In dieser Folge geht es um Advanced > Chipset Configuration > North Bridge > Memory Configuration. Wer die Serie bis hierhin nicht mitgelesen hat: alle Teile liegen unter BIOS & Firmware, und es lohnt sich nicht, sie in der Reihenfolge zu lesen. Jede Folge steht für sich.
Was verbaut ist

DIMMA1: 2933MT/s ATP DRx4 32GB RDIMM DIMMB1: 2933MT/s ATP DRx4 32GB RDIMM DIMMC1: 2933MT/s ATP DRx4 32GB RDIMM DIMMD1: 2933MT/s ATP DRx4 32GB RDIMM DIMME1: 2933MT/s ATP DRx4 32GB RDIMM DIMMF1: 2933MT/s ATP DRx4 32GB RDIMM DIMMG1: 2933MT/s ATP DRx4 32GB RDIMM DIMMH1: 2933MT/s ATP DRx4 32GB RDIMM
Acht Steckplätze, acht Module, jedes 32 GB. Das ist die Seite Memory Topology, und sie sagt in acht Zeilen mehr über den Aufbau der Maschine als jedes Datenblatt.
RDIMM heisst Registered DIMM. Zwischen dem Speichercontroller und den eigentlichen Speicherchips sitzt ein Registerbaustein, der Adress- und Steuersignale zwischenspeichert und neu ausgibt. Der Grund ist elektrisch: je mehr Chips an einem Kanal hängen, desto stärker belastet das die Signalleitungen. Der Registerbaustein bricht diese Last auf. Deshalb gibt es in Servern acht Module pro Sockel und in Desktops vier, und deshalb kann man normale Desktop-Riegel hier nicht einsetzen. Der Preis ist ein Takt Latenz zusätzlich.
DRx4 beschreibt den Aufbau: Dual Rank, jeder Chip liefert 4 Bit. Zwei Ranks bedeutet, dass auf dem Modul zwei unabhängige Gruppen von Chips sitzen, zwischen denen der Controller umschalten kann. Während eine Gruppe noch mit einer Anfrage beschäftigt ist, kann er die andere schon ansprechen, was den Durchsatz verbessert.
Und 2933MT/s, obwohl auf den Modulen 3200 steht. Das ist keine Fehlfunktion, sondern die CPU. Der Xeon Gold 5315Y ist die Einstiegsvariante der Ice-Lake-Serie, und Intel hat den Speichertakt an die Prozessorstufe gekoppelt. Die teureren Modelle fahren 3200, meiner eben 2933. Die Riegel könnten mehr, sie dürfen nicht. Genau so meldet es auch das Betriebssystem:
dmidecode -t memory | grep -E "Speed|Configured" # Speed: 3200 MT/s # Configured Memory Speed: 2933 MT/s
Was das Modul kann, und was es tatsächlich tut. Der Unterschied sind rund acht Prozent Speicherbandbreite, die ich nicht bekomme. Verschmerzbar.
ECC, der Teil den alle kennen
Erstaunlicherweise gibt es auf dieser Seite gar keinen Schalter namens ECC. Bei registrierten Servermodulen ist Fehlerkorrektur keine Option, sondern eine Eigenschaft der Hardware. Sie ist da, sie ist an, fertig.
Falls es jemand nicht parat hat: ECC speichert zu je 64 Bit Nutzdaten 8 zusätzliche Prüfbits. Damit lässt sich ein gekipptes Bit erkennen und reparieren, und zwei gekippte Bits lassen sich zumindest erkennen. Das ist der Unterschied zwischen „im Log steht eine korrigierte Zeile“ und „irgendwo in einer Datei steht jetzt ein falsches Byte, viel Spass beim Suchen“.
Bits kippen häufiger als man denkt. Kosmische Strahlung, Alphateilchen aus dem Gehäusematerial, schlicht Alterung. Bei 256 GB, die dauerhaft laufen, ist das keine theoretische Grösse mehr.
Patrol Scrub, und die Zahl aus dem Handbuch
Patrol Scrub [Enable at End of POST]
Das ist mein Lieblingsschalter auf dieser Seite. ECC korrigiert nämlich nur dann, wenn jemand die betroffene Speicherstelle liest. Ein Bit in einem Speicherbereich, den seit drei Wochen niemand angefasst hat, kippt unbemerkt. Kippt in derselben Zeile ein zweites, ist der Fehler nicht mehr korrigierbar.
Patrol Scrub geht deshalb im Hintergrund den gesamten Speicher durch, liest jede Zeile, lässt ECC prüfen und schreibt sie korrigiert zurück. Vorbeugendes Putzen, damit sich Einzelfehler nicht zu Doppelfehlern summieren.
Das Handbuch nennt dazu eine Zahl, die man sonst nirgends findet:
the IO hub reads and writes back one cache line every 16K cycles … roughly 64 GB of memory behind the IO hub is scrubbed every day
Eine Cache-Zeile alle 16.000 Takte, macht etwa 64 GB pro Tag. Bei meinen 256 GB dauert ein kompletter Durchlauf also rund vier Tage. Das klingt langsam, ist aber genau der Punkt: der Scrubber soll im Hintergrund verschwinden und nicht die Speicherbandbreite auffressen, die eigentlich für Arbeit gedacht ist.
Enable at End of POST heisst, dass er nach dem Selbsttest startet, also bevor das Betriebssystem läuft, und dann durchgehend weiterarbeitet.
PPR: der Reparaturmechanismus im Riegel

Enhanced PPR [Disable] PPR Type [Hard PPR] Enforce POR [POR]
PPR steht für Post Package Repair, und dahinter steckt etwas, das mich beim Nachlesen ehrlich überrascht hat: moderne DDR4-Module haben Ersatzzeilen eingebaut. Fällt eine Speicherzeile dauerhaft aus, kann die Firmware sie stilllegen und eine Reservezeile an ihre Stelle setzen. Der Riegel repariert sich also selbst, im laufenden Betrieb einer Maschine, ohne dass ihn jemand anfasst.
Hard PPR bedeutet, dass diese Umleitung dauerhaft in den Riegel gebrannt wird und einen Neustart übersteht. Die Alternative Soft PPR gilt nur bis zum nächsten Ausschalten. Hart ist sinnvoller, kostet aber eine der wenigen Reservezeilen unwiderruflich.
Enforce POR steht für Plan of Record und ist die Frage, ob das Board die von Intel freigegebenen Speicherparameter erzwingt oder ob es auch aggressivere Kombinationen zulässt. Auf einem Serverboard mit 256 GB ECC ist die Antwort selbstverständlich ja.
Data Scrambling for DDR4 [Enable] weiter unten macht etwas ganz anderes, als der Name vermuten lässt. Das ist keine Verschlüsselung. Die Daten werden vor dem Schreiben mit einem Pseudozufallsmuster verwürfelt, damit auf den Datenleitungen keine langen Folgen identischer Bits entstehen. Solche Muster erzeugen Störungen auf den Nachbarleitungen und einen unruhigen Stromverbrauch. Verwürfeln macht das Signalbild gleichmässiger. Wer glaubt, sein Speicher sei damit verschlüsselt, irrt sich, dafür wäre TME zuständig, und über den habe ich in Teil 4 geschrieben.
Memory RAS: das Menü das kleiner ist als erwartet

Memory RAS Configuration Setup Enable Pcode WA for SAI PG [Disabled] Mirror Mode [Disabled] UEFI ARM Mirror [Disabled] Correctable Error Threshold 512
RAS steht für Reliability, Availability, Serviceability, und ich hatte hier ehrlich gesagt mehr erwartet. In Intel-Dokumentation tauchen an dieser Stelle regelmässig Rank Sparing, ADDDC Sparing und PCLS auf. Auf diesem Board gibt es davon nichts, die Seite hat genau diese vier Zeilen und keinen Rollbalken.
Mirror Mode ist die interessanteste Option, gerade weil sie aus ist. Speicherspiegelung schreibt jeden Wert doppelt, auf zwei verschiedene Kanäle. Fällt eine Stelle dauerhaft aus, übernimmt die Kopie, ohne dass die Maschine stehenbleibt. Der Preis ist die Hälfte des Speichers: aus 256 GB würden 128.
Für einen Datenbankserver, bei dem eine Stunde Ausfall Geld kostet, kann das die richtige Rechnung sein. Für meine Workstation nicht. ECC fängt Einzelfehler ohnehin ab, Patrol Scrub verhindert dass sie sich anhäufen, und wenn wirklich ein Modul stirbt, tausche ich es. 128 GB zu verschenken, um mir einen Neustart zu ersparen, ist mir zu teuer.
Correctable Error Threshold 512 ist die Schwelle, ab der die Firmware eine Speicherstelle als auffällig meldet. Einzelne korrigierte Fehler passieren, das ist Normalbetrieb. 512 an derselben Stelle sind ein Muster.
Die Gegenprobe, und warum ich sie erst nachrüsten musste
An dieser Stelle kommt der Teil, bei dem ich mich selbst ertappt habe. Der ganze Aufwand oben, ECC, Scrubber, PPR, Fehlerschwellen, läuft ins Leere, wenn niemand hinsieht. Linux erfasst Speicherfehler über das EDAC-Subsystem, und das war bei mir aktiv:
ls /sys/devices/system/edac/mc/ # mc0 mc1 mc2 mc3
Vier Speichercontroller, alle angebunden. Nur landeten die Ereignisse ausschliesslich im Kernel-Ringpuffer, und der ist nach einem Neustart leer. Ich hätte also gemerkt, wenn gerade etwas passiert. Ich hätte nie gemerkt, dass ein bestimmter Riegel seit Wochen langsam schlechter wird. Genau das ist aber der Fall, für den man ECC überhaupt haben will.
Nachgerüstet ist das mit einem einzigen Paket:
apt-get install rasdaemon ras-mc-ctl --error-count # CPU_SrcID#0_MC#0_Chan#0_DIMM#0 CE 0 UE 0 # ... (acht Zeilen) ras-mc-ctl --summary # No Memory errors.
rasdaemon schreibt die Ereignisse in eine SQLite-Datenbank und führt sie pro Modul. CE sind korrigierte Fehler, UE nicht korrigierbare. Bei mir stehen beide auf null, und jetzt weiss ich das auch für die Vergangenheit und nicht nur für diesen Bootvorgang.
Ein Wermutstropfen: die acht Zähler heissen MC#0_Chan#0_DIMM#0 und nicht DIMMA1. Das Paket bringt für dieses Board keine Zuordnungstabelle mit. Ich könnte eine schreiben, die Reihenfolge liegt nahe, aber ich habe es bewusst gelassen. Ein falsches Etikett ist schlimmer als gar keins, weil es einen im Fehlerfall an den falschen Steckplatz schickt.
Nächste Folge: NUMA auf einer Maschine mit genau einem Sockel, warum das trotzdem ein Thema ist, und was Uncore und UPI eigentlich sind.
Siehe auch
- Teil 4 der Serie (TME, die Speicherverschlüsselung die Data Scrambling nicht ist)
- ZFS special vdev und SLOG (Datenintegrität eine Ebene höher)
Falls jemand von euch schon einmal ein PPR-Ereignis in freier Wildbahn gesehen hat, also einen Riegel der sich tatsächlich selbst repariert hat: das würde ich gerne hören. Ihr dürft mich jederzeit fragen.