Ich wollte wissen, wie gut sich Daten mit Linux-Bordmitteln wiederherstellen lassen. Also habe ich eine alte Festplatte genommen und es systematisch ausprobiert. Erst normal gelöschte Dateien, dann ein RAW-Image, und am Ende habe ich die Platte physisch zerstört, um zu sehen was ddrescue und PhotoRec aus den Trümmern holen.
Vorbereitung: Testplatte befüllen
Die älteste funktionierende Platte aus meinem Fundus: eine WD Expert 136BA. Erst komplett mit Nullen überschrieben, dann partitioniert und als NTFS formatiert:
dd if=/dev/zero of=/dev/sdb1 mkfs.ntfs -L TestDatenloeschung -T /dev/sdb1
Einen ca. 1,53 GB großen Ordner mit verschiedensten Dateien habe ich dann so lange auf die Platte kopiert, bis sie voll war.


ntfsundelete: Gelöschte Dateien wiederherstellen
Erster Scan, noch ohne etwas gelöscht zu haben:
ntfsundelete -s /dev/sdb1 # Files with potentially recoverable content: 0
Logisch, es wurde ja noch nichts gelöscht. Also ein paar Dateien weg und erneut scannen:
ntfsundelete -s /dev/sdb1 # Files with potentially recoverable content: 154
154 Dateien. Jetzt die Wiederherstellung:
ntfsundelete /dev/sdb1 -u -m '*.*' -p 100 -d /test
Die Optionen: -u für Undelete-Modus, -m '*.*' für alle Dateien (mit -m '*.doc' könnte man nur Word-Dateien holen), -p 100 für nur zu 100 % wiederherstellbare Dateien, -d /test als Zielverzeichnis. Bei Bildern könnte man den Prozentsatz auch niedriger setzen, Teile eines JPEG sind besser als nichts.
Alle 154 Dateien kamen vollständig zurück. Einzige Einschränkung: Dateien mit gleichem Namen werden nicht überschrieben. Sollte man beachten oder per Script lösen.
Arbeiten mit RAW-Images
Im Ernstfall arbeitet man nie mit der Originalplatte. Sobald man den Datenverlust bemerkt, am besten sofort den Stecker ziehen. Jeder weitere Betrieb, selbst ein Herunterfahren, kann die gelöschten Daten überschreiben. Also erst ein RAW-Image ziehen:
dd if=/dev/sdb1 of=/001/TestRettung.img # 26709984+0 Datensätze ein # 13675511808 Bytes (14 GB) kopiert, 701,766 s, 19,5 MB/s
ntfsundelete funktioniert genauso mit dem Image-File. Gleiche Ergebnisse, gleiche Wiederherstellung. Genau so soll es sein.
Die Festplatte zerstören
Jetzt wird es interessant. Mich hat natürlich interessiert, was bei einer physisch beschädigten Platte passiert. Also Platte wieder voll gemacht und dann aufgeschraubt.


Vorsichtig ein paar Kratzer mit dem Schraubendreher auf die Magnetscheiben gesetzt. Nicht zu viel, aber genug, dass einige Gigabyte unlesbar sein sollten.



ddrescue: 52 Stunden an einer zerkratzten Platte
Platte wieder zugeschraubt und ddrescue drauf losgelassen:
ddrescue -n /dev/sdb1 /001/datenrettung.img /001/datenrettung.log ddrescue -d -n -r3 /dev/sdb1 /001/datenrettung.img /001/datenrettung.log

Nach meiner kleinen Kratzorgie hat ddrescue 52 Stunden an der Platte gefummelt, bevor es durch war.
Wann zum Profi?
Wenn einem die Daten mehr als 3.000 Euro wert sind, sollte man einen professionellen Datenretter aufsuchen. Die nehmen zur Diagnose oft um die 90 Euro und sagen dann, was es wirklich kostet. Bei einem Fall aus 2010 hat ein Kunde mit einer 160 GB HDD und Headcrash einen Kostenrahmen von 15.000 bis 18.000 Euro genannt bekommen. Jede Bewegung an der Platte kann weitere Daten zerstören.
Ich habe selbst mal bei einer Seagate SCSI-Platte die komplette Elektronik von einer baugleichen getauscht, weil sie keinen Spin-Up mehr machte. Lief danach wieder, als wäre nie etwas gewesen. Auch ein Tausch der Schreib-/Leseköpfe hat einmal funktioniert, nachdem einer halb abgerissen war. Die Platte sprang genau ein Mal an, ich konnte sichern, beim nächsten Versuch ging nichts mehr. Solche Experimente klappen nicht immer. Hat man an der Platte herumgefummelt, hat oft auch der Profi keine Chance mehr.
PhotoRec: Dateien anhand des Headers retten
Das ddrescue-Image ließ sich in meinem Fall nicht mehr mounten. Durch die Kratzer war auch das NTFS-Dateisystem total im Eimer, selbst fsck half nicht. Also brauchte ich ein Programm, das Dateien anhand ihres Headers wiederherstellen kann: PhotoRec.
photorec datenrettung_parti_sicher.img




PhotoRec hat erstaunlich viele Dateien aus der zerkratzten Platte zurückgeholt. Wer sich das Programm anschaut, sollte sich auch TestDisk vom gleichen Entwickler ansehen. Damit lassen sich gelöschte Partitionen rekonstruieren und noch vieles mehr.

Update 2026: Was bei SSDs und NVMe anders ist
Der Beitrag oben ist von 2010 und das merkt man. Die meisten Endgeräte haben heute keine drehende Festplatte mehr, sondern eine SSD oder NVMe. Das ändert das Spiel komplett.
Sobald TRIM oder UNMAP aktiv sind, meldet das Dateisystem dem Controller, welche Blöcke nach einem DELETE freigegeben sind. Der Controller löscht diese Zellen oft sofort oder beim nächsten Garbage-Collection-Lauf. Ergebnis: ntfsundelete oder PhotoRec laufen ins Leere, weil die Daten physisch schon weg sind. Wer ein Recovery-Tool an einer SSD ansetzt, sollte das Laufwerk vorher per Software-Hardware-Befehl ruhigstellen, also nicht mounten und keine TRIM-Befehle mehr absetzen lassen.
NVMe legt noch eine Schaufel drauf. Mit nvme sanitize oder nvme format --ses=1 ist nach Sekunden alles weg, kryptografisch sauber. Das ist gut für Hardware-Verkauf oder -Entsorgung, ein Albtraum für Recovery.
Verschlüsselte Datenträger sind ein eigenes Kapitel. BitLocker, LUKS, FileVault, APFS-Encryption: ohne den Schlüssel oder das Recovery-Passwort hilft kein Tool der Welt. Bei einem PCB-Defekt einer SSD wird es zusätzlich kritisch, weil moderne Controller die Verschlüsselung intern anders handhaben als der Host. Selbst wenn die NAND-Chips noch heile sind, bekommt ohne den passenden Controller-State niemand mehr Klartext zurück. Mit anderen Worten: ein einfacher PCB-Tausch wie bei meiner alten Seagate SCSI ist 2026 nicht mehr drin, schon gar nicht im Selbstbau.
Update 2026: Backup schlägt Recovery
Die ehrliche Wahrheit nach 15 Jahren: ich habe nicht mehr ein einziges Mal in echt eine Datenrettung gemacht. Nicht weil die Tools schlechter geworden wären, sondern weil ich Backups habe. Wenn eine Platte stirbt, ziehe ich den letzten Snapshot zurück und gut ist. Recovery ist die Notlösung, wenn das Backup fehlt oder kaputt ist.
Was ich heute tatsächlich nutze:
- ZFS-Snapshots mit
zfs-auto-snapshot: stündlich, täglich, wöchentlich. Auf der Workstation und im Storage. Versehentlichesrm -rfoder ein Crypto-Trojaner sind in Sekunden zurückgerollt. - zfs send / zfs recv auf einen externen Pool und auf ein Offsite-System. Inkrementell, verschlüsselt mit
zfs send -w, vollautomatisch per Cron. - Borg / Restic für die Geräte, die kein ZFS sprechen. Deduplizierend, verschlüsselt, push und pull-Modi.
- Time Machine auf dem MacBook, weil es genau das macht was es soll.
Die 3-2-1-Regel ist alt und immer noch korrekt: drei Kopien, auf zwei verschiedenen Medien, eine davon räumlich getrennt. Cloud-Sync wie Dropbox, OneDrive oder Google Drive ist dabei kein Backup. Wenn dort etwas gelöscht wird, ist es im selben Moment auch lokal weg. Ein Backup ist immer eine Kopie, die nicht automatisch mitläuft.
Update 2026: Tools und Preise heute
Die guten Nachrichten zuerst: alle vier Tools aus dem Original werden weiter aktiv gepflegt.
- GNU ddrescue: aktuell Version 1.28, läuft auf jedem Linux/BSD/macOS. Mit ddrescueview gibt es eine GUI, die das Mapfile visualisiert.
- PhotoRec / TestDisk: Version 7.2, von cgsecurity.org. Versteht inzwischen über 500 Dateiformate, auch moderne wie HEIC, AVIF, MKV-Container.
- ntfsundelete: Teil der ntfs-3g/ntfsprogs, weiterhin im Standard-Repository jeder Distribution.
- SMART und Vorhersage:
smartctlaus smartmontools ist Pflicht. Die WerteReallocated_Sector_Ct,Current_Pending_SectorundOffline_Uncorrectablesagen oft schon Tage vorher, dass die Platte sterben wird.
Bei den Preisen für professionelle Datenrettung hat sich einiges getan. Die Diagnose liegt heute meist zwischen 50 und 200 Euro, oft sogar kostenlos wenn man den Auftrag erteilt. Die eigentliche Rettung ist stark gestaffelt: einfache Logikfehler ab etwa 300 Euro, mechanische Defekte mit Reinraum ab 800 bis 1.500 Euro, schwere Schäden mit Plattentausch und Adaption-Tabellen können immer noch vier- bis fünfstellig werden. Anbieter wie CBL, Ontrack oder Stellar geben kostenlose Erstdiagnose, das nutze ich heute auch wenn nur ein Verdacht im Raum steht.
Ein Hinweis noch: SSD- und NVMe-Recovery ist deutlich teurer als HDD-Recovery, weil der Reinraum-Aufwand durch teure Equipment-Setups für NAND-Reads ersetzt wird. Wer also wirklich wichtige Daten auf einer SSD hatte, fährt mit einem soliden Backup-Konzept finanziell und nervlich besser.
Fazit
Für normal gelöschte Dateien auf NTFS reicht ntfsundelete. Bei physischen Schäden ist ddrescue das Mittel der Wahl, um erst ein Image zu sichern. Und wenn das Dateisystem komplett zerstört ist, kann PhotoRec anhand der Datei-Header noch erstaunlich viel retten. Wichtigste Regel: Nie an der Originalplatte arbeiten, immer zuerst ein Image ziehen.
2026 gilt das alles weiter, mit zwei Einschränkungen. Auf SSDs und NVMe kommt man oft schon gar nicht mehr an die Daten. Und: das beste Recovery ist das, das man nie machen muss. Backup, Backup, Backup.
Siehe auch: FreeBSD: Automatische ZFS-Snapshots mit zfs-auto-snapshot, FreeBSD: ZFS-Datensicherung mit Snapshots und zfs send/recv und FreeBSD: Verschlüsseltes ZFS-Backup auf USB-Platte mit geli.
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