IT security, FreeBSD, Linux, mail server hardening, post-quantum crypto, DNS, retro computing & hands-on hardware hacks. Privater Tech-Blog seit 2003.

Kategorie: Elektronik & DIY (Seite 1 von 4)

Elektronik-Projekte, Lötarbeiten und Eigenbau — vom Labornetzteil bis zur Lötdampfabsaugung.

Neunzehn Sekunden für einen Schlüssel: was der TPM-Chip unter Linux wirklich kann

TPM-2.0-Chip auf einem Mainboard mit Schlüssel und Stoppuhr, unter Linux als sicherer Hardware-Schlüsselspeicher und für Measured Boot genutzt, aber deutlich langsamer als die CPU bei der RSA-Schlüsselerzeugung.

Es gibt Dinge, die unter Linux in der breiten Masse vernachlässigt werden. Secure Boot ist so ein Beispiel, TPM ist ein anderes. Vielleicht ist es an der anfangs bescheidenen Unterstützung gescheitert, vieleicht sind die Themen technisch einfach unangenehm, am ehesten aber liegt es daran, dass der Mehrwert für die meisten überschaubar bleibt. Heute nehme ich mir den TPM vor.

Aufgefallen ist mir der Chip zweimal. Das erste Mal, als er durch die Medien ging, weil die Angst groß wurde, Microsoft mache damit unsere IT kaputt, und weil jemand anfing, sehr viele Patente einzureichen. Das zweite Mal viele Jahre später, als TPM 2.0 zur harten Voraussetzung für Windows 11 wurde. Dazwischen lagen zwanzig Jahre, in denen der Chip in fast jedes Endgerät gewandert ist, ohne dass sich jemand dafür interessiert hat.

In Notebooks und Fertig-PCs ist er heute meist fest verlötet. Bei Server-Mainboards kauft man ihn dagegen als Option dazu, ein kleines Steckmodul auf einem eigenen Header. Der Chip in meinem Testgerät ist ein Infineon OPTIGA SLB 9670, und genau dieselbe Chip-Familie sitzt auf den steckbaren TPM-Modulen für Supermicro-Boards. Damit schließt der Beitrag an die BIOS-Serie an, in der ich mich gerade Menü für Menü durch ein Serverboard arbeite.

Freigestelltes TPM-Steckmodul für einen Supermicro-Header, Beschriftungsseite mit „TPM2.0 SPI", „Trusted Platform Module 2" und „For Super".
Das nachgerüstete TPM-Modul für den JTPM1-Header, hier freigestellt. Auf der Rückseite steckt ein echter Infineon SLB9670. Bei vielen Server-Boards gehört der Chip nicht zum Lieferumfang.

Erst die Geschichte, dann die Hände in den Chip. Alle Ausgaben hier sind echt und stammen vom 10. August 2026, gemessen auf einem Fujitsu Celsius H780 mit Linux Mint 22.3, Kernel 7.0.0-28-generic und tpm2-tools 5.6. Wo ich etwas nur aus Dokumentation kenne oder wo ich vermute, steht das dabei.

Angefangen hat alles mit einer Seriennummer in der CPU

Mitte der neunziger Jahre wollte Intel eine Identifizierungsfunktion direkt in den Prozessor bringen. Der erste Schritt war 1999 die Prozessor-Seriennummer im Pentium III, eine eindeutige Kennung, die jede Software auslesen konnte. Der öffentliche Widerstand war so heftig, dass Intel zurückzog. Das Vorhaben verschwand aber nicht, es suchte Deckung in einem Konsortium. Dieses Detail ist wichtig, weil es das Muster für alles setzt, was danach kam.

1999 gründeten Compaq, HP, IBM, Intel und Microsoft die Trusted Computing Platform Alliance, kurz TCPA. Im April 2003 wurde daraus die Trusted Computing Group, TCG, getragen von AMD, HP, IBM, Intel und Microsoft. Aus einer Firmenidee war ein Industriestandard geworden.

Der Chip, der nach einem Senator benannt wurde

In der Debatte bekam der TPM den Spottnamen „Fritz-Chip“. Der Name ging auf den US-Senator Fritz Hollings aus South Carolina zurück, der den CBDTPA vorantrieb, ein Gesetzesvorhaben, das Kopierschutz in aller Consumer-Elektronik verpflichtend machen sollte. Der Spottname war also ein politischer Vorwurf und keine technische Bezeichnung. Er hat trotzdem länger gehalten als das Gesetz, aus dem er kam.

Vertrauen, aber nicht dein Vertrauen

Ross Anderson von der Universität Cambridge schrieb 2002 und 2003 die Trusted Computing FAQ. Dieses Dokument hat die Debatte stärker geprägt als jede Herstellerankündigung, und es liegt bis heute unverändert online. Sein Kernargument in einem Satz: bei „Trust“ geht es nicht darum, dass der Nutzer dem Rechner vertraut, sondern darum, dass der Rechner dem Nutzer nicht vertraut.

Richard Stallman legte 2002 mit „Can you trust your computer?“ nach und prägte den Gegenbegriff treacherous computing, verräterisches Rechnen. Die FSF benutzt ihn heute noch. IBM antwortete mit einer Gegendarstellung von David Safford, „Clarifying Misinformation on TCPA“.

Die EFF ging einen dritten Weg, und der ist der interessanteste. Seth Schoen veröffentlichte im Oktober 2003 Trusted Computing: Promise and Risk und schlug ein konkretes Feature vor, den Owner Override. Der Eigentümer des Rechners sollte die Attestierung überstimmen können, seinem Bank-Server also erzählen dürfen, sein Opera sei ein Internet Explorer. Die Kritik hatte damit einen Reparaturvorschlag und war nicht bloß dagegen. Die TCG hat den Owner Override nie übernommen.

Microsoft nannte sein eigenes Vorhaben Palladium und benannte es am 24. Januar 2003 in Next-Generation Secure Computing Base um, NGSCB. Der Name wurde harmloser, die Architektur blieb dieselbe.

Zwei Patente von 2001, und ein Cypherpunk der zurückschoss

Im Dezember 2001 wurden Microsoft zwei Patente erteilt. Das eine ist US 6,330,670, „Digital rights management operating system“, angemeldet im Januar 1999, erteilt am 11. Dezember 2001, als Erfinder Paul England, John DeTreville und Butler Lampson. Das andere ist US 6,327,652, „Loading and identifying a digital rights management operating system“. Zusammen decken sie viele Grundelemente eines vertrauenswürdigen Betriebssystems ab.

Die Sorge dahinter war handfest und nicht abwegig. Wenn Palladium unter dieses Patent fällt, dann verletzt jeder unabhängige Nachbau das Patent. Also jeder einzelne Entwickler, jedes Open-Source-Projekt, jeder Wettbewerber. Ohne Lizenz von Microsoft kein freies Trusted Computing. Kritiker beschrieben das damals als Kombination aus Patentschutz und faktischem Zwang zur Nutzung, mit deutlich wettbewerbsrechtlichem Geschmack.

Der Gegenzug kam im August 2002 von einem Cypherpunk, der unter dem Namen Lucky Green auftrat. Er meldete selbst ein Patent an, und zwar auf Verfahren, mit denen Software auf einer Palladium- oder TCPA-Plattform gegen Kopieren geschützt werden kann. Der Zweck war offen defensiv: wer die Ansprüche hält, kann verhindern, dass genau diese Anwendungen ausgerollt werden. Auf einem Panel der USENIX Security wurde er gefragt, ob Microsoft nicht einfach Prior Art geltend machen könne. Sein Argument: Prior Art müsste unter Eid erklärt werden, und nach Jahren Arbeit am Projekt und einem ausführlichen eigenen DRM-Patent sei kaum vorstellbar, dem Palladium-Team wäre relevante Prior Art entgangen. Im September 2002 hielt er zusätzlich einen Vortrag mit dem Titel „TCPA: the mother(board) of all Big Brothers“.

Was daraus geworden ist

Die Auflösung ist unbequemer, als es beide Lager damals gedacht haben. NGSCB ist gescheitert, aber nicht an den Patenten. Im Mai 2004 stellte Microsoft die vollständige Architektur zurück, und die Begründung war wirtschaftlich: die Hardware-Landschaft war nicht reif, und vor allem waren die unabhängigen Softwarehersteller nicht bereit, ihre Anwendungen auf die nötigen neuen APIs umzuschreiben. Curtained Memory und der Nexus-Kernel fielen weg, die TPM-Unterstützung blieb übrig.

Der Chip selbst wurde offen. Nach TPM 1.2 kam TPM 2.0, veröffentlicht 2014 und als ISO/IEC 11889 internationaler Standard. Die TCG stellt die Referenz-Implementierung unter eine royalty-free Copyright-Lizenz, das Patentregime zwischen den Mitgliedern ist RAND. Damit war der Nachbau möglich und dem Patenthebel die Grundlage entzogen.

Linux hat es dann einfach implementiert. Der Treiber tpm_tis sitzt im Kernel, IBM brachte TrouSerS für TPM 1.2, für TPM 2.0 entstand mit Beteiligung von Intel und TCG der tpm2-tss-Stack samt tpm2-tools. Seit Linux 4.12 gibt es den Resource Manager im Kernel unter /dev/tpmrm0, wodurch der frühere Userspace-Daemon tpm2-abrmd für die meisten Fälle überflüssig wurde. Nichts davon brauchte eine Lizenz von Microsoft.

Die befürchtete Abriegelung kam trotzdem, nur von woanders. Kein einziger der Horror-Fälle aus der TCPA-FAQ wurde durch den TPM Realität. Wo Nutzer heute tatsächlich ausgesperrt werden, steckt eine andere Technik dahinter: Widevine beim Streaming, Play Integrity und früher SafetyNet bei Android, verriegelte Bootloader bei Telefonen, die Secure Enclave bei Apple, Attestierung bei Spielkonsolen. Der TPM wurde stattdessen ein langweiliger Schlüsselspeicher.

Ein Teil der Angst hat sich dann doch erfüllt, nur in anderer Form. Windows 11 macht TPM 2.0 zur harten Voraussetzung, und damit gilt funktionierende Hardware plötzlich als nicht unterstützt. Das ist keine DRM-Geschichte, sondern eine Elektroschrott- und Lebensdauer-Geschichte. Der Mechanismus ist aber derselbe: eine Hardware-Eigenschaft entscheidet, was auf dem Gerät laufen darf.

Und dann kam der Kreis zurück. 2023 schlugen Chrome-Entwickler bei Google die Web Environment Integrity API vor. Der Browser sollte sich von einer Vertrauensinstanz einen Nachweis über seine Umgebung ausstellen lassen, den Webseiten dann prüfen können. Das ist praktisch Wort für Wort das Szenario, vor dem Anderson zwanzig Jahre früher gewarnt hatte, nur ohne TPM. Nach massivem Widerstand zog Google den Vorschlag im November 2023 für Chromium auf dem Desktop zurück.

Hat die Patentanmeldung von damals also geholfen?

Das ist die Frage, mit der ich in die Recherche gegangen bin, und die Antwort ist zweiteilig. Die defensive Patentanmeldung hat, soweit öffentlich nachvollziehbar, nichts bewirkt. Es gibt kein erteiltes Patent, das man heute als den Grund benennen könnte, warum TCPA-DRM nicht kam. Der Gegenzug war eine wirksame Geste, aber kein wirksames Rechtsmittel. Gewirkt hat etwas anderes: erstens die Wirtschaftlichkeit, weil die Softwarehersteller nicht umschreiben wollten und es damit kein Produkt gab, zweitens die Öffnung der Spezifikation und die ISO-Standardisierung, die den Nachbau erlaubten.

Der zweite Teil verdient Anerkennung. Die Kampagne selbst hat gewirkt, nur nicht juristisch, sondern politisch. Der Lärm um TCPA hat plausibel dazu beigetragen, dass die TCG die Spezifikation öffnete, die aggressivsten Ideen fallen ließ und dass Fernattestierung zwanzig Jahre lang aus dem Consumer-Web draußen blieb. Als der Versuch 2023 mit Web Environment Integrity wiederkam, war das Muster des Widerstands eingeübt und der Vorschlag nach Monaten weg. Wichtig dabei: das ist meine Deutung. Die Kausalkette von der Kampagne 2002 zur offenen Spezifikation 2014 ist nirgends dokumentiert, das ist ein Plausibilitätsargument und keine Messung.

Bleibt der Eindruck: die Angst war berechtigt und falsch adressiert. Berechtigt, weil die Mechanik der Fernattestierung tatsächlich genau das kann, was befürchtet wurde. Falsch adressiert, weil der TPM davon der harmloseste Teil war und am Ende zu dem wurde, was jetzt kommt. Ein langsamer, sturer kleiner Chip, der Schlüssel nicht herausgibt.

Erst suchen, ganz ohne TPM-Werkzeug

Bevor ihr irgendetwas installiert: der Kernel weiß längst, ob da ein Chip sitzt. Er sagt es beim Start.

# dmesg | grep -i tpm
[    0.000000] efi: ACPI=0x7990e000 ACPI 2.0=0x7990e014 TPMFinalLog=0x713bb000 SMBIOS=0x7035e000 SMBIOS 3.0=0x7035b000 ESRT=0x70358c98 MEMATTR=0x5f5c2018 MOKvar=0x70323000 INITRD=0x592eda98 RNG=0x798ce018 TPMEventLog=0x798c0018
[    0.010528] ACPI: SSDT 0x0000000079905000 000554 (v01 INTEL  Tpm2Tabl 00001000 INTL 20160422)
[    0.010531] ACPI: TPM2 0x0000000079904000 000034 (v04 FUJ    PC       01170000 FUJ  00000001)
[    0.010607] ACPI: Reserving TPM2 table memory at [mem 0x79904000-0x79904033]
[    0.569145] tpm_tis MSFT0101:00: 2.0 TPM (device-id 0x1B, rev-id 16)

Drei Dinge stehen da drin. In der ersten Zeile übergibt UEFI die Adresse des Event-Logs, TPMEventLog=0x798c0018, also der Liste aller Messungen aus dem Startvorgang. Dann die ACPI-Tabelle TPM2, über die die Firmware mitteilt, wo und wie der Chip ansprechbar ist. Und in der letzten Zeile das Ergebnis: der Treiber tpm_tis hat unter der ACPI-Kennung MSFT0101 ein TPM der Version 2.0 gefunden.

Danach existieren zwei Gerätedateien, und der Unterschied zwischen ihnen ist wichtig.

# ls -la /dev/tpm*
crw-rw---- 1 tss root  10,   224 Aug 10 09:31 /dev/tpm0
crw-rw---- 1 tss tss  252, 65536 Aug 10 09:31 /dev/tpmrm0

/dev/tpm0 ist der rohe Zugang zum Chip. Daran kann genau ein Prozess gleichzeitig arbeiten, und wer die Ressourcen im Chip verwaltet, ist selbst dafür verantwortlich. /dev/tpmrm0 geht über den Resource Manager im Kernel, der das Ein- und Auslagern der Schlüssel-Kontexte übernimmt und mehrere Nutzer nebeneinander erlaubt. In der Praxis nimmt man immer /dev/tpmrm0, und die tpm2-tools tun das von sich aus.

Die Version steht ebenfalls im sysfs, und die solltet ihr prüfen, bevor ihr weiterlest.

# ls /sys/class/tpm/tpm0/
dev  device  pcr-sha1  pcr-sha256  power  ppi  subsystem  tpm_version_major  uevent

# cat /sys/class/tpm/tpm0/tpm_version_major
2

Eine 2 heißt TPM 2.0 und alles in diesem Beitrag gilt. Eine 1 heißt TPM 1.2, und dann gilt fast nichts davon, weil es ein anderer Standard mit einem anderen Software-Stack ist. Nebenbei verrät das Verzeichnis noch etwas: es gibt eine pcr-sha1– und eine pcr-sha256-Bank, der Chip führt die Messregister also in zwei Hash-Verfahren parallel.

Und weil der Kernel das ohnehin bereitstellt, kommt hier der erste kleine Aha-Moment, noch ganz ohne installiertes Paket. Die Messwerte des Startvorgangs liegen als Dateien herum.

# cat /sys/class/tpm/tpm0/pcr-sha256/0
7DE4ABE4ED8D8291D9B58D71F3B2988F5DA81EBE58D4AE518012E877FA1E04F1
# cat /sys/class/tpm/tpm0/pcr-sha256/1
41CBF90AFF5CEEFAA9E9C52E7A3D5B4C8518EA65861C753AF8DB005C5330F53F
# cat /sys/class/tpm/tpm0/pcr-sha256/7
F5841722D3DCC8886F14E92CA2D7304932CF17E2247A85D3B7BB41FE2C02CB4E

Das sind drei der Platform Configuration Register, kurz PCR. Merkt euch den Wert von PCR 7, der taucht später mehrfach auf.

Die Falle mit lsmod

Das ist eine häufige Fehldiagnose, deshalb steht sie hier als eigener Punkt. Auf meinem Testsystem liefert lsmod | grep tpm nämlich schlicht nichts. Kein Modul, keine Ausgabe. Der Chip arbeitet trotzdem einwandfrei, weil tpm_tis in diesen Kernel fest eingebaut ist und deshalb in der Modulliste gar nicht erscheinen kann. Wer nach lsmod urteilt, hält ein funktionierendes TPM für abwesend. Fragt stattdessen nach der Treiberbindung.

# ls -l /sys/class/tpm/tpm0/device/driver
lrwxrwxrwx 1 root root 0 Aug 10 09:31 /sys/class/tpm/tpm0/device/driver -> ../../../bus/platform/drivers/tpm_tis

# cat /sys/class/tpm/tpm0/device/modalias
acpi:MSFT0101:MSFT0101:

Der Symlink zeigt, welcher Treiber das Gerät tatsächlich bedient. Das ist die Antwort auf die Frage, die lsmod nicht beantworten kann.

Wenn nichts auftaucht

Bleibt dmesg stumm und existiert kein /dev/tpm0, dann gibt es drei realistische Ursachen, in dieser Reihenfolge.

  • Im Firmware-Setup abgeschaltet. Die Option heißt je nach Hersteller „Security Device Support“, „TPM State“, „Trusted Computing“, „PTT“ oder „fTPM“. Wo diese Menüs bei einem Serverboard liegen und wie man sich dort zurechtfindet, habe ich in der BIOS-Serie ausführlich aufgeschrieben.
  • Physisch nicht vorhanden. Bei Server-Boards ist der TPM oft ein steckbares Modul auf einem eigenen Header, bei Supermicro etwa die AOM-TPM-Module auf dem Anschluss JTPM1. Wer ihn nicht mitbestellt hat, hat einen leeren Steckplatz. Bei Notebooks ist der Chip dagegen fast immer verlötet.
  • Vorhanden, aber als fTPM in der CPU statt als eigener Chip. Woran man das unterscheidet, steht weiter unten, und man liest es an einer einzigen Zeile ab.

Zwei Details aus dem Firmware-Setup, die hier gut passen. Erstens sind SHA-1-Bank und SHA-256-Bank oft getrennt schaltbar. Dass mein Testgerät beide Banks führt, ist also keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Einstellung. Zweitens steht in demselben Menü meist ein TPM Clear. Finger weg, solange ihr nicht genau wisst, was daran hängt. Ein Clear wirft die Hierarchien im Chip weg, und damit ist alles, was gegen diesen Chip versiegelt war, unwiederbringlich verloren. Auch der BitLocker-Schlüssel eines parallel installierten Windows.

Die Schichten, bevor das erste Paket installiert wird

Es hilft, den Stack einmal von unten nach oben gesehen zu haben. Sonst installiert man ein Paket und wundert sich später, welche der vielen Bibliotheken wofür zuständig ist.

Schichtmodell vom Infineon SLB 9670 über den Kerneltreiber tpm_tis und die Gerätedateien bis zu tpm2-tools, tpm2-openssl und tpm2-pkcs11
Der Weg eines Kommandos vom Werkzeug bis in den Chip. Über /dev/tpm0 arbeitet genau ein Prozess, über /dev/tpmrm0 mehrere.

Ganz unten der Chip, darüber der Kerneltreiber, darüber die beiden Gerätedateien. Erst dann kommt Userspace: die TCTI-Schicht kümmert sich um den Transport zur Gerätedatei, die ESAPI-Schicht um Kommandos, Sessions und HMAC-Absicherung. Ganz oben die drei Werkzeuge, die man tatsächlich in die Hand nimmt. Für die Pflichtausstattung reichen zwei Pakete.

PaketWofür
tpm2-toolsdie tpm2_*-Kommandozeile, alles in diesem Beitrag läuft darüber
libtss2-*der TSS2-Stack darunter, meist schon über systemd installiert

Dazu zwei optionale, die ich beide benutze, weil sie den Chip an Software anschließen, die von TPM nichts wissen muss.

PaketWofür
tpm2-opensslProvider für OpenSSL 3, Schlüssel im Chip über die gewohnten openssl-Aufrufe
libtpm2-pkcs11-1 und libtpm2-pkcs11-toolsPKCS#11-Schnittstelle, damit SSH und Browser den Chip nutzen können

Und zwei, die ich ausdrücklich nicht installiere.

PaketWarum nicht
tpm2-abrmdResource Manager im Userspace mit D-Bus-Schnittstelle. Seit Linux 4.12 macht der Kernel das über /dev/tpmrm0 selbst. Das Projekt ist nicht tot, es wird weiter gepflegt und ist für Simulatoren, Tests und manche Integrationen nach wie vor sinnvoll. Beides parallel zu betreiben führt aber zu Konflikten, deshalb hier bewusst nur der Kernel-Weg.
clevis, clevis-tpm2binden ausschließlich LUKS2-Header. Ohne LUKS nutzlos, und auf diesem Gerät gibt es kein LUKS.
# apt-get install -y tpm2-tools tpm2-openssl libtpm2-pkcs11-1 libtpm2-pkcs11-tools

Auf meinem Mint 22.3 sind damit tpm2-tools 5.6, tpm2-openssl 1.2.0 und tpm2-pkcs11 1.9.0 gelandet. Der TSS2-Stack war schon da, den bringt systemd mit. Auf Fedora und RHEL heißt das Hauptpaket ebenfalls tpm2-tools, dazu tpm2-tss, unter Arch genauso tpm2-tools mit tpm2-tss als Abhängigkeit.

Eine Kleinigkeit, über die jeder beim ersten Mal stolpert: /dev/tpmrm0 gehört tss:tss. Entweder arbeitet ihr mit sudo, oder ihr nehmt euren Benutzer in die Gruppe tss auf. Die Rechte in der Ausgabe von ls -la /dev/tpm* weiter oben sagen genau das, crw-rw---- und keine Rechte für alle anderen.

Spricht der Chip?

Es gibt drei Stufen, aufsteigend im Aussagewert. Die erste ist der Lebenstest.

# tpm2_getrandom --hex 16

Kommen 16 Bytes zurück, dann funktioniert die ganze Kette von der Bibliothek über die Gerätedatei bis in die Hardware. Der Zufall kommt dabei wirklich aus dem Chip, und er ist gemächlich, dazu unten die Zahlen. Stufe zwei ist tpm2_getcap properties-fixed, da sagt der Chip, wer er ist. Stufe drei ist tpm2_getcap properties-variable, da sagt er, in welchem Zustand er ist. Beide sind gleich interessant, nur aus unterschiedlichen Gründen.

Wer ist dieser Chip

# tpm2_getcap properties-fixed
TPM2_PT_FAMILY_INDICATOR:
  raw: 0x322E3000
  value: "2.0"
TPM2_PT_LEVEL:
  raw: 0
TPM2_PT_REVISION:
  raw: 0x74
  value: 1.16
TPM2_PT_DAY_OF_YEAR:
  raw: 0x109
TPM2_PT_YEAR:
  raw: 0x7E0
TPM2_PT_MANUFACTURER:
  raw: 0x49465800
  value: "IFX"
TPM2_PT_VENDOR_STRING_1:
  raw: 0x534C4239
  value: "SLB9"
TPM2_PT_VENDOR_STRING_2:
  raw: 0x36373000
  value: "670"
TPM2_PT_VENDOR_TPM_TYPE:
  raw: 0x0
TPM2_PT_FIRMWARE_VERSION_1:
  raw: 0x7003F
TPM2_PT_FIRMWARE_VERSION_2:
  raw: 0xD1900
TPM2_PT_INPUT_BUFFER:
  raw: 0x400
TPM2_PT_HR_TRANSIENT_MIN:
  raw: 0x3
TPM2_PT_HR_PERSISTENT_MIN:
  raw: 0x7
TPM2_PT_ACTIVE_SESSIONS_MAX:
  raw: 0x40
TPM2_PT_PCR_COUNT:
  raw: 0x18
TPM2_PT_NV_COUNTERS_MAX:
  raw: 0x8
TPM2_PT_NV_INDEX_MAX:
  raw: 0x680

Rohe Hex-Werte, die plötzlich Sinn ergeben, wenn man sie einmal übersetzt. Das ist einer meiner Lieblingsmomente an dem ganzen Thema.

  • TPM2_PT_MANUFACTURER: 0x49465800 ist ASCII IFX, also Infineon.
  • VENDOR_STRING_1 und _2 ergeben zusammengesetzt SLB9 und 670, also ein Infineon OPTIGA SLB 9670.
  • TPM2_PT_REVISION: 0x74 ist Spezifikations-Revision 1.16, datiert auf Tag 265 des Jahres 2016.
  • FIRMWARE_VERSION_1: 0x7003F ist Firmware 7.63.
  • TPM2_PT_PCR_COUNT: 0x18 sind 24 PCRs.
  • TPM2_PT_HR_PERSISTENT_MIN: 0x7 heißt, dass nur sieben persistente Schlüsselplätze garantiert sind. Diese Zahl wird später richtig wichtig.
  • TPM2_PT_NV_COUNTERS_MAX: 0x8 sind genau acht monotone Zähler.

Und dann TPM2_PT_NV_INDEX_MAX: 0x680, also 1664. Hier lauert eine Fehldeutung, die in vielen Texten steht: das ist nicht der gesamte NV-Speicher des Chips, sondern die maximale Größe eines einzelnen NV-Index-Datenbereichs. Wie viel NV insgesamt frei ist, sagt diese Eigenschaft überhaupt nicht. Das steht im Datenblatt des Herstellers und liegt bei diesem Chip im Bereich einiger Kilobyte. Ich habe es nicht ermittelt, also behaupte ich hier auch keine Gesamtgröße.

Diskreter Chip oder fTPM in der CPU

Diese Unterscheidung ist keine Nebensächlichkeit, und man liest sie direkt am Hersteller-String ab.

Hersteller-StringWas es ist
IFX, NTC, STM, IBMdiskreter Chip auf dem Board oder auf einem Steckmodul
INTCIntel Platform Trust Technology, läuft in der Management Engine
AMDAMD fTPM, läuft im Platform Security Processor

Ein diskreter Chip hängt an einem physischen Bus, den man anzapfen kann. Ein fTPM hat diesen Bus nicht, dafür hat er andere Probleme. Beides kommt im Angriffs-Abschnitt zurück.

Für mein Testsystem ist die Sache klar: IFX, also ein diskreter Infineon SLB 9670. Aus Linux-Sicht hängt er als memory-mapped TIS an der ACPI-Kennung MSFT0101 und wird von tpm_tis bedient. Ob die physische Leitung dahinter LPC oder SPI ist, lässt sich aus dem Betriebssystem allein nicht entscheiden, weil der PCH einen SPI-TPM auch als MMIO-TIS durchreichen kann. Das ist also plausibel, aber nicht gemessen. Die einzige echte Antwort wäre ein Foto vom offenen Gerät, und dafür müsste das Notebook auseinander.

32 Fehlversuche, und deshalb reicht eine kurze PIN

Jetzt der Zustand, und das ist der wichtigste einzelne Abschnitt des ganzen Beitrags, weil er später alles trägt.

# tpm2_getcap properties-variable
TPM2_PT_PERMANENT:
  ownerAuthSet:              0
  endorsementAuthSet:        0
TPM2_PT_STARTUP_CLEAR:
  phEnable:                  1
  shEnable:                  1
TPM2_PT_LOCKOUT_COUNTER: 0x0
TPM2_PT_MAX_AUTH_FAIL: 0x20
TPM2_PT_LOCKOUT_INTERVAL: 0x1C20
TPM2_PT_LOCKOUT_RECOVERY: 0x15180

Diese drei Werte werden fast immer verwechselt, also einmal sauber.

  • MAX_AUTH_FAIL: 0x20 sind 32 fehlgeschlagene Authentifizierungsversuche, danach sperrt der Chip.
  • LOCKOUT_INTERVAL: 0x1C20 sind 7200 Sekunden, also 2 Stunden. Nach dieser Zeit wird der Fehlerzähler um genau eins verringert.
  • LOCKOUT_RECOVERY: 0x15180 sind 86400 Sekunden, also 24 Stunden. Das ist aber nicht die Erholung des normalen Zählers, sondern die Wartezeit, bevor nach einem fehlgeschlagenen Versuch mit lockoutAuth erneut mit lockoutAuth gearbeitet werden darf.

Einmal vorgerechnet, weil die Zahlen so viel deutlicher sind: ein einzelner Fehlversuch altert nach 2 Stunden aus. Von 32 verbrauchten Versuchen zurück auf null dauert also 64 Stunden und nicht 24.

Und das ist der eigentliche Mehrwert des ganzen Bauteils. Der Chip zählt Fehlversuche und sperrt. Deshalb reicht bei einem TPM eine sechsstellige PIN, wo ein Passwort-Hash auf der Platte eine Passphrase mit hoher Entropie bräuchte. Wer die Platte hat, probiert Millionen Passphrasen pro Sekunde durch. Wer vor dem TPM sitzt, bekommt 32 Versuche und darf dann zwei Stunden warten, um einen einzigen zurückzubekommen. Die Stärke kommt nicht aus dem Geheimnis, sie kommt aus der Hardware, die das Raten unterbindet. Fast jeder Text über TPM lässt diesen Punkt weg, und dann klingt die kurze PIN nach Leichtsinn.

Das Geburtszertifikat des Chips

Jetzt kommt der Teil, den ich in keinem der üblichen TPM-Howtos gesehen habe. In dem Chip liegt ab Werk ein Zertifikat, ausgestellt vom Hersteller auf den Endorsement Key. Erst die Liste der belegten NV-Indizes, dann das Zertifikat selbst.

# tpm2_getcap handles-nv-index
- 0x1410001
- 0x1410002
- 0x1410003
- 0x1800100
- 0x1810008
- 0x1820002
- 0x1880001
- 0x1880011
- 0x1C00002
- 0x1C0000A
- 0x1C10102
- 0x1C10103
- 0x1C10104
- 0x1C10105

# tpm2_nvreadpublic 0x1C00002
0x1c00002:
  name: 000bcfecbb34d24d7356b39b8a0fb0c82c7b052a0335fc8ca2fa602cf1395e5ff804
  hash algorithm:
    friendly: sha256
    value: 0xB
  attributes:
    friendly: ppwrite|writedefine|ppread|ownerread|authread|no_da|written|platformcreate
    value: 0x62072001
  size: 1184

0x1C00002 ist der TCG-Standardindex für das RSA-EK-Zertifikat, 0x1C0000A derselbe für ECC. 1184 Bytes, das passt zu einem X.509-Zertifikat. Also raus damit und mit gewohnten Werkzeugen anschauen.

# tpm2_nvread 0x1C00002 -o ek_rsa.der
WARN: Reading full size of the NV index

# openssl x509 -inform der -in ek_rsa.der -noout -subject -issuer -dates
subject=
issuer=C = DE, O = Infineon Technologies AG, OU = OPTIGA(TM) TPM2.0, CN = Infineon OPTIGA(TM) RSA Manufacturing CA 035
notBefore=Aug 21 14:09:40 2019 GMT
notAfter=Aug 21 14:09:40 2034 GMT

Zwei Dinge fallen sofort auf. Der Aussteller ist eine echte Hersteller-CA, „Infineon OPTIGA(TM) RSA Manufacturing CA 035“, und Infineon hat diesen Chip am 21. August 2019 signiert. Und der Subject ist leer. Ein TPM hat keinen Namen. Die Identität steckt woanders, nämlich in den Erweiterungen.

# openssl x509 -inform der -in ek_rsa.der -noout -text
            X509v3 Key Usage: critical
                Key Encipherment
            X509v3 Subject Alternative Name: critical
                DirName:/2.23.133.2.1=id:49465800/2.23.133.2.2=SLB 9670 TPM2.0/2.23.133.2.3=id:073f
            X509v3 Basic Constraints: critical
                CA:FALSE
            X509v3 CRL Distribution Points:
                Full Name:
                  URI:http://pki.infineon.com/OptigaRsaMfrCA035/OptigaRsaMfrCA035.crl
            X509v3 Certificate Policies:
                Policy: 1.2.276.0.68.1.20.1
            X509v3 Extended Key Usage:
                2.23.133.8.1

Der Subject Alternative Name trägt drei TCG-OIDs, und die decken sich exakt mit dem, was der Chip vorher selbst über sich gesagt hat. 2.23.133.2.1 ist der Hersteller, id:49465800, also wieder IFX. 2.23.133.2.2 ist das Modell, SLB 9670 TPM2.0. 2.23.133.2.3 ist die Firmware, id:073f, was genau die 7.63 von oben bestätigt. Die Extended Key Usage 2.23.133.8.1 ist tcg-kp-EKCertificate, dieses Zertifikat darf also nichts anderes sein als der Nachweis eines Endorsement Keys. Und Infineon veröffentlicht dazu eine Sperrliste.

Was ich hier bewusst weglasse, sind die Zertifikats-Seriennummer und der öffentliche EK-Schlüssel. Beide kennzeichnen dauerhaft und eindeutig genau dieses eine Notebook, und die TCG behandelt den EK aus genau diesem Grund als datenschutzrelevant. Damit erklärt sich beiläufig, warum es überhaupt Attestierungsschlüssel gibt: damit man für eine Attestierung nicht jedes Mal die dauerhafte Chip-Identität vorzeigen muss.

Das hier ist die Wurzel, auf der Fernattestierung aufsetzt. Ein Prüfer kann feststellen, dass in dieser Maschine ein echter, von Infineon signierter TPM sitzt, ohne dem Betriebssystem eine einzige Zeile zu glauben. Genau formuliert beweist das Zertifikat aber nur die Echtheit des Chips. Dass ein bestimmter Attestierungsschlüssel wirklich in diesem Chip liegt, ist ein zusätzlicher Schritt, und den nehme ich mir im Server-Teil vor.

Drei Dinge, alles andere ist Kombination

Bevor irgendein Anwendungsfall kommt: ein TPM bietet im Kern nur drei Dinge an. Alles, was danach als Feature verkauft wird, ist eine Kombination daraus.

  • Schlüssel, die nicht herauskommen. Ein Schlüssel mit dem Attribut fixedTPM wird im Chip erzeugt und verlässt ihn nie. Man kann ihn benutzen, man kann ihn nicht kopieren.
  • PCRs, Register die nur wachsen. 24 Register, hier mit SHA-1- und SHA-256-Bank. Man kann sie nicht setzen, nur erweitern, und die Rechenvorschrift dafür ist neu = hash(alt || messwert). Bei den Registern, auf die es ankommt, nämlich PCR 0 bis 15 auf einer PC-Client-Plattform, geht es nur über einen Neustart zurück. Deshalb kann man die Boot-Historie nicht nachträglich fälschen. Zwei Ausnahmen gehören dazu, sonst wird es ungenau: PCR 16 und PCR 23 sind zur Laufzeit zurücksetzbar. PCR 16 ist ausdrücklich als Debug-Register vorgesehen, und genau deshalb benutze ich es weiter unten für die Demonstration. Gegen ein zurücksetzbares PCR versiegelt niemand etwas Echtes.
  • Sealing, Geheimnisse an einen Zustand binden. Ein Geheimnis wird so verschlüsselt, dass der Chip es nur herausgibt, wenn eine Policy erfüllt ist, typischerweise ein bestimmter PCR-Zustand.

Dazu kommen als Nebenfunktionen die schon erwähnten monotonen Zähler, ein winziger NV-Speicher, ein Zufallszahlengenerator und die Lockout-Logik von oben.

Und weil es das häufigste Missverständnis überhaupt ist, gleich früh und deutlich: ein TPM ist kein Krypto-Beschleuniger, keine Secure Enclave mit eigener Rechenumgebung und kein Schutz gegen einen kompromittierten laufenden Kernel. Er schützt Schlüssel im Ruhezustand und er misst den Startvorgang. Wenn der laufende Kernel übernommen ist, benutzt der Angreifer den TPM einfach mit, ganz höflich über dieselbe Schnittstelle.

Measured Boot in acht Befehlen

Genug Theorie, jetzt der Beweis. Ich baue eine Policy aus dem aktuellen Zustand von PCR 7, erzeuge einen Primary Key im Chip und versiegle damit ein Geheimnis.

# tpm2_startauthsession -S session.ctx
# tpm2_policypcr -S session.ctx -l sha256:7 -L pcr7.policy
76a916a90c7c0906a930cd5cd3e501cb43007331a8b7444222d8aa4c5475f53f
# tpm2_flushcontext session.ctx

Der Hash ist die Policy, und er hängt am Inhalt von PCR 7. Dann der Schlüssel, und ich messe gleich mit, weil die Zahl später noch gebraucht wird.

# time tpm2_createprimary -C o -g sha256 -G ecc256 -c primary.ctx
  value: aes
  raw: 0x6
sym-mode:
  value: cfb
  raw: 0x43
sym-keybits: 128
x: 2be770ed8755bf6f454cb1fea18ba722526d1ee3e9080ab94edda0480b73529d
y: af840b9c69dcac45c9aa3a04085ced5c750bfef5e70c470e4481592ff3026dc7

real	0m0.537s
# echo -n "geheim-nur-bei-diesem-boot" > secret.txt
# tpm2_create -C primary.ctx -g sha256 -u seal.pub -r seal.priv -L pcr7.policy -i secret.txt
keyedhash: ef1dc0bffd0d7529a6d0b44f79bdd14fb8829995c998ffb14d88936f82d3e9f3
authorization policy: 76a916a90c7c0906a930cd5cd3e501cb43007331a8b7444222d8aa4c5475f53f

# tpm2_load -C primary.ctx -u seal.pub -r seal.priv -c seal.ctx
name: 000b50ac9b197a947de6d2ff47d9d80748d4fa1453754bee5f3a8627e307cf8c84fd

# tpm2_startauthsession --policy-session -S s.ctx
# tpm2_policypcr -S s.ctx -l sha256:7
# tpm2_unseal -p session:s.ctx -c seal.ctx
geheim-nur-bei-diesem-boot

Das Geheimnis kommt zurück, weil PCR 7 noch genau den Wert hat, gegen den versiegelt wurde. Schön, beweist aber noch nichts. Interessant wird es erst, wenn sich die Messung ändert.

Dafür wechsle ich auf PCR 16, das Debug-Register. Der Grund ist praktisch: PCR 16 lässt sich ohne Neustart und ohne Firmware-Änderung erweitern, damit ist die Demonstration in einer einzigen Terminal-Sitzung reproduzierbar. Der Mechanismus ist derselbe wie bei PCR 7.

# tpm2_pcrread sha256:16
  sha256:
    16: 0x0000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000

# tpm2_startauthsession -S t.ctx
# tpm2_policypcr -S t.ctx -l sha256:16 -L pcr16.policy
# tpm2_flushcontext t.ctx
# echo -n "unlock-key-material" > s16.txt
# tpm2_create -C primary.ctx -g sha256 -u s16.pub -r s16.priv -L pcr16.policy -i s16.txt
# tpm2_load -C primary.ctx -u s16.pub -r s16.priv -c s16.ctx
# tpm2_startauthsession --policy-session -S p.ctx
# tpm2_policypcr -S p.ctx -l sha256:16
# tpm2_unseal -p session:p.ctx -c s16.ctx
unlock-key-material
# tpm2_flushcontext p.ctx

Und jetzt ändere ich die Messung. Das folgende Kommando ist genau das, was ein ausgetauschter Bootloader auch täte, nur mit einem selbstgewählten Messwert.

# tpm2_pcrextend 16:sha256=$(echo -n "boese-veraenderung" | sha256sum | cut -d" " -f1)
# tpm2_pcrread sha256:16
  sha256:
    16: 0xC6FE6738E4DDC92E1C8E18E290469CCB6B6D305BC1295C4F72B85D0922C25930

Derselbe Unseal-Aufruf wie zwei Blöcke vorher, Zeichen für Zeichen identisch:

# tpm2_startauthsession --policy-session -S p2.ctx
# tpm2_policypcr -S p2.ctx -l sha256:16
# tpm2_unseal -p session:p2.ctx -c s16.ctx
WARNING:esys:src/tss2-esys/api/Esys_Unseal.c:295:Esys_Unseal_Finish() Received TPM Error
ERROR:esys:src/tss2-esys/api/Esys_Unseal.c:98:Esys_Unseal() Esys Finish ErrorCode (0x0000099d)
ERROR: Esys_Unseal(0x99D) - tpm:session(1):a policy check failed
ERROR: Unable to run tpm2_unseal
exit=1

0x99D ist TPM_RC_POLICY_FAIL. Das Geheimnis liegt noch im Blob, es ist nicht gelöscht, es ist nur unerreichbar, solange PCR 16 diesen Wert trägt. Und jetzt der Punkt, auf den es mir ankommt: das ist keine Zugriffskontrolle im Betriebssystem. Da hat kein Dateisystem eine Berechtigung geprüft und kein Dienst eine Regel angewendet. Das ist eine Weigerung der Hardware. Sudo hilft hier nicht, weil root für diese Entscheidung überhaupt nicht zuständig ist.

Firmware, Bootloader und Kernel messen in PCR 7, PCR 4 und PCR 11, daraus entsteht die Policy, die beim Entsiegeln entweder aufgeht oder mit 0x99D scheitert
Wer was misst, und was am Ende über das Entsiegeln entscheidet.

Und wenn ich das Register einfach zurücksetze?

Das ist die Frage, die jeder aufmerksame Leser an dieser Stelle stellt, und sie ist völlig berechtigt. Bei PCR 16 geht das tatsächlich, ohne Neustart.

# tpm2_pcrread sha256:16
  sha256:
    16: 0xC6FE6738E4DDC92E1C8E18E290469CCB6B6D305BC1295C4F72B85D0922C25930
# tpm2_pcrreset 16
# echo $?
0
# tpm2_pcrread sha256:16
  sha256:
    16: 0x0000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000000

Dasselbe Kommando gegen PCR 7 lehnt die Hardware ab.

# tpm2_pcrreset 7
ERROR: Esys_PCR_Reset(0x907) - tpm:warn(2.0): bad locality
ERROR: Could not reset PCR index: 7
ERROR: Unable to run tpm2_pcrreset

0x907 ist TPM_RC_LOCALITY. Der Chip unterscheidet, aus welcher Vertrauensstufe ein Kommando kommt, und root auf dem laufenden System hat die Locality, die zum Zurücksetzen eines Boot-Mess-Registers nötig wäre, gar nicht. Das ist der ganze Unterschied zwischen einem Debug-Register und einem Boot-Mess-Register, ausgedrückt in einer Fehlermeldung.

Terminalausgabe: tpm2_pcrreset 16 setzt das Register auf Null zurück, tpm2_pcrreset 7 scheitert mit 0x907 bad locality
PCR 16 lässt sich zurücksetzen, PCR 7 nicht. Root ändert daran nichts.

Die Platte startet ohne Passphrase, aber nur mit PIN

Der Klassiker am Arbeitsplatz ist LUKS2 zusammen mit systemd-cryptenroll. Der Nutzen ist echt: das Notebook startet ohne Eingabe, und ein ausgebautes Laufwerk bleibt trotzdem verschlüsselt.

# systemd-cryptenroll --tpm2-device=auto --tpm2-pcrs=7 --tpm2-with-pin=yes /dev/nvme0n1pX

Ehrlichkeit an dieser Stelle: dieses Kommando habe ich nicht ausgeführt, und ich konnte es auch nicht. Die Maschine hat gar kein LUKS, die Wurzel liegt auf ZFS mit der ZFS-eigenen Verschlüsselung, aes-256-gcm. Der Befehl steht hier also als dokumentiertes Verfahren nach Manpage und nicht als Messung.

Das Wichtigste daran ist das --tpm2-with-pin=yes. Ohne PIN entsperrt sich das Gerät für jeden, der es einschaltet, und die Festplattenverschlüsselung schützt dann nur noch gegen den Ausbau der SSD, nicht gegen den Diebstahl des Rechners. Mit PIN greift die Lockout-Logik von weiter oben, und genau dadurch wird eine kurze PIN sicher.

Bei der Auswahl der PCRs gibt es dann einen echten Zielkonflikt, der meist verschwiegen wird.

  • Nur PCR 7 gebunden übersteht Kernel-Updates, misst aber im Kern nur den Secure-Boot-Zustand. Das ist wenig Aussage für viel Bequemlichkeit.
  • PCR 7 plus 11 gebunden, zusammen mit einem Unified Kernel Image, erfasst tatsächlich Kernel und initrd. Dafür bricht jedes Kernel-Update die Bindung, wenn man nicht mit signierter Policy arbeitet. Eine wichtige Präzisierung dazu, sonst erklärt man die Folgen falsch: PCR 11 ist kein reines Kernel-Register. systemd-stub misst dort das UKI hinein, danach schreibt systemd-pcrphase im Verlauf des Startvorgangs weitere Phasen-Messungen in dasselbe Register. Der Wert von PCR 11 hängt also davon ab, in welcher Boot-Phase man ihn liest, und genau darauf beruht der Trick, dass ein Geheimnis nur im initrd aufgeht und im laufenden System nicht mehr.
  • PCR 0 bis 7 gebunden ist die strengste Variante, und dann sperrt euch jedes BIOS-Update aus. Das ist der Grund, warum es systemd-pcrlock gibt, das die erwarteten Messwerte vorab berechnet und die Policy nachzieht. Dieselbe Manpage bezeichnet sich allerdings selbst noch als experimentell.

Wer welches Register wofür benutzt, hat die UAPI Group in einer PCR-Registry für Linux zusammengetragen. Das ist die Tabelle, die man beim Basteln offen haben will.

Eine Lücke betrifft ziemlich viele Linux-Nutzer, deshalb sage ich sie deutlich: systemd-cryptenroll und clevis luks bind schreiben beide in einen LUKS2-Header. Wer seine Wurzel auf ZFS-Native-Encryption hat, hat keinen. Upstream-ZFS bringt keine TPM-Integration mit. Ein TPM-gestütztes Entsperren bräuchte dort ein eigenes tpm2_unseal, das zfs load-key füttert, gebaut ins initramfs. Das ist eine echte offene Baustelle und kein Rezept, das ich hier nebenbei hinschreibe.

Ein SSH-Schlüssel, der keine Datei hat

Das ist mein Lieblings-Anwendungsfall am Arbeitsplatz, weil der Nutzen in einem Satz erklärt ist. Ein Angreifer mit Lesezugriff auf ~/.ssh bekommt nichts Verwendbares. Der Schlüssel kann die Maschine nicht verlassen. Er ist nicht gestohlen, er ist an das Blech gebunden.

# export TPM2_PKCS11_STORE=/root/tpm-demo/pkcs11store
# mkdir -p $TPM2_PKCS11_STORE
# tpm2_ptool init --path=$TPM2_PKCS11_STORE
action: Created
id: 1

# tpm2_ptool addtoken --pid=1 --label=ssh --sopin=sopin123 --userpin=userpin123 --path=$TPM2_PKCS11_STORE
# tpm2_ptool addkey --algorithm=ecc256 --label=ssh --userpin=userpin123 --path=$TPM2_PKCS11_STORE
public:
  CKA_ID: '63316131396137363763316531666439'

Die CKA_ID wird pro Schlüssel erzeugt, bei euch steht dort etwas anderes. Den öffentlichen Teil holt man sich in einem Format, das sshd versteht, direkt über den PKCS#11-Provider.

# ssh-keygen -D /usr/lib/x86_64-linux-gnu/pkcs11/libtpm2_pkcs11.so
ecdsa-sha2-nistp256 AAAAE2VjZHNhLXNoYTItbmlzdHAyNTYAAAAIbmlzdHAyNTYAAABBBO+enW3ZwHsSq8vHLKliloTMR/fpDgWPfti+UQuad0YA8rIXGE8Q9adJqjO6PmZO1DCavBiJgttOE24qrO6BX/0=

Diese Zeile wandert wie gewohnt in authorized_keys. Und damit der Nachweis auch etwas wert ist, zeige ich ihn als Vorher und Nachher. Auf dieser Maschine liegt in /root/.ssh nämlich kein einziger privater Schlüssel, es gibt also keine zweite Erklärung für einen erfolgreichen Public-Key-Login.

# ls /root/.ssh/id_*
ls: cannot access '/root/.ssh/id_*': No such file or directory

# ssh -o BatchMode=yes root@localhost true
root@localhost: Permission denied (publickey,password).

Derselbe Login, nur mit dem Provider dazu:

# ssh -o PKCS11Provider=/usr/lib/x86_64-linux-gnu/pkcs11/libtpm2_pkcs11.so root@localhost 'echo LOGIN-OK-VIA-TPM; hostname; id -un'
LOGIN-OK-VIA-TPM
ErrorLap
root

Die PIN habe ich für diesen Test über SSH_ASKPASS nicht interaktiv geliefert, im Alltag fragt ssh einfach danach. Richtig sehenswert wird es aber mit -v, denn da erzählt OpenSSH selbst, mit welchem Bauteil es gerade arbeitet.

debug1: provider /usr/lib/x86_64-linux-gnu/pkcs11/libtpm2_pkcs11.so: manufacturerID <tpm2-software.github.io> cryptokiVersion 2.40 libraryDescription <TPM2.0 Cryptoki> libraryVersion 1.9
debug1: provider /usr/lib/x86_64-linux-gnu/pkcs11/libtpm2_pkcs11.so slot 0: label <ssh> manufacturerID <Infineon> model <SLB9670> serial <0000000000000000> flags 0x40d
debug1: Will attempt key:  ECDSA SHA256:otJuTNX5LzFzJKqbTu9UoYROpZSXMMWIWMZUe02v1D4 token
debug1: Will attempt key: /root/.ssh/id_rsa
debug1: Will attempt key: /root/.ssh/id_ecdsa
debug1: Will attempt key: /root/.ssh/id_ed25519
debug1: Will attempt key: /root/.ssh/id_dsa
debug1: Offering public key:  ECDSA SHA256:otJuTNX5LzFzJKqbTu9UoYROpZSXMMWIWMZUe02v1D4 token
debug1: Server accepts key:  ECDSA SHA256:otJuTNX5LzFzJKqbTu9UoYROpZSXMMWIWMZUe02v1D4 token

Drei Sachen daran finde ich stark. Erstens nennt OpenSSH den Chip beim Namen, manufacturerID <Infineon> model <SLB9670>. Der SSH-Client sagt dir, welches Bauteil da gerade unterschreibt. Zweitens steht der TPM-Schlüssel in der Kandidatenliste mit dem Wort token, wo bei allen anderen ein Dateipfad steht, und diese Dateien existieren nicht einmal. Dieser Kontrast in einem Bildschirm ist das ganze Argument: dieser Schlüssel hat keine Datei. Drittens wird der Token-Schlüssel zuerst probiert, noch vor den nicht existierenden Dateien.

Ausgabe von ssh -v: OpenSSH nennt manufacturerID Infineon und model SLB9670, der Schlüssel steht als token in der Kandidatenliste neben Dateipfaden unter /root/.ssh
OpenSSH nennt Hersteller und Modell des Chips. Der Schlüssel steht als token in der Liste, alle anderen Kandidaten sind Dateien, die es nicht gibt.

Lasst mal kurz etwas heraus zoomen 😀 Meine Frau weist mich grade auf mein RBF hin. Wenn ich so konzentriert am Computer sitze und wie in diesem Fall etwas schreibe, dann schaue ich wohl meinen Monitor an, als wenn ich ihn gleich töten möchte. Tjo, und nun? Nun zoomen wir wieder ins Thema!

Die Zahl, die meine eigene Erwartung widerlegt hat

Meine Annahme vor der Messung war schlicht: eine ECDSA-Signatur kostet im Chip rund 97 Millisekunden, also merkt man beim Login nichts. Gemessen kommt etwas anderes heraus.

Weg5 Loginspro LoginAufschlag
Schlüssel auf der Platte, Referenzwert1,552 setwa 310 msReferenz
PKCS11Provider bei jedem Aufruf8,013 setwa 1603 msetwa 1293 ms
Token einmal im ssh-agent2,806 setwa 561 msetwa 251 ms

Die Ursache ist lehrreich. Bei PKCS11Provider baut ssh bei jedem einzelnen Login die komplette Kette neu auf: Store öffnen, Primary Key im TPM erzeugen, Kindschlüssel laden, signieren. Allein die Erzeugung des Primary Keys habe ich weiter oben mit 0,537 Sekunden gemessen. Die eigentliche Signatur ist damit der kleinste Posten in der Rechnung.

# ssh-add -s /usr/lib/x86_64-linux-gnu/pkcs11/libtpm2_pkcs11.so
Card added: /usr/lib/x86_64-linux-gnu/pkcs11/libtpm2_pkcs11.so
# ssh-add -l
256 SHA256:otJuTNX5LzFzJKqbTu9UoYROpZSXMMWIWMZUe02v1D4 /usr/lib/x86_64-linux-gnu/libtpm2_pkcs11.so.1.9.0 (ECDSA)
# time (for i in 1 2 3 4 5; do ssh root@localhost true; done)
real	0m2.806s

Mit ssh-add -s passiert diese Initialisierung einmal pro Sitzung statt einmal pro Verbindung, und die PIN wird auch nur einmal abgefragt. Zwei Gründe, dieselbe Empfehlung, also ganz klar: nehmt ssh-add -s und nicht PKCS11Provider bei jedem Aufruf.

Zur Messhygiene, wie immer: fünf Logins pro Zeile über Loopback, jeweils mit vollem Verbindungsaufbau und Prozessstart, kleine Stichprobe, keine Streuung berechnet. Das sind Größenordnungen und keine Benchmarks.

Der Nebeneffekt, den niemand erwähnt

Diesen Punkt habe ich selbst erst beim Aufräumen gemerkt, und jeder, der dem SSH-Abschnitt folgt, läuft hinein. tpm2_ptool init legt stillschweigend einen Primary Key an und macht ihn persistent im Chip. Vor der Demo waren drei persistente Handles belegt, danach vier.

# tpm2_getcap handles-persistent
- 0x81000000
- 0x81000001
- 0x81000002
- 0x81010001

Und jetzt zurück zu einer Zahl von weiter oben: TPM2_PT_HR_PERSISTENT_MIN ist auf diesem Chip 0x7. Garantiert sind also nur sieben persistente Plätze, und drei davon waren schon vorher weg. Wer bei jedem Basteln ein Handle liegen lässt, macht den Chip irgendwann voll. Den eigenen Müll findet und räumt man so weg:

# tpm2_evictcontrol -C o -c 0x81000000
persistent-handle: 0x81000000
action: evicted

# tpm2_getcap handles-persistent
- 0x81000001
- 0x81000002
- 0x81010001

Dazu eine Warnung, die ich nicht deutlich genug schreiben kann: räumt niemals Handles weg, die ihr nicht selbst angelegt habt. Die drei anderen lagen auf meinem Gerät schon vorher dort, vermutlich aus der Hersteller-Provisionierung oder aus einem früheren Windows-Leben. Wer einen fremden Primary Key entfernt, vernichtet alles, was darunter versiegelt war. Der sichere Weg führt über den Token-Store, denn dort steht das Handle drin, das zum eigenen Werkzeug gehört. Bei mir war es genau das 0x81000000 aus der Ausgabe oben, und ich habe vor dem Entfernen im Store nachgesehen, statt der Reihenfolge zu vertrauen.

Schlüssel im Chip, benutzt über OpenSSL

Für alles, was kein PKCS#11 spricht, gibt es den OpenSSL-3-Provider. Der schönste Moment daran ist ein PEM-Header.

# openssl list -providers -provider tpm2
Providers:
  tpm2
    name: TPM 2.0 Provider
    version: 1.2.0
    status: active

# openssl genpkey -provider tpm2 -algorithm EC -pkeyopt group:P-256 -out tpmkey.pem
# head -2 tpmkey.pem
-----BEGIN TSS2 PRIVATE KEY-----
MIHPBgZngQUKAQOgAwEBAQIEQAAAAQRYAFYAIwALAAYAcgAAABAAEAADABAAINLL

Diese Datei enthält keinen privaten Schlüssel. Sie enthält einen Blob, den ausschließlich dieser eine Chip auspacken kann. Kopiert die Datei auf eine andere Maschine und sie ist wertlos. Signieren geht im Chip, prüfen geht überall.

# printf "attestiere-mich" > d.bin
# openssl pkeyutl -provider tpm2 -provider default -sign -inkey tpmkey.pem -rawin -digest sha256 -in d.bin -out d.sig
# stat -c%s d.sig
70
# openssl pkey -provider tpm2 -provider default -in tpmkey.pem -pubout -out tpmkey.pub.pem
# openssl pkeyutl -verify -pubin -inkey tpmkey.pub.pem -rawin -digest sha256 -in d.bin -sigfile d.sig
Signature Verified Successfully

Zum Prüfen habe ich nur den Standard-Provider gebraucht. Es ist eine ganz normale ECDSA-Signatur, die Gegenseite muss von einem TPM überhaupt nichts wissen. Deshalb lässt sich das in bestehende PKI einbauen, ohne irgendetwas umzustellen, und damit gehen Client-Zertifikate für VPN, 802.1X, mTLS und auch AWS IAM Roles Anywhere.

Der Zufallsgenerator, ehrlich klein geredet

Auf diesem System ist der TPM tatsächlich der Hardware-Zufallsgenerator, den der Kernel benutzt.

# cat /sys/class/misc/hw_random/rng_available
tpm-rng-0 none
# cat /sys/class/misc/hw_random/rng_current
tpm-rng-0

Der Nutzen davon ist vorhanden, aber klein. Moderne CPUs haben RDRAND, der Kernel hat einen guten Entropiepool, und rund 67 Millisekunden pro tpm2_getrandom-Aufruf sind für nichts geeignet, was Durchsatz braucht. Als zusätzliche, unabhängige Quelle im Pool ist es geschenkt und in Ordnung. Mehr würde ich daraus nicht machen.

Fernattestierung, der eigentliche große Fall

Auf Servern liegt der größere Nutzen, nicht am Arbeitsplatz. Das Problem zuerst: bei einer Kiste im Rechenzentrum oder in der Colo weiß man normalerweise nicht, ob sie noch die Software fährt, die man dort installiert hat. Alles, was man fragen kann, ist der Server selbst. Und wenn er kompromittiert ist, lügt er.

Der TPM löst das, weil er eine Aussage über den Startvorgang signiert, die das Betriebssystem nicht fälschen kann. Zwei Schlüssel braucht es dafür: den Endorsement Key als Chip-Identität und einen Attestierungsschlüssel, mit dem tatsächlich signiert wird.

# tpm2_createek -c ek.ctx -G rsa -u ek.pub
# tpm2_createak -C ek.ctx -c ak.ctx -G rsa -g sha256 -s rsassa -u ak.pub -n ak.name
loaded-key:
  name: 000b76c23ef9e6c736e89085381db5c9303c6aca84dd4b18785cbcd5820666146650
  qualified name: 000bfce15794118492a81739a638c4745d23eeffda268ef1d016f22bc07c7a0b5e65

Der qualified name ist didaktisch schön, weil er die Abstammung des Schlüssels von seinem Elternschlüssel mit einbezieht. Jetzt das Quote, mit einer Nonce, die sich der Prüfer ausdenkt. Ich nehme deadbeef in Hex.

# tpm2_quote -c ak.ctx -l sha256:0,1,4,7 -q 6465616462656566 -m quote.msg -s quote.sig -o pcr.bin -g sha256
quoted: ff54434780180022000bfce15794118492a81739a638c4745d23eeffda268ef1d016f22bc07c7a0b5e650008646561646265656600000002acc0c6460000020500000000010007003f000d190000000001000b0393000000201a782856983a34bde88eb32ea706d6863119ee0309e3e8296f0021d34ec896d5
pcrs:
  sha256:
    0 : 0x7DE4ABE4ED8D8291D9B58D71F3B2988F5DA81EBE58D4AE518012E877FA1E04F1
    1 : 0x41CBF90AFF5CEEFAA9E9C52E7A3D5B4C8518EA65861C753AF8DB005C5330F53F
    4 : 0xCDB9366A1664E6B6AE408E3DF98F2E5FF47BCD6F0EA19ACBABE643DE586853DD
    7 : 0xF5841722D3DCC8886F14E92CA2D7304932CF17E2247A85D3B7BB41FE2C02CB4E
calcDigest: 1a782856983a34bde88eb32ea706d6863119ee0309e3e8296f0021d34ec896d5

Der quoted-Blob sieht wie Rauschen aus, ist aber lesbar, wenn man weiß wo man hinschaut.

  • ff544347 ist die Konstante TPM_GENERATED_VALUE und markiert die Struktur als im TPM entstanden. Wichtig für das Verständnis: sie allein verhindert keine Fälschung. Der Schutz entsteht daraus, dass ein Attestierungsschlüssel ein restricted Signaturschlüssel ist, der nur Daten unterschreibt, die der Chip selbst erzeugt hat. Diese Konstante ist das Erkennungsmerkmal dafür und nicht der Mechanismus.
  • 8018 ist TPM2_ST_ATTEST_QUOTE, der Strukturtyp.
  • 6465616462656566 ist meine Nonce, unverändert zurück. Genau das schlägt einen Replay.
  • 07003f000d1900 ist die Firmware-Version, die in jedem Quote mitläuft. Das ist wieder die 7.63 von oben.

Geprüft wird offline, und zwar mit nichts als dem öffentlichen Attestierungsschlüssel.

# tpm2_readpublic -c ak.ctx -o ak.pem -f pem
# tpm2_checkquote -u ak.pem -m quote.msg -s quote.sig -f pcr.bin -g sha256 -q 6465616462656566
pcrs:
  sha256:
    0 : 0x7DE4ABE4ED8D8291D9B58D71F3B2988F5DA81EBE58D4AE518012E877FA1E04F1
    1 : 0x41CBF90AFF5CEEFAA9E9C52E7A3D5B4C8518EA65861C753AF8DB005C5330F53F
    4 : 0xCDB9366A1664E6B6AE408E3DF98F2E5FF47BCD6F0EA19ACBABE643DE586853DD
    7 : 0xF5841722D3DCC8886F14E92CA2D7304932CF17E2247A85D3B7BB41FE2C02CB4E
exit=0
Ablaufdiagramm zwischen Verifier, Agent, TPM und der Infineon-CA, von der Nonce über das signierte Quote bis zur Entscheidung vertrauenswürdig oder Quarantäne
Der Ablauf einer Attestierung. Der Prüfer glaubt dem Knoten nichts, er rechnet nach.

Die Lücke, die fast jedes Howto verschweigt

Und hier muss ich mich selbst bremsen, denn die Versuchung ist groß, die beiden vorherigen Abschnitte einfach nebeneinanderzulegen und „echte Hardware bestätigt echten Bootzustand“ daraus zu machen. Das wäre eine Beweiskette mit einem Loch in der Mitte.

tpm2_checkquote mit dem öffentlichen Attestierungsschlüssel beweist genau eine Sache: irgendjemand, der diesen Schlüssel besitzt, hat dieses Quote signiert. Es beweist nicht, dass dieser Schlüssel in demselben Chip steckt, dessen Infineon-Zertifikat ich weiter oben gezeigt habe.

Die fehlende Verbindung heißt Credential Activation. Der Prüfer verschlüsselt dabei ein Geheimnis so, dass es nur ausgepackt werden kann, wenn Endorsement Key und Attestierungsschlüssel im selben TPM liegen, klassisch über TPM2_MakeCredential auf der Prüferseite und TPM2_ActivateCredential auf der Knotenseite. Erst wenn der Knoten das Geheimnis zurückmelden kann, ist bewiesen, dass der Schlüssel zu diesem zertifizierten Chip gehört. Alternativ stellt eine Attestierungs-CA ein echtes AK-Zertifikat aus, nachdem sie diese Prüfung einmal gemacht hat. Wie das im Detail aussieht, steht in RFC 9683. Diesen Schritt habe ich hier nicht durchgeführt. Gemessen sind Quote und Signaturprüfung, die Bindung ist dokumentiertes Verfahren.

Keylime, vier Rollen und ein Prüfer der nicht aufhört

Genau diesen Schritt macht Keylime, und genau deshalb ist Keylime mehr als ein Skript um tpm2_quote herum. Die Architektur hat vier Rollen: einen Agent auf dem Knoten, einen Registrar, einen Verifier und einen Tenant. Der Agent schickt Event-Log, IMA-Hashes und Measured-Boot-Daten, der lokale TPM bürgt für die Echtheit, und über das EK-Zertifikat lässt sich beweisen, dass es überhaupt ein echter TPM ist. Der Verifier prüft dann fortlaufend und nicht nur einmal beim Start.

Damit das nicht nach Bastelei klingt: Keylime läuft in der IBM Cloud als Teil der Compliance-Anforderungen für FedRAMP und HITRUST, und SUSE dokumentiert es offiziell für SUSE Linux Micro. Das ist kein Laborspielzeug.

IMA und EVM, zwei Dinge die ständig verwechselt werden

Beide gehören zur Laufzeit-Integrität, machen aber Verschiedenes.

  • IMA, die Integrity Measurement Architecture, hasht Dateien beim Zugriff. Im Messmodus schreibt sie die Hashes in ein Kernel-Log und erweitert damit PCR 10. Im Appraisal-Modus verweigert sie zusätzlich die Ausführung, wenn Hash oder Signatur nicht passen.
  • EVM schützt die zugehörigen erweiterten Attribute, also die Sicherheits-Metadaten der Datei, mit einem HMAC oder einer Signatur. Ohne EVM könnte ein Angreifer mit Schreibrechten die IMA-Attribute einfach mitfälschen.

Der TPM-Bezug liegt bei IMA und bei PCR 10. Eine veränderte Binärdatei erzeugt eine Messung, die im TPM landet und rückwirkend nicht mehr zu entfernen ist, weil PCRs nur wachsen. Zusammen mit Secure Boot und Measured Boot entsteht so eine Kette von der Firmware bis zur einzelnen ausgeführten Datei. Ohne TPM wäre dieses Logbuch fälschbar, mit TPM nicht.

Verschlüsselte Server, die allein neu starten können

Operativ ist das der handfesteste Nutzen im Rechenzentrum. Ein verschlüsselter Server, der nach einem Reboot auf eine Passphrase wartet, ist ein Betriebsproblem, spätestens um drei Uhr nachts. Mit TPM-Bindung startet er durch. Der Zielkonflikt dahinter ist eine echte Architekturentscheidung.

  • TPM allein. Der Server startet ohne Menschen. Wer den ganzen Server stiehlt, bekommt einen Server, der sich selbst entsperrt.
  • Tang und Clevis, netzgebunden. Entsperrt nur, wenn der Server einen Tang-Server im eigenen Netz erreicht. Aus dem Rack getragen bleibt er zu. Braucht dafür einen erreichbaren Tang-Server, was beim Kaltstart eines ganzen Rechenzentrums ein Henne-Ei-Problem ist.
  • Beides kombiniert über Shamir Secret Sharing in Clevis, also zum Beispiel TPM und Tang zusammen.

Meine Empfehlung, und die ist unspektakulär: im eigenen Rack mit eigenem Netz nehmt Tang plus TPM über Clevis, weil dann beide Bedingungen gleichzeitig gelten müssen. Bei einer einzelnen Kiste in fremder Colo nehmt TPM mit PIN und tippt die eben ein, wenn es tatsächlich einen Kaltstart gibt. Ein Server, der sich ohne jede Bedingung selbst entsperrt, ist Verschlüsselung fürs Protokoll und nicht gegen einen Angreifer.

Maschinenidentität, die man nicht in eine VM klonen kann

Ein Schlüssel der die Maschine nicht verlassen kann ist eine Identität, die man nicht mitkopieren kann. Für Zero-Trust-Architekturen ist das der interessante Teil: SPIRE hat dafür einen TPM-Node-Attestor, und für Kubernetes-Knoten, die sich beim Beitritt beweisen sollen, ist das der saubere Weg. Verglichen mit einem Token in einer Cloud-Init-Datei, das jeder mitlesen und in eine beliebige VM kopieren kann, ist das ein anderes Sicherheitsniveau.

Ein TPM für jede VM, und was er nicht leistet

Ein physischer TPM hat genau eine Instanz und lässt sich nicht sinnvoll auf viele Gäste aufteilen. Die Lösung ist ein virtueller TPM pro VM. swtpm stellt dafür eine TPM-2.0-Implementierung im Userspace bereit, QEMU und libvirt binden sie als Gerät in die VM ein. Der Gast sieht ein ganz normales /dev/tpm0 und braucht keine Anpassung. Der Kernel bringt dazu den vTPM-Proxy-Treiber mit, /dev/vtpmx, über den Container und VMs eigene TPM-Instanzen bekommen. Genau so machen es die Cloud-Anbieter, und genau so kommt Windows 11 in einer VM überhaupt an seine TPM-2.0-Voraussetzung.

Die ehrliche Einordnung gehört dazu, weil das in Cloud-Architekturen regelmäßig falsch verstanden wird. Ein vTPM ist Software. Sein Zustand liegt als Datei auf dem Hypervisor. Wer den Hypervisor kontrolliert, kontrolliert den vTPM, und ein Angreifer mit root auf dem Host kann den Schlüsselzustand kopieren. Ein vTPM löst also das Problem „der Gast braucht ein TPM-Interface“, er liefert aber keine Hardware-Vertrauenswurzel für den Gast. Wer echte Attestierung einer VM will, braucht eine Kette, die beim TPM des Hosts beginnt, oder Confidential-Computing-Technik wie AMD SEV-SNP oder Intel TDX.

Zum Schluss noch ein kleiner Anwendungsfall, der technisch nichts Neues ist und praktisch viel bringt: die Datenbank-Zugangsdaten eines Dienstes so versiegeln, dass sie nur auf dieser Maschine und nur in diesem Bootzustand aufgehen. Derselbe Seal-Mechanismus wie oben, nur mit einem anderen Geheimnis. Ein kopiertes Image oder eine in eine VM gehobene Platte bringt die Zugangsdaten dann nicht mit.

Was geht, aber nichts bringt

Dieser Abschnitt ist mir genauso wichtig wie der Nutzen-Teil, also kürze ich ihn nicht ab. Zuerst das Missverständnis, das sich am leichtesten messen lässt.

1. Der TPM als Krypto-Beschleuniger. Gemessen und erledigt.

OperationWoZeit
RSA-2048-Schlüssel erzeugenTPM19,703 s
RSA-2048-Schlüssel erzeugenCPU, openssl0,220 s
ECC-P-256-Primary erzeugenTPM0,537 s
ECDSA P-256 signieren, 50 malTPM4,862 s
ECDSA P-256 signieren, 50 malCPU, openssl0,286 s
# time tpm2_createprimary -C o -g sha256 -G rsa2048 -c rsa_primary.ctx
real	0m19.703s
user	0m0.039s
sys	0m0.016s

# time openssl genpkey -algorithm RSA -pkeyopt rsa_keygen_bits:2048 -out /dev/null
real	0m0.220s
user	0m0.210s
sys	0m0.010s

Rund 90 mal langsamer bei der RSA-Schlüsselerzeugung. Ein Detail zur Messhygiene ist mir dabei wichtig: während der 19,7 Sekunden liegen user und sys bei 0,039 und 0,016 Sekunden. Die CPU langweilt sich also, die Zeit vergeht wirklich im Chip. Das ist eine Messung des TPM und nicht des Prozess-Overheads.

Die richtige Schlussfolgerung ist nicht, dass der TPM schlecht wäre, sondern dass er kein Beschleuniger ist und nie einer war. Das ist die interessante Kehrseite zu der Krypto-Beschleunigerkarte, die ich neulich gegen dieselbe Klasse moderner CPU gemessen habe. Dort verlor Spezial-Hardware, die schnell sein wollte. Hier verliert sie noch deutlicher, nur ist das kein Befund, sondern die Bauart. Der TPM wollte nie schnell sein, er wollte stur sein.

2. Massendaten im TPM verschlüsseln. Es gibt keinen Datenpfad dafür, und bei den Zahlen von oben erübrigt sich die Diskussion.

3. LUKS nur am TPM, ohne PIN. Technisch drei Minuten Arbeit. Ergebnis ist ein Notebook, das sich für jeden entsperrt, der den Deckel aufmacht. In Kombination mit dem Bus-Sniffing weiter unten ist das nahe an Sicherheitstheater. Wer die Passphrase-Eingabe loswerden will, nimmt die PIN.

4. Der TPM als Passwortspeicher oder Secret Store. Ein einzelner NV-Index kann auf diesem Chip höchstens 1664 Bytes halten, und es gibt genau 8 NV-Zähler. NV im TPM ist Flash mit begrenzten Schreibzyklen und als Ablage für Inhalte nicht gedacht. Der richtige Weg ist immer derselbe: die Geheimnisse liegen verschlüsselt auf der Platte, und nur der Schlüssel dafür wird im TPM versiegelt. Genau das tun systemd-cryptenroll und Clevis auch.

5. Sealing gegen PCR 0 bis 7 auf einem Gerät, das Firmware-Updates bekommt. Jedes BIOS-Update ändert die Messungen und sperrt euch aus. Ein Fall, in dem die Technik funktioniert und die Betriebspraxis daran zerbricht. Der Ausweg heißt signierte Policies und systemd-pcrlock, und im selben Atemzug gehört dazu, dass sich systemd-pcrlock selbst noch als experimentell bezeichnet.

6. Attestierung ohne unabhängigen Prüfer. Ein Quote, das auf derselben Maschine geprüft wird, beweist nichts. Wenn die Maschine übernommen ist, ist die Prüfung übernommen. Attestierung ergibt nur mit einem separaten Verifier und mit bekannten Referenzwerten Sinn. Sehr viele Aussagen der Art „wir nutzen TPM“ sind bei genauem Hinsehen genau das, eine Selbstprüfung.

7. TPM 1.2 im Jahr 2026. SHA-1 und RSA-2048, kein ECC, keine Algorithmen-Agilität, ein völlig anderer Software-Stack, nämlich TrouSerS statt tpm2-tss. Wer noch einen findet, sollte darauf nichts Neues bauen.

8. Die Erwartung, ein TPM schütze ein laufendes System. Das ist das größte Missverständnis, deshalb steht es hier noch einmal als eigener Punkt. Ein TPM schützt Schlüssel im Ruhezustand und misst den Start. Er tut nichts gegen einen Angreifer, der schon im Kernel sitzt, denn der fragt den Chip einfach ganz normal.

Tabelle mit fünf Vorhaben und der jeweiligen Antwort, von viel Krypto rechnen bis Geheimnisse ablegen
Fünf häufige Vorhaben und die kurze Antwort dazu.

Die Grenzen, und die Angriffe die es wirklich gibt

Ohne diesen Abschnitt wäre der Beitrag Werbung. Der Kern des Problems bei diskreten Chips ist unangenehm einfach: nach dem Entsiegeln gibt der TPM das Geheimnis über den Bus heraus, und klassisch liegt es dort im Klartext. Wer LPC oder SPI anzapft, liest den Schlüssel mit. Für BitLocker ist das seit Jahren praktisch demonstriert, und es ist ausdrücklich nicht auf Windows beschränkt. Securitum hat im September 2024 in einem echten Penetrationstest genau das gegen ein Linux-System mit LUKS und Clevis gezeigt.

Das betrifft mein Testsystem direkt, und ich schreibe das lieber offen hin, als es zu verstecken: der SLB 9670 ist ein diskreter Chip auf dem Board. Der Angriff braucht physischen Zugriff und Löterfahrung, aber er ist kein Papier-Szenario.

Die Gegenmaßnahme kann TPM 2.0 von sich aus: Sessions mit HMAC-Absicherung und Parameter-Verschlüsselung, und systemd benutzt das inzwischen. Die Grenze davon wird oft zu großzügig beschrieben, deshalb genau: das ist keine Vollverschlüsselung des Bus-Protokolls. Parameter Encryption schützt gezielt einzelne sensible Parameter in Kommandos und Antworten, also genau die Stelle, an der ein entsiegelter Schlüssel herauskäme. Kommandocodes, Handles und die übrigen Parameter bleiben sichtbar. Gegen das passive Mitlesen des Schlüssels ist es wirksam, gegen Verkehrsanalyse nicht, und gegen einen aktiven Interposer hilft es nur insofern, als die HMAC-Absicherung Manipulationen auffallen lässt. Der Kernel hat zu dieser Interposer-Frage eine eigene Dokumentationsseite. Und noch eine Einschränkung, die systemd selbst dokumentiert: die Art der Einbindung entwickelt sich weiter, alte Enrollments profitieren nicht rückwirkend. Wer vor Jahren enrolliert hat, sollte das neu machen.

Und dann eine Ironie, die zeigt wie dünn das Eis ist: CVE-2023-1017 saß genau in CryptParameterDecryption, also in dem Code, der diese verschlüsselten Parameter auspackt. Die Schutzfunktion war selbst der Angriffsweg.

Wer jetzt denkt, ein fTPM in der CPU sei automatisch besser, hat nur andere Probleme. faulTPM hat gezeigt, dass sich AMDs fTPM über Spannungs-Glitching am Platform Security Processor angreifen lässt. Und TPM-Fail demonstrierte 2019 Timing-Seitenkanäle, mit denen sich private ECDSA-Schlüssel rekonstruieren ließen, und zwar aus Intel PTT (CVE-2019-11090) und aus dem ST33 von STMicroelectronics (CVE-2019-16863). Zwei Details daran tragen den Punkt: der lokale Angriff auf Intels fTPM brauchte je nach Zugriffsrechten 4 bis 20 Minuten, und der ST33 trug eine Common-Criteria-Zertifizierung nach EAL 4+, die Schutz gegen Seitenkanäle ausdrücklich einschließt. Ein Zertifikat ist also kein Beweis.

Auch die Referenz-Implementierung selbst hatte Löcher. CVE-2023-1017 war ein Out-of-bounds-Write, CVE-2023-1018 ein Out-of-bounds-Read, beide in der TPM-2.0-Module-Library, also im Referenzcode der TCG. Betroffen waren dadurch gleichzeitig Software-TPMs wie libtpms und eine Reihe von Hardware-TPMs, deren Firmware auf diesem Code aufbaut. Gefunden hat sie Quarkslab und meldete sie im November 2022. Zwei Bytes über den Puffer hinaus, im ungünstigen Fall Codeausführung im TPM-Kontext, also genau in dem Bauteil, dessen einzige Aufgabe es ist, eine Vertrauensgrenze zu ziehen.

Was bleibt also unterm Strich: ein TPM hebt die Messlatte von „Platte ausbauen und kopieren“ auf „an das Board löten oder den SoC glitchen“. Das ist ein echter Fortschritt und kein magischer Schild. Mit PIN wird es deutlich stärker, weil dann die Lockout-Logik greift und Bus-Sniffing allein nicht mehr reicht.

Der Zustand dieses Testsystems, unbequem und aufschlussreich

Und jetzt der Teil, der mir selbst am meisten zu denken gibt. Der Chip in diesem Notebook arbeitet einwandfrei, wie alles hier oben zeigt. Benutzt wird er von diesem System für praktisch nichts.

BausteinZustand
Secure Bootaus, und als 00 in PCR 7 gemessen
Wurzel-DateisystemZFS-Native-Encryption, aes-256-gcm, nirgends LUKS
systemd-cryptenrollvorhanden, systemd 255.4, ohne LUKS2 aber nutzlos
clevisnicht installiert, würde hier auch nicht helfen
Unified Kernel Imagenicht im Einsatz
systemd-pcrextend.socketübersprungen, ConditionSecurity=measured-uki nicht erfüllt
systemd-pcrmachine.serviceübersprungen, dieselbe Bedingung
systemd-tpm2-setup-early.serviceübersprungen, dieselbe Bedingung
die elf systemd-pcrlock-*-Unitsalle disabled
TPM als /dev/hwrngaktiv, tpm-rng-0

Die drei übersprungenen Units sind der interessanteste Eintrag in dieser Tabelle. Die Bedingung ConditionSecurity=measured-uki prüft nicht das Dateiformat, sondern den Bootweg. Weil dieses System nicht als gemessenes Unified Kernel Image über systemd-stub gestartet ist, überspringt systemd die halbe TPM-Infrastruktur einfach lautlos, ohne Fehler und ohne Warnung. Das ist genau die These aus der Einleitung, jetzt belegt: der Chip ist da, er funktioniert, und die Distribution benutzt ihn nicht.

Der Event-Log, und die Falle mit ls

Zum Abschluss noch eine Kleinigkeit, über die ich zuerst gestolpert bin. Der Event-Log, dessen Adresse die Firmware ganz oben in der ersten dmesg-Zeile übergeben hat, liegt im securityfs. Und ls behauptet, die Datei sei leer.

# ls -la /sys/kernel/security/tpm0/
total 0
-r--r----- 1 root tss 0 Aug 10 09:30 binary_bios_measurements

# tpm2_eventlog /sys/kernel/security/tpm0/binary_bios_measurements | grep -c EventNum
120

Null Bytes laut ls, und trotzdem 120 Events darin. securityfs gibt für diese Datei einfach keine Größe an. Was in den 120 Einträgen steckt, sortiert sich so:

# tpm2_eventlog /sys/kernel/security/tpm0/binary_bios_measurements | grep EventType | sort | uniq -c | sort -rn
     81   EventType: EV_IPL
     12   EventType: EV_EFI_VARIABLE_BOOT
      8   EventType: EV_SEPARATOR
      5   EventType: EV_EFI_VARIABLE_DRIVER_CONFIG
      3   EventType: EV_EFI_ACTION
      2   EventType: EV_POST_CODE
      2   EventType: EV_EVENT_TAG
      2   EventType: EV_EFI_BOOT_SERVICES_APPLICATION
      1   EventType: EV_S_CRTM_VERSION
      1   EventType: EV_NO_ACTION
      1   EventType: EV_EFI_VARIABLE_AUTHORITY
      1   EventType: EV_EFI_HANDOFF_TABLES
      1   EventType: EV_EFI_GPT_EVENT

Der lehrreichste Eintrag im ganzen Log ist aber die Nummer 2, weil er ein abstraktes Konzept in vier Zeilen greifbar macht.

- EventNum: 2
  PCRIndex: 7
  EventType: EV_EFI_VARIABLE_DRIVER_CONFIG
  DigestCount: 2
  Digests:
  - AlgorithmId: sha1
    Digest: "57cd4dc19442475aa82743484f3b1caa88e142b8"
  - AlgorithmId: sha256
    Digest: "115aa827dbccfb44d216ad9ecfda56bdea620b860a94bed5b7a27bba1c4d02d8"
    UnicodeName: SecureBoot
    VariableData: "00"

Da steht der Secure-Boot-Zustand meiner Maschine als 00 im Log, und gehasht wandert genau dieser Wert in PCR 7. Das ist die Brücke zwischen dem Firmware-Setup und dem Chip: was ihr im BIOS umschaltet, wird gemessen und landet im TPM. Schaltet Secure Boot ein, und PCR 7 ändert sich. Alles, was gegen PCR 7 versiegelt war, geht danach nicht mehr auf. Wer den Zusammenhang einmal so gesehen hat, versteht auch, warum die Wahl der PCRs weiter oben ein Zielkonflikt ist und keine Geschmacksfrage.

Eine Nebenbemerkung, weil sie so schön zeigt, wie Secure-Boot-PKI in der Praxis funktioniert: im Log steckt auch der Platform Key des Boards, ein „Fujitsu ODM Quanta BIOS PK Certificate“, gültig von August 2012 bis August 2022. Es ist also seit Jahren abgelaufen. Die Firmware interessiert sich nicht dafür.

Was offen bleibt

  • Ob der SLB 9670 auf diesem Board über LPC oder über SPI angebunden ist. Aus dem Betriebssystem heraus nicht entscheidbar.
  • Warum der Login über PKCS11Provider rund 1,3 Sekunden Aufschlag kostet, ist plausibel erklärt, aber nicht einzeln nachgemessen. Ein strace oder ein Trace über tpm2_ptool würde es belegen.
  • systemd-cryptenroll mit LUKS2 konnte ich nicht testen, weil hier kein LUKS existiert.
  • Keylime habe ich nicht aufgesetzt. Die Beschreibung stützt sich auf Dokumentation von SUSE, Red Hat und dem Keylime-Projekt.
  • Die Bindung des Attestierungsschlüssels an den zertifizierten EK, also TPM2_MakeCredential und TPM2_ActivateCredential, habe ich nicht durchgeführt. Gemessen sind nur Quote und Signaturprüfung.
  • Wie viel NV-Speicher der SLB 9670 insgesamt hat, habe ich nicht ermittelt. NV_INDEX_MAX beantwortet diese Frage nicht.
  • Kein vTPM aufgesetzt. Der Abschnitt dazu ist dokumentiert und nicht gemessen.
  • Ob verschlüsselte TPM-Sessions Bus-Sniffing auf diesem konkreten Chip vollständig verhindern, habe ich nicht überprüft. Dafür bräuchte es einen Logic Analyzer.
  • Ein TPM-gestütztes Entsperren einer ZFS-Native-Encryption-Wurzel habe ich nicht gebaut.
  • Wie sich PCR 7 auf diesem Gerät nach dem Aktivieren von Secure Boot verändert. Das wäre ein naheliegender zweiter Teil.

Siehe auch

Wenn ich hier etwas falsch dargestellt habe, oder wenn ihr einen der offenen Punkte schon gelöst habt, dann korrigiert mich gerne. Dann lerne ich selbst etwas. Ihr dürft mich dazu jederzeit fragen.

Und weil mich das wirklich interessiert: setzt ihr den TPM-Chip selbst ein, ignoriert ihr ihn bisher, oder nutzt ihr ihn eher zufällig?

Bosch Wärmepumpentrockner: Kondensator reinigen trotz SelfCleaning, Service-Klappe selbst geschnitten und gedruckt

Vor knapp 11 Jahren ist bei uns einer dieser Wärmepumpentrockner eingezogen. Das Gerät hat seitdem wirklich viel Wäsche gesehen, einen Haushalt mit dem täglichen Berg an Handtüchern, Bettzeug und Kinderkram trocknet so ein Ding nicht nebenbei. Über die ganze Zeit lief er eigentlich problemlos. Zwei Mal musste ich ihn zerlegen und reinigen, sonst nichts. Genau dieser Punkt ist es aber, der mich diesmal über eine Stunde und ein Teppichmesser gekostet hat.

Bosch Home Professional Wärmepumpentrockner WTY87701 von vorne mit Aufdruck SelfCleaning Condenser und ActiveAir Technology
Der Patient: Bosch WTY87701 Home Professional, ausgerechnet mit dem Aufdruck SelfCleaning Condenser.

Das Symptom ist immer das gleiche: Die Wäsche wird einfach nicht mehr richtig trocken. Teilweise musste ein Programm zwei bis drei Mal durchlaufen, bis das Zeug aus der Trommel wirklich trocken war. Für einen Trockner, der laut Datenblatt 232 kWh im Jahr ziehen soll, sind drei Durchläufe pro Ladung natürlich eine Katastrophe, energetisch wie zeitlich. Meine Frau hatte das Gerät zu dem Zeitpunkt schon angezählt. Es blieb also noch ein Versuch, dann fliegt es raus.

Warum ein Wärmepumpentrockner überhaupt zusetzt

Ein Wärmepumpentrockner ist im Kern ein geschlossener Kreislauf. Die warme, feuchte Luft aus der Trommel wird an einem Verdampfer abgekühlt, das Wasser kondensiert und landet im Tank, dann wird die Luft an einem Kondensator wieder aufgeheizt und zurück in die Trommel geblasen. Dieser Wärmetauscher mit seinen eng stehenden Aluminiumlamellen ist das Herz des Geräts. Und genau dort lagern sich über die Jahre feinste Flusen ab, die das Sieb passieren. Setzt sich die Lamellenfläche zu, kommt kaum noch Luft durch, der Wärmeaustausch bricht ein, und die Wäsche bleibt klamm. Genau das beschreiben auch die einschlägigen Reparaturanleitungen: Flusen in den hinteren Kondensatorlamellen führen zu langen Laufzeiten und einer Wärmepumpe, die sich abmüht.

Die Ironie: ein SelfCleaning Condenser, der trotzdem dicht ist

Das Schöne an meinem Gerät: vorne prangt in großen Lettern SelfCleaning Condenser. Bosch wirbt damit, dass eine manuelle Reinigung des Kondensators nicht mehr nötig sei. Technisch steckt dahinter, dass während eines Trockengangs mehrfach Kondenswasser aus dem Prozess abgezweigt und über die Kondensatorfläche gespült wird, um Flusen wegzuschwemmen. Das funktioniert auch, aber eben nur an der vorderen, gut erreichbaren Fläche, die der Spülstrahl trifft. Die tieferen Lamellen und der Verdampfer dahinter bekommen davon nichts ab. Dort sammelt sich der Feinstaub über ein Jahrzehnt trotzdem an. „Selbstreinigend“ heißt hier also „die vordere Ebene bleibt frei“, nicht „der ganze Wärmetauscher bleibt sauber“. Nach knapp 11 Jahren ist der Unterschied dramatisch.

Hier die Eckdaten zum Gerät und zum Bauteil, um das sich gleich alles dreht:

GerätBosch WTY87701, Home Professional
Typ / FDWDT66, FD 9505
BauartWärmepumpentrockner, 8 kg, A++, ActiveAir Technology, SelfCleaning Condenser
Service-Klappe (Teilenummer)BSH 00646776, ca. 225 x 145 mm, mit Dichtung und 6 Schrauben
Klappe passt laut Teilekatalog aufBosch Serie 6 / Serie 8 / Maxx 7, Siemens iQ300 bis iQ800
Typenschild des Bosch WTY87701 mit E-Nr WTY87701, Typ WDT66, FD-Nummer 9505 und Herstellungsangaben
Typenschild: E-Nr. WTY87701, Typ WDT66, FD 9505, mit allen Kenndaten für die Ersatzteilsuche.

Wo man rankommt, und wo eben nicht

Das große Flusensieb innen vor der Trommel ist schnell raus, da bekommt man mit schmalen Fingern auch etwas heraus, aber an die spannenden Stellen kommt man so nicht. Vorne am Gerät gibt es noch eine kleine Abdeckung. Rechts dahinter sitzt ein Lüfter, links sieht es zumindest so aus, als hätte dort mal jemand über eine Art Klappe nachgedacht. Und zwar genau an der Stelle, an der man eine Klappe bräuchte, wenn man den Kondensator selbst reinigen will. Bei meinen letzten beiden Reinigungen konnte ich alles andere öffnen und sauber machen, aber an den Kondensator selbst kam ich nie richtig heran. Diesmal sollte es anders laufen.

Die Klappe, die Bosch vergessen hat einzubauen

Jetzt kommt der Teil, der mich erst gewundert und dann geärgert hat. Die Stelle, an der ich die Klappe erwartet hätte, ist im Gehäuse fast schon vorperforiert. Die Kontur ist angedeutet, das Material an der Linie spürbar dünner. Mit einem Teppichmesser lässt sich die Öffnung sehr einfach herstellen, man folgt einfach der angedachten Linie. Heißt im Klartext: Bosch hat die Service-Öffnung konstruktiv komplett vorgesehen, das Werkzeug für die Stanzung existiert, die Position stimmt, nur ausgeliefert wird das Gerät mit zugemachter Wand und ohne Klappe. Für genau diese Lücke gibt es sogar eine eigene Ersatzteilnummer, die 00646776, und einen ganzen Zubehörmarkt. Right to Repair sieht anders aus.

Aus der Trocknerwand herausgeschnittenes Kunststoffstück an der vorperforierten Stelle der Service-Öffnung
Das herausgetrennte Stück Gehäusewand. Die Kontur war vorperforiert, ein Teppichmesser entlang der angedachten Linie genügt.

Was dann hinter der frisch geschnittenen Öffnung zum Vorschein kam, war wirklich ekelig. Die Flusen hingen als kompakter, grauer Filz komplett vor den Kühlrippen und haben den Wärmetauscher zu einem großen Teil verdeckt. So kann der Kondensator natürlich nicht mehr arbeiten, da geht schlicht keine Luft mehr durch.

Mit grauem Flusenfilz komplett zugesetzte Kühlrippen des Kondensators durch die geschnittene Öffnung
Der Blick hinter die frisch geschnittene Öffnung. Ein kompakter Flusenfilz verdeckt fast den kompletten Wärmetauscher.

Alles vorsichtig herausgeholt, abgesaugt und feucht nachgewischt. Die Lamellen waren an einigen Stellen verbogen, die habe ich anschließend so gut wie möglich wieder begradigt. Danach sah der Wärmetauscher wieder so aus, wie er soll: blankes Aluminium, freie Kanäle, Luft kann wieder hindurch.

Gereinigter Kondensator mit blanken Aluminiumlamellen und freien Luftkanälen nach dem Absaugen
Nach dem Reinigen und Begradigen der Lamellen: blankes Aluminium, freie Kanäle, die Luft kommt wieder durch.

Variante 1: die Klappe selbst drucken

Bleibt die Frage, wie man das Loch wieder sauber und vor allem dicht verschließt. Ein offenes Gehäuse zieht Falschluft und stört den Kreislauf. Ich habe eine wirklich erstklassige Druckdatei für meinen Bambu Lab X1-Carbon gefunden, ein Nachbau genau der BSH-Klappe 00646776: BSH 00646776 Condenser Door Service Panel auf MakerWorld.

Gedruckt habe ich die Abdeckung in grünem ABS und die Dichtung in TPU 95A. PLA wäre bei den Temperaturen rund um Kondensator und Wärmepumpe keine gute Idee. PLA fängt schon bei etwa 60 Grad an weich zu werden, sein Glasübergang liegt genau in dem Bereich, den so eine Baugruppe im Dauerbetrieb durchaus erreicht. Das Teil würde sich auf Dauer verziehen und die Dichtfläche verlieren. ABS liegt mit einem Glasübergang um die 105 Grad deutlich darüber und steckt die Wärme locker weg. Für die Dichtung will man dagegen etwas Flexibles, das die Spaltmaße ausgleicht und sauber abdichtet, deshalb das weiche TPU mit Shore 95A. Die Materialkombination ist hier kein Gimmick, sondern genau richtig gewählt.

Rückseite der in grünem ABS gedruckten Service-Klappe mit Versteifungsrippen und eingeprägter Teilenummer 00646776
Die in grünem ABS gedruckte Abdeckung von hinten, mit Versteifungsrippen und eingeprägter Teilenummer 00646776.

Die Versteifungsrippen auf der Rückseite und die eingeprägte Teilenummer zeigen, wie sauber die Datei gemacht ist. Mit aufgelegter TPU-Dichtung sieht das dann so aus:

Gedruckte ABS-Klappe mit aufgelegter blauer TPU-95A-Dichtung
Dieselbe Klappe mit der separat in TPU 95A gedruckten Dichtung.

Montiert wird mit sechs Schrauben in die vorhandenen Dome rund um die Öffnung. Die selbst gedruckte Abdeckung passt erstklassig und dichtet alles ab, wie man es sich wünscht.

Grün gedruckte Service-Klappe mit sechs Schrauben an der Trocknerfront montiert
Mit sechs Schrauben montiert. Die selbst gedruckte Klappe sitzt passgenau und dichtet sauber ab.

Variante 2: die fertige Klappe kaufen

Wer keinen 3D-Drucker hat, muss trotzdem nicht zum teuren Originalersatzteil greifen. Ich habe auf Amazon für knapp 15 Euro eine passende Abdeckung gefunden: Wartungsklappe für den Wärmetauscher. Die kommt aus spritzgegossenem, talkgefülltem Polypropylen (auf dem Bauteil steht die Materialkennung PP-TV30) und liegt damit thermisch ebenfalls im grünen Bereich. Im Set sind noch etwas Werkzeug zum Reinigen und sogar ein kleines Tool, mit dem sich die Kühlrippen wieder begradigen lassen.

Gekauftes Reinigungsset mit Lamellenkamm, Bürsten, Schrauben und grauer Wartungsklappe
Die gekaufte Alternative für knapp 15 Euro: Wartungsklappe plus Reinigungswerkzeug und ein kleines Tool zum Begradigen der Lamellen.

Auch diese fertige Klappe sitzt sauber in der Öffnung und schließt bündig ab. Auf dem Bauteil sind Teilenummer und Materialkennung mit eingegossen.

Graue gekaufte Wartungsklappe aus Polypropylen in der Trockneröffnung mit eingegossener Teilenummer und Materialkennung PP-TV30
Die gekaufte Klappe aus talkgefülltem Polypropylen (PP-TV30) sitzt ebenso bündig. Teilenummer und Materialkennung sind eingegossen.

Beide Lösungen, die selbst gedruckte und die gekaufte, passen perfekt und dichten zuverlässig ab. Ich kann beide vorbehaltlos empfehlen. Wer einen Drucker mit ABS-tauglichem Gehäuse hat, druckt sich die Klappe für ein paar Cent Material selbst, alle anderen sind mit der 15-Euro-Variante inklusive Reinigungswerkzeug bestens bedient.

Und jetzt?

Der Trockner läuft wieder wie am ersten Tag. Eine Ladung, ein Durchlauf, Wäsche trocken. Auf den Fotos vom verdreckten Kondensator sieht es übrigens schlimmer aus, als es sich am Ende angefühlt hat, in einer guten Stunde war alles erledigt. Schöner Nebeneffekt: Ab jetzt brauche ich kein Teppichmesser mehr, sondern schraube die Klappe einmal im Jahr auf und sauge kurz durch. Vielleicht laufen so ja noch einmal 11 Jahre aus dem Teil heraus.

Display des Bosch WTY87701 zeigt das laufende Programm Schranktrocken mit Restzeit
Läuft wieder: eine Ladung, ein Durchlauf. Das Display zeigt Schranktrocken mit normaler Restzeit.

Die kleine Moral: Lasst euch von einem „SelfCleaning“-Aufkleber nicht einlullen. Selbst die selbstreinigenden Geräte setzen sich über die Jahre zu, und ein bisschen Wartung verlängert die Lebensdauer enorm. Dass man dafür erst eine Klappe ins Gehäuse schneiden muss, die der Hersteller komplett vorbereitet, aber nicht freigibt, ist ein eigenes kleines Trauerspiel. Gut, dass es findige Leute mit Druckdateien und Ersatzteilen gibt.

Siehe auch:

Habt ihr auch so ein Gerät, bei dem die Service-Klappe ab Werk fehlt, oder eine eigene Druckdatei dafür? Dann lasst es mich gerne wissen, ihr dürft mich jederzeit fragen.

Billiger VGA-USB-Capture-Stick seziert: MS2109-Firmware, EDID-Hack und die 1080p-Lüge

Eigentlich wollte ich nur etwas ganz Simples: Aufnahmen von meinem alten DOS-Rechner machen. BIOS-POST, der Speichertest, ein paar DOS-Spiele, einmal das alles sauber als Video festgehalten. Dafür landete ein „VGA to USB 3.0 HD 1080P Video Capture Card“ in meinem Warenkorb, so ein billiger Dongle für ein paar Euro. Spoiler: in genau der Form hat das nicht geklappt. Und warum es nicht klappt, ist die eigentlich spannende Geschichte. Es geht um einen 8051 mit recyceltem Mask-ROM, eine EDID die der Quelle einen Monitor vorlügt, ein „1080p“ das horizontal gar keins ist, und eine Strings-Modifikation die ich bis heute nicht überlistet habe.

Das konkrete Gerät, falls es jemand nachvollziehen will, gibt es bei Amazon unter diesem Link. Es ist einer von hunderten optisch identischen Sticks, die alle den gleichen MacroSilicon-Chipsatz tragen. Die Erkenntnisse hier gelten also für eine ganze Geräteklasse, nicht nur dieses eine Exemplar.

Platine des VGA-USB-Capture-Sticks mit VGA-Stecker, USB-A-Buchse, Audio-Header und Silkscreen AFN_VGA_Captor
Die Platine des Sticks: VGA-Stecker, USB-A, 3-poliger Audio-Header und der Silkscreen AFN_VGA_Captor 2020/0615_V1.1.

Was steckt auf der Platine?

Aufgeschraubt zeigt sich eine winzige Platine mit Silkscreen-Aufdruck AFN_VGA_Captor 2020/0615_V1.1, einem VGA-Stecker, einer USB-A-Buchse und einem 3-poligen Audio-Header. Drei Halbleiter machen die eigentliche Arbeit:

RefChipFunktion
U3MacroSilicon MS21098051-basierte UVC-Bridge, USB 2.0 High-Speed
U7MacroSilicon MS9288AAnaloger VGA-Empfänger (PLL plus ADC plus Scaler)
U2HK / Holtek 24C16I²C-EEPROM, 2 KiB

Der MS2109 ist berühmt-berüchtigt. Er steckt in den meisten der spottbilligen HDMI-Capture-Sticks, die seit Jahren durchs Netz geistern. Hier sitzt derselbe Chip in einer VGA-Variante, mit dem MS9288A als analogem Frontend davor. Wie eng die beiden Welten verwandt sind, wird sich beim Mask-ROM-Dump zeigen: die Firmware ist nachweislich aus der HDMI-Variante recycelt.

Mikroskop-Makro des MacroSilicon MS2109, der 8051-basierten UVC-Bridge des Capture-Sticks
U3, der MacroSilicon MS2109. Der gleiche 8051-Chip wie in den billigen HDMI-Capture-Sticks, hier in der VGA-Variante.
Mikroskop-Makro des MacroSilicon MS9288A, des analogen VGA-Empfängers mit PLL und ADC
U7, der MacroSilicon MS9288A. Analoges Frontend mit PLL, ADC und Scaler, lockt das VGA-Signal und digitalisiert es.
Mikroskop-Makro des HK 24C16 I2C-EEPROM mit 2 KiB Kapazität auf der Capture-Platine
U2, der HK 24C16. 2 KiB I2C-EEPROM, hier liegen EDID, Vendor-Strings und die beiden 8051-Patch-Blöcke.

Wie meldet sich das Ding am USB?

Beim Anstecken kommt der erste Hinweis darauf, dass die Verpackung schwindelt. „USB 3.0″ steht drauf, der Kernel sieht aber ein High-Speed-Gerät, also USB 2.0:

usb 1-1.1: new high-speed USB device number 15 using xhci_hcd
usb 1-1.1: New USB device found, idVendor=534d, idProduct=2109, bcdDevice=21.00
usb 1-1.1: Manufacturer: MACROSILICON
usb 1-1.1: Found UVC 1.00 device <unnamed> (534d:2109)
hid-generic 0003:534D:2109.0009: hiddev4,hidraw8: USB HID v1.10 Device

Vendor 0x534d ist MacroSilicon, Produkt 0x2109 der nackte MS2109. Das Gerät enumeriert als UVC-1.00-Kamera plus USB-Audio plus ein vendor-spezifisches HID-Interface. Genau dieses HID-Interface ist später der Schlüssel: darüber kommt man an das EEPROM und sogar an den Arbeitsspeicher des 8051 heran, ganz ohne Lötkolben am I²C-Bus.

Das Werkzeug: ms-tools

Die zentrale Referenz für alles, was mit MS2109 zu tun hat, ist das Projekt ms-tools von Bertold Van den Bergh. Das ist eine kleine Goldgrube: EEPROM lesen und schreiben über die HID-Schnittstelle, Live-Zugriff auf den XDATA-Speicher zur Laufzeit (per eingeschleustem 8051-Patch-Code), das Werkzeug mshack zum Injizieren eigener 8051-Routinen, Ghidra-Skripte mit teildisassemblierter Firmware und ein dump-rom, das den kompletten 64-KiB-Mask-ROM ausliest.

Auf Ubuntu 24.04 ist das schnell gebaut:

sudo apt install golang-go libhidapi-dev libudev-dev
git clone https://github.com/BertoldVdb/ms-tools.git
cd ms-tools/cli && go build -o ../msctl .

Der EEPROM-Dump und eine erste Korrektur

Manche MS2109-Revisionen mögen das übliche RAM-Patching nicht, das ms-tools für komfortable Zugriffe nutzt. Mit --no-patch liest der Dump trotzdem sauber, weil dann der rohe HID-Pfad ohne vorgeschaltete Firmware-Manipulation genommen wird:

msctl --raw-path /dev/hidraw8 --no-patch read EEPROM 0 2048 --filename=dumps/eeprom-vga-raw.bin

Von den 2048 Bytes sind nur 962 belegt. Die Aufteilung sieht so aus:

OffsetGrößeInhalt
0x000 bis 0x00F16 BHeader: Magic a5 5a, dann Build-Datum 19 11 20 00 = 2019-11-20
0x010 bis 0x02F32 BVendor-Strings im Pascal-Format: AFN_Cap video, AFN_Cap audio
0x030 bis 0x07974 B8051-Patch-Code #1 (ROM-Hook-Routinen)
0x07A bis 0x179256 BVollständige EDID (128 Base plus 128 CTA-861-Extension)
0x17A bis 0x3C1584 B8051-Patch-Code #2, Keil-C51-kompiliert

Die ersten Bytes mit dem Hexeditor angeschaut, da steht die Geschichte schon drin:

0000  a5 5a 03 8e 09 10 ff ff ff ff ff ff 19 11 20 00   .Z............ .
0010  0e 41 46 4e 5f 43 61 70 20 76 69 64 65 6f ff ff   .AFN_Cap video..
0020  0e 41 46 4e 5f 43 61 70 20 61 75 64 69 6f ff ff   .AFN_Cap audio..
0030  90 de 07 ef f0 12 cd d6 90 de 07 e0 ff 02 cf 25   ...............%

Das 0e vor jedem String ist die Pascal-Längenangabe (14 Zeichen). Ab 0x30 beginnt der erste 8051-Patch-Block. Spannend ist die EDID-Sektion ab 0x07A. Mein erster Analyse-Versuch ging davon aus, der klassische EDID-Header 00 FF FF FF FF FF FF 00 sei wegoptimiert und werde erst zur Laufzeit ergänzt. Das war falsch. Nach dem Mask-ROM-Dump und einem genaueren Blick steht der Header sauber im EEPROM. Solche Korrektur-Momente sind mir lieber als ein zu glattes Narrativ, also schreibe ich sie hier auch hin.

Die EDID selbst enthält einen Monitor-Namen MACROSILICON (EDID-Descriptor mit Tag 0xFC), als erstes Detailed-Timing 1280×720 bei 60 Hz mit 74,25 MHz Pixeltakt, ein zweites Timing 1280×768, dazu eine CTA-861-Extension mit nativem VIC=4 (720p60) plus VICs für 1080p60, 1080i, 720p50, 480p und 576p. Es gibt sogar einen HDMI-VSDB-Block mit dem OUI 00:0C:03 von HDMI Licensing und einer Source Physical Address. Eine VGA-only-Platine, die HDMI-Strukturen in ihrer EDID trägt. Das ist schon der erste deutliche Fingerabdruck der gemeinsamen Codebasis.

Der Mask-ROM verrät die Herkunft

Der eigentliche Programmcode des 8051 liegt in einem nicht beschreibbaren Mask-ROM. dump-rom lädt dafür eigenen 8051-Code in den USERRAM, der per MOVC den ROM ausliest und über HID zurückschiebt:

msctl --raw-path /dev/hidraw8 --no-patch dump-rom dumps/maskrom-vga.bin

64 KiB komplette CODE-Memory, davon rund 36 KiB belegt im Bereich 0x0000 bis 0x8FFF und weitere 12 KiB ab 0xC000. Die Highlights:

  • 0x7738: eine zweite, im ROM fest verdrahtete Default-EDID, intakt mit Standard-Header, Hersteller-ID „HJW“ und Monitor-Name „HDMI TO USB“. Das ist der Beweis: diese Firmware wurde ursprünglich für den HDMI-Bruder geschrieben.
  • 0x77A9: der ASCII-String „HDMI TO USB“ noch einmal direkt.
  • 0x7087 und 0x709B: die USB-String-Descriptor-Fallbacks „USB Video“ und „USB Digital Audio“ in UTF-16LE. Diese beiden werden uns gleich noch ärgern.
  • 0x0000: der Reset-Vector 02 41 49, also LJMP 0x4149.
  • Ein LCALL 0xCC10 bei ROM-Adresse 0x478F: das ist der zentrale Einstieg vom Mask-ROM in den EEPROM-Patch-Code, der zur Laufzeit in den RAM kopiert wurde.

Der Bootloader kopiert dabei die EEPROM-Bytes ab Offset 0x30 in den USERRAM ab Adresse 0xCBD0. Die Strings-Sektion 0x10 bis 0x2F wird explizit nicht mitkopiert. Die Patch-Firmware liest die Strings stattdessen zur Laufzeit direkt per I²C aus dem EEPROM und baut daraus die USB-String-Descriptoren an festen RAM-Adressen zusammen. Diese Mapping-Tabelle ist der Kern, um den herum sich die ganze Bastelei dreht:

EEPROMCode-RAMWas
0x0300xCC00Patch #1, kleine Hook-Routinen
0x07A0xCC4AEDID-Header 00 FF FF FF FF FF FF 00
0x0800xCC50EDID-Body
0x0FA0xCCCACTA-861-Extension
0x17A0xCD4APatch #2, C51-Startup
0x1800xCD50MOV SP,#0x3B; LJMP 0xCD91
0x1C10xCD91main() der Patch-Firmware

Erkenntnis 1: Die EDID lügt der Quelle einen Monitor vor

Über die DDC-Leitungen am VGA-Stecker (Pins 12 und 15) präsentiert der Dongle dem Quell-PC eine EDID. Damit gibt sich das Gerät als Monitor namens „MACROSILICON“ mit 720p60 als nativer Auflösung aus. Genau deshalb liefert ein Quell-PC, an dem gar kein echter Monitor hängt, trotzdem ein sinnvolles Bild: er glaubt, ein 720p-Display gefunden zu haben. So weit, so clever.

Erkenntnis 2: Das „1080p“ ist Marketing

Die UVC-Frame-Tabelle im Mask-ROM listet zwar brav 1920×1080 mit 30 fps als MJPEG. Die Realität sieht anders aus. Mit v4l2-ctl lässt sich die Format-Liste auslesen:

$ v4l2-ctl -d /dev/video2 --list-formats-ext
[0]: 'MJPG' (Motion-JPEG, compressed)
  Size: Discrete 1920x1080    30/25/20/10/5 fps
  Size: Discrete 1280x720     60/50/30/20/10 fps
  Size: Discrete 1024x768     60/50/30/20/10 fps
[1]: 'YUYV' (YUYV 4:2:2)
  Size: Discrete 1920x1080    5 fps
  Size: Discrete 640x480      30/20/10/5 fps

Unkomprimiertes YUYV bei 1080p ist auf magere 5 fps gedeckelt. Das native Detailed-Timing der EDID ist 720p60, das 1080p wird intern hochskaliert. Und USB 3.0 ist nirgends, der Chip kann nur High-Speed. Drei Behauptungen auf der Verpackung, drei mal geschummelt. Auf die 5-fps-Grenze komme ich am Ende noch genauer zurück, die hat einen sehr konkreten technischen Grund.

Erkenntnis 3: Kein DOS, und das lässt sich nicht reparieren

Jetzt zum eigentlichen Frustpunkt, der Grund, warum mein DOS-Plan scheiterte. Die UVC-Frame-Tabelle enthält keine 70-Hz-Modi. Ein DOS-BIOS gibt aber im Standard-VGA-Textmodus 720×400 bei 70 Hz aus. Das analoge Frontend, der MS9288A, könnte dieses Signal vermutlich locken, der Horizontaltakt von 31,469 kHz ist derselbe wie bei 640×480 bei 60 Hz. Aber die MS2109-Firmware bietet schlicht keinen passenden UVC-Frame-Mode an, an dem ein Aufnahmeprogramm andocken könnte.

Und das Bittere: im EEPROM kann man das nicht reparieren. Die Frame-Tabelle liegt im nicht-flashbaren Mask-ROM. Das EEPROM steuert nur EDID, Strings und ein paar Patch-Routinen, nicht die Liste der angebotenen Auflösungen. Wer mit so einem Dongle echte DOS-Signale aufnehmen will, kommt um eine vorgeschaltete Scaler-Box nicht herum. Mehr dazu am Ende.

Was wir trotzdem geändert haben: die EDID

Wenn die Frame-Tabelle schon unantastbar ist, dann wenigstens die EDID anfassen. Ich habe das erste Detailed-Timing von 720p60 auf 1920×1080 bei 60 Hz umgeschrieben (148,5 MHz Pixeltakt, das Standard-CEA-861-1080p60-Timing), die EDID-Checksumme neu berechnet und das EEPROM zurückgeflasht. Das neue DTD #1 sieht so aus:

02 3a 80 18 71 38 2d 40 58 2c 45 00 00 00 00 00 00 1e

Nach einem Replug liefert das Gerät die modifizierte EDID. Zumindest dachte ich das. Ob sie auch wirklich bei einer Quelle ankommt, war eine ganz eigene Odyssee, dazu komme ich beim A/B-Test. Vorweggenommen: Die Mod tut technisch genau das, was sie soll, sie ändert nur am Ende nichts an dem, was aufgenommen wird. Eine reine „ich sage der Quelle, ich kann 1080p“-Kosmetik.

Was NICHT geklappt hat: die Strings

Das ist der lehrreichste Teil des Projekts, gerade weil er bis heute offen ist. Ich wollte die USB-Function-Strings ändern, aus dem hässlichen „AFN_Cap video“ sollte ein sauberes „VGA Capture HD“ werden. Das EEPROM-Schreiben verifiziert sauber per Readback-Hash. Die EDID-Mod aus demselben Reflash funktioniert. Aber die Strings fallen nach dem Replug auf die ROM-Defaults „USB Video“ und „USB Digital Audio“ zurück. Irgendetwas in der Firmware sagt „nein“.

Also empirisch rangegangen, drei Single-Byte-Tests in der Strings-Region 0x10 bis 0x2F: einmal ein ASCII-Zeichen geändert, einmal ein FF-Padding-Byte, einmal das Längen-Byte. Jeder einzelne dieser Eingriffe löst den Fallback aus. Egal welches Byte, egal welcher Inhalt. Das ist eine klare Indikation für ein Content-Gate über die gesamte 32-Byte-Region, nicht für eine simple Längen- oder Inhaltsprüfung an einer Stelle.

Ein Gegencheck zur eigenen Analyse hat ein paar Punkte geschärft. Die Bytes 0x02 und 0x03 (03 8E) sind verifiziert die Payload-Länge und keine Checksumme: 910 Bytes ab 0x30 reichen bis 0x3BD, exakt bis vor den End-Marker. Der Verdacht: ein lokales Validierungs-Gate auf den 32-Byte-Strings-Slots, wahrscheinlich ein Hash oder ein Exact-Content-Compare in einem ROM-Helper, nicht im Patch-Code selbst. Ein Quervergleich mit dem usbkvm-Projekt zeigt dasselbe Header-Muster bei verwandter Hardware.

Der spannendste Nebenbefund kam aus einem XDATA-Boot-Trace bei 0xC630 bis 0xC67F: die „AFN_Cap“-Strings landen gar nicht dauerhaft im RAM. Was dort steht, ist die Fallback-Variante. Die echten Strings werden erst zur Laufzeit beim USB-GetDescriptor aus dem EEPROM gebaut, und genau in diesem Moment greift offenbar das Gate. Wer das knacken will, müsste den USB-Control-Transfer mit usbmon und Wireshark während der Enumeration mitschneiden, die ROM-Helper bei 0x6345 und Nachbarn disassemblieren, oder mit mshack einen Bypass-Patch auf den Fallback-Branch setzen. Der schnellste Weg wäre allerdings, ein vom offiziellen MacroSilicon-Windows-Tool editiertes EEPROM byteweise gegen mein eigenes zu diffen. Dieses Tool schreibt vermutlich versteckte Metadaten mit, die das öffentliche Reverse-Engineering noch nicht dokumentiert hat. Das ist mein heißester Kandidat fürs Strings-Mysterium, aber bisher unbewiesen.

Der A/B-Test, oder: die Suche nach einer ehrlichen VGA-Quelle

Ich wollte zwei Dinge empirisch klären. Erstens: Kommt die modifizierte 1080p-EDID überhaupt bei der Quelle an? Zweitens: Löst das Ding echtes 1080p auf oder ist das hochskalierter Matsch? Beides braucht eine VGA-Quelle, die ihre DDC-Leitung auch wirklich ausliest. Das war schwerer zu finden als gedacht.

Erster Anlauf, ein Notebook mit „VGA-Out“. Plot-Twist: der VGA-Anschluss lief über einen aktiven DisplayPort-auf-VGA-Adapter und tauchte als DP-4 auf. Der Adapter liefert ein eigenes synthetisches EDID („NVD“, „LCD_VGA“, 1280×1024). Das ist nicht das EDID aus dem Dongle. Der EDID-Pfad vom Dongle bis zur GPU ist also unterbrochen. Erste Lehre: aktive DP-auf-VGA-Adapter verhalten sich wie eine eigene EDID-Quelle und maskieren alles dahinter.

Zweiter Anlauf, ein ThinkPad L560 mit echter VGA-Buchse hinten. Wieder gescheitert, und zwar aus einem prinzipiellen Grund. Ab Haswell und Skylake hat Intel den analogen RAMDAC komplett aus der GPU geworfen. Die physische VGA-Buchse hängt an einem Onboard-DP-auf-VGA-Bridge-Chip. Der Kernel verrät es selbst:

$ xrandr --verbose | grep -i subconnector
        subconnector: VGA
$ cat /sys/class/drm/card1-DP-2/edid | wc -c
0

Null Byte EDID. Die Bridge reicht das DDC vom Dongle nicht durch, der Connector bietet nur die VESA-Default-Modi an. Exakt dasselbe Problem wie beim ersten Notebook, nur diesmal onboard statt als Dongle. Auf beiden getesteten Bridge-Pfaden kam die EDID des Capture-Sticks nicht zur Quelle durch. Als Trend lässt sich sagen: neuere Intel-Notebooks haben den analogen RAMDAC verloren (der fiel etwa um Haswell und Broadwell, also rund 2013 bis 2015) und führen „VGA“ über DP-Bridges, die DDC abschneiden. Das als „kein Notebook taugt je“ zu verkaufen wäre übertrieben, es ist ein Trend, kein Beweis.

Ein netter Nebenbefund vom L560, den ich erst für einen kaputten Aufbau hielt: nach jedem Auflösungswechsel liefert der Dongle erstmal 1 bis 6 Sekunden ein komplett schwarzes Bild, bis die MS9288A-PLL wieder eingerastet ist. Ich hatte reihenweise schwarze Frames gegrabbt und schon den Analogpfad für tot erklärt. In Wirklichkeit hatte ich nur immer ins Re-Lock-Fenster reingeschossen. Mit 4 bis 6 Sekunden Settle-Zeit kommt das Bild stabil. Passt zur dokumentierten Sync-Trägheit des Chips.

Der A/B-Test selbst

Trotz blockiertem DDC habe ich den A/B durchgezogen, einfach um es schwarz auf weiß zu haben. Als Quelle ein 1920×1080-Testbild mit vier Quadranten aus 1-Pixel-Gittern: Schachbrett, vertikale Linien, horizontale Linien, Diagonale. Dazu grüne Eck-Marker, um sicher zu sein, dass der ganze Frame ankommt.

1920x1080-Testbild mit vier Quadranten aus 1-Pixel-Gittern und grünen Eck-Markern für den A/B-Test
Das Quell-Testbild: vier Quadranten mit 1px-Schachbrett, Vertikal-, Horizontal- und Diagonalgittern, dazu Eck-Marker.

Erst der Befund, der mich am meisten interessiert hat: 1px-Vertikallinien und Schachbrett kollabieren zu flachem Grau, das horizontale Feindetail ist weg. 1px-Horizontallinien und Diagonale zeigen schwache Resttextur. Die vertikale Auflösung kommt also weitgehend durch (jede Scanline ist eine eigene analoge Zeile), die horizontale ist deutlich begrenzt. Wichtiges Ehrlichkeits-Caveat: das ist die komplette Analogkette, also Bridge-DAC im L560, Kabel und MS9288A-ADC zusammen. Mit diesem Aufbau lässt sich nicht sauber trennen, wieviel davon der Dongle ist.

Dann der eigentliche EEPROM-A/B. EEPROM gegen das Original-Backup getauscht, Readback-Hash jedes Mal verifiziert. Etwas, das ich erst lernen musste: nach dem Flashen muss der Dongle einmal physisch ab- und wieder angesteckt werden. Ein reiner USB-Bus-Reset reicht nicht, der 8051 läuft einfach weiter und liest das neue EEPROM gar nicht ein. Software-seitig ging das nicht (kein schaltbarer Port), also von Hand. Die Zahlen, ImageMagick MAE auf einer Skala von 0 bis 1:

VergleichMAEpro 255
Rauschen mod3 (zwei Aufnahmen, gleiches EEPROM)0,00411,05
Rauschen Original0,00431,10
mod3 gegen Original0,00711,82

Der Cross-Wert liegt nur minimal über dem Rauschpegel. Das maximal verstärkte Differenzbild zeigt keine strukturierte Änderung, nur MJPEG-Blockrauschen in den hochfrequenten Quadranten. Die kleine Differenz ist Re-Lock- und AGC-Varianz zwischen den Sessions, nicht das EDID.

Maximal verstärktes Differenzbild mod3-EDID gegen Original-EDID, nur MJPEG-Blockrauschen, keine strukturierte Änderung
Maximal verstärkte Differenz: mod3-EDID gegen Original-EDID. Nur Blockrauschen, keine Struktur. Die EDID-Mod ändert am Bild nichts.

Fazit des A/B: Die EDID-Mod von 720p auf 1080p verändert das aufgenommene Bild exakt null. Aus erstem Prinzip war das klar, die EDID ist das, was das Gerät der Quelle anbietet, sie steuert nicht den Aufnahmepfad. Aber jetzt steht es empirisch da.

Endlich eine echte Analog-Quelle, und zwei dicke Befunde

Dritter Anlauf, diesmal ein Desktop mit einer NVIDIA GeForce GT 630 (Kepler). Kepler hat noch einen echten analogen RAMDAC, über einen passiven DVI-I-auf-VGA-Adapter kommt echtes analoges VGA raus. Endlich die Hardware, die den Notebooks fehlte.

Befund 1: Die EDID-Mod ist sogar grundsätzlich für die Katz. Der NVIDIA-Treiber cached die analoge EDID hartnäckig (analoges VGA hat kein Hotplug), also einmal lightdm neugestartet für einen frischen Read. Das Ergebnis im Xorg-Log:

(--) NVIDIA(GPU-0): CRT-0: connected
(WW) NVIDIA(0): CRT-0 does not have an EDID

Der Dongle liefert auf seinem VGA-Eingang gar keine DDC und keine EDID. Sauber belegt: derselbe Adapter hat vorher die EDID eines echten Monitors gelesen (ein Fujitsu P24-9, mit 1920×1080 und physischen Maßen), der Adapter reicht DDC also durch. Es ist der Dongle, der nichts treibt. Das kippt eine Annahme aus meinen eigenen Notizen, wo stand, das Patch-Modul beantworte „wahrscheinlich“ DDC-Reads. Dieses „wahrscheinlich“ war nie gemessen.

Ehrlich bei der Konfidenz bleiben: hoch dafür, dass in diesem GT-630-Test keine lesbare EDID vom Dongle kam. Nur mittel für das universelle „keine Quelle sieht die EDID je“. Restzweifel, die ich noch nicht ausgeräumt habe: NVIDIA-Eigenheiten bei analogem DDC, ob die Dongle-DDC die 5 Volt auf VGA-Pin 9 braucht, oder ob der DDC-Responder erst nach Sync-Lock aufwacht. Ein Pin-9-Check plus Logic-Analyzer auf den Pins 12 und 15 (mit dem Fujitsu als Positiv-Kontrolle) würde es hart machen. Arbeitshypothese: auf dem getesteten echten Analogpfad präsentierte der Dongle keine lesbare EDID, vermutlich weil der VGA-DDC-Pfad in der geteilten HDMI/VGA-Codebasis schlicht nicht verdrahtet ist. HDMI hat HPD und DDC, VGA hier offenbar nicht.

Befund 2: Das „1080p“ ist vertikal echt, horizontal Fake. Mit echtem RAMDAC konnte ich endlich den Dongle-Anteil am Blur isolieren (eigene xorg.conf mit UseEDID false und forciertem 1080p-Modeline, NVIDIA lehnt xrandr-Modelines ab). Testbild: reine 1px-Schwarz-Weiß-Gitter per xsetroot. Das Resultat, gemessen als Standardabweichung der Luma (ein ideales Gitter liegt bei rund 128, flaches Grau bei 0):

1px-Gitter bei echtem Analog-1080pStd-Abw.Bedeutung
horizontale Linien119vertikal sauber aufgelöst
vertikale Linien0,6horizontal komplett verschmiert
Schachbrett0,55weg
Zweifach-Zoom dreier Ausschnitte: vertikales Gitter grau verschmiert, horizontales Gitter scharf, Schachbrett grau
Echte Analog-Quelle (GT 630): links das vertikale 1px-Gitter zu Grau verschmiert, mittig horizontale Linien gestochen scharf, rechts das Schachbrett weg.

Der Dongle hat also echte 1080 Zeilen vertikal, aber horizontal kommt weit weniger als 1920 Pixel an. Und weil hier kein Bridge mehr dazwischen sitzt: der Blur ist der Dongle selbst, nicht das billige Notebook. Das ist die belastbare Aussage.

Den Mechanismus habe ich auf einen Vorschlag aus dem Gegencheck hin gleich nachgemessen, ein Phasen- und Balkenbreiten-Test. Das 1px-Gitter ist bei Phase 0 und Phase 1 gleich grau (Std-Abw. 0,18 gegen 0,19), ein PLL- oder Phasen-Mislock ist damit ausgeschlossen, sonst würde der 1px-Versatz den Kontrast kippen. Und der Kontrast steigt sauber mit der Balkenbreite: 1px liegt bei rund 0, 2px bei 35, 3px bei 61, 4px bei 79 (Ideal rund 128). Das ist die klassische Tiefpass-Signatur, also ein echtes Horizontal-Auflösungs-Limit und kein Lock-Artefakt. Ob das an der ADC-Abtastrate oder an einem internen Rescale liegt, kann ich noch nicht trennen, aber beides heißt: der Dongle begrenzt die Horizontalauflösung.

Auflösungs-Rampe von 1px bis 4px Balkenbreite, der Kontrast steigt von flachem Grau zu klaren Streifen
Balkenbreiten-Rampe: 1px bleibt grau, ab 2px wird Kontrast sichtbar. Klassische Tiefpass-Signatur, ein echtes Horizontal-Limit.

Warum YUYV bei 1080p nur 5 fps macht

Zum Schluss noch die berüchtigte 5-fps-Grenze, diesmal gemessen statt aus der Tabelle abgeschrieben (Quelle GT 630 bei 1080p60, v4l2-ctl --stream-mmap):

Format bei 1920×1080gemessen
MJPEG29 fps (Tabelle: 30)
YUYV (unkomprimiert)exakt 5,0 fps

Meine erste Erklärung mit „ungefähr 40 MB/s USB-2.0-Bandbreite“ war zu schludrig. Der genaue Grund ist das Payload-Limit des isochronen UVC-Endpoints. Das größte Altsetting des Video-Endpoints ist 3 mal 1024 Bytes pro Microframe, also 24,576 MB/s (steht so im lsusb -v). Unkomprimiertes YUYV bei 1080p sind 1920 mal 1080 mal 2 Bytes, also 4,15 MB pro Frame. Die Firmware-Frametabelle ist genau so gewählt, dass die YUYV-Raten knapp darunter passen:

  • 1080p mal 5 fps = 20,7 MB/s
  • 720p mal 10 fps = 18,4 MB/s
  • 480p mal 30 fps = 20,7 MB/s

Also keine generische „USB-2.0-Bandbreite“, sondern der High-Speed-Isoch-Endpoint plus die fest verdrahteten Frametabellen. MJPEG komprimiert vorher, deshalb bleiben dort 30 fps bei 1080p und bis zu 60 bei 720p und darunter. Klare Ansage: am MS2109 ist MJPEG bei hoher Auflösung Pflicht. Und „USB 3.0″ auf der Verpackung ist und bleibt gelogen, das Ding enumeriert als USB-2.0-High-Speed, ohne SuperSpeed.

Stabiles Device-Naming per udev

Damit das Gerät im Alltag immer unter demselben Pfad auftaucht, eine udev-Regel. Die Regeln stehen bewusst jeweils auf einer Zeile, weil mehrzeilige Fortsetzungen mit Backslash schnell zur Fehlerquelle werden:

# /etc/udev/rules.d/70-vga-capture-ms2109.rules
SUBSYSTEM=="video4linux", ENV{ID_VENDOR_ID}=="534d", ENV{ID_MODEL_ID}=="2109", ENV{ID_V4L_PRODUCT}=="*AFN_Cap*", ATTR{index}=="0", SYMLINK+="video-vga"
SUBSYSTEM=="hidraw", ATTRS{idVendor}=="534d", ATTRS{idProduct}=="2109", ATTRS{product}=="USB3.0 Capture", GOTO="ms2109_vga_end"
SUBSYSTEM=="hidraw", ATTRS{idVendor}=="534d", ATTRS{idProduct}=="2109", SYMLINK+="hidraw-vga", MODE="0660", GROUP="plugdev"
LABEL="ms2109_vga_end"

Die GOTO-Konstruktion ist nötig, weil ATTRS{product}!="..." nicht so funktioniert, wie man denkt. udev sperrt die Attribut-Suche auf einen Parent-Device-Walk, und „Fehlen eines Attributs“ verhält sich anders als ein echtes Ungleich. Deshalb der Umweg über ein positives Match plus Sprungmarke.

Fazit, und der Workaround der wirklich hilft

Was bleibt? Der Dongle ist ein nettes Studienobjekt, aber für mein ursprüngliches Ziel, alte DOS-Signale aufnehmen, ist er unbrauchbar. Es gibt keine 70-Hz-Modi, und reparieren lässt sich das nicht, weil die Frame-Tabelle im Mask-ROM festgebrannt ist. Das „1080p“ ist horizontal Marketing, „USB 3.0″ eine glatte Lüge, und die EDID-Mod ist auf dem getesteten Analogpfad wirkungslos, weil der Dongle gar keine EDID treibt. Drei Korrektur-Momente gegenüber meinen ersten Annahmen, alle drei lehrreicher als wenn alles gleich funktioniert hätte.

Wer wirklich exotische VGA-Signale wie DOS-Textmodi sauber aufnehmen will, schaltet eine externe Scaler-Box vor. Mein Tipp ist GBS-Control, eine offene Firmware für die rund 20 Euro teuren GBS-8200-Boards. Sie nimmt das krumme Quellsignal, lockt sauber und gibt ein normgerechtes Bild aus, das jeder Capture-Stick frisst. Die andere Liga ist der Open Source Scan Converter, dessen Firmware-Update ich hier schon beschrieben habe. Wer es noch günstiger mag, fängt einen gebrauchten Extron-Scaler aus einer Konferenzraum-Ausmusterung.

Offen bleibt das Strings-Mysterium (ohne das Vendor-Tool komme ich an den Gate-Algorithmus nicht ran), die Disassembly des zweiten Patch-Blocks in Ghidra, ein Latenz-Benchmark für den Einsatz als KVM-Console-Viewer, und der finale DOS-Test mit GBS-Control davor. Material für einen zweiten Teil ist also reichlich da.

Siehe auch:

Habt ihr selbst schon so einen MS2109-Stick auseinandergenommen oder das Strings-Gate geknackt? Dann lasst es mich gerne wissen, ihr dürft mich jederzeit fragen.

LCR-T4-Plus v2: m-firmware flashen, Display-Tuning und die 8-MHz-Quartz-Falle

Vor ein paar Wochen habe ich hier den TC1 Multifunction Tester mit der quelloffenen m-firmware geflasht. Seitdem liegt ein zweiter Bauteiltester aus genau dem gleichen Dunstkreis bei mir auf dem Tisch: ein LCR-T4-Plus mit gelber Platine, eingebautem ZIF-Sockel und Beschriftung „91make.taobao.com“ auf der Rückseite. Das billige Gegenstück zum TC1, vom selben Hersteller-Cluster, gleiche Firmware-Familie. Eigentlich ein gemütlicher Folge-Sonntag, dachte ich.

Aufgeklappter LCR-T4-Plus v2 mit ZIF-Sockel, blauem Start-Button und ISP-Header mit vertauschten Silkscreen-Labels
Ausgangslage: aufgeklapptes Display, ZIF-Sockel, blauer Start-Button. Rechts vom Button der ISP-Header mit den (falsch beschrifteten) Silkscreen-Labels.

Zur Vorgeschichte gehört ein erster T4-Plus, den ich vor Jahren mal gekauft hatte. Das Gerät arbeitet bis heute, sein Display allerdings ist tot. Der COG-Controller unter dem Epoxy-Klecks auf dem ST7565R hat aufgegeben, der MCU lebt noch, aber zeigen kann er nichts mehr. Vor ein paar Wochen habe ich aus einer Resterampe ein zweites Exemplar geordert, gleicher Aufdruck, gleiche PCB-Revision. Plan: einmal Backup-Flash und dann beide Geräte parallel mit m-firmware betreiben, eines als Bastelreserve.

Aus „schnell mal das gleiche Flash-Profil wie beim ersten T4-Plus drüberbügeln“ wurde ein ganzer Nachmittag mit komplett schwarzem Display, abgeschnittenem Cursor, einem Tester der sich beim Loslassen des Buttons sofort wieder ausschaltet und am Ende der Erkenntnis, dass die zentrale Falle nicht in der Firmware steckt, sondern in einem winzigen Bauteil neben dem MCU.

Was steckt im T4-Plus v2?

Anders als der TC1 mit seinen zwei Chips (ATmega plus STC für das Power-Management) ist der T4-Plus ein Single-MCU-Design. Auf der Rückseite klebt genau ein nennenswerter Halbleiter, der Rest ist Spannungsteiler, drei Transistoren für die Power-Latch-Schaltung und der Quartz.

PCB-Rückseite des T4-Plus v2 mit ATmega328P, 8-MHz-Quartz und 9V-Block-Anschluss
Rückseite des PCB mit dem ATmega328P, dem silbernen Quartzblock daneben (8 MHz, nicht 16 wie beim ersten Exemplar!) und dem 9V-Block-Anschluss.
Mikroskop-Closeup auf den ATmega328P-U-TH mit Date-Code 2009SG8
Close-up unter der Lupe: ATMEL MEGA328P-U-TH, Date-Code 2009SG8. Originalsilizium von Atmel/Microchip, kein LGT8F328-Klon wie auf manchen jüngeren Boards.

U1: ATmega328P-U-TH im TQFP-32-Gehäuse, Signatur 0x1e950f, 32 KB Flash, 2 KB SRAM, 1 KB EEPROM. Der Date-Code 2009SG8 stammt aus 2020, Production-Code-Pattern passt zu echtem Microchip-Silizium. Auf gefälschten Klonen sieht das Lasermarkings-Pattern deutlich anders aus, das Schriftbild ist hier sauber, also passt das.

Der Display-Controller sitzt unter dem schwarzen Epoxy-Blob auf dem LCD selbst und ist ein ST7565R mit 128 mal 64 Pixel monochromem STN-Panel, gelb-grüne Hintergrundbeleuchtung. Klassische COG-Bauform. Daten kommen seriell über vier GPIO-Leitungen rein. Kein I2C, sondern SPI-Bitbang vom MCU getrieben.

Stromversorgung läuft über einen 9V-Block mit Spannungsteiler 10k zu 3.3k auf einem ADC-Pin. Bedienelement: ein einziger blauer Start-Button, kein Drehgeber, kein IR-Empfänger, kein USB. Das Ding ist ein Wegwerf-Standalone im besten Sinne, nichts dran was schiefgehen kann.

Und dann ist da noch dieser kleine silberne Quartzblock direkt neben dem MCU. 8.000 steht da. Acht Megahertz. Beim ersten T4-Plus von vor Jahren habe ich 16 MHz im Hinterkopf, ich notiere mir die 8 MHz pflichtbewusst, denke aber „nett, anderer Quartz“ und mache ansonsten erstmal weiter. Spoiler: genau dieser Eintrag wird Stunden später zum Schlüssel.

ISP-Header finden, und der Aufdruck lügt

Der ISP-Header sitzt versteckt unter der Display-Platine, ein simples 2×3-Pad-Grid ohne aufgelötete Stiftleiste. Auf der Rückseite finden sich Silkscreen-Hinweise: mis, mosi, sck, reset, plus die beiden Stromversorgungspads. Lustig: bei diesem Board sind die beiden Datenleitungen vertauscht beschriftet. Was als mis markiert ist, trägt physisch MOSI; das mosi-Pad ist tatsächlich MISO.

Aufgefallen ist mir das beim ersten Signatur-Read mit dem Arduino Uno als ISP-Programmer. Wenn man stur nach Silkscreen verkabelt, antwortet der Chip mit lauter 0x00. Sobald die Leitungen getauscht werden, kommt eine saubere Signatur. Heißt für die Praxis: bei diesem Board nicht auf den Aufdruck verlassen, sondern Pin für Pin mit dem Durchgangsprüfer gegen die Chip-Pins verifizieren. Standard-ISP-Pinout auf dem ATmega328P im TQFP-32 ist Pin 17 MOSI, Pin 18 MISO, Pin 19 SCK, Pin 29 /RESET.

Arduino Uno als ISP-Programmer am ISP-Header des T4-Plus v2
Arduino Uno mit ArduinoISP-Sketch als Programmer. Display zur Seite geklappt, vier Datenleitungen plus 5V und GND. Genauso wie beim TC1, gleiche Hardware, gleiche Flag-Kombination.

Verkabelung an den richtigen Pads (Arduino-seitig), gilt für beide T4-Plus-Boards:

Arduino D10  ->  RESET   (T4-Plus Pad RESET)
Arduino D11  ->  MOSI    (T4-Plus Pad „mis"   bei diesem Klon!)
Arduino D12  ->  MISO    (T4-Plus Pad „mosi"  bei diesem Klon!)
Arduino D13  ->  SCK     (T4-Plus Pad SCK)
Arduino 5V   ->  VCC
Arduino GND  ->  GND

Sobald die Signatur sauber kommt, ist die halbe Miete drin:

$ avrdude -c avrisp -p m328p -P /dev/ttyACM0 -b 19200 -B 32 -v 2>&1 | grep -i sig
avrdude: Device signature = 0x1e950f (probably m328p)

Backup der Original-Firmware

Beim TC1 ging das Backup nicht, weil die Lock-Bits auf 0xC0 standen und das Auslesen geblockt haben. Beim T4-Plus v2 habe ich Glück: Lock-Byte ist 0xFF, also komplett offen. Vor dem ersten Flash zieht man sich also bitte unbedingt das Original einmal komplett herunter, Flash und EEPROM:

avrdude -c avrisp -p m328p -P /dev/ttyACM0 -b 19200 -B 32 
        -U flash:r:t4plus2-original-flash.hex:i 
        -U eeprom:r:t4plus2-original-eeprom.hex:i 
        -U lfuse:r:-:h -U hfuse:r:-:h -U efuse:r:-:h -U lock:r:-:h

Fuses kamen so zurück: lfuse=0xF7, hfuse=0xD9, efuse=0xFD, lock=0xFF. Hat man das im Kasten, kann man auch beruhigt herumprobieren. Notfalls geht es per avrdude -U flash:w: jederzeit wieder auf den Auslieferungszustand zurück.

Erster Flash und ein völlig schwarzes Display

Quelle für die neue Firmware ist wie beim TC1 die m-firmware von madires, aktuell Version 1.56m. Im Repo liegt unter Software/Firmware/m-firmware/ der Source mit allen Config-Templates für die diversen MCU-Varianten. Für den ATmega328P ist das config_328.h, gemeinsame Optionen in config.h, build-Flags im Makefile.

Mein erster Anlauf orientierte sich an dem, was beim ersten T4-Plus damals funktioniert hatte. Display ST7565R aktivieren, BAT_DIVIDER mit 10k zu 3.3k, Short-Circuit-Menu an, MCU auf atmega328 (ohne das nachgeschobene P, sonst greift der #if defined(__AVR_ATmega328__)-Guard in config_328.h nicht und der Build wirft undefinierte BUTTON_PIN-Symbole), Frequenz pflichtbewusst auf FREQ = 16 wie beim ersten Board.

Make, flash, einschalten, und dann das hier:

Komplett dunkles ST7565R-Display nach erstem Flash mit Default FLAG_RATIO_65
Display nach erstem Flash mit Default-FLAG_RATIO_65: komplett dunkel. Klassisches Symptom eines zu hoch eingestellten internen LCD-Spannungsteilers.

Komplett schwarz. Kein Boot-Banner, keine Kontrast-Stufe, einfach nur eine schwarze Fläche. Mein erster Gedanke war natürlich: Display kaputt, gleicher Spaß wie beim ersten T4-Plus. Aber die Backlight-LEDs leuchten, und im Streiflicht erkennt man, dass die Pixel-Anordnung sichtbar ist, nur eben in „alle Pixel an“-Stellung. Das ist kein toter Controller, das ist ein lebender Controller mit zu hohem internem LCD-Bias.

Im m-firmware-Source liegt direkt ein Clones-Verzeichnis mit Hinweisen zu bekannten Klon-Variationen. Für den verwandten LCR-T5 steht dort genau dieser Workaround: bei manchen ST7565R-Panels ist der per Software gesetzte Bias zu hoch, der typische Default-Befehl CMD_V0_RATIO | FLAG_RATIO_65 muss runter auf FLAG_RATIO_55 oder sogar FLAG_RATIO_45. Geändert wird das in ST7565R.c in der Funktion LCD_Init():

/* set contrast: resistor ratio 5.5 */
LCD_Cmd(CMD_V0_RATIO | FLAG_RATIO_55);    /* statt FLAG_RATIO_65 */

Mit dieser einen Zeile ändert sich alles. Neuer Build, flashen, und siehe da, plötzlich sind tatsächlich Pixel sichtbar.

Display-Tuning: Orientierung, Kontrast und der abgeschnittene Cursor

„Pixel sichtbar“ heißt noch lange nicht „lesbar“. Was da auf dem Display erscheint, sind erstmal Hieroglyphen kopfüber, spiegelverkehrt, mit komischen Pixel-Mustern an Stellen, an denen eigentlich Zeichen stehen sollten. Das ist die klassische ST7565R-Inbetriebnahme: drei Defines steuern Orientierung und Kontrast, alle drei muss man am eigenen Panel kalibrieren.

//#define LCD_FLIP_X                /* horizontale Spiegelung */
//#define LCD_FLIP_Y                /* vertikale Spiegelung   */
#define LCD_CONTRAST     22         /* 0..63, 22 passt hier   */

Bei meinem Panel sind beide FLIP-Defines aus, was unintuitiv klingt aber stimmt. Der Kontrast landet final bei 22. Nach ein paar Build-Iterationen sieht das so aus:

Display mit korrektem Kontrast aber rechts abgeschnittenem Cursor-Symbol durch LCD_OFFSET_X
Zwischenstand: Orientierung und Kontrast passen, „1-||-3 .15pF“ gut lesbar. Aber das blinkende Cursor-Symbol rechts ist abgeschnitten, weil LCD_OFFSET_X den gesamten Inhalt um vier Pixel nach rechts schiebt.

Klassischer Fall: bestimmte ST7565R-Panel-Varianten brauchen einen X-Offset von vier Pixel, weil deren sichtbarer Bereich rechts beginnt. Andere wiederum nicht. Das Define LCD_OFFSET_X erzwingt genau diese Verschiebung. Mein Panel will sie nicht, also raus damit:

//#define LCD_OFFSET_X            /* deaktiviert: kein +4 Pixel Shift */
Display korrekt zentriert nach Deaktivierung von LCD_OFFSET_X
Nach dem Auskommentieren sitzt der Bildinhalt zentriert, der Cursor ist vollständig sichtbar. Erste komplette Messung lesbar: ein simpler Widerstand.

An dieser Stelle wäre die Geschichte normalerweise vorbei. Display tut, Buttons drücken, Messen, fertig. Wäre da nicht das Problem mit dem Einschalten.

Das Power-Latch-Drama

Der T4-Plus hat einen blauen Druckknopf. Den drückt man, der Tester bootet, misst, schaltet sich nach Inaktivität von alleine wieder ab. So weit der Plan. Mein frisch geflashtes Board allerdings macht etwas Ärgerliches: Knopf drücken, Display bootet kurz an, Knopf loslassen, sofort wieder aus. Das ist kein „Auto-Power-Off nach Timeout“, das ist „MCU verliert beim Loslassen die Stromversorgung“. Klassischer Power-Latch-Bug.

Erster Reflex: irgendein POWER_CTRL-Pin in der Config ist falsch. Die m-firmware hat einen Define für den Pin, an dem der MCU nach dem Boot ein HIGH-Signal anlegen muss, um sich selbst am Leben zu halten. Auf den meisten Boards heißt der Pin PD6 oder ähnlich. Also durchprobiert: PD6, PD7, PD4, PD3, alles was an freien Pins noch übrig ist. Kein Erfolg. Egal welcher Pin, sobald der Finger den Button verlässt, ist Schluss.

Zeit für die Multimeter-Tour über die Latch-Schaltung. Auf der Platine sitzen drei Transistoren um den Power-Knopf herum: Q1 ist ein S9015 (PNP), schaltet die 9V auf die Versorgung. Q2 und Q3 sind beide S9014 (NPN) und treiben gemeinsam mit dem Button-Kontakt die Basis von Q1. Durchgangsmessungen ergeben:

Pin 29 (/RESET) --- 27 kOhm --- Basis Q3
Basis Q3 --- Button-Kontakt --- GND
Kollektor Q3 --- Basis Q1 (über Pull-up)
Q1 schaltet 9V auf den 5V-Regler

Das ist also gar kein „Firmware schaltet POWER_CTRL HIGH“-Design. Die Latch-Schaltung ist passiv über die /RESET-Leitung des MCU aufgebaut. Solange der ATmega läuft, liegt /RESET auf HIGH (intern hochgehalten), und über den 27k zur Basis von Q3 bleibt der Transistor durchgesteuert, Q1 hält die Versorgung an. Drückt man den Button, zieht der Q3-Basis kurz auf GND-Potenzial Richtung positiv und triggert das Hochfahren über einen leicht anderen Pfad. Aber sobald der Boot durch ist und der MCU /RESET HIGH hält, läuft das Ganze von alleine.

Heißt: an meinem Board sollte das auch ohne firmware-seitiges POWER_CTRL funktionieren. Tut es aber nicht. Spannungsmessung unter Strom zeigt: Q3-Basis bleibt dauerhaft bei 0V, der Transistor schaltet nie sauber durch. Aber warum, wenn doch /RESET nach erfolgreichem Boot eigentlich HIGH sein müsste?

An dieser Stelle saß ich gefühlte zwei Stunden an dem Tisch und habe mit dem Multimeter zwischen MCU-Pinout, Transistor-Basen und 9V-Schiene hin- und hergemessen. Mein Verdacht war zwischendurch ein toter Transistor, ein kalter Lötpunkt, ein verkokelter Trace unter dem schwarzen Lötstopplack. Alles falsch.

Der Aha-Moment im Makefile eines fremden Forks

Irgendwann habe ich aus Verzweiflung angefangen, fremde Firmware-Forks für genau dieses Board zu lesen. Es gibt eine zweite quelloffene Linie neben der m-firmware: die k-firmware (das „k“ steht für Karl-Heinz Kübbeler, den Original-Autor), und davon wiederum diverse Forks. Einer davon ist Palingenesis‘ Fork mit einem dedizierten T4-v2-Build-Profil. Ich öffne dessen Makefile, und der Blick fällt auf eine einzelne Zeile:

OP_MHZ = 8

Acht. Megahertz. Genau die Zahl, die ich Stunden vorher auf dem Quartz gelesen und in mein Notizfeld geschrieben hatte. Genau die Zahl, deren Bedeutung ich nicht richtig zu Ende gedacht hatte. Mein Build der m-firmware lief mit FREQ = 16, weil ich davon ausgegangen war, dass das T4-Plus-Board immer 16 MHz Quartz hat. Tut es eben nicht. Beim zweiten Exemplar ist ein 8-MHz-Quartz drauf.

Was das praktisch bedeutet: wenn die Firmware glaubt, sie laufe auf 16 MHz, aber tatsächlich nur 8 MHz Takt verfügbar sind, läuft jede Operation effektiv mit halber Geschwindigkeit. Jedes Timer-Tick, jede Schleife, jede ADC-Konversion dauert doppelt so lang. Im Falle der Initialisierungssequenz heißt das: bis der MCU im Bootcode an der Stelle ist, an der POWER_CTRL HIGH gesetzt wird (oder bis /RESET stabil HIGH ausgegeben wird), ist das Zeitfenster, in dem der Button noch gedrückt ist, schon längst vorbei. Der Latch greift nicht, der Tester schaltet sich beim Loslassen ab.

Drei Buchstaben im Makefile geändert:

FREQ = 8

Neu kompiliert, geflasht. Knopf gedrückt. Display kommt. Knopf losgelassen. Display bleibt an. Der Tester hält sich selbst am Leben. Zwei Stunden Diagnose-Drama wegen einer einzigen Zahl im Makefile, die mit der eigentlichen Hardware nichts zu tun hatte, außer dass die Hardware halt ein anderer Quartz war als gedacht. Genau eine dieser Stellen, an denen man kurz aufsteht und sich was zu trinken holt.

Self-Adjustment und Werte ins Flash schreiben

Nach dem Power-Latch-Fix ist der Tester quasi nutzbar, aber die m-firmware meldet beim Boot „Checksum failure“ für die Adjustment-Werte im Flash. Das ist erwartbar, weil dort ja noch nie eigene Kalibrierwerte gespeichert wurden. Heilmittel: das Service-Menü aufrufen, Self-Adjustment durchlaufen, Werte abspeichern.

Voraussetzung ist, dass UI_SHORT_CIRCUIT_MENU in config.h aktiviert ist. Damit kommt man ins Menü, indem man beim Start alle drei Probes (1, 2, 3) miteinander kurzschließt. Der Tester erkennt das und blendet das Service-Menü ein:

Service-Menü des T4-Plus v2 via 3-Probe-Kurzschluss erreicht
Service-Menü via 3-Probe-Kurzschluss: PWM, IR detector, Opto Coupler, Test, Adjustment, Contrast, Save. Genau das, was man für eine saubere Inbetriebnahme braucht.

Erster Punkt ist „Test“, ein Selbsttest mit allen drei Probes. Anschließend „Adjustment“, da braucht man dann einen 1 µF-Kondensator zwischen Probe 1 und Probe 3. Der Tester misst seinen eigenen internen Ri-Wert, die Eingangskapazität, eine Referenzspannung. Am Ende „Save“, und die Werte landen via DATA_FLASH als Block im Programmspeicher (Self-Programming). Beim TC1 war das genauso, der einzige Unterschied: dort kommen die Daten in den 1 KB EEPROM. Beim T4-Plus reicht der Flash-Bereich und ich nutze DATA_FLASH stattdessen, weil das Self-Programming auf dem ATmega328P stabiler läuft als die EEPROM-Erase-Write-Sequenz.

Self-Adjustment-Ergebnis mit Ri-, Ri+, C0, R0, Vref, Vcc, AComp Werten
Self-Adjustment-Ergebnis: Ri- 20.8 Ω, Ri+ 23.4 Ω, C0 36 pF, R0 0.31 Ω, Vref 1097 mV, Vcc 5130 mV, AComp 0 mV. Werte ins Flash gespeichert, Checksum-Fehler beim nächsten Boot weg.

Diese Werte unterscheiden sich übrigens leicht von Board zu Board. Die Ri-Werte hängen an den konkreten Innenwiderständen der MCU-Ausgangsstufen, C0 und R0 an den Probe-Leitungslängen, Vref am internen Bandgap. Wer die Hex eines anderen Geräts mit dessen Flash-Region 1:1 auf sein eigenes flasht, übernimmt also fremde Kalibrierdaten, die zu falscher Mess-Anzeige führen können. Lieber einmal selbst kalibrieren.

3D-gedrucktes Gehäuse statt nackte Platine

Das Original-T4-Plus kommt ohne Gehäuse, nur die nackte Platine. Für den TC1 gab es ja damals zumindest noch eine billige Plastik-Halbschale, hier ist nicht mal das dabei. Auf Makerworld liegt ein passendes Modell von „LeoNerd“ mit der ID 1891431, „Case for LCR-T4 Component Tester“. Drei Teile: Unterschale, Frontblende mit ZIF-Sockel-Ausschnitt und Display-Fenster, Batterie-Klappe.

3D-gedruckte PETG-Gehäuseteile direkt von der Druckplatte für den LCR-T4-Plus
PETG, 0.2 mm Schichthöhe, fertig auf der Druckplatte. Drei Teile, kein Support nötig.

Ich habe das auf meinem Bambu Lab X1 Carbon in PETG ausgedruckt. PLA ginge auch, aber PETG ist hier ein bisschen weniger spröde, der Tester wird ja immer wieder mal in die Hand genommen. Maße passen direkt, das PCB sitzt sauber zwischen den Stegen, das Display fluchtet, der Button schaut zentrisch durch die Öffnung. Den 9V-Block fixiert die Klappe von hinten.

Finaler Funktionstest im Gehäuse

Fertig zusammengebauter T4-Plus v2 im 3D-Gehäuse mit Boot-Banner Component Tester v1.56m
Boot-Banner „Component Tester v1.56m“ im 3D-gedruckten PETG-Gehäuse. Knopf drücken, Display bleibt an, alles, was es braucht.
Boot-Screen mit korrekter Batteriespannungs-Anzeige Bat 9.61V ok
„Bat 9.61V ok / Probing…“, der BAT_DIVIDER mit 10k zu 3.3k stimmt und eine frische 9V-Batterie wird korrekt erkannt.

Ein paar Testmessungen mit Bauteilen aus der Schublade: 10k-Widerstände, ein paar 100 nF Kondensatoren, ein BC547 und ein paar LEDs. Alle Werte plausibel, BC547 wird mit korrekter Pin-Zuordnung als NPN-Transistor erkannt, hFE in der erwarteten Größenordnung. Damit ist das Gerät einsatzbereit.

Die finale Konfiguration zum Mitnehmen

Damit andere mit dem gleichen 91make-Klon nicht die gleichen drei Tage verbrennen müssen, hier alle Änderungen relativ zur unveränderten m-firmware 1.56m an einer Stelle gesammelt.

Makefile (Auszug, nur die geänderten Zeilen):

MCU    = atmega328       # NICHT atmega328p, sonst greift der Include-Guard nicht
FREQ   = 8               # 8 MHz Quartz auf der v2-Variante, nicht 16
PARTNO = m328p           # avrdude-Part bleibt m328p

config.h (gemeinsame Optionen, aktive Defines):

#define HW_REF25                   /* interne 2.5V-Bandgap-Referenz */
#define UI_AUTOHOLD                /* nach Messung auf Tastendruck warten */
#define UI_SHORT_CIRCUIT_MENU      /* Service-Menue via 3-Probe-Short */
#define POWER_OFF_TIMEOUT 60       /* Auto-Off nach 60 Sekunden Idle */
#define BAT_DIVIDER                /* externer 10k/3.3k-Teiler */
#define BAT_R1     10000
#define BAT_R2     3300
#define BAT_WEAK   7400            /* 7.4V Warnschwelle */
#define BAT_LOW    6400            /* 6.4V Abschaltschwelle */
#define DATA_FLASH                 /* Kalibrierdaten ins Programm-Flash */

config_328.h (ST7565R-Section, alles relevante an einem Stueck):

#define LCD_ST7565R
#define LCD_GRAPHIC
#define LCD_SPI
#define LCD_PORT     PORTD
#define LCD_DDR      DDRD
#define LCD_RESET    PD0
#define LCD_CS       PD5
#define LCD_A0       PD1
#define LCD_SCL      PD2
#define LCD_SI       PD3
#define LCD_DOTS_X   128
#define LCD_DOTS_Y   64
//#define LCD_OFFSET_X            /* AUS, sonst +4 Pixel Verschiebung */
//#define LCD_FLIP_X              /* AUS */
//#define LCD_FLIP_Y              /* AUS */
#define LCD_START_Y  0
#define LCD_CONTRAST 22
#define FONT_8X8_VF
#define SYMBOLS_24X24_VFP
#define SPI_BITBANG

ST7565R.c (genau eine Zeile in LCD_Init()):

/* set contrast: resistor ratio 5.5 */
LCD_Cmd(CMD_V0_RATIO | FLAG_RATIO_55);     /* war FLAG_RATIO_65 */

Flash-Befehl, identisch zum TC1 (nur die Hex-Datei ist eine andere):

avrdude -c avrisp -p m328p -P /dev/ttyACM0 -b 19200 -B 32 
        -U flash:w:ComponentTester.hex:i

Was ich aus dem Nachmittag mitnehme

Vier Punkte, die ich beim nächsten Klon-Tester sofort prüfen werde, statt wieder Stunden in der Diagnose zu verbringen:

  • Quartz mit der Lupe lesen bevor man die Frequenz im Makefile setzt. Identische PCB-Bezeichnung garantiert nicht den gleichen Takt. Bei diesem T4-Plus ist es 8 MHz, bei meinem ersten waren es 16 MHz. Zwei Boards, derselbe Aufdruck, verschiedene Bestückung.
  • ST7565R komplett schwarz nach erstem Flash ist fast immer ein zu hoher Bias und kein toter Controller. Erst FLAG_RATIO_65 auf FLAG_RATIO_55 oder FLAG_RATIO_45 ändern, dann weiter denken.
  • Silkscreen-Labels glauben, aber verifizieren. Auf dem v2-Board sind mis und mosi physisch vertauscht. Einmal Durchgangsprüfung gegen den MCU-Pin spart eine Stunde Frustration.
  • Vermeintliche Hardware-Fehler sind manchmal Build-Parameter. Ein Tester, der sich beim Loslassen ausschaltet, sieht aus wie eine kaputte Latch-Schaltung. War aber in Wirklichkeit nur die falsche CPU-Frequenz im Makefile, was den Boot-Code langsamer laufen ließ, als das mechanische Button-Zeitfenster es zuließ.

Repo und Quellen

Wie beim TC1 habe ich auch hier ein kleines Repo mit der fertigen Hex, den Config-Patches und einer README mit Schritt-für-Schritt-Anleitung gepackt: github.com/Kernel-Error/t4plus-v2-firmware-update. Lizenz folgt der m-firmware (EUPL v1.2), die Config-Patches sind als unified diff gegen die unveränderte 1.56m beigelegt.

Quellen, ohne die das nicht funktioniert hätte:

Siehe auch: TC1 Multifunction Tester mit Open-Source-Firmware (der Vorgänger-Beitrag, gleiche Firmware-Familie, mehr Drama bei der STC-Variante), Multifunktionstester für Elektronikbauteile (mein erster Eindruck von dieser Tester-Klasse 2019), xum1541-Firmware-Bug gefunden und gefixt (anderes Mikrocontroller-Firmware-Drama), OSSC Firmware-Update 1.21 (Firmware-Update an Open-Source-Hardware), Preciva 992D+ Lötstation (für alle die nach diesem Beitrag selber löten wollen).

Fragen, eigene T4-Plus-Klon-Varianten oder noch krummere Silkscreen-Vertauschungen gesehen? Gerne über die fragen-Seite oder als Issue im Repo.

TC1 Multifunction Tester: Open-Source Firmware flashen, kalibrieren und die Stolperfallen dabei

TC1 Multi-function Tester mit originaler M-Tester Firmware auf dem Display

Es gibt diese kleinen Bauteiltester aus China, die für 15 bis 20 Euro auf AliExpress oder Amazon rumschwirren. Der TC1, auch bekannt als LCR-TC1. Transistoren, Widerstände, Kondensatoren, MOSFETs, Dioden. Bauteil in den ZIF-Sockel stecken, Knopf drücken, fertig. Für den Preis eigentlich erstaunlich brauchbar. Aber die originale Firmware ist halt, sagen wir mal, solide Mittelklasse. Die Messgenauigkeit geht in Ordnung, aber nicht mehr, und die Zahl der erkannten Bauteile ist überschaubar. In der Open-Source-Welt gibt es zwei Firmware-Varianten für diese Tester: Die k-firmware als stabiles Original und die m-firmware von madires als aktiv weiterentwickelter Rewrite. Präzisere Messungen, mehr erkannte Bauteile, bessere IR-Protokollunterstützung, flexiblere Konfiguration und ein sauberes Menü mit Kalibrierung. Also habe ich mich drangesetzt.

Was als „schnell mal neue Firmware drauf“ geplant war, wurde ein mehrtägiger Abstieg in die Untiefen von STC-Microcontrollern, falschen Pinouts und parasitärer Stromversorgung. Aber der Reihe nach.

Was steckt im TC1?

PCB-Rueckseite des TC1 mit ATmega324PA Hauptprozessor und STC15L104W Power-Management-Chip

Auf der Rückseite der Platine sitzen zwei Chips, die man kennen muss:

Nahaufnahme des ATmega324PA-U-TH Chips auf der TC1-Platine

U1: ATmega324PA — der Hauptprozessor. Ein Atmel AVR im TQFP-44 Gehäuse, 32 KB Flash, 2 KB SRAM, 1 KB EEPROM. Hier läuft die eigentliche Tester-Firmware. Wird über ISP (In-System Programming) geflasht, also braucht man einen Programmer.

Nahaufnahme des STC15L104W (U4) Power-Management-Chips im SOP-8 Gehaeuse

U4: STC15L104W — ein winziger 8051-kompatibler Mikrocontroller im SOP-8 Gehäuse von STC Micro. Der macht das Power-Management: Einschalten per Tastendruck, automatisches Abschalten nach Timeout. Klingt trivial, ist aber der Chip, der mir die meisten Kopfschmerzen bereitet hat.

Beide Chips brauchen neue Firmware. Die m-firmware liefert die Hex-Dateien für beide: ComponentTester.hex für den ATmega und u4.hex für den STC. Klingt einfach. War es nicht.

Erster Versuch: Backup der Original-Firmware

Bevor man irgendwas überschreibt, will man natürlich ein Backup. Gute Idee, klappt nur nicht. Die Lock Bits des ATmega sind auf 0xC0 gesetzt. Das bedeutet: Lesen des Flash-Inhalts ist gesperrt. Man kann die Firmware löschen und neu schreiben, aber nicht auslesen. Kein Backup möglich. Also Augen zu und durch.

U4 flashen: Der schwierigste Teil

Der STC15L104W hat einen eingebauten UART-Bootloader. Klingt praktisch. Man braucht theoretisch nur einen USB-TTL Adapter, sendet das Hex-File und der Chip programmiert sich selbst. Theoretisch. In der Praxis muss der Chip für den Bootloader einen sauberen Power-Cycle bekommen, also Strom weg, Strom wieder an. Und genau hier fängt das Drama an.

Im eingelöteten Zustand liegt VCC des STC über den Button-Schaltkreis auf GND. Der Bootloader startet schlicht nicht. Der Chip muss raus.

Atten ST-862D Heissluft-Rework-Station zum Ausloeten des STC15L104W
Sugon T3602 Dual-Channel Loetstation mit Temperaturanzeige auf dem Arbeitsplatz

Also Atten ST-862D Heißluftstation raus, SOP-8 Chip bei 280°C vorsichtig von der Platine gehoben, Pads sauber gemacht. Zum späteren Wiedereinlöten dann die Sugon T3602. Für solche SMD-Arbeiten will man vernünftiges Werkzeug, mit einem 15-Euro-Lötkolben aus dem Baumarkt wird das nichts.

Der CH341 und seine 5V-Lüge

Erster Versuch: CH341 USB-TTL Adapter. Steht „3.3V“ drauf, also sollte das passen. Der STC15L104W ist ein 3.3V-only Chip, 5V auf den Datenleitungen wären sein Todesurteil. Also Multimeter dran, TX-Pin messen und… 5V. Auf dem TX-Pin. Trotz „3.3V“-Stellung. Der CH341 hat zwar einen 3.3V Spannungsregler für VCC, aber die Logikpegel auf TX bleiben bei 5V. Das steht nirgendwo auf dem Board, nirgendwo im Datenblatt des Adapters. Man muss es wissen oder messen.

Hätte ich nicht nachgemessen, wäre der STC jetzt Elektroschrott. Lektion gelernt: Immer nachmessen, nie dem Aufdruck vertrauen.

FT232RL USB-TTL Adapter mit Jumper auf 3.3V fuer das STC15L104W Flashing

Also einen FT232RL USB-TTL Adapter bestellt. Der hat einen echten 3.3V/5V Jumper, der tatsächlich auch die Logikpegel umschaltet. Nachgemessen: TX bei 3.3V. Endlich.

Das Pinout-Desaster

Jetzt wirds peinlich. Ich habe stundenlang versucht, den STC über Pin 1 (P3.4) und Pin 3 (P3.5) anzusprechen. Keine Reaktion. Kein Bootloader. Nichts. Irgendwann habe ich nochmal das Datenblatt studiert und festgestellt: P3.4 und P3.5 sind GPIO-Pins. Die UART-Pins (RXD/TXD) liegen auf P3.0 und P3.1, also Pin 5 und Pin 6. Das SOP-8 Pinout:

       ┌──────────┐
Pin 1  │● P3.4    │  Pin 8  (P3.3)
Pin 2  │  VCC     │  Pin 7  (P3.2)
Pin 3  │  P3.5    │  Pin 6  ← TXD (P3.1)
Pin 4  │  GND     │  Pin 5  ← RXD (P3.0)
       └──────────┘

Stunden. Am falschen Pin. Das sind so Momente, in denen man kurz aufstehen und was trinken gehen sollte. Keine Ahnung, warum ich die falschen Pins unbedingt wollte… Ich hab auf das Datenblatt geschaut und… na, vielleicht war die Brille dreckig, keine Ahnung. „Leider“ kamen da auch sinlose Daten bei zustande, was erst nach einer falschen Baudrate ausgesehen hat; vielleicht ist das eine gute Ausrede, warum ich da so lange hängen geblieben bin?!

Parasitäre Stromversorgung und der Breadboard-Aufbau

Ausgeloeteter STC15L104W auf Breadboard verkabelt mit FT232RL Adapter zum Flashen

Das nächste Problem: Der STC-Bootloader braucht einen Power-Cycle zum Starten. Also VCC abziehen, Flash-Tool starten, VCC wieder anlegen. Sollte klappen. Tat es aber nicht zuverlässig. Warum? Der Chip versorgt sich über die TX/RX-Datenleitungen parasitär mit Strom. Selbst wenn VCC getrennt ist, reicht der Strom über die Schutzdioden in den I/O-Pins, um den Chip am Leben zu halten. Kein sauberer Power-Cycle, kein Bootloader.

Die Lösung: Beim Power-Cycle ALLE Drähte trennen, nicht nur VCC. Erst das Flash-Tool starten (wartet auf den Chip), dann alle Leitungen gleichzeitig einstecken. Dazu ein 220 Ohm Serienwiderstand auf der TX-Leitung als Schutz und ein 100nF Stützkondensator zwischen VCC und GND für eine stabile Versorgung.

Geflasht habe ich unter Linux mit stcgal:

stcgal -P stc15 -p /dev/ttyUSB1 -l 2400 -b 4800 -t 12000 u4.hex

Der Trick ist die niedrige Baudrate (-l 2400 für die initiale Kommunikation, -b 4800 zum Flashen) und das erhöhte Timeout (-t 12000). Zur Verifikation habe ich das Ganze nochmal mit STC-ISP v6.96S unter Windows (VirtualBox) gegengeprüft. Beides erfolgreich. Chip wieder eingelötet, weiter gehts.

U1 flashen: Der einfache Teil

Arduino Uno als ISP-Programmer mit Dupont-Kabeln an den Digital-Pins
Arduino Uno Power-Seite mit VCC und GND Verkabelung fuer ISP-Programmierung

Der ATmega324PA wird über ISP programmiert. Als Programmer dient ein ganz normaler Arduino Uno mit dem ArduinoISP-Sketch. Den lädt man in der Arduino IDE über File → Examples → ArduinoISP auf den Uno. Dann die Pins verbinden: MOSI (D11), MISO (D12), SCK (D13), RESET (D10) vom Arduino an den J4-Header auf der TC1-Rückseite, plus VCC und GND.

ISP-Kabel am J4-Header auf der TC1-Platinenrueckseite angeschlossen
Seitenansicht des TC1 mit angeschlossenem ISP-Kabel am J4-Header

Auf der TC1-Platine gibt es ein J4-Pad für ISP. Ich habe da einen Pin-Header aufgelötet, das macht das Leben bei zukünftigen Updates deutlich einfacher. Dann mit avrdude:

avrdude -c avrisp -p m324pa -P /dev/ttyACM0 -b 19200 -U flash:w:ComponentTester.hex:i

Das ging durch. Erster Versuch. Nach dem STC-Drama fühlte sich das fast verdächtig einfach an.

„Kas Rh- _BB“ — Was zur Hölle?

Nach dem Flashen das Display eingeschaltet und… „Kas Rh- _BB“ statt „Bat 3.83V ok“. Die Zeichen sahen aus wie ein kaputtes Font-Rendering. Stundenlang habe ich nach SPI-Fehlern gesucht, den Display-Treiber hinterfragt (ST7735 vs. SEMI_ST7735), die Pin-Belegung dreimal geprüft. Nichts half.

Die Lösung war so simpel wie ärgerlich: „Kas“ ist der Anfang von „Kaseikyo“, einem IR-Protokollnamen. Die m-firmware speichert Strings standardmäßig im EEPROM (DATA_EEPROM in der config.h). Aber ich hatte nur die .hex-Datei geflasht, nicht die .eep-Datei fürs EEPROM. Die Firmware las also zufällige alte Daten aus dem EEPROM und interpretierte sie als Text.

Der Fix: In der config.h DATA_FLASH statt DATA_EEPROM setzen. Dann werden alle Strings direkt im Flash-Speicher abgelegt und man braucht kein separates EEPROM-Flashing. Nochmal kompiliert, nochmal geflasht. Uff… Bis ich darauf gekommen bin *kopfschüttel*. Zugegeben, darüber nachgedacht habe ich aber ich war mir fast sicher das in einem mit geflashed zu haben. Fast sicher halt. Eine Nacht darüber schlafen hat geholfen, klassisch also im Problem festgefressen.

Batteriespannung: 19V aus einer LiPo-Zelle?

Nächstes Problem: Das Display zeigte 19V Batteriespannung an. Der TC1 läuft mit einer einzelnen LiPo-Zelle, das sind 3,7 bis 4,2V. Die Standard-Konfiguration der m-firmware geht von einem Spannungsteiler auf der Batterieleitung aus (BAT_DIVIDER mit R1=10k, R2=3.3k für einen 9V-Block). Der TC1 hat aber keinen Spannungsteiler, die Batteriespannung geht direkt an den ADC.

Fix: BAT_DIRECT statt BAT_DIVIDER in der config.h. Dazu die Schwellwerte anpassen: BAT_WEAK=3400 und BAT_LOW=3100 (in mV) für eine einzelne LiPo-Zelle.

TC1 Display zeigt Bat 3.83V ok und Probing nach korrekter BAT_DIRECT Konfiguration

So soll das aussehen. 3.83V, alles ok.

Menü und Kalibrierung

TC1 Menue mit Adjustment-Option fuer die Kalibrierung nach Firmware-Flash

Noch ein Stolperstein: Das Menü war nicht erreichbar. Die m-firmware hat verschiedene Wege, das Menü aufzurufen. Beim TC1 funktioniert das über UI_SHORT_CIRCUIT_MENU: Alle drei Probe-Pins im ZIF-Sockel kurzschließen und Start drücken. Dann öffnet sich das Menü mit Optionen für PWM, IR-Detector, Opto Coupler, Test und eben Adjustment.

Die Kalibrierung selbst ist einfach: Adjustment auswählen, mit leerem ZIF-Sockel starten, dann wenn gefordert einen Kurzschluss zwischen 123 einstecken. Die Firmware misst die internen Referenzen und speichert die Korrekturdaten. Dann den Kurzschluss wieder raus und es wird die Gegenprobe gemessen.

Die vollständige Konfiguration

Für alle, die das selbst machen wollen, hier die kompletten Änderungen gegenüber der Standard-Konfiguration der m-firmware (ComponentTester v1.56m):

Makefile:

MCU = atmega324p
FREQ = 16

config.h:

#define DATA_FLASH              /* Strings im Flash statt EEPROM */
#define UI_AUTOHOLD             /* Messergebnis halten bis Tastendruck */
#define UI_SHORT_CIRCUIT_MENU   /* Menü über Kurzschluss aller Probes */
#define BAT_DIRECT              /* Kein Spannungsteiler auf Batterie */
#define BAT_WEAK    3400        /* Warnung unter 3.4V */
#define BAT_LOW     3100        /* Abschaltung unter 3.1V */

config_644.h (Hardware-Mapping für den TC1):

/* Display: ST7735 über SPI Bit-Bang */
#define LCD_ST7735
#define LCD_RES     PB4
#define LCD_DC      PB5
#define LCD_SDA     PB6
#define LCD_SCL     PB7
#define LCD_FLIP_X
#define LCD_ROTATE
#define LCD_OFFSET_X    2
#define LCD_OFFSET_Y    1
#define LCD_LATE_ON
#define SPI_BITBANG         /* SDA auf PB6 statt Hardware-MOSI PB5 */

/* Probe-Widerstände auf PORTC statt PORTD */
/* PC0-PC5 für die drei Probe-Paare */

/* Power und Button */
#define POWER_PORT  PORTD
#define POWER_PIN   PD2
#define BUTTON_PIN  PD1

/* ADC-Pins vertauscht gegenüber Default */
#define TP_ZENER    PA4
#define TP_REF      PA3

Das Ergebnis

TC1 Startbildschirm zeigt Component Tester v1.56m nach erfolgreichem Flash

Component Tester v1.56m. Läuft.

TC1 mit m-firmware zeigt korrekt gemessenen 220 Ohm Widerstand an
TC1 erkennt MOSFET N-ch enh. mit Vth, Cgs und Rds Werten nach Firmware-Update

Widerstände, MOSFETs, alles wird sauber erkannt. Die Werte passen.

MOSFET-Messung auf dem TC1 nach Kalibrierung mit praezisen Vth und Rds Werten

Nach der Kalibrierung werden die Messwerte nochmal präziser. Vth 2065mV, Cgs 11.27nF, Rds 0.03 Ohm. Für einen 20-Euro-Tester absolut brauchbar.

Fazit und Quellen

War das ganze Prozedere nötig? Die originale Firmware funktioniert ja grundsätzlich. Aber wenn man sich auf die Messwerte verlassen will und nicht bei jedem unbekannten Bauteil rätseln möchte, lohnt sich der Aufwand. Die m-firmware liefert präzisere Ergebnisse, erkennt deutlich mehr Bauteile und hat ein richtiges Menü mit Kalibrierung. Und der J4-Header ist jetzt drauf, das nächste Firmware-Update ist dann tatsächlich in fünf Minuten erledigt.

Die fertige Firmware mit allen Config-Anpassungen für den TC1 und eine Schritt-für-Schritt-Anleitung habe ich auf GitHub gepackt. Da liegt auch die U4-Firmware (tc1-u4, GPL v3) und ein Verweis auf die m-firmware (EUPL v1.2).

Wer sich tiefer einlesen will:

Siehe auch:, Multifunktionstester für Elektronikbauteile: Schnell & günstig prüfen​

Fragen zum TC1 oder eigene Erfahrungen beim Flashen? Dann kannst du mich gerne fragen.

Eigener ADS-B Feeder: Flugzeuge tracken mit Raspberry Pi, RTL-SDR und selbstgebauter Antenne

Flugzeuge senden permanent ihre Position, Höhe und Geschwindigkeit auf 1090 MHz. Einfach so, unverschlüsselt, für jeden empfangbar. Das Ganze nennt sich ADS-B (Automatic Dependent Surveillance-Broadcast) und ist seit Jahren Standard in der Luftfahrt. Man braucht nur einen günstigen SDR-Empfänger und eine passende Antenne, um das Signal zu dekodieren. Und weil Dienste wie Flightradar24 auf Daten von freiwilligen Feedern angewiesen sind, bekommt man als Gegenleistung einen Business-Account, der sonst knapp 500 Euro im Jahr kostet.

Beitragsbild zum ADS-B-Feeder: Raspberry Pi mit RTL-SDR-Dongle und selbstgebauter 1090-MHz-Groundplane-Antenne, kombiniert mit einer Karte von Mitteleuropa mit zahlreichen Flugzeugsymbolen und einem Flightradar24-Dashboard-Overlay.

Ich wollte das schon länger mal ausprobieren. Ein Raspberry Pi lag noch herum, ein billiger RTL-SDR-Stick war schnell bestellt, und die Antenne habe ich selbst gebaut. Nach längerem Betrieb kann ich sagen: Das Projekt macht erstaunlich viel Spaß und liefert faszinierende Ergebnisse. Bis zu 335 km Reichweite mit einer Antenne aus Kupferdraht und einer N-Buchse für unter 10 Euro.

Was ist ADS-B eigentlich?

ADS-B steht für Automatic Dependent Surveillance-Broadcast. Jedes moderne Verkehrsflugzeug sendet damit periodisch seine GPS-Position, Flughöhe, Geschwindigkeit, ICAO-Kennung und Squawk-Code auf 1090 MHz. Das Signal ist nicht verschlüsselt und nicht authentifiziert. Jeder mit einem passenden Empfänger kann es dekodieren. Der Empfang ist legal und rein passiv, man sendet nichts.

Die Reichweite hängt von der Sichtlinie (Line of Sight) ab. Flugzeuge in großer Höhe sind über hunderte Kilometer empfangbar. Tieffliegende Maschinen oder Flugzeuge hinter Bergen dagegen nicht. Topografie spielt eine große Rolle.

Warum ein eigener Feeder?

Flightradar24 lebt von den Daten freiwilliger Feeder weltweit. Je mehr Stationen, desto besser die Abdeckung. Als Gegenleistung gibt es einen kostenlosen Business-Account. Der kostet regulär knapp 500 Euro pro Jahr und bietet unter anderem erweiterte Filter, historische Flugdaten und eine werbefreie Oberfläche. Für Hardware im Wert von 100 bis 150 Euro ein ziemlich guter Deal.

Geöffneter Filterdialog einer Flightradar24-App. Der Empfänger T-EDKB55 ist ausgewählt, Filterung ist aktiviert und ein benutzerdefinierter Filter (ICH) gesetzt. Unten Schaltfläche zum Hinzufügen weiterer Filter.

Nebenbei kann man die empfangenen Daten auch parallel an andere Dienste wie FlightAware oder ADS-B Exchange schicken. Und natürlich ist es einfach ein tolles Bastelprojekt mit sofort sichtbarem Ergebnis. Man sieht in Echtzeit auf einer Karte, welche Maschinen gerade über einem fliegen.

Hardware

Das Setup ist überschaubar:

KomponenteModellHinweis
EinplatinencomputerRaspberry Pi 4 Model B4 GB RAM, 64 GB SD-Karte
BetriebssystemPi24 (offizielles FR24-Image)Debian Bookworm, Kernel 6.12
SDR-DongleRealtek RTL2838 (RTL-SDR)Günstiger DVB-T-Stick als SDR-Empfänger
GPS-DongleVK-162 (u-blox 7)USB, 3D-Fix, ~10 Satelliten
AntenneEigenbau: λ/4-GroundplaneFür 1090 MHz, siehe Abschnitt Antennenbau

Der Raspberry Pi 4 ist für die Aufgabe eigentlich überdimensioniert. Ein Pi 2 oder 3 würde ebenfalls reichen. Das Pi24-Image von Flightradar24 bringt alles mit: Betriebssystem, den Feeder-Client fr24feed, den ADS-B-Decoder dump1090 und ein lokales Web-Interface. SD-Karte flashen, WLAN oder Ethernet konfigurieren, fertig.

Der RTL-SDR-Dongle ist ein umfunktionierter DVB-T-Stick. Die Dinger kosten zwischen 10 und 25 Euro und können in einem breiten Frequenzbereich empfangen. Für ADS-B braucht man 1090 MHz, das schaffen die meisten RTL2832U-basierten Sticks problemlos.

Standort

Mein Feeder steht im Raum Bonn/Hangelar (Siegburg-Umgebung). Nicht gerade der ideale Standort für maximale Reichweite. Die Eifel im Süden blockiert einen Teil des Empfangs, und die Antenne steht aktuell nur am Fenster. Trotzdem sind die Ergebnisse beeindruckend, dazu gleich mehr.

Meine Radar-ID bei Flightradar24: T-EDKB55.

Antennenbau: λ/4-Groundplane für 1090 MHz

Die mitgelieferten DVB-T-Antennen sind für den Frequenzbereich um 500 MHz ausgelegt. Für ADS-B auf 1090 MHz sind sie schlicht ungeeignet. Ich habe drei verschiedene gekaufte DVB-T-Antennen getestet. Alle performten schlechter als die Original-Stummelantenne. Das war frustrierend, aber auch lehrreich.

Die Lösung: Selbst bauen. Nach einer hervorragenden Anleitung von weberblog.net habe ich eine λ/4-Groundplane-Antenne gebaut. Das ist im Prinzip ein vertikaler Strahler mit vier Radialen, abgestimmt auf 1090 MHz.

Die Physik dahinter ist simpel: Die Wellenlänge bei 1090 MHz beträgt λ = c / f ≈ 27,5 cm. Ein Viertel davon (λ/4) ergibt 68 mm. Das ist die Länge jedes Antennenelements.

Material:

  • N-Einbaubuchse (N-Flanschbuchse)
  • 2,5 mm² Kupferdraht (massiv)
  • Koaxialkabel (RG213 oder Satellitenkabel)
  • M4-Schrauben zur Montage
  • Adapter je nach SDR-Stick (MCX, SMA oder BNC)

Aufbau: Ein Strahler (68 mm Kupferdraht) wird vertikal am Center-Pin der N-Buchse angelötet. Vier Radiale (ebenfalls 68 mm) werden an der Masse befestigt und ca. 45 Grad nach unten gebogen. Alle Elemente exakt auf 68 mm kürzen, das ist wichtig. Optional kann man einen Wetterschutz drüber stülpen, ein altes CD-Spindelgehäuse oder ein Stück PVC-Rohr tut es.

Laut der Bauanleitung von weberblog.net bringt die selbstgebaute Antenne im Indoor-Test +61% mehr erkannte Flugzeuge (39 → 63 Aircraft). Andere Bastler berichten von bis zu 160 NM Reichweite mit acht Radialen und Mastmontage. Meine Erfahrung bestätigt das. Der Unterschied zur Stummelantenne war sofort sichtbar.

Software

Das Pi24-Image bringt alles mit. fr24feed ist der offizielle Feeder-Client von Flightradar24. Er startet intern dump1090-mutability als ADS-B-Decoder und schickt die empfangenen Daten per UDP an die FR24-Server. Dazu läuft ein lighttpd für die lokalen Web-Interfaces.

Die Konfiguration liegt in /etc/fr24feed.ini:

receiver=dvbt
fr24key=<sharing-key>
path=/usr/lib/fr24/dump1090
bs=no
raw=no
mlat=yes
mlat-without-gps=yes
lat=50.578167
lon=6.948833
alt=1261

Lokal gibt es drei Web-Interfaces: Die FR24 Status-GUI unter http://<IP>/, den JSON-Monitor unter http://<IP>:8754/monitor.json und die dump1090-Karte unter http://<IP>:8080/. Die Karte zeigt in Echtzeit alle empfangenen Flugzeuge auf einer OpenStreetMap-Karte. Das alleine ist schon faszinierend.

Ersteinrichtung

Nach dem Flashen des Pi24-Images musste ich noch ein paar Dinge anpassen:

  1. Hostname geändert: pi24-bookwormflightradar24
  2. Statische IP konfiguriert via NetworkManager (DHCP → feste Adresse)
  3. GPS-Koordinaten in fr24feed.ini eingetragen
  4. dump978-fr24 deaktiviert (UAT 978 MHz wird in Europa nicht verwendet)
  5. Bluetooth deaktiviert (nicht benötigt, erzeugte unnötige Fehlermeldungen)
  6. OS-Update: 232 Pakete aktualisiert, Kernel von 6.6.21 auf 6.12.62
  7. Boot-Fix: Bind-Mount /boot/boot/firmware (Pi24-Image-Kompatibilität)

Reichweite und Ergebnisse

Nach drei Wochen Betrieb, noch mit der Antenne am Fenster:

MetrikWert
Flugzeuge aktuell getrackt (Snapshot)74 (34 ADS-B + 40 Non-ADS-B)
Flugzeuge gesamt gesehen1.541
Nachrichten verarbeitet~8,9 Millionen
Maximale Reichweite~335 km (~181 NM)
Signal (Durchschnitt)-20,9 dBFS
SNR~14,8 dB
CPU-Temperatur47,2 °C
Uptime20 Tage
Dashboard eines privaten Flightradar24-Empfängers (T-EDKB55) mit Status online, IP-Adresse und Betriebsdaten. Angezeigt werden Kennzahlen wie Anzahl erfasster Flugzeuge, gemeldete Positionen und Treffer sowie Diagramme zur täglichen Verfügbarkeit, Reichweite (Polar-Plot), Ranking und Histogramme.

335 Kilometer Reichweite. Mit einer Indoor-Antenne aus Kupferdraht für unter 10 Euro. Das war ein Norwegian-Flug (NOZ1802) über der Nordsee auf FL360. Das hätte ich vorher nicht für möglich gehalten.

Die Hauptabdeckung geht nach Norden und Nordwesten. KLM-Flüge über den Niederrhein und die Niederlande sind in 250 bis 335 km Entfernung problemlos sichtbar. Nach Nordosten reicht es bis ins Münsterland und den Raum Osnabrück. Nach Süden ist die Abdeckung durch die Eifel-Topografie eingeschränkt, aber Flüge bis in den Raum Trier/Luxemburg (~100 km) kommen noch durch. Lokal sieht man natürlich alles, was sich im Raum Bonn/Hangelar bewegt, Privatflieger, Kleinflugzeuge, Hubschrauber.

Kartenansicht von Mitteleuropa mit zahlreichen gelben Flugzeugsymbolen, die aktuellen Flugverkehr anzeigen. Hohe Dichte über Nordrhein-Westfalen, Benelux und den Niederlanden; einzelne Flugzeuge auch über Norddeutschland und Südwestdeutschland verteilt.

Ein paar Beispiele vom Snapshot:

CallsignAirlineHöheEntfernung
NOZ1802NorwegianFL360~335 km
BTI859airBaltic10.600 ft~249 km
KLM96EKLM14.725 ft~232 km
SIA314Singapore AirlinesFL360~25 km
BAW169British AirwaysFL330~16 km
UAE62TEmiratesFL380~42 km

Singapore Airlines, Emirates und British Airways über dem Rheinland. Das hat was.

Bug: NTP-Client in fr24feed 1.0.55-0

Achtung, Falle: Version 1.0.55-0 von fr24feed ist defekt. Der Feeder bleibt in einer Endlosschleife mit [time][e]Failed to synchronize time hängen und geht nie online. Nicht nur MLAT funktioniert nicht, das gesamte Feeding ist tot.

Ich habe das mit strace und tcpdump analysiert. Der statisch kompilierte interne NTP-Client löst pool.ntp.org per DNS korrekt auf, sendet aber nie UDP-Pakete auf Port 123. Der Client ist schlicht kaputt. Kein Workaround hat funktioniert: weder Root-Rechte, noch CAP_NET_RAW, noch ein lokaler NTP-Server, noch nftables DNAT-Umleitung.

Die Lösung ist ein Downgrade:

# Downgrade auf funktionierende Version
sudo apt install fr24feed=1.0.54-0
# Version pinnen gegen Auto-Update
sudo apt-mark hold fr24feed

Ich habe den Bug direkt an den FR24-Support gemeldet, mit strace-Nachweis, tcpdump-Capture und der kompletten Liste getesteter Workarounds. Die Antwort war ernüchternd: Man könne den Bug nicht reproduzieren, vermutet aber eine Library-Regression durch einen Wechsel des Build-Systems. Der Bug ist seit Januar 2026 auch im FR24-Forum bekannt (Threads #186163 und #231707). Da fr24feed proprietär und Closed Source ist, kann man leider keinen Pull Request einreichen.

Das bedeutet auch: MLAT (Multilateration) funktioniert bei mir aktuell nicht. MLAT würde es ermöglichen, auch Flugzeuge ohne ADS-B-Transponder zu erfassen, indem mehrere Feeder-Stationen die Signallaufzeiten triangulieren. Dafür braucht der Feeder aber eine exakte Zeitbasis, und genau die liefert der kaputte NTP-Client nicht. Sobald FR24 eine gefixte Version veröffentlicht, werde ich das aktivieren.

Kosten

PostenKosten
Raspberry Pi 4 (4 GB)~60–75 EUR
RTL-SDR USB-Dongle~10–25 EUR
Antenne (Eigenbau) / Kabel~5–10 EUR
GPS-Dongle VK-162~15 EUR
SD-Karte 64 GB~10 EUR
Netzteil, Kabel, Gehäuse~15–20 EUR
Gesamt~115–155 EUR

Für 115 bis 155 Euro bekommt man einen funktionierenden ADS-B-Feeder und einen Flightradar24 Business-Account im Wert von knapp 500 Euro pro Jahr. Das Projekt amortisiert sich also ziemlich schnell.

Was noch kommt

  • MLAT aktivieren, sobald FR24 den NTP-Bug fixt. Update Juni 2026: der NTP-Bug ist mit fr24feed 1.0.57 gefixt, die ganze Auflösung steht in Teil 2.
  • Outdoor-Montage der Antenne mit Wetterschutz, das sollte die Reichweite nochmals deutlich verbessern
  • Parallel-Feeding an FlightAware, ADS-B Exchange und andere Dienste

Siehe auch:

Fragen, eigene Erfahrungen mit ADS-B oder Verbesserungsvorschläge? Gerne über das Kontaktformular.

OWON XDM1041: Firmware V4.7.0 (20220913) – Update-Dateien und Vorgehen

Ich nutze das digitale Multimeter OWON XDM1041.
Preis-Leistung passt für mich sehr gut. Das Gerät lässt sich per USB mit dem PC verbinden, Messwerte können ausgelesen und aufgezeichnet werden. Für meine Elektronik-Projekte an der Werkbank bringt es alles mit, was ich brauche.

Image of OWON XDM1041 digital multimeter with firmware version V4.7.0 (20220913)

Die Herstellersoftware funktioniert, ist aber klar auf Windows fokussiert. Unter Linux nutze ich stattdessen RustyMeter, eine saubere Alternative: https://github.com/markusdd/rusty_meter

Mein XDM1041 lief zunächst mit der Firmware V3.3.0. Auf der OWON-Webseite findet sich aktuell jedoch kein Firmware-Download für dieses Gerät. Nach Kontakt mit dem Support per E-Mail hat mir OWON freundlicherweise die aktuellste Firmware (Stand: 08.01.2026) zur Verfügung gestellt: XDM10412212508.zip (MD5 509766ba23eb008f32f60a82cddca08b)

Das ZIP-Archiv enthält:

  • eine PDF-Anleitung
  • USB-Treiber für Windows
  • die Software DS Wave zum Einspielen der Firmware
  • die beiden Firmware-Dateien:
    • OS--XDM1041_OS_V4.7.0_20220913.bin
    • TX-2212508.bin

Das Firmware-Update selbst ist unkompliziert und funktioniert exakt wie in der Anleitung beschrieben. Nach dem Update läuft das Gerät mit Firmware V4.7.0, im Display angezeigt als 20220913.

Der ursprüngliche Download von OWON war leider sehr langsam, brach mehrfach ab und erzeugte wiederholt TLS-Fehler. Ob das an Routing-Problemen oder an der sprichwörtlichen „chinesischen Mauer“ liegt, lässt sich schwer sagen.

Natürlich habe ich ebenfalls gefragt, ob ich das Firmware Update hier zum Download anbieten kann. Das geht aber leider nicht, denn es scheint jeweils für gewisse Geräte unterschiedliche zu geben:

Dear,
We can’t share the firmware updates as each one is exclusive to a specific device and not cross-compatible.

Ihr müsst also jeweils selbst auf den Support zugehen, E-Mail hat für mich gut funktioniert. Ich habe noch nach einem Kontakt über WeChat gefragt und nach einem Changelog. Sollte ich etwas bekommen, ergänze ich es hier.

Viel Erfolg beim Firmware-Update.

Siehe auch: Multifunktionstester für Bauteile

Preciva 992D+ im Test: Löt- und Heißluftstation für Hobby & Repaircafé

Picture of Soldering Station Preciva 992D+

Weiter geht es mit einer Lötstation. Wie immer: Das ist ein Werkzeug, das ich selbst einsetze. Es bedeutet nicht, dass es das Beste der Welt ist oder dass man damit sofort eine professionelle SMD-Reparaturwerkstatt eröffnen sollte.

Ende des letzten Jahres war ich auf der Suche nach einer kompakten Lötstation, die eine ordentliche Wattleistung hat und eine Kombination aus Lötstation und Heißluftstation bietet. Sie sollte aber nicht zu teuer sein. Einzelne Geräte hatte ich zwar schon verschiedene, aber gedacht war es eher für den mobilen Einsatz im Repaircafé. Die dortigen Reparaturen sind meist überschaubar.

Dennoch muss ich zugeben, dass mich diese Station tatsächlich überrascht hat. Preis/Leistung sind wirklich gut. Fun Fact: Die FritzBox-Reparatur habe ich mit genau dieser Station gemacht – einfach um zu testen, was geht – und ja, es ging, und das sogar wirklich okay.

Natürlich ist sie nicht mit einer großen professionellen Station von beispielsweise Weller zu vergleichen. Aber das ist auch gar nicht der Anspruch. Das Ding kostet aktuell auf Amazon knapp 130 €. Dafür bekommt man 6 verschiedene Lötspitzen, Lötzinn, Heißluft mit verschiedenen Aufsätzen, ein digitales Display und ach … schaut mal selbst: https://amzn.to/47zAAmr

Ich würde behaupten: Die meisten Hobbyreparaturen – selbst im Bereich SMD – lassen sich damit problemlos durchführen. Aber hey, das ist nur meine Meinung.

Fragen? Einfach melden.

USB-Kabeltester: Kabelbrüche & Datenfähigkeiten schnell prüfen

Das hier ist zugleich der Auftakt einer kleinen Beitragsserie unter dem Titel „Was hast du in deiner Elektronikwerkstatt?“. Vor allem nach dem Beitrag zur FritzBox wurde diese Frage mehrfach an mich herangetragen.

USB Kabeltester mit leuchtenden LEDs und eingestecktem USB-C Kabel.

Um gleich Klarheit zu schaffen: Von einer „Elektronikwerkstatt“ kann bei mir keine Rede sein. Was du hier siehst, ist meine kleine „Healing-Bench“, ganz sicher keine vollwertige Werkstatt und ohne entsprechenden Anspruch. Ich repariere und bastle Elektronik aus reinem Hobby, und man kann sich daran vermutlich nicht unbedingt ein Beispiel nehmen. Aber hey, ihr habt gefragt und ich hab was zu erzählen.

Mein Werkzeug soll eins sein: funktionieren. Ich will mich nicht darüber ärgern, es soll mich nicht umbringen und bitte auch nicht die Welt kosten. Ja, vieles davon stammt tatsächlich von AliExpress.

USB-Kabeltester: mein Einstieg

Heute stelle ich dir einen USB-Kabeltester vor. Mittlerweile kommt fast jedes Gerät mit einem USB-Kabel, zum Laden oder für den Datenaustausch. Besonders mit USB-C hat sich die Vielfalt der Kabelstandards enorm vergrößert. Ich meine damit nicht nur Lade-Standards, Spannungen und Leistungen, sondern auch verschiedene Datenübertragungsmodi.

Früher, zu Zeiten von USB-A/B, war das noch eindeutig: Ein Kabel konnte so ziemlich alles, Laden oder Daten. Mit Micro-USB begann dann der Wandel: Viele Kabel taugen nur noch zum Laden und übertragen keine Daten mehr.

So oder so hast du sicher auch so eine Schublade zuhause, in der sich unzählige USB-Kabel sammeln. Ständig ziehst du eins heraus und fragst dich: „Kannst du Daten übertragen?“ Das Kabel schweigt. Und bei seltsamem Verhalten fragt man sich: „Hast du einen Kabelbruch?“ Auch hier bleibt das Kabel stumm.

Praktische Hilfe für den Alltag

Hier kommt der USB-Kabeltester ins Spiel: Unter 10 €, betrieben mit einer einzigen CR2032-Knopfzelle, und er passt praktisch auf jede USB-Variante, selbst Lightning.

Link zu AliExpress: https://s.click.aliexpress.com/e/_oBI7lsv

So funktioniert’s

Beide Kabelenden einstecken, Gerät einschalten, und die beschrifteten LEDs zeigen sofort, welche Leitungen im Kabel verbunden sind. Oder auch nicht. Wer einen Kabelbruch sucht, wackelt einfach am Kabel. Wenn eine LED ausgeht, ist der Fehler gefunden. Das Ergebnis wird nicht durch irgendwelche Kondensatoren verfälscht.

Im Lieferumfang ist auch ein kleines, verständliches Handbuch enthalten: Es erklärt übersichtlich, welche Pins und Adern wo liegen und welche Funktion sie jeweils haben.

Fazit

Mit dem USB-Kabeltester machst du dir den Alltag deutlich leichter. Schnelle Kontrolle, einfache Bedienung, preiswert und super praktisch. Perfekt für alle, die einfach Ergebnisse wollen, ohne viel Aufwand.

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PDS OSIcom-Office Box: Retro-PC mit JUMPtec SBC & SUSE Linux​

Vor etwas über 20 Jahren habe ich unter anderem mit OSIcom-office Boxen von PDS (Programm und Datenservice) gearbeitet. Dazu habe ich schon mal etwas geschrieben.

Picture of an PDS OSIcom-office Box

Zufällig bin ich dann in einem Onlineshop auf genau so eine OSIcom Box gestoßen, die dort zum Verkauf angeboten wurde. Der Preis lag deutlich über dem, was ich aus nostalgischen Gründen bereit wäre, dafür zu zahlen – aber ich habe einfach mal mein Glück versucht und per E-Mail ein Angebot unterbreitet. Und siehe da, der Verkäufer war einverstanden! Nun bin ich also Besitzer einer alten OSIcom-office Box. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank an Wie-Tec für das Entgegenkommen.

Die Box basiert auf einem SBC (Single Board Computer) von JUMPtec. Das Modell scheint folgendes zu sein: 07029-0000-26-7. Im POST wird die BIOS-Version <LEU2R118> angezeigt. Hersteller: JUMPtec® Industrielle Computertechnik AG.

Verbaut sind ein Intel Pentium MMX 266 MHz, 256 MB RAM, eine 40 GB Festplatte, ein Diskettenlaufwerk, sowie eine Netzwerk- und ISDN-Karte. Der SBC steckt in einer ISA-Backplane. Das könnte sogar ein ziemlich guter Retro-DOS-Gaming-PC werden!

Spannenderweise war die Festplatte noch mit Daten gefüllt. Ob es sich dabei nur um eine Testinstallation oder echte Produktivdaten handelt, kann ich nicht bewerten. Überrascht hat mich das dennoch positiv, denn so konnte ich den kompletten Bootvorgang noch einmal genießen. Wobei – nicht nur ich:

Kernel 2.4.27 – man, ist das lange her! Grundlage ist ein altes SUSE Linux. Natürlich habe ich auch noch ein paar Bilder für euch angelegt.

Das BIOS konnte ich sichern, und zusammen mit den Bildern wird das sicher eine brauchbare Ergänzung für The Retro Web. Falls jemand von euch noch Handbücher oder ähnliches zur Hardware hat – ich würde mich sehr darüber freuen!

Siehe auch: Dallas DS80C400: 8051-Ethernet-Mikrocontroller neu entdeckt, Commodore Floppy Disk Preservation: Firmware-Bug im xum1541 gefunden und gefixt

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