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ECH aktivieren: Encrypted Client Hello in nginx mit OpenSSL 4.0, sechs Domains und ein gemeinsamer Deckname

Der Servername im TLS-Handshake steht bis heute im Klartext im Netz, unabhängig davon, wie gut die DNS-Anfrage davor verschlüsselt war. Wer DNS over HTTPS oder DNS over TLS einsetzt, verbirgt den Lookup selbst, aber sobald der Browser die eigentliche Verbindung aufbaut, nennt das Client Hello die besuchte Domain im Server Name Indication Feld offen. Jeder Netzwerkbeobachter zwischen Client und Server sieht damit weiterhin, welche Website gerade aufgerufen wird, egal wie sauber DNS-Ebene und Transportebene sonst verschlüsselt sind.

Illustration zu Encrypted Client Hello (ECH): Ein sichtbarer ClientHelloOuter mit dem gemeinsamen Decknamen ech.kernel-error.de schützt die verschlüsselten Hostnamen mehrerer Domains auf einem nginx-Server mit OpenSSL 4.0.

Encrypted Client Hello schließt genau diese Lücke, indem der eigentliche Servername in einen zweiten, verschlüsselten Client Hello wandert. Der folgende Beitrag beschreibt, wie ECH auf dieser Infrastruktur aktiviert wurde: mit OpenSSL 4.0 als Voraussetzung, nginx als Ports-Build und sechs Domains, die sich einen gemeinsamen Deckname teilen. Alle Befehle, Konfigurationsausschnitte und Testausgaben stammen aus dem produktiven Rollout und sind gegengeprüft, aktuell laufen alle sechs sauber verifiziert.

Was Encrypted Client Hello eigentlich verbirgt

Ein ECH-Verbindungsaufbau enthält zwei Client Hellos statt einem. Das äußere ist wie gewohnt unverschlüsselt, trägt aber nicht die echte Domain, sondern einen Deckname. Das innere steckt verschlüsselt im äußeren und enthält die tatsächlich angefragte Domain:

ClientHelloOuter: unverschlüsselt sichtbar, enthält public_name
ClientHelloInner: verschlüsselt, enthält die tatsächlich besuchte Domain

Der Server entschlüsselt das innere Client Hello mit einem Schlüssel, den er vorher über DNS veröffentlicht hat, wählt anhand der darin enthaltenen echten SNI den passenden vHost aus und antwortet als wäre nie ein Deckname im Spiel gewesen. Für den Browser läuft das komplett automatisch ab, sobald der Server ECH per DNS anbietet.

Voraussetzungen, bevor es losgeht

  • OpenSSL 4.0 oder neuer (ECH ist seit dem stabilen 4.0.0-Release vom 14. April 2026 Bestandteil, im Alpha-/Dev-Branch bereits ab 10./11. März 2026 verfügbar), alternativ BoringSSL
  • nginx 1.29.4 oder neuer, mit der Direktive ssl_ech_file (hier im Einsatz: 1.30.4)
  • eine DNSSEC-signierte Zone ist sinnvoll, aber keine normative ECH-Voraussetzung, dazu weiter unten mehr

Auch der erste Punkt ist keine Formalität. Das Lighttpd-Wiki führt ECH aktuell weiterhin als EXPERIMENTAL und nennt dieselbe Voraussetzung, OpenSSL 4.0 oder BoringSSL. ECH ist über die Server-Landschaft hinweg gesehen noch frisch, entsprechend lohnt vor dem eigenen Rollout ein Blick auf die aktuell installierte Softwareversion, nicht auf das, was vor einem halben Jahr noch galt.

Der Umstieg auf OpenSSL 4.0 als Ausgangspunkt

nginx läuft in dieser Jail als Ports-Build, nicht als Repo-Paket, weil das Paket Brotli und headers_more deaktiviert ausliefert. Damit lässt sich die verwendete OpenSSL-Hauptversion über die SSL-Flavor-Einstellung in /etc/make.conf steuern und nginx anschließend dagegen neu bauen:

jexec nginx pkg unlock -y nginx
# /etc/make.conf: DEFAULT_VERSIONS+=ssl=openssl40 (vorher openssl35)
jexec nginx make -C /usr/ports/www/nginx missing
jexec nginx make -C /usr/ports/www/nginx -DBATCH build
jexec nginx make -C /usr/ports/www/nginx -DBATCH deinstall install
jexec nginx pkg lock -y nginx
jexec nginx service nginx restart

Ein reload reicht an dieser Stelle ausdrücklich nicht. Die neuen Shared Libraries werden erst beim vollständigen Neustart der Worker-Prozesse eingebunden, ein reload behält die alten libssl-Bindings der laufenden Prozesse bei. Die neue Version zeigt sich danach direkt im Server-Build:

$ nginx -V
built with OpenSSL 4.0.1 9 Jun 2026

public_name ist die eigentliche Entscheidung

ssl_ech_file ist keine Bastellösung und kein Fork, sondern eine echte, in nginx-Mainline gemergte Direktive, sichtbar direkt im Quellcode unter src/http/modules/ngx_http_ssl_module.c und src/event/ngx_event_openssl.c. Technisch nutzt sie die OSSL_ECHSTORE-API, die mit OpenSSL 4.0 dazugekommen ist.

Der eigentlich entscheidende Wert ist public_name, der Name, der im unverschlüsselten ClientHelloOuter sichtbar bleibt. Ein Netzwerkbeobachter sieht ihn ohnehin, ECH hin oder her. Setzt man ihn auf die eigene, echte Domain, bringt die ganze Übung keinerlei Verschleierung: der Beobachter sieht exakt den Namen, den er auch ohne ECH gesehen hätte, nur mit einem zusätzlichen Handshake-Schritt drumherum.

Echten Schutz gibt es nur mit einem gemeinsamen public_name über mehrere unabhängige Domains hinweg, dem Anonymitätsset-Prinzip. Genau so macht es Cloudflare mit cloudflare-ech.com als Deckname für Millionen Kundendomains: wer nur sieht, dass jemand eine Verbindung zu cloudflare-ech.com aufbaut, weiß damit nichts über die konkret besuchte Seite unter den Millionen dahinter.

Ein gemeinsamer public_name reicht dafür allein aber noch nicht. Im ClientHelloOuter steht neben dem public_name auch die config_id unverschlüsselt, ein einzelnes Byte, das die verwendete ECHConfig identifiziert. Nutzt jede Domain einen eigenen ECH-Schlüssel, hat jede Domain automatisch auch eine eigene config_id, und ein Beobachter kann die Domains trotz identischem Deckname allein anhand dieses Bytes unterscheiden. RFC 9849 bringt es auf den Punkt: verwendet ein Server für verschiedene Servernamen unterschiedliche ECHConfig-Werte, hat jedes Anonymitätsset effektiv Größe 1, also gar keinen Effekt. Die Konsequenz für den eigenen Aufbau: alle teilnehmenden Domains müssen denselben Schlüssel und dieselbe ECHConfig nutzen, nicht nur denselben Deckname.

Diese eine nginx-Instanz hostet bereits rund zwanzig unabhängige Domains auf derselben IP, darunter dieser Blog, eine Therapiepraxis-Website, eine Fotogalerie, private Familienseiten, Webmail und ein URL-Shortener. Die Voraussetzung für ein eigenes, kleines Anonymitätsset war also schon da, es musste nur genutzt werden.

Umgesetzt wurde ein dedizierter Deckname, ech.kernel-error.de, ohne eigenen Inhalt. Sechs Domains teilen sich einen gemeinsamen ECH-Schlüssel und damit dieselbe ECHConfig, denselben public_name und dieselbe config_id: www.kernel-error.de, die Apex-Domain kernel-error.de, webmail.kernel-error.de, bilder.kernel-error.de und kernel-error.org als eigene, ebenfalls DNSSEC-signierte Zone. Die TLS-Zertifikats-Schlüssel der einzelnen Domains bleiben davon unberührt getrennt, das ist ein anderes Schlüsselpaar als der ECH-HPKE-Schlüssel und für die Anonymitätsset-Eigenschaft ohne Belang. stammbaum.kernel-error.de, ein CNAME auf www, erbt die ECH-Konfiguration automatisch per DNS-CNAME-Chasing, ganz ohne eigenen Eintrag.

Schlüssel erzeugen

Für die Schlüsselerzeugung braucht es das Port-OpenSSL unter /usr/local/bin/openssl, nicht das Base-System-OpenSSL von FreeBSD, dem fehlt der ech-Subcommand komplett:

openssl ech -public_name ech.kernel-error.de -out /usr/local/etc/nginx/ssl/ech/shared.kernel-error.pem

Das Ergebnis ist eine PEM-Datei mit zwei Blöcken, dem privaten Schlüssel und der öffentlichen ECH-Konfiguration:

-----BEGIN PRIVATE KEY-----
...
-----END PRIVATE KEY-----
-----BEGIN ECHCONFIG-----
AEb+DQBC8AAgACDKMT4bTYtGnUXKvOkeuYEWDaByMjijSRINkLQxIEHQQQAEAAEAAQATZWNoLmtlcm5lbC1lcnJvci5kZQAA
-----END ECHCONFIG-----

Der Base64-Block zwischen den ECHCONFIG-Markern ist exakt der Wert, der später als ech=-Parameter in den DNS-Eintrag wandert. Das PEM-Format selbst folgt keinem nginx- oder OpenSSL-eigenen Standard, sondern ist mittlerweile als RFC 9934 festgeschrieben, hervorgegangen aus dem Internet-Draft draft-farrell-tls-pemesni, den auch das DEfO-Projekt in seinen ech-dev-utils dokumentiert.

Ein gemeinsamer Schlüsselspeicher für alle Domains

Bei mehreren Domains mit gemeinsamem public_name gehört ssl_ech_file auf die http{}-Ebene in der nginx.conf, noch vor die vHost-Includes, nicht in die einzelnen vHost-Dateien:

ssl_ech_file /usr/local/etc/nginx/ssl/ech/shared.kernel-error.pem;

Der Grund liegt in der Reihenfolge des Handshakes. Die ECH-Entschlüsselung passiert, bevor nginx anhand der noch verschlüsselten echten SNI überhaupt den passenden vHost auswählen kann. In diesem Moment entscheiden die äußere SNI, also der gemeinsame public_name, und die vom Client mitgeschickte config_id, welcher Schlüssel überhaupt zum Entschlüsseln probiert wird. Ein Store auf http{}-Ebene stellt sicher, dass genau dieser eine, gemeinsame Schlüssel unabhängig vom initial per SNI getroffenen Serverblock verfügbar ist, egal welche der sechs Domains die Verbindung eigentlich betrifft.

Ein eigenes Zertifikat für den Deckname

Der Deckname selbst braucht ein eigenes Zertifikat mit ausschließlich diesem einen SAN-Eintrag, kein Wildcard-Zertifikat, das nebenbei auch die echten Domains auflistet. Sonst verrät schon das äußere Zertifikat die Domain-Familie, selbst wenn die konkrete Domain im Handshake verschlüsselt bleibt:

certbot certonly --nginx -d ech.kernel-error.de --key-type ecdsa
X509v3 Subject Alternative Name:
    DNS:ech.kernel-error.de

Der nginx-vHost für den Deckname bleibt inhaltsleer und erbt den Schlüsselspeicher automatisch von der http{}-Ebene:

server {
    listen      [::]:443 ssl;
    http2 on;
    server_name ech.kernel-error.de;
    ssl_certificate     /usr/local/etc/letsencrypt/live/ech.kernel-error.de/fullchain.pem;
    ssl_certificate_key /usr/local/etc/letsencrypt/live/ech.kernel-error.de/privkey.pem;
    include              /usr/local/etc/nginx/tls-default.conf;
    location / { return 204; }
}

Der DNS-Eintrag

Die ECH-Konfiguration wird nicht als eigener Record-Typ verteilt, sondern als zusätzlicher ech=-SvcParam an der ohnehin schon vorhandenen HTTPS-Resource-Record angehängt, und zwar identisch auf allen sechs teilnehmenden Domains. Der Bootstrap-Mechanismus dafür steht in RFC 9848.

www  IN HTTPS  1 www.kernel-error.de. ( alpn="h3,h2" ipv4hint=148.251.30.200
     ipv6hint=2a01:4f8:262:4716::443
     ech="AEb+DQBC8AAgACDKMT4bTYtGnUXKvOkeuYEWDaByMjijSRINkLQxIEHQQQAEAAEAAQATZWNoLmtlcm5lbC1lcnJvci5kZQAA" )

Eine DNSSEC-signierte Zone ist dafür nicht normativ vorgeschrieben, aber sinnvoll: ohne Signatur kann ein Man in the Middle den ech=-Parameter einfach aus der Antwort entfernen, ein klassischer Downgrade auf Klartext-SNI, den ein validierender Resolver mit DNSSEC erkennt. Vor jeder Form von Downgrade schützt das trotzdem nicht: ein Angreifer kann die gesamte HTTPS/SVCB-Auflösung unterdrücken statt sie zu manipulieren, und gegen dieses Denial hilft DNSSEC allein nicht.

Verifikation nach dem Rollout

Der naheliegende erste Test ist openssl s_client mit dem passenden ECH-Config-List-Wert. Ohne ein gesetztes CA-Bundle lassen sich ein echter ECH-Fehler und ein simpler Zertifikatsfehler dabei nicht unterscheiden, -CAfile ist deshalb Pflicht, nicht optional:

openssl s_client -connect 148.251.30.200:443 -servername www.kernel-error.de -ech_config_list "AEb+DQBC8AAgACDKMT4bTYtGnUXKvOkeuYEWDaByMjijSRINkLQxIEHQQQAEAAEAAQATZWNoLmtlcm5lbC1lcnJvci5kZQAA" -CAfile /etc/ssl/cert.pem
Verify return code: 0 (ok)
ECH: success: 1
ECH: inner: www.kernel-error.de
ECH: outer: ech.kernel-error.de

Derselbe Test läuft identisch, mit demselben Base64-Wert und demselben Erfolg, auch für kernel-error.de, webmail.kernel-error.de, bilder.kernel-error.de und kernel-error.org, alle fünf gegen dieselbe ECHConfig verifiziert.

Für eine unabhängige Zweitmeinung von außen eignet sich das externe Tool echcheck. Es prüft nicht nur, ob der Handshake gelingt, sondern auch DNS-Veröffentlichung, verwendete Kryptografie, das innere Zertifikat und die Retry-Konfiguration einzeln:

ECHConfig aus dem DNS: ✓
finale ECH-Version 0xfe0d: ✓
X25519, HKDF-SHA256, AES-128-GCM: ✓
öffentlicher Name ech.kernel-error.de: ✓
echter ECH-Handshake: Accepted (TLS 1.3): ✓
gültiges inneres Zertifikat: ✓
gültige Retry-Konfiguration, Wiederholung erfolgreich: ✓
SNI Leakage: ✓ (Einzel-SAN-Zertifikat für den Deckname)
Certificate (outer): ✓ (Einzel-SAN-Zertifikat für den Deckname)

In allen neun geprüften Kategorien kommt ein Haken zurück, auch bei den beiden Punkten, die erst nach dem Einzel-SAN-Zertifikat für den Deckname sauber wurden. Ein einmaliger CLI-Test sagt aber nichts darüber, ob echte Clients die Funktion später auch tatsächlich nutzen. Dafür lohnt sich ein erweitertes Log-Format, das den ECH-Status jeder einzelnen Verbindung mitschreibt:

log_format tls_extended
  '$remote_addr - $remote_user [$time_local] '
  '"$request" $status $body_bytes_sent '
  '"$http_referer" "$http_user_agent" '
  'proto=$ssl_protocol cipher=$ssl_cipher kx_curve=$ssl_curve '
  'alpn=$ssl_alpn_protocol reused=$ssl_session_reused sni=$ssl_server_name '
  'ech_status=$ssl_ech_status ech_outer_sni=$ssl_ech_outer_server_name';

Im laufenden Traffic zeigen sich damit bereits echte ech_status=SUCCESS-Verbindungen, neben NOT_TRIED für Clients ohne ECH-Unterstützung und GREASE für Clients, die absichtlich eine leere ECH-Erweiterung mitschicken, um Middleboxen an das Feld zu gewöhnen. Genau dieser Log-Eintrag ist der eigentliche Erfolgsnachweis, nicht der einzelne CLI-Test.

Während dieser TLS-Arbeiten am selben Server ist außerdem noch ein kleinerer Nebenfund aufgetaucht: ein externer TLS-Scan meldete, dass der Server unter TLS 1.2 weiterhin SHA-224 als Hash-Funktion für die Signatur beim Schlüsselaustausch akzeptierte, obwohl die konfigurierten Cipher-Suiten ohnehin ausschließlich ECDSA nutzen. RFC 9847 stuft SHA-224 in der TLS-HashAlgorithm-Registry inzwischen als „Discouraged“ ein, während SHA-256, SHA-384 und SHA-512 dort als „Recommended“ geführt werden. Ein guter Grund, es trotzdem weiter anzubieten, findet sich aber nicht, wenn SHA-256 und höher ohnehin zur Verfügung stehen. Unter TLS 1.3 stellt sich die Frage gar nicht erst, dort ist für SHA-224 kein Signature Scheme registriert, die Hash-Funktion lässt sich strukturell nicht wählen.

Cipher-Suite und Signaturalgorithmus fürs Handshake sind zwei getrennte Stellschrauben, eine sauber konfigurierte Cipher-Suite sagt nichts über die andere aus. Ohne explizite Vorgabe verwendet OpenSSL seine Default-Liste der SignatureAlgorithms, und die enthält SHA-224 weiterhin aus Kompatibilitätsgründen:

openssl s_client -connect 148.251.30.200:443 -servername www.kernel-error.de -tls1_2 -sigalgs "ECDSA+SHA224"
Peer signing digest: SHA224
New, TLSv1.2, Cipher is ECDHE-ECDSA-CHACHA20-POLY1305

Der Fix ist eine Zeile in der gemeinsamen TLS-Konfigurationsdatei, damit gilt sie automatisch für alle vHosts, nur ECDSA-Varianten gelistet, passend zum bestehenden reinen ECDSA-Cipher-Setup:

ssl_conf_command SignatureAlgorithms ECDSA+SHA384:ECDSA+SHA256:ECDSA+SHA512;

Auch hier reichte ein reload nicht, erst ein vollständiger Neustart übernahm die geänderte Liste, aus demselben Grund wie beim OpenSSL-Umstieg weiter oben. Danach lehnt der Server SHA-224 ab, SHA-256 funktioniert unverändert:

SHA224: error:...:SSL routines:ssl3_read_bytes:tls alert handshake failure:...
SHA256: Peer signing digest: SHA256, New, TLSv1.2, Cipher is ECDHE-ECDSA-CHACHA20-POLY1305

Fazit

OpenSSL 4.0 war die technische Voraussetzung für diesen Umstieg, die eigentliche Entscheidung fiel aber woanders. Ein ECH-Setup mit dem eigenen Domainnamen als public_name wäre in wenigen Minuten fertig gewesen und hätte am Ende nichts verschleiert. Der Wert liegt allein in einem gemeinsamen Deckname über mehrere unabhängige Domains, und den gab es hier schon, bevor überhaupt eine Zeile Konfiguration geschrieben wurde.

Firefox unterstützt ECH seit Version 118, standardmäßig aktiv ist es seit Version 119, jeweils automatisch sobald ein Server es per DNS anbietet. Bei Chromium-basierten Browsern lässt sich keine ebenso feste Versionsgrenze nennen, der Rollout läuft dort gestaffelt über Channel und Policy. Der Nutzer muss in beiden Fällen nichts einstellen, die Aushandlung läuft beim ersten Verbindungsaufbau im Hintergrund. Wie schnell sich diese Versionsstände weiterentwickeln, lässt sich hier nicht dauerhaft verlässlich festschreiben, ein aktueller Blick in die jeweilige Browser-Dokumentation lohnt bei Zweifeln also immer.

Wer selbst mehrere unabhängige Domains auf derselben IP betreibt, hat die Grundvoraussetzung für ein eigenes Anonymitätsset damit häufig schon, ganz ohne Cloudflare oder einen anderen großen Anbieter dazwischen.

Siehe auch

Bei Fragen zum Setup, zur Wahl des Decknamens oder zum eigenen Anonymitätsset dürft ihr mich sehr gerne fragen.

sipgate unter Linux: ein Softphone, das Kontakte und Kalender aus der eigenen Nextcloud kennt

Vor zwölf Jahren habe ich hier beschrieben, wie der Familienkalender meiner Frau in die ownCloud gewandert ist. Vorher gab es ein Büchlein in ihrer Tasche und einen großen Kalender an der Wand, und beide waren selten einer Meinung. Seitdem liegen Termine und Kontakte unter eigener Kontrolle, und alles Mögliche greift darauf zu. Nur ein Gerät hat es nie getan: das Telefon am Schreibtisch.

Zwei Karten nebeneinander: links ein Anruf als nackte Rufnummer ohne Adressbuch, rechts derselbe Anruf mit aufgelöstem Namen aus der eigenen Nextcloud.

Das hat mich lange nicht gestört, bis ich es einmal ausprobiert habe. Ein Anruf kommt rein, auf dem Bildschirm steht eine nackte Rufnummer, und ich sitze vor einem Rechner, auf dem 144 Kontakte mit genau dieser Nummer liegen. Das ist albern.

Mein sipgate-Konto ist alt. Wie alt genau, wusste ich selbst nicht mehr. In diesem Blog taucht sipgate erstmals im August 2009 auf, und 2015 habe ich beim Abschalten meiner alten 01801-Nummer geschrieben, ich hätte sie „vor ? 13 ? Jahren“ bekommen. Die Fragezeichen waren schon damals meine. Also habe ich einfach den Support gefragt, ausdrücklich nur aus Neugier. Die Antwort kam am nächsten Morgen: angemeldet am 30. April 2005. Da sipgate 2004 mit den Basis-Accounts gestartet ist, bin ich also aus dem ersten Jahr dabei, gut zwanzig Jahre. Dass sich jemand die Mühe macht, so eine reine Neugier-Frage überhaupt zu beantworten, finde ich bemerkenswert.

Was ich wollte, war jedenfalls nichts Exotisches: ein Softphone unter Linux, das an diesem Konto hängt und beim Klingeln in mein eigenes Adressbuch schaut statt in gar keines. Dazu am besten noch die Kalender, damit ich beim Telefonieren sehe, ob der Termin, über den gerade gesprochen wird, überhaupt frei ist.

Der Weg dahin war überraschend kurz, aber die naheliegenden Kandidaten führen alle in die Irre. Deshalb schreibe ich beides auf.

Warum der naheliegende Weg nicht funktioniert

Der erste Reflex ist, das Softphone des Anbieters zu nehmen. Bei sipgate steht dazu im eigenen Hilfecenter, dass es unter Linux nicht installiert, sondern nur ausgeführt wird, dass es kein 64 Bit kann, also weder auf x86_64 noch auf ARM läuft, und dass der Support in Kürze eingestellt wird und keine Updates mehr kommen. Das ist eine erfrischend ehrliche Ansage, hilft aber nicht weiter.

Der zweite Reflex heißt Linphone, und das ist die Falle, in der ich am längsten gesteckt habe. Linphone kann CardDAV wirklich, die Funktionen stecken vollständig in der Bibliothek liblinphone. Nur hat die Oberfläche der paketierten Version keinen einzigen Schalter dafür, dort gibt es bei den Adressbuchquellen ausschließlich LDAP. In die Oberfläche kam CardDAV erst mit Version 6.0, und die liegt in keinem einzigen Linux-Distributionsrepo. Ein Blick auf Repology zeigt für linphone-desktop gerade einmal AUR bei 6.1.2, alles andere hängt bei 4.x oder 5.x, Debian unstable bei 5.2.6. Der Hersteller selbst liefert für Linux ausschließlich AppImages aus, ohne veröffentlichte Prüfsumme und ohne eingebettete Update-Information. Wer sich nicht um Aktualisierungen kümmern will, ist damit an der falschen Adresse.

Blink fällt aus, weil es zwar ein ausgereifter SIP-Client ist, beim Adressbuch aber nur Google Contacts kennt. GNOME Calls wäre technisch ein Weg, ist aber für Telefone gebaut und als Desktop-Softphone dünn.

Nebenbei: die Frage wird gestellt. Im Nextcloud-Forum steht ein Thread vom August 2025 mit genau diesem Wunsch, und der Fragesteller verweist darin auf einen älteren Thread zum selben Thema, der ohne Ergebnis blieb. Die Antworten waren eine kommerzielle Lösung und ein Umweg über die FRITZ!Box. Was ich jetzt benutze, kam in keinem der beiden vor.

Die Kette, die tatsächlich funktioniert

Der Trick besteht darin, dass das Softphone gar nicht mit der Nextcloud sprechen muss. Unter Linux gibt es dafür längst eine Zwischenschicht, und die heißt evolution-data-server. Sie ist auf so gut wie jedem Desktop installiert, weil Kalender- und Kontaktanwendungen darauf aufsetzen. Und sie spricht CalDAV und CardDAV von Haus aus.

Nextcloud
  |
  +-- GNOME Online Accounts     Provider owncloud, CalDAV und CardDAV
       |
       +-- evolution-data-server
            |
            +-- Softphone (GOnnect, Adressbuchquelle "EDS")

Das Softphone ist damit austauschbar, und die Zugangsdaten der Cloud liegen genau an einer Stelle statt in jeder Anwendung noch einmal. Als Softphone nehme ich GOnnect von der GONICUS GmbH, einem Open-Source-UC-Client, den es als Flatpak auf Flathub gibt. Er kann als Adressbuchquellen LDAP, CardDAV, CSV und eben evolution-data-server.

Dass er über Flathub kommt, war für mich das Ausschlusskriterium gegen alles andere. Ein AppImage müsste ich von Hand nachziehen, ein Flatpak läuft mit flatpak update einfach mit.

Schritt 1: Die Nextcloud in die Online-Konten hängen

Unter Linux Mint findest du das unter „Online-Konten“, dahinter steckt gnome-online-accounts-gtk. Dort legst du ein Konto vom Typ Nextcloud an, trägst die Adresse deiner Instanz, deinen Benutzernamen und ein App-Passwort ein und hakst Kalender und Kontakte an.

Der Dialog Online-Konten unter Linux Mint mit einem eingerichteten Nextcloud-Konto, bei dem Kalender, Kontakte und Dateien eingeschaltet sind.
Ein Konto vom Typ Nextcloud in den Online-Konten, Kalender und Kontakte angehakt. Ab hier kennt der ganze Rechner die Daten, nicht nur ein Programm.

Nimm dafür wirklich ein App-Passwort aus den Sicherheitseinstellungen deiner Nextcloud und nicht dein normales. Falls du später den Zugriff eines einzelnen Rechners zurückziehen willst, geht das damit mit einem Klick, ohne dass du überall sonst neue Zugangsdaten eintragen musst.

Wenn es geklappt hat, sieht die Konfiguration hinterher so aus:

[Account account_1735125820_0]
Provider=owncloud
Uri=https://cloud.example.org/remote.php/webdav
CalendarEnabled=true
CalDavUri=https://cloud.example.org/remote.php/dav
ContactsEnabled=true
CardDavUri=https://cloud.example.org/remote.php/dav
FilesEnabled=true
AcceptSslErrors=false

Auf AcceptSslErrors=false lohnt ein Blick. Steht dort true, akzeptiert die Verbindung kaputte Zertifikate, und dann kannst du dir den ganzen Rest sparen.

Ab hier haben alle Programme auf dem Rechner Zugriff, die evolution-data-server nutzen. Das Softphone ist nur eines davon.

Schritt 2: GOnnect installieren

flatpak install flathub de.gonicus.gonnect

Das war der ganze Schritt. Rund 310 MB, und beim ersten Start liest GOnnect die Kontakte und Kalender aus evolution-data-server ein, ohne dass du irgendwo CardDAV konfigurieren müsstest. Bei mir standen im Protokoll direkt beim ersten Start:

gonnect.app.addressbook: Found 1 active configurations for address book plugin "EDS"
gonnect.app.feeder.EDSAddressBookFeeder: Loaded 144 contact(s) of source "Kontakte"

Ja, und die Kalender ebenfalls, inklusive der Familienkalender aus dem Beitrag von 2014. Die stehen dann rechts im Fenster, unter den Favoriten und neben der Anrufliste.

Das Hauptfenster von GOnnect mit der Anrufliste auf der linken Seite, den Favoriten rechts oben und den Terminen aus der Nextcloud rechts unten.
Links die Anrufliste, rechts die Favoriten und darunter die Termine aus dem Familienkalender. Namen, Nummern und Kontaktbilder sind unkenntlich gemacht.

Und die Suche oben im Fenster greift auf dasselbe Adressbuch zu. Ein paar Buchstaben genügen, dann steht der Treffer da, und darüber die Quelle, aus der er kommt: eds-contacts. Genau darum ging es. Kein Zwischenschritt, kein Export, keine zweite Kontaktverwaltung im Softphone.

Die Kontaktsuche in GOnnect zeigt einen gefundenen Kontakt, darüber steht die Quelle eds-contacts.
Ein paar Buchstaben genügen. Über dem Treffer steht die Quelle: eds-contacts, also das Adressbuch aus der eigenen Nextcloud.

Schritt 3: Das sipgate-Konto eintragen

Hier kommt die Eigenheit von GOnnect, an der man sich einmal stoßen muss: es gibt keinen Einrichtungsassistenten und keinen Einstellungsdialog für das SIP-Konto. Der Client ist dafür gebaut, in Firmen ausgerollt zu werden, und erwartet deshalb eine fertige Konfigurationsdatei. Die liegt hier:

~/.var/app/de.gonicus.gonnect/config/gonnect/99-user.conf

Unter der Haube arbeitet PJSIP, entsprechend sehen die Schlüssel aus. Das hier ist die vollständige Konfiguration, die bei mir mit einem sipgate-Basis-Konto läuft:

[account0]
userUri=sip:1234567e0@sipgate.de
registrarUri=sip:sipgate.de
proxies=sip:sip.sipgate.de:5061;transport=tls
auth=auth0
transport=tls
srtpUse=mandatory
srtpSecureSignaling=1
verifyServer=true
caListFile=/etc/ssl/certs/ca-certificates.crt
contactRewriteMethod=always-update

[auth0]
scheme=Digest
username=1234567e0
realm=sipgate.de
type=digest
data=HIER_DER_MD5_HASH

1234567e0 ist deine SIP-ID aus dem sipgate-Konto, nicht deine Rufnummer.

Wichtig ist die Zeile type=digest. Du kannst dort auch dein Passwort im Klartext hinterlegen, aber das musst du nicht. SIP authentifiziert sich per Digest, und der Hash dafür ist schlicht MD5(Benutzer:Realm:Passwort). Den rechnest du dir selbst aus:

printf '%s' '1234567e0:sipgate.de:DEIN_SIP_PASSWORT' | md5sum

Das Ergebnis kommt hinter data=. Danach setzt du die Datei noch auf chmod 600.

Damit steht dein Passwort nicht mehr wörtlich in einer Konfigurationsdatei. Ehrlich bleiben muss man trotzdem: der Hash ist für diesen Realm genauso viel wert wie das Passwort selbst, wer ihn hat, kann sich anmelden. Der Gewinn ist ein anderer. Falls du dieses Passwort irgendwo sonst auch verwendest, liegt es hier nicht lesbar herum.

Ein Detail, das mich beim Ändern der Datei erwischt hat: GOnnect muss dabei beendet sein. Der Client schreibt die Datei beim Beenden aus dem Speicher zurück und überschreibt deine Änderungen sonst kommentarlos.

Was der Desktop davon merkt

Zwei Dinge sind mir erst im Betrieb aufgefallen, und beide gehören zu der Sorte, die man nicht vermisst, solange man sie nicht kennt.

Wenn ein Anruf reinkommt oder du selbst einen startest, pausiert die laufende Medienwiedergabe von selbst. Das YouTube-Video im Firefox hält an, der Musikplayer ebenso, und nach dem Auflegen läuft beides weiter. Dahinter steckt MPRIS, die Schnittstelle, über die sich Medienplayer unter Linux fernsteuern lassen. Für mich war das der Moment, in dem sich das Ding nicht mehr nach Fremdkörper angefühlt hat, sondern nach Teil des Desktops.

Das zweite: sip:-Links auf Webseiten funktionieren. Ein Klick darauf öffnet die Anwendung und wählt sofort. Der Client trägt sich beim Installieren als Handler für dieses Schema ein, du musst dafür nichts konfigurieren.

Verschlüsselung, und warum eine Zeile davon die wichtigste ist

sipgate kann das seit über zwanzig Jahren. Heise hat am 1. Februar 2006 über „sipgate-Crypto“ berichtet, damals schon mit TLS für die Signalisierung und SRTP für die Sprache bis zum Festnetz-Gateway. Das Problem war seinerzeit, dass kaum ein Endgerät mitspielte, weshalb sipgate passende Hardware gleich mit anbot. Zwanzig Jahre später kann es jedes Gerät, und trotzdem steht es in kaum einer Anleitung.

Eingeschaltet ist es nämlich nicht von allein. Die Standardkonfiguration läuft über UDP und unverschlüsselt, du musst zwei Dinge selbst ändern: sip.sipgate.de als Proxy eintragen und die Signalisierung von UDP auf TLS umstellen.

Interessant ist, was danach passiert. In der sipgate-Dokumentation steht dieser Satz:

Bei verschlüsselter Signalisierung erfordern wir ebenfalls, dass die Sprachdaten verschlüsselt werden. Ist diese Einstellung falsch, so werden Anrufe mit Fehler „488 No Acceptable here“ abgewiesen.

Sobald die Signalisierung verschlüsselt ist, erzwingt sipgate also auch die Sprachverschlüsselung. Das ist die angenehmste Sorte Sicherheitsentscheidung, weil sie einem die Wahl abnimmt. srtpUse=mandatory ist damit nicht meine Strenge, sondern schlicht das, was die Gegenseite ohnehin verlangt. Ein optional würde dir nichts retten, der Anruf käme trotzdem nicht zustande, nur mit einer verwirrenderen Fehlermeldung.

Kleine Randbemerkung, weil es mich gefreut hat: gefunden habe ich diesen Satz nicht durch Klicken im Hilfecenter, sondern hier:

curl https://help.sipgate.de/llms-full.txt

Das ist das komplette Hilfecenter als eine Textdatei, rund 350 KB, gedacht als maschinenlesbare Fassung für Sprachmodelle. Zum Durchsuchen mit grep ist das erheblich angenehmer als jede Suchmaske, und es beantwortet Fragen, die im Menü drei Ebenen tief liegen. Ich habe so etwas seit einer Weile selbst auf diesem Blog liegen, und es ist schön zu sehen, dass es sich langsam herumspricht.

Die eigentlich wichtige Zeile ist eine andere, und die steht in keinem Beispiel, das ich gefunden habe:

verifyServer=true
caListFile=/etc/ssl/certs/ca-certificates.crt

Die Voreinstellung von PJSIP ist verifyServer=false. Übersetzt heißt das: die Verbindung wird verschlüsselt, aber es wird nicht geprüft, mit wem. Jedes beliebige Zertifikat wird angenommen. Gegen jemanden, der auf dem Weg sitzt und die Verbindung übernimmt, ist so eine Verschlüsselung wertlos, weil er einfach sein eigenes Zertifikat vorzeigt. Erst mit diesen zwei Zeilen wird geprüft, und zwar gegen den Zertifikatsspeicher deines Systems.

Nachmessen statt glauben

Dass die Registrierung mit code=200 klappt, sagt über die Verschlüsselung nichts. Also nachsehen. Der einfachste Test zeigt, wohin die Verbindung überhaupt geht:

ss -tnp | grep 5061
ESTAB  [2001:db8::23]:49705 -> [2001:ab7::18]:5061  users:(("gonnect",pid=48721))
ESTAB  [2001:db8::23]:38171 -> [2001:ab7::1a]:5061  users:(("gonnect",pid=48721))

Port 5061, und auf Port 5060 liegt nichts mehr, es läuft also kein Klartext-SIP nebenher. Meine eigene Adresse habe ich ersetzt, die Gegenstellen sind echt. Ein whois auf 2001:ab7::/36 nennt die netzquadrat GmbH, und sip.sipgate.de löst genau auf diese Adressen auf. Das Zertifikat dazu:

openssl s_client -connect sip.sipgate.de:5061 -servername sip.sipgate.de </dev/null | openssl x509 -noout -subject -issuer
subject=CN = sip.sipgate.de
issuer=C = US, O = DigiCert Inc, CN = GeoTrust TLS RSA CA G1

Wenn du schon dabei bist, kannst du auch gleich nachsehen, was die Gegenstelle überhaupt anbietet. Das geht wie bei jedem anderen TLS-Dienst:

nmap -Pn -p 5061 --script ssl-enum-ciphers sip.sipgate.de
TLSv1.2:
  TLS_ECDHE_RSA_WITH_AES_256_GCM_SHA384 (ecdh_x25519) - A
  TLS_ECDHE_RSA_WITH_CHACHA20_POLY1305_SHA256 (ecdh_x25519) - A
  ...
TLSv1.3:
  TLS_AKE_WITH_AES_256_GCM_SHA384 (ecdh_x25519) - A
  TLS_AKE_WITH_CHACHA20_POLY1305_SHA256 (ecdh_x25519) - A
  TLS_AKE_WITH_AES_128_GCM_SHA256 (ecdh_x25519) - A
cipher preference: server
least strength: A

Das Ergebnis ist erfreulich unaufgeregt. Es gibt nur TLS 1.2 und 1.3, die alten Versionen habe ich gegengeprüft und beide werden abgelehnt. Alles bewertet mit A, der Server bestimmt die Reihenfolge, und das Zertifikat ist RSA mit 4096 Bit. Ausgehandelt wird in der Praxis TLS 1.3 mit TLS_AES_256_GCM_SHA384 über X25519.

Ein Schönheitsfehler bleibt: unter TLS 1.2 stehen auch noch reine TLS_RSA_WITH_*-Suiten in der Liste, also solche ohne Forward Secrecy. Weil der Server die Reihenfolge vorgibt und ECDHE oben steht, bekommt sie in der Praxis niemand, sie sind der Rückfall für Uraltgeräte. Schöner wäre es trotzdem ohne.

Bleibt die Sprache. Während des Gesprächs zeigt GOnnect oben links ein grünes Schild, das ist die Verschlüsselungsanzeige.

Ein laufendes Gespräch in GOnnect, oben links ein grünes Schild als Anzeige für die Verschlüsselung.
Das grüne Schild oben links ist die Verschlüsselungsanzeige. Was dahinter wirklich passiert, steht erst im Protokoll.

Ein Symbol ist aber nur ein Symbol. Was dahinter passiert, protokolliert der Client erst, wenn du ihn darum bittest:

[logging]
level=6

Danach einmal telefonieren und ins Protokoll schauen. Was du sehen willst, sind zwei Dinge. Erstens die Aushandlung, in der beide Seiten RTP/SAVP sprechen statt RTP/AVP:

m=audio 4000 RTP/SAVP 96 97 98 99 3 0 8 9 100 102 103 101 104 105 106
a=crypto:1 AES_256_CM_HMAC_SHA1_80 inline:S3ybiZ92TCP4JuPe48V...
a=crypto:3 AES_CM_128_HMAC_SHA1_80 inline:r2RXvwQ31ewSR0xEvuZX...

Und zweitens die Bestätigung, welche der angebotenen Suiten die Gegenstelle genommen hat:

srtp0x...  SRTP started, keying=SDES, crypto=AES_256_CM_HMAC_SHA1_80
           SRTP status: Active  Crypto-suite: AES_256_CM_HMAC_SHA1_80

sipgate hat also die stärkste der vier angebotenen Varianten gewählt. Erst damit weiß ich, dass srtpUse=mandatory wirklich gegriffen hat und nicht still auf „aus“ stand. Nebenbei: mehr als diese vier hat der Client gar nicht im Angebot, alle mit AES im Counter-Modus und HMAC-SHA1. AES-GCM kennt diese PJSIP-Variante nicht, an der Stelle ist also nichts zu optimieren.

Und dann dreh den Loglevel wieder runter. In den Zeilen oben stehen die SRTP-Schlüssel im Klartext, die haben in einer Protokolldatei nichts verloren.

Was dabei nicht verschlüsselt ist

Hier muss ich die gute Laune etwas bremsen, denn „alles verschlüsselt“ wäre falsch.

Verschlüsselt ist die Strecke zwischen deinem Rechner und sipgate. Das ist viel wert, es schützt gegen dein WLAN, gegen fremde Netze und gegen deinen Provider, und zwar sowohl den Gesprächsinhalt als auch die Information, wen du wann anrufst.

Es endet aber bei sipgate. Rufst du ein Mobiltelefon an, läuft der Anruf ab dort durch das normale Telefonnetz, und dort gibt es keine Verschlüsselung. Dazu kommt, dass SDES als Schlüsselaustausch bedeutet, dass die Schlüssel im Signalisierungsweg stehen, den sipgate liest. Der ist zwar durch TLS gegen Dritte geschützt, aber sipgate kennt deine Schlüssel und könnte mithören. Etwas anderes steht auch gar nicht zur Wahl: ZRTP und DTLS-SRTP kommen in der gesamten sipgate-Dokumentation kein einziges Mal vor.

Echte Ende-zu-Ende-Verschlüsselung bekommst du nur zwischen zwei Clients, die direkt miteinander eines von beidem sprechen. Mit einem Anbieter dazwischen ist das, was hier läuft, die Obergrenze. Das ist kein Grund, es zu lassen, man sollte es nur nicht mit etwas verwechseln, das es nicht ist.

Kleinkram, der auffällt

Zwei Meldungen im Protokoll haben mich kurz beunruhigt und sind harmlos. Failed to connect to pipewire instance erscheint, weil das Flatpak den PulseAudio-Socket hat und auf pipewire-pulse zurückfällt. Die Geräte werden danach sauber gesetzt, der Ton funktioniert. Die Fehler des JitsiConnector betreffen die Videokonferenz-Anbindung und nicht das Telefonieren.

Was tatsächlich nicht geht: globale Tastenkürzel. Cinnamon bringt das Portal org.freedesktop.portal.GlobalShortcuts nicht mit, Anrufe per Tastendruck annehmen fällt damit aus. Alles andere, auch das Symbol im Systemabschnitt der Kontrollleiste, funktioniert.

Fazit

Der Teil, den ich für den schwierigen hielt, war der einfachste. Ich musste am Softphone überhaupt kein CardDAV einrichten, weil evolution-data-server das längst erledigt hatte. Ein Konto in den Online-Konten, und die Kontakte und Kalender stehen jedem Programm auf dem Rechner zur Verfügung.

Aufwendig war stattdessen, überhaupt einen Client zu finden, der unter Linux gepflegt wird und den man ohne AppImage-Gefummel aktuell hält. Dass ausgerechnet ein Client, der eigentlich für den Rollout in Firmen gedacht ist und deshalb keinen Einrichtungsdialog hat, für einen einzelnen Basis-Account die beste Wahl ist, hätte ich vorher nicht erwartet.

Und der Familienkalender, der 2014 in die ownCloud gewandert ist, steht jetzt neben dem Telefon. Nur zwölf Jahre später.

Siehe auch:

Falls ihr das nachbaut und irgendwo hängen bleibt, oder falls ihr einen besseren Weg kennt, dann dürft ihr mich sehr gerne fragen.

X25519MLKEM768 zerlegt: was in einem Post-Quantum-Handshake wirklich steckt

X25519 und ML-KEM-768 führen ihre Schlüsselanteile in einem hybriden TLS-1.3-Handshake zu gemeinsamem Schlüsselmaterial zusammen.

Wer eine moderne TLS-Verbindung debuggt, stolpert früher oder später über eine Zeichenkette wie X25519MLKEM768. Sie steht im nginx-Log, sie taucht in der Ausgabe von openssl s_client auf, sie klebt in jeder Handshake-Analyse. Und sie sieht aus, als wären da zwei Dinge aus Versehen zusammengeschoben worden. Sind sie aber nicht.

Genau wie die klassischen Cipher Suites folgt auch dieser Name einem klaren Schema. Man muss nur wissen, wo man den Schnitt ansetzt. Vor Jahren habe ich hier schon einmal so eine Zeichenkette auseinandergenommen, damals TLS_ECDHE_ECDSA_WITH_AES_256_GCM_SHA384. Heute ist die Post-Quantum-Welt dran. Ich möchte X25519MLKEM768 einmal komplett durchleuchten: was jeder Teil bedeutet, warum das Ganze so gebaut ist und was es bewusst nicht abdeckt.

Kurze Auffrischung: die vier Teile einer klassischen Cipher Suite

Ein klassischer Suite-Name wie TLS_ECDHE_ECDSA_WITH_AES_256_GCM_SHA384 beschreibt vier Bausteine. Der Schlüsselaustausch legt fest, wie sich beide Seiten auf ein gemeinsames Geheimnis einigen, hier ECDHE. Die Authentisierung sagt, womit das Serverzertifikat signiert ist, hier ECDSA. Die eigentliche Verschlüsselung der Nutzdaten macht AES-256-GCM. Und der Hash SHA384 steckt in der Schlüsselableitung und sichert das Handshake-Transkript ab. Die Integrität der übertragenen Nutzdaten übernimmt bei dieser Suite dagegen schon AES-256-GCM selbst, als AEAD-Verfahren braucht es dafür keinen separaten Hash mehr. Wer das im Detail nachlesen mag, findet es im verlinkten Altbeitrag.

Diese vier Slots sind der Rahmen. Post-Quantum betrifft in diesem Beitrag genau einen davon, den Schlüsselaustausch. Die Authentisierung ließe sich ebenfalls quantensicher machen, sie bleibt hier aber vorerst klassisch, dazu am Ende mehr. Der Schlüsselaustausch ist der springende Punkt, den man zuerst verstehen muss.

In TLS 1.3 wandert der Schlüsselaustausch aus dem Namen

Der erste Grund, warum X25519MLKEM768 nicht in der Cipher Suite steht, ist eine Änderung aus TLS 1.3. Dort ist der Schlüsselaustausch aus dem Suite-Namen herausgewandert. Eine TLS-1.3-Suite heißt nur noch TLS_AES_256_GCM_SHA384, also Verschlüsselung plus Hash. Vom Schlüsselaustausch steht da kein Wort mehr.

Stattdessen handeln Client und Server den Schlüsselaustausch separat aus, über die sogenannten Supported Groups. X25519MLKEM768 ist so eine Gruppe. Sie steht neben der Cipher Suite, nicht in ihr. Genau deshalb sitzt Post-Quantum an dieser Stelle: die Sache, die der Quantencomputer bedroht, ist der Schlüsselaustausch, und der wird in TLS 1.3 als eigene Gruppe verhandelt. Die Suite selbst bleibt unangetastet.

Diagramm: Zerlegung der Cipher Suite TLS_ECDHE_ECDSA_WITH_AES_256_GCM_SHA384 in Schlüsselaustausch, Authentisierung, Verschlüsselung und Hash, darunter die Abtrennung der Named Group X25519MLKEM768 in TLS 1.3.
Der klassische Suite-String und wie TLS 1.3 den Schlüsselaustausch als eigene Named Group abtrennt.

Warum überhaupt Post-Quantum?

Ein ausreichend großer Quantencomputer bricht mit dem Shor-Algorithmus die Mathematik hinter dem klassischen Schlüsselaustausch. Diffie-Hellman, RSA, die elliptischen Kurven: alles, was auf dem diskreten Logarithmus oder der Faktorisierung großer Zahlen beruht, fällt. Nicht ein bisschen schwächer, sondern gebrochen.

Die symmetrische Seite trifft es weit weniger hart. Gegen AES und die SHA-2-Familie hilft einem Quantencomputer nur der Grover-Algorithmus, und der halbiert lediglich die effektive Schlüssellänge. AES-256 verhält sich gegen Grover ungefähr so wie AES-128 gegen einen klassischen Rechner, und das ist weiterhin weit außerhalb des Machbaren. Deshalb muss der symmetrische Teil der Cipher Suite gar nicht ersetzt werden. Man nimmt die größere Variante, und die Sache ist erledigt. Nur der asymmetrische Schlüsselaustausch braucht wirklich Ersatz.

Der Haken ist der Zeitfaktor. Ein Angreifer, der heute Datenverkehr mitschneidet und wegspeichert, braucht den Quantencomputer nicht heute. Er kann warten. Kommt die Maschine in zehn oder fünfzehn Jahren, entschlüsselt er den alten Mitschnitt rückwirkend. Man nennt das harvest now, decrypt later. Für alles, was auch in fünfzehn Jahren noch vertraulich sein soll, ist die Bedrohung damit schon heute real. Das ist der Grund, warum man nicht wartet, bis es den Quantencomputer gibt.

Was ist ein KEM, und wie unterscheidet es sich von Diffie-Hellman?

Bevor wir den Namen zerlegen, ein Begriff, den man dafür braucht. Diffie-Hellman, auch in seiner elliptischen Variante ECDHE, funktioniert symmetrisch: beide Seiten werfen einen öffentlichen Wert in die Leitung, jede rechnet mit ihrem eigenen geheimen Wert und dem öffentlichen der Gegenseite, und am Ende haben beide dasselbe gemeinsame Geheimnis heraus. Verschickt hat es niemand, es entsteht auf beiden Seiten gleichzeitig.

Ein KEM, ein Key Encapsulation Mechanism, geht anders vor. Es kennt drei Schritte. Eine Seite erzeugt ein Schlüsselpaar und schickt den öffentlichen Teil. Die andere Seite führt mit diesem öffentlichen Schlüssel die Encapsulation aus. Dabei entstehen in einem Schritt zwei zusammengehörige Dinge: ein frisches gemeinsames Geheimnis und ein Chiffretext dazu. Der Chiffretext geht zurück. Die erste Seite entkapselt ihn mit ihrem privaten Schlüssel und hält dasselbe Geheimnis in der Hand. Encapsulate und Decapsulate, daher der Name.

Diagramm: Vergleich von Diffie-Hellman und KEM. Links tauschen beide Seiten öffentliche Werte, rechts schickt der Client einen öffentlichen Schlüssel und der Server antwortet mit einem Chiffretext, Encapsulate und Decapsulate.
Diffie-Hellman gegen KEM: beim KEM erzeugt der Client das Schlüsselpaar, der Server kapselt das Geheimnis ein.

Im TLS-Handshake ist die Rollenverteilung dabei klar. Der Client erzeugt das ML-KEM-Schlüsselpaar und legt den öffentlichen Schlüssel in sein key_share, also gleich in den ClientHello. Der Server nimmt diesen Schlüssel, kapselt ein frisches Geheimnis ein und schickt den Chiffretext in seinem ServerHello zurück. Der Client entkapselt ihn und beide haben dasselbe Geheimnis. Genau deshalb ist es der 1184 Byte große öffentliche Schlüssel, der den ClientHello aufbläht, und nicht der Chiffretext. Klein bleibt der ServerHello damit trotzdem nicht: dort steckt der 1088 Byte lange ML-KEM-Chiffretext plus der 32 Byte lange X25519-Anteil. Beide Seiten schleppen also einen großen hybriden Share. Der Client-Share ist mit 1216 Byte nur rund 96 Byte größer als der 1120 Byte große Server-Share.

Warum nicht einfach Diffie-Hellman mit einem quantensicheren Verfahren? Weil die gitterbasierte Mathematik, auf der ML-KEM beruht, sich nicht sauber in das symmetrische DH-Schema pressen lässt. Die KEM-Form passt zu dem, was Gitter gut können: etwas einkapseln und wieder herausholen. Deshalb ist der neue Standard ein KEM und kein neues Diffie-Hellman. Wer die Denke von ECDHE im Kopf hat, muss hier einmal umschalten.

Der klassische Teil: X25519

Jetzt zum Namen selbst. X25519 ist der Teil, den es schon lange gibt. Es ist Diffie-Hellman über der elliptischen Kurve Curve25519, schnell, seit Jahren im breiten Einsatz und gründlich untersucht. In einer klassischen TLS-1.3-Verbindung macht X25519 den Schlüsselaustausch ganz allein. Sein öffentlicher Anteil ist mit 32 Byte winzig, die Rechnung ist billig, und in Sachen Vertrauen hat es sich über Jahre bewiesen.

Sein einziges Problem ist der Quantencomputer. Gegen Shor hält X25519 nicht. Es allein weiterzuverwenden hieße, sich genau der harvest-now-Bedrohung auszuliefern. Es einfach wegzuwerfen wäre aber auch schade, denn es ist bewährt. Diese Spannung löst der zweite Teil.

Der Post-Quantum-Teil: ML-KEM-768

MLKEM768 ist der neue Teil. ML-KEM steht für Module-Lattice-Based Key Encapsulation Mechanism, das quantensichere KEM, das die NIST im August 2024 als FIPS 203 standardisiert hat. Wem der Name CRYSTALS-Kyber etwas sagt: das ist der Vorgänger, ML-KEM ist die standardisierte Fassung davon.

Die Sicherheit von ML-KEM beruht nicht auf dem diskreten Logarithmus, sondern auf Gitterproblemen, konkret auf dem Module-LWE-Problem. Das ist eine ganz andere mathematische Baustelle, und nach heutigem Kenntnisstand hilft auch ein Quantencomputer dort nicht weiter. Die 768 im Namen ist keine Byte-Angabe, sondern der Parametersatz. Er ist der NIST-Sicherheitskategorie 3 zugeordnet, deren Referenzniveau sich grob am Aufwand eines Angriffs auf AES-192 orientiert. Eine exakte Zahl wie 192 Bit sollte man daraus aber nicht ableiten, die Kostenmodelle für Gitterangriffe und klassische Schlüsselsuche sind nicht dasselbe. Kategorie 3 ist der übliche Mittelweg zwischen dem kleineren ML-KEM-512 und dem größeren ML-KEM-1024.

Man muss die Gittermathematik nicht beherrschen, um die Grundidee zu greifen. Grob gesagt versteckt ML-KEM sein Geheimnis in einem System aus vielen Gleichungen, dem absichtlich ein kleines Rauschen beigemischt wurde. Ohne den privaten Schlüssel lässt sich das Rauschen nicht sauber herausrechnen, und den richtigen Wert trotzdem zu finden, gilt auch für einen Quantencomputer als hart. Shor greift hier ins Leere, weil es weder um Faktorisierung noch um diskrete Logarithmen geht. Das ist der ganze Trick: eine Härte, für die keine Quanten-Abkürzung bekannt ist.

Interessant sind die Größen. Der öffentliche Schlüssel von ML-KEM-768 ist 1184 Byte groß, der Chiffretext 1088 Byte. Zum Vergleich: der X25519-Anteil misst 32 Byte. Das gemeinsame Geheimnis, das am Ende herausfällt, ist bei beiden gleich klein, nämlich 32 Byte. Der Zugewinn an Sicherheit steckt also nicht im Ergebnis, sondern im Aufwand, es auszuhandeln. Diese Größe wird später noch wichtig.

Warum beide zusammen? Der Hybrid-Gedanke

Das Entscheidende an X25519MLKEM768 ist, dass beide Verfahren zugleich laufen. Es ist ein hybrider Schlüsselaustausch. X25519 liefert ein gemeinsames Geheimnis, ML-KEM-768 liefert ein zweites. Diese beiden Geheimnisse werden aneinandergehängt und wandern gemeinsam in den Schlüsselplan von TLS 1.3, also durch die HKDF-Ableitung, aus der am Ende die eigentlichen Sitzungsschlüssel fallen.

Diagramm: Hybrider Schlüsselaustausch. X25519 und ML-KEM-768 liefern je ein 32 Byte langes Geheimnis, beide werden konkateniert und über HKDF zum Sitzungsschlüssel abgeleitet.
Beide Schlüsselaustausche laufen parallel, ihre Geheimnisse landen gemeinsam im TLS-1.3-Schlüsselplan.

So, wie es für X25519MLKEM768 in TLS 1.3 standardisiert ist, bleibt das Ergebnis sicher, solange mindestens einer der beiden Schlüsselaustausche sicher ist. Erst wenn ein Angreifer beide bricht, fällt der Schlüssel. Diese Garantie hängt allerdings an der sauberen Einbindung in den TLS-1.3-Schlüsselplan, bloßes Aneinanderhängen zweier Geheimnisse ist nicht in jedem Protokoll automatisch sicher. Und das ist der ganze Sinn der Übung. ML-KEM ist quantensicher, aber noch jung. Sollte in der Gitterkryptografie doch eine Schwäche gefunden werden, hält immer noch das klassische X25519 die Stellung. Sollte umgekehrt der Quantencomputer kommen, fällt X25519, aber ML-KEM trägt weiter. Man müsste beide gleichzeitig knacken, und das ist mit heutigem Wissen für keine der beiden Seiten in Sicht. Man bekommt die neue Sicherheit, ohne die alte aufzugeben.

Kleine Kuriosität am Rande: im Namen steht X25519 vorne, auf dem Draht und bei der Kombination der Geheimnisse liegt der ML-KEM-Teil zuerst. Der Name folgt einer Konvention, die Byte-Anordnung einer anderen. Fürs Verständnis ist das egal, für eine eigene Implementierung nicht. Der allgemeine Rahmen für hybride Schlüsselaustausche in TLS 1.3 ist übrigens inzwischen als RFC 9954 veröffentlicht. Der konkrete Codepoint X25519MLKEM768 mitsamt seiner genauen Kodierung steckt dagegen noch in einem eigenen Entwurf, draft-ietf-tls-ecdhe-mlkem, den die TLS-Arbeitsgruppe im März 2025 angenommen hat. Zum Zeitpunkt dieses Beitrags ist dieser Teil noch kein veröffentlichtes RFC, er liegt aber schon beim RFC Editor. Im echten Datenverkehr ist er trotzdem längst unterwegs.

Der Preis: der Handshake wird größer

Die 1184 Byte haben eine Nebenwirkung. Ein klassischer ClientHello passt bequem in ein Paket. Packt man den ML-KEM-Schlüssel dazu, wird es eng, und manche fehlerhaften Middleboxes oder ältere Mailserver kommen mit dem größeren ClientHello nicht klar. Bei HTTPS bricht der TLS-Handshake dann in der Regel einfach ab, einen automatischen Rückfall auf Klartext gibt es dort nicht. Kritischer sind opportunistische Protokolle wie SMTP mit STARTTLS: dort kann, je nach lokaler TLS-Policy, nach einem gescheiterten TLS-Versuch tatsächlich unverschlüsselt weiter zugestellt werden. Das ist aber eine Eigenschaft des Anwendungsprotokolls und seiner Policy, nicht von TLS selbst.

Standardmäßig schickt OpenSSL 3.5 den hybriden Schlüssel gleich im ersten ClientHello mit, X25519MLKEM768 ist dort als vorhergesagter Key Share vorgesehen. Genau deshalb passt der ClientHello unter Umständen nicht mehr in ein einzelnes TCP-Segment. Wer das vermeiden will, kann Delayed Key-Share konfigurieren: der Client bietet die Gruppe dann zwar in den Supported Groups an, schickt den großen Share aber noch nicht mit. Bevorzugt der Server sie, fordert er ihn per HelloRetryRequest nach, was eine zusätzliche Rundreise kostet. Bei Postfix habe ich genau diesen Weg über das vorangestellte Fragezeichen in der Kurvenliste eingerichtet und auf dem Draht mit tcpdump nachvollzogen. Der Link steht unten. Für das Verständnis des Namens reicht: der Post-Quantum-Teil ist groß, und der Handshake muss sich darauf einstellen.

Was hier nicht post-quantum ist: die Authentisierung

Ein Punkt wird gern übersehen. X25519MLKEM768 schützt den Schlüsselaustausch, nicht die Authentisierung. Dass man wirklich mit dem richtigen Server spricht und nicht mit jemandem in der Mitte, hängt an zwei klassischen Signaturen. Die Zertifikatskette ist von der CA mit ECDSA oder RSA signiert, und der Server beweist zusätzlich im Handshake mit einer eigenen Signatur über das Transkript, dem CertificateVerify, dass er den passenden privaten Schlüssel besitzt. Beide sind heute noch klassisch, an dieser Stelle steckt also weiterhin nichts Quantensicheres.

Das ist kein Versehen, sondern eine Frage der Reihenfolge. Die quantensicheren Signaturverfahren gibt es durchaus, ML-DSA und SLH-DSA sind standardisiert. Nur bekommt man praktisch von keiner öffentlichen CA heute ein post-quantum signiertes Zertifikat. Die ganze Kette aus Wurzel, Zwischenzertifikat und Serverzertifikat müsste mitziehen, Browser und Betriebssysteme müssten die neuen Wurzeln kennen, und das dauert Jahre.

Warum ist das trotzdem vertretbar? Weil die Bedrohung bei der Server-Authentisierung im TLS-Handshake eine andere ist. Diese Signatur muss vor allem in dem Moment halten, in dem die Verbindung aufgebaut wird. Ein Quantencomputer in fünfzehn Jahren kann eine damals abgeschlossene Verbindung nicht rückwirkend fälschen, sie ist längst vorbei. Harvest now, decrypt later trifft also die Vertraulichkeit, nicht die Echtheit eines vergangenen Handshakes. Andere Signaturen, etwa unter Dokumenten oder Firmware, müssen dagegen oft noch Jahrzehnte halten, das ist ein eigener Fall. Deshalb ist der Schlüsselaustausch das dringende Problem und darf zuerst quantensicher werden. Die Signaturen kommen später, und dafür bleibt mehr Zeit.

Und in der Praxis?

Das alles klingt nach Zukunft, ist aber längst Gegenwart. Ich habe über fünfzehn Tage mitgeloggt, welche Gruppe die Clients auf diesem Blog tatsächlich aushandeln. Ergebnis: rund 57 Prozent aller Handshakes liefen bereits über X25519MLKEM768, bei aktuellen Browsern waren es um die 77 Prozent. Das ist kein Laborwert, sondern normaler Besucherverkehr. Der Schlüsselaustausch, den ich hier zerlegt habe, ist für den Großteil der Verbindungen zu dieser Seite schon der Normalfall.

Sehen kann man das selbst mit einem Blick von außen. Ein openssl s_client -connect host:443 zeigt in seiner Ausgabe die ausgehandelte Gruppe, und wenn dort X25519MLKEM768 steht, dann läuft genau der hybride Schlüsselaustausch, den wir hier auseinandergenommen haben. Auf der Serverseite kann man dieselbe Information über die Log-Variable $ssl_curve mitschreiben, was ich für die Auswertung unten genau so gemacht habe.

Wer das selbst einrichten will, muss vor allem eines wissen: es hängt an der Krypto-Bibliothek, also an OpenSSL 3.5 oder neuer, nicht am Webserver oder Mailserver selbst. Die konkreten Anleitungen für nginx sowie für Postfix und Dovecot habe ich getrennt aufgeschrieben, dazu die Auswertung, aus der die Zahlen oben stammen. Die Links stehen gleich hier drunter.

Kurz zusammengefasst

X25519MLKEM768 ist kein Tippfehler und kein Buzzword, sondern eine saubere Konstruktion. Ein klassischer Schlüsselaustausch und ein quantensicherer laufen parallel, ihre Geheimnisse werden zusammengeführt, und der Handshake ist nur zu knacken, wenn beide fallen. Der symmetrische Teil der Verbindung bleibt klassisch, weil er es sich leisten kann. Die Authentisierung bleibt vorerst auch klassisch, weil sie nicht so eilt. Und wenn man den Namen einmal an der richtigen Stelle auseinandernimmt, steht da nichts Geheimnisvolles mehr, sondern genau das, was drinsteckt.

Siehe auch

Etwas unklar geblieben, anderer Meinung oder eine Ergänzung? Gern einfach fragen.

Post-Quantum TLS auf Nginx: 15 Tage $ssl_curve ausgewertet, wer macht mit?

Post-Quantum TLS auf Nginx – Auswertung der Key-Exchange-Gruppen (X25519MLKEM768 vs. klassisch)

Vor einigen Wochen habe ich Nginx hier auf X25519MLKEM768 umgestellt und den Weg dorthin in einem eigenen Beitrag dokumentiert: Post-Quantum TLS für Nginx auf FreeBSD 15. Am Ende des Beitrags stand ein kleines Versprechen. Ich erweitere das Logging um die ausgehandelte Key-Exchange-Gruppe, lasse das ein paar Wochen laufen und werte dann aus, wer was tatsächlich spricht. Das ist jetzt eingelöst.

Der Messaufbau, in zwei Zeilen

Nginx kennt die Variable $ssl_curve. Die ist seit Ewigkeiten verfügbar und liefert pro Verbindung zurück, welche Kurve bzw. Gruppe beim TLS-Handshake benutzt wurde. Also X25519MLKEM768, X25519, secp384r1, prime256v1 und so weiter. Im Log-Format einfach nach $ssl_cipher eingehängt, einen Reload in den Nginx geschickt, fertig.

log_format goa_ext
  '$remote_addr - $remote_user [$time_local] '
  '"$request" $status $body_bytes_sent '
  '"$http_referer" "$http_user_agent" '
  '$host $server_protocol $scheme '
  '$request_time $upstream_response_time $upstream_status $upstream_addr '
  '$ssl_protocol $ssl_cipher $ssl_curve $upstream_cache_status';

Nach rund 15 Tagen liegen grob 180.000 HTTPS-Handshakes im Log, verteilt über alles, was so an HTTPS-Clients vorbeikommt. Das ist genug Masse, um ein paar belastbare Muster zu sehen, ohne dass einzelne Ausreißer das Gesamtbild kippen. Exakte Besucherzahlen werde ich in diesem Beitrag bewusst nicht auflisten, das ist auch nicht das Thema. Mich interessiert die relative Verteilung. Wer macht PQ, wer macht es nicht?

Die eine Zahl vorweg

Über alle HTTPS-Verbindungen (Browser, Bots, Crawler, Monitore, alles) sieht die Verteilung der Kurven so aus:

X25519MLKEM768   57,0 %   <- Post-Quantum-Hybrid
X25519           40,0 %   <- klassisches TLS 1.3
secp384r1         2,2 %   <- meist TLS 1.2
prime256v1        0,8 %   <- meist TLS 1.2

Klingt erstmal ordentlich. 57 % PQ über das komplette Gemisch, 98 % TLS 1.3, lediglich 2 % TLS 1.2. Aber in dieser Zahl stecken ein paar Dinge versteckt drin, die man erst sieht, sobald man die User-Agents grob auseinandersortiert. Ich habe das in ein paar Kübel geworfen: Browser, AI-Crawler, klassische Suchmaschinen, SEO-Spider, Fediverse-Software, RSS-Reader, Monitore und CLI-Tools. Nicht perfekt, aber brauchbar.

Browser, die Post-Quantum-Avantgarde

Bei echten Browsern (Chrome, Firefox, Safari, Edge) sieht es deutlich freundlicher aus. Zusammengenommen sprechen rund 77 % der Browser-Verbindungen bereits MLKEM768. Aufgeschlüsselt:

Firefox    87 % PQ   <- klarer Champion
Safari     75 % PQ
Edge       73 % PQ
Chrome     72 % PQ
Opera       2 % PQ   <- haengt seltsam weit hinten

Firefox liegt erkennbar vorn. Nicht weltbewegend weit, aber deutlich. Mozilla hat MLKEM768 früh aktiviert und nutzt standardmäßig die Hybrid-Gruppe, wenn der Server sie anbietet. Chrome hängt etwas hinter den anderen und ich vermute, das liegt an den ganzen älteren Chrome-Builds, die in Embedded-Devices, WebViews und seltsamen Apps stecken und auch als Chrome im User-Agent stehen. Opera dagegen nimmt fast immer nur klassisches X25519. Keine Ahnung warum, schaue ich mir vielleicht mal gesondert an.

Das Schöne daran ist: Ich habe für diese 77 % exakt nichts getan außer die Nginx-Konfiguration anzupassen. Kein Opt-in, kein Banner, keine Weiche. X25519MLKEM768 steht ganz oben in ssl_ecdh_curve und wird genommen, wenn der Client es kann. Der Rest ist reines Client-Upgrade-Verhalten. Das ist eigentlich die schönste Erkenntnis aus der ganzen Auswertung. Wenn die Serverseite rechtzeitig aktualisiert wird, zieht die Clientseite fast geräuschlos nach.

AI-Crawler, flächendeckend bei null

Jetzt kommt der Teil, den ich so nicht erwartet hätte. Die großen AI-Crawler holen sich hier regelmäßig Inhalte ab (siehe auch von SEO zu AEO: llms.txt und llms-full.txt), der TLS-Stack dahinter ist bei praktisch allen auf dem Stand von vor zwei Jahren:

OpenAI GPTBot             0 % PQ    -> X25519
Anthropic ClaudeBot       0 % PQ    -> X25519
Meta AI (ExternalAgent)   0 % PQ    -> X25519
PerplexityBot             0 % PQ    -> X25519
ChatGPT-User              0 % PQ    -> X25519
OpenAI SearchBot          0 % PQ    -> X25519
GoogleOther               0 % PQ    -> X25519
Amazonbot                 0 % PQ    -> TLS 1.2 + secp384r1

Amazon ist nochmal ein eigenes Kapitel. Amazonbot kommt hier ausschließlich mit TLS 1.2 und secp384r1. Das ist ein TLS-Stack, den ich persönlich bei einem Unternehmen, das Cloud-Sicherheit verkauft, nicht mehr erwartet hätte. Aber Messungen lügen nicht.

Zwei echte Ausnahmen gibt es:

ByteDance Bytespider     91 % PQ   <- ueberraschend
DuckAssistBot           100 % PQ   <- auch ueberraschend

Auf diese zwei hätte ich nicht gesetzt. TikToks Crawler macht zu über 90 % PQ, DuckDuckGos AI-Helper zu 100 %. Wer hätte das gedacht.

Klassische Suchmaschinen, auch nicht besser

Bei den traditionellen Suchmaschinen ist das Bild fast identisch zum AI-Lager:

Googlebot       0 % PQ
Applebot        0 % PQ
PetalBot        0 % PQ
Baiduspider     0 % PQ
SeznamBot       0 % PQ
Qwant           0 % PQ
YandexBot       1 % PQ
Bingbot         0 % PQ und zu 99,6 % auf TLS 1.2 + secp384r1
DuckDuckBot    84 % PQ   <- der einzige helle Fleck

Besonders bitter: Bingbot. Der läuft hier praktisch ausschließlich auf TLS 1.2 mit secp384r1. Microsofts Produktions-Webcrawler, 2026, mit einem TLS-Stack, den Webauditoren seit Jahren rot anstreichen. Googlebot ist immerhin auf TLS 1.3, aber halt ohne PQ. Der einzige, der fürs Thema etwas tut, ist DuckDuckBot. Respekt dafür.

SEO-Spider, am weitesten hinten

Der traurigste Haufen. AhrefsBot, SemrushBot, MJ12bot, DotBot, Barkrowler, DataForSeoBot, SeekportBot, Vebidoobot, alle zwischen 0 % und 3 % PQ. Vebidoobot kommt komplett auf TLS 1.2 rein. Das sind kommerzielle Produkte, die von Seitenbetreibern dafür bezahlt werden, Webseiten zu analysieren und Empfehlungen auszusprechen. Analysieren tun sie mit einem TLS-Stack, den sie ihren eigenen Kunden vermutlich als kritischen Finding in den Bericht schreiben würden. Kurios.

Fediverse, alles drin je nach Codebase

Seit dem Anschluss ans Fediverse ist das hier die zweitgrößte Traffic-Quelle nach den Browsern, deshalb habe ich mir das extra angeschaut. Mastodon stellt davon den Löwenanteil, weil es schlicht die meisten Instanzen gibt:

Mastodon                  62 % PQ
snac / GoToSocial /
  Friendica / Hubzilla    73 % PQ   <- Go/C-basiert
Misskey / Sharkey / ...   34 % PQ
Akkoma                     0 % PQ
Pleroma                    0 % PQ

Bei Mastodon gibt es eine große Varianz zwischen den Instanzen, weil die Ruby- und OpenSSL-Version des jeweiligen Server-Hosts entscheidet, ob PQ geht. Aktuelle Distribution mit OpenSSL 3.5 oder neuer: dabei. Noch auf OpenSSL 3.0 festhängend: nicht dabei. Der Schnitt liegt bei 62 %, was für ein so diverses Ökosystem schon erstaunlich ordentlich ist.

snac und GoToSocial liegen deutlich höher, weil sie in Go beziehungsweise C geschrieben sind und moderne TLS-Stacks mitbringen. Akkoma und Pleroma (beide Elixir/Erlang) zeigen dagegen gar keine PQ-Adoption. Das hängt an der OpenSSL-Version, die die BEAM-VM dort nutzt. Misskey und die ganzen Forks dazwischen liegen bei rund einem Drittel.

RSS-Reader, unerwartet modern

Hätte ich vorher schätzen sollen, hätte ich RSS-Reader eher am Ende dieser Liste verortet. Alte Technologie, alte Software, wahrscheinlich alter TLS-Stack. Stimmt aber nicht:

Miniflux              100 % PQ   <- Go-basiert
FreshRSS               82 % PQ
NextCloud-News         81 % PQ   <- zahlenmaessig vorn
Tiny Tiny RSS          37 % PQ
Inoreader               0 % PQ
Feedly                  0 % PQ   <- haengt auch hinten

Miniflux macht 100 % PQ, weil es in Go geschrieben ist und ab Go 1.24 MLKEM768 standardmäßig im TLS-Stack sitzt. FreshRSS und NextCloud-News laufen meist auf aktuellen PHP/curl-Umgebungen und ziehen MLKEM darüber mit. Feedly als kommerzieller Anbieter: 0 %. Also genau das Gegenteil dessen, was ich erwartet hätte. Self-Hosted ist hier eindeutig moderner unterwegs als die SaaS-Variante.

CLI-Werkzeuge und Kuriositäten

go-http-client     93 % PQ   <- Go 1.24+
curl               30 % PQ   <- je nach OpenSSL-Build
python-requests    16 % PQ
Node (axios)       61 % PQ
okhttp              0 % PQ
wget                0 % PQ
Twitterbot         97 % PQ   <- unerwartet weit vorn

Das Muster ist eigentlich immer dasselbe. Der TLS-Stack der Laufzeitumgebung entscheidet. Go ≥ 1.24 macht es automatisch, moderne Node-Versionen bringen einen aktuellen OpenSSL mit, Python und curl hängen an der Distribution. okhttp auf Android und wget: Fehlanzeige.

Kleiner Spaß am Rande. Twitterbot ist zu 97 % auf MLKEM. Also ausgerechnet der Link-Preview-Crawler von X/Twitter ist moderner unterwegs als alle anderen Social-Preview-Bots zusammen. WhatsApp: 4 %, Discord: 0 %, LinkedIn ist kaum vertreten. Warum Twitter? Keine Ahnung. Vermutlich ein moderner Go-Client unter der Haube.

TLS 1.2, wer hängt noch ganz unten?

2 % des Traffics kommen komplett mit TLS 1.2, also ohne jede Chance auf PQ. Die Top-Kandidaten sind:

vebidoobot (SEO-Spider)
Amazonbot
DotBot, MJ12bot (SEO)
theoldreader.com (RSS-SaaS)
http.rb/Mastodon auf aelteren Instanzen
ein paar vereinzelte Alt-Browser und Skype-Link-Previews

Also fast ausschließlich kommerzielle Crawler, deren TLS-Library vor der ganzen 1.3-Welle kompiliert wurde, und ein paar ältere Mastodon-Instanzen. Reale Leser sind so gut wie nicht betroffen. Wer heute einen Feed-Reader mit TLS 1.2 nutzt, hat vermutlich andere Probleme zuerst zu lösen.

Gibt es einen Trend in den 15 Tagen?

Nicht wirklich. Der PQ-Anteil pro Tag schwankt zwischen 46 % und 65 %, je nach Traffic-Mix (mehr Browser an Wochentagen, mehr Crawler nachts und am Wochenende). Einen klaren Aufwärts- oder Abwärtstrend gibt es nicht. Wir sind im Plateau. Die Browser haben den Sprung gemacht, der Rest der Welt noch nicht. Der nächste Sprung kommt, wenn die großen Crawler-Betreiber ihre Go-, Python- oder Node-Stacks aktualisieren oder OpenSSL 3.5+ in den gängigen Distributionen ankommt. Bei Debian Trixie, RHEL 10 und Ubuntu 26.04 sollte das passieren, dann reden wir in einem Jahr nochmal.

Was ich daraus mitnehme

  • Echte Besucher sind bei MLKEM768 schon sehr weit. Browser-Entwicklung funktioniert erstaunlich gut.
  • AI- und SEO-Crawler sind deutlich hinter dem, was man erwarten würde. Cutting Edge in der Marketing-Abteilung, Uralt-Stack im Maschinenraum.
  • Fediverse-Software ist so divers wie ihre Codebasen. Bei Mastodon entscheidet die Instanz, nicht die Software.
  • RSS-Reader sind unerwartet modern unterwegs. Self-Hosted schlägt SaaS auch hier.
  • Am Ende hängt fast alles an der OpenSSL-Version unter der Anwendung. Wieder mal.
  • Bingbot auf TLS 1.2 ist 2026 trotzdem noch bemerkenswert.

Was mich am meisten gefreut hat: Ich habe keinerlei Reibungsverluste gesehen. Kein Client ist wegen PQ gestolpert, keine Verbindung ist fehlgeschlagen, die vorher funktioniert hätte. Der Handshake wählt einfach die beste gemeinsame Gruppe und gut ist. Deshalb nochmal der Appell an alle, die den Einstellungs-Beitrag noch vor sich haben: Das ist wirklich ein Zweizeiler. Macht es einfach.

Nächster Check in ein paar Monaten

Ich lasse das Logging weiterlaufen und schaue in ein paar Monaten nochmal rein. Was mich besonders interessiert:

  • Wann machen OpenAI, Anthropic und Meta ihren Crawler modern? Bleibt das auf Jahre bei 0 % PQ, oder kommt da plötzlich ein Sprung?
  • Schafft es OpenSSL 3.5 in die nächsten Long-Term-Release-Linuxe, und wie schnell ziehen Mastodon-Instanzen nach?
  • Springt Googlebot irgendwann auf PQ um? Bisher nein. Wenn das kommt, dürfte das unmittelbar sichtbar sein.
  • Kommt TLS 1.3 für Amazonbot? Zumindest das wäre ein Anfang.

Siehe auch

Update Juli 2026: Was hinter der Gruppe X25519MLKEM768 steckt, die hier in rund 57 Prozent der Handshakes auftaucht, zerlege ich in einem eigenen Beitrag: X25519MLKEM768 zerlegt.

Wie immer: Bei Fragen, fragen.

Post-Quantum TLS für Nginx — X25519MLKEM768 auf FreeBSD 15 konfigurieren

Nachdem ich zuerst OpenSSH und dann Postfix und Dovecot mit Post-Quantum-Kryptografie ausgestattet habe, kamen einige Rückfragen: Wie sieht das eigentlich für Nginx aus? Kann man das auf dem Webserver genauso einfach aktivieren? Kurze Antwort: Ja. Noch kürzer sogar als bei E-Mail.

Nginx TLS-Konfiguration mit Post-Quantum-Key-Exchange X25519MLKEM768 für HTTPS.

Spannend finde ich dabei, dass ausgerechnet der Webserver die meisten Nachfragen erzeugt hat. SSH und E-Mail laufen hier längst mit X25519MLKEM768, aber die Leser wollten vor allem wissen, wie das für HTTPS geht. Vermutlich weil jeder eine Webseite hat, aber nicht jeder seinen eigenen Mailserver betreibt?! Es kommt ja immer darauf an, was man macht und welche Daten man übermittelt. Aber SSH oder E-Mail würde mich selbst nervöser machen als normales surfen. Wobei…. Ich melde mich ja auch an, hm. OK, immer MFA. Na, eine normale E-Mail ist ja schon immer eine Postkarte, wenn man keine zusätzliche Verschlüsselung nutzt (was kaum jemand macht).

Worum geht es?

Wer die Vorgeschichte noch nicht kennt: X25519MLKEM768 ist ein hybrider Schlüsselaustausch, der klassisches X25519 (Curve25519 ECDH) mit dem Post-Quantum-Algorithmus ML-KEM-768 kombiniert. Standardisiert vom NIST als FIPS 203. Der Vorteil des hybriden Ansatzes: Selbst wenn sich ML-KEM irgendwann als unsicher herausstellt, bleibt X25519 als Absicherung. Und andersherum genauso.

Das „Store now, decrypt later“ Szenario kennt ihr vielleicht schon aus den anderen Beiträgen. Jemand schneidet heute euren TLS-verschlüsselten Datenverkehr mit und entschlüsselt ihn in ein paar Jahren mit einem Quantencomputer. Bei HTTPS betrifft das alles, was über die Leitung geht: Formulardaten, Login-Credentials, API-Aufrufe, Session-Cookies. Ob das in der Praxis relevant ist? Kommt auf euer Bedrohungsmodell an. Aber der Aufwand für die Absicherung ist so gering, dass es keinen Grund gibt, es nicht zu tun.

Es hängt an OpenSSL, nicht an Nginx

Das ist eigentlich die zentrale Erkenntnis aus allen drei Beiträgen: Ob PQC funktioniert oder nicht, entscheidet fast ausschließlich die OpenSSL-Version. Nginx, Postfix, Dovecot, OpenSSH, sie alle delegieren den Schlüsselaustausch an OpenSSL (oder LibreSSL, BoringSSL, je nach System). Die Anwendung selbst muss lediglich die gewünschte Gruppe konfigurieren können. Und das können alle genannten Programme seit Jahren.

Konkret braucht ihr OpenSSL 3.5 oder neuer. Erst ab dieser Version ist ML-KEM nativ im Default-Provider enthalten, ohne externen OQS-Provider, ohne liboqs, ohne selbst kompilieren. FreeBSD 15 liefert das von Haus aus. Bei den meisten Linux-Distributionen sieht es Stand heute leider noch anders aus. Ubuntu 24.04 hat OpenSSL 3.0, Debian 12 hat 3.0, RHEL 9 hat 3.0. Für ein aktuelles OpenSSL müsst ihr dort entweder selbst bauen oder auf neuere Releases warten.

Voraussetzungen prüfen

Auf meinem FreeBSD 15:

$ openssl version
OpenSSL 3.5.4 30 Sep 2025 (Library: OpenSSL 3.5.4 30 Sep 2025)

Nginx muss natürlich gegen dieses OpenSSL gelinkt sein. Das prüft ihr so:

$ nginx -V 2>&1 | grep -oE 'OpenSSL [0-9]+\.[0-9]+\.[0-9]+'
OpenSSL 3.5.4

Und dann die entscheidende Frage: Kennt OpenSSL die Gruppe X25519MLKEM768?

$ openssl list -tls-groups | grep -i mlkem
  X25519MLKEM768
  SecP256r1MLKEM768
  SecP384r1MLKEM1024

Wenn X25519MLKEM768 in der Liste auftaucht, kann es losgehen.

Nginx konfigurieren

In Nginx heißt die relevante Direktive ssl_ecdh_curve. Der Name ist etwas irreführend, denn sie steuert nicht nur ECDH-Kurven, sondern alle Key-Exchange-Gruppen die OpenSSL kennt. Also auch hybride PQC-Gruppen.

Meine Konfiguration in der TLS-Defaults-Datei, die per include in alle vHosts eingebunden wird:

ssl_ecdh_curve  X25519MLKEM768:X25519:secp384r1:prime256v1;

Das war’s. Eine Zeile. X25519MLKEM768 steht als bevorzugte Gruppe ganz vorne. Dahinter folgen die klassischen Kurven als Fallback für Clients, die noch kein ML-KEM sprechen. Die Reihenfolge ist die Präferenz.

Wer die Direktive lieber pro vHost setzen möchte, statt global, kann das natürlich auch tun. Ich bevorzuge eine zentrale TLS-Datei, weil ich sonst bei jedem TLS-Update zwanzig Configs anfassen müsste.

Zusätzlich habe ich die TLS 1.3 Cipher Suites explizit gesetzt:

ssl_conf_command  Ciphersuites TLS_CHACHA20_POLY1305_SHA256:TLS_AES_256_GCM_SHA384:TLS_AES_128_GCM_SHA256;
ssl_conf_command  Options PrioritizeChaCha;

ChaCha20 als erste Wahl, weil es auf Clients ohne AES-NI (ältere Smartphones, ARM-Geräte) deutlich schneller ist. Auf Servern mit AES-NI ist der Unterschied minimal. PrioritizeChaCha sorgt dafür, dass der Server ChaCha20 bevorzugt, wenn der Client es an erster Stelle anbietet.

Die komplette TLS-Konfiguration sieht bei mir so aus:

# Protokolle
ssl_protocols              TLSv1.2 TLSv1.3;
ssl_prefer_server_ciphers  on;

# Key-Exchange-Gruppen (Reihenfolge = Präferenz)
ssl_ecdh_curve             X25519MLKEM768:X25519:secp384r1:prime256v1;

# TLS 1.3 Cipher Suites
ssl_conf_command           Ciphersuites TLS_CHACHA20_POLY1305_SHA256:TLS_AES_256_GCM_SHA384:TLS_AES_128_GCM_SHA256;
ssl_conf_command           Options PrioritizeChaCha;

# TLS 1.2 Cipher Suites (nur ECDSA, kein RSA)
ssl_ciphers                ECDHE-ECDSA-CHACHA20-POLY1305:ECDHE-ECDSA-AES256-GCM-SHA384:ECDHE-ECDSA-AES128-GCM-SHA256;

# Session Handling
ssl_session_cache          shared:SSL:50m;
ssl_session_timeout        1d;
ssl_session_tickets        off;

# OCSP Stapling
ssl_stapling               on;
ssl_stapling_verify        on;

# HSTS
add_header Strict-Transport-Security "max-age=63072000; includeSubDomains; preload" always;

Danach die Konfiguration testen und Nginx neu laden:

# nginx -t
nginx: the configuration file /usr/local/etc/nginx/nginx.conf syntax is ok
nginx: configuration file /usr/local/etc/nginx/nginx.conf test is successful
# service nginx reload

Überprüfen

Funktioniert es? Mit openssl s_client lässt sich das schnell prüfen:

$ openssl s_client -connect www.kernel-error.de:443 \
    -groups X25519MLKEM768 -brief </dev/null 2>&1 | grep -E 'Protocol|group|Cipher'
Protocol version: TLSv1.3
Ciphersuite: TLS_CHACHA20_POLY1305_SHA256
Negotiated TLS1.3 group: X25519MLKEM768

TLSv1.3 mit X25519MLKEM768. Läuft. Der hybride Post-Quantum-Schlüsselaustausch ist aktiv.

Und was passiert, wenn ein Client kein ML-KEM kann?

$ openssl s_client -connect www.kernel-error.de:443 \
    -groups X25519 -brief </dev/null 2>&1 | grep -E 'Protocol|group|Cipher'
Protocol version: TLSv1.3
Ciphersuite: TLS_CHACHA20_POLY1305_SHA256

Sauberer Fallback auf X25519. Kein Fehler, keine Unterbrechung. Der Client bekommt einfach die stärkste Gruppe, die beide Seiten gemeinsam haben.

Browser-Support

Das Schöne bei HTTPS im Vergleich zu E-Mail oder SSH: Die Browser haben Post-Quantum-Kryptografie teilweise schon vor den Servern implementiert. Chrome verwendet seit Version 124 (April 2024) X25519MLKEM768 als bevorzugte Gruppe. Firefox seit Version 124 ebenfalls. Safari seit macOS 15 Sequoia und iOS 18. Edge zieht mit Chrome mit.

Wenn ihr also Nginx mit X25519MLKEM768 konfiguriert, profitieren die meisten eurer Besucher sofort davon. Ohne dass sie irgendetwas tun müssen. Das ist bei SSH und E-Mail anders, da sind die Clients noch nicht so weit. Womit sich auch erklärt, warum das Thema bei Webservern mehr Aufmerksamkeit bekommt.

HTTP/3 und QUIC

Wer wie ich HTTP/3 (QUIC) aktiviert hat, bekommt PQC dort automatisch mit. QUIC verwendet TLS 1.3 als Transportverschlüsselung und nutzt dieselbe ssl_ecdh_curve Konfiguration. Kein zusätzlicher Konfigurationsaufwand.

listen [::]:443 quic reuseport;
listen 443 quic reuseport;

Wer QUIC noch nicht nutzt: Der Overhead ist minimal, der Vorteil bei mobilen Verbindungen deutlich spürbar. Mehr dazu in meinem HTTP/3 Beitrag.

Davon abgesehen, wie ist das eigentlich mit Microsoft? Cloudflare macht ja schon knapp zu 66% PQC im HTTP Traffic. Es ist 2026, fragen wir doch mal eine AI: claude „Sag mal, wie ist das eigentlich bei Microsoft Produkten, wie Exchange oder IIS im Bezug auf PQC? Wird das schon unterstützt oder kommt das bald?“

● Gute Frage — Microsoft ist da tatsächlich in einer interessanten Position:                                                                                                                                                                                                                                                  
                 
  Windows / Schannel (TLS-Stack)                                                                                                                                                                                                                                                                                              
                  
  - Windows 11 24H2 / Windows Server 2025 haben experimentelle Unterstützung für ML-KEM (X25519MLKEM768) in TLS 1.3 bekommen — allerdings zunächst nur als Preview/Feature-Flag, nicht standardmäßig aktiv.                                                                                                                   
  - Der zugrunde liegende TLS-Stack (Schannel) muss das können, damit IIS und Exchange davon profitieren.                                                                                                                                                                                                                     

  IIS

  - IIS nutzt Schannel direkt. Sobald Schannel auf dem jeweiligen Windows Server PQC-Key-Exchange unterstützt und es aktiviert ist, kann IIS das theoretisch sofort.
  - Stand meines Wissens (Mai 2025): Noch kein produktiver PQC-Support in IIS. Die Preview in Windows Server 2025 ist eher für Tests gedacht.

  Exchange

  - Exchange Online (Microsoft 365): Microsoft hat angekündigt, PQC schrittweise in ihre Cloud-Dienste zu integrieren. Für TLS-Verbindungen zwischen Microsoft-Datacentern wurde bereits mit PQC experimentiert.
  - Exchange On-Premises: Hängt komplett am darunterliegenden Windows Server / Schannel. Solange Schannel kein produktives PQC kann, kann Exchange es auch nicht.

  Microsofts Roadmap

  - Microsoft hat ein "Quantum-Safe Program" und arbeitet aktiv an PQC-Integration in Windows, Azure und M365.
  - Die Priorität liegt auf TLS 1.3 mit ML-KEM (hybrid, also X25519MLKEM768.
  - Einen festen Zeitplan für "PQC by default" in Exchange/IIS gibt es meines Wissens noch nicht.

  Fazit

  Microsoft ist hintendran verglichen mit dem Open-Source-Stack. OpenSSL 3.5+ / LibreSSL / BoringSSL haben PQC-Support bereits produktionsreif. Bei Microsoft wartet man darauf, dass Schannel das nativ und stabil liefert — und bis das
  in Exchange On-Prem ankommt, dauert es erfahrungsgemäß nochmal länger.

  Für Exchange Online dürfte Microsoft das irgendwann einfach serverseitig einschalten, ohne dass Admins etwas tun müssen. Für On-Prem heißt es: warten auf den nächsten Windows Server Release, der PQC in Schannel GA (General Availability) hat.

  Caveat: Mein Wissensstand ist Mai 2025 — es kann sein, dass Microsoft seitdem konkretere Termine genannt hat. Wäre ggf. einen Blick in den Microsoft Security Blog wert.

Klingt gut. Ich muss ja zugeben, dass ich, seit ich nicht mehr mit Martin Peuker bei Items arbeite, irgendwie komplett von der Microsoft-Welt abgekoppelt bin. Oh, ist das jetzt korrekt von der AI? Keine Ahnung, „klingt“ richtig.

Was das nicht leistet

Den Absatz kennt ihr inzwischen aus den anderen Beiträgen, aber er gehört dazu: Wir sichern hier den Schlüsselaustausch ab, nicht die Authentifizierung. Die TLS-Zertifikate nutzen weiterhin klassische Algorithmen (in meinem Fall ECDSA P-384). Für Post-Quantum-Signaturen bräuchte man ML-DSA (ehemals CRYSTALS-Dilithium) in den Zertifikaten, aber keine öffentliche CA stellt solche Zertifikate aus. Das wird kommen, aber noch nicht heute.

In der Praxis heißt das: Ein Angreifer mit Quantencomputer könnte die Serverauthentifizierung angreifen, müsste das aber in Echtzeit tun. „Store now, decrypt later“ greift dort nicht. Der Schlüsselaustausch und damit die Vertraulichkeit eurer Daten ist durch X25519MLKEM768 geschützt. Auch in Zukunft.

Fazit

Eine Zeile in der Nginx-Konfiguration, ein Reload, fertig. Euer Webserver verhandelt danach mit jedem modernen Browser einen quantensicheren Schlüsselaustausch. Vollständig abwärtskompatibel für ältere Clients. Kein Risiko, kein Aufwand, kein Nachteil.

Die eigentliche Hürde ist nicht Nginx, sondern die OpenSSL-Version auf eurem System. Wer FreeBSD 15 oder ein System mit OpenSSL 3.5+ hat, kann sofort loslegen. Alle anderen müssen auf ihre Distribution warten oder selbst bauen.

Damit habe ich jetzt SSH, E-Mail und Webserver mit Post-Quantum-Kryptografie abgedeckt. Fehlt eigentlich nur noch DNS. Aber DoH und DoT laufen ja auch über TLS … *grübel*

Update: Inzwischen habe ich HTTPS RR und SVCB Records für alle Dienste deployt. Damit wissen Clients schon beim DNS-Lookup, dass HTTP/3 und QUIC verfügbar sind.

Update 2: Wer wissen will, ob die eigenen Besucher tatsächlich PQC nutzen: Nginx kann die ausgehandelte Key-Exchange-Gruppe loggen. Die Variable $ssl_curve zeigt pro Verbindung, ob X25519MLKEM768, klassisches X25519 oder etwas anderes verhandelt wurde. Einfach ins bestehende Log-Format einfügen, irgendwo nach $ssl_cipher:

log_format combined_pqc
  '$remote_addr - $remote_user [$time_local] '
  '"$request" $status $body_bytes_sent '
  '"$http_referer" "$http_user_agent" '
  '$ssl_protocol $ssl_cipher $ssl_curve';

Im Log sieht das dann so aus. Ein Chrome mit PQC-Support:

203.0.113.42 - - [07/Apr/2026:13:22:36 +0200] "GET / HTTP/2.0" 200 56687 "-" "Mozilla/5.0 [...] Chrome/146.0.0.0" TLSv1.3 TLS_CHACHA20_POLY1305_SHA256 X25519MLKEM768

Und ein älterer Client ohne PQC:

198.51.100.7 - - [07/Apr/2026:14:05:11 +0200] "GET / HTTP/2.0" 200 56687 "-" "Mozilla/5.0 [...] Chrome/109.0.0.0" TLSv1.3 TLS_AES_256_GCM_SHA384 X25519

Der Unterschied steht ganz am Ende: X25519MLKEM768 vs. X25519. Ein Reload, ein paar Wochen sammeln, und ihr habt echte Zahlen statt Theorie. Ich werde die Ergebnisse in einem eigenen Beitrag auswerten, sobald genug Daten zusammengekommen sind.

Update Juli 2026: Was in X25519MLKEM768 eigentlich steckt, KEM, Hybrid und die Byte-Reihenfolge, habe ich Bestandteil für Bestandteil hier zerlegt: X25519MLKEM768 zerlegt.

Wie immer: Bei Fragen, fragen.

Post-Quantum TLS für E-Mail — Postfix und Dovecot mit X25519MLKEM768 auf FreeBSD 15

Visualisierung hybrider Post-Quantum-TLS-Verschlüsselung für E-Mail mit X25519MLKEM768 (ML-KEM-768 + X25519) auf Postfix und Dovecot unter FreeBSD 15

Siehe auch: Post-Quantum TLS für Nginx — X25519MLKEM768 auf FreeBSD 15 konfigurieren

Nachdem ich im letzten Beitrag OpenSSH mit hybriden Post-Quantum-Algorithmen abgesichert habe, lag die Frage nahe: Was ist eigentlich mit E-Mail? Mein FreeBSD 15 liefert Postfix 3.10.6, Dovecot 2.3.21.1 und OpenSSL 3.5.4 – und genau diese Kombination bringt alles mit, was man für quantensichere Verschlüsselung im Mailverkehr braucht. Ohne zusätzliche Pakete, ohne Patches, ohne Gefrickel.

Warum überhaupt PQC für E-Mail?

Das „Store now, decrypt later„-Szenario, das ich beim SSH-Beitrag angesprochen habe, trifft auf E-Mail mindestens genauso zu. E-Mails werden über SMTP zwischen Servern transportiert – und dieser Transport ist grundsätzlich abfangbar. Wer heute TLS-verschlüsselten Mailverkehr mitschneidet und archiviert, könnte diesen in einigen Jahren mit einem ausreichend leistungsfähigen Quantencomputer entschlüsseln. Zumindest theoretisch.

Heißt das, morgen liest jemand eure Mails? Nein. Aber wenn ihr vertrauliche Kommunikation betreibt und die heute eingesetzte Kryptografie in zehn Jahren noch standhalten soll, ist jetzt der richtige Zeitpunkt zum Handeln. Zumal der Aufwand (wie ihr gleich seht) überschaubar ist.

Was steckt hinter X25519MLKEM768?

Kurz zur Einordnung: ML-KEM (ehemals CRYSTALS-Kyber) ist der vom NIST im August 2024 standardisierte Post-Quantum-Algorithmus für den Schlüsselaustausch (FIPS 203). X25519MLKEM768 ist ein sogenannter Hybrid-Algorithmus – er kombiniert das klassische X25519 (Curve25519 ECDH) mit ML-KEM-768 zu einem gemeinsamen Schlüssel.

Der Clou dabei: Selbst wenn ML-KEM irgendwann gebrochen werden sollte, bleibt die klassische X25519-Komponente intakt. Und umgekehrt. Man muss also nicht darauf vertrauen, dass der neue Algorithmus auch wirklich hält – man bekommt das Beste aus beiden Welten.

Wer Firefox nutzt, hat das übrigens vermutlich schon in Aktion gesehen: Seit Firefox 124 wird bei TLS 1.3 standardmäßig X25519MLKEM768 für den Schlüsselaustausch verwendet. Schaut mal in die Verbindungsdetails einer HTTPS-Seite – die Chancen stehen gut, dass dort bereits ein hybrider PQC-Schlüsselaustausch stattfindet. Also, wenn der Server das anbietet, wie dieser hier *zwinker*.

Voraussetzungen prüfen

Bevor ihr konfiguriert, solltet ihr sicherstellen, dass euer OpenSSL ML-KEM überhaupt kann. Auf meinem FreeBSD 15:

$ openssl version
OpenSSL 3.5.4 30 Sep 2025 (Library: OpenSSL 3.5.4 30 Sep 2025)

Und dann die entscheidende Frage – kennt OpenSSL die benötigten KEM-Algorithmen?

$ openssl list -kem-algorithms | grep -i mlkem
  ML-KEM-512
  ML-KEM-768
  ML-KEM-1024
  X25519MLKEM768
  SecP256r1MLKEM768

Wenn X25519MLKEM768 in der Liste auftaucht, seid ihr startklar. Das ist bei OpenSSL ab Version 3.5 der Fall – der ML-KEM-Support ist im Default-Provider enthalten, es wird kein zusätzlicher OQS-Provider und kein liboqs benötigt.

Noch ein Check – sind die Algorithmen auch als TLS-Gruppen verfügbar?

$ openssl list -tls-groups | grep -i mlkem
  X25519MLKEM768
  SecP256r1MLKEM768
  SecP384r1MLKEM1024

Perfekt. Weiter geht’s.

Postfix konfigurieren

Postfix steuert die verwendeten TLS-Gruppen für den Schlüsselaustausch über den Parameter tls_eecdh_auto_curves. Dieser gilt sowohl für eingehende (smtpd) als auch für ausgehende (smtp) Verbindungen.

Vorher:

tls_eecdh_auto_curves = X25519, prime256v1, secp384r1

Nachher:

tls_eecdh_auto_curves = X25519MLKEM768, X25519, prime256v1, secp384r1

Das war’s. Eine Zeile. X25519MLKEM768 wird als bevorzugte Gruppe an den Anfang gestellt, die klassischen Kurven bleiben als Fallback erhalten. Clients die kein ML-KEM beherrschen, verhandeln einfach X25519 oder prime256v1 – die Abwärtskompatibilität bleibt also vollständig gewahrt.

Die Änderung setzt ihr entweder direkt in /usr/local/etc/postfix/main.cf oder über:

# postconf "tls_eecdh_auto_curves = X25519MLKEM768, X25519, prime256v1, secp384r1"
# postfix reload

Wichtig: Dieser Parameter beeinflusst alle Postfix-Dienste – SMTP (Port 25), Submission (Port 587) und SMTPS (Port 465). Ihr müsst also nicht jeden Port einzeln konfigurieren.

Update 01.04.2026: Die oben gezeigte globale Methode über main.cf hat einen Haken, den ich erst später auf der Postfix-Users Mailingliste realisiert habe. Die korrigierte Konfiguration mit getrennten Einstellungen für Inbound und Outbound findet ihr weiter unten im Nachtrag.

Dovecot konfigurieren

Dovecot verwendet den Parameter ssl_curve_list um die TLS-Gruppen für IMAP-Verbindungen festzulegen. Standardmäßig ist dieser leer, was bedeutet, dass OpenSSL seine eigenen Defaults verwendet. Das kann funktionieren, muss aber nicht.

In /usr/local/etc/dovecot/conf.d/10-ssl.conf:

ssl_curve_list = X25519MLKEM768:X25519:prime256v1:secp384r1

Achtung: Dovecot verwendet Doppelpunkte als Trennzeichen (OpenSSL-Syntax), Postfix verwendet Kommas. Nicht verwechseln. Ja, passiert mir oft.

Danach:

# doveadm reload

Überprüfen

Jetzt wird’s spannend. Funktioniert es tatsächlich? Zum Testen verwende ich openssl s_client direkt auf dem Server; denn euer lokales Linux oder macOS hat möglicherweise noch kein OpenSSL 3.5 mit ML-KEM-Support. Mein Linux Mint 22.3 hat es leider noch nicht *schnief*

SMTP (Port 25, STARTTLS):

$ openssl s_client -connect smtp.kernel-error.de:25 -starttls smtp \
    -groups X25519MLKEM768 -brief </dev/null 2>&1 | grep -E 'Protocol|group'
Protocol version: TLSv1.3
Negotiated TLS1.3 group: X25519MLKEM768

SMTPS (Port 465):

$ openssl s_client -connect smtp.kernel-error.de:465 \
    -groups X25519MLKEM768 -brief </dev/null 2>&1 | grep -E 'Protocol|group'
Protocol version: TLSv1.3
Negotiated TLS1.3 group: X25519MLKEM768

Submission (Port 587, STARTTLS):

$ openssl s_client -connect smtp.kernel-error.de:587 -starttls smtp \
    -groups X25519MLKEM768 -brief </dev/null 2>&1 | grep -E 'Protocol|group'
Protocol version: TLSv1.3
Negotiated TLS1.3 group: X25519MLKEM768

IMAPS (Port 993):

$ openssl s_client -connect imap.kernel-error.de:993 \
    -groups X25519MLKEM768 -brief </dev/null 2>&1 | grep -E 'Protocol|group'
Protocol version: TLSv1.3
Negotiated TLS1.3 group: X25519MLKEM768

Alle vier Ports verhandeln TLSv1.3 mit X25519MLKEM768. Die hybride Post-Quantum-Verschlüsselung ist aktiv.

Wenn ihr testen wollt, was passiert wenn ein Client kein ML-KEM unterstützt:

$ openssl s_client -connect imap.kernel-error.de:465 \
    -groups X25519 -brief </dev/null 2>&1 | grep -E 'Protocol|group'
Protocol version: TLSv1.3
Negotiated TLS1.3 group: X25519

Fallback auf X25519 – funktioniert sauber.

Was das nicht leistet

Wie schon beim SSH-Beitrag muss ich auch hier einschränken: Wir sichern damit den Schlüsselaustausch ab, nicht die Authentifizierung. Die TLS-Zertifikate verwenden weiterhin klassische Algorithmen (RSA, ECDSA). Für Post-Quantum-Signaturen in Zertifikaten bräuchte man ML-DSA (ehemals CRYSTALS-Dilithium) – und obwohl OpenSSL 3.5 das theoretisch unterstützt, gibt es Stand heute keine öffentliche Zertifizierungsstelle, die ML-DSA-Zertifikate ausstellt. Das wird kommen, ist aber noch Zukunftsmusik. Hey, wie ECDSA bei S/MIME (oder ist das schon anders?).

Für die Praxis bedeutet das: Ein Angreifer mit einem Quantencomputer könnte theoretisch die Serverauthentifizierung angreifen (ECDSA/RSA brechen), müsste das aber in Echtzeit tun – hier greift „store now, decrypt later“ nicht, weil eine gefälschte Authentifizierung nur im Moment der Verbindung nützt. Der Schlüsselaustausch hingegen – und damit die eigentliche Vertraulichkeit der transportierten E-Mails – ist durch X25519MLKEM768 auch gegen zukünftige Quantenangriffe geschützt.

Nachtrag (01.04.2026): Inbound und Outbound trennen

Ich muss die Postfix-Konfiguration oben korrigieren. Der Parameter tls_eecdh_auto_curves gilt für SMTP-Client und SMTP-Server gleichzeitig. Steht X25519MLKEM768 an erster Stelle, wird der PQC Key-Share direkt im initialen ClientHello mitgeschickt. Das bläht den ClientHello von rund 400 auf über 1400 Bytes auf.

Klingt erstmal harmlos. Ist es aber nicht. Manche Zielserver kommen mit dem übergroßen ClientHello nicht klar, der TLS-Handshake scheitert. Bei smtp_tls_security_level = may fällt Postfix dann stillschweigend auf Plaintext zurück. Dasselbe passiert bei dane ohne TLSA-Records, also bei der Mehrheit aller Domains da draußen. Eure Mails gehen raus, aber unverschlüsselt. Super.

Das Problem ist, dass hier zwei unterschiedliche Policies in einem Parameter stecken. Inbound will man PQC bevorzugen, weil man selbst kontrolliert was der Server akzeptiert. Outbound will man Kompatibilität priorisieren, weil man nicht weiß was auf der anderen Seite steht. Die gehören nicht in einen globalen Parameter.

Die Lösung: tls_eecdh_auto_curves nicht mehr global in main.cf setzen, sondern per master.cf pro Dienst überschreiben.

Server-Seite (Inbound) – PQC bevorzugen, an allen smtpd-Listenern:

smtp      inet  n       -       n       -       -       smtpd
  -o tls_eecdh_auto_curves=X25519MLKEM768,X25519,prime256v1,secp384r1

submission inet n       -       n       -       -       smtpd
  -o tls_eecdh_auto_curves=X25519MLKEM768,X25519,prime256v1,secp384r1

smtps     inet  n       -       n       -       -       smtpd
  -o tls_eecdh_auto_curves=X25519MLKEM768,X25519,prime256v1,secp384r1

Client-Seite (Outbound) – kleiner ClientHello, PQC nur via HelloRetryRequest:

smtp      unix  -       -       n       -       -       smtp
  -o tls_eecdh_auto_curves=X25519,X25519MLKEM768,prime256v1,secp384r1

Der Trick: Outbound steht X25519 an erster Stelle. Der initiale ClientHello bleibt damit klein. X25519MLKEM768 steht trotzdem in den supported_groups und wird verhandelt, wenn der Zielserver per HelloRetryRequest nachzieht. Inbound bekommen moderne Clients dagegen sofort PQC.

Dovecot ist davon nicht betroffen. Da gibt es nur die Server-Seite, ssl_curve_list bleibt wie oben beschrieben.

Noch ein Wort zum Postfix-Default: postconf -d zeigt auf meinem 3.10.6 kein X25519MLKEM768 im Default. Die postconf(5)-Doku beschreibt zwar für neuere Builds ein Delayed-Key-Share-Verhalten, aber was die Doku beschreibt und was ein konkreter Build tut, können zwei verschiedene Dinge sein. Deshalb die explizite Trennung per master.cf. Danke an die Postfix-Users Mailingliste für die Diskussion, die mich auf dieses Problem aufmerksam gemacht hat und selbstverständlich an den Kommentierenden!

Zwei Zeilen Konfiguration, ein Reload pro Dienst – und euer Mailserver verhandelt quantensichere Verschlüsselung. Okay, es sind jetzt ein paar mehr Zeilen als ursprünglich versprochen. Aber die Trennung zwischen Inbound und Outbound ist es wert, denn blind auf Kompatibilität aller Zielserver zu hoffen ist keine Strategie.

Update 01.05.2026: Mit Postfix 3.11.1 (FreeBSD 15.0-RELEASE-p7) und OpenSSL 3.5 sind sowohl die main.cf-Variante als auch dieser master.cf-Workaround Geschichte – der Built-in-Default ?X25519MLKEM768:DEFAULT macht beides überflüssig. Wire-Mitschnitt, ClientHello-Größenvergleich und externe Verifikation im Folgebeitrag.

Update Juli 2026: Warum der Schlüsselaustausch überhaupt hybrid ist und was ein KEM von Diffie-Hellman unterscheidet, erkläre ich ausführlich in X25519MLKEM768 zerlegt.

Viel Spaß beim Nachbauen – und wie immer: bei Fragen, fragen.

HTTPS RR und SVCB: Moderne DNS-Records für schnellere und sicherere Verbindungen

HTTPS RR und SVCB DNS-Records – schnellere Verbindungen mit HTTP/3, QUIC und DNSSEC

Wenn ein Browser eine HTTPS-Verbindung aufbaut, braucht er normalerweise mehrere DNS-Lookups und Round-Trips, bevor er überhaupt weiß, welche Protokolle der Server unterstützt. Erst A/AAAA-Record abfragen, dann TCP-Verbindung, dann TLS-Handshake, dann Alt-Svc-Header parsen für HTTP/3. Das ist ineffizient und seit November 2023 gibt es mit RFC 9460 eine saubere Lösung dafür: den HTTPS Resource Record.

Die großen Browser Hersteller unterstützen das ebenfalls schon, eigentlich mehr aus Eigeninteresse, denn viele Vorschläge kommen sogar direkt von ihnen. Oh, natürlich sollte die jeweilige Zone auch per DNSSec geschützt sein, denn wir wollen uns hier ja auf´s DNS verlassen können. Richtig?! Wenn ihr also noch kein DNSsec für eure Domain aktiviert habt (warum nicht?) dann bitte jetzt, wir haben bald 2026!

Ich habe das jetzt auf meiner DNS-Infrastruktur (BIND 9.20, FreeBSD, Master-Slave-Setup) für alle relevanten Dienste ausgerollt und dabei auch gleich SVCB-Records für die DNS-Server selbst gesetzt. Hier die Details.

Was ist der HTTPS RR?

Der HTTPS Resource Record (Typ 65) ist in RFC 9460 definiert („Service Binding and Parameter Specification via the DNS“, November 2023). Die Idee ist simpel: ein einziger DNS-Lookup liefert dem Client alles, was er für den Verbindungsaufbau braucht. IP-Adressen, unterstützte Protokolle wie HTTP/2 oder HTTP/3, Ports, und perspektivisch auch die ECH-Konfiguration für verschlüsselten SNI.

Ohne HTTPS RR sieht der Ablauf so aus: Der Client fragt A und AAAA ab, baut eine TCP-Verbindung auf, macht den TLS-Handshake, und erfährt erst aus dem Alt-Svc-Header oder durch ALPN im TLS, dass der Server auch HTTP/3 kann. Beim nächsten Request kann er dann QUIC probieren. Das sind mindestens zwei Verbindungsversuche, bis er auf dem optimalen Protokoll landet.

Mit HTTPS RR weiß der Client schon nach dem DNS-Lookup: „Dieser Server spricht h3 und h2, ist unter diesen IPs erreichbar, und hier ist die ECH-Config.“ Er kann direkt mit QUIC/HTTP/3 starten, ohne vorher TCP probiert zu haben.

Die SvcParams im Detail

Ein HTTPS RR besteht aus einer Priorität (SvcPriority), einem Zielnamen (TargetName) und einer Reihe von Service Parameters (SvcParams). Hier ein Überblick über alle definierten Parameter:

alpn (Application-Layer Protocol Negotiation): Signalisiert welche Protokolle der Server unterstützt. Typische Werte sind h2 (HTTP/2 über TLS), h3 (HTTP/3 über QUIC) oder dot (DNS over TLS). Der Client weiß damit vor dem Verbindungsaufbau, welche Protokolle zur Verfügung stehen.

ipv4hint / ipv6hint: IP-Adressen als Hint. Der Client kann diese nutzen, statt einen separaten A/AAAA-Lookup zu machen. Das spart einen Round-Trip. Wichtig: das sind Hints, keine autoritativen Antworten. Der Client darf und sollte trotzdem den normalen A/AAAA-Record prüfen.

ech (Encrypted Client Hello): Enthält den öffentlichen Schlüssel und die Parameter für ECH. Damit verschlüsselt der Client den SNI (Server Name Indication) im TLS-Handshake, sodass ein Beobachter auf dem Netzwerkpfad nicht sehen kann, welche Domain angefragt wird. Das ist der größte Privacy-Gewinn, den HTTPS RR bieten kann. Dazu später mehr.

port: Falls der Service auf einem nicht-Standard-Port läuft. Bei normalen Webservern auf 443 nicht nötig.

no-default-alpn: Signalisiert, dass die Standard-ALPNs (die sich aus dem Schema ergeben) nicht gelten. Wird benötigt wenn ein Server z.B. nur h3, aber nicht h2 unterstützt.

mandatory: Listet Parameter auf, die ein Client zwingend verstehen muss, um den Record nutzen zu können. Ein Client, der einen mandatory-Parameter nicht kennt, muss den ganzen Record ignorieren.

SvcPriority: Die Priorität des Records. 0 bedeutet AliasMode (Weiterleitung auf einen anderen Namen, ähnlich CNAME), Werte größer 0 sind ServiceMode. Mehrere Records mit unterschiedlichen Prioritäten ermöglichen Fallback-Ketten.

TargetName: Der Zielserver. Wenn er sich vom abgefragten Namen unterscheidet, leitet der Client die Anfrage an diesen Host weiter. Das ermöglicht Indirektion, ähnlich wie bei SRV-Records.

SVCB: Das generische Pendant

Der SVCB Resource Record (Typ 64) kommt aus demselben RFC 9460, ist aber nicht auf HTTPS beschränkt. HTTPS RR ist technisch gesehen nur eine spezialisierte Variante von SVCB für das HTTPS-Schema. SVCB kann für beliebige Protokolle genutzt werden.

Besonders interessant wird SVCB für die DNS Service Discovery nach RFC 9461 („Service Binding Mapping for DNS Servers“, ebenfalls 2023). Damit kann ein DNS-Server per DNS-Record signalisieren, dass er DoT (DNS over TLS) und DoH (DNS over HTTPS, RFC 8484) unterstützt. Der Record liegt unter dem Prefix _dns. vor dem Servernamen.

Der dohpath-Parameter aus RFC 9461 teilt dem Client direkt den URI-Pfad zum DoH-Endpoint mit, z.B. /dns-query{?dns}. Damit braucht der Client keine separate Konfiguration mehr, wo der DoH-Endpoint liegt. Zusammen mit RFC 9462 („Discovery of Designated Resolvers“, DDR) kann ein Client damit automatisch erkennen, dass sein Resolver verschlüsselte Protokolle unterstützt, und automatisch upgraden.

Was ich konkret deployt habe

Insgesamt 5 neue Records in zwei Zonen. Für www.kernel-error.de und cloud.kernel-error.com existierten bereits HTTPS RRs.

Zone kernel-error.de:

Apex HTTPS RR für kernel-error.de selbst:

dig HTTPS kernel-error.de +short
1 kernel-error.de. alpn="h3,h2" ipv4hint=148.251.30.200 ipv6hint=2a01:4f8:262:4716::443

HTTPS RR für den DoH-Endpoint dns.kernel-error.de:

dig HTTPS dns.kernel-error.de +short
1 dns.kernel-error.de. alpn="h3,h2" ipv4hint=37.120.183.220 ipv6hint=2a03:4000:38:20e::853

SVCB Records für DNS Service Discovery nach RFC 9461. Zwei Records mit unterschiedlichen Prioritäten, DoH bevorzugt vor DoT:

dig SVCB _dns.dns.kernel-error.de +short
1 dns.kernel-error.de. alpn="h2,dot" dohpath=/dns-query{?dns} port=443
2 dns.kernel-error.de. alpn="dot" port=853

Priorität 1 bietet DoH über HTTP/2 (Port 443), Priorität 2 reines DoT (Port 853). Ein DDR-fähiger Client (RFC 9462) kann damit automatisch erkennen, welche verschlüsselten DNS-Protokolle mein Resolver unterstützt.

Zone kernel-error.com:

Apex HTTPS RR für kernel-error.com (Matrix Federation und Web):

dig HTTPS kernel-error.com +short
1 kernel-error.com. alpn="h3,h2" ipv4hint=148.251.30.204 ipv6hint=2a01:4f8:262:4716::52

HTTPS RR für matrix.kernel-error.com (Synapse Reverse Proxy). Über CNAME-Auflösung deckt dieser Record auch chat.kernel-error.com und admin.kernel-error.com ab:

dig HTTPS matrix.kernel-error.com +short
1 matrix.kernel-error.com. alpn="h3,h2" ipv4hint=148.251.30.204 ipv6hint=2a01:4f8:262:4716::52

CNAME-Interaktion: Ein wichtiges Detail

Laut RFC 9460 können HTTPS RR und CNAME nicht am selben DNS-Namen koexistieren. Das hat direkte Auswirkungen auf mein Setup: chat.kernel-error.com und admin.kernel-error.com sind CNAMEs auf matrix.kernel-error.com. Ein separater HTTPS RR für diese Namen ist also nicht möglich und auch nicht nötig. Der Client folgt dem CNAME und nutzt dann den HTTPS RR des Ziels.

Gleiches gilt für signaling.kernel-error.com, das ein CNAME auf rtc.kernel-error.com ist.

Was bewusst nicht umgesetzt wurde

ECH (Encrypted Client Hello): Wäre der größte Privacy-Gewinn. ECH verschlüsselt den SNI im TLS-Handshake, sodass ein Beobachter nicht sehen kann, welche Domain der Client anfragt. OpenSSL 3.5 hat die API dafür, aber nginx nutzt sie nicht. Selbst in Version 1.29.7 gibt es keine native ECH-Unterstützung. Dafür bräuchte es entweder Patches für nginx oder einen anderen Reverse Proxy. Sobald sich das ändert, kommt der ech-Parameter in die HTTPS RRs.

DoQ (DNS over QUIC, RFC 9250): DoQ ist ein eigenes Protokoll, das DNS direkt über QUIC transportiert, ohne HTTP-Overhead. Das ist nicht dasselbe wie DoH über HTTP/3! BIND 9.20 unterstützt kein DoQ. Dafür müsste man ein separates Frontend wie dnsproxy oder AdGuard DNS davor setzen.

SVCB für SMTP/IMAP: Es gibt IETF-Drafts, die SVCB auf Mail-Protokolle ausweiten wollen (SMTP Submission, IMAPS). Da diese aber noch kein finaler RFC sind und aktuell kein MTA oder Client sie auswertet, habe ich darauf verzichtet. Die bestehenden SRV-Records (_imaps._tcp, _submission._tcp, _submissions._tcp) sind heute das Richtige.

HTTPS RR für turn.kernel-error.com: Der primäre Zweck ist TURN/STUN, nicht Web. Clients bekommen den Server aus der Synapse-Konfiguration, ein HTTPS RR bringt hier keinen Vorteil.

HTTPS RR für rtc.kernel-error.com: Kein HTTP/3 auf diesem Server, da der nginx dort ohne h3-Modul läuft. Ein HTTPS RR mit nur alpn="h2" würde kaum Mehrwert bringen.

Deployment in DNSSEC-signierten Zonen

Beide Zonen sind mit DNSSEC signiert (ECDSAP256SHA256, inline-signing). Der Workflow für Änderungen an signierten Zonen ist immer derselbe:

rndc freeze kernel-error.de
# Zonendatei editieren, Serial hochzählen
named-checkzone kernel-error.de /path/to/zone/file
rndc thaw kernel-error.de

Nach dem thaw signiert BIND die neuen Records automatisch und der Slave (ns1) übernimmt die Änderungen sofort per NOTIFY und AXFR. BIND 9.20 unterstützt HTTPS und SVCB Records nativ, es ist also kein TYPE65-Workaround mit generischer Record-Syntax nötig.

Records prüfen

Wer sich die Records anschauen will:

dig HTTPS kernel-error.de +short
dig HTTPS dns.kernel-error.de +short
dig SVCB _dns.dns.kernel-error.de +short
dig HTTPS kernel-error.com +short
dig HTTPS matrix.kernel-error.com +short

Ausblick

Die offensichtlichste Lücke ist ECH. Sobald nginx native Unterstützung bekommt, wird der ech-Parameter in alle HTTPS RRs eingetragen. Das wäre dann echte SNI-Verschlüsselung für alle Dienste.

SVCB für SMTP und IMAP wäre der nächste logische Schritt, sobald die aktuellen IETF-Drafts zu finalen RFCs werden und MTAs/Clients anfangen, sie auszuwerten. Immer mal wieder setzte ich auch IETF-Drafts in meinem Setup oder Labor Setup um. In diesem speziellen Fall sehe ich darin aber keinen Nutzen. Aus irgendeinem Grund schaffen es solche IT Security Themen bei E-Mails nur sehr selten in eine „schnelle“ Umsetzung. Die Browserhersteller machen da bei HTTPS wohl genug selbst. Viele Ideen kommen ja sogar von diesen.

Und DoQ (RFC 9250) steht auf der Liste, sobald BIND oder ein brauchbarer Proxy es unterstützt. Dann würden die SVCB-Records um alpn="doq" ergänzt. Ich möchte nicht wieder etwas vor meinen DNS stellen. Das wird aber bereits von den großen Browsern unterstützt!

Siehe auch:

Bei Fragen oder Anmerkungen, einfach fragen.

S/MIME-Zertifikat per DNS veröffentlichen – SMIMEA

SMIMEA — S/MIME-Zertifikat per DNS veröffentlichen

Siehe auch: Volksverschlüsselung wird eingestellt, OPENPGPKEY: GPG-Schlüssel direkt im DNS veröffentlichen, Kleiner Nachtrag zum GlobalSign S/MIME Zertifikat…

Mal wieder soweit: Mein aktuelles S/MIME-Zertifikat zum Signieren von E-Mails läuft aus. Also habe ich mir ein neues besorgt. Da GlobalSign keine Class-2-Zertifikate mehr für Privatpersonen anbietet, musste ich die CA wechseln. Durch Zufall bin ich auf SSLplus gestoßen – die haben echt gute Angebote für alle möglichen Zertifikate. Aber darum soll es in diesem Beitrag nicht gehen.

Wie immer will ich mein Zertifikat öffentlich zugänglich machen, sonst müsste jeder erst eine von mir signierte E-Mail erhalten, bevor er mein Zertifikat hat. Erst dann könnten Absender mir verschlüsselte E-Mails schicken.

Dafür gibt es ein experimentelles RFC 8162, das beschreibt, wie sich ein solches Zertifikat in einer DNSSEC-geschützten Zone veröffentlichen lässt. Natürlich gibt es im Internet wieder zig verschiedene Anleitungen und Wege, um das zu realisieren. Aber nichts wirklich Zuverlässiges, was ich finden konnte. Den DNS-Record für meine Bind9-Zone wieder manuell zu erstellen, hatte ich jedenfalls keine Lust.

Also habe ich zwei kleine Python3-Skripte geschrieben:

smimea_generate_record.py

Erstellt einen kopierbaren RR für die DNS-Zone. Kann interaktiv genutzt werden: Fragt nach E-Mail-Adresse und PEM-Zertifikat. Oder direkt mit Parametern aufgerufen werden. Prüft, ob E-Mail-Adresse und Zertifikat zusammenpassen, und gibt den fertigen Record aus.

./smimea_generate_record.py
Enter the email address: kernel-error@kernel-error.com
Enter the path to the PEM certificate: mail.pem
✅ Email 'kernel-error@kernel-error.com' matches the certificate!

🔹 **Generated BIND9 DNS Record:**

70e1c7d87e825b3aba45e2a478025ea0d91d298038436abde5a4c2d0._smimecert.kernel-error.com. 3600 IN SMIMEA 3 0 0 (
   30820714308204FCA003020102021073C13C478DA7B114B871F00737F1B0FB30
   0D06092A864886F70D01010B0500304E310B300906035504061302504C312130
   1F060355040A0C1841737365636F20446174612053797374656D7320532E412E
   [... komplettes Zertifikat in Hex ...]
   7573CA35477D59B98DE4852065F58FB60E0E620D3E2F5CAD
   )

smimea_lookup.py

Fragt den SMIMEA-Record im DNS ab, lädt das Zertifikat herunter und prüft es mit OpenSSL auf Gültigkeit. Funktioniert interaktiv oder mit übergebenen Werten.

./smimea_lookup.py
Enter the email address: kernel-error@kernel-error.com

Querying DNS for SMIMEA record:
  70e1c7d87e825b3aba45e2a478025ea0d91d298038436abde5a4c2d0._smimecert.kernel-error.com

Certificate saved as smimea_cert.der
Certificate successfully retrieved and verified:

Certificate:
    Data:
        Version: 3 (0x2)
        Signature Algorithm: sha256WithRSAEncryption
        Issuer: C = PL, O = Asseco Data Systems S.A., CN = Certum SMIME RSA CA
        Validity
            Not Before: Mar 13 13:41:55 2025 GMT
            Not After : Mar 13 13:41:54 2027 GMT
        Subject: SN = van de Meer, GN = Sebastian, CN = Sebastian van de Meer,
                 emailAddress = kernel-error@kernel-error.com
        Subject Public Key Info:
            Public Key Algorithm: rsaEncryption
                Public-Key: (4096 bit)
        X509v3 Extended Key Usage:
            E-mail Protection, TLS Web Client Authentication
        X509v3 Key Usage: critical
            Digital Signature, Non Repudiation, Key Encipherment, Data Encipherment
        X509v3 Subject Alternative Name:
            email:kernel-error@kernel-error.com

Beide Skripte findet ihr auf GitHub, damit ihr sie nutzen oder verbessern könnt.

Warum viele Anleitungen falsch sind

Warum habe ich geschrieben, dass ich nichts Zuverlässiges finden konnte? Nun, oft stoße ich auf Anleitungen, die noch auf TYPE53 basieren. Das ist nötig, wenn Bind9 den eigentlichen RR-Type noch nicht kennt – also ein klares Zeichen dafür, dass es sich um eine sehr frühe Implementierung handelt.

Ein weiteres häufiges Problem: Der Hash des Local-Parts wird einfach weggelassen. Stattdessen erfolgen die Abfragen direkt auf _smimecert., was aber falsch ist. Ohne den SHA256-Hash des Local-Parts gibt es keine eindeutige Zuordnung zur jeweiligen E-Mail-Adresse.

Aufbau des SMIMEA-DNS-Records

Der erste Teil — der SHA256-Hash — sorgt dafür, dass nicht einfach jeder direkt aus der DNS-Zone die E-Mail-Adressen auslesen kann. Statt die E-Mail-Adresse im Klartext zu speichern, wird nur der SHA256-Hash des Local-Parts (also der Teil vor dem @) genutzt. Wer die genaue E-Mail-Adresse kennt, kann den passenden DNS-Eintrag finden — aber jemand, der blind durch die Zone scannt, sieht nur Hashes.

Der _smimecert-Prefix zeigt an, dass es sich um einen SMIMEA-Record handelt, ähnlich wie bei ._tcp. für SRV-Records oder _acme-challenge. für Let’s Encrypt. Und schließlich kommt die Domain, zu der die E-Mail-Adresse gehört.

Manuelle Abfrage mit dig

Möchte man die Abfrage manuell durchführen, muss man zuerst den Local-Part der E-Mail-Adresse mit SHA256 hashen. Laut RFC 8162, Abschnitt 3.1 wird der Hash auf die ersten 28 Bytes (56 Hex-Zeichen) gekürzt, um die DNS-Label-Längenbeschränkung von 63 Zeichen (RFC 1035, Abschnitt 2.3.4) einzuhalten:

echo -n "kernel-error" | sha256sum | awk '{print $1}' | cut -c1-56
70e1c7d87e825b3aba45e2a478025ea0d91d298038436abde5a4c2d0

Anschließend die dig-Abfrage:

dig +dnssec +short 70e1c7d87e825b3aba45e2a478025ea0d91d298038436abde5a4c2d0._smimecert.kernel-error.com. SMIMEA
3 0 0 30820714308204FCA003020102021073C13C478DA7B114B871F00737
F1B0FB300D06092A864886F70D01010B0500304E310B30090603550406
[... Zertifikat in Hex ...]

Was bedeuten die Felder?

  • 3 — Usage: End-Entity-Zertifikat (DANE-EE), also für die tatsächliche E-Mail-Verschlüsselung und Signatur
  • 0 — Selector: Das komplette Zertifikat wird gespeichert (alternativ: 1 für nur den Public Key)
  • 0 — Matching Type: Keine Hash-Funktion, das Zertifikat liegt im Klartext vor (alternativ: 1 für SHA-256, 2 für SHA-512)
  • Hex-Werte — Der eigentliche Zertifikatsinhalt in hexadezimaler Darstellung

Manuelle Prüfung auf der Konsole

Den kompletten DNS-Record abrufen, die SMIMEA-Parameter (3 0 0) entfernen und als Hex-Datei speichern:

dig +short 70e1c7d87e825b3aba45e2a478025ea0d91d298038436abde5a4c2d0._smimecert.kernel-error.com SMIMEA | sed 's/^3 0 0 //' | tr -d '[:space:]' > dns_cert.hex

Hex in eine binäre DER-Datei umwandeln und mit OpenSSL anzeigen:

# Hex → DER
xxd -r -p dns_cert.hex dns_cert.der

# Zertifikat anzeigen
openssl x509 -inform DER -in dns_cert.der -text -noout

Verbreitung und Ausblick

SMIMEA ist leider noch immer nicht besonders weit verbreitet. Das liegt daran, dass das RFC noch immer experimental ist, aber auch daran, dass es auf weiteren Techniken aufbaut, die ebenfalls eher selten genutzt werden. Man braucht SMIMEA nur, wenn man überhaupt ein S/MIME-Zertifikat zur Signatur und Verschlüsselung von E-Mails verwendet. Zusätzlich muss die Domain per DNSSEC geschützt sein — und dann muss auch noch der zusätzliche Mehrwert von SMIMEA verstanden werden.

Denn SMIMEA verteilt nicht nur die Zertifikate, sondern macht einen direkt initial verschlüsselt erreichbar. Wenn man der Empfänger einer solchen signierten Nachricht ist, kann man das Zertifikat zudem gegen eine vertrauenswürdige DNS-Zone halten und sich so vergewissern, dass es wirklich die Signatur des Absenders ist — ähnlich wie bei TLSA/DANE.

Die Implementierung ist aktuell sehr überschaubar. Es gibt Milter für beispielsweise Postfix oder Plugins für Thunderbird, aber vor allem im Enterprise-Umfeld ist mir momentan keine funktionierende Lösung bekannt.

Eigentlich wollte ich doch nur schnell schreiben, dass ich da zwei Python-Skripte zusammengebastelt habe — und am Ende ist es doch wieder so ein riesiges Ding geworden. Aber ich denke, vor allem der Teil mit dem gekürzten Hash des Local-Parts ist wichtig zu erklären. Das ist echt eine verrückte Konstruktion. Klar, das hat seinen Sinn, aber zumindest ich bin damals genau an diesem Punkt hängen geblieben.


Das einzig korrekt funktionierende Online-Tool, das ich finden konnte: co.tt/smimea.cgi. Alle anderen sind nicht erreichbar, halten sich nicht ans RFC oder ich war zu blöde, sie zu bedienen. Fragen? Einfach melden.

Jetzt mit HTTP/3 und QUIC: Schnelleres Surfen leicht gemacht

Von QUIC habt ihr sicher alle schon gehört, seit knapp Mitte 2021 ist dieser neue Standard fertig und in einem recht einfach zu merkendem RFC 9000 beschrieben.

Im Grunde geht es darum, HTTP-Verbindungen schneller zu machen und dabei sogar UDP zum Einsatz zu bringen. Nicht ganz korrekt ist es einfach eine Weiterentwicklung von SPDY.

Um zu testen, ob eine Webseite bereits HTTP/3 also QUIC unterstützt, kann ich euch http3check.net ans Herz legen. Diese gibt, wenn gewünscht, sogar noch ein paar Detailinformationen aus.

Wer sehen möchte, ob sein Browser QUIC „macht“, kann auch nginx.org nutzen. Steht oben „Congratulations! You’re connected over QUIC.“ Dann ist man ein Gewinner.

Die Konfiguration am Nginx ist wie immer sehr einfach und ein sehr gutes Beispiel findet sich direkt von nginx.

Mein Nginx spricht dieses nun ebenfalls, mal sehen ob es Probleme gibt.


Update März 2026: Drei Jahre HTTP/3 im Betrieb

Es sind jetzt gut drei Jahre vergangen und ich kann sagen: Es gab keine Probleme. Kein einziges. HTTP/3 läuft hier seit 2022 auf allen vHosts und ich habe nie einen Fehler gesehen, der auf QUIC zurückzuführen war. Auch in den Logfiles nichts Auffälliges.

Illustration zu HTTP/3 und QUIC: schneller Web-Transport über UDP mit moderner Verschlüsselung und Browser-Support

Was sich geändert hat: Damals war HTTP/3 in Nginx noch experimentell und brauchte einen separaten Build mit dem quiche-Patch oder BoringSSL. Seit Nginx 1.25.0 (Mai 2023) ist HTTP/3 offiziell im Mainline-Branch enthalten und wird mit dem normalen --with-http_v3_module Build-Flag aktiviert. Kein Patch mehr, kein BoringSSL mehr, einfach OpenSSL 3.x und fertig. Mein aktueller Stack: Nginx 1.29.4 mit OpenSSL 3.5.4 auf FreeBSD 15.

Was bringt HTTP/3 in der Praxis?

Der größte Vorteil von QUIC gegenüber TCP ist die Verbindungsaufbauzeit. Bei TCP+TLS braucht ihr mindestens zwei Roundtrips, bevor Daten fließen (TCP Handshake + TLS Handshake). QUIC macht das in einem einzigen Roundtrip. Bei einem Wiederverbindungsversuch sogar in null Roundtrips (0-RTT).

Auf einer Glasfaserleitung mit 5 ms Latenz merkt ihr das kaum. Aber auf einem Smartphone im Zug mit 80 ms Latenz und gelegentlichem Paketverlust macht das einen spürbaren Unterschied. Dazu kommt, dass QUIC auf UDP basiert und damit das Head-of-Line-Blocking Problem von TCP löst: Ein verlorenes Paket blockiert nicht mehr alle Streams, sondern nur den einen betroffenen.

Konfiguration 2026

Die Konfiguration hat sich seit 2022 etwas verändert. Hier mein aktuelles Setup für den Blog-vHost:

server {
    listen [::]:443 ssl;
    listen [::]:443 quic;

    http2 on;

    server_name  www.kernel-error.de;

    # TLS (wird per include eingebunden)
    include tls-default.conf;
    ssl_certificate      /path/to/fullchain.pem;
    ssl_certificate_key  /path/to/privkey.pem;

    # ...
}

Wichtig sind zwei Dinge. Erstens: Der quic Listener läuft auf demselben Port 443 wie der SSL-Listener, nur eben über UDP statt TCP. Zweitens: Die Clients müssen wissen, dass HTTP/3 verfügbar ist. Das passiert über den Alt-Svc Header:

add_header Alt-Svc 'h3=":443"; ma=86400' always;

Dieser Header sagt dem Browser: „Ich spreche auch h3 auf Port 443, merk dir das für 24 Stunden.“ Beim nächsten Besuch nutzt der Browser dann direkt QUIC. Ohne diesen Header bleibt alles bei HTTP/2 über TCP.

Optional könnt ihr auch einen HTTPS-DNS-Record (SVCB) setzen, damit der Browser schon beim DNS-Lookup weiß, dass HTTP/3 verfügbar ist:

$ dig +short HTTPS www.kernel-error.de
1 . alpn="h3,h2" ipv4hint=148.251.30.200 ipv6hint=2a01:4f8:262:4716::443

Mit alpn="h3,h2" im HTTPS-Record kann der Browser die QUIC-Verbindung schon beim allerersten Besuch aufbauen, ohne erst auf den Alt-Svc Header warten zu müssen.

Firewall nicht vergessen

Ein Klassiker, der mich 2022 kurz stolpern ließ: QUIC braucht UDP Port 443. Wenn eure Firewall nur TCP 443 durchlässt, sehen die Clients den Alt-Svc Header, versuchen QUIC und laufen ins Timeout. Auf FreeBSD mit pf:

pass in quick on $ext_if proto udp to $jail_nginx port 443

Post-Quantum-Kryptografie inklusive

QUIC verwendet intern TLS 1.3 für die Verschlüsselung. Das heißt: Wenn ihr in eurer Nginx-TLS-Konfiguration X25519MLKEM768 als Key-Exchange-Gruppe konfiguriert habt, gilt das automatisch auch für QUIC-Verbindungen. Kein extra Aufwand. Euer HTTP/3 Traffic ist dann ebenfalls mit hybridem Post-Quantum-Schlüsselaustausch abgesichert.

Browser-Support

2022 war HTTP/3 noch ein Feature für Early Adopter. 2026 ist es Standard. Chrome, Firefox, Safari und Edge unterstützen QUIC seit Jahren. Laut den Logfiles dieses Blogs nutzen inzwischen gut 40% der Besucher HTTP/3. Tendenz steigend, weil immer mehr Mobilgeräte von dem schnelleren Verbindungsaufbau profitieren.

Wer es noch nicht aktiviert hat: Der Aufwand ist minimal, die Vorteile real und das Risiko gleich null. Drei Jahre Betrieb ohne ein einziges Problem sprechen für sich.

Siehe auch: HTTPS RR und SVCB Records — per DNS-Record signalisieren, dass HTTP/3 verfügbar ist. Damit können Clients direkt mit QUIC starten, ohne vorher TCP zu probieren.

TLS-ECDHE mit AES-256-GCM-SHA384 einfach erklärt

Verschlüsselung-cipher

Wer sich mit TLS beschäftigt, stolpert früher oder später über Zeichenketten wie TLS_ECDHE_ECDSA_WITH_AES_256_GCM_SHA384 oder TLS_AES_256_GCM_SHA384. Was da genau drinsteht, ist auf den ersten Blick nicht offensichtlich. Dabei folgt die Benennung einem klaren Schema.

Die Bestandteile einer Cipher Suite

Jede Cipher Suite beschreibt vier Dinge:

  • Key Exchange — wie sich Client und Server auf einen gemeinsamen Sitzungsschlüssel einigen.
  • Certificate Verification — wie das Serverzertifikat geprüft wird (Signaturverfahren).
  • Bulk Encryption — die symmetrische Verschlüsselung der eigentlichen Daten.
  • Hashing — die Prüfsummen, die Integrität und Authentizität sicherstellen.

TLS 1.2 vs. TLS 1.3

In TLS 1.2 stehen alle vier Bestandteile im Namen der Cipher Suite. Nehmen wir TLS_ECDHE_ECDSA_WITH_AES_256_GCM_SHA384 auseinander:

  • TLS — das Protokoll (Transport Layer Security)
  • ECDHE — Key Exchange (Elliptic Curve Diffie-Hellman Ephemeral)
  • ECDSA — Certificate Verification (Elliptic Curve Digital Signature Algorithm)
  • AES_256_GCM — Bulk Encryption (AES mit 256 Bit im Galois/Counter Mode)
  • SHA384 — Hashing (SHA-2 mit 384 Bit)

TLS 1.3 hat das Namensschema verkürzt. Key Exchange und Certificate Verification sind nicht mehr Teil des Cipher-Suite-Namens, weil sie separat verhandelt werden. Darum sieht TLS_AES_256_GCM_SHA384 so kompakt aus: nur Protokoll, Verschlüsselung und Hash.

Key Exchange

Der Schlüsselaustausch legt fest, wie Client und Server einen temporären Sitzungsschlüssel aushandeln. Man will hier Ephemeral-Verfahren, also temporäre Schlüssel. Warum? Selbst wenn jemand den Traffic mitschneidet und später an den privaten Schlüssel des Servers kommt, kann er die aufgezeichneten Verbindungen nicht entschlüsseln. Der Sitzungsschlüssel existiert nur für die Dauer der Verbindung. Das nennt sich Perfect Forward Secrecy.

DHE (Diffie-Hellman Ephemeral) funktioniert, sollte aber mindestens 2048 Bit nutzen. Besser ist ECDHE (Elliptic Curve DHE), weil es bei gleicher Sicherheit deutlich kleiner und schneller ist. Idealerweise bietet der Server nur ECDHE an. Alles ohne das E am Ende (also statisches DH) hat kein Forward Secrecy und gehört abgeschaltet.

In Zukunft kommt hier noch Post-Quantum dazu. Mit X25519MLKEM768 lassen sich hybride Verfahren nutzen, die auch gegen Quantencomputer absichern. Wer das auf Nginx einrichten will, findet bei mir eine Anleitung: Post-Quantum TLS.

Certificate Verification

Verschlüsselung allein hilft nicht, wenn man mit dem falschen Server spricht. Das Serverzertifikat beweist die Identität. Es wird von einer CA signiert, kann per DANE/TLSA im DNSSEC-geschützten DNS verankert sein und sollte nicht trivial fälschbar sein.

RSA-Zertifikate sollten mindestens 2048 Bit haben, besser 4096 Bit. Allerdings werden RSA-Schlüssel mit steigender Sicherheit immer größer und langsamer. ECDSA-Zertifikate lösen das elegant: Ein ECDSA-Schlüssel mit 256 Bit bietet vergleichbare Sicherheit wie RSA mit 3072 Bit, ist aber deutlich kleiner und schneller zu verifizieren. Als Kurve sollte es mindestens secp256r1 (P-256) sein. secp384r1 geht auch, bringt aber aktuell keinen praktischen Vorteil.

Bulk Encryption

Das ist die eigentliche Datenverschlüsselung. Brauchbare Kombinationen sind:

  • AES-128-GCM oder AES-256-GCM — Standard, schnell, hardware-beschleunigt auf den meisten CPUs
  • ChaCha20-Poly1305 — gute Alternative, besonders auf Geräten ohne AES-NI

AES mit CBC ist noch akzeptabel, aber GCM ist vorzuziehen. Von 3DES sollte man die Finger lassen. Wenn irgendwo RC4 oder DES auftaucht: abschalten.

Hashing

Der Hash sichert die Integrität der übertragenen Daten. Minimum ist SHA-256, ein guter Mittelweg ist SHA-384. SHA-1 sollte man nicht mehr einsetzen. Taucht MD5 auf, stimmt etwas grundlegend nicht.

Update Juli 2026: Wie dieselbe Zerlegung in der Post-Quantum-Welt aussieht, habe ich für X25519MLKEM768 in einem eigenen Beitrag durchgespielt: X25519MLKEM768 zerlegt.

Fragen, Korrekturen oder Ergänzungen? Einfach melden.

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