du schickst deinen öffentlichen Schlüssel hin, weist dich mit dem Personalausweis aus und bekommst eine Zertifizierung mit Level 3 zurück. Die Volksverschlüsselung fällt als Alternative aus, die macht ausschließlich S/MIME nach X.509, erzeugt die Schlüssel selbst und wird ohnehin eingestellt.
Strukturell wichtig für den Rest des Beitrags ist nur ein Punkt: Diese Zertifizierung ist eine Fremdsignatur. Und die Hälfte meiner Veröffentlichungskanäle wirft Fremdsignaturen weg. Warum, steht gleich.
Vier Exporte für vier Aufgaben
Das ist der Teil, den fast alle Anleitungen überspringen, und ausgerechnet hier fallen die echten Entscheidungen. Vier verschiedene Exporte desselben Schlüssels für vier verschiedene Jobs, mit den gemessenen Größen der Artefakte, die tatsächlich ausgeliefert werden:
Alle vier Befehle habe ich gegen die live ausgelieferten Dateien geprüft, sie reproduzieren die Artefakte byteidentisch, sha256 stimmt jeweils überein. Du kannst sie also so übernehmen.
Und jetzt die fiese Falle. In meiner gpg.conf steht global export-options export-minimal. Export-Optionen summieren sich, sie ersetzen einander nicht. --export-options export-clean hebt export-minimal also nicht auf. Du bekommst weiterhin einen minimalen Export, still und ohne Warnung, mit weggeworfenen Fremdsignaturen. Nur die ausdrückliche Verneinung funktioniert:
Das ist genau die Sorte Fehler, bei der du fest davon überzeugt bist, einen Schlüssel mit allen Signaturen veröffentlicht zu haben, während in Wahrheit die eID-Zertifizierung nie das Haus verlassen hat.
Die zweite Stolperfalle beim Export: export-minimal wirft zwar Fremdsignaturen weg, behält aber die Foto-UID. Für den DANE-Record muss auch das Bild raus, sonst wächst der Record von rund einem Kilobyte auf gute zwölf. Dieser Befehl hat den ausgelieferten Record mit 1298 Byte erzeugt:
Zwei Anmerkungen noch zu den Formaten, weil sich in der 2.4er Reihe etwas geändert hat:
--print-dane-recordsgibt es nicht mehr. Der Nachfolger heißt --export-options export-dane.
Verwechsle die beiden Ausgaben aber nicht. export-dane liefert einen fertigen DNS-Präsentationsblock, also $ORIGIN, Kommentarzeilen und generische TYPE61-Rdata, bei mir 25642 Byte. Das ist kein binäres Schlüsselmaterial. Zum Lesen ist es praktisch, der ausgelieferte Record entstand aber aus dem binären Export oben plus base64 -w0 openpgpkey.bin. Beide Wege sind gültige Zonefile-Syntax, RFC 7929 definiert die base64-Präsentationsform und RFC 3597 die generische TYPE61-Form, BIND frisst beides. Der Einzeiler passte einfach besser in meine bestehende Zone.
Wo der Schlüssel liegt, und warum genau dort
Sieben Kanäle, und jeder existiert aus einem anderen Grund. Das „warum“ ist dabei die interessantere Hälfte:
Kanal
Format
Warum dieser Kanal
keys.openpgp.org
voll hochgeladen, Server wirft Signaturen und Foto weg
der einzige Keyserver, der die Mailadresse validiert, und der, den moderne Clients abfragen
Vertrauen hängt an DNSSEC statt an einem Signaturgraphen, muss klein bleiben, es ist ein DNS-Record
WKD advanced
kein eigener Export, CNAME auf wkd.keys.openpgp.org
spiegelt keys.openpgp.org automatisch, lässt sich hier nicht selbst hosten
WKD direct (Apex)
voll binär, 13108 B
selbst gehostet, deshalb die einzige Stelle mit Foto und Fremdsignaturen
security.txt und Direktdownload
voll ASCII, 17833 B
auffindbar für Menschen und für Scanner
Zwei abgeleitete Namen tauchen dabei auf, und die werden regelmäßig falsch gebildet. Beide habe ich unabhängig nachgerechnet, sie stimmen mit dem überein, was ausgeliefert wird:
# WKD: z-base32 des SHA-1 vom lokalen Teil, ASCII-Großbuchstaben vorher klein gemacht
# sha1("kernel-error") -> z-base32 -> 3gyjbxx9xfdggpkmx5qdd793xy431w5u
gpg --with-wkd-hash -k kernel-error@kernel-error.com
# DANE (RFC 7929): SHA-256 des kanonisierten UTF-8-Lokalteils, auf 28 Oktette gekürzt,
# hex-kodiert, dann ._openpgpkey.<domain>
# 70e1c7d87e825b3aba45e2a478025ea0d91d298038436abde5a4c2d0._openpgpkey.kernel-error.com
Zwei Präzisierungen, damit hier keine Regel steht, die breiter ist als die Spezifikationen: WKD bildet ASCII-Großbuchstaben auf Kleinbuchstaben ab, das ist kein allgemeines Unicode-Lowercasing. Und DANE übernimmt diese Abbildung nicht einfach, RFC 7929 hat seine eigene Kanonisierung des lokalen Teils. Bei mir fallen beide zusammen, weil kernel-error schon reines Kleinbuchstaben-ASCII ist. Genau deshalb ist mir der Unterschied nie begegnet. Wer einen Lokalteil mit Großbuchstaben oder Nicht-ASCII hat, darf die beiden auf keinen Fall gleichsetzen.
Und weil ich schon dabei bin, mich zu blamieren: Bei einem früheren Review habe ich DANE als „fehlt“ markiert, weil ich den z-base32-Namen aus WKD gegen das DNS geprüft habe. Also den falschen Namen. DANE lief die ganze Zeit. Wenn du deinen eigenen Aufbau prüfst, prüfe bitte den Namen, den die jeweilige Spezifikation vorschreibt, und nicht den, den du gerade im Kopf hast. Wie man einen OPENPGPKEY-Record überhaupt in die Zone bekommt und wie man die Zone dafür mit BIND signiert, steht hier im Blog.
Eine Konsequenz aus der Tabelle überrascht die Leute regelmäßig, deshalb schreibe ich sie deutlich hin:
Die Governikus-Zertifizierung ist nur auf den klassischen Keyservern und auf den selbst gehosteten Kopien sichtbar. keys.openpgp.org wirft sie weg, und gpg bevorzugt die WKD-advanced-Methode, die wiederum auf keys.openpgp.org zeigt. Der Kanal, den die meisten Clients benutzen, ist also ausgerechnet der mit den wenigsten Signaturen.
Prüfen wie ein Fremder
Der letzte Schritt in Teil A, und der wichtigste: Hol dir deinen eigenen Schlüssel so, wie es jemand tut, der dich nicht kennt. Einmal pro Suchpfad, jedes Mal in einem frischen Schlüsselbund.
# den Schlüssel holen wie ein Fremder, einmal pro Lookup-Pfad
for m in dane wkd keyserver; do
GNUPGHOME=$(mktemp -d) gpg --auto-key-locate clear,$m --locate-external-keys kernel-error@kernel-error.com
done
# welche Präferenzen bewirbt der Schlüssel tatsächlich?
gpg --export $FPR | gpg --list-packets | grep -E 'pref-|features'
# welchen Cipher wählt ein Absender wirklich?
gpg --status-fd 1 -d message.gpg | grep DECRYPTION_INFO
Damit endet das Rezept. Ab hier geht es darum, was die Teile bedeuten, und um die Frage, wie sicher der Aufbau am Ende wirklich ist.
Teil B: was das alles bedeutet
Wenn du bis hierher gekommen bist, hast du ein funktionierendes Rezept. Was du noch nicht hast, ist ein Gefühl dafür, warum die Teile so und nicht anders geschnitten sind, und wo der Aufbau trotz allem nachgibt. Genau darum geht es jetzt, und zwar in dieser Reihenfolge: erst die Struktur, dann die Zahlen, dann der Fehler und am Ende die Rechnung ohne Schönfärberei.
Warum ein Hauptschlüssel, der nur zertifiziert
Der Hauptschlüssel hat genau eine Aufgabe: zu sagen, wer zu diesem Schlüssel gehört. Er signiert die UIDs und er signiert die Unterschlüssel. Er signiert nie eine Mail und entschlüsselt nie irgendetwas. Alles Operative ist delegiert:
[C] certify Identitätsanker. Wird selten benutzt. Eine Kompromittierung ist
nicht reparierbar, ein Verlust nur über das Offline-Backup.
[S] sign Signieren im Alltag
[E] encrypt Entschlüsseln im Alltag
[A] auth Authentisierung, etwa als SSH-Schlüssel
Der Gewinn: Ein kompromittierter oder ausgedienter Unterschlüssel lässt sich widerrufen und ersetzen, ohne die Identität anzufassen, ohne die gesammelten Fremdsignaturen zu verlieren und ohne den Fingerabdruck zu ändern, der an sieben Stellen veröffentlicht ist. Dass [S] und [E] getrennt sind, hat noch einen zweiten Grund: Sie haben unterschiedliche Lebenszyklen. Einen alten Signaturschlüssel zu vernichten ist harmlos. Einen alten Verschlüsselungsschlüssel zu vernichten heißt, dass du an dein Archiv nicht mehr herankommst.
Das Ganze zahlt sich allerdings nur aus, wenn du auch die Konsequenz ziehst: Der volle Nutzen dieser Aufteilung stellt sich erst ein, wenn der Hauptschlüssel offline liegt. Genau deshalb liegt er hier offline, auf verschlüsseltem Wechselmedium und zusammen mit dem Widerrufszertifikat. Er kommt nur heraus, wenn ein Unterschlüssel verlängert, ersetzt oder widerrufen werden muss, und dann in ein temporäres GNUPGHOME und nicht zurück in den Alltags-Keyring. Auf der Arbeitsmaschine liegen ausschließlich die drei Unterschlüssel. Ein Hauptschlüssel, der nur zertifiziert, aber trotzdem neben dem Mailclient herumliegt, ist am Ende nur Kosmetik.
Der [A]-Unterschlüssel existiert übrigens, ist aber bewusst nicht im gpg-agent für SSH verdrahtet, sshcontrol ist leer. Ich habe ihn erzeugt, um mir die Option offenzuhalten. Mehr ist es im Moment nicht.
Ed25519 und X25519, was die Zahlen bedeuten
Ed25519 zum Signieren und X25519, in GnuPG als cv25519 bezeichnet, zum Verschlüsseln liegen beide bei rund 128 Bit klassischem Sicherheitsniveau. Das ist vergleichbar mit RSA-3072 und deutlich oberhalb von RSA-2048.
Sie sind dramatisch kleiner und schneller. Deshalb passt der komplette Schlüssel mit drei Unterschlüsseln, Foto und drei Fremdsignaturen immer noch in 13 KB.
Curve25519 ist fehlbedienungsresistent entworfen: keine Parameter, die man falsch wählen kann, keine Invalid-Curve-Fallen, deterministische Nonces bei Ed25519. Ein großer Teil der historischen Signatur-Unfälle in der Praxis kam aus genau den Ecken, die diese Kurve wegräumt.
Ein Punkt dazu, den du im Kopf behalten solltest, weil er gleich noch wichtig wird: 128 Bit klassische Sicherheit sind die Obergrenze dieses Schlüssels. Merk dir die Zahl. Sie ist der Grund, warum die AES-Geschichte weiter unten weniger dramatisch ist, als sie zunächst klingt.
Algorithmen-Präferenzen: was sie sind und wer sie liest
Dieses Konzept muss sitzen, sonst funktioniert die Geschichte danach nicht. Vorweg ein Satz, den viele nie gehört haben: Eine OpenPGP-Nachricht ist immer hybrid. Der asymmetrische Teil, also dein Ed25519- und X25519-Material, verpackt ausschließlich einen zufällig erzeugten symmetrischen Sitzungsschlüssel. Die eigentlichen Nutzdaten verschlüsselt ein symmetrisches Verfahren, in der Regel AES. Der Fehler, um den es gleich geht, saß in dieser symmetrischen Hälfte.
Ein OpenPGP-Schlüssel trägt nämlich nicht nur öffentliche Schlüssel spazieren. Die Selbstsignatur jeder UID enthält Subpakete, die ankündigen, was der Besitzer verarbeiten kann:
Das features-Oktett ist die Stelle, an der ich mich in meinen eigenen Notizen vertan hatte, deshalb hier die Dekodierung. In der Linie, die GnuPG 2.4 implementiert, bedeuten die Bits des ersten Oktetts:
0x01 SEIPD-v1 mit Modification Detection Code (MDC)
0x02 AEAD
0x04 Unterstützung für das v5-Schlüssel- und Fingerabdruckformat
features 05 ist also 0x01 + 0x04, das heißt MDC und kein AEAD. features 07 wäre 0x01 + 0x02 + 0x04, und genau das bekommt ein Schlüssel, den GnuPG 2.4 mit Standardeinstellungen erzeugt. Der kaputte Zustand war features 04, also 0x04 ganz allein: weder MDC noch AEAD angekündigt.
Eine Versionsfußnote gehört dazu: Diese Bitbelegung und das Subpaket 34 stammen aus der LibrePGP-Linie, die GnuPG 2.4 umsetzt. RFC 9580 hat beides geändert, dort sind die AEAD-Präferenzen in Subpaket 39 umgezogen und das Feature-Modell wurde umgebaut. Diese Spaltung kommt weiter unten noch einmal zurück.
Wenn dir jemand etwas verschlüsselt, liest dessen GnuPG deine Präferenzliste und wählt daraus das stärkste Verfahren, das beide können. Das ist der ganze Mechanismus. Daraus folgen zwei Dinge, die den meisten Leuten gegen den Strich gehen:
Deine eigenen personal-cipher-preferences schützen dich nicht. Die bestimmen, was du verschickst. Was Leute dir schicken, bestimmt allein das, was dein veröffentlichter Schlüssel ankündigt.
Die Präferenzen stehen in einer Signatur. Sie zu ändern heißt, die Selbstsignatur neu auszustellen. Und damit ist jede veröffentlichte Kopie deines Schlüssels veraltet, bis du sie erneuerst. Bei mir sind das sieben Kanäle und eine Änderung an der DNS-Zone.
Und wenn ein Schlüssel gar nichts ankündigt? Dann greift der Rückfall. RFC 4880 schreibt dafür 3DES vor, den verpflichtend zu implementierenden Algorithmus. Moderne GnuPG-Versionen landen dort allerdings nicht mehr: Seit der 2.3er Reihe verschlüsselt gpg grundsätzlich nicht mehr mit 64-Bit-Blockchiffren, dafür müsstest du ausdrücklich --allow-old-cipher-algos setzen. Der Rückfall endet deshalb bei AES-128. Nicht kaputt, aber eben auch nicht das, was der Schlüssel bekommen sollte.
Der Defekt, gemessen
Ein x-beliebiger Absender, der meinem brandneuen Schlüssel etwas verschlüsselt, sah das hier:
gpg: WARNING: cipher algorithm AES not found in recipient preferences
gpg: AES.CFB encrypted data
[GNUPG:] DECRYPTION_INFO 2 7 0 # 7 = AES128
Derselbe Absender, wenn er dem Schlüssel von 2023 schreibt, den der neue gerade ablöst:
[GNUPG:] DECRYPTION_INFO 2 9 0 # 9 = AES256
Der neue Schlüssel hatte überhaupt keinepref-sym-algos, keine pref-hash-algos und keine pref-zip-algos, dazu features 04 statt 05. Er wurde also schwächer angesprochen als sein Vorgänger, lautlos, und der einzige Hinweis darauf erschien auf einem Terminal, das jemand anderem gehört.
Die Ursache, und eine Korrektur an mir selbst
In meinen Arbeitsnotizen stand als Ursache: „mit einer --batch --gen-key-Parameterdatei ohne Preferences:-Zeile gebaut“. Das ist falsch. Eine Parameterdatei ohne diese Zeile erzeugt völlig ordentliche Präferenzen aus den eingebauten Defaults von GnuPG. Nachgeprüft, es kommt das hier heraus:
Die echte Ursache saß in der gpg.conf. Ich habe die Juli-Konfiguration in einem Wegwerf-Schlüsselbund nachgestellt, der Defekt war sofort wieder da. Danach habe ich die Datei halbiert, bis eine einzige Zeile übrig blieb:
Konfiguration im Test
Ergebnis
Juli-gpg.conf, unverändert
features: 04, gar keine pref-*
ohne disable-cipher-algo 3DES
pref-sym-algos: 9 8 7 2, features: 07
ohne alledisable-cipher-algo-Zeilen
pref-sym-algos: 9 8 7 2, features: 07
ohne cipher-algo AES256
weiterhin kaputt, features: 04
nurdisable-cipher-algo 3DES vorhanden
kaputt, features: 04
disable-cipher-algo 3DES plus explizite Preferences:-Zeile
sauber, pref-sym-algos: 9 8 7, features: 05
disable-cipher-algo 3DES ist also notwendig und hinreichend, um den Defekt auszulösen. Eine Zeile, mehr nicht.
Der Mechanismus dahinter ist die eigentliche Pointe des ganzen Beitrags. 3DES ist in OpenPGP der verpflichtend zu implementierende Algorithmus, und in der Standardliste steht er auch sichtbar drin: pref-sym-algos: 9 8 7 2 endet auf der 2, und die 2 ist 3DES. Nimmst du GnuPG diesen einen Algorithmus lokal weg, verschwindet nicht nur er aus der Liste, sondern die Liste als Ganzes.
Beim Warum bleibe ich vorsichtig. Dass GnuPG intern keine gültige Liste mehr konstruieren kann und deshalb gar keine schreibt, ist die naheliegende Erklärung, beweisen lässt sie sich von der Kommandozeile aus nicht. Belegt ist der Auslöser, nicht der Code-Pfad dahinter. Der Effekt selbst ist dagegen eindeutig: Die Härtungszeile hat nicht einen schwachen Algorithmus aus der Liste entfernt, sie hat die komplette Liste entfernt. Und damit dafür gesorgt, dass Absender zurückfallen, und zwar auf etwas Schwächeres als das, was ich gerade weghärten wollte.
Das Labor zum Selbernachbauen
Zwei Minuten, kein echter Schlüssel wird angefasst, alles passiert in Wegwerf-Verzeichnissen unter /tmp. Wenn du mir nicht glaubst, ist das hier der schnellste Weg, es selbst zu sehen:
Bei mir kommt das hier heraus, und die eine Zeile Unterschied ist der ganze Defekt:
nopref: gpg: WARNING: cipher algorithm AES not found in recipient preferences
gpg: AES.CFB encrypted data
withpref: gpg: AES256.OCB encrypted data
Die Reparatur
Der Fix selbst ist unspektakulär, ein einziger Befehl im Editiermodus. Weil setpref die Selbstsignatur neu ausstellt, braucht er den Hauptschlüssel. Das Ganze läuft also einmal im temporären GNUPGHOME von weiter oben, mit dem Offline-Schlüssel und dem aktuellen öffentlichen Stand:
gpg --edit-key $FPR
> setpref AES256 AES192 AES SHA512 SHA384 SHA256 ZLIB BZIP2 ZIP Uncompressed
> y
> save
Danach steht da pref-sym 9 8 7, pref-hash 10 9 8, pref-zip 2 3 1 0 und features 05. Der Fingerabdruck bleibt unverändert, und die Governikus-Zertifizierung, die Gegensignatur des alten Schlüssels, die Foto-UID und sämtliche Ablaufdaten überleben. Das schreibe ich so ausdrücklich hin, weil viele Leute Angst vor setpref haben und glauben, es beschädige den Schlüssel. Tut es nicht. Was es tut: Es stellt die Selbstsignatur neu aus. Und damit müssen anschließend alle sieben Veröffentlichungskanäle aufgefrischt werden.
Zur Sicherheit gleich hinterher: default-preference-list in der gpg.conf festgenagelt, und die disable-cipher-algo-Zeilen sind endgültig raus.
Wie schlimm war es wirklich?
Hier will ich ehrlich sein statt dramatisch, sonst wird das hier auch nur wieder eine von diesen „ich habe einen Bug gefunden“-Geschichten.
AES-128 statt AES-256 ist real, aber überschaubar. AES-128 ist nicht gebrochen, es gibt keinen praktischen Angriff darauf. Und erinnere dich an die Zahl von weiter oben: Der asymmetrische Teil dieses Schlüssels liefert ohnehin rund 128 Bit klassische Sicherheit. Gemessen an der reinen Schlüsselsuche war AES-128 also nicht das schwächste Glied in der Kette, es hat lediglich mit dem Rest gleichgezogen. Über Implementierungsfehler, Seitenkanäle oder Protokollschwächen sagt dieser Vergleich nichts. Die faire Einordnung lautet: Das war ein Hygiene- und Signalisierungsfehler, keine ausnutzbare Schwachstelle. Bemerkenswert ist er, weil er lautlos war, automatisch passierte und von einer Härtungsmaßnahme verursacht wurde.
Das fehlende MDC-Bit sah schlimmer aus, als es war.features 04 heißt, dass das Bit 0x01 fehlte, mit dem ein Schlüssel Modification Detection ankündigt. Auf dem Papier lädt das einen Absender dazu ein, auf ein Paket ohne Integritätsschutz zurückzufallen, und das ist die Ecke, aus der EFAIL kam. Gemessen kam aber das hier heraus:
[GNUPG:] DECRYPTION_INFO 2 7 0
[GNUPG:] GOODMDC
Ein Absender mit GnuPG 2.4.x in Standardkonfiguration hat trotz des fehlenden Bits ein integritätsgeschütztes SEIPD-v1-Paket erzeugt und GOODMDC gemeldet. MDC ist dort schlicht immer an. Herauskommen aus dem Integritätsschutz muss man in dieser Version aktiv wollen, etwa über --rfc2440, das ausdrücklich den alten Modus ohne MDC erzeugt. Die tatsächliche Integritätslücke gegenüber einem 2.4.x-Absender mit Standardeinstellungen war damit null.
Diese Aussage gilt exakt so weit wie die Messung und keinen Meter weiter. Über andere Implementierungen oder ältere GnuPG-Versionen sagt sie nichts, und genau dort könnte ein fehlendes MDC-Signal im Prinzip sehr wohl noch eine Rolle spielen. „Kein aktueller Absender ist betroffen“ wäre schlicht gelogen, und irgendwer würde es nachprüfen.
Was wirklich Alarm verdient, ist keines von beiden für sich, sondern die Art des Versagens. Ein Schlüssel kann strukturell perfekt sein und trotzdem still auf den nackten Rückfallwert heruntergehandelt werden, ohne dass irgendwer etwas davon mitbekommt. Die einzige Diagnose erscheint auf einer Maschine, die dir nicht gehört. Weder gpg --list-keys noch --check-sigs noch irgendeine Keyserver-Seite zeigt dir das. Du musst dir Signatur-Subpakete ansehen, und das macht praktisch niemand.
Ein Punkt bleibt offen: AEAD
Der reparierte Schlüssel steht bei features 05 und hat keine pref-aead-algos. Gemessen bedeutet das:
AES256.CFB encrypted data # reparierter Schlüssel, features 05
AES256.OCB encrypted data # frisch erzeugter Schlüssel, features 07 plus pref-aead-algos: 2
setpref hat das MDC-Bit zurückgeholt, aber nie eine AEAD-Ankündigung ergänzt, weil der Schlüssel aus dem kaputten Zustand heraus repariert und nicht neu erzeugt wurde. Nachrüsten ginge, setpref … OCB liefert pref-aead-algos: 2 und features 07, auch das habe ich geprüft.
Ich lasse es trotzdem so. AES256-CFB mit MDC ist solide. Vor allem aber ist AEAD genau die Stelle, an der OpenPGP derzeit auseinanderläuft: Das AEAD von GnuPG 2.4 folgt der LibrePGP-Linie, RFC 9580 spezifiziert eine andere Konstruktion namens SEIPD v2. AEAD auf einem breit veröffentlichten Schlüssel anzukündigen bringt heute eine marginale Verbesserung und ein echtes Interoperabilitätsrisiko. Wer sich für die andere Baustelle im selben Themenfeld interessiert: Was in einem modernen Handshake steckt, habe ich am Beispiel X25519MLKEM768 auseinandergenommen. Dasselbe Argument gilt übrigens für force-ocb in meiner lokalen Konfiguration, das betrifft nur, was ich selbst verschicke, und ist eine bewusst etwas vorwärtsgewandte Entscheidung.
Ehrliche Gesamteinschätzung
Die Kryptografie ist in Ordnung. Ed25519, X25519, SHA-512 und AES-256 sind eine moderne, unaufgeregte Auswahl ohne bekannte praktische Schwächen, bei rund 128 Bit klassischer Sicherheit.
Die Struktur ist besser als der Durchschnitt. Hauptschlüssel nur zum Zertifizieren, getrennte Unterschlüssel, begrenzte Laufzeit von fünf Jahren, vorab erzeugtes Widerrufszertifikat und ein Backup, das nachweislich wiederherstellbar ist.
Das schwächste Glied ist kein Algorithmus. Es ist die Tatsache, dass die drei Alltags-Unterschlüssel auf einer dauerhaft laufenden Arbeitsmaschine liegen. Wer diese Maschine und die Passphrase bekommt, erzeugt bis zum Widerruf vollgültige Signaturen in meinem Namen und liest mein Archiv mit. Nach außen ist er also erst einmal ich. Was er nicht bekommt, ist der Identitätsanker: keine neue UID zertifizieren, keinen neuen Unterschlüssel binden, und der Fingerabdruck bleibt meiner. Ein kompromittierter Unterschlüssel fliegt raus und wird ersetzt, die Identität überlebt. Eine Smartcard würde den Rest weiter verkleinern, weil sich Schlüsselmaterial von der Karte nicht kopieren lässt. Sie löst es nicht: Steckt die Karte und ist sie entsperrt, wird eben auf der Karte signiert. Auf der Liste steht sie trotzdem.
Das Vertrauen in die Bindung ist geschichtet, nicht absolut. DNSSEC-signiertes DANE und selbst gehostetes WKD sind stark. Die Governikus-Zertifizierung ist die einzige echte Namens-Bindung. Das klassische Web of Trust trägt praktisch nichts mehr bei, die persönlichen Signaturen auf dieser Identität hängen an einem Schlüssel von 2011.
Post-Quantum: bewusst nicht adressiert. GnuPG 2.4.4 kann kein PQC, und die PQC-Arbeit in OpenPGP steckt noch im Entwurfsstadium mit praktisch keiner Interoperabilität. Curve25519 bietet gegen einen kryptografisch relevanten Quantencomputer keinerlei Widerstand, „heute sammeln, später entschlüsseln“ trifft also auf alles zu, was heute an diesen Schlüssel verschlüsselt wird. Ein hybrider Unterschlüssel lässt sich später ergänzen, ohne den Schlüssel neu zu bauen. Das ist eine der Auszahlungen des Unterschlüssel-Aufbaus von oben.
Was man daraus mitnimmt
Vier Punkte, und die gelten weit über OpenPGP hinaus:
Härtung kann schwächen. Einen verpflichtenden Basisalgorithmus zu entfernen hat die Verhandlung nicht verengt, sondern zerstört. Bevor du etwas abschaltest, das eine Spezifikation vorschreibt, sieh nach, was die Maschinerie drumherum macht, wenn es fehlt.
Prüfe das Artefakt, nicht den Befehl.gpg --batch --gen-key ist mit Rückgabewert 0 durchgelaufen und hat einen wunderschön aussehenden Schlüssel erzeugt. Sichtbar war der Defekt ausschließlich in --list-packets.
Konfiguration und Schlüssel sind nicht unabhängig. Der Schlüssel hat einen Defekt dauerhaft von der Konfiguration geerbt, die in den fünfzehn Sekunden aktiv war, in denen er entstand.
Manche Defekte sieht man nur von außen. Das Symptom erschien auf dem Terminal des Absenders. Teste deinen eigenen Schlüssel so, wie ein Fremder ihn benutzt. Genau dafür ist die Schleife mit mktemp -d und --locate-external-keys weiter oben da.
Und die Kurzfassung für alle, die nur bis hierher gescrollt haben: Ein moderner Schlüssel ist nicht automatisch ein korrekt konfigurierter Schlüssel. Der Unterschied steckt in Signatur-Subpaketen, die dir kein einziges Standardwerkzeug von sich aus zeigt.
Wenn du deinen eigenen Schlüssel gerade nachgeprüft hast und dort etwas anderes steht als erwartet, oder wenn ich mich irgendwo irre, dann dürft ihr mich sehr gerne fragen.
Moin. Seit dem 24. Juli 2026 habe ich einen neuen GPG-Schlüssel. Ed25519, gültig bis 2031, der Hauptschlüssel zertifiziert nur noch und hat für Signieren, Verschlüsseln und Authentisieren je einen eigenen Unterschlüssel. Technisch ein hübsches Ding. Der alte Schlüssel bleibt bis Ende des Jahres gültig und hat den neuen gegengezeichnet, damit der Wechsel keine harte Kante bekommt.
Und dann stand da die Frage, die eigentlich immer die wichtigere ist und trotzdem meistens hintenrunterfällt: Woher soll irgendwer wissen, dass dieser Schlüssel mir gehört? Nicht „wo finde ich den Schlüssel“, das ist gelöst. Sondern: Warum sollte jemand glauben, dass die Person, die diesen Schlüssel kontrolliert, dieselbe ist wie die hinter github.com/Kernel-Error, hinter dem Mastodon-Account und hinter dieser Domain?
Die alten Antworten funktionieren nicht mehr
Die klassische Antwort auf diese Frage heißt Web of Trust. Ich unterschreibe deinen Schlüssel, du unterschreibst meinen, irgendwann spannt sich ein Netz aus Signaturen über die Welt und jeder kann über ein paar Ecken einen Pfad zu jedem finden. Elegante Idee. Nur: Wann warst du zuletzt auf einer Keysigning-Party? Eben. Ich auch nicht.
Dazu kommt ein sehr praktisches Problem, über das kaum jemand redet: keys.openpgp.org, der Keyserver, den heute praktisch alle benutzen, veröffentlicht Fremdsignaturen grundsätzlich nicht. Zuverlässig überleben dort nur Selbstsignaturen, einzige Ausnahme sind eigens attestierte Fremdzertifizierungen, und die benutzt in der Praxis kaum jemand. Das ist als Schutz gegen Signatur-Flooding absolut nachvollziehbar, bedeutet aber eben auch: Das Web of Trust reist nicht mehr mit. Du kannst deinen Schlüssel von hundert Leuten unterschreiben lassen, auf dem meistgenutzten Keyserver sieht ihn trotzdem niemand mit diesen Unterschriften.
Die zweite klassische Antwort waren Zertifizierungsstellen für Personen. CAcert habe ich hier vor Jahren mal vorgestellt, und die Volksverschlüsselung wurde 2025 eingestellt. Übrig geblieben ist bei mir eine Zertifizierung über Governikus, die die Beglaubigung im Auftrag des BSI macht, also eine eID-basierte Bestätigung mit Level 3, die tatsächlich meinen bürgerlichen Namen an den Schlüssel bindet. Das ist eine der letzten echten Klarnamen-Bindungen, die man noch bekommt. Und ausgerechnet die ist eine Fremdsignatur, fliegt auf keys.openpgp.org also raus.
Was schon vorher da war, und was es eben nicht beweist
Beim Thema Erreichbarkeit war ich schon vorher gut aufgestellt. Der Schlüssel liegt im Web Key Directory, sowohl in der advanced als auch in der direct method. Er steht als OPENPGPKEY-Record in einer DNSSEC-signierten Zone, wie ich das hier vor Jahren schon einmal beschrieben habe. Er liegt auf keys.openpgp.org, keyserver.ubuntu.com und pgpkeys.eu. Er ist in der clearsigned security.txt referenziert, die zu meinem Umgang mit Vulnerability Reports gehört. Und er liegt schlicht als Datei zum Direktdownload.
Sieben Kanäle also. Alle beweisen exakt eine Sache: dass man den Schlüssel findet. Die Governikus-Zertifizierung beweist zusätzlich einen Namen. Aber keiner dieser Kanäle beweist, dass derselbe Schlüssel auch das GitHub-Konto kontrolliert, oder den Matrix-Account, oder die Domain als Identität und nicht nur als Hostingort einer Datei. Genau diese Lücke füllen Identity Claims, und genau dafür gibt es Keyoxide.
Der wichtigste Satz zuerst: Keyoxide hat keine Accounts
Das ist das größte Missverständnis, und ich schreibe es deshalb so deutlich wie möglich hin: Es gibt bei Keyoxide keine Registrierung, keinen Login, kein Profil zum Ausfüllen, keine API-Keys und keine Daten auf deren Seite. Man legt dort nichts an. Man kann dort gar nichts anlegen.
keyoxide.org ist ein zustandsloser Betrachter. Wenn jemand ein Profil öffnet, passiert Folgendes:
Der öffentliche Schlüssel wird geholt, per WKD oder von einem Keyserver.
Aus der Selbstsignatur werden die Notationen mit dem Namen proof@ariadne.id ausgelesen.
Jeder Claim wird live gegen den genannten Endpunkt aufgelöst, je nach Claim-Typ direkt im Browser oder über einen Proxy. Ein TXT-Record lässt sich aus einer Webseite heraus nun mal nicht selbst abfragen.
Grüne Haken werden gerendert, und danach vergisst der Dienst alles wieder.
Die Konsequenz daraus ist der eigentliche Clou: Der Schlüssel ist das Profil. Wenn keyoxide.org morgen offline geht, ist nichts kaputt. Die Claims stehen weiter im Schlüssel, die Proofs liegen weiter an ihren Endpunkten, und jeder kann die komplette Prüfung mit dig und curl von Hand nachvollziehen. Weiter unten zeige ich genau das.
Das ist das genaue Gegenmodell zu Keybase, wo die Verknüpfungen auf einem Server einer Firma lagen. Als die Firma verkauft wurde, war der Ärger groß und die Frage berechtigt, was mit den Identitäten passiert. Bei diesem Modell stellt sich die Frage nicht, weil der Betreiber nichts hält, was verloren gehen könnte. Die zugrundeliegende Spezifikation heißt Ariadne Identity, Keyoxide ist nur eine Implementierung davon.
Zwei Hälften, die aufeinander zeigen
Jeder Proof besteht aus zwei Aussagen, die sich gegenseitig referenzieren:
Hälfte
Liegt in
Sagt
Claim
der Selbstsignatur des Schlüssels
„Ich kontrolliere kernel-error.de“
Proof
genau diesem Endpunkt
„Der Schlüssel mit dem Fingerprint 45FC… gehört mir“
Auf den ersten Blick sieht das zirkulär aus. Der Schlüssel sagt, ihm gehöre die Domain, und die Domain sagt, ihr gehöre der Schlüssel. Beweist das nicht einfach gar nichts? Doch, und zwar genau deshalb, weil es zirkulär ist: Nur wer beides kontrolliert, kann beide Hälften zur Deckung bringen.
Spielen wir es durch. Jemand klaut meinen geheimen Schlüssel. Er kann jetzt beliebige Claims hineinschreiben, zum Beispiel „ich kontrolliere example.org“. Aber er kann bei example.org keinen TXT-Record setzen, der auf meinen Fingerprint zeigt. Der Claim bleibt rot. Umgekehrt: Jemand übernimmt eine meiner Domains und setzt dort einen TXT-Record mit meinem Fingerprint. Schön, aber ohne den geheimen Schlüssel kann er den passenden Claim nicht in die Selbstsignatur schreiben. Auch das ergibt keinen grünen Haken. Ein Angreifer mit einer der beiden Hälften bekommt nichts. Er braucht beide.
Warum eine Notation und keine Signatur
Ein Claim ist technisch ein Notation-Subpacket in der Selbstsignatur einer User-ID. Eine Notation ist ein frei definierbares Schlüssel-Wert-Paar, das im Signaturpaket mitsigniert wird. Der Name ist bei Ariadne immer proof@ariadne.id, der Wert beschreibt den Endpunkt.
Und hier schließt sich der Kreis zu dem Keyserver-Problem von oben. Weil die Claims in der Selbstsignatur stehen und nicht in einer Fremdsignatur, kann kein Keyserver sie wegputzen. Meine Governikus-Zertifizierung ist auf keys.openpgp.org verschwunden, weil sie eine Fremdsignatur ist. Die Keyoxide-Claims sind da, weil ein Keyserver eine Selbstsignatur nicht entfernen kann, ohne den Schlüssel dabei zu zerstören. Das ist für mich das stärkste praktische Argument, Notationen zu sammeln statt Unterschriften.
Vier Claims, vier sehr unterschiedliche Qualitäten
Live sind am Ende vier Claims, alle ausschließlich auf der Namens-UID:
Vier Claims, vier grüne Haken. Geprüft wird das erst beim Aufruf, gespeichert ist bei Keyoxide davon nichts. Der Fingerprint darunter ist der einzige Anker.
Das öffentliche Profil dazu liegt unter keyoxide.org/45FCD081ADB54872EA5B06B9893DE0CDDE986DEB. Bevor jetzt jemand vier grüne Haken sieht und denkt, das seien vier gleichwertige Beweise: sind sie nicht, und das gehört ausgesprochen.
Die beiden DNS-Claims sind mit Abstand die stärksten. Sie liegen in meinen eigenen, DNSSEC-signierten Zonen auf meinen eigenen Nameservern. Wer den Record fälschen will, muss meine Domain- oder DNS-Verwaltung übernehmen. Unterwegs fälschen reicht nicht, sofern der Prüfer DNSSEC auch wirklich validiert.
Der Gist-Claim hängt daran, dass GitHub sein URL-Schema beibehält und den Gist nicht wegräumt.
Der Matrix-Claim hängt an matrix.org und daran, dass ein bestimmter Raum weiter existiert und die Nachricht nicht gelöscht wird.
Ein Claim ist nie stärker als der Endpunkt, auf den er zeigt. Vier grüne Haken nebeneinander suggerieren eine Gleichwertigkeit, die es nicht gibt.
Domain-Proof: ein TXT-Record am Apex
Der Proof für eine Domain ist ein TXT-Record. Bei mir in beiden Zonen:
kernel-error.de. IN TXT "openpgp4fpr:45FCD081ADB54872EA5B06B9893DE0CDDE986DEB"
kernel-error.com. IN TXT "openpgp4fpr:45FCD081ADB54872EA5B06B9893DE0CDDE986DEB"
Am Apex, nicht unter www, und das ist eine bewusste Entscheidung. Der Claim behauptet etwas über die Identität der Domain, nicht über einen Webserver-Hostnamen. www ist nur ein Host darunter. Keyoxide rendert den Claim außerdem als den Domainnamen, und kernel-error.de liest sich als Identität, während www.kernel-error.de sich als Webseite liest. Kleiner Unterschied, aber genau der Punkt, um den es hier geht.
Beide TLDs bekommen den Record, weil sie bei mir verschiedene Rollen haben. Die .com ist die Mail-Identität mit WKD und DANE, die .de ist die Webpräsenz mit der security.txt. Beides bin ich, also gehört beides an den Schlüssel gebunden.
Beide Zonen sind DNSSEC-signiert und laufen mit inline-signing. Für so eine Bearbeitung heißt das: einfrieren, editieren, prüfen, wieder auftauen. Ein rndc reload ist hier der falsche Befehl.
Angenehm unspektakulär war dabei, dass mehrere TXT-Records am selben Namen problemlos nebeneinander leben. Der neue Record ist einfach neben den SPF-Record und zwei Verifizierungs-Records gerutscht, ohne dass ich irgendetwas anfassen musste.
Einen Bluesky-Claim habe ich bewusst weggelassen. Meine did:plc:... hängt ohnehin schon über einen DNS-TXT-Record und /.well-known/atproto-did an der Domain. Wer den Domain-Claim prüft, hat Bluesky damit transitiv mit erledigt. Noch ein Claim mehr wäre nur mehr Fläche ohne mehr Aussage.
GitHub: ein öffentlicher Gist namens proof.md
Für GitHub braucht es einen öffentlichen Gist. Die Datei darin mussproof.md heißen, der Inhalt ist eine einzige Zeile:
Eine Abgrenzung, über die regelmäßig jemand stolpert, deshalb explizit: Einen GPG-Schlüssel im GitHub-Profil zu hinterlegen, damit signierte Commits als „Verified“ angezeigt werden, ist eine völlig andere Sache. Anderer Mechanismus, anderer Zweck, und mit dem Keyoxide-Proof hat das nichts zu tun. Der hinterlegte Schlüssel wird von GitHub automatisch für die Commit-Verifikation benutzt. Einen Schalter „diesen Schlüssel als Signing Key verwenden“ gibt es für GPG-Schlüssel übrigens gar nicht, den gibt es nur für SSH-Schlüssel.
Matrix: der Proof ist eine Nachricht
Bei Matrix hat der Proof wieder eine ganz andere Form. Er ist weder eine Datei noch ein DNS-Record, sondern eine Nachricht in einem öffentlichen Raum. Man postet in #doipver:matrix.org schlicht:
Und zeigt dann in der Notation auf genau diese Nachricht. Beim Formatieren gibt es drei Kleinigkeiten, die man garantiert einmal falsch macht: Beim User wird das führende @ weggelassen, bei der Raum-ID das führende ! und bei der Event-ID das führende $. Aus @kernel-error:kernel-error.com wird also u/kernel-error:kernel-error.com, aus !dBfQZxCoGVmSTujfiv:matrix.org wird der nackte Rest, und genauso bei der Event-ID.
Wichtig ist außerdem, dass der Raum unverschlüsselt ist. Eine verschlüsselte Nachricht kann ein Prüfer nicht lesen, damit wäre der Proof wertlos. #doipver ist genau dafür da und entsprechend offen.
Der ganze Vorgang lässt sich komplett über die Client-Server-API erledigen, also POST /_matrix/client/v3/join/... und danach PUT /_matrix/client/v3/rooms/{roomId}/send/m.room.message/{txnId}. Die Antwort auf das Senden enthält direkt die event_id, also genau das, was die Notation braucht. Das ist elegant, wenn man es scripten will.
Ehrlicherweise muss man dazu aber sagen: Ein Access-Token gibt volle Kontrolle über den Account. Das aus der Hand zu geben, nur um eine einzige öffentliche Zeile abzusetzen, ist ein schlechtes Geschäft. Der Weg über Element von Hand kostet dreißig Sekunden: Nachricht posten, „Teilen“ beziehungsweise Permalink aufrufen, und Raum-ID sowie Event-ID direkt aus der matrix.to-URL ablesen. Wer trotzdem ein Token benutzt, sollte das Gerät danach abmelden.
Die Claims in den Schlüssel schreiben
Das eigentliche Eintragen passiert in gpg --edit-key. Sieht harmlos aus, hat aber gleich in Zeile zwei die erste Falle:
gpg --edit-key 0x893DE0CDDE986DEB
uid 1
notation
proof@ariadne.id=dns:kernel-error.de?type=TXT
save
Entfernen geht über notation und dann den gleichen Ausdruck mit einem führenden Minus, none löscht alle. Und weil man sich auf Anzeigen ungern verlässt, hier der Blick auf das, was wirklich im Schlüssel steht:
Ohne vorher eine UID auszuwählen schreibt gpg die Notation in jede UID. Bei mir also auch in die Foto-UID. Keyoxide prüft dann denselben Claim zweimal und zeigt ihn doppelt an. Die offizielle Dokumentation erwähnt das im Nebensatz, überlesen ist es schnell, und aufräumen darf man es anschließend von Hand.
Falle 2: jede Änderung schreibt die Selbstsignatur neu
Das ist der eigentliche Preis, und davor warnt einen niemand. Ein Claim mehr bedeutet eine neue Selbstsignatur, und damit ist jede veröffentlichte Kopie des Schlüssels veraltet. Konkret hieß das bei mir jedes Mal: neu hochladen zu drei Keyservern, zwei selbst gehostete Dateien überschreiben und noch eine DNSSEC-Zonenbearbeitung für den DANE-Record hinterher.
Wer drei Claims einzeln nacheinander setzt, macht diese Runde dreimal. Also: Claims sammeln und in einem Rutsch eintragen. Nebenbei wächst der Schlüssel auch spürbar. Die DANE-rdata ist im Lauf des Tages von 909 auf 1130 Byte gewachsen, die WKD-Datei von 12703 auf 12940 Byte. Nichts Dramatisches, aber bei einem DNS-Record schaut man da schon hin.
Falle 3: drei Caches, drei vorgetäuschte Fehlschläge an einem Nachmittag
Das ist der Teil, bei dem vermutlich jeder Leser nickt. An einem einzigen Nachmittag haben mir drei verschiedene Caches je einen kaputten Rollout vorgespielt. In allen drei Fällen war das Deployment in Ordnung und die Prüfung hat gelogen.
Der eigene Resolver. Nach dem Setzen des TXT-Records schlug die lokale Prüfung immer weiter fehl. Google, Cloudflare und Quad9 hatten den neuen Record sofort. Der veraltete Eintrag kam ausgerechnet von meinem eigenen DoT/DoH-Resolver, auf den systemd-resolved zeigt, und der hielt die alte Antwort noch etwa zwei Stunden fest. Das sieht exakt aus wie ein kaputtes Deployment und kostet echte Debugging-Zeit.
Der View-Name am Ende ist bei rndc flushname laut Handbuch optional. In meinem Setup mit einer eigenen resolver-View ist er aber Pflicht, sonst passiert schlicht nichts Sichtbares. Die allgemeine Lehre daraus: Wer eigene DNS-Änderungen prüft, fragt immer einen autoritativen Server und einen öffentlichen Resolver, niemals nur den Systemresolver.
Ein HTTP-Cache vor keyserver.ubuntu.com. Der lieferte einen veralteten Schlüssel mit nur der Hälfte der Claims aus. Ein angehängter Cache-Busting-Parameter brachte sofort die korrekte Version, und ein erneuter Upload wurde mit "ignored" quittiert. Der Server war also die ganze Zeit aktuell, nur der Cache davor nicht.
Und die Keyserver selbst. Keyserver mischen Selbstsignaturen, sie ersetzen sie nicht. Nach einem Update trägt die Keyserver-Kopie die alte und die neue Selbstsignatur. Ein naives grep -c notation zählt dann fünf Notationen, während die selbst gehostete Kopie drei zeigt. gpg nimmt beim Import die neueste, praktisch ist das also harmlos, aber jedes Verifikationsskript lügt einen dabei an. Man prüft besser, was ein frischer Import auflöst, nicht was im rohen Blob steht.
Die Moral aus allen drei Fällen ist dieselbe: gegen eine autoritative Quelle prüfen und gegen eine cache-busted Anfrage, niemals nur gegen die eine bequeme Quelle, die gerade zur Hand ist.
Falle 4: die Gist-Raw-URL springt den Host
Ein kurzer Schreckmoment mit einfacher Ursache. Die Adresse https://gist.github.com/<user>/<id>/raw/proof.md antwortet mit einem 301 auf gist.githubusercontent.com. Ein curl ohne -L liefert damit gar nichts zurück, was auf den ersten Blick nach einem kaputten Proof aussieht. Ist es nicht, es fehlt nur ein Buchstabe am Kommando.
Falle 5: –print-dane-records gibt es nicht mehr
In GnuPG 2.4 ist --print-dane-records weg. Der Aufruf bricht mit einem Fehler ab und verweist auf --export-options export-dane. Nur reicht export-minimal allein nicht: Die Foto-UID bleibt drin und bläst einen DANE-Record von rund einem Kilobyte auf etwa zwölf Kilobyte auf. Die kompakte Variante braucht zusätzlich einen Export-Filter:
Der fünfte Claim: Fediverse, und warum er nicht live ist
Jetzt der ehrliche Teil. Ein fünfter Claim war gebaut, ausgerollt, nie verifiziert und noch am selben Tag wieder zurückgebaut. Ich schreibe das hier hin, weil vier aufgeräumte grüne Haken nichts erzählen und dieser eine Fehlschlag mehr über die Technik verrät als der Rest zusammen.
Der Plan war ein Claim auf https://www.kernel-error.de/@kernel-error.de, also den ActivityPub-Actor dieses Blogs, mit dem Proof in den Profil-Metadaten. Beim WordPress-ActivityPub-Plugin werden die „Extra Fields“ als PropertyValue-Attachments an den Actor gehängt. Zwei Entscheidungen dabei waren richtig und bleiben es auch nach dem Rückbau.
Erstens: Die Claim-URL leitet im Browser um, liefert aber unter Accept: application/activity+json sauber den Actor aus. „Mach das doch mal im Browser auf“ ist bei einem maschinenlesbaren Endpunkt schlicht kein gültiger Test. Wer so prüft, verwirft eine funktionierende Adresse.
Zweitens: Die Platzierung war wichtiger als gedacht. Keyoxide akzeptiert den Proof in der Bio, in einem Beitrag oder in den Profil-Metadaten. Bei einem WordPress-Blog-Actor ist die Bio aber der Blog-Slogan, und der steht auf jeder einzelnen Seite der öffentlichen Webseite. Ein Fingerprint im Header, weil man die erstbeste dokumentierte Möglichkeit genommen hat. Die Profil-Metadaten sind genauso gültig und für Leser unsichtbar. Lohnt sich also, erst alle Optionen zu lesen und dann zu wählen.
Ein Implementierungsdetail mit echter Fallhöhe: Das Feld wurde mit $wpdb->insert eingetragen, ausdrücklich nicht mit wp_insert_post(). Letzteres feuert die ActivityPub-Hooks und erzeugt einen Update-Eintrag in der Outbox, der dann als Geisterbeitrag durch das Fediverse geht. Kontrolliert habe ich das über den Zeilenstand der ap_outbox vor und nach dem Eingriff: 130 zu 130, sowohl beim Anlegen als auch beim Löschen. Danach Caches leeren, und zwar zuerst Redis, dann FastCGI, sonst füllt sich der FastCGI-Cache sofort wieder aus den alten Redis-Daten. Wer mehr über das Plugin-Innenleben lesen mag, findet in meinem Beitrag zum eigenen ActivityPub-Plugin für Grav die Mechanik dahinter.
Und dann zeigte Keyoxide trotzdem ein rotes Kreuz.
Ein rotes Kreuz und eine sehr überzeugende falsche Fährte
Der Claim stand auf dem Profil als rotes Kreuz mit der Beschriftung [---], was so viel heißt wie „kein Service Provider hat gematcht“. Die anderen vier waren grün. Das Access-Log sah so aus:
OPTIONS /@kernel-error.de 301
GET /.well-known/nodeinfo 200
GET /wp-json/activitypub/1.0/nodeinfo/2.1 200
GET /@kernel-error.de/api/config 404 (doipjs/2.1.0)
Die naheliegende Lesart ist falsch, und sie ist verführerisch. /api/config ist ein Owncast-Endpunkt. Man denkt sofort: Keyoxide hält meinen Claim für einen Owncast-Server, da ist die Provider-Erkennung kaputt. Stimmt aber nicht. Die beiden NodeInfo-Abfragen darüber stammen aus dem ActivityPub-Postprozessor von doipjs, ActivityPub hatte also gematcht. Die Owncast-Abfrage ist der Fallback, der danach läuft, weil der ActivityPub-Test bereits gescheitert war. Symptom, nicht Ursache.
Die Ursache steht in der ersten Zeile. WordPress beantwortet ein OPTIONS auf die hübsche Actor-URL mit einem 301 auf die Startseite. Und ein umgeleiteter CORS-Preflight ist in allen heute relevanten Browsern ein harter Fehler. Die Fetch-Spezifikation ist an der Stelle inzwischen weniger strikt formuliert, in der Praxis bricht der Browser trotzdem ab, und der Prüfer kommt nie an den Actor heran. Das Ärgerliche daran: Die CORS-Header waren die ganze Zeit korrekt gesetzt, Access-Control-Allow-Origin: * und der ganze Rest. Sie kamen nur mit Status 301, und damit sind sie wertlos.
Eine andere Claim-URL hilft nicht heraus. /@handle und /@handle/ antworten beide mit 301 auf OPTIONS, und die eigentliche Actor-ID /?author=0 beantwortet OPTIONS mit 405 und ganz ohne CORS-Header. Es musste also in den nginx, mit einer Location, die den Preflight selbst beantwortet:
Platziert als erste Regex-Location, damit sie vor den späteren gewinnt, und der Nicht-OPTIONS-Zweig spiegelt exakt das, was auch location / macht, damit normaler Verkehr unverändert durchläuft. Der Preflight ging damit von 301 auf 204.
Und der erste Fix reichte nicht, das Log hat es leise gesagt
Nach dem Reload kam sauber der 204. Aber das anschließende GET /@kernel-error.de tauchte im Access-Log überhaupt nicht auf, und doipjs marschierte direkt wieder zur Owncast-Abfrage weiter. Genau diese Abwesenheit ist die Fehlermeldung: Ein Preflight, der erfolgreich ist und auf den dann gar keine Anfrage folgt, bedeutet, dass der Browser die Antwort auf den Preflight abgelehnt hat.
Die Liste der erlaubten Header war schlicht geraten. Accept, Authorization, Content-Type klingt vernünftig, deckte aber offensichtlich nicht ab, was doipjs tatsächlich schickt. Die Erweiterung auf Access-Control-Allow-Headers: * war die zweite Hälfte des Fixes. Der Wildcard wirkt hier, weil die Anfrage ohne Credentials und ohne HTTP-Auth läuft. Bei einer Anfrage mit Credentials wäre der Stern wirkungslos, und Authorization deckt er ohnehin nie ab, den müsste man immer namentlich nennen. Oben steht schon die korrigierte Fassung.
Noch eine Warnung für alle, die so etwas nachbauen: Access-Control-Max-Age: 86400 heißt, dass der Browser die alte Preflight-Antwort einen Tag lang behält. Ein normales Neuladen leert den CORS-Preflight-Cache nicht. Also im privaten Fenster nachtesten, sonst jagt man ein Gespenst.
Drei Lehren daraus, die weit über Keyoxide hinaus gelten:
Richtige Header auf einem falschen Statuscode sind trotzdem kaputt. Ein 301 mit perfekten CORS-Headern scheitert genauso hart wie gar keine Header.
Ein Log liest man von oben nach unten, nicht von unten nach oben. Die verdächtigste Zeile, der 404, war die Folge. Der langweilige 301 zwei Zeilen darüber war der Fehler.
Eine Anfrage, die im Log fehlt, ist auch ein Befund. Die zweite Runde habe ich ausschließlich aus etwas diagnostiziert, das nicht passiert ist.
Ein Nebeneffekt, der mir erst hinterher aufging: Das war nie ein Keyoxide-Problem. Jeder Cross-Origin-Konsument meines ActivityPub-Actors, der dafür im Browser läuft und einen Preflight braucht, ist an diesem Redirect gescheitert, seit es die Adresse gibt, und es ist niemandem aufgefallen. Serverseitige Abrufer waren nie betroffen, die kennen kein CORS. Der nginx-Fix ist deshalb geblieben, auch nachdem der Claim wieder weg war. Er repariert einen echten Defekt, völlig unabhängig von Keyoxide.
Und trotzdem blieb es rot
Nach dem CORS-Fix zeigte das Log endlich das gewünschte Bild: OPTIONS ... 204, gefolgt von GET /@kernel-error.de 200 6915 "doipjs/2.1.0". Der Actor wurde geholt. Und der Claim blieb rot. Der Reihe nach ausgeschlossen habe ich dann:
Provider-Matching. Das Regex in activitypub.js ist ein Catch-All, und die NodeInfo-Abfragen im Log beweisen ohnehin, dass der zugehörige Postprozessor gelaufen ist.
Feldplatzierung.attachment.value ist eines der drei Felder, die doipjs durchsucht.
Inhalt und Schreibweise. Fingerprint einmal in Großbuchstaben, einmal in Kleinbuchstaben probiert. Beides ohne Treffer. Die anderen vier Claims benutzen alle Großbuchstaben und verifizieren einwandfrei, an der Schreibweise liegt es also nicht.
Bleibt ein Verdacht, den ich ausdrücklich als unbewiesen kennzeichne: Das hier ist ein WordPress-ActivityPub-Blog-Actor. NodeInfo meldet software: wordpress, und der preferredUsername lautet kernel-error.de, ist also ein Benutzername mit Punkten darin, den Mastodon so gar nicht erzeugen könnte. Das ist ein deutlich weniger befahrener Pfad durch doipjs als ein normales Mastodon-Profil. Weiterzukommen hätte bedeutet, fremdes JavaScript zu debuggen, für den fünften von fünf Claims.
Also habe ich aufgehört, und die Entscheidung gehört zur Geschichte dazu. Rückbau komplett: Notation aus dem Schlüssel entfernt, alle sieben Kanäle neu ausgerollt, das Profilfeld gelöscht, Caches geleert. Der Claim ist damit vollständig verschwunden, es bleibt also kein dauerhaftes rotes Kreuz stehen. Das ist übrigens eine erfreuliche Eigenschaft: Ein Claim, der nicht funktioniert, lässt sich sauber zurückziehen. Nur die Historie der Notation liegt für immer auf den Keyservern. Wer die rohen Schlüsseldaten auseinandernimmt, findet die alten Selbstsignaturen samt Claim also weiterhin. Im aktuellen Profil taucht er nicht mehr auf.
Zwei Stolpersteine aus dem Rückbau, die man kennen sollte:
Das Entfernen einer Notation braucht eine Bestätigung. Die Reihenfolge ist uid 1, dann notation, dann der Ausdruck mit führendem Minus, dann ein y, dann erst save. Ohne das y schluckt gpg das nachfolgende save als Antwort auf seine Rückfrage, und das Entfernen passiert stillschweigend gar nicht.
Keyserver behalten jede Generation von Selbstsignaturen. Nach dem Rückbau lagen auf keys.openpgp.org zehn Selbstsignaturen auf dieser UID, mit der Reihe 4, 5, 4, 3, 2, 0 Claims. Harmlos, weil gpg wie openpgp.js die neueste nimmt. Aber --export-options export-clean reduziert das nicht auf eine Selbstsignatur. Wer Notationen über einen so bereinigten Export zählt, zählt zu hoch und hält einen erfolgreichen Rückbau für gescheitert. Besser die Zeitstempel pro Signatur vergleichen.
Falle 6: ein langsamer Matrix-Raum sieht aus wie kaputte Föderation
Zum Schluss noch eine schöne Fehldiagnose. Der erste Versuch, #doipver:matrix.org beizutreten, starb mit ResponseNeverReceived. Das liest sich wie ein glasklarer Föderationsausfall, und ich habe entsprechend angefangen zu suchen. Nur: federationtester.matrix.org meldete FederationOK: true mit gültigen Zertifikaten über IPv4 und IPv6, und blankes TCP wie auch HTTPS vom Server nach matrix.org liefen einwandfrei.
#doipver ist einfach ein großer, stark föderierter Raum. Der Alias löst auf hunderte beteiligte Server auf, und ein make_join gegen einen einzelnen ausgelasteten Server dauert entsprechend. Geholfen haben zwei Dinge: mehrere Server zum Beitreten mitgeben und einen großzügigen Timeout setzen, 180 Sekunden waren genug. Der Parameter heißt in der aktuellen Spezifikation via, ich habe hier noch den älteren Namen server_name benutzt.
POST /_matrix/client/v3/join/%21dBfQZxCoGVmSTujfiv%3Amatrix.org
?server_name=matrix.org&server_name=privacyguides.org&server_name=monero.social
Die übertragbare Lehre, gerade für dieses Publikum: Bevor man aus einer einzigen gescheiterten Anfrage eine Föderationsstörung diagnostiziert, sollte man prüfen, ob die Anfrage nur langsam war. Am selben Tag tauchten übrigens noch zwei 429 Too Many Requests bei Schlüsselabfragen im Log auf, ebenfalls reine Ablenkung.
Selbst nachprüfen, ganz ohne die Webseite
Und hier kommt der Punkt, an dem das ganze Modell überzeugt. Du musst keyoxide.org nicht vertrauen, du kannst die komplette Prüfung selbst machen. Vier Schritte, gegen meinen Schlüssel:
# 1. Schlüssel holen, so wie es ein Fremder tun würde
gpg --auto-key-locate clear,wkd --locate-external-keys kernel-error@kernel-error.com
# 2. Claims aus der Selbstsignatur lesen
gpg --export 0x893DE0CDDE986DEB | gpg --list-packets | grep 'proof@ariadne.id'
# 3. Claims auflösen
dig +short TXT kernel-error.de | grep openpgp4fpr
dig +short TXT kernel-error.com | grep openpgp4fpr
curl -sSL https://gist.github.com/Kernel-Error/b51b81489a0600908cf09aca13765b9c/raw/proof.md
# Matrix: Nachricht im Client öffnen oder das Event per API lesen
# Raum !dBfQZxCoGVmSTujfiv:matrix.org
# Event $q3zhGJTbPWZD5LjUnsnAI9p43YzHXglniNv_SL7dldQ
# 4. Gegen den Fingerprint aus Schritt 1 vergleichen, das ist die gesamte Prüfung
Das ist Keyoxide. Mehr macht die Seite auch nicht, sie macht es nur hübscher und schneller. Wenn du diese vier Schritte einmal von Hand durchgehst, sitzt das Argument „du musst der Webseite nicht vertrauen“ deutlich besser als jede Erklärung.
Was das beweist, und was eben nicht
Damit hier niemand mit falschen Erwartungen rausgeht, die ehrlichen Grenzen:
Claims sind praktisch dauerhaft. Sie stehen in der Selbstsignatur, die auf Keyserver hochgeladen wird, und keys.openpgp.org kennt kein Zurücknehmen. Man sollte also nur Identitäten claimen, die man dauerhaft und öffentlich an den Schlüssel gebunden haben möchte. Genau deshalb habe ich Telegram und Threema bewusst weggelassen.
Xing und LinkedIn habe ich übersprungen, es gibt dort keinen brauchbaren Proof-Mechanismus. Eine Klarnamen-Bindung existiert bei mir ohnehin in stärkerer Form über die eID-Zertifizierung. Telefonnummern, SIP und Postanschrift sind nicht verifizierbar und ohnehin eine schlechte Idee.
Das beweist Kontrolle, nicht Identität. Ein grüner Haken sagt: Dieselbe Instanz kontrolliert diesen Schlüssel und dieses Konto. Er sagt nicht, wer diese Instanz ist. Dafür braucht es weiterhin so etwas wie eine eID-Zertifizierung oder ein persönliches Treffen. Das ist die ehrliche Grenze des ganzen Ansatzes, und sie zu überverkaufen wäre falsch.
Die Prüfung ist nur so stark wie der schwächste Endpunkt. Eine DNSSEC-signierte Zone auf eigenen Nameservern ist stark. Ein Gist auf einer Plattform, die morgen ihr URL-Schema ändern kann, ist es nicht.
Keyoxide selbst ist eine Bequemlichkeitsschicht. Verschwindet Keyoxide, funktionieren die Claims weiter. Verschwindet GitHub, ist genau dieser eine Claim tot.
Nachtrag: der neue Schlüssel hatte noch ein ganz anderes Problem
Beim Durchleuchten des Setups ist mir nebenbei ein echter Defekt am funkelnagelneuen Schlüssel aufgefallen: Er hatte überhaupt keine Algorithmus-Präferenzen. Die Folge war messbar und wirklich unangenehm. Ein Dritter, der an den alten Schlüssel verschlüsselt hat, bekam AES256. Beim neuen Schlüssel wurde daraus stillschweigend AES128. Der neue, modernere Schlüssel wurde also schwächer adressiert als der, den er ablöst. Das ist eine eigene Geschichte und die erzähle ich in einem eigenen Beitrag, denn der Unterschied zwischen „mein Schlüssel ist modern“ und „mein Schlüssel ist korrekt konfiguriert“ verdient mehr als eine Randnotiz.
Fazit
Das Web of Trust ist als Alltagsmechanismus tot, die Zertifizierungsstellen für Privatpersonen sind weitgehend weg, und trotzdem bleibt die Frage bestehen, wem ein Schlüssel gehört. Identity Claims sind darauf eine überraschend saubere Antwort: kein Account, kein Anbieter, der etwas hält, keine Abhängigkeit von einer Firma, die morgen verkauft wird. Nur zwei Aussagen, die aufeinander zeigen, und ein Schlüssel, der sein Profil selbst ist.
Der Aufwand ist überschaubar, wenn man die Claims sammelt und in einem Rutsch einträgt. Die Zeit geht nicht für Keyoxide drauf, sondern für die eigenen Caches und für einen alten Redirect, den nie jemand hinterfragt hat. So gesehen war der gescheiterte fünfte Claim der nützlichste von allen.
Wie immer gilt: Wenn etwas unklar ist, wenn ich mich irgendwo irre oder wenn jemand doch noch weiß, warum ein WordPress-ActivityPub-Actor bei doipjs durchfällt, dann dürft ihr mich sehr gerne fragen.
Diese Geschichte fing als PHP-Problem an und endete mehrere Wochen später in einem Bug im FreeBSD-Basissystem, ganz unten im Runtime-Linker. Dazwischen liegen mindestens vier falsche Fährten, ein Crash, der bei jedem Lauf ein anderes Opfer suchte, und die schöne Erkenntnis, dass man eine Heap-Korruption nicht mit einzelnen Watchpoints fängt. Ich schreibe das bewusst mit allen Sackgassen auf, weil genau die der lehrreiche Teil sind. Wer nur die Auflösung will, springt ans Ende.
Das Symptom
PHP 8.4 auf FreeBSD 15 (amd64), im Zusammenspiel mit einer selbst gehosteten Nextcloud. Jeder occ-Aufruf und jeder Cron-Lauf lieferte sein Ergebnis korrekt ab und segfaultete danach. Signal 11, jedes Mal, mit schöner Regelmäßigkeit ein Core-Dump von rund 2,2 GB. Die Ausgabe stand vollständig da, bevor es knallte. Der Crash passierte erst im Module-Shutdown, also beim Aufräumen, nachdem die eigentliche Arbeit längst erledigt war.
Funktional war das harmlos. Ärgerlich war der Rest. Das dmesg füllte sich mit Zeilen der Sorte:
pid 12345 (php), jid 0, uid 80: exited on signal 11 (core dumped)
Die Platte lief mit 2,2-GB-Cores voll, und es gab einen unangenehmen Nebeneffekt: hängende Background-Jobs. Wenn PHP-FPM mitten in einem Nextcloud-Cron-Job segfaultet, wird das reserved_at in der Tabelle oc_jobs nie zurückgesetzt. Der Job gilt damit als dauerhaft in Bearbeitung und läuft nie wieder an. Aus einem kosmetischen Shutdown-Crash wurde so ein echtes Betriebsproblem.
Erste falsche Fährte: OPcache JIT
Ein Segfault in PHP, der frische JIT im Spiel: der erste Verdacht war schnell da. Also habe ich mich durch die JIT-Stufen gearbeitet. Tracing-JIT mit opcache.jit=1255, dann Function-JIT mit 1205, dann JIT komplett aus mit 0. Es crashte durch alle Stufen hindurch unverändert weiter.
JIT war auf FreeBSD 15 zwar tatsächlich für sich genommen kaputt und ist bei mir seitdem aus. Aber die Ursache für den Shutdown-Crash war er nicht. Erste Fährte verworfen.
Die Versions- und Build-Jagd
Nächster Verdacht: ein kaputter Build oder eine ABI-Unstimmigkeit zwischen dem PHP-Core und einer Extension. Also PHP komplett aus den Ports neu gebaut, damit Core und alle Extensions garantiert dieselbe Version tragen. Danach Symbol-Builds fürs Debugging. Und dann durch die Punktversionen gehangelt: 8.4.16, .18, .19, .20, .21, .22. Jede einzelne crashte gleich.
Damit war eine wichtige Sache geklärt: Build, Version und CFLAGS sind nicht der Unterschied. Was sich nicht ändert, wenn man alles daran ändert, liegt woanders.
Eine Lehre am Rande, die mich unnötig Zeit gekostet hat: --enable-debug wechselt das ABI-Verzeichnis der Extensions. Danach laden sämtliche als Paket installierten Extensions nicht mehr, weil sie im falschen Verzeichnis gesucht werden. Wer nur Debug-Symbole will, ohne das ABI zu verbiegen, baut so:
make CFLAGS+=" -g" STRIP=
Die Crash-Site per lldb aus dem Core
Das FreeBSD-Basissystem bringt kein gdb mit, dafür lldb. Aus dem Core kommt man so an den Backtrace:
Die crashende Instruktion war cmpq %rbx, 0x20(%r15). Der Offset 0x20 ist in zend_property_info das Feld ce, der Zeiger auf den Klassen-Eintrag. Das Register r15 stand auf 0x6b588e9c404, unaligned und außerhalb des Heaps. Das riecht nach einem Use-after-Free auf geteilte interne Klassen-Metadaten.
Ein genauerer Walk durch die Strukturen korrigierte meine erste Annahme. Der Offset 0x20 liegt nicht nur in zend_property_info, sondern genauso in zend_class_constant auf dem ce-Feld. Die crashende Schleife lief nicht über die Properties, sondern über die Klassen-Konstanten, also die constants_table. Die crashende Klasse war Pdo\Pgsql, eine der neuen internen Subklassen aus dem PHP-8.4-RFC zu den PDO-treiberspezifischen Subklassen, die von PDO erbt. Mein Verdacht drehte sich damit auf etwas 8.4-Spezifisches: Vererbung von internen Konstanten, vielleicht im Umfeld der Property Hooks.
Der Crash wandert
Und jetzt wurde es unangenehm. Die Crash-Site war nicht stabil. Von Lauf zu Lauf sah ich mal destroy_zend_class, mal zend_type_release, mal zend_interned_strings_dtor. Mal war das Opfer Pdo\Pgsql, mal ein arg_info von RedisCluster, mal ein zend_type, mal ein DateTimeZone.
Das ist das klassische Bild eines einzelnen korrumpierenden Schreibzugriffs mit wechselndem Opfer. Wer getroffen wird, hängt allein am Heap-Layout des jeweiligen Laufs. Das erklärt rückblickend, warum die vermeintlich genaue Klasse jedes Mal anders aussah. Ich hatte die ganze Zeit das Spätsymptom analysiert, nicht die Ursache. Als Beispiel eine ganz andere Crash-Site vom zweiten Rechner:
Das Opfer hier war ein permanenter interned String. Das sind die intern deduplizierten, prozessweit nur einmal abgelegten Zeichenketten, die PHP überall wiederverwendet, in diesem Lauf der Redis-Kommandoname zintercard. Sein Header war zerschossen, beim Freigeben faultet der Destruktor auf einem ZendMM-Block, der gar nicht mehr gemappt ist. Wieder ein anderer Tatort, dasselbe Muster: irgendwer schreibt einmal quer, und wer danach als Erstes über die zerstörte Stelle stolpert, nimmt den Fall.
Upstream-Issue GH-21995, und die Richtung dreht sich
An diesem Punkt habe ich das Ganze bei php-src als Issue GH-21995 aufgemacht. Zwei Reaktionen haben die Richtung gedreht.
Zuerst @iliaal, einer der PHP-Maintainer:
Cannot reproduce on Linux (ASAN, Valgrind all clean on 37 extension build), so if this is valid it might be FreeBSD specific.
ASAN und Valgrind sauber auf Linux ist ein starkes Indiz gegen einen klassischen Use-after-Free im Zend-Speichermanager. Ein solcher Fehler würde unter ASAN sofort auffliegen. Wenn er das nicht tut, sitzt das Problem woanders, vermutlich unterhalb von PHP.
Dann bestätigte @CamilleScholtz das Verhalten unabhängig, auf PHP 8.5.6, FreeBSD 15, und ausdrücklich nicht in einem Jail. Damit fielen zwei bequeme Ausreden weg: es war weder meine spezielle Konfiguration noch etwas, das in 8.5 schon behoben gewesen wäre.
Die VM reproduziert nicht, ein Heisenbug
Auf Bare-Metal crashte die unveränderte Paket-Installation praktisch bei jedem Lauf, gefühlt zu hundert Prozent. In einer VM dagegen kam ich auf rund 650 saubere Läufe, ohne einen einzigen Crash. Und sobald ich mit lldb und Watchpoints an das Objekt heranging, das ich für das Opfer hielt, verschob sich das Opfer. Die Beobachtung selbst veränderte das Heap-Layout und damit den Ausgang.
Das ist ein Heisenbug im Lehrbuchsinn. Ein einzelner Watchpoint auf ein einzelnes Objekt bringt hier nichts, weil der nächste Lauf ein anderes Objekt zerstört. Ich brauchte eine Messung, die gegen das Layout robust ist.
Messen statt raten: der Tabellen-Diff
Statt ein einzelnes Objekt zu beobachten, habe ich die ganze Tabelle der permanenten interned Strings an definierten Checkpoints verglichen. Ein eigenes lldb-Python-Skript zieht an jedem Checkpoint einen Snapshot der Tabelle und difft gegen den vorherigen. So ist es egal, welches konkrete Objekt in diesem Lauf getroffen wird, denn ich sehe jede Änderung an der ganzen Region.
Das Ergebnis war der erste harte Datenpunkt seit Wochen. Der korrumpierende Schreibzugriff passiert während des Spawns, genauer im Intervall zwischen posix_spawnp und posix_spawn_file_actions_destroy. Überschrieben wird ein zusammenhängender Block von rund 480 Byte, gefüllt mit 8-Byte-Zeigern. Das sieht aus wie Stack-Frames, die dort hingehören, wo sie nicht hingehören. Damit war klar: das ist keine PHP-interne Speicherverwaltung, das ist der Spawn.
Die Batterie: den Auslöser einkreisen
Jetzt konnte ich gezielt testen. Je 20 Läufe pro Kandidat. Nur proc_open crashte, und zwar 20 von 20. popen, exec, system, shell_exec, fopen, dazu Heap-Churn-Kandidaten wie str_repeat und range: alle 0 von 20. Es ging also nicht um fork und exec im Allgemeinen, auch nicht um Heap-Belastung, sondern spezifisch um proc_open.
Und dann entschied die Form des Aufrufs über Crash oder kein Crash:
Aufruf
Spawn-Pfad
Crash
proc_open(["true"], …) (relativ)
posix_spawnp → __libc_execvpe (PATH-Suche)
ja
proc_open(["/usr/bin/true"], …) (absolut)
posix_spawnp → execvPe direkt
nein
proc_open("true", …) (String)
posix_spawn (/bin/sh -c) → _execve
nein
Nur der relative Befehl ohne Schrägstrich im Namen crasht, weil nur der die PATH-Suche im Kind auslöst. Die Länge des PATH war dabei egal, auch mit einem einzigen Eintrag crashte es. Das grenzt es sauber gegen den alten Long-PATH-Overflow ab: es geht nicht um einen zu langen PATH, sondern um einen intrinsischen Stack-Verbrauch im no-slash-Suchzweig.
Das Minimal-Repro ist entsprechend kurz und kommt ganz ohne Framework aus:
php -r 'proc_open(["date"], [], $pipes);' # → signal 11
Ein Detail fehlt noch, und es ist wichtig: der Crash braucht den vollen Satz geladener Extensions. Ein Minimalsatz von 17 Extensions reicht, aber das Entfernen irgendeiner einzelnen davon stoppt den Crash. Konkret dieser Satz: session, dom, iconv, imagick, intl, pdo, pgsql, phar, simplexml, sodium, xml, xmlwriter, zip, zlib, memcached, pdo_pgsql, redis. Viele geladene Shared Objects plus ein proc_open: beides zusammen ist nötig, keins allein reicht. Diese Beobachtung war später der Schlüssel zur Ursache, auch wenn ich das zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste.
Runter in die libc-Quelle
Der Spawn führte mich in /usr/src/lib/libc/gen/posix_spawn.c. Auf amd64 startet do_posix_spawn das Spawn-Kind so:
Für ein {"true", NULL} sind das rund 4128 Byte. Das Entscheidende an RFSPAWN beziehungsweise rfork_thread: das Kind bekommt bis zum exec einen geteilten Adressraum, ähnlich wie bei vfork. Kind und Eltern arbeiten bis zum exec also auf demselben Speicher. Bei einem relativen Kommando läuft das Kind über __libc_execvpe in die PATH-Suche. Meine Hypothese an dieser Stelle war: das Kind erschöpft seine gut 4 KB Stack und schreibt in den direkt darunter liegenden Heap des Elternprozesses. Das würde exakt zu dem 480-Byte-Block aus Zeigern passen, den der Tabellen-Diff gesehen hatte.
Der Beweis: guardspawn
Eine Hypothese ist nur so gut wie ihr Experiment. Also habe ich guardspawn.c geschrieben, einen kleinen Interposer per LD_PRELOAD, der rfork_thread(RFSPAWN) abfängt und dem Kind einen selbst kontrollierten Stack unterschiebt. Zwei Varianten, zwei klare Antworten:
Gebe ich dem Kind 1 MB Stack, fällt der Crash auf 0 von 30. Baseline ohne Interposer war 30 von 30.
Gebe ich dem Kind wieder nur gut 4 KB, aber mit einer Guard-Page direkt darunter, stirbt das Spawn-Kind selbst mit SIGSEGV, unabhängig von der genauen Stelle.
Damit war die Kernaussage bewiesen: das Kind erschöpft den knapp 4 KB großen Spawn-Stack. Genauso ehrlich habe ich es aber auch in den Report geschrieben: welcher exakte Frame den Puffer überläuft, war zu dem Zeitpunkt nicht bewiesen. Ein alleinstehendes C-Programm triggerte den Fehler nicht, das Ganze hing an der Last des Prozesses. Mein Verdacht ging Richtung Runtime-Linker, aber das war noch eine Vermutung, kein Beweis.
Eine ehrliche Selbstkorrektur
Zwischendurch hatte ich mich verrannt und einen Stack-Underflow zu bestimmt behauptet. Ein zweiter, kritischer Blick von außen und ein eigener Read der Quelle korrigierten das: execvPe selbst verbraucht deutlich weniger als 4 KB, und absolute Kommandos laufen auch durch execvPe und crashen trotzdem nicht. Der Unterschied liegt also nicht in einem bewiesenen Overflow in execvPe, sondern im no-slash-Zweig der PATH-Suche. Ich habe das im Report deshalb als Lokalisierung formuliert, nicht als bewiesenen Mechanismus.
Dazu gehört auch das ehrliche Eingeständnis, dass alle meine früheren php-src-Hypothesen falsch waren: die Property Hooks, der vermeintliche Use-after-Free auf Klassen-Konstanten, die interned-String-Korruption, die pgsql-Verdächtigungen. Das war alles die wandernde Fault-Site, das Spätsymptom, nie die Ursache. Wer wochenlang das Symptom seziert, baut sich überzeugende Theorien über das Symptom. Das gehört in so einen Bericht hinein, nicht wegretuschiert.
Der Bugreport ans FreeBSD-Basissystem
Mit dieser Lokalisierung habe ich den Bug im FreeBSD-Basissystem eingereicht: Bug 295991. Das php-src-Issue GH-21995 habe ich als kein php-src-Bug geschlossen und beide Seiten miteinander verlinkt.
Wichtig war mir die Abgrenzung zu FreeBSD-SA-20:18 beziehungsweise CVE-2020-7458 von 2020. Das war der Long-PATH-Overflow an genau dieser Code-Stelle, längst behoben. Mein Fall ist die gleiche Gegend im Code, aber unabhängig von der PATH-Länge. Es ist bewusst keine Sicherheitsgeschichte, sondern ein Stabilitätsproblem, ausgelöst von völlig legitimem Code beim Aufräumen.
Praktischer Nebenbefund für alle, die sich an der Anubis-Sperre der FreeBSD-Bugzilla stören: den Status eines Bugs bekommt man ohne Browser bequem per REST:
Jetzt kam der Teil, für den sich die Mühe des sauberen Reports gelohnt hat. @bdrewery, FreeBSD-Committer, bestätigte und reproduzierte den Fehler noch bequemer als ich, direkt über den www/nextcloud-Port mit occ status in einer Schleife:
there is some random corruption that shows up with php on exit when loaded with many extensions. Raising the stack size in posix_spawn avoids the problem.
Zur Ehrlichkeit gehört der Seitenhieb, den ich mir dabei eingefangen habe: den Text meines Reports nannte er einen unreadable AI mess. Inhaltlich hat er den Fall getroffen, die Form hat genervt. Das war eine gute und verdiente Lektion über Report-Stil, auf die ich am Ende noch einmal zurückkomme.
@kevans hat den Mechanismus dann endgültig festgenagelt, und zwar an einer Stelle, an der ich nur einen Verdacht hatte. Nicht execvPe sprengt den Stack, sondern der Runtime-Linker beim Lazy-Binding der Symbole. Der Pfad ist _rtld_bind → find_symdef → symlook_default → donelist_init. Und donelist_init macht ein alloca, dessen Größe mit der Zahl der geladenen Shared Objects skaliert:
Genau deshalb triggern schwer gelinkte Prozesse den Fehler und Spielzeug-Programme nicht. obj_count ist bei PHP mit dem vollen Extension-Satz groß, das alloca entsprechend fett, und auf dem gut 4 KB kleinen Spawn-Stack ist dann Schluss. Das deckt sich exakt mit meiner rtld-Vermutung aus dem Report und erklärt auch das 17-Extensions-Minimum: unter einer gewissen Zahl geladener Objekte bleibt das alloca klein genug.
Der Fix
Der Fix kam von @kib als Diff D57908. Die erste Revision regressierte und ließ eine www/onlyoffice-Umgebung crashen, mit ld-elf.so.1-Faults in beam.smp und x2t. Das war ein Multithreading-Problem, das kib noch vor dem Commit behoben hat. Danach ging es nach main:
1e370f0 „rtld: stop using unbound alloca()“ vom 29. Juni 2026. Die alloca-Aufrufe in der DoneList und in map_object wandern in den Heap, sobald sie groß werden. Vermerk MFC after: 1 week.
3de9dc5 vom 30. Juni 2026. Ein libc-Regressionstest, der eine Dummy-Shared-Library mehrfach mappt und mit einer Guard-Page arbeitet, um den Underflow zuverlässig zu triggern.
Beim Schreiben dieses Beitrags steht der MFC nach stable/15 an. Für ein 15.1-RELEASE kommt der Fix mit einem der künftigen 15.x-Patches. Bis dahin ist der Workaround simpel: absolute Pfade in proc_open vermeiden den crashenden no-slash-Zweig. Das ist Symptombekämpfung, kein Fix. Und wer nur das volllaufende Dateisystem im Blick hat, räumt die harmlosen Cores einfach weg.
Warum am Ende alles zusammenpasst
Das Schöne an der Auflösung ist, dass sie jedes einzelne der vielen Rätsel erklärt, die mich wochenlang in die Irre geführt haben:
Nur proc_open crasht, weil es das einzige PHP-Konstrukt ist, das posix_spawnp nutzt.
Nur relative Kommandos crashen, weil nur sie die PATH-Suche und damit das Lazy-Binding im Kind auslösen.
Nur FreeBSD auf amd64, weil der rfork_thread-Pfad mit dem kleinen malloc-Stack amd64- und i386-spezifisch ist.
ASAN und Valgrind sauber auf Linux, weil glibc posix_spawn ganz anders baut.
Der volle Extension-Satz nötig, weil viele Shared Objects das alloca im rtld erst groß genug für den Überlauf machen. Und die vielen permanenten interned Strings legen zusätzlich die späteren Opfer genau unter den Spawn-Puffer.
Zur Methode, und zum Report-Stil
Zwei Dinge nehme ich technisch mit. Erstens: eine Heap-Korruption mit wanderndem Opfer fängt man nicht mit einzelnen Watchpoints, weil das Beobachten das Layout verschiebt und damit das Opfer. Was funktioniert, sind layout-robuste Tabellen-Diffs an definierten Checkpoints. Nicht ein Objekt anstarren, sondern die ganze Region vorher und nachher vergleichen. Zweitens: ein LD_PRELOAD-Interposer mit Guard-Page ist ein billiges, definitives Ja-oder-Nein-Experiment für die Frage, ob ein Stack-Overflow vorliegt. Ein sauberes Experiment schlägt zehn plausible Theorien.
Und dann die Lektion, die mir @bdrewery verpasst hat. Ein Bugreport, der die ganze Hypothesenkette in den Body kippt, ist für den Leser eine Zumutung, egal wie korrekt die Analyse ist. Die richtige Form sind drei bis vier Sätze Kern ganz oben, das reproduzierbare Minimal-Beispiel gleich dahinter, und der ganze Ermittlungskrimi darunter für die, die ihn brauchen. Der Inhalt hat gestimmt, deshalb wurde der Bug gefixt. Aber die Form hätte den Committern viel Zeit gespart. Nächstes Mal Kern zuerst.
Ähnliche Geschichte im Notebook, im Basissystem festgefahren, oder einfach eine Meinung zum Report-Stil? Dann einfach fragen.
Ein einzelner ZFS-Pool aus zwei 7200-rpm-Platten war durch Metadaten-Random-I/O ausgebremst. Lösung ganz ohne Neuaufbau: die vorhandenen SSDs zu einem gespiegelten special vdev für Metadaten plus gespiegeltem SLOG umgebaut, zwei zpool add-Befehle im laufenden Betrieb. Resultat: Metadaten-Leselatenz von rund 46 ms auf rund 455 µs, also etwa Faktor hundert, bei voll erhaltener Verschlüsselung und Redundanz.
Drehende Platten sind ein ehrliches Stück Technik. Sie speichern viele Terabyte für wenig Geld und liefern bei sequenziellem Zugriff ordentlichen Durchsatz. Ihre Achillesferse ist der zufällige Zugriff auf viele kleine Blöcke, denn jede Kopfbewegung kostet Latenz im zweistelligen Millisekundenbereich aus Seek und Rotationswartezeit. Und genau dieses ungünstigste Muster produziert ein Copy-on-Write-Dateisystem wie ZFS am laufenden Band: Metadaten. Verzeichnis-ZAPs, dnodes, indirekte Blöcke, also die Block-Pointer-Bäume, dazu Spacemaps. Jedes ls, jedes stat, jeder Snapshot-Vergleich, jeder Scrub und jede find-Traversierung wühlt sich durch viele kleine, über die ganze Platte verstreute Metadatenblöcke. Auf einer HDD ist das der teuerste Spaß, den man haben kann.
Ich hatte genau diesen Schmerz auf einem dedizierten Server: ein bewusst simpel gehaltener ZFS-Pool, zwei Enterprise-SATA-Platten im Mirror als Kapazitätsspeicher, und ein nagender Verdacht, dass die Spindeln der Flaschenhals sind. Die spannende Frage war nicht, ob man das beheben kann, sondern wie elegant. Die Antwort heißt allocation classes, konkret ein special vdev. Und das Schöne daran: Der Umbau lief komplett im laufenden Betrieb, ohne den Pool neu aufzubauen, ohne Downtime, mit zwei Befehlen. Dieser Beitrag zeigt den ganzen Weg, inklusive der Baseline-Messung, die den Engpass erst beweist, eines Verschlüsselungs-Stolpersteins beim Umbau und der ehrlichen Frage, was so ein special vdev wirklich bringt.
Die Ausgangslage
Der Server läuft auf FreeBSD 15.1-RELEASE (amd64, 12 CPU-Threads, 64 GiB RAM). Ein einziger ZFS-Pool, 2023 ganz bewusst als schlichter Mirror angelegt:
Das Daten-vdev sind zwei 7200-rpm-Enterprise-SATA-Platten mit je 2 TB als Mirror (mirror-0, rund 1,8 TiB nutzbar), der eigentliche Kapazitätsspeicher.
Dazu zwei Datacenter-SATA-SSDs mit je 240 GB und Power-Loss-Protection. Die waren vorher suboptimal genutzt: eine als einzelner, nicht gespiegelter SLOG, die andere als L2ARC.
ARC-Limit anfangs 16 GiB, poolweit compression=lz4 und atime=off von Anfang an.
ashift=12 erzwungen über vfs.zfs.vdev.min_auto_ashift=12, also 4K-Sektor-Alignment, korrekt auch dann, wenn die Platten brav 512-Byte-Sektoren melden.
Die Power-Loss-Protection der SSDs ist kein Detail am Rande, sondern später für die SLOG-Sicherheit relevant: Eine SSD ohne Pufferschutz darf bei einem synchronen Write nicht behaupten, die Daten lägen sicher, solange sie noch im flüchtigen Cache stehen. Datacenter-SSDs mit Kondensator-gestütztem Cache dürfen das, und genau das braucht ein SLOG.
Erst messen, dann bauen
Bevor ich auch nur eine Partition angefasst habe, kam die wichtigste Phase: messen. Ohne Baseline kauft man Hardware nach Bauchgefühl und tunt am falschen Ende. Also lief ein eigener, delta-basierter Sampler über 30 Minuten, 90 Samples zu je 20 Sekunden. Er liest sysctl-Counter für CPU, ARC und Netz sowie iostat -x für die Platten-Busy und die Latenzen. Die wichtigste Spalte zur Einordnung der Last ist net-out, also der ausgehende Netzdurchsatz als Proxy dafür, was während des Laufs tatsächlich los war.
Das Ergebnis der Baseline (16 GiB ARC, alte SSD-Rollen) war eindeutig:
Der Flaschenhals ist der HDD-Mirror. Busy im Mittel 58 bis 62 %, Spitzen bis 100 bis 104 %, Latenz im Mittel rund 8 ms, unter Last bis 20 bis 24 ms. In 16 % der Samples war die HDD zu 95 % oder mehr ausgelastet, also gesättigt.
Die CPU war zu rund 95 % idle, RAM frei, der Netz-Peak lag bei rund 68 Mbit/s, also nur etwa 7 % des Gigabit-Links. Weder CPU noch RAM noch Netz waren das Limit.
Der ARC klebte an seinem 16-GiB-Limit (Mittel 15,7 GiB) bei einer Hit-Rate von rund 94,7 %. Der ARC war schlicht ausgehungert und hätte mehr RAM sofort genutzt.
Der einzelne SLOG lief bei rund 42 % Busy, war also nicht gesättigt. Die Spindeln waren das Limit, nicht der SLOG.
Das ist die didaktische Pointe, die ich jedem ans Herz lege: Ohne diese Messung wüsste ich nicht, ob CPU, RAM, Netz oder Platten klemmen, und ich wüsste nicht, ob das Problem auf der Lese- oder der Schreibseite liegt. Messen ist kein Nice-to-have, sondern die Voraussetzung dafür, das richtige Bauteil zu kaufen und am richtigen Hebel zu drehen.
Was ein special vdev ist, und warum nicht einfach All-SSD
Allocation classes sind ein OpenZFS-Feature (feature@allocation_classes), mit dem ein Pool mehrere Klassen von vdevs führen kann. Das special vdev ist die Klasse für Metadaten: ZFS legt dnodes, indirekte Blöcke und poolweite Metadaten bevorzugt dort ab statt auf dem normalen Daten-vdev. Über die Dataset-Property special_small_blocks kann man zusätzlich kleine Datenblöcke unterhalb einer einstellbaren Schwelle aufs special vdev ziehen. Im Kern verschiebt man also genau die Datenklasse, die eine HDD am schlechtesten beherrscht, auf ein Medium, das genau dafür gebaut ist.
Dass das hier der richtige Hebel ist, ist nicht geraten, sondern messbar: Der ARC dieses Servers besteht zu rund 85 % aus Metadaten, konkret 17,4 GB Metadaten gegenüber 3,0 GB Daten im ARC. Der Workload ist also metadaten-dominiert. Metadaten auf SSD zu verlagern trifft den Engpass damit an der Wurzel, denn das ist exakt der Random-I/O, an dem die Platten am meisten leiden. Bevor ich mich für das special vdev entschieden habe, standen aber andere Optionen auf dem Tisch:
Kompletter All-SSD-Pool aus zwei großen SSDs: der sauberste Komplettfix, aber teuer und ein großer Umbau mit Pool-Neuaufbau und vollständiger Datenmigration. Overkill, wenn der Großteil der Kapazität aus kalten, überwiegend sequenziell gelesenen Daten besteht.
Mehr RAM und ARC: hilft nur der Leseseite und nur, solange der Working Set in den ARC passt. Schreib-Metadaten müssen trotzdem auf stabilen Speicher, daran ändert RAM nichts.
L2ARC behalten: abgeschafft. Bei 24 GiB ARC lag die Lese-Hit-Rate schon bei rund 98,5 %. Der L2ARC brachte nur rund 1,3 % zusätzliche Reads, ist flüchtig (nach einem Reboot leer) und kostet sogar ARC-RAM für seine Header. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis war negativ.
special vdev: die gewählte Lösung. Nutzt die vorhandenen SSDs, kein Pool-Neuaufbau, adressiert exakt den gemessenen Metadaten-Schmerz, inkrementell und live im Betrieb machbar.
Der Umbau Schritt für Schritt
Aus dem alten Zustand mit einem einzelnen SLOG und einem L2ARC sollte ein SLOG-Mirror plus ein special-vdev-Mirror werden. Beide SSDs werden also jeweils zur Hälfte für beide Zwecke genutzt, jeweils gespiegelt. Zuerst die alten Single-Rollen entfernen:
zpool remove zroot ada3p1 # alter L2ARC
zpool remove zroot ada2p1 # alter (einzelner) SLOG
Und hier kam der erste Stolperstein, der so lehrreich ist, dass er einen eigenen Absatz verdient. Das SLOG-Remove schlug zunächst fehl:
cannot remove ada2p1: Mount encrypted datasets to replay logs
Die Ursache: Es existierten verschlüsselte Datasets, deren Keys in diesem Boot nie geladen waren. Der SLOG lässt sich nicht entfernen, solange potenziell noch nicht abgespielte ZIL-Einträge für gesperrte Datasets vorliegen, denn ZFS müsste diese Einträge zum Replay erst entsperren. Erst nach dem Aufräumen und Entsperren ließ sich der SLOG sauber entfernen. Das ist gleichzeitig die perfekte Überleitung zum Verschlüsselungskapitel weiter unten, denn es zeigt, wie tief native ZFS-Encryption in den ZIL-Pfad eingreift.
Danach die SSDs neu partitionieren, sauber 1-MiB-aligned. Pro SSD wird p1 16 GiB groß (SLOG) und p2 rund 208 GiB (special). Das Ergebnis von gpart show ada2 ada3:
Beide Befehle bewusst ohne -f. So bleibt der Redundanz-Schutz von ZFS als Sicherheitsnetz aktiv: ZFS verweigert ein nicht-redundantes special oder log neben einem Mirror, solange man es nicht ausdrücklich erzwingt. Und genau dieses Verweigern ist hier gewollt.
Die wichtigste Warnung dieses Beitrags: Ein special vdev ist nicht optional für die Pool-Integrität. Verliert man ein nicht gespiegeltes special vdev, ist der gesamte Pool verloren, denn die Metadaten liegen dort, und ohne sie ist der Rest unlesbar. Das special vdev muss mindestens so redundant sein wie das Daten-vdev, hier also als Mirror. Für den SLOG gilt das in dieser Schärfe nicht, ein verlorener SLOG kostet nur die letzten Sekunden async-bestätigter sync-Writes, aber ein SLOG-Mirror verhindert, dass ein einzelner SSD-Ausfall den ZIL-Schutz aushebelt.
Das fertige Layout sieht in zpool status und zpool list -v dann so aus:
Zum SLOG-Sizing noch ein Wort, weil es oft falsch gemacht wird. Der SLOG puffert nur die dirty data eines, maximal zweier txg-Flush-Intervalle. Bei vfs.zfs.dirty_data_max = 4 GiB reichen 16 GiB SLOG mit großzügigem Polster, mehr bringt schlicht nichts. Genauso wichtig: Der SLOG beschleunigt nichts direkt. Er ist nur ein schnelles, stromausfallsicheres Zwischenlager für den ZIL, greift ausschließlich bei synchronen Writes (fsync oder O_SYNC) und wird im Normalbetrieb nie gelesen, sondern erst nach einem Crash zum Replay. Wer das verwechselt, sollte sich die Trennung einprägen: Der ZIL ist immer da, das ist das Konzept. Der SLOG ist nur ein optionales separates Gerät dafür.
Die unbequeme Wahrheit: nur neue Metadaten wandern
Hier muss ich ehrlich sein, denn es ist der am häufigsten missverstandene Punkt. Ein special vdev migriert keine bestehenden Metadaten. Es nimmt nur auf, was nach dem Hinzufügen geschrieben wird. Alte Metadaten bleiben auf der HDD liegen, bis sie durch Copy-on-Write ohnehin neu geschrieben werden. Der volle Effekt entsteht also erst über die Zeit oder durch einen optionalen zfs send | zfs recv-Rebuild der großen Datasets. Kein Sofort-magisch-alles-schneller, sondern ein Mechanismus, der sich befüllt. Dass er sich befüllt, sieht man an der Belegung, die mit jedem neuen Metadaten-Write wächst:
special mirror-3 206G alloc 5.38G free 201G FRAG 27% CAP 2.60%
Die Messung danach, und wie man sie ehrlich liest
Jetzt kommt der Teil, an dem viele Tuning-Berichte unsauber werden, weil sie einen Vorher-Nachher-Durchsatz behaupten, der unter unterschiedlicher Last gemessen wurde und damit nichts beweist. Ich gehe einen anderen Weg und zeige die Wirkung über drei Argumente, von denen zwei komplett lastunabhängig sind.
Erstens der Latenz-Split pro vdev, das stärkste und lastunabhängige Argument. zpool iostat -lv zeigt die Latenzen getrennt pro vdev. Die folgende Tabelle sind seit-Boot-kumulierte Mittelwerte, also langzeit-repräsentativ und kein zufälliger Augenblick:
Die Kernaussage steht in zwei Zahlen: Metadaten-Leselatenz 455 µs auf der special-SSD gegen 46 ms auf der HDD, das ist etwa Faktor hundert. Jeder Metadaten-Zugriff, der nicht ohnehin aus dem RAM bedient wird, ist seitdem rund hundertmal schneller. Zu den -l-Spalten kurz: total_wait ist die Gesamtwartezeit inklusive Queue, disk_wait die reine Gerätelatenz, syncq_wait und asyncq_wait die Zeit in den ZFS-internen Queues. Wer ein echtes Zeitfenster statt des Boot-Mittels sehen will, nimmt zpool iostat -lv zroot 10 2 und liest das zweite Sample, denn das erste ist immer der Seit-Boot-Durchschnitt.
Zweitens die ARC-Metadaten-Aufteilung, also die Struktur des Workloads. Sie erklärt, warum es gerade hier so viel bringt:
arcstats.metadata_size = 17.4 GB # rund 85 % des ARC sind Metadaten
arcstats.data_size = 3.0 GB
arcstats.demand_metadata_hits = 1,133,349,218
arcstats.demand_metadata_misses = 11,594,376 # müssen auf Platte ... jetzt SSD
arcstats.demand_data_hits = 220,864,693
arcstats.demand_data_misses = 672,908
Der Workload ist metadaten-dominiert. Die Lifetime-ARC-Hit-Rate liegt bei rund 98,9 %, aber die über 11,5 Millionen Metadaten-Misses müssen zwangsläufig auf Platte, und sie landen jetzt auf SSD statt auf HDD. Hier multipliziert sich der Faktor-hundert-Latenzvorteil mit der schieren Menge an Metadaten-Operationen. Das ist die quantitative Begründung dafür, warum ausgerechnet ein special vdev der wirksamste Hebel war und nicht etwa nur mehr ARC. Begleitend habe ich das ARC-Limit von 16 auf 24 GiB angehoben, weil RAM frei war. Die Folge war eine Hit-Rate von rund 95 % auf rund 99 %. Zwei Hebel, die zusammenwirken: weniger Misses überhaupt, und die verbliebenen sind jetzt SSD-schnell.
Das Herzstück: die 8,5-MB/s-Rechnung
Drittens, und das ist der eigentliche Aha-Moment, eine logische Schlussfolgerung statt eines Durchsatz-Vergleichs. Die Ausgangsmessung lief unter einer ganz konkreten Last: Ein Client lud zeitgleich größere Dateien herunter, ein klassischer Datei-Download. Der Netzdurchsatz dabei lag bei rund 68 Mbit/s, also etwa 8,5 MB/s. Und genau hier wird es interessant.
Eine einzelne 7200-rpm-HDD liefert sequenziell 150 bis 200 MB/s. Ein Download mit 8,5 MB/s ist also kaum 5 % dessen, was eine Platte im Schlaf kann, und hier zogen sogar zwei davon im Mirror mit. Trotzdem zeigte die Messung, dass der HDD-Mirror im Mittel rund 60 % ausgelastet war und in 16 % der Messintervalle voll gesättigt (95 % Busy oder mehr), mit Latenzen bis 20 bis 24 ms.
Das ist ein Widerspruch, und der Widerspruch ist der Beweis. Für sequenzielle 8,5 MB/s darf eine HDD niemals an die Sättigung kommen. Wenn sie es doch tut, dann waren diese Zugriffe nicht sequenziell, sondern seek-gebunden. Die Köpfe wurden permanent quer über die Platte gerissen. Wofür? Für das, was dieses System zu rund 85 % beschäftigt: Metadaten-Random-I/O, also dnodes, indirekte Blöcke und Verzeichnis-Lookups, die sich auf denselben zwei Spindeln mit dem Download um die Köpfe prügelten, verschärft durch die damals hohe Fragmentierung. Ein eigentlich harmloser Download zerfiel so in ein Seek-Gewitter.
Genau diese Konkurrenz wurde mit dem special vdev eliminiert. Die Metadaten-Zugriffe laufen jetzt auf den SSDs mit rund 455 µs statt zig Millisekunden. Die HDD-Köpfe können auf dem Datenstrom bleiben, statt ständig für Metadaten wegzuspringen. Derselbe Download belastet die Spindeln damit nur noch einen Bruchteil. Nicht, weil die Dateidaten schneller kämen, die liegen weiter auf HDD, sondern weil der Lärm daneben weg ist. Diese Schlussfolgerung steht ohne erfundenen Vergleich, sie ist wasserdicht: 8,5 MB/s sättigt physikalisch keine HDD, also waren es Seeks, also Metadaten-Kontention, und genau die habe ich verlagert.
Wie sich der Pool im ruhigen Normalbetrieb anfühlt, zeigt eine zweite, entspannte Momentaufnahme. Sie ist ausdrücklich kein Vorher-Nachher-Vergleich, sondern nur ein Blick auf den Alltag:
CPU idle 96.9 % ARC hit 99.7 % ARC 23.3 GiB
HDD busy ~2 % HDD-Sättigung 0 % HDD-Latenz ~1.5 ms
SSD busy 4.3 % / 4.5 % (gleichmäßig über beide Mirror-Member)
net-out-Peak 2.0 Mbit/s
Im ruhigen Normalbetrieb langweilt sich der HDD-Mirror, fast alle Reads kommen aus ARC oder SSD. Das illustriert den Alltag. Die eigentliche Wirkung des Umbaus zeigen aber die 8,5-MB/s-Rechnung oben sowie der Latenz-Split und die ARC-Aufteilung, und die gelten unabhängig von der Last.
Sicherheit und Verschlüsselung, die entscheidende Nuance
Die wichtigen Datasets dieses Systems sind nativ mit ZFS verschlüsselt (encryption = aes-256-gcm), die System- und Boot-Datasets nicht. Sobald man ein special vdev einführt, stellt sich sofort die sicherheitskritische Frage: Landet jetzt unverschlüsselter Klartext auf den SSDs, nur weil dort die Metadaten liegen? Die Antwort ist ein klares Nein, und die Begründung ist wichtig genug, um sie sauber auszuführen.
ZFS native encryption verschlüsselt Dateiinhalte und die sensiblen Objekt-Metadaten, also Dateinamen, Verzeichnisstruktur, dnodes, Attribute und ACLs. Diese Blöcke sind bereits Ciphertext, bevor der Allocator überhaupt entscheidet, auf welches vdev sie wandern. Ein special vdev ist nur ein anderer Ablageort und ändert an der Verschlüsselung nichts. Verschlüsselte Metadaten bleiben auf der special-SSD verschlüsselt.
Was ZFS-Encryption ohnehin nicht verbirgt, special vdev hin oder her, sind die Metadaten auf Pool- und Dataset-Ebene: Dataset-Namen, Pool-Struktur, Anzahl und Größe von Snapshots, die Blockpointer-Struktur. Das ist eine Eigenschaft von ZFS-Encryption und keine neue Schwäche durch das special vdev.
aes-256-gcm ist authenticated encryption (AEAD), liefert also Vertraulichkeit und gleichzeitig Integritäts- und Authentizitätsschutz der verschlüsselten Blöcke.
Ein schöner Praxisbezug schließt sich hier zum Umbau-Kapitel: Genau weil verschlüsselte Datasets im Spiel sind, blockierte das zpool remove mit der Meldung über das Mounten verschlüsselter Datasets zum Replay. Das zeigt anschaulich, wie tief Encryption in den ZIL- und SLOG-Pfad eingreift, denn der ZIL kann Einträge für verschlüsselte Datasets enthalten, die sich nur nach dem Entsperren abspielen lassen. Das Fazit zur Sicherheit ist damit eindeutig: Ein special vdev ist verschlüsselungs-neutral. Wer verschlüsselte Datasets nutzt, bekommt verschlüsselte Metadaten auf der special-SSD, kein Klartext-Leak.
Abwägung: Vorteile, Nachteile, Risiken
Was unterm Strich für das special vdev spricht:
Es adressiert den gemessenen Engpass, Metadaten-Random-I/O, direkt an der Wurzel.
Es nutzt vorhandene SSDs, also keine Neuanschaffung, kein Pool-Neuaufbau, live im laufenden Betrieb hinzugefügt.
Rund hundertfach niedrigere Metadaten-Leselatenz (455 µs gegen 46 ms), spürbar bei ls, stat, find, Snapshots, Scrub und allen Workloads mit vielen kleinen Dateien.
Über special_small_blocks später fein justierbar, um kleine Datenblöcke nachzuziehen, ohne Downtime und nur für neue Writes.
Verschlüsselungs-neutral.
Der I/O verteilt sich jetzt gleichmäßig über beide Mirror-Member. Vorher lag eine SSD als einzelner SLOG bei rund 42 % Busy, die andere als L2ARC quasi brach.
Und ehrlich auch die andere Seite, denn ein special vdev ist kein Selbstläufer:
Redundanz ist Pflicht, nicht Kür. Ein nicht-redundantes special vdev bedeutet Totalverlust des Pools bei SSD-Ausfall. Mirror ist zwingend.
Keine Migration bestehender Metadaten. Nur neue Writes wandern, der volle Effekt kommt erst per send und recv-Rebuild.
Das special vdev kann volllaufen. Ist es voll, fallen neue Metadaten auf das langsame Daten-vdev zurück. Das ist kein Fehler, aber der Effekt lässt nach, also Füllgrad mit zpool list -v überwachen.
special_small_blocks zu hoch gesetzt verstopft das special vdev mit Datenblöcken und lässt es schneller volllaufen. Vorsichtig hochtasten (von 0 über 4K und 8K bis vielleicht 32K) und dabei den Füllgrad beobachten.
Mehr vdevs bedeuten mehr Komplexität und mehr Teile, die ausfallen können. Den SSD-Wear im Blick behalten, hier bewusst Datacenter-SSDs mit Power-Loss-Protection gewählt, weil sie Dauerlast und sync-Writes aushalten.
Der zpool remove-Stolperstein mit verschlüsselten Datasets gehört dokumentiert, damit man im Ernstfall nicht in Panik gerät.
Die eigentliche Botschaft
ZFS erlaubt es, die Storage-Architektur inkrementell und im laufenden Betrieb an einen gemessenen Engpass anzupassen, ohne Pool-Neuaufbau, ohne Downtime, ohne Datenmigration als Vorbedingung. Aus einem simplen HDD-Mirror wurde durch zwei zpool add-Befehle ein hybrider, mehrstufiger Pool: kalte Massendaten auf günstigen Spindeln, heiße Metadaten und optional kleine Blöcke auf schnellen SSDs, synchrone Writes über einen gespiegelten SLOG. Diese Flexibilität, tiered storage als Live-Operation, kombiniert mit Checksumming, Compression, Snapshots und nativer Verschlüsselung im selben Dateisystem, ist der eigentliche Kern. Man kauft sich SSD-Speed genau dort, wo die Messung den Schmerz zeigt, und lässt den Rest günstig auf HDD. Kein anderes verbreitetes Dateisystem macht das so geradlinig.
Ausblick
special_small_blocks schrittweise anheben, um kleine Dateien und nicht nur Metadaten auf SSD zu ziehen, live und nur für neue Writes.
Ein optionaler send und recv-Rebuild der großen Datasets, um bestehende Metadaten auf das special vdev zu migrieren und so den vollen Effekt zu heben.
Eine lastgleiche Wiederholungsmessung in einem Hochlast-Fenster für eine saubere Zahl auf der Schreibseite.
Spickzettel
Die Befehle, mit denen man Layout, Latenzen und ARC-Komposition selbst nachsieht:
# Pool-Layout und Auslastung pro vdev
zpool status zroot
zpool list -v zroot
# Latenzen pro vdev (das Geld-Kommando), 2. Sample lesen für ein echtes Zeitfenster:
zpool iostat -lv zroot 10 2
# ARC: Größe und Metadaten/Daten-Split plus Demand-Hits und -Misses
sysctl kstat.zfs.misc.arcstats.size kstat.zfs.misc.arcstats.metadata_size kstat.zfs.misc.arcstats.data_size kstat.zfs.misc.arcstats.demand_metadata_hits kstat.zfs.misc.arcstats.demand_metadata_misses
# allocation_classes-Feature und special_small_blocks
zpool get feature@allocation_classes zroot
zfs get special_small_blocks zroot
# Verschlüsselungs-Status der Datasets
zfs get encryption,keystatus DATASET
# SSD-Partitionierung
gpart show ada2 ada3
# SLOG-Sizing-Kontext
sysctl vfs.zfs.dirty_data_max
# Pool-Historie (zeigt die echten add/remove-Befehle)
zpool history zroot
Selbst einen HDD-Pool mit einem special vdev entschärft, oder noch am Abwägen, ob sich der Umbau lohnt? Erzähl mir gern von deinem Layout, oder stell deine fragen.
Am 1. Januar habe ich hier einen Beitrag geschrieben, der eine Wette war. Die These: Web-Optimierung verschiebt sich. Weg von SEO, dem Kampf um die beste Platzierung bei Google, hin zu etwas, das ich AEO genannt habe. Answer Engine Optimization. Also nicht mehr „wie komme ich auf Platz eins“, sondern „wie liefere ich die beste maschinenlesbare Antwort“. Ich habe damals llms.txt eingebaut, ein bisschen über JSON-LD geschrieben und ehrlich dazugesagt, dass niemand weiß, ob das langfristig relevant bleibt. Der letzte Satz war: ich bin gespannt, was passiert.
Jetzt ist ein gutes halbes Jahr vergangen. Zeit für einen Kassensturz. Was davon hat sich gehalten, was war naiv, was hat sich differenziert? Und vor allem: ich habe in den letzten Monaten tatsächlich daran gearbeitet, mich für eine Maschine sauber beschreibbar zu machen. Nicht als Theorie, sondern an der eigenen Seite, mit allen Fehlern, die dabei sichtbar wurden. Genau diese Fehler und die Abwägungen dahinter sind der eigentliche Inhalt dieses Beitrags. Wer den Vorgängerpost noch nicht kennt, findet ihn hier: Von SEO zu AEO, warum llms.txt, JSON-LD und Answer Engines das Web verändern.
Die Suche wird zur Antwortmaschine
Fangen wir mit dem an, was sich gerade wirklich verändert, unabhängig von meinem Blog. Wer heute etwas googelt, bekommt immer öfter die Antwort direkt auf der Ergebnisseite. Eine zusammengefasste KI-Antwort, darunter vielleicht ein paar Quellen. Der Klick auf eine Webseite entfällt. Dafür gibt es einen Begriff: Zero-Click-Suche. Die Information erreicht den Menschen, ohne dass er die Seite besucht, von der sie stammt.
Das ist keine Vermutung, das lässt sich messen. Das Pew Research Center hat Daten aus dem Frühjahr 2025 ausgewertet, veröffentlicht im Juli 2025: das Surfverhalten von rund 900 erwachsenen US-Nutzern, knapp 68.900 Google-Suchanfragen. Das Ergebnis: bekamen die Leute eine KI-Zusammenfassung angezeigt, klickten nur noch 8 Prozent auf einen weiterführenden Treffer. Ohne KI-Zusammenfassung waren es 15 Prozent, fast doppelt so viel. Auf die in der KI-Antwort verlinkten Quellen klickte überhaupt nur 1 Prozent. Fairerweise dazugesagt: Google hält die Methodik dieser Studie für nicht repräsentativ, hat aber keine eigenen Gegenzahlen vorgelegt. Zur Einordnung der Größenordnung: schon bei der ganz normalen Google-Suche endet ein großer Teil ohne Klick. Die Zero-Click-Studie von SparkToro (Rand Fishkin, 2024, Datenbasis Datos, das zu Semrush gehört) kommt auf rund 58 Prozent in den USA und knapp 60 Prozent in der EU, neuere Auswertungen für 2026 eher Richtung zwei Drittel. Und ein Hinweis zur Vorsicht, weil die Zahl gern falsch zitiert wird: die oft genannten 93 Prozent Zero-Click gelten ausschließlich für Googles AI Mode, also den dialogorientierten Chat-Modus der Suche (Semrush maß dort 92 bis 94 Prozent), nicht für die normale Suche. Wer diese Schlagzeile unbesehen übernimmt, vergleicht Äpfel mit Birnen.
Wie stark der Effekt kausal ist, hat ein randomisiertes Feldexperiment von Saharsh Agarwal (Indian School of Business) und Ananya Sen (Carnegie Mellon University) untersucht, Feldphase Januar und Februar 2026, 1.065 ausgewertete US-Desktop-Nutzer von Chrome. Auf den Suchanfragen, bei denen tatsächlich eine KI-Übersicht erschien, sanken die organischen Klicks um etwa 38 Prozent, die Zero-Click-Rate stieg von 54 auf 72 Prozent. Wichtig für die Einordnung: das ist ein noch nicht begutachtetes Arbeitspapier, online seit April 2026, und die Stichprobe sind aktive Desktop-Chrome-Nutzer aus einem Panel, nicht alle Google-Nutzer. Das Studiendesign war immerhin vorab registriert, was die Aussagekraft stützt. Trotzdem bleibt es ein Befund mit klaren Grenzen. Die Pointe ist nicht, dass die Suche stirbt, sondern etwas Nüchterneres: Sichtbarkeit entkoppelt sich vom Klick. Man kann als Quelle einer Antwort auftauchen, ohne dass jemand die eigene Seite öffnet.
Vom String zum Ding
Jetzt wird es interessant, denn hier liegt der Mechanismus, der mitentscheidet, ob man in so einer Antwort überhaupt vorkommt. Schon 2012 hat Google den Knowledge Graph eingeführt, unter dem Slogan „Things, not strings“. Übersetzt: Dinge, nicht Zeichenketten. Davor war eine Suchmaschine im Kern ein Textabgleich. Du tippst Buchstaben, sie sucht Seiten mit denselben Buchstaben. Seitdem versucht Google, hinter den Buchstaben das tatsächliche Ding zu erkennen. Eine Entität. Ein eindeutig identifizierbares Etwas mit Beziehungen zu anderen eindeutig identifizierbaren Etwas.
Das klassische Beispiel ist das Wort Jaguar. Tier, Auto oder Betriebssystem? Ein Mensch erkennt aus dem Zusammenhang sofort, was gemeint ist. Eine Maschine muss disambiguieren, also die Mehrdeutigkeit auflösen. Und genau dasselbe Problem gilt für mich. Welcher Sebastian van de Meer? Es gibt mehr als einen Menschen mit diesem Namen. Für eine Maschine ist mein Name erst einmal nur eine Zeichenkette, die zu mehreren Personen passt. Eindeutigkeit wird belohnt. Es gibt dazu einen vielzitierten Datenpunkt, den ich ehrlich einordnen muss: laut einer Auswertung von Kalicube (Jason Barnard, veröffentlicht bei Search Engine Land im August 2025) verschwanden im Juni 2025 über drei Milliarden Einträge aus dem Knowledge Graph, ein Rückgang von rund sechs Prozent, verteilt auf zwei Stichtage. Google hat das nie offiziell bestätigt, und die Deutung, dass hier Klarheit über Masse gewinnt, ist die des Analysten, nicht Googles erklärter Grund. Also ein Indiz, kein Gesetz. Der Knowledge Graph selbst speist sich nach Googles eigenen Angaben unter anderem aus Wikipedia, Branchenquellen nennen ergänzend Wikidata, und er ist das Bindeglied zwischen klassischer Suche und KI-Antworten. Googles KI-Suche, die auf Gemini basiert, greift nach eigener Darstellung auf den Knowledge Graph als Echtzeit-Quelle zurück. Wer dort als saubere Entität existiert, ist für beide Welten greifbar.
Wie man sich einer Maschine als Entität vorstellt
Damit sind wir beim Herzstück. Wie sage ich einer Maschine glaubwürdig, wer ich bin? Das Werkzeug dafür heißt JSON-LD nach dem schema.org-Vokabular. Vereinfacht: ein maschinenlesbarer Steckbrief, der direkt in der Seite liegt und Fakten ausdrücklich beschriftet. Das ist der Autor, das ist sein Beruf, das ist das Erscheinungsdatum. Statt die Maschine alles aus Fließtext erraten zu lassen, legt man ihr die Fakten getypt hin. Eine Klarheits- und Extraktionshilfe, mehr nicht. Keine Garantie auf ein Ranking und keine Garantie, zitiert zu werden. Diese Erwartung muss man sofort dämpfen, sonst baut man Luftschlösser.
Aus der abstrakten Ansage von damals ist bei mir eine ziemlich durchdachte Identitäts-Architektur geworden. Und ehrlich: das Spannende waren nicht die Zeilen, die ich geschrieben habe, sondern das, was ich dabei gelernt habe. Neun Punkte, die ich so vorher nicht auf dem Schirm hatte.
Erstens, eine Identität, eine kanonische Adresse. Für eine Maschine sollte eine Person genau ein Ding sein, mit einer stabilen Kennung, die überall identisch auftaucht, nicht auf jeder Seite neu erfunden. Maschinen lösen Identität über stabile Identifier auf, nicht über Namen. Lose Namensnennungen ohne gemeinsame Kennung werden als verschiedene Menschen gelesen oder gar nicht zusammengeführt. Der Preis ist weniger Flexibilität. Der Gewinn ist ein zusammenhängender Knoten statt vieler Splitter.
Zweitens, eine Wahrheitsquelle statt überall dasselbe reinkippen. Die vollständige Selbstbeschreibung steht bei mir an genau einer Stelle, auf der Über-mich-Seite. Alle anderen Seiten tragen nur eine schlanke Referenz darauf. Der Grund ist unromantisch: dieselbe Definition überall zu duplizieren erzeugt Drift. Man ändert eine Stelle, vergisst die anderen, und am Ende widerspricht sich der eigene Datensatz selbst. Die Abwägung: die schlanke Referenz darf nicht zu dünn sein, sonst findet ein Crawler, der zufällig nur eine Artikelseite erwischt, keinen Anker zurück zum Profil.
Drittens, Privates gehört nicht in den maschinenlesbaren Broadcast. Das war für mich die wichtigste Einsicht. Telefonnummer, Adresse und ähnliches haben für die maschinelle Identifikation exakt null Wert. Disambiguiert wird über verlinkte Profile, nicht über die Handynummer. Auf jeder einzelnen Seite ausgestrahlt wären solche Daten dagegen eine ideale Fläche zum Abgreifen. Also stehen die privaten Angaben jetzt bewusst nur dort, wo sie hingehören, und sind nicht mehr auf rund 470 Seiten als sauber beschriftete Schlüssel-Wert-Paare maschinenlesbar verteilt. Das ist die zentrale Abwägung zwischen Datenschutz und Maschinenlesbarkeit, und sie fällt klar zugunsten Datenschutz aus. Das Schöne: man verliert dabei kein einziges Identitäts-Signal.
Viertens, externe Anker sind die eigentliche Beweiskette. Eine Behauptung über mich wird erst dann prüfbar, wenn sie auf unabhängige Profile verweist und diese zurückverweisen. Bei mir sind das unter anderem GitHub, ein Eintrag im BSI-Bürger-CERT-Netzwerk, Mastodon und die Bluesky-Brücke, dazu Identifier wie ORCID und ein Wikidata-Eintrag. Entscheidend ist die Wechselseitigkeit. Ein Verweis zählt nur, wenn die Gegenseite zurückzeigt. Anfangs lagen diese Anker nur auf der Profilseite. Das war ein Single Point of Failure: wenn ein Crawler genau diese eine Seite nicht erwischt, ist die Identität nicht mehr belegbar. Also gehören die stärksten Anker auf jede Seite. Und die Disziplin dabei: unverifizierbare oder tote Profile lässt man weg, weil sie das Signal nur verwässern.
Fünftens, innere Widerspruchsfreiheit ist selbst ein Qualitätssignal. Ein Beispiel aus der eigenen Seite, das mich erst geärgert und dann überzeugt hat: der Herausgeber des Blogs und der Herausgeber der einzelnen Artikel zeigten auf zwei verschiedene, nirgends sauber definierte Stellen. Für eine Maschine sieht so etwas aus wie ein Datenfehler und untergräbt das Vertrauen in den gesamten Datensatz. Die Lektion war, lieber einen sauber benannten zusätzlichen Knoten einzuführen, hier die Marke „Kernel-Error“ als eigene Herausgeber-Instanz, als zwei sich widersprechende Halbwahrheiten stehen zu lassen. Das ist übrigens keine technische Petitesse, sondern eine echte Identitäts-Entscheidung: gilt „Kernel-Error“ als eigene Marke neben der Person? Ich habe mich dafür entschieden, und plötzlich ergab der ganze Rest Sinn.
Sechstens, einen Wissensgraphen kann man nicht belügen. Das klingt pathetisch, ist aber sehr praktisch gemeint. Alle externen Quellen, auf die ich verweise, sind crawlbar. Jeder Status lässt sich gegen das echte Upstream-Projekt prüfen. Also habe ich offene Beiträge ehrlich als offen gekennzeichnet, statt sie als erledigt zu verkaufen. Zwei meiner Patches für eine Fingerabdruckleser-Bibliothek sind eingereicht, aber noch nicht gemerged, und genau so steht es da. Behauptungen, die ich nicht belegen kann, etwa angebliche CVEs, die sich öffentlich nicht auffinden lassen, habe ich komplett weggelassen. Ein als „erledigt“ deklarierter, in Wahrheit offener Beitrag ist ein sofort widerlegbarer Fehler, und der beschädigt die Glaubwürdigkeit des gesamten Profils. Die Abwägung ist unbequem: das Profil sieht weniger beeindruckend aus. Aber ein einziger entlarvter Fake-Claim ist teurer als zehn ehrliche kleine. Vertrauen entsteht aus Prüfbarkeit, nicht aus Behauptung.
Siebtens, Expertise belegt man mit Artefakten, nicht mit Adjektiven. Niemand muss mir glauben, dass ich etwas kann. Sie können es nachsehen. Konkrete, von Dritten kontrollierbare Arbeiten sind der stärkste maschinenlesbare Beleg. Ein in ein fremdes Projekt aufgenommener Patch verankert mich im Linkgraph dieses fremden, autoritativen Projekts. Ein eigenes Repository ist überprüfbarer Code, kein Selbstlob. Die Disziplin dahinter: nur real Existierendes, korrekt zugeschrieben. Fremde Maintainer-Arbeit führe ich nicht als meine. Bei einem Rezensions-Artikel über ein Tool, das mir nicht gehört, bleibt die Urheberschaft beim Upstream. Und Füllmaterial wie Trivia oder Verzeichnis-Einträge bleibt bewusst draußen, um das Signal nicht zu verwässern.
Achtens, wer alles kennt, löst auf nichts auf. Meine Themenliste hatte über 40 mehr oder weniger beliebige Schlagworte. Das habe ich auf eine Handvoll fokussierte Kernthemen zusammengestrichen, möglichst als eindeutige Referenzen statt als nackte Wörter. Der Grund: zu viele Themen verwässern das Signal so sehr, dass man für kein einziges Feld als Autorität erkennbar ist. Die Wette dahinter ist, dass ein scharfes Profil in wenigen Feldern für eine Antwortmaschine wertvoller ist als eine lange, unscharfe Stichwortliste. Der Preis ist Breite bei Nischen-Anfragen. Den zahle ich gerne.
Neuntens, jede Seite soll sagen, was sie ist. Profilseite, Kontaktseite, Artikel, Autorenarchiv: jeder Seitentyp deklariert jetzt seine Rolle und welche Rolle ich dort spiele. Das stärkste Signal „diese Adresse ist das kanonische Profil dieser Person“ entsteht erst dadurch, dass die Profilseite sich auch als Profilseite zu erkennen gibt. Vorher sah sie für eine Maschine aus wie jede beliebige andere Seite und verschenkte diese Aussage komplett. Die Abwägung: mehr Fallunterscheidung im Code, dafür präzise, rollenrichtige Signale.
Wie Antwortmaschinen ihre Quellen wählen
Eine einzelne perfekte Seite reicht nicht. KI-Systeme kreuzprüfen eine Entität über mehrere unabhängige Quellen, bevor sie zitieren. Im schema.org-Vokabular heißt das Stichwort sameAs, frei übersetzt der Verweis auf denselben Ausweis anderswo. Konsistente, echte Verweise erhöhen die Vertrauenswürdigkeit, garantieren aber nichts. Es braucht übereinstimmende Spuren an mehreren Orten. Und Vorsicht vor dem Trugschluss „mehr ist besser“: tote oder inkonsistente Verweise schaden, nur gepflegte, echte Profile zählen.
Der vielleicht wichtigste Befund für alle, die keine Marketing-Abteilung haben: Zitierwürdigkeit ist nicht dasselbe wie Ranking. Ahrefs hat im August 2025 rund 15.000 Long-Tail-Anfragen ausgewertet und KI-Assistenten wie ChatGPT, Gemini und Perplexity dieselben Fragen gestellt. Ergebnis: im Schnitt ranken nur rund 12 Prozent der von diesen Tools zitierten URLs in Googles Top 10, rund 88 Prozent also nicht. Etwa 80 Prozent tauchen für die ursprüngliche Anfrage überhaupt nicht in Googles Ergebnissen auf. Ein Detail der Ehrlichkeit halber: das ist ein Durchschnitt, und Perplexity schert mit knapp 29 Prozent Überschneidung deutlich nach oben aus, hängt also stärker an der klassischen Suche als die anderen. Die Botschaft bleibt trotzdem: Antwortmaschinen wählen nach antwortfertig, glaubwürdig und strukturell sauber, nicht primär nach Suchplatzierung. Genau deshalb kann ein Nischenblog ohne Spitzen-Rankings trotzdem zitierfähig sein. Wer nur in Keyword-Rankings denkt, greift zu kurz.
Und was steigert nun messbar die Sichtbarkeit in generativen Antworten? Eine viel zitierte akademische Arbeit von Forschenden der Princeton University und des IIT Delhi, dazu zwei unabhängige Autoren, hat genau das untersucht, vorgestellt auf der KDD 2024. Sie gilt als die erste Arbeit, die den Begriff Generative Engine Optimization geprägt hat. Die Antwort ist herrlich unspektakulär, und das ist die eigentliche Pointe. Was hilft, ist: wörtliche Zitate einbauen (in der Studie der stärkste Hebel mit rund 41 Prozent mehr Sichtbarkeit), Statistiken nennen (rund 33 Prozent), Quellen angeben (rund 28 Prozent), flüssig und gut lesbar schreiben (ähnliche Größenordnung). Insgesamt bis zu rund 40 Prozent mehr Sichtbarkeit. Zwei Einschränkungen gehören dazu: gemessen wurde nicht Traffic oder Klicks, sondern eine positionsgewichtete Sichtbarkeit innerhalb der KI-Antwort, und die Prozente sind relativ zu einer unoptimierten Ausgangsversion. Das Schlusslicht, mit deutlichem Abstand: klassisches Keyword-Stuffing senkte die Sichtbarkeit sogar, um rund 8 bis 9 Prozent. Die Botschaft ist also kein Geheimtrick, sondern fast schon eine Erlösung: gute, belegte, lesbare Substanz ist die Strategie. Das ist auch der Kern von E-E-A-T, also Erfahrung, Fachkenntnis, Autorität und Vertrauen. Kein Algorithmus-Schalter, sondern ein Signalbündel. Und genau hier zahlt die verifizierte Identität ein: echte Werke, externe Bestätigung und Konsistenz machen Erfahrung und Expertise überhaupt erst maschinell nachvollziehbar.
Ehrlicher Kassensturz
Bleibt die unbequeme Frage: hat das alles etwas gebracht? Fangen wir mit der Korrektur meiner eigenen Anfangs-Wette an, der llms.txt. Die läuft live, der Aufwand für die Datei ist billig und harmlos. Aber sie ist kein bewiesener Hebel. Auf der Search Central Live im Juli 2025 stellte Gary Illyes klar, dass llms.txt keine Google-Initiative ist und Google nicht plant, das Format zu unterstützen. John Mueller hatte sie schon im Frühjahr 2025 mit dem längst ignorierten Keywords-Meta-Tag verglichen, weil sie vom Seitenbetreiber kontrolliert und damit letztlich eine Selbstauskunft ist, die man genauso gut direkt an der Seite überprüfen könnte. Im Dezember 2025 tauchte eine llms.txt kurz in Googles eigener Entwickler-Dokumentation auf und war am selben Tag wieder weg, allem Anschein nach ein automatischer Rollout des Redaktionssystems, keine Kursänderung. Wie es mit der Nutzung auf Anbieterseite wirklich steht, ist unübersichtlich: formell als Standard zugesagt hat es keiner, Google lehnt ausdrücklich ab, OpenAI hat sich nicht festgelegt. Von einzelnen Anbietern heißt es, sie berücksichtigten das Format in ihren Abläufen, aber diese Angaben stammen aus SEO-Quellen, nicht aus offiziellen Hersteller-Mitteilungen. Ich verkaufe das also nicht als Wundermittel. Es schadet nicht, es ist schnell gemacht, aber es ist eher eine Höflichkeitsgeste an Maschinen als ein Garant für irgendetwas.
Anders sieht es bei der strukturierten Identität aus. Hier ist aus „ich habe da mal was erwähnt“ etwas Substantielles geworden. Nicht weil ein Schema magisch wirkt, sondern weil mich der Prozess gezwungen hat, meine eigene Online-Existenz aufzuräumen, Widersprüche zu beseitigen und nur noch Prüfbares zu behaupten. Das wäre auch ohne jede Maschine eine gute Übung gewesen.
Und meine selbstironische Prognose von damals, dass klassische Blogs seltener werden? Die stimmt und stimmt nicht. Dieser Blog schreibt weiter, sehr aktiv sogar. Aber die Verteilung verschiebt sich tatsächlich. Neue Beiträge gehen über ActivityPub ins Fediverse und über eine Brücke nach Bluesky, nicht mehr in erster Linie über die Suchmaschine zum Leser. Insofern stützt die Realität die Prognose, sie widerlegt nur das „Blog ist tot“-Pathos. Es ist kein Sterben, es ist ein Umzug der Verteilwege.
Hat die Maschinenlesbarkeit messbar etwas gebracht? Differenziert betrachtet ja und nein. Die KI-Crawler holen die strukturierten Daten nachweislich ab, das war meine Anfangsprognose und sie hat sich bestätigt. Aber Abruf ist nicht gleich Klick. Die Klick-Konversion aus diesen Kanälen ist niedrig. Das ist kein Widerspruch, das ist genau der Punkt des ganzen Themas, siehe Zero-Click weiter oben. Sichtbar zu sein und besucht zu werden sind zwei verschiedene Dinge geworden.
Damit zum Kerngedanken, der für mich am Ende übrig bleibt: Man kontrolliert nicht, ob eine KI einen zitiert. Man kontrolliert nur, ob man zitierbar ist. Das ist die ganze Aufgabe. Fehlende oder widersprüchliche Daten machen ein Zitat fast unmöglich. Saubere, konsistente, belegbare Daten machen es wahrscheinlicher. Mehr Versprechen gibt es nicht, und jeder, der mehr verspricht, verkauft etwas. SEO ist dabei übrigens nicht tot, das wäre Übertreibung. Technische Hygiene, Crawlbarkeit und gute Inhalte bleiben die Basis. Es verschieben sich nur die Gewichte.
Vor einem halben Jahr habe ich geschrieben, ich sei gespannt, was passiert. Daran hat sich nichts geändert. Ich weiß heute ein paar Dinge genauer, ich habe meine eigene Anfangs-Euphorie an einigen Stellen kassiert, und ich habe vor allem gelernt, dass der ehrlichste Weg auch der robusteste ist. Ob das langfristig der richtige war, weiß ich immer noch nicht. Ich bin weiterhin gespannt.
Wir haben 2026. Alles wandert in die Cloud. Trotzdem will ich heute über serielle Konsolen schreiben. Klingt retro, ist es aber nicht. Wenn ein Switch sich verkonfiguriert hat und das Netzwerk weg ist, hilft kein Ansible und kein Dashboard in der Cloud. Dann hilft nur noch der serielle Konsolenport. Out-of-Band Management ist nicht tot. Es wurde nur teuer verpackt.
Kommerzielle Konsolenserver kosten gerne vierstellig. Oder man nimmt einen Raspberry Pi der noch herum liegt und auf eine neue Aufgabe wartet (ich habe hier ein paar Pi1 oder 2 herum liegen). Zusammen mit zwei USB Serial Adaptern hat man für unter 50 Euro einen Konsolenserver mit acht Ports. Das reicht für die meisten Setups locker aus.
Wofür ein Konsolenserver
Der klassische Fall: Ein paar Switches im Rack, jedes Gerät hat einen seriellen Konsolenport. Im Normalbetrieb konfiguriert man über das Netzwerk. Aber wenn mal eine falsche Route das Management Interface unerreichbar macht oder ein VLAN Umbau schiefgeht, steht man vor dem Gerät und steckt ein Kabel rein. Wenn das im DC in Frankfurt ist, oder vielleicht irgendwo in China, dann kann das spannend werden.
Oder man hat vorgebaut.
Ein Konsolenserver hängt permanent an den seriellen Ports der Netzwerkgeräte. Man kommt per SSH auf den Konsolenserver und von dort auf die serielle Konsole des Zielgeräts. Ob das Netzwerk funktioniert oder nicht, spielt keine Rolle mehr. Öhm also ja, so grob. Der Pi sollte dann ja schon noch erreichbar sein. Aber man hat ja in einem entfernten DC auch eine Dailin Line oder ähnliches, richtig? Richtig?
Hardware
Ein Raspberry Pi. Es muss kein aktuelles Modell sein. Selbst ein alter Pi 2 reicht völlig aus. Das Ding muss ser2net laufen lassen und ein paar serielle Ports bedienen, dafür braucht man keinen Quad Core mit 8 GB RAM. Der Pi aus der Schublade bekommt endlich eine sinnvolle Aufgabe.
FTDI Quad Port USB Serial Adapter (Vendor 0403, Product 6011). Pro Adapter bekommt man vier serielle Ports. Mit zwei Adaptern hat man acht Ports. Die Dinger gibt es für kleines Geld.
RS232 Kabel zu den Console Ports der Netzwerkgeräte. Welcher Stecker passt, hängt vom Hersteller ab. RJ45 auf DB9, DB9 auf DB9, die üblichen Verdächtigen. Da muss man schauen was die eigenen Geräte mitbringen.
Stabile Gerätenamen mit udev
Das erste Problem nach dem Einstecken der USB Adapter: Linux vergibt die /dev/ttyUSBx Nummern nach Lust und Laune. Nach einem Reboot kann ttyUSB0 plötzlich ttyUSB4 sein. Wenn man wissen will welcher Port an welchem Gerät hängt, ist das unpraktisch.
Die Lösung sind udev Regeln. Jeder FTDI Adapter hat eine eigene Seriennummer. Die findet man so:
udevadm info -a -n /dev/ttyUSB0 | grep serial
Damit baut man sich Regeln die stabile Symlinks erzeugen. Datei /etc/udev/rules.d/99-serial-consoles.rules:
FT000001 und FT000002 ersetzt man durch die echten Seriennummern der eigenen Adapter. Das Ergebnis sind stabile Symlinks: /dev/quad0-00 bis /dev/quad0-03 für den ersten Adapter, /dev/quad1-00 bis /dev/quad1-03 für den zweiten. Acht Ports, immer gleich benannt. Egal wie oft man den Pi neustartet.
ser2net
ser2net bildet die seriellen Ports auf TCP Ports ab. Man kann dann per Telnet auf einen bestimmten Port zugreifen und landet direkt auf der seriellen Konsole des zugehörigen Geräts. Installieren mit apt install ser2net, dann die Konfiguration in /etc/ser2net.conf:
9600 8N1 ist der Standard bei den meisten Netzwerkgeräten. Falls ein Gerät eine andere Baudrate braucht, passt man die entsprechende Zeile an. Der Timeout von 600 Sekunden trennt die Verbindung nach zehn Minuten Inaktivität. Das verhindert dass ein vergessenes Telnet die Konsole dauerhaft blockiert.
Direkter Zugriff mit minicom
Wer ser2net nicht nutzen will oder schnell direkt auf einen Port muss, nimmt minicom:
minicom -D /dev/quad0-00 -b 9600
minicom ist gut für schnelle Tests und Debugging. Für den Dauerbetrieb mit mehreren Ports gleichzeitig ist ser2net die bessere Wahl.
Warum localhost
ser2net ist im gezeigten Setup bewusst auf localhost gebunden. Man muss sich erst per SSH auf den Pi einloggen und dann telnet 127.0.0.1 200x aufrufen. Das ist Absicht.
Man könnte ser2net auch auf 0.0.0.0 binden und die Ports direkt aus dem Netz erreichen. Davon rate ich ab. Telnet ist unverschlüsselt. Auch in einem Management VLAN hat das nichts verloren.
Bessere Alternativen wenn man ohne SSH auf den Pi will:
ser2net ab Version 4.x unterstützt SSL/TLS. Damit hat man verschlüsselte Verbindungen direkt zu den Console Ports.
stunnel vor ser2net schalten. stunnel terminiert TLS und reicht die Verbindung an den lokalen ser2net weiter.
Wer nativen SSH Zugriff direkt auf die seriellen Ports braucht, sollte sich conserver anschauen. ser2net kann kein SSH.
Für die meisten Setups ist SSH auf den Pi und dann Telnet auf localhost der einfachste und sicherste Weg.
Absichern
Ein paar Dinge die man auf dem Pi noch machen sollte:
Den Default Benutzer pi löschen. Einen eigenen Benutzer anlegen. SSH Key Authentifizierung einrichten und Login per Passwort deaktivieren. Das ist nicht optional.
NTP konfigurieren. Timestamps in Logs sind nutzlos wenn die Uhrzeit nicht stimmt.
Syslog an einen zentralen Logserver weiterleiten. Wenn man serielle Konsolen mitschneidet, will man die Logs nicht nur lokal auf dem Pi haben.
Workflow
Der Alltag sieht dann so aus:
SSH auf den Pi: ssh admin@10.0.0.50
Telnet auf den gewünschten Port: telnet 127.0.0.1 2003
Man landet auf der seriellen Konsole von Switch 3
Alternativ direkt mit minicom: minicom -D /dev/quad0-02 -b 9600
Zum Trennen: Ctrl-] und dann quit bei Telnet. Ctrl-A gefolgt von X bei minicom.
Fazit
Ein alter Raspberry Pi, zwei USB Adapter, ein paar Kabel. Mehr braucht man nicht für einen funktionierenden Konsolenserver mit acht Ports. Die Einrichtung dauert vielleicht eine Stunde. Danach läuft das Ding und man muss nie wieder ein Konsolenkabel quer durch den Serverraum schleppen.
Und der alte Pi aus der Schublade hat endlich wieder eine Aufgabe.
Ihr habt Fragen, Anmerkungen oder baut das Setup selbst nach? Meldet euch gerne über die Kontaktseite oder direkt per E-Mail.
Nachdem ich zuerst OpenSSH und dann Postfix und Dovecot mit Post-Quantum-Kryptografie ausgestattet habe, kamen einige Rückfragen: Wie sieht das eigentlich für Nginx aus? Kann man das auf dem Webserver genauso einfach aktivieren? Kurze Antwort: Ja. Noch kürzer sogar als bei E-Mail.
Spannend finde ich dabei, dass ausgerechnet der Webserver die meisten Nachfragen erzeugt hat. SSH und E-Mail laufen hier längst mit X25519MLKEM768, aber die Leser wollten vor allem wissen, wie das für HTTPS geht. Vermutlich weil jeder eine Webseite hat, aber nicht jeder seinen eigenen Mailserver betreibt?! Es kommt ja immer darauf an, was man macht und welche Daten man übermittelt. Aber SSH oder E-Mail würde mich selbst nervöser machen als normales surfen. Wobei…. Ich melde mich ja auch an, hm. OK, immer MFA. Na, eine normale E-Mail ist ja schon immer eine Postkarte, wenn man keine zusätzliche Verschlüsselung nutzt (was kaum jemand macht).
Worum geht es?
Wer die Vorgeschichte noch nicht kennt: X25519MLKEM768 ist ein hybrider Schlüsselaustausch, der klassisches X25519 (Curve25519 ECDH) mit dem Post-Quantum-Algorithmus ML-KEM-768 kombiniert. Standardisiert vom NIST als FIPS 203. Der Vorteil des hybriden Ansatzes: Selbst wenn sich ML-KEM irgendwann als unsicher herausstellt, bleibt X25519 als Absicherung. Und andersherum genauso.
Das „Store now, decrypt later“ Szenario kennt ihr vielleicht schon aus den anderen Beiträgen. Jemand schneidet heute euren TLS-verschlüsselten Datenverkehr mit und entschlüsselt ihn in ein paar Jahren mit einem Quantencomputer. Bei HTTPS betrifft das alles, was über die Leitung geht: Formulardaten, Login-Credentials, API-Aufrufe, Session-Cookies. Ob das in der Praxis relevant ist? Kommt auf euer Bedrohungsmodell an. Aber der Aufwand für die Absicherung ist so gering, dass es keinen Grund gibt, es nicht zu tun.
Es hängt an OpenSSL, nicht an Nginx
Das ist eigentlich die zentrale Erkenntnis aus allen drei Beiträgen: Ob PQC funktioniert oder nicht, entscheidet fast ausschließlich die OpenSSL-Version. Nginx, Postfix, Dovecot, OpenSSH, sie alle delegieren den Schlüsselaustausch an OpenSSL (oder LibreSSL, BoringSSL, je nach System). Die Anwendung selbst muss lediglich die gewünschte Gruppe konfigurieren können. Und das können alle genannten Programme seit Jahren.
Konkret braucht ihr OpenSSL 3.5 oder neuer. Erst ab dieser Version ist ML-KEM nativ im Default-Provider enthalten, ohne externen OQS-Provider, ohne liboqs, ohne selbst kompilieren. FreeBSD 15 liefert das von Haus aus. Bei den meisten Linux-Distributionen sieht es Stand heute leider noch anders aus. Ubuntu 24.04 hat OpenSSL 3.0, Debian 12 hat 3.0, RHEL 9 hat 3.0. Für ein aktuelles OpenSSL müsst ihr dort entweder selbst bauen oder auf neuere Releases warten.
Wenn X25519MLKEM768 in der Liste auftaucht, kann es losgehen.
Nginx konfigurieren
In Nginx heißt die relevante Direktive ssl_ecdh_curve. Der Name ist etwas irreführend, denn sie steuert nicht nur ECDH-Kurven, sondern alle Key-Exchange-Gruppen die OpenSSL kennt. Also auch hybride PQC-Gruppen.
Meine Konfiguration in der TLS-Defaults-Datei, die per include in alle vHosts eingebunden wird:
Das war’s. Eine Zeile. X25519MLKEM768 steht als bevorzugte Gruppe ganz vorne. Dahinter folgen die klassischen Kurven als Fallback für Clients, die noch kein ML-KEM sprechen. Die Reihenfolge ist die Präferenz.
Wer die Direktive lieber pro vHost setzen möchte, statt global, kann das natürlich auch tun. Ich bevorzuge eine zentrale TLS-Datei, weil ich sonst bei jedem TLS-Update zwanzig Configs anfassen müsste.
Zusätzlich habe ich die TLS 1.3 Cipher Suites explizit gesetzt:
ChaCha20 als erste Wahl, weil es auf Clients ohne AES-NI (ältere Smartphones, ARM-Geräte) deutlich schneller ist. Auf Servern mit AES-NI ist der Unterschied minimal. PrioritizeChaCha sorgt dafür, dass der Server ChaCha20 bevorzugt, wenn der Client es an erster Stelle anbietet.
Die komplette TLS-Konfiguration sieht bei mir so aus:
Danach die Konfiguration testen und Nginx neu laden:
# nginx -t
nginx: the configuration file /usr/local/etc/nginx/nginx.conf syntax is ok
nginx: configuration file /usr/local/etc/nginx/nginx.conf test is successful
# service nginx reload
Überprüfen
Funktioniert es? Mit openssl s_client lässt sich das schnell prüfen:
Sauberer Fallback auf X25519. Kein Fehler, keine Unterbrechung. Der Client bekommt einfach die stärkste Gruppe, die beide Seiten gemeinsam haben.
Browser-Support
Das Schöne bei HTTPS im Vergleich zu E-Mail oder SSH: Die Browser haben Post-Quantum-Kryptografie teilweise schon vor den Servern implementiert. Chrome verwendet seit Version 124 (April 2024) X25519MLKEM768 als bevorzugte Gruppe. Firefox seit Version 124 ebenfalls. Safari seit macOS 15 Sequoia und iOS 18. Edge zieht mit Chrome mit.
Wenn ihr also Nginx mit X25519MLKEM768 konfiguriert, profitieren die meisten eurer Besucher sofort davon. Ohne dass sie irgendetwas tun müssen. Das ist bei SSH und E-Mail anders, da sind die Clients noch nicht so weit. Womit sich auch erklärt, warum das Thema bei Webservern mehr Aufmerksamkeit bekommt.
HTTP/3 und QUIC
Wer wie ich HTTP/3 (QUIC) aktiviert hat, bekommt PQC dort automatisch mit. QUIC verwendet TLS 1.3 als Transportverschlüsselung und nutzt dieselbe ssl_ecdh_curve Konfiguration. Kein zusätzlicher Konfigurationsaufwand.
Wer QUIC noch nicht nutzt: Der Overhead ist minimal, der Vorteil bei mobilen Verbindungen deutlich spürbar. Mehr dazu in meinem HTTP/3 Beitrag.
Davon abgesehen, wie ist das eigentlich mit Microsoft? Cloudflare macht ja schon knapp zu 66% PQC im HTTP Traffic. Es ist 2026, fragen wir doch mal eine AI: claude „Sag mal, wie ist das eigentlich bei Microsoft Produkten, wie Exchange oder IIS im Bezug auf PQC? Wird das schon unterstützt oder kommt das bald?“
● Gute Frage — Microsoft ist da tatsächlich in einer interessanten Position:
Windows / Schannel (TLS-Stack)
- Windows 11 24H2 / Windows Server 2025 haben experimentelle Unterstützung für ML-KEM (X25519MLKEM768) in TLS 1.3 bekommen — allerdings zunächst nur als Preview/Feature-Flag, nicht standardmäßig aktiv.
- Der zugrunde liegende TLS-Stack (Schannel) muss das können, damit IIS und Exchange davon profitieren.
IIS
- IIS nutzt Schannel direkt. Sobald Schannel auf dem jeweiligen Windows Server PQC-Key-Exchange unterstützt und es aktiviert ist, kann IIS das theoretisch sofort.
- Stand meines Wissens (Mai 2025): Noch kein produktiver PQC-Support in IIS. Die Preview in Windows Server 2025 ist eher für Tests gedacht.
Exchange
- Exchange Online (Microsoft 365): Microsoft hat angekündigt, PQC schrittweise in ihre Cloud-Dienste zu integrieren. Für TLS-Verbindungen zwischen Microsoft-Datacentern wurde bereits mit PQC experimentiert.
- Exchange On-Premises: Hängt komplett am darunterliegenden Windows Server / Schannel. Solange Schannel kein produktives PQC kann, kann Exchange es auch nicht.
Microsofts Roadmap
- Microsoft hat ein "Quantum-Safe Program" und arbeitet aktiv an PQC-Integration in Windows, Azure und M365.
- Die Priorität liegt auf TLS 1.3 mit ML-KEM (hybrid, also X25519MLKEM768.
- Einen festen Zeitplan für "PQC by default" in Exchange/IIS gibt es meines Wissens noch nicht.
Fazit
Microsoft ist hintendran verglichen mit dem Open-Source-Stack. OpenSSL 3.5+ / LibreSSL / BoringSSL haben PQC-Support bereits produktionsreif. Bei Microsoft wartet man darauf, dass Schannel das nativ und stabil liefert — und bis das
in Exchange On-Prem ankommt, dauert es erfahrungsgemäß nochmal länger.
Für Exchange Online dürfte Microsoft das irgendwann einfach serverseitig einschalten, ohne dass Admins etwas tun müssen. Für On-Prem heißt es: warten auf den nächsten Windows Server Release, der PQC in Schannel GA (General Availability) hat.
Caveat: Mein Wissensstand ist Mai 2025 — es kann sein, dass Microsoft seitdem konkretere Termine genannt hat. Wäre ggf. einen Blick in den Microsoft Security Blog wert.
Klingt gut. Ich muss ja zugeben, dass ich, seit ich nicht mehr mit Martin Peuker bei Items arbeite, irgendwie komplett von der Microsoft-Welt abgekoppelt bin. Oh, ist das jetzt korrekt von der AI? Keine Ahnung, „klingt“ richtig.
Was das nicht leistet
Den Absatz kennt ihr inzwischen aus den anderen Beiträgen, aber er gehört dazu: Wir sichern hier den Schlüsselaustausch ab, nicht die Authentifizierung. Die TLS-Zertifikate nutzen weiterhin klassische Algorithmen (in meinem Fall ECDSA P-384). Für Post-Quantum-Signaturen bräuchte man ML-DSA (ehemals CRYSTALS-Dilithium) in den Zertifikaten, aber keine öffentliche CA stellt solche Zertifikate aus. Das wird kommen, aber noch nicht heute.
In der Praxis heißt das: Ein Angreifer mit Quantencomputer könnte die Serverauthentifizierung angreifen, müsste das aber in Echtzeit tun. „Store now, decrypt later“ greift dort nicht. Der Schlüsselaustausch und damit die Vertraulichkeit eurer Daten ist durch X25519MLKEM768 geschützt. Auch in Zukunft.
Fazit
Eine Zeile in der Nginx-Konfiguration, ein Reload, fertig. Euer Webserver verhandelt danach mit jedem modernen Browser einen quantensicheren Schlüsselaustausch. Vollständig abwärtskompatibel für ältere Clients. Kein Risiko, kein Aufwand, kein Nachteil.
Die eigentliche Hürde ist nicht Nginx, sondern die OpenSSL-Version auf eurem System. Wer FreeBSD 15 oder ein System mit OpenSSL 3.5+ hat, kann sofort loslegen. Alle anderen müssen auf ihre Distribution warten oder selbst bauen.
Damit habe ich jetzt SSH, E-Mail und Webserver mit Post-Quantum-Kryptografie abgedeckt. Fehlt eigentlich nur noch DNS. Aber DoH und DoT laufen ja auch über TLS … *grübel*
Update: Inzwischen habe ich HTTPS RR und SVCB Records für alle Dienste deployt. Damit wissen Clients schon beim DNS-Lookup, dass HTTP/3 und QUIC verfügbar sind.
Update 2: Wer wissen will, ob die eigenen Besucher tatsächlich PQC nutzen: Nginx kann die ausgehandelte Key-Exchange-Gruppe loggen. Die Variable $ssl_curve zeigt pro Verbindung, ob X25519MLKEM768, klassisches X25519 oder etwas anderes verhandelt wurde. Einfach ins bestehende Log-Format einfügen, irgendwo nach $ssl_cipher:
Der Unterschied steht ganz am Ende: X25519MLKEM768 vs. X25519. Ein Reload, ein paar Wochen sammeln, und ihr habt echte Zahlen statt Theorie. Ich werde die Ergebnisse in einem eigenen Beitrag auswerten, sobald genug Daten zusammengekommen sind.
Update Juli 2026: Was in X25519MLKEM768 eigentlich steckt, KEM, Hybrid und die Byte-Reihenfolge, habe ich Bestandteil für Bestandteil hier zerlegt: X25519MLKEM768 zerlegt.
Nachdem ich im letzten Beitrag OpenSSH mit hybriden Post-Quantum-Algorithmen abgesichert habe, lag die Frage nahe: Was ist eigentlich mit E-Mail? Mein FreeBSD 15 liefert Postfix 3.10.6, Dovecot 2.3.21.1 und OpenSSL 3.5.4 – und genau diese Kombination bringt alles mit, was man für quantensichere Verschlüsselung im Mailverkehr braucht. Ohne zusätzliche Pakete, ohne Patches, ohne Gefrickel.
Warum überhaupt PQC für E-Mail?
Das „Store now, decrypt later„-Szenario, das ich beim SSH-Beitrag angesprochen habe, trifft auf E-Mail mindestens genauso zu. E-Mails werden über SMTP zwischen Servern transportiert – und dieser Transport ist grundsätzlich abfangbar. Wer heute TLS-verschlüsselten Mailverkehr mitschneidet und archiviert, könnte diesen in einigen Jahren mit einem ausreichend leistungsfähigen Quantencomputer entschlüsseln. Zumindest theoretisch.
Heißt das, morgen liest jemand eure Mails? Nein. Aber wenn ihr vertrauliche Kommunikation betreibt und die heute eingesetzte Kryptografie in zehn Jahren noch standhalten soll, ist jetzt der richtige Zeitpunkt zum Handeln. Zumal der Aufwand (wie ihr gleich seht) überschaubar ist.
Was steckt hinter X25519MLKEM768?
Kurz zur Einordnung: ML-KEM (ehemals CRYSTALS-Kyber) ist der vom NIST im August 2024 standardisierte Post-Quantum-Algorithmus für den Schlüsselaustausch (FIPS 203). X25519MLKEM768 ist ein sogenannter Hybrid-Algorithmus – er kombiniert das klassische X25519 (Curve25519 ECDH) mit ML-KEM-768 zu einem gemeinsamen Schlüssel.
Der Clou dabei: Selbst wenn ML-KEM irgendwann gebrochen werden sollte, bleibt die klassische X25519-Komponente intakt. Und umgekehrt. Man muss also nicht darauf vertrauen, dass der neue Algorithmus auch wirklich hält – man bekommt das Beste aus beiden Welten.
Wer Firefox nutzt, hat das übrigens vermutlich schon in Aktion gesehen: Seit Firefox 124 wird bei TLS 1.3 standardmäßig X25519MLKEM768 für den Schlüsselaustausch verwendet. Schaut mal in die Verbindungsdetails einer HTTPS-Seite – die Chancen stehen gut, dass dort bereits ein hybrider PQC-Schlüsselaustausch stattfindet. Also, wenn der Server das anbietet, wie dieser hier *zwinker*.
Voraussetzungen prüfen
Bevor ihr konfiguriert, solltet ihr sicherstellen, dass euer OpenSSL ML-KEM überhaupt kann. Auf meinem FreeBSD 15:
Wenn X25519MLKEM768 in der Liste auftaucht, seid ihr startklar. Das ist bei OpenSSL ab Version 3.5 der Fall – der ML-KEM-Support ist im Default-Provider enthalten, es wird kein zusätzlicher OQS-Provider und kein liboqs benötigt.
Noch ein Check – sind die Algorithmen auch als TLS-Gruppen verfügbar?
Postfix steuert die verwendeten TLS-Gruppen für den Schlüsselaustausch über den Parameter tls_eecdh_auto_curves. Dieser gilt sowohl für eingehende (smtpd) als auch für ausgehende (smtp) Verbindungen.
Das war’s. Eine Zeile. X25519MLKEM768 wird als bevorzugte Gruppe an den Anfang gestellt, die klassischen Kurven bleiben als Fallback erhalten. Clients die kein ML-KEM beherrschen, verhandeln einfach X25519 oder prime256v1 – die Abwärtskompatibilität bleibt also vollständig gewahrt.
Die Änderung setzt ihr entweder direkt in /usr/local/etc/postfix/main.cf oder über:
Wichtig: Dieser Parameter beeinflusst alle Postfix-Dienste – SMTP (Port 25), Submission (Port 587) und SMTPS (Port 465). Ihr müsst also nicht jeden Port einzeln konfigurieren.
Update 01.04.2026: Die oben gezeigte globale Methode über main.cf hat einen Haken, den ich erst später auf der Postfix-Users Mailingliste realisiert habe. Die korrigierte Konfiguration mit getrennten Einstellungen für Inbound und Outbound findet ihr weiter unten im Nachtrag.
Dovecot konfigurieren
Dovecot verwendet den Parameter ssl_curve_list um die TLS-Gruppen für IMAP-Verbindungen festzulegen. Standardmäßig ist dieser leer, was bedeutet, dass OpenSSL seine eigenen Defaults verwendet. Das kann funktionieren, muss aber nicht.
Achtung: Dovecot verwendet Doppelpunkte als Trennzeichen (OpenSSL-Syntax), Postfix verwendet Kommas. Nicht verwechseln. Ja, passiert mir oft.
Danach:
# doveadm reload
Überprüfen
Jetzt wird’s spannend. Funktioniert es tatsächlich? Zum Testen verwende ich openssl s_client direkt auf dem Server; denn euer lokales Linux oder macOS hat möglicherweise noch kein OpenSSL 3.5 mit ML-KEM-Support. Mein Linux Mint 22.3 hat es leider noch nicht *schnief*
Wie schon beim SSH-Beitrag muss ich auch hier einschränken: Wir sichern damit den Schlüsselaustausch ab, nicht die Authentifizierung. Die TLS-Zertifikate verwenden weiterhin klassische Algorithmen (RSA, ECDSA). Für Post-Quantum-Signaturen in Zertifikaten bräuchte man ML-DSA (ehemals CRYSTALS-Dilithium) – und obwohl OpenSSL 3.5 das theoretisch unterstützt, gibt es Stand heute keine öffentliche Zertifizierungsstelle, die ML-DSA-Zertifikate ausstellt. Das wird kommen, ist aber noch Zukunftsmusik. Hey, wie ECDSA bei S/MIME (oder ist das schon anders?).
Für die Praxis bedeutet das: Ein Angreifer mit einem Quantencomputer könnte theoretisch die Serverauthentifizierung angreifen (ECDSA/RSA brechen), müsste das aber in Echtzeit tun – hier greift „store now, decrypt later“ nicht, weil eine gefälschte Authentifizierung nur im Moment der Verbindung nützt. Der Schlüsselaustausch hingegen – und damit die eigentliche Vertraulichkeit der transportierten E-Mails – ist durch X25519MLKEM768 auch gegen zukünftige Quantenangriffe geschützt.
Nachtrag (01.04.2026): Inbound und Outbound trennen
Ich muss die Postfix-Konfiguration oben korrigieren. Der Parameter tls_eecdh_auto_curves gilt für SMTP-Client und SMTP-Server gleichzeitig. Steht X25519MLKEM768 an erster Stelle, wird der PQC Key-Share direkt im initialen ClientHello mitgeschickt. Das bläht den ClientHello von rund 400 auf über 1400 Bytes auf.
Klingt erstmal harmlos. Ist es aber nicht. Manche Zielserver kommen mit dem übergroßen ClientHello nicht klar, der TLS-Handshake scheitert. Bei smtp_tls_security_level = may fällt Postfix dann stillschweigend auf Plaintext zurück. Dasselbe passiert bei dane ohne TLSA-Records, also bei der Mehrheit aller Domains da draußen. Eure Mails gehen raus, aber unverschlüsselt. Super.
Das Problem ist, dass hier zwei unterschiedliche Policies in einem Parameter stecken. Inbound will man PQC bevorzugen, weil man selbst kontrolliert was der Server akzeptiert. Outbound will man Kompatibilität priorisieren, weil man nicht weiß was auf der anderen Seite steht. Die gehören nicht in einen globalen Parameter.
Die Lösung: tls_eecdh_auto_curves nicht mehr global in main.cf setzen, sondern per master.cf pro Dienst überschreiben.
Server-Seite (Inbound) – PQC bevorzugen, an allen smtpd-Listenern:
smtp inet n - n - - smtpd
-o tls_eecdh_auto_curves=X25519MLKEM768,X25519,prime256v1,secp384r1
submission inet n - n - - smtpd
-o tls_eecdh_auto_curves=X25519MLKEM768,X25519,prime256v1,secp384r1
smtps inet n - n - - smtpd
-o tls_eecdh_auto_curves=X25519MLKEM768,X25519,prime256v1,secp384r1
Client-Seite (Outbound) – kleiner ClientHello, PQC nur via HelloRetryRequest:
smtp unix - - n - - smtp
-o tls_eecdh_auto_curves=X25519,X25519MLKEM768,prime256v1,secp384r1
Der Trick: Outbound steht X25519 an erster Stelle. Der initiale ClientHello bleibt damit klein. X25519MLKEM768 steht trotzdem in den supported_groups und wird verhandelt, wenn der Zielserver per HelloRetryRequest nachzieht. Inbound bekommen moderne Clients dagegen sofort PQC.
Dovecot ist davon nicht betroffen. Da gibt es nur die Server-Seite, ssl_curve_list bleibt wie oben beschrieben.
Noch ein Wort zum Postfix-Default: postconf -d zeigt auf meinem 3.10.6 kein X25519MLKEM768 im Default. Die postconf(5)-Doku beschreibt zwar für neuere Builds ein Delayed-Key-Share-Verhalten, aber was die Doku beschreibt und was ein konkreter Build tut, können zwei verschiedene Dinge sein. Deshalb die explizite Trennung per master.cf. Danke an die Postfix-Users Mailingliste für die Diskussion, die mich auf dieses Problem aufmerksam gemacht hat und selbstverständlich an den Kommentierenden!
Zwei Zeilen Konfiguration, ein Reload pro Dienst – und euer Mailserver verhandelt quantensichere Verschlüsselung. Okay, es sind jetzt ein paar mehr Zeilen als ursprünglich versprochen. Aber die Trennung zwischen Inbound und Outbound ist es wert, denn blind auf Kompatibilität aller Zielserver zu hoffen ist keine Strategie.
Update 01.05.2026: Mit Postfix 3.11.1 (FreeBSD 15.0-RELEASE-p7) und OpenSSL 3.5 sind sowohl die main.cf-Variante als auch dieser master.cf-Workaround Geschichte – der Built-in-Default ?X25519MLKEM768:DEFAULT macht beides überflüssig. Wire-Mitschnitt, ClientHello-Größenvergleich und externe Verifikation im Folgebeitrag.
Update Juli 2026: Warum der Schlüsselaustausch überhaupt hybrid ist und was ein KEM von Diffie-Hellman unterscheidet, erkläre ich ausführlich in X25519MLKEM768 zerlegt.
Viel Spaß beim Nachbauen – und wie immer: bei Fragen, fragen.
Aus gegebenem Anlass möchte ich ein paar Gedanken zu DigitalOcean aufschreiben. Nicht, weil ich glaube, dass DigitalOcean ein grundsätzliches Problem hat oder etwas falsch macht. Sondern weil DigitalOcean in meinen Logs seit Jahren besonders auffällt. Am Ende steht DigitalOcean hier eher sinnbildlich für ein größeres Thema.
Wer Systeme im Internet betreibt, kennt das Spiel. Server werden dauerhaft von außen angefasst. SSH-Ports werden gescannt, Login-Versuche laufen durch, Webseiten bekommen Requests auf bekannte Pfade, WordPress-Logins, XML-RPC, das volle Programm. Das ist kein gezielter Angriff, sondern automatisiertes Dauerrauschen. Bots, Skripte, Scanner, manchmal Security-Tools, manchmal schlicht schlecht konfigurierte Kisten.
Findet so ein Bot irgendwo ein offenes Loch, einen Standard-Login, ein vergessenes Passwort oder eine ungepatchte Schwachstelle, dann geht es weiter. Meistens wird erst einmal weitere Software nachgeladen. Der Host wird Teil eines Botnetzes, scannt selbst weiter, verteilt Spam, nimmt an DDoS-Aktionen teil oder schürft Kryptowährungen. Nichts davon ist neu, nichts davon ist überraschend.
Was mir allerdings seit mindestens vier Jahren auffällt: Ein sehr großer Teil dieser Brute-Force-Versuche, insbesondere auf SSH, kommt bei mir aus Netzen von DigitalOcean. Nicht ein bisschen mehr, sondern konstant irgendwo im Bereich von achtzig bis neunzig Prozent. Über Jahre. Über verschiedene Systeme hinweg.
Der erste Reflex liegt nahe. Wenn so viel aus einem Netz kommt, warum blockt man dann nicht einfach alle Netze dieses Anbieters? Dann ist Ruhe. Und wenn das alle machen würden, müsste der Anbieter ja reagieren. Der Gedanke ist verständlich. Ich hatte ihn selbst. Er ist aber aus meiner Sicht der falsche.
Ein pauschales Blocken ist im Grunde nichts anderes als eine Decke über das eigentliche Problem zu werfen. Das Problem ist damit nicht weg, es ist nur woanders. Die Bots wechseln dann eben zum nächsten Cloud-Provider. Außerdem produziert man sich damit ganz eigene Probleme. DigitalOcean-Netze komplett zu sperren heißt auch, legitimen Traffic auszusperren. APIs, Dienste, Kunden, Monitoring, externe Abhängigkeiten. Je nach Setup schneidet man sich damit schneller ins eigene Fleisch, als einem lieb ist.
Relativ schnell landet man dann bei Reputation-Diensten wie AbuseIPDB. Dort melden Betreiber IPs, von denen Scans, Brute-Force-Versuche oder andere Auffälligkeiten ausgehen. Auch ich melde dort seit Jahren IPs, automatisiert und manuell. Formal funktioniert das gut. IPs bekommen Scores, werden gelistet, tauchen in Datenbanken auf.
Das Problem ist nur: Diese Systeme arbeiten IP-basiert. Und genau das passt schlecht zur Realität moderner Netze. In Cloud-Umgebungen sind IPs kurzlebig. Heute gehört sie einem kompromittierten Host, morgen einem völlig legitimen Kunden. Ein hoher Abuse-Score sagt wenig über den aktuellen Nutzer dieser IP aus. Reputation ist träge, Infrastruktur ist schnell.
Jan 6 22:58:08 honeypot03 sshd-session[61904]: Invalid user sonar from 64.23.228.101 port 38610
Jan 6 22:58:08 honeypot03 sshd-session[61904]: Connection closed by invalid user sonar 64.23.228.101 port 38610 [preauth]
Jan 6 23:02:13 honeypot03 sshd-session[62101]: Invalid user sonar from 64.23.228.101 port 38174
Jan 6 23:02:13 honeypot03 sshd-session[62101]: Connection closed by invalid user sonar 64.23.228.101 port 38174 [preauth]
Jan 6 23:06:12 honeypot03 sshd-session[62175]: Invalid user sonar from 64.23.228.101 port 35952
Jan 6 23:06:12 honeypot03 sshd-session[62175]: Connection closed by invalid user sonar 64.23.228.101 port 35952 [preauth]
Jan 6 23:10:10 honeypot03 sshd-session[62248]: Invalid user steam from 64.23.228.101 port 38236
Jan 6 23:10:10 honeypot03 sshd-session[62248]: Connection closed by invalid user steam 64.23.228.101 port 38236 [preauth]
Jan 6 23:14:17 honeypot03 sshd-session[62335]: Invalid user steam from 64.23.228.101 port 35952
Jan 6 23:14:18 honeypot03 sshd-session[62335]: Connection closed by invalid user steam 64.23.228.101 port 35952 [preauth]
Jan 6 23:18:22 honeypot03 sshd-session[62455]: Invalid user steam from 64.23.228.101 port 50096
Jan 6 23:18:22 honeypot03 sshd-session[62455]: Connection closed by invalid user steam 64.23.228.101 port 50096 [preauth]
Jan 6 23:22:24 honeypot03 sshd-session[62599]: Invalid user sugi from 64.23.228.101 port 53212
Jan 6 23:22:25 honeypot03 sshd-session[62599]: Connection closed by invalid user sugi 64.23.228.101 port 53212 [preauth]
Jan 6 23:26:26 honeypot03 sshd-session[62671]: Invalid user svnuser from 64.23.228.101 port 44820
Jan 6 23:26:26 honeypot03 sshd-session[62671]: Connection closed by invalid user svnuser 64.23.228.101 port 44820 [preauth]
Jan 6 23:30:26 honeypot03 sshd-session[62763]: Invalid user svnuser from 64.23.228.101 port 52156
Jan 6 23:30:27 honeypot03 sshd-session[62763]: Connection closed by invalid user svnuser 64.23.228.101 port 52156 [preauth]
Jan 6 23:34:30 honeypot03 sshd-session[62867]: Invalid user taryn from 64.23.228.101 port 54128
Jan 6 23:34:31 honeypot03 sshd-session[62867]: Connection closed by invalid user taryn 64.23.228.101 port 54128 [preauth]
Jan 6 23:38:41 honeypot03 sshd-session[62939]: Invalid user taryn from 64.23.228.101 port 39894
Jan 6 23:38:42 honeypot03 sshd-session[62939]: Connection closed by invalid user taryn 64.23.228.101 port 39894 [preauth]
Jan 6 23:42:44 honeypot03 sshd-session[63013]: Invalid user taryn from 64.23.228.101 port 57728
Jan 6 23:42:45 honeypot03 sshd-session[63013]: Connection closed by invalid user taryn 64.23.228.101 port 57728 [preauth]
Jan 6 23:46:45 honeypot03 sshd-session[63160]: Invalid user taryn from 64.23.228.101 port 38438
Jan 6 23:46:45 honeypot03 sshd-session[63160]: Connection closed by invalid user taryn 64.23.228.101 port 38438 [preauth]
Jan 6 23:50:49 honeypot03 sshd-session[63252]: Invalid user taryn from 64.23.228.101 port 54070
Jan 6 23:50:49 honeypot03 sshd-session[63252]: Connection closed by invalid user taryn 64.23.228.101 port 54070 [preauth]
Jan 6 23:54:55 honeypot03 sshd-session[63354]: Invalid user terrance from 64.23.228.101 port 57960
Jan 6 23:54:55 honeypot03 sshd-session[63354]: Connection closed by invalid user terrance 64.23.228.101 port 57960 [preauth]
Jan 6 23:59:05 honeypot03 sshd-session[63472]: Invalid user terrance from 64.23.228.101 port 47558
Jan 6 23:59:05 honeypot03 sshd-session[63472]: Connection closed by invalid user terrance 64.23.228.101 port 47558 [preauth]
Jan 7 00:03:11 honeypot03 sshd-session[64731]: Invalid user terrance from 64.23.228.101 port 42938
Jan 7 00:03:11 honeypot03 sshd-session[64731]: Connection closed by invalid user terrance 64.23.228.101 port 42938 [preauth]
Damit erklärt sich auch, warum Provider solche externen Feeds nicht einfach hart umsetzen. Würde man IPs automatisiert abschalten, nur weil sie in einer Datenbank schlecht bewertet sind, träfe man regelmäßig Unbeteiligte. False Positives wären vorprogrammiert. Rechtlich, operativ und wirtschaftlich ist das für Provider kaum tragbar.
Warum also fällt DigitalOcean so stark auf? Das kann ich nicht belegen, nur einordnen. DigitalOcean ist günstig, schnell, einfach. In wenigen Minuten hat man dort eine VM mit öffentlicher IP. Das ist für legitime Nutzer attraktiv, aber eben auch für Leute mit schlechten Absichten. Wenn Infrastruktur billig und niedrigschwellig ist, taucht sie zwangsläufig häufiger in Logs auf. Dazu kommt, dass viele Systeme dort von Menschen betrieben werden, die vielleicht noch nicht so tief im Thema Security stecken. Offene Dienste, schwache Konfigurationen, fehlendes Hardening – all das macht solche Hosts wiederum zu guten Kandidaten für Kompromittierung und Weiterverwendung.
Wichtig dabei: DigitalOcean selbst macht aus meiner Sicht nichts grundlegend falsch. Der Abuse-Prozess funktioniert. Meldungen lassen sich automatisiert einreichen, werden angenommen, werden beantwortet, werden bearbeitet. Ich habe das über Jahre hinweg genutzt, sowohl manuell als auch automatisiert. Das ist sauber umgesetzt.
Was sich dadurch aber nicht ändert, ist die Menge der Versuche. Die wird nicht weniger. Sie bleibt konstant. Einzelne Hosts verschwinden, neue tauchen auf. Abuse-Meldungen – egal ob direkt beim Provider oder über Plattformen wie AbuseIPDB – wirken immer nur lokal und zeitverzögert. Gegen ein strukturelles Phänomen kommen sie nicht an.
Aus Sicht eines Providers ist das auch logisch. Ein paar tausend fehlgeschlagene SSH-Logins sind kein Incident. Kein DDoS, kein Ausfall, kein messbarer Schaden. Das fällt unter Hintergrundrauschen. Niemand bezahlt dafür, dieses Rauschen global zu eliminieren. Und ehrlich gesagt: Das kann auch niemand realistisch leisten.
Die eigentliche Konsequenz daraus ist unbequem, aber klar. Man darf nicht erwarten, dass Provider oder Reputation-Datenbanken einem dieses Problem abnehmen. Scan- und Brute-Force-Traffic gehört heute zum Betrieb eines öffentlich erreichbaren Systems dazu. Die einzige Stelle, an der man sinnvoll ansetzen kann, ist das eigene Setup.
Saubere Konfiguration. Keine Passwort-Logins per SSH. Kein Root-Login. Rate-Limits. Monitoring, das zwischen Rauschen und echten Zustandsänderungen unterscheidet. Fail2Ban als Dämpfer, nicht als Illusion von Sicherheit. Und vor allem: Gelassenheit gegenüber Logs, die voll sind, aber nichts bedeuten.
DigitalOcean ist hier nicht der Feind. AbuseIPDB ist kein Allheilmittel. Beides sind sichtbare Teile eines größeren Bildes. Das eigentliche Thema ist, wie man Systeme so betreibt, dass dieses Hintergrundrauschen irrelevant wird.