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Schlagwort: Flightradar24

ADS-B-Feeder, Teil 2: der NTP-Bug in fr24feed ist in 1.0.57 gefixt, nur anders als gedacht

Raspberry Pi mit RTL-SDR-Stick und ADS-B-Antenne vor einer Flugradar-Karte. Das Beitragsbild thematisiert die Behebung des NTP-Problems in fr24feed 1.0.57 und die erfolgreiche Wiederanbindung eines Flightradar24-Feeders.

Im ersten Teil dieser kleinen ADS-B-Saga hatte ich am Ende eine Sache offen gelassen und sie sogar fett in die Was-noch-kommt-Liste geschrieben: MLAT aktivieren, sobald Flightradar24 den NTP-Bug fixt. Heute ist es soweit. Der Fix ist da, er kam mit Version 1.0.57, und er kam ganz anders als ich erwartet hätte. Statt den kaputten NTP-Client zu reparieren, hat FR24 ihn einfach rausgeworfen.

Wer den ersten Teil noch nicht kennt, holt das am besten kurz nach: Eigener ADS-B Feeder: Flugzeuge tracken mit Raspberry Pi, RTL-SDR und selbstgebauter Antenne. Dort steht das komplette Setup, die selbstgebaute Antenne und eben die Geschichte mit dem NTP-Bug, der meinen Feeder über Wochen am Online-Gehen gehindert hat. Den Bug selbst erkläre ich hier nur noch in ein paar Sätzen, die lange Version steht drüben.

Worum es ging, ganz kurz

Seit Version 1.0.55 hatte der fr24feed-Daemon einen internen NTP-Client, der schlicht nichts tat. Kein einziges Paket auf Port 123, also keine Zeitsynchronisation, und ohne synchronisierte Zeit lässt FR24 den Feeder nicht online gehen. Man hängt in einer Endlosschleife aus Failed to synchronize fest und kommt nie über dieses Sync-Gate hinaus. Mein Workaround war die letzte funktionierende Version 1.0.54 mit apt-mark hold festzunageln und auf einen Fix zu warten.

Im März hatte ich FR24 einen Bug-Report mit strace- und tcpdump-Belegen geschickt. Die Antwort von Muazzam aus dem Support: auf ihrer Seite nicht reproduzierbar, Verdacht auf eine Regression durchs Build-System und nicht durch eine Änderung am NTP-Client selbst. Ich blieb hartnäckig, lieferte am 6. Juni eine syscall-genaue A/B-Analyse nach, und am 8. Juni kam die erlösende Mail (Ticket #741092): „should be fixed in v 57 which will be released later today“. War es dann auch, noch am selben Tag lag 1.0.57-1 im Repo.

Warum ich nicht einfach apt upgrade tippe

fr24feed ist closed-source, proprietär, kein GitHub, keine Quellen. Ich kann ein Release also nicht am Code beurteilen, sondern nur an seinem Verhalten. Und ein blindes Upgrade auf dem laufenden Produktiv-Feeder kam nicht in Frage. Wenn 1.0.57 genauso kaputt gewesen wäre wie 1.0.56, hätte ich mir den Feeder zerschossen und müsste erst wieder zurückrollen, bevor überhaupt wieder Daten fliessen.

Die saubere Variante: das Binary aus dem .deb extrahieren und als isolierte Wegwerf-Instanz gegen eine Wegwerf-Config unter strace laufen lassen. Eigener Fake-Key, ein toter Receiver-Port, der echte Feeder läuft dabei unberührt weiter. Erst wenn der Testlauf sauber durchkommt, fasse ich die Produktion an.

Der Testaufbau, eine Wegwerf-Instanz unter strace

Die Test-Config ist bewusst minimal gehalten. Sie muss nur weit genug kommen, dass der Feeder die Zeitsynchronisation versucht, alles danach interessiert für diesen Test nicht:

fr24key=0123456789abcdef
receiver=beast-tcp
host=127.0.0.1:39999    # absichtlich toter Port, fuer die NTP-Phase egal
bs=no
raw=no
mlat=no
logmode=0

Dann sehen, ob der Pi die neue Version überhaupt schon sieht, und das Paket herunterladen ohne es zu installieren:

apt-cache policy fr24feed
#   Installed: 1.0.54-0
#   Candidate: 1.0.57-1
#      1.0.57-1 500 https://repo-feed.flightradar24.com flightradar24/raspberrypi-stable arm64

apt-get download fr24feed
dpkg-deb -x fr24feed_1.0.57-1_arm64.deb extract57

Erst die Toolchain vergleichen

Bevor ich überhaupt gestartet habe, ein kurzer Blick in die .comment-Section der ELF-Binaries. Die verrät, mit welchem Compiler gebaut wurde, und genau das war FR24s Verdacht:

readelf -p .comment extract57/usr/bin/fr24feed | grep -i gcc
#   GCC: (Debian 14.2.0-19) 14.2.0                       1.0.57 (und 1.0.56)
readelf -p .comment /usr/bin/fr24feed | grep -i gcc
#   GCC: (Ubuntu 11.4.0-1ubuntu1~22.04) 11.4.0           1.0.54 (funktioniert)

Das ist der interessante Punkt: 1.0.57 ist mit derselben GCC-14-Toolchain gebaut wie das kaputte 1.0.56. „Neu kompiliert“ allein ist also noch kein Fix, sonst wäre 1.0.56 ja schon heil gewesen. Genau das machte den strace-Test erst spannend, denn ich konnte nicht aus der Versionsnummer ableiten, ob sich am Verhalten wirklich etwas geändert hat. Der Sprung von GCC 11 auf 14 plus der Distro-Wechsel von Ubuntu 22.04 auf Debian ist gross. GCC 14 ist deutlich strenger bei Undefined Behaviour und uninitialisierten Daten, und ein latenter Bug im NTP-Transmit-Pfad konnte unter GCC 11 unsichtbar bleiben und unter GCC 14 dann brechen. FR24s Build-System-Theorie war im Nachhinein also gar nicht so abwegig.

Der A/B-Lauf

Beide Versionen, die neue 1.0.57 und die installierte 1.0.54 als Kontrolle, laufen durch denselben Harness, auf derselben Maschine, am selben Tag. Ich tracke nur die Netzwerk-Syscalls, das reicht um zu sehen ob da etwas auf Port 123 geht:

timeout -s INT 125 strace -f -tt -e trace=%network -yy -o v57_today.strace extract57/usr/bin/fr24feed --config-file=test.ini > v57_today.log 2>&1

Das Ergebnis, und es überrascht

Mein Abnahmekriterium war simpel formuliert: sendto auf Port 123 muss wieder feuern, dann ist der NTP-Client repariert. Das Ergebnis war eine kalte Dusche und gleichzeitig die ganze Pointe dieser Geschichte:

1.0.54 (Kontrolle)1.0.56 (kaputt)1.0.57-1 (neu)
NTP sendto auf Port 1233x (eigener Client)0x0x, Client entfernt
Source-Address-Discoveryjajaja (Rest-Code)
Zeitsync-Logoffset +0.001 sFailed to synchronizeconfirmed with timesyncd
Failed-to-synchronize-Loopneinja, endlosnein
Kommt über das Sync-Gate?janeinja
ToolchainGCC 11.4.0GCC 14.2.0GCC 14.2.0

Über den gesamten 125-Sekunden-Lauf von 1.0.57 hinweg gab es kein einziges Paket auf Port 123. Null. Genau wie beim kaputten 1.0.56. Nach meinem ursprünglichen Kriterium hätte ich das Release durchfallen lassen müssen. Und trotzdem war der Bug weg. Der entscheidende Hinweis steht eine Zeile vorher im Log:

[time][i]Time synchronization confirmed with timesyncd
[feed][i]Downloading configuration
[main][i]Feed Network client started
[feed][d]Fetching configuration
[feed][e]Result: failure, message: Not found, check your key!

Der einzige Fehler im ganzen Testlauf ist „check your key!“, und der ist erwartet, weil meine Test-Config absichtlich den Fake-Key 0123… benutzt. Das heisst: der Feeder läuft komplett durch bis zur Feed-Registrierung. Genau vor diesem Punkt hingen 1.0.55 und 1.0.56 endlos in ihrer Sync-Schleife fest. Bug also weg, nur eben nicht so, wie ich gedacht hatte.

Zum Vergleich der Beweis aus dem 1.0.54-Kontrolllauf, wo der eigene NTP-Client noch feuert. Hier sieht man das sendto auf Port 123 schwarz auf weiss:

sendto(5<UDP:[25798]>, "33...", 48, 0,
       {sa_family=AF_INET, sin_port=htons(123),
        sin_addr=inet_addr("85.10.204.50")}, 16) = 48
[time][i]Time synchronized correctly, offset +0.001 seconds

Pragmatischer Workaround statt echtem Fix

Was FR24 gemacht hat, ist kein Reparieren des NTP-Clients, sondern ein Umgehen des Problems auf Architektur-Ebene. Der kaputte interne Client ist raus, übrig geblieben ist nur noch etwas Rest-Code für die Source-Address-Discovery. Die eigentliche Zeitsynchronisation delegiert der Feeder jetzt an systemd-timesyncd, also an den NTP-Dienst des Betriebssystems. Statt selbst Pakete auf Port 123 zu schicken, fragt er das OS einfach: ist deine Zeit synchron? Und wenn ja, geht es weiter.

Ehrlich gesagt finde ich das eine vernünftige Entscheidung. Ein eigener NTP-Client in einer Feeder-Software war ohnehin Reinventing the Wheel, das Betriebssystem kann das besser und macht es sowieso schon. Dass der eigentliche Bug damit nie wirklich gefunden wurde, ist aus Ingenieurssicht ein kleiner Wermutstropfen, aber für den Anwender zählt nur, dass der Feeder läuft. Und das tut er.

Das Upgrade mit Sicherheitsnetz

Erst nachdem der Testlauf sauber durch war, ging es an die Produktion. Vorher noch das alte Paket und die Config wegsichern, damit ein Rollback jederzeit ein Einzeiler bleibt:

cp /var/cache/apt/archives/fr24feed_1.0.54-0_arm64.deb /tmp/fr24test/rollback/
sudo cp /etc/fr24feed.ini /etc/fr24feed.ini.bak-20260608-161113

sudo apt-mark unhold fr24feed
sudo apt-get install -y --only-upgrade fr24feed   # 1.0.54-0 auf 1.0.57-1

# Stolperstein: das Paket STOPPT den Dienst beim Upgrade, startet ihn aber nicht neu
sudo systemctl start fr24feed

# Wieder pinnen, jetzt auf die verifiziert gute Version
sudo apt-mark hold fr24feed

Der Stolperstein mit dem nicht neu gestarteten Dienst ist eine Kleinigkeit, kostet aber Nerven wenn man es nicht weiss und sich wundert warum der Feeder nach dem Upgrade tot ist. Ein systemctl start später lief alles. Die Verifikation kam aus der monitor.json und dem Journal:

"build_version":"1.0.57-1"
"feed_status":"connected"
"feed_num_ac_tracked":"92"

[time][i]Time synchronization confirmed with timesyncd
[reader][i]Timestamp source changed from UNKNOWN to SYSTEM-VALIDATED
[feed][n]connected via UDP (fd 6)
[feed][n]working
[feed][i]sent 46,0 AC

feed_status: connected und 92 getrackte Flugzeuge. Nach Wochen auf der festgenagelten 1.0.54 ist der Feeder endlich wieder auf einer aktuellen Version und kommt sauber über das Sync-Gate. Genau das wollte ich.

Die Kehrseite, eine neue Abhängigkeit

Wer einen eigenen Feeder betreibt, sollte das hier auf dem Schirm haben: 1.0.57 spricht selbst kein NTP mehr, also braucht es jetzt einen laufenden NTP-Dienst im Betriebssystem. Auf dem Standard-Pi24-Image ist das systemd-timesyncd, und damit funktioniert es out of the box. Kurz prüfen schadet trotzdem nicht:

systemctl is-active systemd-timesyncd     # active
timedatectl show -p NTPSynchronized       # NTPSynchronized=yes

Wer timesyncd oder chrony bewusst deaktiviert hat, oder ein abgespecktes Image ganz ohne NTP-Daemon fährt, könnte mit 1.0.57 jetzt ein neues Sync-Problem bekommen. Das ist der Preis des pragmatischen Fixes: FR24 hat die Verantwortung fürs Zeit-Setzen ans OS abgegeben, und damit muss das OS sie auch wahrnehmen.

Bonus-Fund: 1.0.57 bringt native GPS-Unterstützung

Beim Stöbern im neuen Binary ist mir noch etwas aufgefallen, das für die MLAT-Frage aus Teil 1 hochinteressant ist: 1.0.57 bringt einen PositioningNmeaDecoder und eine ganze Reihe neuer gps--Direktiven mit. Das könnte heissen, dass sich der VK-162 endlich für das MLAT-Timing nutzen lässt, das ja bislang auf NOT-PERMITTED stand.

strings /usr/bin/fr24feed | grep -oE 'gps-[a-z-]+' | sort -u
#   gps-altitude gps-antenna-connected gps-base-timestamp gps-ip gps-latitude
#   gps-longitude gps-mode gps-status gps-time ...

# Welcher gps-mode-Wert ist gueltig? Durchprobiert:
#   gps-mode=serial  -> [e]Unsupported gps-mode=serial!
#   gps-mode=nmea    -> akzeptiert (einziger gueltiger Wert)

So weit, so vielversprechend. Mit gps-mode=nmea plus mlat-without-gps=no öffnet das Binary dann aber /dev/ttyACM0 nicht selbst, sondern loggt nur stoisch:

[main][i]Waiting for GPS time

An der Hardware liegt es nicht, die liefert nachweislich einen sauberen Fix mit 9 Satelliten, parallel mitgelesen:

$GPGGA,161727.00,5034.69002,N,00656.93035,E,1,09,0.86,384.0,M,...   # Fix, 9 Sat, 384 m

Meine erste Vermutung war, dass 1.0.57 die NMEA-Daten gepusht erwartet, also über die Beast- und Decoder-Strecke oder über eine Netzwerkquelle per gps-ip statt über ein direktes Serial-Open des Dongles. Statt auf der Produktion herumzuraten habe ich FR24 aber lieber direkt gefragt, welche fr24feed.ini-Schlüssel zu einem seriell angeschlossenen NMEA-GPS gehören, Device-Pfad, Baudrate und so weiter.

Update vom 9. Juni 2026: Die Antwort von Muazzam aus dem Support (weiterhin Ticket #741092) kam am nächsten Tag und war kurz, aber unmissverständlich:

No, a local gps won’t help with mlat. For good mlat you need nano second timestamps that fpga provides. Also, we dont have an support for it.

Damit ist die Frage abschliessend beantwortet, wenn auch anders als erhofft. Ein lokal angeschlossener Serial- oder NMEA-GPS ist für MLAT schlicht keine gültige Timing-Quelle, und fr24feed unterstützt diesen Fall auch gar nicht. Der Grund steckt in der Physik der Multilateration: MLAT rechnet Flugzeugpositionen aus den Laufzeitunterschieden desselben Signals an mehreren Empfängern aus. Damit das aufgeht, müssen die Empfänger ihre Empfangszeitpunkte im Nanosekunden-Bereich stempeln, und solche Zeitstempel liefert nur dedizierte FPGA-Hardware der Radarcape-Klasse. Ein NMEA-GPS über USB-Serial hat dagegen Jitter im Millisekunden-Bereich, aus der USB-Latenz und dem Timing der NMEA-Sätze. Das sind gut sechs Grössenordnungen daneben, und selbst mit einem sauberen PPS-Signal kommt man an die FPGA-Genauigkeit nicht heran.

Das ordnet auch mein gps-mode=nmea-Experiment von oben sauber ein. Die GPS-Direktiven in 1.0.57 dienen faktisch nur der Positionsangabe, nicht dem MLAT-Timing. Das beobachtete [main][i]Waiting for GPS time, ohne dass der Feeder /dev/ttyACM0 überhaupt öffnet, war also kein Konfigurationsfehler meinerseits, sondern schlicht fehlender Support für genau diesen Anwendungsfall.

Für mich heisst das, der GPS-Dongle der seit März für genau diesen Moment bereitliegt, bleibt vorerst in der Schublade. Etwas schade, aber die Begründung ist nachvollziehbar und technisch sauber. Und für alle mit dem gleichen Setup ist die Lehre eindeutig: mit einem reinen RTL-SDR plus USB-GPS lässt sich MLAT bei FR24 nicht aktivieren, egal welche fr24feed.ini-Verdrahtung man probiert. MLAT bleibt dauerhaft auf NOT-PERMITTED. Wer MLAT wirklich will, kommt um Timing-Hardware mit FPGA nicht herum.

Fazit, und die eigentliche Lehre

Die schönste Lektion steckt nicht in der Versionsnummer, sondern in meinem Abnahmekriterium. Ich war so auf den einen Syscall fixiert, dass ich beinahe das richtige Ergebnis als Fehlschlag abgehakt hätte. sendto auf Port 123 war nie das eigentliche Ziel, das war nur die zufällige Art, wie 1.0.54 die Zeit synchronisiert hat. Das richtige Erfolgskriterium war die ganze Zeit ein anderes: kommt der Feeder über das Sync-Gate, ja oder nein. Ein bestimmter Syscall ist Mittel zum Zweck, nicht der Zweck selbst. Wer Verhalten testet statt Implementierung, läuft seltener in so eine Falle.

FR24 bekommt von mir Lob für die schnelle Reaktion am Ende und einen pragmatischen Fix, der das Problem zuverlässig erledigt. Ein kleiner Kritikpunkt bleibt, dass der eigentliche Bug nie gefunden wurde, sondern nur umgangen. Aber Hand aufs Herz: ein funktionierender Feeder ist mir lieber als ein vollständig aufgeklärter, der nicht läuft. Mein Beitrag war am Ende vor allem die Reproduktion auf genau der arm64-Hardware, die FR24 im März nicht zum Fehler bringen konnte. Dass der Fix jetzt auf eben dieser Maschine hält, habe ich dem Support noch einmal zurückgemeldet, damit sie die Regression sauber abschliessen können. Manchmal ist der wertvollste Teil eines Bug-Reports, dass man hartnäckig bleibt und sauber misst.

Siehe auch:

Betreibt ihr selbst einen FR24-Feeder und seid über den NTP-Bug gestolpert, oder lasst ihr MLAT über dedizierte Timing-Hardware mit FPGA laufen? Dann lasst es mich gerne wissen, ihr dürft mich jederzeit fragen.

Eigener ADS-B Feeder: Flugzeuge tracken mit Raspberry Pi, RTL-SDR und selbstgebauter Antenne

Flugzeuge senden permanent ihre Position, Höhe und Geschwindigkeit auf 1090 MHz. Einfach so, unverschlüsselt, für jeden empfangbar. Das Ganze nennt sich ADS-B (Automatic Dependent Surveillance-Broadcast) und ist seit Jahren Standard in der Luftfahrt. Man braucht nur einen günstigen SDR-Empfänger und eine passende Antenne, um das Signal zu dekodieren. Und weil Dienste wie Flightradar24 auf Daten von freiwilligen Feedern angewiesen sind, bekommt man als Gegenleistung einen Business-Account, der sonst knapp 500 Euro im Jahr kostet.

Beitragsbild zum ADS-B-Feeder: Raspberry Pi mit RTL-SDR-Dongle und selbstgebauter 1090-MHz-Groundplane-Antenne, kombiniert mit einer Karte von Mitteleuropa mit zahlreichen Flugzeugsymbolen und einem Flightradar24-Dashboard-Overlay.

Ich wollte das schon länger mal ausprobieren. Ein Raspberry Pi lag noch herum, ein billiger RTL-SDR-Stick war schnell bestellt, und die Antenne habe ich selbst gebaut. Nach längerem Betrieb kann ich sagen: Das Projekt macht erstaunlich viel Spaß und liefert faszinierende Ergebnisse. Bis zu 335 km Reichweite mit einer Antenne aus Kupferdraht und einer N-Buchse für unter 10 Euro.

Was ist ADS-B eigentlich?

ADS-B steht für Automatic Dependent Surveillance-Broadcast. Jedes moderne Verkehrsflugzeug sendet damit periodisch seine GPS-Position, Flughöhe, Geschwindigkeit, ICAO-Kennung und Squawk-Code auf 1090 MHz. Das Signal ist nicht verschlüsselt und nicht authentifiziert. Jeder mit einem passenden Empfänger kann es dekodieren. Der Empfang ist legal und rein passiv, man sendet nichts.

Die Reichweite hängt von der Sichtlinie (Line of Sight) ab. Flugzeuge in großer Höhe sind über hunderte Kilometer empfangbar. Tieffliegende Maschinen oder Flugzeuge hinter Bergen dagegen nicht. Topografie spielt eine große Rolle.

Warum ein eigener Feeder?

Flightradar24 lebt von den Daten freiwilliger Feeder weltweit. Je mehr Stationen, desto besser die Abdeckung. Als Gegenleistung gibt es einen kostenlosen Business-Account. Der kostet regulär knapp 500 Euro pro Jahr und bietet unter anderem erweiterte Filter, historische Flugdaten und eine werbefreie Oberfläche. Für Hardware im Wert von 100 bis 150 Euro ein ziemlich guter Deal.

Geöffneter Filterdialog einer Flightradar24-App. Der Empfänger T-EDKB55 ist ausgewählt, Filterung ist aktiviert und ein benutzerdefinierter Filter (ICH) gesetzt. Unten Schaltfläche zum Hinzufügen weiterer Filter.

Nebenbei kann man die empfangenen Daten auch parallel an andere Dienste wie FlightAware oder ADS-B Exchange schicken. Und natürlich ist es einfach ein tolles Bastelprojekt mit sofort sichtbarem Ergebnis. Man sieht in Echtzeit auf einer Karte, welche Maschinen gerade über einem fliegen.

Hardware

Das Setup ist überschaubar:

KomponenteModellHinweis
EinplatinencomputerRaspberry Pi 4 Model B4 GB RAM, 64 GB SD-Karte
BetriebssystemPi24 (offizielles FR24-Image)Debian Bookworm, Kernel 6.12
SDR-DongleRealtek RTL2838 (RTL-SDR)Günstiger DVB-T-Stick als SDR-Empfänger
GPS-DongleVK-162 (u-blox 7)USB, 3D-Fix, ~10 Satelliten
AntenneEigenbau: λ/4-GroundplaneFür 1090 MHz, siehe Abschnitt Antennenbau

Der Raspberry Pi 4 ist für die Aufgabe eigentlich überdimensioniert. Ein Pi 2 oder 3 würde ebenfalls reichen. Das Pi24-Image von Flightradar24 bringt alles mit: Betriebssystem, den Feeder-Client fr24feed, den ADS-B-Decoder dump1090 und ein lokales Web-Interface. SD-Karte flashen, WLAN oder Ethernet konfigurieren, fertig.

Der RTL-SDR-Dongle ist ein umfunktionierter DVB-T-Stick. Die Dinger kosten zwischen 10 und 25 Euro und können in einem breiten Frequenzbereich empfangen. Für ADS-B braucht man 1090 MHz, das schaffen die meisten RTL2832U-basierten Sticks problemlos.

Standort

Mein Feeder steht im Raum Bonn/Hangelar (Siegburg-Umgebung). Nicht gerade der ideale Standort für maximale Reichweite. Die Eifel im Süden blockiert einen Teil des Empfangs, und die Antenne steht aktuell nur am Fenster. Trotzdem sind die Ergebnisse beeindruckend, dazu gleich mehr.

Meine Radar-ID bei Flightradar24: T-EDKB55.

Antennenbau: λ/4-Groundplane für 1090 MHz

Die mitgelieferten DVB-T-Antennen sind für den Frequenzbereich um 500 MHz ausgelegt. Für ADS-B auf 1090 MHz sind sie schlicht ungeeignet. Ich habe drei verschiedene gekaufte DVB-T-Antennen getestet. Alle performten schlechter als die Original-Stummelantenne. Das war frustrierend, aber auch lehrreich.

Die Lösung: Selbst bauen. Nach einer hervorragenden Anleitung von weberblog.net habe ich eine λ/4-Groundplane-Antenne gebaut. Das ist im Prinzip ein vertikaler Strahler mit vier Radialen, abgestimmt auf 1090 MHz.

Die Physik dahinter ist simpel: Die Wellenlänge bei 1090 MHz beträgt λ = c / f ≈ 27,5 cm. Ein Viertel davon (λ/4) ergibt 68 mm. Das ist die Länge jedes Antennenelements.

Material:

  • N-Einbaubuchse (N-Flanschbuchse)
  • 2,5 mm² Kupferdraht (massiv)
  • Koaxialkabel (RG213 oder Satellitenkabel)
  • M4-Schrauben zur Montage
  • Adapter je nach SDR-Stick (MCX, SMA oder BNC)

Aufbau: Ein Strahler (68 mm Kupferdraht) wird vertikal am Center-Pin der N-Buchse angelötet. Vier Radiale (ebenfalls 68 mm) werden an der Masse befestigt und ca. 45 Grad nach unten gebogen. Alle Elemente exakt auf 68 mm kürzen, das ist wichtig. Optional kann man einen Wetterschutz drüber stülpen, ein altes CD-Spindelgehäuse oder ein Stück PVC-Rohr tut es.

Laut der Bauanleitung von weberblog.net bringt die selbstgebaute Antenne im Indoor-Test +61% mehr erkannte Flugzeuge (39 → 63 Aircraft). Andere Bastler berichten von bis zu 160 NM Reichweite mit acht Radialen und Mastmontage. Meine Erfahrung bestätigt das. Der Unterschied zur Stummelantenne war sofort sichtbar.

Software

Das Pi24-Image bringt alles mit. fr24feed ist der offizielle Feeder-Client von Flightradar24. Er startet intern dump1090-mutability als ADS-B-Decoder und schickt die empfangenen Daten per UDP an die FR24-Server. Dazu läuft ein lighttpd für die lokalen Web-Interfaces.

Die Konfiguration liegt in /etc/fr24feed.ini:

receiver=dvbt
fr24key=<sharing-key>
path=/usr/lib/fr24/dump1090
bs=no
raw=no
mlat=yes
mlat-without-gps=yes
lat=50.578167
lon=6.948833
alt=1261

Lokal gibt es drei Web-Interfaces: Die FR24 Status-GUI unter http://<IP>/, den JSON-Monitor unter http://<IP>:8754/monitor.json und die dump1090-Karte unter http://<IP>:8080/. Die Karte zeigt in Echtzeit alle empfangenen Flugzeuge auf einer OpenStreetMap-Karte. Das alleine ist schon faszinierend.

Ersteinrichtung

Nach dem Flashen des Pi24-Images musste ich noch ein paar Dinge anpassen:

  1. Hostname geändert: pi24-bookwormflightradar24
  2. Statische IP konfiguriert via NetworkManager (DHCP → feste Adresse)
  3. GPS-Koordinaten in fr24feed.ini eingetragen
  4. dump978-fr24 deaktiviert (UAT 978 MHz wird in Europa nicht verwendet)
  5. Bluetooth deaktiviert (nicht benötigt, erzeugte unnötige Fehlermeldungen)
  6. OS-Update: 232 Pakete aktualisiert, Kernel von 6.6.21 auf 6.12.62
  7. Boot-Fix: Bind-Mount /boot/boot/firmware (Pi24-Image-Kompatibilität)

Reichweite und Ergebnisse

Nach drei Wochen Betrieb, noch mit der Antenne am Fenster:

MetrikWert
Flugzeuge aktuell getrackt (Snapshot)74 (34 ADS-B + 40 Non-ADS-B)
Flugzeuge gesamt gesehen1.541
Nachrichten verarbeitet~8,9 Millionen
Maximale Reichweite~335 km (~181 NM)
Signal (Durchschnitt)-20,9 dBFS
SNR~14,8 dB
CPU-Temperatur47,2 °C
Uptime20 Tage
Dashboard eines privaten Flightradar24-Empfängers (T-EDKB55) mit Status online, IP-Adresse und Betriebsdaten. Angezeigt werden Kennzahlen wie Anzahl erfasster Flugzeuge, gemeldete Positionen und Treffer sowie Diagramme zur täglichen Verfügbarkeit, Reichweite (Polar-Plot), Ranking und Histogramme.

335 Kilometer Reichweite. Mit einer Indoor-Antenne aus Kupferdraht für unter 10 Euro. Das war ein Norwegian-Flug (NOZ1802) über der Nordsee auf FL360. Das hätte ich vorher nicht für möglich gehalten.

Die Hauptabdeckung geht nach Norden und Nordwesten. KLM-Flüge über den Niederrhein und die Niederlande sind in 250 bis 335 km Entfernung problemlos sichtbar. Nach Nordosten reicht es bis ins Münsterland und den Raum Osnabrück. Nach Süden ist die Abdeckung durch die Eifel-Topografie eingeschränkt, aber Flüge bis in den Raum Trier/Luxemburg (~100 km) kommen noch durch. Lokal sieht man natürlich alles, was sich im Raum Bonn/Hangelar bewegt, Privatflieger, Kleinflugzeuge, Hubschrauber.

Kartenansicht von Mitteleuropa mit zahlreichen gelben Flugzeugsymbolen, die aktuellen Flugverkehr anzeigen. Hohe Dichte über Nordrhein-Westfalen, Benelux und den Niederlanden; einzelne Flugzeuge auch über Norddeutschland und Südwestdeutschland verteilt.

Ein paar Beispiele vom Snapshot:

CallsignAirlineHöheEntfernung
NOZ1802NorwegianFL360~335 km
BTI859airBaltic10.600 ft~249 km
KLM96EKLM14.725 ft~232 km
SIA314Singapore AirlinesFL360~25 km
BAW169British AirwaysFL330~16 km
UAE62TEmiratesFL380~42 km

Singapore Airlines, Emirates und British Airways über dem Rheinland. Das hat was.

Bug: NTP-Client in fr24feed 1.0.55-0

Achtung, Falle: Version 1.0.55-0 von fr24feed ist defekt. Der Feeder bleibt in einer Endlosschleife mit [time][e]Failed to synchronize time hängen und geht nie online. Nicht nur MLAT funktioniert nicht, das gesamte Feeding ist tot.

Ich habe das mit strace und tcpdump analysiert. Der statisch kompilierte interne NTP-Client löst pool.ntp.org per DNS korrekt auf, sendet aber nie UDP-Pakete auf Port 123. Der Client ist schlicht kaputt. Kein Workaround hat funktioniert: weder Root-Rechte, noch CAP_NET_RAW, noch ein lokaler NTP-Server, noch nftables DNAT-Umleitung.

Die Lösung ist ein Downgrade:

# Downgrade auf funktionierende Version
sudo apt install fr24feed=1.0.54-0
# Version pinnen gegen Auto-Update
sudo apt-mark hold fr24feed

Ich habe den Bug direkt an den FR24-Support gemeldet, mit strace-Nachweis, tcpdump-Capture und der kompletten Liste getesteter Workarounds. Die Antwort war ernüchternd: Man könne den Bug nicht reproduzieren, vermutet aber eine Library-Regression durch einen Wechsel des Build-Systems. Der Bug ist seit Januar 2026 auch im FR24-Forum bekannt (Threads #186163 und #231707). Da fr24feed proprietär und Closed Source ist, kann man leider keinen Pull Request einreichen.

Das bedeutet auch: MLAT (Multilateration) funktioniert bei mir aktuell nicht. MLAT würde es ermöglichen, auch Flugzeuge ohne ADS-B-Transponder zu erfassen, indem mehrere Feeder-Stationen die Signallaufzeiten triangulieren. Dafür braucht der Feeder aber eine exakte Zeitbasis, und genau die liefert der kaputte NTP-Client nicht. Sobald FR24 eine gefixte Version veröffentlicht, werde ich das aktivieren.

Kosten

PostenKosten
Raspberry Pi 4 (4 GB)~60–75 EUR
RTL-SDR USB-Dongle~10–25 EUR
Antenne (Eigenbau) / Kabel~5–10 EUR
GPS-Dongle VK-162~15 EUR
SD-Karte 64 GB~10 EUR
Netzteil, Kabel, Gehäuse~15–20 EUR
Gesamt~115–155 EUR

Für 115 bis 155 Euro bekommt man einen funktionierenden ADS-B-Feeder und einen Flightradar24 Business-Account im Wert von knapp 500 Euro pro Jahr. Das Projekt amortisiert sich also ziemlich schnell.

Was noch kommt

  • MLAT aktivieren, sobald FR24 den NTP-Bug fixt. Update Juni 2026: der NTP-Bug ist mit fr24feed 1.0.57 gefixt, die ganze Auflösung steht in Teil 2.
  • Outdoor-Montage der Antenne mit Wetterschutz, das sollte die Reichweite nochmals deutlich verbessern
  • Parallel-Feeding an FlightAware, ADS-B Exchange und andere Dienste

Siehe auch:

Fragen, eigene Erfahrungen mit ADS-B oder Verbesserungsvorschläge? Gerne über das Kontaktformular.

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