Vor Kurzem saß ich in einer Arztpraxis im Wartezimmer, und weil ich so bin wie ich bin, habe ich statt der Zeitschriften die Rechner am Empfang angeschaut. An jedem hing eine Funkmaus und eine Funktastatur, dazu der kleine Adapter im USB-Port. Von einem Hersteller, den ich nicht kannte, der Eindruck war sehr günstiges No-Name-Gerät. So etwas nenne ich selbst gern etwas abfällig „Chinaprodukt“, was eigentlich unfair ist, denn die können das inzwischen richtig gut.
Im Gespräch mit dem Arzt kam heraus, dass ihm ein Punkt völlig neu war: dass die Tastatureingaben als Funk durch die Luft gehen und dass man Funk mithören kann. An seinem Platz werden Diagnosen, Namen und Medikamente getippt, und die Frage, ob das jemand aus dem Nachbarzimmer mitlesen könnte, hatte sich vorher schlicht nie gestellt. Aus genau dieser Unterhaltung ist dieser Beitrag entstanden, und er wollte ihn selbst lesen. Also, hallo an dieser Stelle, danke für den Anstoß.
Ich will die Praxis dabei nicht an den Pranger stellen. Über die Sicherheit genau dieses No-Name-Geräts kann ich nichts sagen, ich habe es nie in der Hand gehabt. Der Punkt ist ein anderer: fast jeder benutzt so einen Adapter, und kaum jemand hat sich die Frage je gestellt. Bei einer Mausbewegung ist das auch egal. Bei einem Passwort, einer PIN oder einem Login nicht. Also drei Fragen, die den Beitrag tragen. Kann man das wirklich abhören? Kann man sogar eigene Tasten einschleusen? Und wie sieht man, ob das eigene Gerät geschützt ist?
Ich mache das am Beispiel von Logitechs Unifying-Adapter, dem mit dem kleinen orangen Stern, weil ich davon zwei Stück im Rechner habe und weil Logitech einer der Hersteller ist, bei dem man den Unterschied zwischen „kein Krypto“ und „verschlüsselt“ schön sehen kann. Alles, was ich hier auf dem Rechner prüfe, zeige ich mit dem Befehl und der echten Ausgabe. Und wo etwas unklar bleibt, sage ich das auch.
Durch die Luft, und schon sind es zwei Probleme
Bevor es um Logitech geht, muss eine Sache sauber getrennt sein, denn der ganze Beitrag hängt daran. Wer an einem Funkgerät lauscht, will eines von zwei Dingen, und die sind unterschiedlich gefährlich.
- Mitlesen, passiv. Der Angreifer hört den Funk nur mit. Das ist gefährlich bei allem, was die Tastatur sendet, also Passwörter, PINs, Nachrichten. Bei der Maus dagegen gehen nur Bewegungen und Klicks über die Luft, da ist Mitlesen fast folgenlos.
- Einschleusen, aktiv. Der Angreifer sendet selbst und gibt sich als euer Gerät aus. Damit tippt er auf eurem Rechner, öffnet ein Terminal, lädt etwas nach. Das ist der unangenehmere Fall, weil er nicht davon abhängt, dass ihr gerade etwas tippt. Der Rechner steht am Empfang, niemand sitzt davor, und trotzdem passiert etwas.
Daraus ergeben sich drei Schutzstufen, und die Reihenfolge ist wichtig.
- Kein Schutz. Klartext. Jeder in Funkreichweite liest mit und kann einschleusen.
- Verschlüsselung. Der Funk ist chiffriert. Wer mithört, bekommt nur Kauderwelsch. Logitech nimmt dafür bei Tastaturen AES-128.
- Authentisierung. Der Empfänger prüft, ob ein Paket wirklich vom gekoppelten Gerät stammt. Erst das schließt das Einschleusen zuverlässig, denn Verschlüsselung allein sagt nur, dass keiner mitliest, nicht, dass keiner sich einschleicht.
Und hier kommt die Design-Entscheidung, die uns später um die Ohren fliegt. Eine Tastatur braucht zwingend Verschlüsselung, weil sie Geheimes sendet. Eine Maus bekam bei Unifying historisch keine, weil sie ja nichts Geheimes sendet. Das klingt vernünftig, und für sich genommen ist es das auch. Zum Einfallstor wurde es trotzdem, weil ein Empfänger, der offene Maus-Pakete akzeptiert, sich dazu bringen ließ, auch gefälschte Tastatur-Pakete zu schlucken. Genau das war MouseJack. Dazu gleich mehr.

KeySniffer, so sieht es aus, wenn gar nichts da ist
Damit klar wird, wovon wir reden, erst das schlechte Beispiel. 2016 zeigte die Firma Bastille unter dem Namen KeySniffer, dass Funktastaturen von acht Herstellern die Tastenanschläge komplett im Klartext funken, ohne jede Verschlüsselung. Betroffen waren Anker, EagleTec, General Electric, Hewlett-Packard, Insignia, Kensington, Radio Shack und Toshiba. Mitlesbar aus rund 75 Metern, mit Hardware für unter hundert Dollar. Man tippt sein Passwort, und einer im selben Gebäude schreibt es Zeichen für Zeichen mit.
Zwei Dinge daran sind wichtig. Erstens ist das kein „schwaches Krypto“, das ist „kein Krypto“. Diesen Unterschied wirft man gern in einen Topf, aber er ist der ganze Punkt. Zweitens kann man diese Tastaturen nicht per Update retten. Da hilft nur wegwerfen und ersetzen. Und genau das ist der Unterschied zu Logitech, wo ein Empfänger-Update wirklich etwas ändert, wie wir noch sehen werden. Bluetooth-Tastaturen und die höherwertigen Geräte von Logitech, Dell und Lenovo waren von KeySniffer übrigens nicht betroffen. Das ist die Brücke zu Logitech.
Ein Stern, sechs Geräte: wie Unifying funktioniert
Unifying ist der kleine USB-Adapter mit dem orangen Stern, an den sich bis zu sechs Geräte koppeln lassen. Eine Maus, eine Tastatur, vielleicht ein Ziffernblock, alles über einen Stick. Technisch funkt das bei 2,4 GHz auf Nordics nRF24-Technik, nicht Bluetooth. Das ist ein wichtiger Punkt, den ich später beim Abhören noch brauche. Tastaturen werden mit AES-128 verschlüsselt, der Schlüssel wird beim Koppeln festgelegt. Mäuse funken offen.
MouseJack, 2016, und die offene Maus als Hebel
Ebenfalls 2016, wieder Bastille, diesmal Marc Newlin. Über die offene, nicht authentifizierte Maus-Strecke ließen sich gefälschte Tastatur-Pakete in viele Empfänger einschleusen, dazu erzwungenes Koppeln. Betroffen waren Geräte vieler Hersteller, nicht nur Logitech. Der Angreifer musste nicht warten, bis jemand tippt. Er gab sich als neue Tastatur aus und schrieb selbst.
Logitech reagierte mit mehreren Firmware-Ständen für die Empfänger. Nach Logitechs eigenen Release-Notes sind die Kern-MouseJack-Punkte, also erzwungenes Koppeln, Tastatur-Injektion und gefälschte Maus, ab RQR12.05 beziehungsweise RQR24.03 geschlossen. Eine später gefundene Schwäche, die verschlüsselte Injektion (Bastille-Punkt #13, als CVE-2016-10761 geführt), folgte erst ab RQR12.08 und RQR24.06. Diese zwei Generationsnummern solltet ihr euch merken, sie kommen beim Testgerät gleich wieder.
Die vier Lücken von 2019, und die eine, die blieb
2019 nahm sich Marcus Mengs, im Netz MaMe82, Unifying noch einmal vor. Vier CVEs, und der Unterschied zwischen ihnen ist der eigentliche Lehrwert.
| CVE | Was | Fix |
|---|---|---|
| CVE-2019-13052 | Aus dem Mitschnitt der Kopplung den AES-Schlüssel ableiten, danach mitlesen und einschleusen | kein Patch, Logitech lehnte ab |
| CVE-2019-13053 | Einschleusen in die verschlüsselte Strecke, setzt einmaligen physischen Zugriff voraus | kein Patch für die erweiterte Form |
| CVE-2019-13054 | Schlüssel aus R500- und Spotlight-Presentern auslesen, physischer Zugriff | Fix für August 2019 angekündigt |
| CVE-2019-13055 | Alle gekoppelten Schlüssel aus einem Empfänger in unter einer Sekunde, physischer Zugriff | Fix für August 2019 angekündigt |
Die spektakuläre Fernübernahme, MouseJack, ist an einem aktuellen Empfänger zu. Was bleibt, ist die erste Zeile: CVE-2019-13052. Wer den Moment der Kopplung mitschneidet, kann daraus den AES-Schlüssel ableiten und danach mitlesen und einschleusen. Diese Lücke wurde nie geschlossen. Logitech hat erklärt, dafür keinen Patch zu liefern, sie steckt im Design.
Das praktische Risiko ist gering, weil man dafür genau dann mithören muss wenn ihr ein Gerät neu koppelt, und weil der Schlüssel danach nicht neu ausgehandelt wird. Koppeln passiert selten und ist schnell vorbei. Aber der Satz „Firmware aktuell, also alles gut“ wäre trotzdem falsch, und genau diese Ehrlichkeit macht für mich den Reiz an der Sache aus. Diese Kopplungs-Lücke ist übrigens auch der Aufhänger für den zweiten Teil.

Logi Bolt, der Nachfolger, der es richtig macht
2021 brachte Logitech mit Logi Bolt einen neuen Empfänger heraus, der Sicherheit von Anfang an mitdenkt. Die Kernpunkte, alle belegt:
- Bolt setzt auf Bluetooth Low Energy im Security Mode 1, Level 4, also Secure Connections Only. Das heißt verschlüsselt und authentifiziert. Genau der Schutz gegen Einschleusen, der Unifying von Haus aus fehlte.
- Es ist ein geschlossenes System, ein Bolt-Empfänger spricht nur mit Bolt-Geräten.
- Pro Kopplung eine andere Bluetooth-Adresse und eigene Schlüssel.
- Koppeln geht nur nach einem ausdrücklichen, langen Knopfdruck von einigen Sekunden. Das schließt das erzwungene Koppeln.
- Firmware ist zentral ausrollbar, mit Schutz gegen das Zurückrollen auf alte Stände.
Ein Missverständnis will ich gleich einfangen. Bolt ist Bluetooth-basiert, aber es ist ein geschlossenes, gehärtetes System, kein normales Bluetooth-Pairing, wie ihr es vom Kopfhörer kennt. Verwechselt das nicht, das eine ist gehärtet, das andere ist ein bunter Haufen.
Zwei Empfänger, eine Maus, eine Tastatur
Genug Geschichte, jetzt der eigene Rechner. Auf dem Testgerät, einem Notebook mit Linux Mint 22.3, stecken zwei Unifying-Empfänger gleichzeitig. Am einen hängt die Maus, eine Logitech Marathon Mouse M705, am anderen die Tastatur, eine MX Keys. Beide Sticks tragen denselben orangen Stern, und wie sich gleich zeigt, tragen sie trotzdem zwei verschiedene Sicherheitsgeschichten mit sich herum.
Erst einmal schauen, ganz ohne Spezialwerkzeug
Man muss nicht sofort ein Paket installieren, um zu verstehen, was da steckt. Das Betriebssystem verrät schon eine ganze Menge. Erst schaue ich, welche USB-Geräte hängen. Mit lsusb sehe ich beide Empfänger, und interessant ist, dass sich beide als exakt dieselbe Kennung melden.
$ lsusb | grep -i logitech Bus 001 Device 011: ID 046d:c52b Logitech, Inc. Unifying Receiver Bus 001 Device 012: ID 046d:c52b Logitech, Inc. Unifying Receiver
046d ist Logitech, c52b ist der Unifying-Empfänger. Zwei gleiche Kennungen, zwei physische Sticks. Als Nächstes die Kernelmodule, die diese Sticks bedienen.
$ lsmod | grep -i logi hid_logitech_hidpp 69632 0 hid_logitech_dj 36864 0 usbhid 77824 2 hid_logitech_dj,hid_logitech_hidpp hid 282624 10 usbhid,...,hid_logitech_dj,hid_logitech_hidpp
Zwei Module machen die Arbeit, und die Aufgabenteilung lohnt sich zu verstehen. hid_logitech_dj kümmert sich um das Multiplexing des Unifying-Empfängers, also darum, dass ein einziger Stick mehrere Geräte tragen kann. hid_logitech_hidpp spricht das Feature-Protokoll HID++, über das gleich auch Solaar redet. Und über die Geräteknoten /dev/hidraw* reden die Werkzeuge am Ende mit den Sticks. So versteht man die Schichten, bevor überhaupt ein Zusatzprogramm im Spiel ist.
Solaar, das eine Werkzeug, das man wirklich braucht
Solaar ist die grafische Oberfläche und zugleich ein Kommandozeilen-Werkzeug für Unifying und HID++. Damit koppelt man Geräte, sieht den Akkustand, den Verschlüsselungsstatus und kann Tasten umbelegen. Auf dem Testgerät läuft Version 1.1.11. Der eine Befehl, der alles auf einmal ausgibt, ist solaar show. Für den Empfänger der Maus, gekürzt auf das Wesentliche:
Unifying Receiver
USB id : 046d:C52B
Serial : 3CE0986A
Firmware : 12.11.B0032
Has 1 paired device(s) out of a maximum of 6.
1: Marathon Mouse M705 (M-R0073)
Kind : mouse
Protocol : HID++ 4.5
Battery: 50%, discharging, next level 20%.
Und für den Empfänger der Tastatur:
Unifying Receiver
USB id : 046d:C52B
Serial : C31FD0D1
Firmware : 24.11.B0036
Has 1 paired device(s) out of a maximum of 6.
1: MX Keys Keyboard
Kind : keyboard
Protocol : HID++ 4.5
Hier fällt schon auf, was ich gleich groß mache. Zwei Unifying-Sticks, aber zwei Firmware-Linien: RQR12 für die ältere Maus-Generation, RQR24 für die neuere Tastatur. Beide tragen denselben orangen Stern, dahinter stecken aber zwei Baujahre und zwei Geschichten.
Zwei Sterne, ein Unterschied
Das ist das Herzstück, und es ist ein einziger Blick in Solaar. In der Geräteansicht steht bei jedem gekoppelten Gerät eine Zeile „Drahtlose Verbindung“. Für die Maus M705 meldet Solaar dort „nicht verschlüsselt“, mit einem roten Schild. Für die Tastatur MX Keys meldet dieselbe Zeile „verschlüsselt“, mit einem geschlossenen Schloss.

Was das heißt, und was nicht. Die Tastatur ist mit AES-128 verschlüsselt, der Schlüssel wurde beim Koppeln festgelegt. Wer die Funkstrecke mithört, bekommt Kauderwelsch. Die Maus funkt offen, was für Bewegungen und Klicks kein Problem ist. Und dann die ehrliche Einschränkung, die uns direkt zum Angriff führt: dass die Maus offen funkt, war historisch genau der Hebel für das Einschleusen, bis die Firmware das abgestellt hat.
Ein Gedanke, der jetzt naheliegt, führt in die Irre: dann schalte ich die Verschlüsselung der Tastatur eben ab und schaue, was durchgeht. Geht nicht. Die AES-Verschlüsselung der Tastatur hat keinen Ausschalter. Sie steckt fest im Unifying-Protokoll, Solaar hat dafür keinen Schalter, das alte ltunify auch nicht. Wer die Klartext-Eingaben der Tastatur sehen will, muss das AES brechen, nicht abschalten. Und genau das ist der Stoff für den zweiten Teil.
Was man installieren sollte, und was nicht
Für die reine Frage „bin ich sicher“ braucht man erstaunlich wenig. Zwei Pakete reichen, und beide waren auf dem Testgerät sowieso schon da.
| Paket | Wofür |
|---|---|
solaar | Kopplung, Akku, Verschlüsselungsstatus, Tastenbelegung |
fwupd | Firmware-Updates über LVFS |
Ein paar Werkzeuge, über die man im Netz stolpert, braucht man hier ausdrücklich nicht, und ich schreibe dazu, warum.
| Paket | Warum nicht |
|---|---|
ltunify | ältere Unifying-Kommandozeile, von Solaar überholt |
libratbag / piper | DPI- und Tastenkonfiguration für Gaming-Mäuse, für die M705 unnötig, Solaar deckt sie ab |
jackit, nrfutil, dfu-tool | Angriffs- und Flash-Werkzeuge für nRF-Hardware, hier nicht installiert. jackit gehört zum Crazyradio-am-Laptop-Weg, in diesem Aufbau macht die Funkarbeit stattdessen der Flipper |
Bin ich sicher? Zwei Blicke genügen
Der erste Blick ist der Verschlüsselungsstatus, den Solaar meldet. Tastatur verschlüsselt, Maus nicht. Das ist bei Unifying normal und in Ordnung, solange man weiß, dass die Maus offen funkt und dort nichts Geheimes durchgeht.
Der zweite Blick ist die Firmware. fwupd kennt beide Empfänger über LVFS, und fwupdmgr get-updates sagt, ob etwas ansteht.
$ fwupdmgr get-updates --no-unreported-check Devices with the latest available firmware version: • Unifying Receiver • Unifying Receiver
Beide sind auf dem neuesten Stand, den LVFS anbietet, das ist RQR12.11 und RQR24.11. Und jetzt die Verbindung zur Geschichte, die den Abschnitt wertvoll macht. Die MouseJack-Fixes stecken in den Firmware-Generationen ab RQR12.05 beziehungsweise RQR24.03 für die Kern-Punkte, und ab RQR12.08 beziehungsweise RQR24.06 für die verschlüsselte Injektion. Beide Empfänger liegen mit 12.11 und 24.11 deutlich darüber. Die Fernübernahme von 2016 ist an diesem Gerät also zu. Das ehrliche Ergebnis dieses Abschnitts ist „hier ist nichts zu tun“, und das darf man auch so hinschreiben.
Trotzdem der Handgriff für den Fall, dass doch einmal ein Update ansteht, als Verfahren, nicht als Messung. Auf dem Testgerät gab es nichts zu aktualisieren, ich habe die letzte Zeile hier also nicht wirklich ausgeführt.
fwupdmgr refresh fwupdmgr get-updates fwupdmgr update
Wie würde ein Angreifer das überhaupt abhören?
Jetzt die andere Seite. Unifying funkt bei 2,4 GHz auf nRF24-Technik mit einer eigenen Paketstruktur, Enhanced ShockBurst nennt Nordic das. Normale SDR-Empfänger und die üblichen Sub-Gigahertz-Geräte sehen das schlicht nicht. Man braucht ein nRF24-Radio, das in einen Mithör-Modus versetzt wird. Und genau hier wird es interessant, was ein Flipper Zero kann und was nicht.
Der Flipper Zero, und warum er allein nicht reicht
Das eingebaute Funkteil des Flipper ist ein CC1101. Das arbeitet unter einem Gigahertz, grob 300 bis 928 MHz. Es kommt physikalisch nicht an die 2,4 GHz von Unifying heran. Aus der Schachtel heraus kann der Flipper diesen Angriff also gar nicht, egal welche Firmware drauf ist.

Auf meinem Aufbau steckt der Flipper mit der Momentum-Firmware und einem Zusatzmodul, einem AIO Board. Auf dem Board steht die Bestückung selbst drauf: RED NRF24, GREEN ESP32, BLUE CC1101, dazu ein EBYTE-Modul und externe Antennen. Das entscheidende Teil für uns ist das nRF24-Radio. Genau das, was dem Flipper von Haus aus fehlt. Damit werden die Apps NRF24: Sniffer und NRF24: Mouse Jacker nutzbar, beide aus dem Projekt von mothball187 und in Momentum enthalten.

Der Ablauf ist in zwei Schritten schnell erzählt. Erst sucht der Sniffer die Kanäle ab und findet die Funkadresse des Empfängers. Dann bekommt der Mouse Jacker diese Adresse und ein Tastatur-Skript und versucht, Tasten einzuschleusen. Klingt einfach. Der erste Schritt ist es aber schon nicht.
Der nRF24-Treiber der Flipper-App gilt selbst als funktionierend, aber unfertig, und das Sniffen im 2,4-GHz-Band rastet gern auf zufälliges Rauschen ein und meldet Adressen, die es gar nicht gibt. Drei Läufe brachten bei mir drei verschiedene Adressen, einmal sogar mit „Unique 0“, also ohne einen einzigen wiederholten Treffer. Eine echte Logitech-Adresse taucht über mehrere Läufe immer wieder auf, das ist das Erkennungszeichen. Mit etwas Geduld, Maus dabei bewegen und jeden Durchlauf sauber mit OK beenden, damit die App überhaupt speichert, hat sich am Ende die Adresse 086A98E03C als die stabile, echte herauskristallisiert. Das Erkennen klappt also, aber es ist selbst schon eine Hürde und nicht der Sofort-Erfolg, den man sich vorstellt.
Die offene Maus lässt sich mit demselben Radio mitschnüffeln, man sieht rohe Pakete. Passwörter sind da natürlich keine drin, nur Bewegung und Klicks. Genau das ist der greifbare Beleg für „die Maus funkt im Klartext“.
Und jetzt der eigentliche Versuch. Ich habe einen einfachen Texteditor auf dem Notebook geöffnet und ihm den Fokus gegeben. Der Mouse Jacker bekam die ersniffte Adresse 086A98E03C und ein harmloses Skript, das nur den Text MOUSEJACK-TEST-0810 tippen sollte, sonst nichts. Der Flipper zeigte „Running duckyscript“.

Im Editor erschien nichts. Keine einzige Taste kam durch. Das ist kein Misserfolg des Versuchs, sondern das erwartete Verhalten an einem Empfänger, der über dem MouseJack-Fix liegt.
Hier bleibe ich bei der Ursache ehrlich, das ist mir wichtig. „Nichts passiert“ allein trennt nicht sauber, ob die Firmware das Paket abgewiesen hat oder ob die ersniffte Adresse nicht exakt der Empfänger war. Um das isoliert zu beweisen, müsste ein bewusst verwundbarer Vergleichs-Empfänger danebenstehen, an dem derselbe Angriff gelingt, und der stand hier nicht daneben. Sicher ist: die klassische MouseJack-Übernahme aus der Ferne, ohne Anfassen, gelang an diesem aktuellen Setup mit RQR12.11 nicht, und das passt dazu, dass fwupd die Firmware als aktuell und über dem Fix meldet. Mehr behaupte ich an dieser Stelle nicht. Das ist gemessen, die Deutung der Ursache ist plausibel, aber nicht bewiesen.
Nur eine von mehreren Möglichkeiten
Der Flipper ist nur ein Weg, und ehrlich gesagt der bequeme für unterwegs. Damit klar ist, was sonst noch geht:
- Crazyradio PA, ein nRF24-USB-Stick mit der Bastille-Firmware plus
jackit. Das klassische MouseJack-Werkzeug, läuft am Laptop und kann mitschreiben. - nRF52840-Dongle mit Logitacker von Marcus Mengs. Das moderne Werkzeug, das auch die 2019er-Lücken kann, inklusive der Kopplungs-Lücke CVE-2019-13052. Genau dieses Gespann kommt im zweiten Teil zum Einsatz.
- Raspberry Pi mit nRF24-Modul. Möglich, aber deutlich fummeliger, weil das Timing schlechter ist als bei einer dedizierten Crazyradio.
Die Grenze des Flippers ist dabei klar. Er ist gut zum Erkennen und für den MouseJack-Versuch, aber er leitet keine Schlüssel ab und entschlüsselt keine Tastatur. Dafür braucht es Logitacker auf dem nRF52840, und das ist der zweite Teil.
Was ich für sichere Umgebungen empfehle
Kein Wischiwaschi, eine klare Rangfolge.
- Kabel. Eine USB-Tastatur funkt gar nicht. Für alles, wo wirklich Geheimes getippt wird, ist das die ruhigste Lösung.
- Logi Bolt oder eine sauber gekoppelte Bluetooth-Verbindung mit Secure Connections. Verschlüsselt und authentifiziert, also auch gegen Einschleusen geschützt.
- Aktuelles Unifying. Völlig brauchbar, wenn die Empfänger-Firmware gepflegt ist. Die Tastatur ist verschlüsselt, die Fernübernahme ist zu. Das Restrisiko ist die Kopplungs-Lücke.
- Alles ohne Verschlüsselung, KeySniffer-Klasse, gehört ersetzt. Da hilft kein Update.
Dazu zwei Handgriffe, die jeder machen kann. Die Firmware der Empfänger aktuell halten, mit fwupdmgr, das ist eine Minute Arbeit. Und Geräte nur in vertrauenswürdiger Umgebung koppeln, nicht im Café und nicht im vollen Großraumbüro, wegen genau dieser Kopplungs-Lücke CVE-2019-13052.
Was offen bleibt
- Warum das Einschleusen genau scheiterte. Der Durchlauf ist gemessen, der Sniffer findet
086A98E03Cund die Injektion landet nichts, aber ob die Firmware abwies oder die ersniffte Adresse nicht exakt saß, ist ohne einen verwundbaren Vergleichs-Empfänger nicht isoliert nachgewiesen. - Die Kopplungs-Lücke CVE-2019-13052 ist beschrieben, aber nicht vorgeführt. Das ist der Kern des zweiten Teils.
- Ob sich auf genau diesem nRF24-Modul die Adresse zuverlässig mitschneiden lässt, hängt von Kanal und Timing ab und ist nicht erschöpfend getestet.
- Ob die MX Keys selbst per
fwupdein Firmware-Update bekommen könnte, habe ich nicht geprüft, nur die beiden Empfänger. - Reichweite und Störumgebung. Alle Aussagen zum Mithören beziehen sich auf die Laborsituation direkt am Gerät.
Wie es weitergeht
Im nächsten Teil wird nicht nur erklärt, sondern gemacht. Mit einem nRF52840-Dongle und Logitacker schneide ich den Kopplungsvorgang einer Unifying-Tastatur mit, leite daraus den Schlüssel ab und lese die Eingaben mit. Das ist die Design-Lücke CVE-2019-13052, und sie betrifft auch die aktuelle Firmware, an der der Flipper heute noch abgeprallt ist. Aus „die Tastatur ist verschlüsselt“ wird dann „und trotzdem lesbar, wenn ich im richtigen Moment dabei war“. Das ist der interessante Teil, und er kommt.
Bezugsquellen
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- Flipper Zero: https://amzn.to/4qa8chY
- AIO-Board (nRF24, ESP32, CC1101) für den Flipper Zero: https://s.click.aliexpress.com/e/_c3Ug4MNH
Siehe auch
- TPM 2.0 unter Linux, der Schwester-Beitrag über Hardware, die jeder hat und kaum jemand anschaut.
- BIOS erklärt, Teil 1, ein Serverboard als Workstation und der Weg ins Setup.
Wenn ich irgendwo danebenliege, korrigiert mich gerne, dann lerne ich selbst etwas. Und die Frage an euch zum Schluss: Nutzt ihr Funk oder Kabel, und habt ihr je nachgesehen, ob eure Tastatur überhaupt verschlüsselt funkt? Wie das geht, wisst ihr jetzt. Wenn ihr mögt, dürft ihr mich dazu sehr gerne fragen.









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